Einleitung.
Fast unmittelbar nach dem Tode ~Muhammeds~ (570-632) begannen die
Araber ihre Siegeszüge, nahmen auf die gewaltige Schlacht bei
Kadesia hin, in der 636 das persische Reich zusammenbrach, alsbald
dessen fruchtbarste Gegenden (Mesopotamien, Chuzistan) in Besitz,
erstürmten Damaskus und Jerusalem und eroberten bereits 640 die
oströmische Provinz Syrien; sie begegneten in diesen Ländern einer
so hochentwickelten, von ihrer eigenen so verschiedenen und sie in
jeder Hinsicht so himmelweit überragenden Kultur, daß die Art, in der
sie diese vom ersten Augenblicke an richtig zu würdigen verstanden
und sofort zu ihrem eigenen Besten nutzbar zu machen begannen, den
denkwürdigsten und erstaunlichsten Tatsachen der Weltgeschichte
zugezählt werden darf.
In Mesopotamien, namentlich aber in Syrien, hatte die griechische
Litteratur schon frühzeitig festen Boden gefaßt, und griechische
Werke philosophischen und medizinischen Inhaltes wurden vielleicht
bereits seit dem 4. Jahrhundert, in weiterem Umfange aber seit den
Austreibungen der Nestorianer aus dem byzantinischen Reiche (431
und 489), unmittelbar in das Syrische übersetzt. Ganz besonders tat
sich hierbei der Mönch ~Sergius~ von ~Resain~ oder Rîschʿaïnâ hervor
(gest. 536), der in Alexandria studiert haben soll und zahlreiche
theologische, philosophische, medizinische, physikalische und mystische
Schriften ins Syrische übertrug[3643]; die Behauptung, er habe auch
astrologische und alchemistische Abhandlungen übersetzt, ist unerwiesen
und gründet sich wohl nur auf das Vorhandensein von mancherlei
Pseudepigraphen, die sein berühmter Name noch in späterer Zeit zu
decken hatte, -- denn eine lebhafte Übersetzungs-Tätigkeit ins Syrische
hielt bis in das 8., ja bis in das 10. Jahrhundert hinein an und wurde
erst von da ab durch die aus dem Griechischen und Syrischen in das
Arabische abgelöst[3644].
Daß es hingegen mindestens schon seit dem 5. oder 6. Jahrhundert von
+anderen+ Autoren angefertigte syrische Übertragungen astrologischer,
hermetischer und alchemistischer Bücher gegeben habe, ist durchaus
wahrscheinlich, und schon weiter oben wurde auf diesen Punkt
verschiedentlich hingewiesen. Durch syrische Vermittlung erhielten
daher wohl auch die Araber die erste Kunde von einer Litteratur, die
ihnen bis dahin in jeder Hinsicht völlig fremd gewesen war, -- entgegen
einer weitverbreiteten Annahme auch in astrologischer; hatten doch,
wie ~Albiruni~ (um 1000) erzählt[3645], die Araber daheim vom Himmel
und den Himmels-Erscheinungen nicht mehr Kenntnisse als die Bauern
allerorten, d. h. sie beobachteten Aufgänge, Stellungen, Aussehen,
Lichtfarben usf. der Gestirne[3646], und verehrten zwar, wie alle
Westsemiten, Mond und Sterne[3647], schrieben jedoch den Planeten
keinerlei besondere oder bestimmende Wirkungen zu.
Eine eigene, d. h. +selbständige+ arabische Litteratur hermetischen
und alchemistischen Inhaltes scheint, soweit die noch sehr dürftigen
Kenntnisse in dieser Beziehung ein Urteil gestatten, als Fortsetzung
der hellenistischen und syrischen zuerst in harranischen (ssabischen)
Kreisen entstanden zu sein[3648], und zwar erst zur Zeit der
Herrschaft der Abbassiden. Dagegen besaß man schon um das Ende der
Omajjaden-Dynastie (661-750) arabische +Übersetzungen+ astronomischer
und astrologischer Werke, u. a. der dem ~Hermes~ und ~Zoroaster~
zugeschriebenen aus dem Syrischen, sowie der des „babylonischen“
~Tinkalos~ (d. i. des griechischen ~Teukros~) aus dem Mittelpersischen
(Pehlewi)[3649]; Übertragungen alchemistischer Schriften aus dem
Griechischen tauchen sogar, soferne man den vorliegenden Berichten
Glauben schenken darf, bereits etwa 50 Jahre nach der Inbesitznahme
Alexandrias (641) auf.
Es ist bekannt, daß die Araber, wie zahlreiche ihrer anderen
anfänglichen Eroberungen, so auch die Ägyptens (von 641 an) auf das
Schonendste vollzogen, unter derart weitgehender Berücksichtigung
der bestehenden Verhältnisse, -- immer abgesehen von der politischen
Obmacht --, daß die große Masse einer seit jeher gänzlich passiven und
das Aussaugungs-System +jeder+ Regierung widerstandslos hinnehmenden
Einwohnerschaft kaum zum Bewußtsein gekommen sein mag, abermals den
Herrn gewechselt zu haben. Daher fiel es den Arabern leicht, alsbald
nähere Beziehungen mit den Einheimischen anzuknüpfen, vor allem auch
mit den hellenistisch gebildeten Elementen der städtischen Bevölkerung,
und da sie, wie bereits erwähnt, ebenso fähig waren, die Vorteile
überlegener Kultur zu erkennen, wie bestrebt und begabt, sie sich zu
eigen zu machen, bahnten sich schon nach kurzem die Anfänge jener
Übermittler-Rolle an, die ihnen so ungeheure Wichtigkeit für die ganze
geistige Entwicklung Europas verleihen sollte.
Begreiflicherweise und auch der nationalen Veranlagung gemäß
erstreckten sich die erwähnten Aneignungen zunächst auf das praktisch
Wichtige und Wertvolle, also auf alles Das, was mit Kriegstüchtigkeit
und Gesundheitspflege, mit Ertragsfähigkeit und Bereicherung des
Landes, mit Handel und Verkehr, oder mit Produktion und Technik
zusammenhing. Nicht vom +wissenschaftlichen+ Standpunkte aus, der ihnen
noch gänzlich ferne lag, sondern der (wenn auch nur vermeintlichen)
+praktischen+ Bedeutung wegen wurden daher die Araber schon sehr
frühzeitig auch auf das Treiben der Gold- und Silber-Macher aufmerksam,
und daß dies geschehen konnte und geschah, beweist zugleich, daß
alchemistische Bestrebungen bis in das 7. Jahrhundert hinein lebendig
geblieben waren und sich auch damals noch, besonders wohl in
Alexandria, fortdauernder und eifriger Pflege seitens gewisser Kreise
erfreuten; daß die Araber griechische Kunstworte und Termini nur von
griechisch sprechenden Lehrmeistern und Laboranten übernommen haben
können, ist eine naheliegende und u. a. schon von ~Schmieder~ mit
Klarheit ausgesprochene Schlußfolgerung[3650].
Eingehendes Interesse für Alchemie soll zuerst der omajjadische Prinz
~Khalid ibn Jazid ibn Muʿawijah~ (635-704) bekundet haben[3651], der
bei seinen fruchtlosen Bemühungen, das Khalifat zu erlangen, schwere
Enttäuschungen erlitt und seither in Alexandria zum Zeitvertreib und
aus Liebhaberei medizinische, astrologische und alchemistische Studien
betrieb; nach den in ~Alnadims~ „Fihrist“ (abgeschlossen 987) und bei
~Aldschahiz~ (9. Jahrhundert) erhaltenen Nachrichten[3652] war +er+
es, auf dessen Befehl die ältesten Übersetzungen arabischer Werke aus
dem Griechischen und Koptischen [?] angefertigt wurden[3653], und auch
er selbst, der im Rufe größter Gelehrsamkeit stand[3654], schrieb
alchemistische Werke, u. a. ein Lehrgedicht „Paradies der Weisheit“ in
2315 Versen oder Strophen[3655]. Von diesen blieb durch ~Almasʿudi~
(gest. 956) eine einzige erhalten, „die die Goldbereitung in dunkler
Form schildert“[3656] und in freier Übersetzung lautet:
„Nimm Talk, dazu ammonisch Salz, und was Du findest auf der Straße,
Dann etwas, was dem Baurak gleicht[3657], und mische es im rechten
Maße.
Was höchste Macht der Welt verleiht, das wird dem Mann gewährt,
Der alles dies genau vollbringt, und fromm den Allah ehrt.“
In Prosa und wohl genauer gibt sie ~E. Wiedemann~ wie folgt
wieder[3658]: „Nimm Talk (Glimmer, Gips), Uschschak (= Ammoniak-Harz?),
ferner was man an den Wegen findet, sowie eine Substanz, die dem
Baurak gleicht, und wäge es ab ohne einen Fehler zu machen; dann, wenn
Du Gott, Deinen Herrn, liebst, wirst Du zum Gebieter der Schöpfung
gemacht werden.“
Als Lehrer des ~Khalid ibn Jazid~ nennt der „Fihrist“ den ~Morienes~
(~Morienus~, ~Marinos~, ~Marianos~), einen alexandrinischen Gelehrten,
Arzt und Schriftsteller aus der Zeit der arabischen Eroberung,
der selbst wieder seine Weisheit von dem etwas älteren berühmten
Alchemisten ~Adfar~ (später auch ~Ibn Adfar~, ~Ibn Adschar~ geheißen?)
überkommen haben soll[3659]. Unter dem Titel „Buch des ~Morienus~“
ist eine alchemistische Abhandlung auf uns gelangt, jedoch nur in
lateinischer Übersetzung, an deren Echtheit Zweifel erhoben wurden.
Ihr Verfertiger, der sie laut Vorrede und Schlußbemerkung am 21.
Februar 1182 glücklich vollendete, nennt sich ~Robertus Castrensis~,
und ~Jourdain~ hält ihn für den anderweitig bekannten ~Robert de
Retines~[3660]. Daß dieser, wie ~Leclerc~ will[3661], schon 1143
in Pampelona als Archidiakonus gestorben sei, trifft zwar nach
~Wüstenfeld~ nicht zu, trotzdem könne er aber nicht identisch mit dem
fraglichen Übersetzer sein, der sich in der erwähnten Vorrede noch
1182 als Jüngling bezeichne[3662]; was er sich daselbst in seinem
sehr schlechten Latein zuspricht (dessen Mängel er ausdrücklich
entschuldigt), ist indessen nur „ingenium juvene“ (= juvenile),
d. i. „jugendlicher Eifer“, so daß diese Stelle kein unbedingtes
Hindernis böte, -- da aber der Name öfter vorkommt[3663], und
überdies „Castrensis“ ein gebräuchlicher Hoftitel ist, der u. a.
schon bei ~Ammianus Marcellinus~ (um 380) auftaucht[3664] und auch
noch dem berühmten arabischen Arzte ~Alrazi~ (9. Jahrhundert)
beigelegt wird[3665], bleibt die Unsicherheit bestehen. In der
Vorrede seines Buches sagt ~Morienus~, er sei Römer von Geburt, habe
seit dem vierten Jahre nach dem Tode des Kaisers ~Herkules~ (d. i.
~Heraklius~, 603-641) als Eremit nächst Jerusalem gelebt und widme
das Werk dem „Könige ~Khalid~ von Ägypten, Sohne ~Gezids~, Sohne
~Madoyas~“[3666]. Was seinen Inhalt anbelangt, so wird es an Leere,
Unklarheit und albernem Gefasel von keinem späteren übertroffen,
enthält aber nichts, was mit den Lehren der letzten griechischen
Alchemisten unvereinbar wäre, und führt auch, soweit die oft gänzlich
entstellten (wenn nicht willkürlich erfundenen?) Namen der Autoritäten
überhaupt eine Deutung zulassen[3667], keine anderen als griechische
an; zahlreich begegnen mit dem arabischen Artikel al verschmolzene
Ausdrücke, wie Alnatron, Almizadir (= Salmiak), Albaurach (= Borax),
Alzebric (= Schwefel)[3668], Almagra (= Amalgam, Legierung, u. a.
auch Messing)[3669], ferner Azoc (u. a. = Quecksilber)[3670], Zarnak
(= Arsen)[3671], Arkan (= Pfeiler, Grundlage)[3672], Elixir (als das
verwandelnde Mittel auch „Alchymia“ genannt)[3673] usf., und wiederholt
wird auch auf die ursprünglichen arabischen Worte verwiesen, z. B.
„Borreca, quod arabice tincar“[3674], „Borax, d. i. das arabische
Tinkar“. Allem Angeführten nach ist es nicht ausgeschlossen, daß das
„Buch des ~Morienus~“ im wesentlichen auf eine alte arabische, den
griechischen Vorlagen noch ganz nahestehende Schrift zurückgeht,
von der es aber in der vorliegenden Gestalt nur als eine schon vom
christlichen Standpunkt aus umgearbeitete Übersetzung anzusehen
wäre; da aber ein arabisches Original nicht bekannt ist, und die
so zahlreichen zuweilen mit überraschendem Geschicke angefertigten
Fälschungen aller Art zur größten Vorsicht mahnen, kann vorerst nur von
Möglichkeit die Rede sein, keinesfalls von Gewißheit[3675].
a) Buch des Krates.
Seit ~Hoffmann~ 1884 darauf hinwies[3676], daß ohne Durchforschung der
früh-syrischen und -arabischen Übersetzungen aus dem Griechischen, wie
sie u. a. in den Bibliotheken von London und Cambridge in großer Zahl
vorhanden sind, die ältere Geschichte der Chemie unmöglich aufgeklärt
werden könne, ist in dieser Hinsicht nur verhältnismäßig Spärliches
geschehen; einige wenige auf Veranlassung ~Berthelots~ herausgegebene
und übersetzte Bruchstücke, die den von ~Hoffmann~ erkannten besonderen
Wert jener Quellenschriften durchaus bestätigen, ermöglichen vorerst
allein den (freilich noch äußerst beschränkten) Einblick in die
Schöpfungen einer Litteratur, die vorher in völlig undurchdringlichem
Dunkel lag.
Als einer ihrer ältesten Bestandteile, mindestens aber als eines ihrer
frühesten Dokumente, ist das „Buch des ~Krates~“ anzusehen[3677],
offenbar, wie schon der Titel verrät, die Übersetzung eines
griechischen Werkes, das uns im Original nicht mehr erhalten ist,
sich jedoch bei ~Pseudo-Demokritos~ (in den syrischen Manuskripten)
zitiert findet[3678]; die einen nennen den oben erwähnten omajjadischen
Prinzen ~Khalid ibn Jazid~ als Herausgeber, die anderen berichten, er
sei nur Besteller der Übersetzung gewesen, die zu jenen zählte, durch
die er zuerst es unternahm, die griechische Alchemie im arabischen
Schrifttume einzubürgern. Diesen Überlieferungen entspricht das „Buch
des ~Krates~“ in jeder Hinsicht, denn es schließt sich inhaltlich
durchaus an die Werke der griechischen Alchemisten an, enthält neben
wenigen, dem Orient entstammenden Namen (wie Markasit)[3679], viele
unveränderte griechische, z. B. Androdamas, Elektron, Magnesia,
Molybdochalkos[3680], und gibt auch noch alchemistische Zeichen,
sowie Zeichnungen von Figuren und Apparaten wieder, die bei den
späteren Arabern fehlen, -- angeblich aus Gründen der Orthodoxie. Auf
alte Überlieferung aus ägyptischen und gnostischen Quellen deutet
die Behauptung, das Buch sei nur infolge Verrates seitens einer von
ihrem Verführer verlassenen Priestermagd des alexandrinischen [damals
schon seit Jahrhunderten zerstörten!] ~Serapis~-Tempels bekannt
geworden[3681], ferner die Erwähnung der Schlange ~Uroburos~[3682],
die Schilderung abenteuerlicher Visionen der sieben Planeten mit ihren
sieben Himmeln[3683], die Berufung auf ~Hermes Trismegistos~[3684], die
Ausstattung der ~Aphrodite~ mit einer Vase, der ein Strom Quecksilber
entfließt[3685], u. dgl. mehr.
Als Grundlage sämtlicher Metalle wird das „schwarze Blei“ bezeichnet,
das auf sie alle seine eigene Fähigkeit überträgt, in der Wärme zu
schmelzen, beim Erkalten aber wieder fest und starr zu werden[3686];
sein Übergang in eines der anderen Metalle und die hiermit verbundene
Farbenveränderung werden durch entsprechende Zutaten hervorgerufen,
ganz ebenso wie solche das Entstehen der gelben Bleiglätte, der roten
Mennige und des leuchtenden Bleiweißes ermöglichen[3687]. Dem Blei
gleichwertig ist das Kupfer, das sich auch ganz analog verhält; daher
pflegt man beim großen Werke von ihm auszugehen und ihm die richtige
Färbung zu verleihen[3688], wozu man zweckmäßigerweise etwas fertiges
Gold mit einsät[3689]. Bei der Wahl der Zutaten ist zu bedenken, daß
Verbindungen zwei Bestandteile erfordern, die passend auszusuchen
sind, d. h. so, daß sie sich gegenseitig anziehen und nötig haben,
sich bei der Begegnung aneinander freuen, sich vereinigen und paaren
wie Mann und Weib, und wie durch Vereinigung von Samen und Katamenien
in der Matrix ein Kind zeugen, -- denn das ist Inhalt und Vollziehung
des großen Werkes, dem Grundsatze gemäß „Die Natur freut sich an der
Natur“[3690]. Die Vorgänge beim Entstehen einer solchen Verbindung, bei
der sich das Passende vereinigt, das Nicht-Passende aber abgeschieden
wird, gleichen jenen, die sich im menschlichen Körper abspielen, der
die schädlichen und unbrauchbaren Stoffe, die z. B. das Fieber in ihm
erzeugt, eben durch dessen Hitze auch wieder ausstößt, -- ähnlich wie
das verbrennende Holz die Asche absondert --, und so seine Lebenskraft
bewahrt[3691]; auch gleichen sie jenen beim Brennen des an sich kalten
und trockenen Kalksteines, der, einmal im Feuer „zurechtgekocht“, ein
inneres Leben empfängt und fortan den Geist des Feuers zeigt[3692].
Die richtige Verbindung erhält man freilich nur dann, wenn man die
Bestandteile +so+ mischt, wie die Maler ihre schwarzen, weißen, gelben
und roten Farben, oder wie die Ärzte ihre heißen, kalten, trockenen und
feuchten Arzneimittel, nämlich entsprechend den bestimmten Gewichten,
nach denen sich die wägbaren Stoffe verbinden, und die man deshalb
genau kennen muß; in diesen rechten Gewichten liegt das Geheimnis,
+sie+ sind es, die den Kenner zum „Herrn des Werkes“ machen, und
deshalb haben die alten Meister sie entweder gänzlich verschwiegen,
oder nur flüchtig angedeutet[3693]. Das eigentlich Wirksame bei der
Verbindung sind jedoch keineswegs die körperlichen Stoffe selbst,
da diese sich weder zu durchdringen noch ineinander auszubreiten
vermögen, vielmehr ihre luft- und feuerartigen Geister, und daraus,
daß +diese+ das Wesentliche vorstellen, erklärt es sich auch, daß
die „Färbung“ nicht mit Erhöhung des Gewichtes verbunden ist[3694];
ferner erhellt eben daher die Möglichkeit, den „Schwefel“ benannten
Teilen der „verbrannten, getöteten“ Körper ihre, auch „Quecksilber“
geheißenen Geister, neu zuzuführen[3695] und so ihre „Wiederbelebung“
zu bewirken[3696].
b) Buch des Alhabib.
Auch das „Buch des ~Alhabib~“[3697] ist entweder durch Übersetzung
oder durch leichte Umarbeitung hellenistischer Vorbilder zustande
gekommen: noch gibt es ausschließlich deren Gedankengänge wieder,
fußt auf deren Dogmen und beruft sich auf deren Autoritäten, von
~Pythagoras~[3698], ~Platon~[3699] und ~Aristoteles~[3700] an bis auf
~Hermes~ und ~Chimes~[3701], ~Maria~ und ~Zosimos~, der auch ~Rosinos~,
~Rosinus~, ~Rimes~, ~Rusem~ usf. benannt wird[3702]. Immerhin finden
sich arabische Termini schon häufiger vor als im „Buch des ~Krates~“,
neben Markasit[3703] z. B. auch Kermes [= Würmchen, d. i. der später
„Carmoisin“ geheißene rote Farbstoff aus den Schildläusen gewisser
Eichenarten], Aludel [= al ʿutal], Borax[3704] usf.
Das große Werk, so berichtet ~Alhabib~, ist eine Erfindung der Ägypter,
die schon in uralten Zeiten unendliche Mengen Goldes aus „Sand“
gewannen[3705]. Man führt es aus, indem man „das Schwarze“ einer
Umwandlung unterwirft, wobei man ein wenig Gold aussät, um mehr Gold zu
ernten, und das Produkt der Umwandlung in vollendetem Zustande und im
richtigen Augenblicke fixiert[3706]; wie man aber hierbei im einzelnen
verfahren soll, darüber hat kein einziger Philosoph die Wahrheit
in klarer Form gesagt, vielmehr verheimlichten alle großen Meister
gerade das Wichtigste, die Gewichts- und Zeitangaben[3707], nicht etwa
aus Mißgunst, sondern weil sie fürchteten, den Neid der Dämonen zu
erwecken, und sich scheuten, durch Ermöglichung unbegrenzten Reichtumes
eine allgemeine Verderbnis der Menschheit zu verschulden[3708].
Sicher ist, daß es darauf ankommt, das heiße und trockene Männliche
(ἀρῥενικόν, Arsen) mit dem kalten und feuchten Weiblichen zu vermählen,
und zwar nach den Gewichten und Mengen, die den Eigenschaften und
Temperaturen der Bestandteile entsprechen[3709]. Das Männliche ist
aktiv, beharrend, Kraft, Wärme und die mit letzterer verbundene
Bewegung spendend, das Weibliche hingegen passiv, veränderlich und
das Gespendete empfangend[3710]; so gleichen sie dem Schwefel und dem
Quecksilber, aber zu viel Schwefel würde verbrennend, und zu viel
Quecksilber abkühlend wirken[3711], daher gilt es, die richtigen
Verhältnisse einzuhalten. Wo solche herrschen, da freut sich das
Blut der Katamenien, das Sperma aufzunehmen, denn da dieses sich
aus den feinsten Bestandteilen des Blutes bildet und ursprünglich
selbst Blut war, so ziehen sich die beiden verwandten Substanzen beim
Zusammentreffen an, und vermischen sich[3712]; es entsteht ein Gebilde,
das zehntausend Namen trägt, ein Keim, ein Ei, ein Neugeborenes, ein
Fötus[3713]; und wie der wahre Fötus nach 40 Tagen Form besitzt, nach
weiteren 80 Tagen Beweglichkeit erlangt und nach weiteren 150 Tagen
[im ganzen also nach 270 Tagen = 9 Monaten] zur Welt kommt[3714], so
verlangt auch der des großen Werkes, das der Zeugung ganz analog ist
und wie diese Wärme und Zeit erfordert[3715], zu seiner Entwicklung 40,
80 und 150 Tage (= 270) nach den einen, dagegen 100, 180 und 365 Tage
nach den anderen[3716].
Bei Anwendung von zu viel „Schwefel“ werden, wie erwähnt, die
Substanzen „verbrannt“ und hinterlassen eine Asche, die auch
„unverbrennlicher Schwefel“ heißt, während ihre Geister zum weitaus
größten Teile entweichen und nur zu einem kleinen Betrage mit der Asche
vereinigt zurückbleiben[3717]; gelingt es, letztere mit „Quecksilber“
zu verbinden, so kann man ihr die Geister wieder zuführen[3718], und in
diesem Sinne bezeichnet vielleicht ~Hermes~ auch das Quecksilber aus
dem Zinnober als „Schwefel“[3719].
Will man das Entweichen der Geister verhindern, so benützt man
die Gefäße mit „hermetischem Verschluß“, die schon ~Zosimos~
erwähnt[3720]. Die Dünste und Dämpfe schlagen sich an den kälteren
Stellen nieder und werden dort fest [durch Sublimation], oder flüssig
[durch Kondensation]; ganz analoge Vorgänge vollziehen sich nach den
griechischen Autoren auch im Kopfe der Menschen[3721] [der, z. B.
nach ~Aristoteles~ durch die Kälte des Gehirnes die bei der Verdauung
entstehenden Dünste teilweise verflüssigt, worauf die brauchbaren
und gesunden Bestandteile dem Blute zuströmen, die unbrauchbaren und
ungesunden aber als Schleim abfließen, der in Rachen und Nase Flüsse
und Katarrhe erzeugt].
c) Buch des Ostanes.
Unter dem Namen dieses „Meisters“ ist eine angeblich uralte Schrift
überliefert[3722], die zwar auf echten hellenistischen Grundlagen
beruht, jedoch viele spätere Einschiebsel enthält[3723], denn der
Verfasser, der u. a. den ~Aristoteles~ selbst gesprochen und ausgefragt
haben will[3724], redet z. B. an einer Stelle von „Ägypten und
Andalusien“[3725], was frühestens auf die Zeit um die zweite Hälfte
oder gegen das Ende des 8. Jahrhunderts hinweist.
Vom Stein der Weisen, für den sich 84 verschiedene Namen angeführt
finden, wird berichtet, daß seine Kräfte und Tugenden über jede
Lobpreisung erhaben sind, jedoch, ebenso wie die Vorschriften zu
seiner Herstellung, strengstens geheim gehalten werden müssen[3726].
In einer phantastischen Vision erzählt der Verfasser seinen „Traum
von den sieben Pforten“ und teilt deren Inschriften mit, die sich
leider nur noch bei dreien als lesbar erwiesen[3727]: nach der ersten,
ägyptischen, besteht das Geheimnis des großen Werkes in der Paarung
der Elemente; nach der zweiten, persischen, lassen sich die Ägypter
aus Persien Gehilfen kommen und von den dortigen Magiern gewisse
Präparate zusenden, die es in Ägypten nicht gibt[3728]; nach der
dritten, indischen, ist der Harn der weißen Elefanten ein Heilmittel
von unübertrefflicher Wirksamkeit.
d) Gespräche des Markos.
Das Buch von den Gesprächen des ~Markos~ oder ~Markusch~[3729], der
auch als „König von Ägypten“ bezeichnet wird und nach ~Berthelot~ der
in späteren Zeiten „~Marcus Graecus~“ benannte Autor sein soll (?), ist
eine völlig wirre, vielfach von jüngeren Interpolationen durchsetzte
Zusammenstellung unverstandener oder halbverstandener Lehren und
Aussprüche, angeblich herrührend von ~Hermes~, (Pseudo-) ~Demokritos~,
~Maria~ „der Prinzessin von Saba“, dem Syrier ~Marianos~[3730],
~Galenos~, ~Dschabir~ (s. unten), und anderen Meistern der Philosophie.
e) Dschâbir Ibn Hajjân.
Zu den wichtigsten der alten arabischen Schriftsteller über Alchemie
wird ~Dschabir~ gezählt, den die Tradition in die Zeit um das Ende
des 8. oder den Anfang des 9. Jahrhunderts versetzt und als Schüler
des ~Dschaʿfar Alsadiq~ (699-765?) bezeichnet, eines sehr berühmten,
angeblich mit dem in verschiedenen Texten genannten ~Adfar~ von
~Alexandria~ identischen Alchemisten, dessen Schriften verloren
gegangen sind[3731]. Indessen ist diese Tradition schon in früher Zeit
eine merkwürdig schwankende, denn bereits ~Alnadims~ hochwichtiges, 987
abgeschlossenes Sammelwerk „Fihrist“ erklärt, es gelte für fragwürdig,
ob dieser ~Dschabir~ überhaupt gelebt habe, ob der Name ~Dschabir~
+einer+ bestimmten Persönlichkeit zukomme, und ob man berechtigt
sei, letzterer die Abfassung einer so ungeheuren Anzahl von Werken
zuzuschreiben, -- deren schon damals einige Hunderte vorlagen, neben
denen einige weitere Hunderte nur dem Titel nach bekannt waren[3732].
Alles über das Leben und die Lebensumstände des ~Dschabir~ Berichtete
ist daher als durchaus unsicher anzusehen, auch hat es zweifellos
mehrere Gelehrte dieses Namens gegeben, deren Schriften vielleicht
erst in späterer Zeit zunächst mit denen des Ältesten unter ihnen
sowie mit denen seiner Schule vereinigt, weiterhin aber sämtlich als
die seinigen betrachtet, oder doch ausgegeben wurden. Daß man diesen
Werken keinesfalls +jene+ zuzählen dürfe, die im Okzident seit etwa
1300 für solche des Arabers ~Dschabir~ oder ~Geber~ galten, daß dieser
vermeintliche ~Geber~ unmöglich mit dem eingangs genannten ~Dschabir~
identisch sein könne, daß die angeblichen Schriften des ~Geber~, die
ausschließlich in barbarisch-lateinischen „Übersetzungen“ vorliegen, in
Wahrheit keine Übersetzungen aus dem Arabischen, vielmehr im Abendlande
entstandene Kompilationen seien, und daß die in ihnen niedergelegten
Erfahrungen nicht dem wissenschaftlichen Standpunkte um 800, sondern
dem um 1300 entsprächen, -- alle diese Erkenntnisse reiften endgültig
erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts und reinigten die
Geschichte der Chemie von einem Wuste folgenschwerer Irrtümer und
unlösbarer Widersprüche. Auf Einzelheiten kann an dieser Stelle noch
nicht eingegangen werden, doch sei hervorgehoben, daß sich ~Berthelot~
in völligem Unrechte befindet, wenn er, seiner Gewohnheit gemäß, die
Herbeiführung dieses Umschwunges für sich ganz allein in Anspruch zu
nehmen sucht; ein wirkliches Verdienst erwarb er sich jedoch dadurch,
daß er die Herausgabe und Übersetzung einer Anzahl wichtiger arabischer
Werke des „echten“ ~Dschabir~ veranlaßte[3733], die bis dahin allein
den Orientalisten von Fach zugänglich, allen anderen Forschern aber
nur aus deren Berichten bekannt waren. Auch diese Schriften[3734],
die dem chemischen Inhalte nach noch engen Anschluß an die ihrer
hellenistischen Vorbilder zeigen, sonst jedoch durch Verwalten
mystischer Auslegungen, metaphysischer Betrachtungen und dialektischer
Spitzfindigkeiten starke byzantinische Einflüsse verraten[3735], liegen
uns übrigens zweifellos nur in vielfach überarbeiteter Gestalt vor, die
zahlreiche spätere Zusätze sowie Bemerkungen und Glossen der Schüler
mit einschließt[3736].
a) „_Buch des Königs._“ Dieses Buch, „das fünfte aus der Reihe
der fünfhundert“[3737], rühmt sich „alles ganz klar und ohne jede
Allegorie“ darzulegen[3738], und zwar in Gestalt jener raschen und
leichten Verfahren, die Könige und Fürsten lieben, weil sie zur
Ausführung langsamer und schwieriger weder die Geduld noch die
Kenntnisse besitzen; desto dringender ist aber auch die Pflicht, diese
Verfahren völlig geheim zu halten[3739], denn wer Gold so wohlfeil und
gemein machte wie Glas, der stürzte die ganze Welt in entsetzliches
Verderben[3740]. Statt viele (bis 70) Jahre Ausführungszeit, wie
die alten Methoden, erfordern diese neuen nur 14 Tage, nur 9 Tage,
ja nur den einen Augenblick, der zum Vermischen der Präparate mit
dem reinsten und kräftigsten, die Färbung bewirkenden „Ferment“
unumgänglich ist[3741]; auch lehren sie die Darstellung dieses
„Fermentes der Fermente“, des „Elixires der Elixire“, das „Imâm“ (=
Führer) heißt[3742], und das die Alten entweder gar nicht kannten, oder
nur durch gewisse Geheimnamen andeuteten, zu denen z. B. „Pupille des
Auges“ zählt[3743]. -- Näheres über Gewinnung und Anwendung des „Imâms“
erfährt man natürlicherweise aus dem „Buche der Könige“ schließlich
ebensowenig wie aus irgend einem anderen.
b) „_Buch der Milde._“ Auch dieses Buch[3744] ist „besonders klar
und deutlich gehalten“: der Leser wird versichert, daß das Wesen des
großen Werkes einfach auf der Fixierung des Quecksilbers beruhe, die
Herstellung des hierzu erforderlichen Elixires „Imâm“ aber auf der
geeigneten Kombination der vier Elemente; +ein+ Teil Imâm färbt dann
mit Leichtigkeit +eine Million+ Teile gemeiner Metalle zu Silber und
Gold[3745].
c) „_Buch der Gleichgewichte._“ Das Buch[3746] lehrt, daß das große
Werk die richtige Mischung der vier Elemente voraussetze, denn
+jeder+ Körper enthält zwar Erde, Wasser, Feuer und Luft und demgemäß
Trockenheit, Feuchtigkeit, Geist und Seele[3747], aber die +Mengen+
sind bei den verschiedenen Steinen, Pflanzen und Tieren ebenfalls ganz
verschiedene; +welche+ aber zu wählen sind, erkennt der Weise teils
aus den Sternen gemäß den astrologischen Regeln des ~Ptolemaios~ [der
tatsächlich auch ein grundlegendes astrologisches Werk „Tetrabiblos“
schrieb], teils aus den innigst mit dem Wesen verbundenen Namen der
Stoffe, -- wie z. B. dem kurzen Namen des Essigs (arab. hall) seine
besonders kalte Natur entspricht[3748] --, teils aus vielen anderen
Anzeichen [betreff derer eine Unzahl abergläubischer Vorstellungen
beigebracht wird][3749]. Wie alle anderen Körper, so besteht auch der
Stein der Weisen aus den vier Elementen, und diese können jeglicher
geeigneten Substanz entnommen werden, sei sie eine tierische,
pflanzliche oder mineralische[3750]; zu den brauchbarsten letzteren
Ursprungs gehört nach ~Pythagoras~ und ~Sokrates~ der Markasit, sowie
der wegen seiner Heilsamkeit gegen Epilepsie geschätzte „Barud“[3751].
Ist die Vereinigung der vier Elemente in den rechten Verhältnissen
gelungen, so muß der fertige „Stein“ purpur- und kermesfarbig sein,
zugleich perlenartig glänzend, von blendendem Schein, weich wie Wachs,
aber völlig beständig im Feuer[3752].
d) „_Buch des Mitleides._“ Zweck des Buches[3753] ist die eingehende
und zutreffende Belehrung der Silber- und Gold-Macher, von denen nicht
selten die einen Betrüger sind, die anderen aber Betrogene; jene soll
es vom falschen Wege abhalten, diesen aber den richtigen weisen[3754].
Vor allem hat man sich klar zu machen, daß das „Ei der Philosophen“
[hier = Silber und Gold] durch Eindringen des „Geistes“ in den
„Körper“ entsteht; der „Geist“ ist das aus seinem ursprünglich kalten
und flüssigen Zustande in den heißen und flüchtigen übergegangene
Quecksilber, er ist das „Leben“[3755], das jedoch nicht in alle
beliebigen toten Körper eingeht, z. B. nicht in Glas, Eierschalen,
Talk, Salz, Markasit, Kohol [Schwefelantimon], Tutia[3756], sondern
nur in geeignete, die richtig vorbereitet, gereinigt und angepaßt
sind, z. B. in Blei, Kupfer, Eisen und die sonst als zum großen Werke
brauchbar bekannten[3757]; schon vorhandenes Gold erleichtert ihm seine
umwandelnde Wirkung, daher soll man von vornherein etwas Gold einsäen,
das dann neues Gold hervorbringt, gleich dem Vater, der ein Kind
zeugt[3758].
Wie unter günstigen Umständen die kleinste Zutat Hefe eine ungeheure
Menge Teig in Gärung setzt[3759], so kann bei richtigem Verfahren auch
ganz wenig Geist, sofern ihm überhaupt die rechte Kraft innewohnt,
sich der größten Masse der Körper bemächtigen, mögen diese auch von
den Elementen, die alle vier stets in jeder Substanz vorhanden sein
müssen, die verschiedensten Anteile enthalten[3760]. Die Art und Kraft
des vorhandenen Geistes, ja auch dieses Vorhandensein selbst, läßt
sich allerdings meist nicht durch Nachdenken erschließen, sondern nur
durch die Erfahrung feststellen: so z. B. zieht der Magnet das Eisen
an, und zwar selbst durch einen Schwefelkuchen hindurch, vermöge eines
Geistes, dessen Kraft sich aber zuweilen allmählich ändert, denn in
einem Falle wurde z. B. im Laufe einer längeren Aufbewahrungszeit ein
Rückgang der anfänglichen Tragfähigkeit um 20% beobachtet[3761]. Ebenso
kann nur die Erfahrung lehren, welche Mengen Geist sich dauernd mit den
Körpern verbinden, in die sie eindringen und die sie umwandeln; die
kleinste Menge Geist enthalten Silber, Gold, Edelsteine und Perlen,
die sich deshalb als sehr fest und beständig erweisen; die größte
Menge aber Schwefel, Arsen und Quecksilber, die daher flüchtig und
veränderlich sind[3762]. In Markasit, gelbem und rotem Arsen u. dgl.
zeigen sich die Geister ursprünglich an andere Stoffe gebunden, doch
entweichen sie beim Erhitzen und bei sonstigen Anlässen in Gestalt
rauchartiger, brennbarer, lebendiger Dämpfe; andere mehr erdige
Stoffe, z. B. Kalkstein, verhalten sich nicht so, vermutlich weil es
ihnen an Geist fehlt[3763]. Betreff aller dieser Punkte ist aber die
Beurteilung oft großen Irrtümern ausgesetzt, die sich ebenso auch auf
die Beschaffenheit von Erden und Erzen erstrecken, sowie auf die Natur
der in letzteren, und zwar stets in schon völlig fertigem Zustande
verborgenen Metalle: das Aussehen der Oberfläche und des Äußeren
täuscht eben über das Innere[3764]. Diese Umstände erklären zahlreiche
der falschen Anschauungen, die hinsichtlich der Brauchbarkeit der
Substanzen zum großen Werke herrschen; zahlreiche andere aber rühren
daher, daß man Umschreibungen [= Geheim- oder Deck-Namen] wörtlich
nahm: weil z. B. Quecksilber auch „Tier“ heißt, -- denn es hat wie ein
Tier eine spezifische Seele[3765] --, oder weil Gold, Silber, Blei,
Kupfer, Eisen auch Blut, Harn, Speichel, Galle, Hirn usf. benannt
werden, glaubten manche, diese tierischen Stoffe seien wirklich zum
großen Werke dienlich. Weil sie aber den Metallen nicht mehr genügend
nahestehen, sind sie dies +unmittelbar+ nicht[3766]; +mittelbar+
jedoch können sich alle tierischen und pflanzlichen Stoffe verwendsam
erweisen, da eine völlige Analogie des Mikro- und Makro-Kosmos besteht,
ja nach ~Platon~ das große Werk sogar als „die dritte Welt“ zu
bezeichnen ist, die jene beiden durchgehends verbindet[3767].
Können aber auch die Bestandteile aller drei Reiche zum großen Werke
taugen, so vermag doch nur der Weise, der sie, ihre Eigenschaften,
sowie deren Beeinflussungen durch die sieben Planeten genau kennt, die
Auswahl so zu treffen, daß sich die Qualitäten in richtigem Maße teils
ergänzen und steigern, teils aufheben und neutralisieren, und daß durch
die Vereinigung das +Elixir+ zustande kommt, das +fertig+ ein ebenso
einheitlicher Körper ist wie der gleichfalls aus unzähligen Materialien
zusammengesetzte Theriak[3768]. Nicht anders als die dem Kranken
eingegebene Medizin durch die mächtige Kraft +ihrer+ Natur jene des
Siechen beeinflußt, verändert auch das Elixir die Natur der gemeinen
Metalle, denen man es durch Projizieren oder Aufstreuen einverleibt, --
woher es nach einigen eben den Namen „Elixir“ führt[3769] [= aliksir
= τὸ ξήριον = das Streupulver]. Weil es selbst entstanden ist durch
Vereinigung der vier Elemente, des Körpers und des Geistes, -- daher
nie ohne Mitwirkung von Quecksilber[3770] --, des Männlichen und
des Weiblichen, also durch Zeugung und Entwicklung, Schwangerschaft
und Geburt, macht es in gleicher Weise auch die „Körper“ wieder
lebendig; es läßt die Toten auferstehen[3771], es überwindet die grobe
Beschaffenheit ihrer Leiber, es assimiliert sie, färbt sie weiß oder
rot, je nachdem es selbst weiß oder rot ist, und verwandelt sie in
Silber und Gold, die von beständiger Farbe sind und besser und reiner
als die natürlichen[3772].
e) „_Buch der Konzentration._“ Dieses Buch[3773], das auf ~Pythagoras~
zurückgehen soll, entwickelt im wesentlichen, auf völlig unklare und
wirre Weise, die Theorie der „verborgenen Eigenschaften“[3774]; was
z. B. äußerlich Blei ist, das ist innerlich bereits Zinn, Silber oder
Gold, und man hat nichts weiter zu tun, als diese „herauszukehren“,
indem man, z. B. durch Beifügung entsprechender Mengen der fehlenden
Qualitäten, eine Umwandlung bewirkt[3775]. -- Die Angabe, daß man durch
Destillation des Kupfervitriols eine sehr saure und scharfe Flüssigkeit
erhalte, offenbar unreine Schwefelsäure, ist ein ganz später, mit dem
sonstigen Inhalte gar nicht zusammenhängender Zusatz[3776].
f) „_Buch des Quecksilbers._“ Trotz der Ankündigung besonderer Klarheit
und Deutlichkeit übertrifft das „Buch des Quecksilbers“[3777] an
Unverständlichkeit und mystischer Dunkelheit noch alle früheren.
Als Hauptmittel bei der Darstellung des „Steines“ bezeichnet es
das Quecksilber, das orientalische oder „Tier“[3778] und das
okzidentalische oder „Myrthe“ und „göttliches Wasser“, so geheißen,
weil es die Naturen umwandelt und die Toten wiederbelebt[3779]; ist die
Bereitung des Steines richtig gelungen, so gerinnt das fertige Elixir
wie die zurechtgekochte Öl- und Alkali-Mischung der Seifensieder, und
es entsteht eine weiße glänzende Masse, die „Milch der unbefleckten
Jungfrau“[3780].
g) „_Buch der Siebzig._“ Unter diesem Titel erwähnt die Liste des
„Fihrist“ ein Werk des ~Dschabir~[3781], das bisher im arabischen
Original nicht aufgefunden ist, von dem jedoch das Manuskript 7156
der Pariser Nationalbibliothek eine in äußerst barbarischem Latein
verfaßte, „Liber de septuaginta“ betitelte Übersetzung zu enthalten
scheint (?)[3782]. Diese Übersetzung[3783], -- sie wäre die einzige
lateinische eines Werkes des „echten“ ~Dschabir~ --, ist übrigens sehr
unvollständig und mangelhaft, trotz großer Weitschweifigkeit unklar
und verworren, dabei voll von Lücken und Einschiebseln[3784], darunter
sehr späten aus christlicher Quelle, z. B. den die Exkommunikation und
das Schlagen des Kreuzes erwähnenden[3785]; sie enthält zahlreiche
arabische, zum Teil unerklärte oder unverstandene Benennungen und
Decknamen, und beruft sich vorzugsweise auf griechische Autoren, u. a.
auf die großen Alchemisten ~Platon~[3786] und ~Aristoteles~[3787].
Alle „Körper“ oder „Metalle“, deren es sieben gibt, nämlich Gold,
Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei und Glas (vitrum)[3788], -- denn
Quecksilber ist ein „Geist“ --, enthalten stets die vier Elemente,
davon zwei in offenem und zwei in verborgenem Zustande, welche
letzteren es „heraus zu kehren“ gilt[3789]. Dies vollzieht die
Natur allmählich und langsam[3790]; rascher, schon binnen 40 Tagen,
vollbringen es die „Medizinen“, indem sie die fehlerhaften „Säfte“
austreiben, verbessern, oder durch die geeigneten ergänzen[3791]; noch
rascher, bereits innerhalb einer Stunde, wirkt das „Elixir“[3792],
von dem 1 Teil 100, ja 1000 Teile der gemeinen Metalle umwandelt, am
leichtesten Blei zunächst in Silber und dieses dann in Gold[3793].
Welche Kraft den „rechten Medizinen“ innewohnt, ersieht man aus der
Entstehung der herrlich gefärbten Produkte Bleiglätte, Mennige und
Bleiweiß aus dem Blei, doch kommt es stets darauf an, das dem Zweck
Entsprechendste, also z. B. Auripigment, Al-Markasit, Talk, Alaun,
Salmiak, Kalk, Alkali, Aschen, Bauracia [Boraxe, meist = Alkalien],
Salze, Myrthenzweige und Galläpfel [also Gerbstoffe] usf., auch an
rechter Stelle zu gebrauchen[3794]. Die größten Kräfte besitzen,
einzeln oder zusammen angewandt, die „vier Geister“, d. s. Schwefel,
Arsen, Quecksilber und Salmiak[3795], vor allem aber das Quecksilber,
das eine „radix in omni re“ ist, ein Wurzel- oder Grund-Bestandteil
aller Substanzen[3796]; sämtliche Geister sind auch in pflanzlichen und
tierischen Stoffen vorhanden[3797] [deren Bezeichnungen aber oft nur
als Decknamen aufzufassen sind]. Was den „Stein der Weisen“ betrifft,
so gewinnt man ihn aus den nämlichen vier Elementen, die, nur in
anderen Mengenverhältnissen, auch alle übrigen Stoffe bilden[3798];
daher kann man sie allen diesen entnehmen, den mineralischen,
pflanzlichen, tierischen und menschlichen, doch müssen sie sich
im Zustande höchster Reinheit befinden[3799] und dürfen nur „zur
günstigen Stunde“ vereinigt werden[3800], und zwar in den richtigen
Gewichtsverhältnissen, die das eigentlich wichtige und daher, des
Wohles der ganzen Menschheit halber, mit äußerster Strenge zu wahrende
Geheimnis darstellen[3801]. Wie die geringen anfänglichen Zusätze von
Silber und Gold, so wirkt auch das Elixir wesentlich als Ferment,
weshalb einige bei seiner Bereitung auch „Sperma“ benützen[3802] [=
Samen; Deckname?].
Aus der Reihe der Chemikalien, deren ~Dschabir~ sich bedient, sind
anzuführen: Almizadir [alnûschadîr = sal armoniacum = Salmiak][3803],
Duenec [zuģâģ = vitriolum][3804], Baurac [meist Alkali][3805], Seisarat
[zarnîch = auripigmentum citrinum, gelbes Schwefelarsen][3806], Tutia
femina und „marina“ [= weibliche und männliche Tutia][3807], und
Alcofol oder Alchofol [= Spießglanz, Schwefelantimon][3808], aus dem
man „plumbum merdaceum ex alcofol“ gewinnt[3809] [d. i. „Abfall-Blei“ =
metallisches Antimon].
Von chemischen Verfahren beschreibt ~Dschabir~ flüchtig: die
Darstellung und Reinigung verschiedener Metalle[3810]; die Gewinnung
pflanzlicher Öle, die als „allgemeines pflanzliches Element“
gelten[3811], und ihre Aufbewahrung in der „olla stagnata“ (in
verzinnten Gefäßen)[3812]; die Sublimation des Sublimates aus
Quecksilber[3813], sowie die Sublimation und Krystallisation des
Salmiaks[3814]; das Reinigen und „Waschen“ mit Sapo (Seife) und Baurac
(Alkali)[3815]; die Destillation, „gleichend jener des Rosenöles“, und
zuweilen auch „mehrmals wiederholt“[3816]. Viele Reaktionen nimmt man
in der Alutel vor[3817], die auch als „Alutel pergamenum“, Alutel aus
Pergamon, bezeichnet wird[3818], und zu deren Erhitzung der als Athanor
(tannûr) bekannte Ofen dient[3819].
Neben der Kenntnis der „richtigen Verfahren“ ist auch die der richtigen
„Sprüche und Formeln“ von großer Wichtigkeit, daher es vom Ausübenden
heißt „et recitavit multa ...“[3820], „er sprach (oder murmelte)
Vielerlei“.