7. Alchemistische Zeichen und Symbole.

Die Frage nach Herkunft und Alter der von den mittelalterlichen

Alchemisten und ihren Nachfolgern vielbenützten Zeichen für die sieben

Metalle, nämlich ☉ für Gold, ☾ für Silber, ♄ für Blei, ♃ für Zinn, ♂

für Eisen, ♀ für Kupfer, ☿ für Quecksilber, ist eine außerordentlich

schwierige und auch heute noch bei weitem nicht ausreichend geklärte.

Als sicher darf es gelten, daß derlei Symbole ursprünglich nicht die

Metalle bezeichneten, sondern die Planeten, und daß das höchste Alter

unter ihnen den Figuren ◯ und ☾ zukommt, mittels derer zahlreiche

Völker der ganzen Erde die Gestalt von Sonne und Mond in einfacher

Weise nachahmend abbilden.

Bei den Ägyptern wurden, wie im alten Reiche (vor 2300) so noch in

ptolemäischer Zeit, Sonne und Mond durch die Zeichen ☉ und [Symbol]

oder (seltener) ☉ und [Symbol] dargestellt[3580], später auch durch

☉ und ☾[3581] oder [Symbol] und [Symbol][3582], wobei die Sonne,

namentlich in der schon frühzeitig sehr beliebten Form der geflügelten

Scheibe, sich auch als „grünes Auge“, „grünfarbige Sonne“, „Käfer aus

reinstem Golde“ (d. h. grünlich glänzend wie dessen Flügeldecken)

zubenannt findet[3583], und nicht selten das Symbol der Sonne für 1

steht, das des Mondes für 2 und die Abbildung beider nebeneinander für

3[3584]. Das Bild ☉ versinnlicht die Sonne nach uralter ägyptischer

Anschauung im Zustande der Mutterschaft, den Keim der von ihr neu zu

gebärenden Sonne des nächsten Tages schon in sich tragend[3585].

In Babylonien ist ein ganz ähnliches Zeichen ☉ ebenfalls sehr alt,

bedeutet aber, z. B. schon in den frühen sumerischen Urkunden, die Erde

mit dem sie umströmenden Ozean[3586] und demgemäß in späterer Zeit

den Kosmos und das Weltganze[3587]. Die Sonne, eines der drei großen

Gestirne ◯ [Symbol] ✴ (Sonne, Mond, Venus), stellten die Babylonier

mit Vorliebe auch als strahlenden Stern [Symbol] [Symbol] dar, bald

mit 4, bald mit 8 Strahlen oder Büscheln[3588], und die Iranier, die

ursprünglich weder Tempel noch Bilder kannten, ahmten ihnen dies

anfangs nach[3589], entlehnten aber dann von den Chetitern die bei

diesen (wie überhaupt in Vorderasien) schon seit dem 14. Jahrhundert

aufgenommene ägyptische geflügelte Sonnenscheibe[3590] und wandelten

sie schließlich in das Zeichen [Symbol] um, darstellend das Haupt des

Sonnenkönigs ~Mithras~, geschmückt mit der τιάρα (Tiára) oder κίταρις

(Kítaris)[3591], einer Art kegelförmiger Mütze, die allein der König

mit gesteifter Spitze tragen durfte, während alle anderen sie oben

eindrücken mußten.[3592]

Im synkretistischen Zeitalter erfolgte, wohl zusammen mit der

Einführung anderer zugehöriger orientalischer Bräuche und Gewohnheiten,

auch die des Zeichens [Symbol] in Ägypten; die Siglen ☉, ☾ und ✴ werden

in einigen Papyri oft (wenn auch nicht regelmäßig) angewandt und gehen

aus ihnen in die beliebten „carmina figurata“ über, Gedichte, deren

untereinander gesetzte Zeilen verschiedener Länge im ganzen eine

bestimmte Gestalt nachbilden[3593]; an einer Stelle des „Leidener

Papyrus“ ist ebenfalls ☉ = Sonne, meistens aber bedeutet ☉ Himmel

oder Weltganzes, während (neben ☽ oder ☾ für Mond)[3594] in der Regel

[Symbol] für Sonne auftritt[3595], u. a. auch im „Papyrus ~Mimaut~“

des 3. Jahrhunderts[3596]. Wie für den Mond, so steht ☾ auch für seine

Herrin, die ~Isis~, z. B. im „Briefe der ~Isis~ an den ~Horos~“, und

in einer Abteilung des „Leidener Papyrus“ heißt „Augenbraue des ☾“

soviel wie „Augenbraue der ~Isis~“, welcher Name eine heilsame Pflanze

bezeichnete[3597]. In ganz gleicher Weise gingen offenbar die Zeichen

☉ und ☾ auch auf jene Metalle über, die aus naheliegenden Gründen seit

jeher mit Sonne und Mond verglichen und ihnen als ἡλιακή und σηληναία

ὕλη (Sonnen- und Mond-Substanz), verdichtete Sonnen- und Mond-Strahlen

usf. zugeordnet wurden[3598], auf das Gold und Silber. Ist der

„Leidener Papyrus“ wirklich schon im 3. Jahrhundert abgefaßt, so

bietet er nach ~Berthelot~[3599] in seinem chemischen Abschnitte (X.)

das älteste Beispiel dieser Art, da daselbst in einer die Darstellung

von Asem betreffenden Vorschrift die Zeichen [Symbol] und ☾ für Gold

und Silber gesetzt sind; es bleibt natürlich dahingestellt, ob sich

ihrer schon die älteren Vorlagen dieses Papyrus bedienten, oder ob sie

erst der letzte Abschreiber, einer zu seiner Zeit bereits bestehenden

Gewohnheit gemäß, gelegentlich einfügte. Zugunsten letzterer Vermutung

spricht es u. a., daß das Zeichen [Symbol], entgegen ~Berthelots~

Annahme, kein altes ägyptisches ist, sondern ein neueres persisches,

also erst im Verlaufe der synkretistischen Periode nach Ägypten

gelangtes[3600].

In einem von ~Parthey~ herausgegebenen Berliner Papyrus, der dem

Beginne des 4. Jahrhunderts anzugehören scheint und fast ausschließlich

Astrologie, Traumdeuterei und Zauberei behandelt, -- μέγα ἔργον, das

große Werk, heißt in ihm nicht das Goldmachen, sondern die Magie --,

stehen ebenfalls für Sonne und Mond die Zeichen ☉ und ☾[3601]. Man

darf diese jedoch keineswegs, wie das ehemals geschah, ohne weiteres

überall, wo man sie vorfindet, in derartigem Sinne auslegen; so z. B.

enthalten früher unverstandene Inschriften, abgefaßt in den alten

Alphabeten der Inseln Kreta und Thera (im 9. oder 8. Jahrhundert

v. Chr.), durchaus nichts Alchemistisches, vielmehr gebrauchen sie ☉

für den Buchstaben w[3602]; in hellenistischer Zeit wiederum wird ☉ oft

gleichbedeutend mit Θ oder [Symbol], dem großen griechischen Theta,

und ist dann Θεός (Theós, Gottheit) zu lesen[3603], doch schreibt man

statt des großen Θ aus Bequemlichkeit auch wieder das kleine θ, und

ohne Kenntnis dieser Umstände würde niemand enträtseln können, auf

welchem Wege der Buchstabe θ dazu kam, bald Gottheit, bald Kosmos, bald

Sonne, bald Gold zu bezeichnen[3604]. Ähnliche Umbildungen erfuhr auch

das Zeichen [Symbol], das in den Gestalten [Symbol] [Symbol] und (aus

diesen vereinfacht) [Symbol] [Symbol] [Symbol] vorkommt, statt durch

ein solches großes Delta, Δ, auch durch ein kleines, δ, wiedergegeben

wird und daraufhin dann auch zur Abkürzung verschiedener, zum Teil ganz

fernliegender, aber zufällig mit δ beginnender Worte dient[3605].

Was die Zeichen für die übrigen Metalle und die sonstigen chemischen

Substanzen anbelangt, so erklärte sie ~Kopp~[3606] für Erzeugnisse

einer späten Zeit, vielleicht erst der jener Kompilatoren, die im

8. oder 9. Jahrhundert zu Byzanz die alchemistischen Schriften zu

Sammlungen vereinigten, deren uns in Gestalt des „Codex Marcianus“

wenigstens +eine+ zum größten Teile erhalten blieb; ~Letronne~, dessen

Ansicht sich auch ~Humboldt~ anschloß[3607], hat ihre Entstehung

sogar in das 10. Jahrhundert herabgesetzt und angenommen, erst die

damaligen Abschreiber gnostischer und alchemistischer Manuskripte

hätten sie den ursprünglichen Texten bei- oder eingefügt. Im Gegensatze

hierzu schrieben ihnen aber andere Forscher ein hohes Alter zu und

beriefen sich auf ihren Gebrauch bei ~Firmicus~, ~Stephanos~ und im

Codex Marcianus. Bei ~Firmicus~ kommen nun zwar [Symbol] und ☾[3608],

sowie ☉, ♄, ♀, ☿[3609] vor, und zwar auch in älteren Handschriften,

doch rechtfertigen diese, wie schon weiter oben erörtert, weitgehende

Bedenken und lassen namentlich keinerlei Schlüsse auf die Gestalt ihrer

einstigen Vorlagen zu. Das Nämliche gilt betreff der (nach ~Usener~

zweifelhaften) chemischen Schriften des ~Stephanos~, der dem ~Zeus~

schon das Zinn beiordnet und dem ~Hermes~ das Quecksilber, als dessen

Symbol anfänglich ☽ (also ein Gegenstück zum ☾ des Silbers) und erst

späterhin ☿ aufzutreten scheint[3610]; zudem weisen die nach ~Usener~

fraglos echten „Astronomica“ des ~Stephanos~ Planetenzeichen, und zwar

die allgemein üblichen, erst im Codex von Urbino auf, der dem 15.

Jahrhundert entstammt[3611]. Die Listen endlich, die der Marcianus für

die Planeten, ihre Metalle und ihre sonstigen Derivate (τὰ ἐξ αὐτῶν)

wiedergibt[3612], gehören nach Inhalt und Form ganz verschiedenen

Zeitaltern an, vermengen ältere (übrigens nicht einheitliche) Angaben

und Zeichen mit zum Teil jüngeren, zum Teil ganz späten Zusätzen,

verraten Einflüsse arabischer Herkunft (u. a. medizinische, z. B. durch

Nennung des Zuckers, σάκαρ, σάκχαρ), berufen sich auf den berühmten

arabischen Astronomen ~Abu Maʿschar~ (gest. 886) usf.[3613], schließen

also eine Benützung zu chronologischen Folgerungen gänzlich aus.

Im „Leidener Papyrus“ (X) fehlen Zeichen für andere Metalle als Gold

und Silber ebenfalls[3614], vielleicht weil die weitaus älteren

Vorlagen, die er zum größten Teile getreulich wiedergibt, auch

keine solchen enthielten; die Frage, ob sie nicht dennoch um 300

schon bekannt waren, ist jedoch trotzdem keineswegs von der Hand zu

weisen, sobald man sich erinnert, daß die Symbole ursprünglich nicht

den Metallen zugehörten, sondern den Planeten und ihren Göttern.

Entgegen früheren Ansichten steht es nämlich fest, daß sie für

diese in Ägypten schon zum Beginn unserer Zeitrechnung gebräuchlich

waren, denn ein gegen 1900 aufgefundener demotischer Papyrus enthält

horoskopische Tafeln für die 28 Regierungsjahre des Kaisers ~Augustus~

mit den Zeichen [Symbol] für Kronos, [Symbol] für Zeus, [Symbol]

für Ares, [Symbol] für Aphrodite, [Symbol] für Hermes, „die nur

demotische Abänderungen der seit viel älterer Zeit benützten zu sein

scheinen“[3615]. Vermutlich gingen sie also aus der Astronomie und

Astrologie, als diese durch die späteren Hermetiker und Gnostiker,

Neu-Pythagoräer und -Platoniker usf. in immer nähere Verbindung mit

den übrigen Formen der Magik und Mystik gebracht wurden, in deren

Litteratur über, wie sich denn z. B. in der „Pistis Sophia“ (um 250

n. Chr.) für den „großen Vater, unnahbaren Gott, siebenten Schatz (=

Schatz des siebenten Himmels), ...“ ebenfalls das Symbol [Symbol]

[Symbol] vorfindet, also das des ~Zeus~[3616]. Die schon seit dem 16.

Jahrhundert viel erörterte Frage über das Alter derartiger Zeichen,

-- die einschlägigen Ansichten des ~Salmasius~ (1619), ~Kircher~

(1653), ~Huët~ (1679), ~Ducange~ (1688), ~Boerhaave~ (1732), ~Goguet~

(1756) und Anderer hat mit gewohnter Gelehrsamkeit und Vollständigkeit

schon 1792 ~Beckmann~ zusammengestellt[3617] --, ist daher aller

Wahrscheinlichkeit nach dahin zu beantworten, daß solche zu Beginn der

Kaiserzeit schon vorhanden waren, von der Alchemie aber spätestens

während der Periode ihres großen Aufschwunges im 2. und 3. Jahrhundert

aufgenommen wurden.

Was ihre Entstehung anbelangt, so verdient die von ~Salmasius~ (1629)

herrührende Anschauung auch heute noch den Vorzug vor allen seither

geäußerten. Nach eingehender Prüfung der Handschriften der Pariser

und auch anderer Bibliotheken gelangte er nämlich zur Überzeugung,

daß der Ursprung der üblichen Formen ♄ (~Kronos~), ♃ (~Zeus~), ♂

(~Ares~), ♀ (~Aphrodite~), ☿ (~Hermes~), -- die nicht wie ☉ und ☾

oder wie Löwe, Widder, Stier des Tierkreises einfache Abbildungen

sind --, in bloßen, dem Gebrauche der Zeit durchaus entsprechenden

Abkürzungen der Planeten- oder Götter-Namen zu suchen sei, die dann

später allerdings, zum Teil nach vorgefaßten Ideen, mehr oder minder

willkürlich Abänderungen erlitten[3618]: wie die verschiedenen Codices

zeigen, wurde für ~Kronos~ aus Κρ (auch [Symbol], [Symbol], [Symbol]),

[Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol]; für ~Zeus~ aus

[Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol]; für ~Ares~, aus dessen altem

Beinamen Θούριος (~Thurios~), [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol],

[Symbol], [Symbol], [Symbol]; für ~Aphrodite~, aus deren Beinamen

Φωσφόρος (~Phosphoros~), [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol] oder

[Symbol]; für ~Hermes~, aus dessen Beinamen Στίλβων (~Stilbon~),

[Symbol] oder [Symbol] ([Symbol] und [Symbol] sind alte Formen für σ

oder ϛ), [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol]. Wesentlich gestützt,

ja geradezu bewiesen wird diese Behauptung des ~Salmasius~ durch eine

Bemerkung in den (arabischen) „Schriften der treuen Brüder“[3619], die

zwar erst im 10. Jahrhundert abgefaßt sind, jedoch auf weit ältere und

den griechischen Originalen sehr nahestehende zurückgehen; es heißt

daselbst ausdrücklich, daß man die Planeten u. a. in ähnlicher Weise

mit ihren Anfangsbuchstaben bezeichne, wie die 28 sog. Mondstationen

(d. s. die täglichen Orte des Mondes im 28tägigen Mondmonate) mit den

28 Buchstaben des (arabischen) Alphabetes[3620]. Auch die Symbole,

denen man in den syrischen Manuskripten begegnet, sowohl in den von

~Berthelot~ veröffentlichten I. und II., die nach ihm im 7.-9., nach

~Diels~ schon im 6. Jahrhundert verfaßt sind, als auch in anderen,

z. B. in jenen des Buches „Causa causarum“[3621], stammen sichtlich

von den obigen griechischen ab, haben aber in der Zeit bis zum 11.

Jahrhundert (aus dem die jetzt vorliegenden Niederschriften herrühren)

mancherlei erst noch näher zu erforschende Veränderungen erfahren. In

I. und II.[3622] sowie in der „Causa causarum“ finden sich folgende

vor, deren einige auch ägyptisch-demotische oder syrische Worte

andeuten mögen:

---------+-----------+-----------+-----------+-----------------------+

| Sonne = | Mond = | Kronos = | Zeus = |

| Gold | Silber | Blei | Zinn, |

| | | | Elektron |

---------+-----------+-----------+-----------+-----------------------+

Syr. | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] | fehlt [Symbol] |

Man. I: | | | | [Symbol][3624] |

| | | | |

Syr. | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] fehlt |

Man. II:| | | | |

| | | | |

Causa | | | | |

causarum:| [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] [Symbol] |

| [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] | |

---------+--------------+---------------+----------------------------

| Ares = | Aphrodite = | Hermes =

| Eisen | Kupfer | Zinn[3623],

| | | Quecksilber

---------+--------------+---------------+----------------------------

Syr. | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] [Symbol]

Man. I: | | |

| | |

Syr. | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol][3625] fehlt

Man. II:| | | [Symbol] [Symbol]

| | |

Causa | | |

causarum:| [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] Quecksilber

| [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] und Elektron

Auch aus ihnen ist wiederum ersichtlich, daß die Metalle den Planeten

nicht von Anfang an sämtlich in unabänderlicher Weise zugeteilt

waren, und namentlich, daß ursprünglich dem Zeus das Elektron

(Gold-Silber-Legierung) angehörte und dem Hermes das Zinn, während

später Zeus das Zinn erhielt, Hermes aber das Quecksilber. Als Zeit,

um welche dieser Wechsel stattfand, -- auf die besondere Wichtigkeit

ihrer Ermittlung wies bereits ~Hoffmann~ hin[3626] --, ist wohl nicht

erst etwa das 6. Jahrhundert anzusehen[3627], sondern schon das 4.,

während dessen allem Anscheine nach die Destillation des Quecksilbers

entdeckt wurde, auf die hin man diesen bis dahin der kalten und

trägen Hýle zugeordneten Stoff, als einen der Verwandlung in heißes,

Spannung besitzendes Pneuma fähigen, nunmehr dem Kreise des Pneumas

einreihte und als flüchtigen und alles durchdringenden „Geist“ mit dem

Träger des Pneumas, dem ~Hermes~ oder ~Merkur~, identifizierte[3628].

Demgemäß wird im syrischen Manuskript I. das Quecksilber schon mit

dem der Astronomie entlehnten Ausdrucke ἀναβιβάζων (das Aufsteigende)

bezeichnet[3629]. Die in diesen syrischen Handschriften wiedergegebenen

Zeichen, die nicht vollständig und zuweilen auch undeutlich sind[3630],

stimmen im ganzen, wenn auch nicht in allen Einzelnheiten, mit jenen

überein, die der (etwa im 10. Jahrhundert niedergeschriebene) Codex

Marcianus seinen älteren Quellen entlehnte[3631], was gleichfalls für

ihren griechischen Ursprung spricht; die „üblichen“ Symbole, d. h.

diese nämlichen, benützte auch gegen Ende des 9. Jahrhunderts der

(in seinen eigenen Werken meist gänzlich unzuverlässige) arabisch

schreibende Syrer ~Ibn Wahschijah~[3632].

Zeichen und Abkürzungen ähnlicher Art waren mindestens seit dem

2. Jahrhunderte auch in anderen Wissenschaften gebräuchlich, so

z. B. setzten die Astrologen [Symbol] oder [Symbol] für κέντρον

(Zentrum), [Symbol] für χρόνος (Chronos, Zeit), [Symbol] für ὡρόσκοπος

(Horoskop), [Symbol] für Διάμετρος (Diameter), [Symbol] und [Symbol]

für ἀνα- und κατα-βιβάζων (aufsteigend und niedersinkend), [Symbol]

für σφαῖρα (Sphäre) usf.[3633]. Die Ärzte bedienten sich der Bilder

[Symbol], [Symbol] und ähnlicher und deuteten durch ein ihren Rezepten

vorgesetztes [Symbol] an „mit Hilfe des ~Zeus~“, woraus in römischer

Zeit „J. J.“ (Juvante Jove, mit Hilfe ~Jupiters~) entstand und in

christlicher „J. J.“ (Juvante Jesu) oder „J. D.“ (Juvante Deo)[3634].

Bei den Mathematikern findet sich u. a.[3635]: ½ = ἥμισυ = [Symbol],

[Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol][3636]; ⅓ = τρίτον = [Symbol]

und [Symbol]; ¼ = τέταρτον = Δ; μοῖραι (Teile, u. a. Einheiten der

Kreisperipherie) = Ṁ, woraus wohl das Zeichen ° für Kreisgrad entstand;

οὐδεμία μοῖρα, οὐδέν (kein Teil, nichts) = 0[3637]; auch einige bei

~Diophantes~ (4. Jahrhundert?) gebrauchte Zeichen (z. B. für die

Subtraktion) gehören vermutlich hierher[3638]. Die Metrologen endlich,

sowie die ihnen folgenden Ärzte, schrieben z. B. Lítra = λίτρα = λν,

[Symbol], [Symbol], ⭡, ⇂; Unze = οὐγκία = [Symbol]; Xéstes = ξέστης =

[Symbol], [Symbol]; Oxýbaphos = ὀξύβαφος = [Symbol], [Symbol]; u. dgl.

mehr[3639]. Ohne die zuweilen nur auf Zufällen beruhende Kenntnis

der Übergangsglieder würde man die Herkunft solcher Abkürzungen oft

ebensowenig erraten können, wie etwa die unseres Zeichens % für

Prozente, wüßte man nicht, daß es aus dem italienischen „per cento“,

abgekürzt [Symbol], hervorgegangen sei[3640].

Über Alter, Entstehung und Deutung der zahlreichen Symbole für

allerlei Abkömmlinge der Metalle (τὰ ἐξ αὐτῶν) und sonstige chemische

Verbindungen, die sich in einzelnen, anscheinend jüngeren Listen des

Marcianus und den syrischen Manuskripten vorfinden[3641], ist bisher

nichts Näheres bekannt. Manche von ihnen sind bloße Abbildungen, z. B.

die sternförmige Figur ✴ für krystallisierte Alaune oder Vitriole, die

u. a. auch schon in den Schriften der ~Kleopatra~ sowie im „Papyrus

~Kenyon~“ (3. Jahrhundert) vorkommt, andere mögen auf Abkürzung

griechischer, syrischer oder ägyptischer Worte zurückgehen, noch andere

irgendwelche besondere, vorerst in der Regel nicht zu enträtselnde

Beziehungen wiedergeben. Die scheinbar sehr auffällige Tatsache z. B.,

daß der Schwefel mit dem Zeichen des Bleies, also des ~Kronos~,

geschrieben wurde, dürfte zweifellos aus der leichten Schmelzbarkeit

dieser Stoffe zu erklären sein, auf die hin sie beide dem ~Kronos~,

als „Herrn alles Flüssigen“, zugeordnet wurden; daß man den

Schwefel-Verbindungen des Arsens und Antimons das Symbol des Schwefels

erteilte, ist aber sichtlich nicht, wie ~Berthelot~ annahm[3642], auf

die Erkenntnis ihrer Sulfid-Natur und die Berücksichtigung dieser

Erkenntnis zurückzuführen, sondern einfach auf die Beobachtung, daß sie

sich in zahlreichen Fällen, z. B. beim Erhitzen und Verbrennen für sich

oder mit anderen Stoffen, ganz ähnlich wie Schwefel +verhalten+, also

Schwefel, oder wenigstens Arten des Schwefels, auch +sind+.

Vierter Abschnitt.

Die Alchemie im Orient.

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 96 / 127 题