a) Pseudo-Demokritos.
Schon weiter oben wurde darauf hingewiesen, daß das Hervorgehen der
Gestalt des ~Pseudo-Demokritos~ als Magiers, Astrologen, Wunderarztes,
Alchemisten usf. aus jener des ebenso scharfsinnigen wie naturkundigen
Philosophen ~Demokritos~ (gest. um 360 v. Chr.) zu den merkwürdigsten
Erscheinungen der gesamten Geschichte der Wissenschaften zählt. Den
ersten Ausgangspunkt dieser auffälligen Entwicklung scheint das
Wanderleben des echten ~Demokritos~ gebildet zu haben. Langjährige
Reisen, deren Umkreis die Folgezeit immer weiter ausdehnte, führten
ihn angeblich bis zu den entferntesten Völkern Asiens und Afrikas, den
Indern und Äthiopen, ließen ihn die vielseitigsten Erfahrungen schöpfen
und derartige Kenntnisse in den reinen Wissenschaften (Zoologie,
Botanik, Mineralogie, ...), aber auch in den angewandten (Sternkunde,
Meteorologie, Technik, ...) gewinnen, daß er zwar den einen als
„typischer Vertreter der Vielwisserei“ erschien, dafür aber den anderen
als Mann von fast übernatürlichen Fähigkeiten[3382]. Diese sollte er
dann entweder im Umgange mit ägyptischen und chaldäischen, persischen
und arabischen Zauberern und Magiern erworben haben[3383], oder dank
absonderlicher Funde, wie denn z. B. ~Plinius~ erzählt, er habe aus dem
Grabe des ~Dardanos~, „des Stammvaters der Trojaner, des Begründers
der samothrakischen Mysterien und der Magie“, dessen verborgene
Geheimschriften zutage gefördert[3384].
Von den (etwa 80) Werken, als deren Verfasser ~Demokritos~ gilt[3385],
und deren Titel meist fragwürdigen Alters sind[3386], besitzen wir
nur noch spärliche Bruchstücke, deren ausgezeichnete Zusammenstellung
durch ~Diels~ ersehen läßt, daß ~Demokritos~ in der Tat der klare,
bestimmte und einflußreiche Denker war, als den ihn schon ~Aristoteles~
preist, und der er auch gewesen sein +muß+, sollte sein bloßer Name
hinreichen, um untergeschobenen Nachahmungen entsprechende Beachtung
zu sichern. Wann man solche vielfach wohl an Echtes anknüpfende
Pseudepigraphen abzufassen begann, steht nicht sicher fest, doch
dürfte es zuerst bald nach 300 v. Chr. der Fall gewesen sein, denn
schon um 250 (oder etwas später) tritt der wichtigste und bereits
völlig systematische Fälscher auf, ~Bolos~ von ~Mende~ (oder Mendes)
in Ägypten[3387]. Unter dem Namen des ~Demokritos~ gab er verschiedene
Werke magischen, astrologischen, medizinischen und landwirtschaftlichen
Inhaltes heraus, erfüllt von zauberischen, mystischen und mantischen
Ideen aller Art, vom Glauben an gute und böse Geister, die sich durch
Zeichen, Weissagungen und Träume kundgeben, usf.[3388], ferner eine
Art Enzyklopädie, in der er die Ergebnisse griechischer Wissenschaft
und ägyptischer Technik mit den angeblich uralten Überlieferungen
persischer Magier (~Zoroaster~, ~Ostanes~, ...) zu vereinigen
suchte, und deren Titel „χειρόκμητα καὶ φυσικὰ δυναμερά“ (etwa =
„Wirkungen künstlicher und natürlicher Kräfte“) gelautet zu haben
scheint[3389]. Aus ihr gingen vermutlich zunächst die vier βίβλοι
βαφικαί (= Färbebücher) hervor, handelnd über das „Färben“ (= Machen,
Nachahmen, Fälschen) des Goldes und Silbers, der Edelsteine (Perlen)
und des Purpurs (περὶ χρυσοῦ, ἀργύρου, λίθων, πορφύρας), weiterhin
aber die unter dem Namen „Physica et Mystica“ (etwa = „Natürliches und
Übernatürliches“) bekannten Schriften, von denen allen wir nur geringe,
vielfach abgeänderte, durch späte Umarbeitungen[3390] entstellte
Reste und Auszüge besitzen; soweit diese, -- noch dazu in der sehr
mangelhaften Redaktion ~Berthelots~ --, einen Rückschluß gestatten,
umfaßte der ursprüngliche Inhalt eine große Anzahl sehr verschiedener
Rezepte, teils wirklich ausführbarer, teils ganz unmöglicher, und
zwar waren letztere zumeist an mystische, magische, religiöse,
philosophische und theologische Vorschriften oder Formeln gebunden
und gemäß der (von den „Astrologúmena“ des ~Petosiris-Nechepso~
her bekannten) Gewohnheit der alexandrinischen Synkretistiker
aus griechischen, ägyptischen und orientalischen Bestandteilen
zusammengefügt[3391].
Weitere Pseudepigraphen des ~Bolos~ von ~Mende~ waren die Bücher
„Über Sympathien und Antipathien“, anscheinend die ersten und daher
wirkungsvollsten ihrer Art[3392], deren Überbleibsel wir jedoch nur aus
Umarbeitungen ganz später, wohl erst byzantinischer Zeit kennen[3393],
ferner die Abhandlungen über die astrologischen Vorzeichen (περὶ
σημείων), über die Wunderdinge (περὶ θαυμασίων], über den Landbau
(περὶ γεωργίας), sowie über die zauberischen und abergläubischen
Eigenschaften der Pflanzen, in denen neben ~Pseudo-Demokritos~ auch
~Pseudo-Orpheus~ und ~Pseudo-Pythagoras~ als maßgebende Autoritäten
auftreten[3394]. Endlich reihen sich diesen auch noch Schriften
medizinischen Inhaltes an, denn schon dem ~Celsus~, dessen „De
medicina libri octo“ um 30 n. Chr. vollendet sind, gilt ~Demokritos~
als einer der ältesten und hervorragendsten Ärzte, ja als Lehrer des
~Hippokrates~[3395], und in gleichem Sinne zitiert ihn noch ~Caelius
Aurelianus~ (5. Jahrhundert) in „De morbis acutis et chronicis“[3396]).
Ferner entstanden vermutlich im 4. und 5. Jahrhundert zu Alexandria
jene griechischen Sammelwerke, auf die die „Ephemeriden des
~Demokritos~“, die „Prognostika des ~Demokritos~“, die „Tafeln des
~Demokritos~“ (zur Vorausbestimmung des Krankheits-Verlaufes) u. dgl.
zurückgehen, die dann etwa von 700 an in Unteritalien ins Lateinische
übersetzt wurden, und an die sich, bis in das 9. Jahrhundert herab, die
den Namen des ~Demokritos~ führenden Zusammenstellungen anreihen, in
denen sich wissenschaftlich richtige und rationelle Vorschriften nicht
selten mit magisch-medizinischen und abergläubisch-sympathetischen
absonderlichster Natur in völlig kritikloser Weise untermischt
zeigen[3397]. Ihre angebliche Auffindung in Grüften, vergrabenen
Gefäßen usf. ist ein charakteristischer Zug aus der hellenistischen
Offenbarungs-Litteratur, die (wie weiter oben schon öfter erwähnt)
wichtige oder für wichtig erachtete Mitteilungen und Entdeckungen an
Könige, Heroen und Weise der Vorzeit oder an Götter, Dämonen, Geister
usf. anzuknüpfen liebt[3398].
Schon durch den alexandrinischen Dichter und Schriftsteller
~Kallimachos~ (310-240) wurde ~Bolos~ als Betrüger entlarvt[3399], aber
ohne dauernden Erfolg, denn während z. B. ~Columella~[3400] (gest.
gegen 66 n. Chr.) und später auch ~Aulus Gellius~[3401] (gest. um 180
n. Chr.) ihn als Fälscher kennen und bezeichnen, äußert ~Plinius~
(gest. 79 n. Chr.), der den sog. ~Demokritos~ unzählige Male zitiert,
nie den geringsten Verdacht[3402] und trug daher angesichts seines
ungeheuren und nachhaltigen Einflusses nicht wenig dazu bei, das
Ansehen des vermeintlichen „großen Philosophen“ in dauernden Ehren zu
erhalten; er selbst schöpfte übrigens seine einschlägigen Kenntnisse,
wie in zahlreichen anderen Fällen so auch hier, nur aus zweiter
Hand, nämlich aus den Schriften seines Zeitgenossen, des ägyptischen
Arztes ~Xenokrates~ von ~Aphrodisias~, die die Hauptquelle der von
Aberglauben aller Art erfüllten Abschnitte 28-30 der „Naturgeschichte“
darstellen[3403]. Ein etwas älterer Vermittler ähnlicher Art ist der
zur Zeit des Kaisers ~Augustus~ lebende ~Anaxilaos~, dessen ~Plinius~,
sowie die Vorlagen des „Stockholmer Papyrus“ Erwähnung tun. Nach
~Diels~[3404] hat man als wahrscheinlich anzunehmen, daß vielerlei
Angaben des Leidener und Stockholmer Papyrus den Kompilationen des
~Anaxilaos~ und seinesgleichen entlehnt sind, und daß uns durch sie
Teile der sog. „Cheirókmeta“ in ihrer mehr oder weniger ursprünglichen
Gestalt erhalten geblieben sind, d. h. in derjenigen, die (im
Anschlusse an die alten Rezepte der Tempelwerkstätten usf.) noch ganz
offen auf Täuschung durch geschickte Nachahmung von edlen Metallen und
Steinen hinauslief. In Übereinstimmung hiermit steht, wie schon weiter
oben (den Annahmen ~Berthelots~ und ~Riess~’ gegenüber) hervorgehoben
wurde, der klare Inhalt und die unverhohlene Sprache dieser Papyri:
die künstliche Gewinnung von Gold, Silber, Edelsteinen und Farbstoffen
heißt einfach σκευή (Skeué, Herstellung), Weißen und Gilben erfolgen
durch Firnissen, Überfangen, Legieren, Putzen und Polieren, Di- und
Triplosis durch geeignete Beimischungen, die μᾶζα ἀνέκλειπτος ist eine
durch Zusatz unedler Metalle immer weiter verschlechterte Masse, das
ὀθόνιον ein Stück Leinwand zum Einwickeln, das ὕδωρ θεῖον eine aus
Schwefel bereitete Lösung oder Schmelze, ἀλλοιοθῆναι bedeutet eine
äußerliche Veränderung (z. B. durch Umfärben), ἐπιβάλλειν ein Zugeben
oder Einwerfen, usf.
Erst in der Periode neu einsetzender und alsbald mächtig
fortschreitender Entfaltung des Zauberwesens und der Magie, also wohl
frühestens im letzten Drittel des 1. nachchristlichen Jahrhunderts,
beginnt, anknüpfend an die „Cheirókmeta“, an die bei ~Seneca~ (aus
~Poseidonios~) überlieferten Rezepte zum Erweichen des Elfenbeins,
Verwandeln der Glasflüsse in Smaragd u. dgl., die eigentlich
+alchemistische Umgestaltung+ der Schriften des ~Demokritos~[3405]. So
zahlreich und mannigfach nämlich die Zitate der älteren Autoren sind
(vor allem die des ~Plinius~), +niemals+ findet sich unter ihnen ein
von Alchemie handelndes, oder auch nur von ferne auf sie anspielendes,
auch da nicht, wo die Gelegenheit sich von selbst böte: so z. B.
erwähnen die Quellen der Abteilung V des Leidener Papyrus ~Demokritos~
(neben ~Ostanes~) als Seher, Magier und Verfasser eines Rezeptes zur
ἴωσις (Iosis, Rötung) des Goldes[3406], und die des etwa gleichzeitigen
„Papyrus ~Kenyon~“ überliefern eine Vorschrift „zum Fälschen von
Münzen nach ~Demokritos~“[3407], setzen diesen also etwa in Parallele
mit ~Pabapnidos~, „dem Gauner und Betrüger“, dem offenbar zu gleichem
Zwecke (der syrische) ~Zosimos~ die Erfindung des Messings und der
Bronze zuschreibt, -- mit keinem Worte aber ist von ~Demokritos~ als
Alchemisten oder Goldmacher die Rede. Den späteren Bestrebungen,
ihn als solchen zu kennzeichnen, scheint ein bisher nicht genügend
beachteter Umstand großen Vorschub geleistet zu haben; unter den dem
echten ~Demokritos~ zugeschriebenen Werken, deren Titel überliefert
sind, befinden sich nämlich auch solche περὶ λίθου, περὶ τῆς ποιήσεως
und περὶ χαμαιλέοντος[3408], die ursprünglich zweifellos den
schlechtweg als „Stein“ (λίθος, Líthos) bezeichneten Magnetstein, die
Dichtkunst (Poíesis) und das Tier Chamäleon betrafen, in einer bereits
von alchemistischen Ideen erfüllten Zeit aber mit Leichtigkeit so
hingestellt werden konnten, als wäre der „Stein“, von dem sie gehandelt
hätten, der „Stein der Weisen“ gewesen, die „Poiesis“ das „Machen“ von
Gold und Silber, und das „Chamäleon“ die „Chemie“, für die (wie schon
weiter oben angeführt) dieser anspielende und anklingende Name wohl
schon ziemlich frühzeitig in Aufnahme kam.
Einer ähnlichen Umformung wie die Darstellung der vermeintlichen
Hauptgedanken des ~Demokritos~ unterlag auch die Schilderung seiner
vorgeblichen Lebensschicksale. Die älteste Überlieferung meldete,
er sei, als er nach Ägypten kam, von den Priestern des Tempels zu
Memphis in ihre Geheimnisse eingeweiht worden und habe das von ihnen
Erlernte in jenen vier Büchern (τόμοι = Rollen) von den „Färbekünsten“
niedergelegt, als deren Verfasser ihn ~Synesios~ (um 400) und ~Georgios
Synkellos~ (um 800) rühmen[3409]; in der Folgezeit wurde sie zunächst
dahin abgeändert[3410], daß die Einweihung nicht mehr durch die
Priesterschaft als solche erfolgte, sondern allein durch den berühmten
persischen Magier (aber ägyptischen Oberpriester!) ~Ostanes~ als den
ausschließlichen Kenner und Lehrer der Geheimwissenschaften; zuletzt
endlich erfuhr sie eine gänzliche Umgestaltung in dem Sinne, daß es
nunmehr ~Demokritos~ war, der die Geheimlehren aus dem Orient nach
Ägypten brachte und die Priester mit ihnen bekannt machte, -- ganz
so, wie nach der bei den Ssabiern erhaltenen Tradition ~Hermes~ I.
aus Babylon nach Ägypten auswandert und die Priester zu Memphis in
Astrologie und Geheimwissenschaften unterrichtet. Demgemäß zerfallen
auch die erst in später Zeit[3411] redigierten und unter dem Titel
„Physica et Mystica“ zusammengefaßten Reste des pseudo-demokritischen
Hauptwerkes in drei größere, so gut wie unzusammenhängende Gruppen:
Die erste enthält Bruchstücke von kaum veränderten, rein technischen
Rezepten über die Purpurfärbung (βαφή), die in jeder Hinsicht den
im Leidener und Stockholmer Papyrus erhaltenen gleichen. Die zweite
berichtet über gewisse Beschwörungen, die zur wunderbaren Auffindung
verborgener magischer Bücher und Sprüche in der hohlen Säule eines
Tempels führen, -- wobei aber der Schauplatz nirgends wirklich in
Persien oder Babylonien liegt[3412], sondern der Verfasser „nur so
tut“; sie verraten bereits, ähnlich wie die Anrufungen der Geister
bei ~Zosimos~ und der Gebrauch der (auch auf gnostischen Amuletten
vorkommenden) dämonischen Formeln des Krebses, Sternes usf. bei
~Kleopatra~, entschieden neuplatonische Einflüsse[3413]. Die dritte
endlich lehrt das „Machen“ des Goldes und Silbers und zeigt den
alten, ursprünglich rein technischen Text, durch mystische und
alchemistische Zutaten und Einschiebsel in völlig willkürlicher Weise
so verändert und erweitert, wie er schon um 400 dem Kommentator
~Synesios~ vorgelegen haben mag[3414]. Erst in dieser letzten Gestalt
nämlich, die u. a. in wirrer Weise bald auf angebliche Übersetzungen
aus uralten persischen Originalen zurückgreift, bald die Erfindung
der Alchemie den ägyptischen Königen zuschreibt, bald wieder die
Verfahren der ägyptischen Priester zugunsten derer der persischen
Magier ablehnt[3415], schienen die „Vier Bücher“ der Auslegung
und Erklärung bedürftig und galten für dunkel und rätselhaft: ihr
vordem allgemeinverständlicher Sinn war eben auf Grund magischer und
alchemistischer Ideen entstellt worden, und zwar oft bis zur völligen
Unkenntlichkeit.
Der Vermutung ~Diels~’, daß mancherlei Angaben des ursprünglichen
~Demokritos~-Buches, vermittelt durch ~Anaxilaos~ und ähnliche
Schriftsteller, in den Leidener und Stockholmer Papyrus übergegangen
seien, steht es nicht entgegen, daß der erstere sicherlich,
der letztere möglicherweise, zusammen mit magischen Rollen,
Zauberbesprechungen u. dgl. an das Tageslicht gelangte; denn, wie schon
weiter oben erwähnt, handelt es sich bei den chemischen Abteilungen
der Gräberfunde offenbar um orthodoxe und annähernd getreue
Abschriften +weitaus+ älterer Vorlagen, während die abergläubischen
und mystischen Texte jener Zeit angehören, zu der die Besitzer der
Schriften bestattet wurden, also etwa dem Ausgange des 3. Jahrhunderts.
Weshalb man damals auf derlei möglichst zuverlässige Wiedergaben
noch Wert legte, ist nicht ohne weiteres ersichtlich, daß es aber
geschah, mag wie in so manchen ähnlichen Fällen gleichfalls auf
Aberglauben beruht haben: waren doch aller Wahrscheinlichkeit nach
Generationen der nämlichen hellenisierten Priester die Verfasser
der „ehrwürdigen“ alten Originale, die Eigentümer der Kopien, sowie
die Urheber der verballhornten Neuausgaben. Nach der Schließung der
alexandrinischen Tempel, also etwa seit 400 n. Chr., wahrten dann sie
und ihre Nachkommen noch jahrhundertelang in „fest zusammenhaltenden
esoterischen Zirkeln“[3416] und „magischen Konventikeln“ die Mysterien
der Alchemie und hatten allen Grund, sie sorgfältigst geheim zu halten:
einerseits nämlich blieben für die Vertreter der „großen Kunst“, --
insoweit sie nicht selbst betrogene Betrüger waren --, Nachahmungen,
Täuschungen und Übervorteilungen jederzeit das letzte Ziel, und
andererseits hatten sie, die dem Staate als Fälscher (namentlich
als Münzfälscher), der Kirche als mit Dämonen im Bunde stehende
Geisterbeschwörer, und beiden als Anhänger verbotenen heidnischen
Aberglaubens verdächtig waren, scharfe Verfolgung bald seitens der
einen, bald seitens der anderen dieser Mächte zu gewärtigen, nicht
selten auch seitens beider zusammen[3417].
b) Ostanes.
Über die vornehme Herkunft und Stellung des als Begleiter des
~Xerxes~ genannten geschichtlichen ~Ostanes~ walten keine
Zweifel[3418], er besaß vermutlich seine Hausmacht in Kappadozien[3419]
und bekleidete das Amt eines Satrapen[3420]; schon frühzeitig war
der Name ~Ostanes~ auch im westlichen Asien gebräuchlich,
u. a. führte ihn 407 v. Chr. der Vorsteher des Rates der Gemeinde zu
Jerusalem, und zwar neben seinem eigentlichen jüdischen[3421], --
vielleicht um sich als eine Art Klienten irgend eines angesehenen
Persers zu bezeichnen. Die Frage, auf welchem Wege, und ob unter
Anschluß an den historischen Träger des Namens, ~Ostanes~
dazu kam, zur „geradezu typischen Figur des Aberglaubens“[3422], zum
Vorbilde der Zauberer, Geisterbanner, Wunderärzte, Alchemisten usf.,
sowie zu einem Hauptträger der griechischen Fälschungs-Litteratur
zu werden[3423], läßt sich vorerst nicht sicher beantworten; als
wahrscheinlich darf es aber gelten, daß hierbei, wie bei so manchen
„persisch-hellenistischen“ Traditionen, jüdische Einflüsse die
maßgebenden waren[3424], und daß die angebliche Einweihung der
persischen Magier durch die ägyptischen Priester, -- denn diese bildete
auch hier die erste Stufe der Legende --, in keinem anderen Lichte zu
sehen ist, wie die der „neben den Ägyptern allein zugelassenen Juden“,
oder jene des ~Demokritos~, also in dem eines nachträglichen
Versuches, die eigene Kunst im Abglanze höherer Autorität und
Legitimität erstrahlen zu lassen.
Die Verbindung zwischen ~Ostanes~ und ~Demokritos~ scheint bereits
im 1. vorchristlichen Jahrhundert hergestellt worden zu sein[3425]
und war daher z. B. dem ~Plinius~ schon ganz geläufig[3426]; im 2.
und 3. Jahrhundert n. Chr. nennt ~Apuleius~ (um 180) den ~Ostanes~
neben ~Orpheus~, ~Pythagoras~ und ~Epimenides~, sowie neben ~Moses~,
~J(oh)annes~, ~Zoroaster~, ~Appolobex~, ~Dardanos~, ~Damigeron~ und
anderen[3427]. Ferner erwähnen ihn: der Neupythagoräer ~Nikomachos~
neben ~Zoroaster~ und den „Babyloniern“[3428]; ~Minucius Felix~ (um
200) im „Octavius“, woselbst er ihn „den Ersten der Magier in Wort
und Werk“ nennt[3429]; ~Tertullianus~ (gest. 220) neben ~Dardanos~
und ~Damigeron~[3430]; ~Hippolytos~ (gest. 235) neben ~Zoroaster~,
~Petosiris~ und ~Hermes Trismegistos~[3431]; endlich der Pariser
Zauberpapyrus (sowie auch sonstige Papyri) neben ~Appolobex~,
~Dardanos~ und ~Damigeron~[3432]. Dieser letztere, für den ~Ostanes~
„der Meister aller Magier“ ist (magorum omnium magister), soll eine
unübertreffliche Abhandlung über die „Kräfte der Steine“ verfaßt haben,
die um 400 ~Pseudo-Orpheus~ auf Befehl des ~Hermes~ „zur Abwehr des
Leides von den Sterblichen“ in Verse brachte, aus der im 5. Jahrhundert
der „arabische König“ ~Evax~ einen lateinischen (!) Auszug anfertigte,
und die noch ~Psellos~ im 11., ~Marbod~ im 12. und ~Matthäus
Silvaticus~ im 13. Jahrhundert ihren Werken mit zugrunde legten[3433].
Aber auch ~Ostanes~ selbst war, ähnlich wie ~Pseudo-Orpheus~,
äußerst bewandert in den wunderbaren und geheimen Eigenschaften
der Steine, der Tiere und namentlich der Pflanzen[3434], bewährte
sich daher gleich diesem als Wunderarzt, verfertigte heilbringende
Amulette mit den Zeichen der Tierkreisbilder und Planeten[3435] und
fand wohl hauptsächlich bei solcher medizinischen Tätigkeit den ihm
zugeschriebenen, nach ~Firmicus~ aber schon bei ~Petosiris-Nechepso~
vorkommenden Satz bewährt: „Die Natur freut sich über die Natur, die
Natur siegt über die Natur, die Natur herrscht über die Natur“[3436].
Späteren Zeiten galt ~Ostanes~ auch als Besitzer einer „in den sieben
Sphären aufgefundenen Zaubertafel mit der Summe aller Weisheit“, deren
Inhalt er in dem philosophischen und astrologischen, hauptsächlich
aber dämonologischen „Buche des ~Ostanes~“ niederlegte[3437], --
zu dem, nach dem sog. „Steinbuche des ~Aristoteles~“, dieser Weise
einen Kommentar schrieb --, ferner als Verfasser und Herausgeber
alchemistischer Werke, und endlich auch als Erfinder gewisser
technischer Verfahren; in den „Technischen Abhandlungen und
Vorschriften“[3438] wird z. B. das Färben des Glases mit „Galle“[3439]
in ähnlicher Weise auf ihn zurückgeführt, wie etwa bei den Ssabiern das
Glasieren der Tongefäße mit Salmiak auf ~Hermes Trismegistos~.
c) Schreiben der Isis an Horos.
Das sog. Schreiben der ~Isis~ an ~Horos~ zeugt nach ~Riess~[3440] und
~Reitzenstein~[3441], sowohl dem Grundgedanken wie der Einkleidung
nach, von einem besonders engen Ineinandergreifen alchemistischer und
theologischer Litteratur, alter ägyptischer Mythen und umgestaltender
jüdischer Einflüsse.
Ursprünglich ging, wie aus einer dem ~Hekataios~ entlehnten Stelle des
~Diodor~[3442] folgt, ~Isis~ nach dem Tempel von Hormanuthi[3443],
um dort das φάρμακον τῆς ἀθανασίας zu holen, das Wasser der
Unsterblichkeit, das Lebenswasser, dessen sie zur Auferweckung des
toten ~Osiris~ bedurfte, des Herrn Ägyptens und der Fruchterde, des
„Schwarzen“, der schwarz ist wie der Boden seines Landes und wie die
Pupille des Auges (χημία, Chemía)[3444]. In der synkretistischen Zeit
erfolgte die Umdeutung des schwarzen Toten auf das unedle Metall, der
Wiederbelebung auf die Transmutation, des aufzugießenden Wassers auf
das „göttliche Wasser“ (ὕδωρ θεῖον) usf., und ~Isis~ galt vermutlich
zunächst als die Zaubergöttin, die zuerst diese Kunst der Alchemie
lehrte und den Einzuweihenden den großen, altertümlich-ägyptischen
Eid der Geheimhaltung abnahm[3445]; nach ~Reitzenstein~[3446] ist
vielleicht statt Hormanuthi „Hormahudhi“ zu lesen, was den „Herrn von
Edfu“ bedeutet, den man als Sohn des ~Chnum~ (~Chnubis~) mit diesem
identifizierte, so daß eine Anspielung auf den Tempel von Edfu vorläge,
der tatsächlich eine der frühesten Pflegestätten der Chemie war. Erst
der jüngsten (im „Schreiben der ~Isis~“ vertretenen) Auffassung gemäß
begibt sich ~Isis~ nach Hormanuthi, um +selbst+ die „ἱερά τέχνη τῆς
Αἰγύπτου“ zu erlernen, die „heilige Kunst Ägyptens“, -- wobei „Ägypten“
für „Chemie“ steht, also die „Kunst Ägyptens“ für „Kunst der Chemie“
--, die dort μυστικῶς κατασκευάζεται, „mystisch (= insgeheim) ausgeübt
wird“[3447]. Unter dem „Engel“ des ersten unteren Firmamentes, der ihr
zu Anfang entgegentritt, jedoch keine Vollmacht hat sie zu belehren,
ist nach ~Zielinski~[3448] die Mondgottheit zu verstehen, unter dem
Engel des zweiten oberen Firmamentes aber, der ihr zum Lohn für ihre
Hingebung das große Geheimnis verrät, ~Hermes~, in dessen Sphäre
allerdings die „hermetische Kunst“ ihren „natürlichen Ort“ hat; da nun
die Gleichsetzung des ~Hermes~ mit ~Thot~, ~Chnum~ (~Chnubis~, ~Kmeph~,
~Kamephis~) und ~Agathodaimon~[3449], der bei den jüdischen Verfassern
apokrypher und pseudepigraphischer Schriften oft ~Agathoel~ heißt,
durch diese nämlichen Autoren auch auf die aus der jüdischen Kabbala
bekannten Engel ~Amaniel~ und ~Eminiel~ ausgedehnt wurde[3450], so
erscheint es begreiflich, daß im „Schreiben der ~Isis~“ der „Engel der
oberen Sphäre“ den Namen ~Amnael~ führt, und einerseits als „oberster
Priester“ des Tempels, d. h. als jüdischer Hoherpriester erscheint,
andererseits aber als Verkörperung des ~Hermes~, ~Agathodaimon~ und
~Chnum~[3451], und schließlich, -- weil die chemischen Apparate
zur Metallverwandlung allegorisch als „Tempel der Metall-Götter“
bezeichnet werden --, auch noch als der ἴος χρυσός, der „goldene (=
golderzeugende) Geist“, der durch „Vereinigung“ mit der ~Isis~, die
dabei das unedle Metall symbolisiert, dieses in Gold überführt[3452].
Auch in einem Zauberpapyrus verleiht ~Agathodaimon~ oder ~Kmeph~ der
~Isis~ als Gegengeschenk für ihre höchste Gunst das τέλειον μέλαν, das
„vollendete (vollkommene) Schwarze“, d. h. er lehrt sie die Kunst,
die heimisch ist in der Sphäre des ~Hermes~, „in der er herrscht“.
Desgleichen sagt ~Isis~ in der weiter oben wiederholt erwähnten
hermetischen Schrift „Κόρη κόσμου“ gelegentlich einer Erzählung ihrer
gemeinsam mit ~Osiris~ betriebenen Entzifferung uralter Schriften des
~Hermes~: „Diese Offenbarung gab mir ~Kamephis~ zugleich mit der über
das τέλειον μέλαν“ (= das vollendete Schwarze = die Chemie)[3453].
-- Wie ersichtlich bilden alle diese Umstände wichtige Stützen
der Auffassung ~Hoffmanns~, daß χημεία (Chemeía) nichts anderes
bedeute, als die „Beschäftigung mit dem Schwarzen“; sie lassen ferner
vermuten, daß der Titel „κόρη κόσμου“ nicht, wie frühere Forscher
wollten, ausschließlich mit „Pupille der Welt“, aber auch nicht,
nach ~Zielinski~, allein mit „Jungfrau der Welt“ zu übersetzen sei,
daß vielmehr von vornherein ein Doppelsinn beabsichtigt war, der es
ermöglicht, die Überschrift nach Belieben bald in der einen, bald in
der anderen Weise auszulegen. Gerade in der von ~Zielinski~ zugunsten
seiner Meinung angeführten Stelle aus ~Zosimos~, daß die Κόρη den
„Geist“ in sich aufnehmen und so die übrigen Metalle gebären solle,
tritt dieser Doppelsinn deutlich zutage, indem ebensowohl die „Pupille“
(χημία, das Schwarze), wie die „Jungfrau“ als „Muttersubstanz“ der aus
ihr hervorgehenden Derivate angesehen werden kann, -- wobei an die
Parallelisierung des großen Werkes mit der Schwangerschaft zu erinnern
ist, an die des Mutterschoßes mit dem „Gefilde der Entstehung“,
sowie an die des Hervorgehens des Fötus (aus der τετρακτύς genannten
Vierheit der Elemente) mit jenem des Goldes (aus der als Tetrasomie
bekannten Vierkörperschaft der unedlen Metalle)[3454]. Als „Geister“,
die „aufzunehmen“ sind, galten ursprünglich wohl die altbekannten
„weißenden“ und „gilbenden“; in der Folgezeit jedoch stand an erster
Stelle der Allgeist des ~Hermes~ (~Merkur~), das Quecksilber, und
tatsächlich ist in der uns vorliegenden, spät redigierten Form des
„Schreibens der ~Isis~“ die „Fesselung des Quecksilbers“ das erste
Geheimnis, in das ~Horos~ seitens seiner Mutter eingeweiht wird[3455].
d) Zosimos.
Als Entstehungszeit der Schriften des ~Zosimos~ läßt sich mit
ziemlicher Sicherheit die um 300 angeben, denn ~Synesios~ (vor 390)
benützt sie, ohne jedoch den Namen des Verfassers zu nennen, und dieser
selbst zitiert den ~Porphyrios~ (232-301?) und spielt an einer Stelle
auf ~Manichaios~ (gest. 277) an (+nicht+ auf ~Zoroaster~!)[3456]. Er
war Mitglied der ~Poimandres~-Gemeinde[3457], ebenso wie ~Theosebeia~,
die er nur in bildlichem Sinne „Schwester“ nennt; sein ihr gewidmetes
Hauptwerk bestand aus 28 Büchern, angeblich zu je vieren den sieben
Sphären zugeteilt und geordnet κατὰ στοιχεῖον (nach dem Alphabet),
wobei sich den 24 griechischen noch 4 koptische Buchstaben anreihten,
und jedes Buch wie einem Buchstaben so auch einer Gottheit entsprach,
z. B. das öfters erwähnte 9. dem i (Jota) und dem ~Imuthes~[3458].
Dieser ~Imuthes~, ägyptisch ~Imhotep~, war ursprünglich (wie schon
oben erwähnt) ein Baukünstler und Pyramiden-Erbauer zur Zeit des
Königs ~Zoser~ um 3000 v. Chr.[3459], wurde später auch als Urheber
sonstiger Künste und vor allem der Heilkunst angesehen, weiterhin als
„Sohn des ~Ptah~“ (~Hephaistos~) vergöttlicht und dem „~Asklepios~,
Sohn des ~Hephaistos~“ gleichgesetzt, sowie mit dem Symbol dieses
chthonischen Geistes, der Schlange, in Form des Schlangenstabes
ausgestattet, der zuerst auf einer Münze der Stadt Magnesia aus dem 3.
Jahrhundert v. Chr. nachgewiesen ist[3460]. Schließlich galt er auch
als großer Meister aller Geheimkünste, Wunderarzt, Zauberer, Astrolog
und Alchemist[3461], und als solchen kennt ihn auch ~Zosimos~, dessen
syrische Übersetzung das fragliche Buch ausdrücklich „Buch ~Imuthes~,
über alles was mit der Hand gearbeitet wird“ zubenennt[3462]. Dieser
an die „Cheirókmeta“ des ~Demokritos~ mahnende Titel bestätigt die
Richtigkeit der Vermutung, daß ~Zosimos~ ursprünglich für sein Werk
das des ~Demokritos~ als Vorlage benützte, es aber durch Auszüge
aus sonstigen Schriften, Zusätze theoretischer und praktischer Art,
polemische Bemerkungen (gegen ~Paphnutia~, ~Neilos~ und andere) usf.
erweiterte, sowie den 24 älteren Büchern („τὰ κατ’ ἐνέργειαν“ = „Über
die Kräfte“ genannt) noch vier neue, eigenartig mystische hinzufügte,
deren Inhalt in inniger Beziehung zur Litteratur der Zauberpapyri,
der Gnostiker, Neupythagoräer, Hermetiker, ~Mithras~-Diener und
Schlangen-Verehrer (Ophiten) steht[3463].
Der merkwürdigste Abschnitt in den Schriften des ~Zosimos~, die große
dämonisch-ekstatische Vision, in der die Zerstückelung des Leibes,
das Abschaben des Fleisches und das Lostrennen des Kopfes an die
sog. „sekundäre Bestattung“ der ägyptischen Urzeit mahnt[3464],
ist sichtlich die alchemistische Umgestaltung einer theologischen
Vorlage, zeigt Magie und Theologie in engster Berührung und stellt den
vollkommenen Alchemisten auch als wahren Propheten und vollendeten
Inhaber der Gnosis hin[3465]. Offenbar liegt ihr, ganz so wie einer
ähnlichen Stelle bei ~Komarios~, die übliche ägyptisch-hellenistische
Hades-Vision zugrunde[3466], der Überarbeiter hat aber die Vorgänge
umgedeutet und in die Bilder der Mysteriensprache chemische
Reaktionen hineingeheimnisst, immer von der Auffassung ausgehend,
daß die Chemie ein Bestandteil der Magie und die Magie ein solcher
der Priesterwissenschaften sei[3467]: daher ist der „Führer“ ein
μέγας ἱερεύς (Großpriester), ein ἱερεὺς τῶν ἀδύτων (Priester im
Allerheiligsten), ein φύλαξ πνευμάτων (Hüter der Pneumata) und
selbst ein Pneuma[3468]; Wiedergeburt und Auferstehung betrifft die
toten Leiber der Metalle und erfolgt „durch den Mutterschoß des
Feuers“[3469]; der Leib (σῶμα) der Metalle empfängt ψυχή (Seele
= niedriges vegetabilisches Leben) und πνεῦμα (Pneuma = höheres
geistiges Leben), oder auch πνεῦμα θεῖον (göttliches Pneuma) allein,
-- denn zum pneumatisch Vollendeten macht erst das gänzliche Aufgehen
im Pneuma unter Verlust der immer noch gemeineren Psyche[3470]; die
leiblichen Reste der Metalle bleiben im Abýssos (Abgrund) zurück,
während sich die reinen, der Verwandlung in alle Gestalten fähigen
Geister (Pneumata) von ihnen lösen, emporschweben und so, neugeboren
dem Mutterschosse entsteigend, als ἀνθρωπάρια (homunculi, Menschlein)
erscheinen, -- wobei es nicht als ein Widerspruch +mehr+ empfunden
wird, daß der μολυβδάνθρωπος, das Blei-Menschlein, auch wieder die
Gestalt eines uralten Mannes zeigt[3471], vielleicht um anzudeuten,
daß das Blei als Urahne und Stammvater +aller+ Metalle anzusehen sei.
Einen außerordentlich merkwürdigen symbolischen Zug bringt noch der
Schluß der Vision: dem Ekstatischen erscheint nämlich das „heilige
Pneuma“ auch in Gestalt des „Sohnes Gottes“, der in die Materie sinkt,
wieder aus ihr aufsteigt und sich in alle Gestalten verwandelt, um die
Seelen zu retten und emporzuheben, hierin durchaus erinnernd an den
Gottmenschen ~Anthropos~ der Hermetiker, den Urmenschen der Manichäer,
den ~Thot~ und ~Adam~ der Gnostiker und Synkretistiker usf.[3472].
Der Altar mit den ursprünglich 15 Stufen (κλίμακες), den ~Zosimos~ vor
sich sieht, geht, als Symbol der Himmelsleiter, wie auf orientalische
so auch auf altägyptische Vorstellungen zurück, jung ist aber seine
(unter Verminderung der Stufenzahl auf 7 vollzogene) Verbindung mit
den sieben Sphären, die selbst wieder an die der jüngeren ägyptischen
Zeit wohlbekannten „sieben Hallen“ angegliedert wurden, deren u. a.
schon das „Totenbuch“ gedenkt[3473]. Im „Tempel der 7 Sphären oder 7
Tore“ (d. i. der sieben Himmel), der mit sieben Inschriften in sieben
Sprachen geschmückt ist, befindet sich nach dem späten (syrischen)
~Zosimos~ ein Zauberspiegel aus Elektron, „Auge Gottes“ genannt und von
πνεῦμα θεῖον (göttlichem Pneuma) so sehr erfüllt, daß die Seele, in ihn
schauend, selbst Pneuma empfängt und höchste Reinheit erlangt[3474];
dieser Tempel ist wohl der nämliche, in dem ~Ostanes~ die berühmte
Zaubertafel, „enthaltend die Summe aller Weisheit“, aufgefunden haben
soll (s. oben).
Dem großen Mystiker und Pneumatiker ~Zosimos~ hat die Folgezeit
auch noch ein äußerst prosaisches Werk zugeschrieben, nämlich eine
Anweisung zum Bierbrauen, dessen spärliche Überreste 1814 ~Gruner~
herausgab[3475]; in einem von ~Wessely~ verglichenen Manuskripte aus
dem 14. Jahrhundert ist indessen ~Zosimos~ gar nicht als Verfasser
genannt.
e) Pibêchios.
Zwischen der Schrift des ~Pibêchios~ und einem Buche des ~Ostanes~,
das nur in arabischer Übersetzung und Überarbeitung erhalten ist (s.
unten), besteht nach ~Reitzenstein~[3476] fraglos enger Zusammenhang;
auch entspricht bei beiden Autoren der „Tempel der sieben Tore“, der
sieben Hallen enthält, in die man nacheinander gelangt, durchaus der
hellenistisch-ägyptischen Vorstellung vom Himmel, aber auch von der
Unterwelt (die nach +alt+ägyptischer Anschauung nur +einen+ Raum
umfaßt, in den sieben Tore führen). Von ~Pibêchios~ und ~Ostanes~
leiten aber weitere Fäden auch zu einem Werke hinüber, das wir nur mehr
in arabischer Umformung (etwa des 9. Jahrhunderts?) kennen, dem sog.
„Buche des ~Krates~“ (s. unten); dieser ~Krates~, der „der göttliche“
benannt wird und so auch im Leidener Papyrus V heißt, ist kein anderer
als „der göttliche ~Chrat~“, d. i. ~Horos~, das göttliche Kind der
~Isis~ (chrat äg. = Kind, s. ~Harpokrates~, die Zauberer ~Pachrates~,
~Pankrates~ usf.). ~Horos-Chrat~ ist auch ein Offenbarungsgott und
Verfasser heiliger Bücher, und das „Buch des ~Krates~“ schöpft aus
einer solchen, griechisch abgefaßten Offenbarungsschrift; sie ist
älter als das 2. Jahrhundert v. Chr. und handelt u. a. von der Vision
der sieben Himmel[3477], vom Kampfe mit dem großen Drachen, sowie von
der Erlangung des geheimen Wissens, das man in höchster Vollendung
nur im Totenreiche erwirbt. Diese Vorlage des „Buches des ~Krates~“
hinwiederum berührt sich in vieler Hinsicht mit einer Erzählung aus
der ebenfalls um das 2. Jahrhundert v. Chr. redigierten Sammlung
ägyptischer Zaubernovellen: ihr Gegenstand ist anscheinend nur die
Aufsuchung des von Gott ~Thot~ selbst geschriebenen Zauberbuches, das
auf einer entlegenen Insel in sechs, ursprünglich wohl sieben Kisten
aus sieben verschiedenen Stoffen aufbewahrt wird; in der Tat spiegelt
sie aber einen uralten Mythus wieder, nämlich den von der Erlangung
höchster Weisheit in den sieben Hallen des Himmels. Demgemäß erwirbt
man noch in später Zeit die Gnosis, das kraftspendende Wissen, durch
Lesen der Inschrift auf einer Stele aus wundervoll glänzendem Metalle
in der innersten der sieben Himmelshallen; an diese Vorstellung wieder
erinnert der aus Elektron verfertigte Zauberspiegel ~Alexanders des
Grossen~, von dem (der syrische) ~Zosimos~ berichtet, „der Spiegel,
der da steht über dem Tempel der sieben Tore, die den sieben Himmeln
entsprechen“, sowie auch eine in abgeänderter Form bei den Mandäern
erhaltene Spiegelsage. Der letztere Umstand deutet auf einen
ursprünglich babylonischen Mythus, unter dessen Einfluß die ältere
ägyptische ~Horos~-Überlieferung schon in früh- oder vorhellenistischer
Zeit umgebildet wurde; diese Tatsache erscheint für Anfang und Art des
orientalischen Synkretismus von hoher Wichtigkeit.[3478]
f) Kunstausdrücke und Anschauungen der griechischen Alchemisten.
Hinsichtlich aller Betrachtungen über die griechischen alchemistischen
Schriften ist vorweg daran zu erinnern, daß diese uns, wie schon
vor fast hundert Jahren ~Sprengel~ betonte[3479] und wie neuerdings
~Riess~[3480], ~Kroll~[3481] und ~Diels~[3482] hervorhoben, fast
durchwegs nur in später und vielfach überarbeiteter Form vorliegen,
so daß nach ~Diels~ nur einige Wenige noch Inhalt und Form aufweisen
dürften, die den ursprünglichen, wohl gegen Ende des 1. und im
Laufe des 2. Jahrhunderts n. Chr. vollendeten Werken zukamen. Nicht
nur die unter magischen und mystischen Einflüssen entstandenen
Pseudepigraphen und Apokryphen, sondern auch Abhandlungen wie die des
~Zosimos~ und seiner Nachfolger unterlagen zweifellos wiederholten
und oft zu bestimmten Zwecken (z. B. Verchristlichung) vorgenommenen
Umgestaltungen und Verdunkelungen, die desto eingreifender ausfielen,
je ferner die jüngeren Verfasser als bloße Theoretiker und
Kommentatoren der chemischen Praxis standen und je weniger Sachkenntnis
sie daher besaßen. Erst gegen Ende des 7. Jahrhunderts, also nachdem
die Alchemie bereits zu den Syrern, ja selbst zu den Arabern gedrungen
war, dürfte in Konstantinopel jene Sammlung chemischer Schriften
entstanden sein, von der wiederum auch die besten noch vorhandenen
Manuskripte, wie die in Venedig und Paris, nur mehr unvollständige und
erheblich verstümmelte Überreste vorstellen; aber auch diese harren
zur Zeit noch einer neuen, wirklich zuverlässigen und wissenschaftlich
einwandsfreien Ausgabe, denn darüber, daß die von ~Berthelot~
und seinen Mitarbeitern besorgte den billigerweise zu stellenden
Anforderungen durchaus nicht entspricht, sind heutzutage wohl alle
Sachkenner der nämlichen Meinung.
Sämtliche alchemistischen Autoren[3483] stimmen darin überein, daß
die Alchemie in engster Verbindung mit Mystik, Magie, Geisterbannen
und Mantik stehe, und daß, wie für letztere schon nach den Stoïkern
und Neupythagoräern, so auch für sie die wichtigste Vorbedingung des
Erfolges kultische Reinheit „des Herzens wie des Körpers“ sei (zu
bewähren u. a. durch Keuschheit und entsprechende Ernährung), ferner
sittliches Wohlverhalten, Tugend, Frömmigkeit, selbstlose Gesinnung,
Freisein von Neid, Eigennutz und Habsucht, endlich Anstreben des
großen wissenschaftlichen Zieles der Metallverwandlung und +nicht+
bloßer Gewinnung von Gold, die ja ohnehin nur zu allgemeinem
Reichtum und dadurch zur völligen Verderbnis der gesamten Menschheit
führen könnte[3484]. Einzig der von solchen Gesinnungen Erfüllte
ist „würdig“, und nur dem Würdigen wird „Gnade von oben“ zuteil,
befähigt ihn zu tiefstem seelischem Versenken, zu Wahrträumen und
Visionen, eröffnet ihm das Verständnis für die „großen Geheimnisse
der ägyptischen Priester“, die diese aus Eifersucht und Aberglauben
entweder ganz verbergen, oder nur mündlich oder in rätselhafter „die
Dämonen täuschender“ Form mitteilen, und macht ihm die „heilige Kunst“
leicht wie die Arbeit eines Kindes, so leicht wie Kinderspiel oder
Weiberwerk[3485].
Erste und unumgängliche Voraussetzung für das Gelingen des „großen
Werkes“ ist die Zurückführung der unedlen Metalle in die form-
und eigenschaftslose, dunkle, chaotische, das Substrat jeder
weiteren Verwandlung bildende Urmaterie: sie ist das „Fundament“,
unsere Schwärze, unser Kupfer, unser schwarzes Kupfer, unser Blei,
unser schwarzes Blei, die Schwärze (μελανία, Melanía) des Stimmi
(Schwefelantimons), unsere Magnesia (hier = Braunstein)[3486],
die schwarze Brühe, der schwarze Saft, die schwarze Schmelze des
Stimmi[3487], die schwarze Asche, Schlacke und Kohle, die Schwärze der
Krähen und Raben, die schwarze Färbeflotte[3488], die Farbe, Schwärze
und Rußkohle der Schreiber, die vollendete Schwärze (πάνυ μέλαν, die
Blüte der Schwärze (μελάνθιον)[3489], das [noch] schwarze Gold (χρυσὸς
μέλας)[3490], der „Inhalt der Theorie und Praxis“, der „Inbegriff der
10000 Geheimnisse und Bücher“, das „seit Aeonen Gesuchte“[3491]; sie
ist unsere Erde, die schwarze und negergleiche, unsere äthiopische
Erde, die Erde unseres Landes Äthiopien, die da aus den Gräbern
der Unterwelt Pflanzen, Blüten und göttliche Früchte emporschießen
läßt[3492], die da hervorbringt den „Stein der Weisen“, den „Stein
der Philosophen“, den „etesischen Stein“, der alle sieben Farben der
sieben Planeten in sich birgt[3493]. Um zu der „Rechten“ unter diesen
zu gelangen, bedient man sich, wie beim Färben der Kleiderstoffe, der
Zusätze und Beizen[3494]: in Leinenbinden eingewickelt unterwirft man
die Rohstoffe der großen „Tarichéia“ (Einbalsamierung, Einsalzung,
Einpökelung)[3495], der „großen Sepsis der ~Isis~“[3496], wobei
sie unter dem Einflusse der Salze, der Schwefel, der heiligen
Wässer usf., Metabolé (Umänderung) und Alloíosis (Artverwandlung)
erfahren[3497], kenntlich und ersichtlich durch den entsprechenden
Wechsel der Farben[3498]; diesem unterliegt die Urmaterie, unbeschadet
der Erhaltung ihrer ursprünglichen und einheitlichen Natur, nicht
anders als das Chamäleon[3499], und „Chamäleon“ nennt man deshalb
auch „unser Blei“[3500], wenn es in Gold verwandelt wird, „besser und
schöner als das natürliche“[3501]. Das Wissen um die Alloíosis war
ehemals den „ägyptischen Priestern“ vorbehalten[3502], es war das
ihnen von ~Hermes~ offenbarte und hieß daher „hermetische Kunst“, ganz
ebenso wie der von ihm erfundene luftdichte Verschluß „hermetischer
Verschluß“[3503]. Im Hinblicke auf dieses Wissen sagte der große
~Ostanes~: „man erflehe von den Göttern Einsicht in die ‚Pupille des
Auges‘ (= Chemi, das Schwarze)“, und „man verberge das Geheimnis der
Kunst der Pupille des Auges“; auch verglich man „das Schwarze und das
Weiße“ (für die es verschiedene Deutungen gab) mit der Pupille (Κόρη,
Kóre) des Auges und mit der „~Iris~ des Himmels“, die alle Farben in
sich enthält[3504].
Insoferne das große Werk die Vereinigung der aufeinander wirkenden
Substanzen zu einer neuen erfordert, verrät es völlige Analogie mit
einer Neuschöpfung im Kosmos[3505] oder einer Neuentwicklung im
Pflanzen- und Tierreiche. Wie nach ~Aristoteles~ Feuer wiederum Feuer
hervorbringt, der Ölbaum den Ölbaum, der Weizen den Weizen, der Mensch
den Menschen, so erzeugen auch Gold, Silber und Elektron wieder Gold,
Silber und Elektron, wenn man ihre „Samen“, z. B. kleine Mengen der
feinsten Pulver, in der richtigen Weise aussät, mit den rechten Wässern
begießt und sorgfältig pflegt[3506]; der Untergrund des „Kupfers“
schwillt auf und „gärt“, es sprießen Pflanzen (βοτάναι, Botánai),
die so wie Kräuter und Bäume wachsen, es zeigen sich ἐξανθήματα
(Exantheme, Effloreszenzen)[3507], es entfalten sich Blüten[3508] und
schließlich reifen „Früchte“[3509], deren „Wangen sich röten“[3510].
Aber auch einer Schwangerschaft gleicht das große Werk[3511]; die
Vermählung (συγγένεια) der Naturen, deren schon ~Platon~ gedenkt,
bildet seine Grundlage[3512], und nur durch Vereinigung des Männlichen
(ἄρσην, Arsen) und Weiblichen kann man es vollbringen[3513] und so das
„Ziel der Kunst“ erreichen[3514]. Wenn sich die männlichen, aktiven,
aufwärts (ἄνω) strebenden Elemente, Feuer und Luft, mit den weiblichen,
passiven, abwärts (κάτω) strebenden, Wasser und Erde, vereinigen[3515],
wenn z. B. der (geschmolzene schwarze) Schwefel mit dem (weißen)
Quecksilber den Zinnober zeugt (τίκτει), so entsteht das neue Wesen
(ἀνθρωπάριον, Menschlein) in der Phiole nicht anders, wie der Embryo
in der Matrix[3516]: aus dem schwarzen Menstrualblute und dem weißen
Sperma, dem „Schwarzen und Weißen“, dem „Schwefel und Quecksilber“, dem
„Kupfer und Quecksilber“, der „~Aphrodite~“ und dem „~Hermes~“, geht
der Fötus hervor, das Neugeborene, das Menschlein, das ζῶον (Lebende),
der Keim, das Ei, das Gebilde mit den 10000 und mehr Namen[3517], es
reift „bei richtiger Pflege und Ernährung unter passender Wärme und
durch die geeigneten Wässer“ zur „Vollendung“ heran[3518], erreicht
diese innerhalb einer Zeit, die nach den einen 9 Stunden beträgt[3519],
nach anderen 7, 14, 21, 40, 41 oder 110 Tage[3520], nach noch anderen
4, 6, 9 oder 12 Monate[3521], und tritt dann zur Welt, soferne kein
vorzeitiges Absterben (νέκρωσις = Nékrosis), keine verfrühte Entbindung
und keine Fehlgeburt erfolgt ist[3522]. Derlei Mißgeschicke können
namentlich die Einflüsse und Ausströmungen der Planeten bewirken, z. B.
die des Mondes (σεληνιακὴ ῥεῦσις)[3523], aber auch Neid und Mißgunst
der Dämonen[3524], sowie Fehler bei der Ausübung der „Kunst“; daher ist
es von der größten Wichtigkeit, jene Einflüsse der Planeten (besonders
des ~Hermes~) und der Tierkreiszeichen zu kennen[3525], die günstige
Jahreszeit des „philosophischen Monates“, der „belebenden Nilschwelle“,
der „Etesien“ abzuwarten[3526], die geeigneten Augenblicke zu
benützen[3527] und endlich die Regeln der Sympathie und Antipathie,
die Formeln, Handlungen, Gebete, Beschwörungen usf. auf das genaueste
zu beherrschen[3528], denn mittels der Kräfte des Rituals und des
magischen Wissens „zwingt man zum Dienste die Natur, die mehr vermag
als die Menschen“[3529].
Weil unser Kupfer, unser Blei, unsere Magnesia durch die Wärme
„ausgebrütet“ wird, nennt man sie auch „Ei der Philosophen“,
„philosophisches Ei“, „vogelentsprossene Masse“ (ὕλη ὀρνιθογονία)[3530].
Wie aber das Ei zwar ein einheitliches Ganzes darstellt, trotzdem
jedoch Schale, Haut, Weißes und Gelbes in sich enthält „als
Viereinigkeit, die doch nur Eines ist“ (τὰ δὲ τέσσαρα ἕν)[3531], so
umfaßt auch das philosophische Ei, unbeschadet seiner Einheit, die
Tetrasomie des Kupfers, Bleies, Zinns und Eisens[3532] und stellt in
seiner Fähigkeit „zu allem zu werden und sich zu allem zu entwickeln“
das ἕν τὸ πᾶν (Alles in Einem, Eines in Allem) dar, den seit Aeonen
gesuchten und endlich gefundenen „großen ~Pan~“, dessen Symbol, sie
sich in den Schwanz beißende Schlange, daher auch ihm zukommt[3533].
Das philosophische Ei +ist+ schon Gold und Silber, es birgt das Gold
und Silber schon in sich, freilich nur der δύναμις (Möglichkeit)
nach und noch „in seinem Inneren verborgen“ (ἔνδον κέκρυπται)[3534],
aber ebendeshalb ist weiter nichts mehr nötig, als „die Natur
herauszukehren“ (φέρειν ἔξω τὴν φύσιν), damit man das Erstrebte auch in
Wirklichkeit (ἐνεργείᾳ) besitze[3535].
Wie schon die Zusammenfassung von Kupfer, Blei, Zinn und Eisen unter
dem Namen der „Tetrasomie“ (Vierkörperschaft) erweist, sind diese
gemeinen Metalle bloße „Körper“ (σώματα, στοιχεῖα), und zwar tote
Körper (νεκροί), im Grabe liegend, ja selber dem „Grabe des ~Osiris~“
vergleichbar[3536], und es gilt, sie zu erwecken, zur Auferstehung
(ἀνάστασις) zu bringen und wiederzubeleben (ἐμψυχοῦνται)[3537]. Das
Mittel hierzu ist das Pneuma, das göttliche Pneuma (πνεῦμα θεῖον),
das sich des Körpers (des „Fleisches“, der „Hyle“) bemächtigt, sich
mit ihm verbindet und auf ihm „fixiert“, -- ohne aber hierbei, als
bloßer Geist, eine Gewichtsveränderung zu bewirken[3538] --, ihn
beherrscht, befreit, reinigt, durch Metabolé und Alloíosis „auf höhere
Stufe hebt“ und „veredelt“, kurz zu einem „pneumatischen“ macht (σῶμα
πνευματικόν)[3539]. Diese Erfüllung des Toten mit neuer Seele (ψυχή,
Psyche) und neuem Geist (πνεῦμα, Pneuma) ist „das große Wunder“,
„die große Vollendung“, „das große Mysterium“[3540] und vollzieht
sich nach den einen schon in 9 Stunden, nach den anderen erst binnen
Jahresfrist, innerhalb der „feurigen Sphäre“, unter dem Einflusse der
αἰθάλη (des Rauches, Dampfes), des πνεῦμα βαπτικόν (färbenden Pneumas),
das das Innere der Naturen verwandelt und diesen Vorgang zugleich auch
äußerlich durch die „Umfärbung“ zutage treten läßt[3541]. So wird das
schwarze Blei, das „Grab des ~Osiris~“, oder auch das gemeine schwarze
Kupfer, in „pneumatisches Kupfer“, in „vollendetes Kupfer“ übergeführt
(χαλκὸς πνευματικός, χαλκὸς τέλειος = Gold)[3542], das „einen neuen
Leib angenommen hat“ (μετασωματούμενος) unter dem Zwange (ἐξ ἀνάγκης)
des „Gebieters der Pneumata“ und „Herrn des Tempels“ (φύλαξ πνευμάτων;
οἰκοδεσπότης)[3543]; als Gebieter und Herr wird hierbei, allegorisch
umschreibend, der Chemiker bezeichnet, der Tempel aber ist der
chemische Apparat, das „heilige Gebäude (δῶμα ἱερατικόν des Ofens“, die
Phiale (φιάλη), d. i. die Kuppel, jedoch auch das Glasgefäß[3544] das
Knúphion (knouphion), d. i. der dem Kopfputze des ~Knuph~ (~Chnubis~)
ähnliche Aufsatz des Destillationskolbens (βίκος, βῆκος, βύκος, βίκιον,
Ambix, Dibikos, Tribikos)[3545] usf.
Beim Arbeiten mit solchen Gefäßen, namentlich aber bei der Sublimation
und Destillation, vollzieht sich die Trennung der Substanzen, ἄνω und
κάτω, gemäß dem Spruche „Nach oben das Himmlische, nach unten das
Irdische[3546]: das Schwere, Passive, Weibliche, zu Wasser und Erde
Gehörige bleibt von vornherein in der Tiefe der Unterwelt[3547], oder
sinkt wieder herab in den finsteren Abgrund, den Abyssos, den dunklen
Hades[3548], das Leichte, Aktive, Männliche, zu Luft und Feuer Gehörige
steigt hingegen als zarte Wolke empor (ἄρσις νεφέλης), schwebt nach
oben (ἀναβιβάζων) und erhebt sich als ätherisches Pneuma (πνεῦμα
αἰθερώδες) zur höheren Sphäre[3549]. Von ausgesprochen pneumatischer
Natur sind vorzüglich die verschiedenen Schwefel, das gelbe und rote
Arsen [Auripigment und Realgar], das weiße Arsen [Arsenigsäure], die
beiden Quecksilber [Quecksilber und metallisches Arsen], sowie die aus
allen diesen bereiteten θεῖα ὕδατα (göttlichen Wässer)[3550]; daher
nehmen sie alle ihren Weg ἄνω [d. h. sie sublimieren und destillieren]
und sind erfüllt von körperbelebender Kraft und Färbevermögen[3551].
Eine eigentümliche Rolle unter ihnen spielt jedoch das Quecksilber:
bald ist es ein leichter Dunst, ein flüchtiger Hauch (πνεῦμα φεῦγον)
männlicher Art, bald ein schwerer Körper (σῶμα), ein silbernes Wasser
(ἀργύριον ὕδωρ) weiblichen Charakters[3552], das sich als weißes
jungfräuliches Mineral (παρθένος γῆ) mit dem roten σπέρμα ἄρῥηνος
vereinigt [dem „männlichen Sperma“, oder auch dem „Sperma des Arsens“,
d. h. dem aus dem roten Realgar gewonnenen Schwefel] und hiernach den
Zinnober (= Gold) gebiert (τίκτει)[3553]; demgemäß wird es mit Recht
als ein Zwitter angesehen, als ein σῶμα ἀσώματον (unkörperlicher
Körper), als etwas was „ein Metall und kein Metall“ ist[3554].
Manche nennen auch alles das, was beim Sublimieren oder Destillieren
irgendwelcher Materien nach oben steigt, „ihr Quecksilber“[3555] und
erblicken daraufhin im Quecksilber eine Grundsubstanz sämtlicher
Stoffe, hauptsächlich aber der Metalle[3556]; nach der „Lehre der
alten Ägypter“ ist hingegen die allgemeine Ursubstanz (Materia prima)
das Blei, das sich leicht in weißes Bleiweiß, schwarzes Schwefelblei,
gelbe Bleiglätte, rote Mennige und noch vieles andere verwandeln
läßt (μετατρέπεται)[3557], ein Zubehör des ~Osiris~, des Herrn ὑγρᾶς
οὐσίας (des Flüssigen, Schmelzbaren) darstellt, daher auch als
„etesisches Metall“ durch die „Nilschwelle“ neubelebt wird usf.[3558].
Unter der Nilschwelle und ihrer belebenden Flut sind die heiligen
Wässer (göttlichen Wässer, θεῖα ὕδατα) zu verstehen, die „alles an
allem vermögen“ (πᾶν ἐν πᾶσι), die „Wässer des Mazachens“ (ὕδατα
μαζυγίου)[3559], die auf die „Maza unserer Magnesia“ einwirken wie die
Hefe (ζύμη) auf die Masse des Brotteiges[3560], sie zum Aufschwellen
und Zunehmen bringen und sie in eine Art Silber- und Gold-Gärung
versetzen (χρυσοζυμία), namentlich wenn man als Samen (χρυσόσπερμα)
noch einige Silber- oder Gold-Flitter beifügt[3561], die man z. B.
zweckmäßigerweise am Ende des Rührstockes befestigt[3562].
Träger dieses Samens kann aber auch ein besonderes Präparat sein,
„der Stein der kein Stein ist“[3563], der „philosophische Stein“, der
„Stein der Weisen“, der „Stein der Philosophen“ (λίθος τῆς φιλοσοφίας,
τῶν φιλοσόφων)[3564]; als Ergebnis der „heiligen und göttlichen
Kunst der Philosophen“[3565] heißt er nach diesen ebenso, wie der
„Kalk der Philosophen“ [= Bleioxyd], der „Kitt der Philosophen“,
der „Dreifuß der Philosophen“ usf.[3566], wenngleich unter λίθος
schlechthin nicht selten das metallische [das Kupfer weißende] Arsen
verstanden wird[3567]. Auch mit dem Namen des trockenen Streupulvers
der Ärzte, ξήριον (Xérion), wird dieser Stein bezeichnet[3568], und
wie das medizinische Xerion krankes und bleiches Blut in gesundes und
rotes verwandelt, so „rötet“ auch das philosophische „die Wangen der
Kranken“[3569] und ergibt κινναβάρι τῶν φιλοσόφων (philosophischen
Zinnober = Gold), das „Ende des Werkes“ und „Pléroma der Kunst“[3570];
da aber Gold selbst „allein frei ist von aller Krankheit“[3571], so
verleiht auch das Gold-erzeugende Xerion zugleich Gesundheit und langes
Leben, ist die Panacee für alle heilbaren und unheilbaren Krankheiten,
-- auch für die große und unheilbare Krankheit der Armut[3572] --, und
bewährt sich so als der seit Äonen gesuchte und endlich gefundene große
~Pan~[3573].
Daß schon Spuren des Xerions beim Einstreuen (ἐπιβάλλειν, projizieren)
eine so mächtige, jener der Hefe vergleichbare Wirkung entfalten,
erklärt sich aus der ungeheuren Kraft seiner pneumatischen Natur[3574],
durch die der „hieratische schwarze Stein“ (ἱερατικὴ λίθος μέλαινα)
alle zauberischen Kräuter (βοτάναι) und Mineralien, ja selbst den
Ätzkalk (gebrannten Kalk) völlig in Schatten stellt[3575]. Allerdings
muß aber das Xerion, um wahrhaft „unser Gold“ zu sein, d. h. wirklich
~Mithras~ (= Sonne, Gold) zu ergeben und das „große mithrische
Mysterium“ mit durchschlagendem Erfolge ins Werk zu setzen, auch die
„+richtige+ Kraft“ (δύναμις, Dýnamis) und die „+rechte+, Wandlung
schaffende Qualität“ in sich führen, die einige für eine rein geistige
halten, andere aber zugleich für eine körperliche[3576]; wie auf der
Kerotakis (Palette) des Malers auch ein nur geringer Zusatz richtiger
Farbe der ganzen Mischung den gewünschten Ton verleiht, so bewirkt
dies auf jener des Chemikers schon eine kleine Beigabe solchen echten
Xerions[3577], das sich dadurch als ein Wunder der Kunst bewährt,
„das da führt unendliche geoffenbarte und geheime Namen, das zugleich
überall ist und nirgends, unauffindbar und allbekannt, billig und
unerschwinglich, verborgenes Geheimnis und greifbares Präparat“[3578].
Das Xerion richtig herzustellen und anzuwenden, so daß es aus der
Phiale das ανθρωπάριον (Menschlein) im „weißen“ glänzenden und im
„roten“ königlichen Gewande aufsteigen macht, lernt man in den heiligen
Kultstätten Ägyptens, doch auch Cyperns und Thraziens, sowie in den
Bibliotheken der Ptolemäer und der heiligen Tempel, besonders des
Serapeions; in diesen verkündigen die Bücher „zu Zehntausenden“ die
große Weisheit, -- verständlich freilich nur dem Eingeweihten, für
alle übrigen aber dunkel, doppelsinnig, allegorisch und mystisch
(μυστικῶς)[3579].