5. Herkunft alchemistischer Begriffe, Vorstellungen, Dogmen und Namen.

Für die Entwicklung der alchemistischen Theorien auf Grund der

griechischen Philosophie waren, wie ~Prantl~ schon 1856 in

seinem mehrerwähnten Aufsatze „Keime der Alchemie bei den Alten“

darlegte[3342], drei Quellen von größter Bedeutung; sie fließen aus

den Schriften des ~Platon~, des ~Aristoteles~ sowie der stoïschen

Philosophen und werden unter Aufnahme von allerlei Ägyptischem

und Orientalischem durch die Alexandriner zu einem großen Ganzen

vereinigt; nur von einem +großen+ Ganzen kann man sprechen, nicht

von einem +einheitlichen+, um so mehr, als neupythagoräische und

neuplatonische Anschauungen in stets wachsendem Umfange die Oberhand

gewinnen, verändernd und umgestaltend wirken. Maßgebend bleiben daher:

was ~Platon~ angeht die mystischen und schwärmerischen Lehren, was

~Aristoteles~ betrifft die spekulativen und deduktiven, und was die

späteren Philosophen anbelangt jene eklektischen und synkretistischen,

denen sich der alexandrinische Geist auf allen Gebieten mit

ausnehmendem Behagen anpaßte, und die seinem Charakter ganz besonders

angemessen erschienen[3343].

In dem der griechischen Philosophie gewidmeten Abschnitte der

vorliegenden Schrift sind die für die Vorgeschichte der Alchemie

bedeutsamen Forscher genannt und ihre Systeme insoweit erörtert worden,

daß es genügen dürfte, kurz auf sie zurück zu weisen, wenn nunmehr der

Versuch gemacht werden soll, die Entwicklung einiger der wichtigsten

einschlägigen Begriffe zusammenfassend in möglichster Kürze zu

schildern[3344].

Der φύσις (Phýsis) genannte +Urstoff+ der jonischen Philosophen geht

in die vier Elemente und weiterhin in die Einzelstoffe durch μεταβολή

(Metabolé = Umänderung) über, deren qualitative Abart die ἀλλοἰωσις

(Alloíosis = Artverwandlung) ist; die vier Elemente verwandeln sich

wechselseitig entweder unmittelbar ineinander, wie bei den Eleaten

und ~Melissos~, oder auf dem Umwege über den form- und gestaltlosen

Urstoff, wie bei ~Platon~. Bei ~Aristoteles~ entstehen aus der

Ursubstanz (πρώτη ὕλη = erste Substanz) die vier Elemente und aus

diesen die Einzeldinge, jedoch so, daß sie stets +alle vier+ Elemente

enthalten, wenn auch in den verschiedensten Verhältnissen; dabei sind

zwar die Elemente wechselseitigen Überganges fähig, nicht aber die

Einzeldinge, es kann also z. B. Essig wieder zu Wein nur so werden,

wie ein Toter wieder zu einem Lebendigen, d. h. er muß zunächst in die

gemeinsame πρώτη ὕλη oder Ursubstanz zurückverwandelt und aus dieser

dann neu individualisiert werden. Die ὕλη (Hýle) ist bei ~Philolaos~

und ~Anaxagoras~ = Holz, Bauholz, Materia[3345], bei ~Platon~ im

nämlichen Sinne das allgemeine Baumaterial, Mutter und Schoß aller

Wesen, bei ~Aristoteles~ als πρώτη ὕλη die bald rein potentiell, bald

auch körperlich aufgefaßte Urmaterie, bei ~Theophrastos~ aber ein

bestimmter Stoff. ~Platon~ nennt einen solchen σῶμα (Sóma, Körper),

bezeichnet aber mit diesem Worte gelegentlich auch die vier Elemente,

während ihm οὐσία (Usía) die beharrende wahre Substanz der Dinge ist,

ihr dauerndes Wesen; ~Aristoteles~ gebraucht σῶμα in gleicher Weise und

sieht in der οὐσία (jedoch nicht stets folgerichtig) das Wesentliche

und Seiende der Dinge. Die Stoïker nehmen οὐσία (die Urmaterie),

sowie ὑποκείμενον (= das zugrunde liegende, den Grundstoff) für

gleichbedeutend mit Hyle an und setzen der πρώτη ὕλη zuweilen noch eine

πρωτίστη (allererste) zur Seite; die Einzeldinge bestehen für sie aus

Usia + (körperlicher!) Qualität und verändern sich, indem die erstere

Metabolé, oder die letztere Alloíosis erleidet. Bei den Neupythagoräern

ist πρώτη ὕλη = οὐσία, bei ~Simplikios~ ist sie = Urstoff im Gegensatze

zu σῶμα, dem Einzelkörper, und bei ~Plotinos~ = Urmaterie im Zustande

der Eigenschaftslosigkeit (στέρησις), die dunkle, chaotische, im

Schatten und Finstern liegende, die Ursache allen Übels (πρῶτον κακόν).

Durch Alloíosis kann bei ~Heraklit~ das Feuer zu allem Sonstigen

werden, bei den jonischen Philosophen und bei ~Zenon~ von ~Elea~ jedes

der Elemente zu einem der drei übrigen; bei ~Anaxagoras~ veranlaßt

sie die Wandelbarkeit durch Vermehrung oder Verminderung der Samen,

bei ~Platon~ bewirkt sie alle Übergänge, und bei ~Aristoteles~, der

auch hierin nicht ganz folgerichtig verfährt, ist die Materie fähig

der Umänderung, der Metabolé, insbesondere aber der qualitativen, also

der Alloíosis, der Artverwandlung. Die Stoïker lassen beide Begriffe

vielfach ineinander übergehen; bei den Neupythagoräern geschehen die

Veränderungen der Elemente vorzugsweise durch μεταβάλλειν (durch

Metabolé), bei den Neuplatonikern durch ἀλλοιοῦσθαι (durch Alloíosis).

Eine Reihenfolge, durch die Bestimmung +ἄνω-κάτω+ (nach oben, nach

unten), gibt zuerst ~Heraklit~ an; des nämlichen Ausdruckes bedienen

sich ~Philolaos~, ~Xenophanes~ und ~Parmenides~; bei ~Platon~ geschehen

die Umwandlungen ἄνω-κάτω in endlosem Kreislaufe, bei ~Aristoteles~

derart, daß die Menge der einzelnen Elemente im ganzen stets die

nämliche bleibt; die Stoïker versuchen zum Sprachgebrauche ~Heraklits~

zurückzukehren.

Die Gegensätze +aktiv-passiv+ finden sich schon bei ~Empedokles~

angedeutet, indem Wärme und Trockenheit der Luft und dem Feuer

anhaften sollen, Kälte und Feuchtigkeit aber dem Wasser und der Erde.

~Aristoteles~ bezeichnet Wärme und Kälte als aktiv, Trockenheit und

Feuchte als passiv; den Peripatetikern, den Stoïkern, dem Verfasser

der „Schrift von der Welt“ und den Neupythagoräern sind Feuer und Luft

aktiv, Wasser und Erde passiv, und dem ~Philo~ fallen die aktiven

Elemente mit den feinen zusammen, die passiven mit den groben.

Bestimmte Eigenschaften der Einzelstoffe können übrigens durch

abweichende, ja ganz entgegengesetzte, äußerlich verdeckt werden,

sie sind dann „verborgen“, lassen sich aber unter Umständen durch

„Herauskehren“ zur Geltung bringen, und dieser bereits bei ~Anaxagoras~

auftauchende Gedanke wird, insbesondere durch die Peripatetiker und

Stoïker, zu der umfassenden Lehre von der „Antiperístasis“ ausgebildet.

Vielfach schließt sich dem Gegensatze aktiv-passiv auch der

+männlich-weiblich+ (ἄρῥην καὶ θήλυ) an, der wieder in inniger

Beziehung zum ἀρῥηνόθηλυ, dem Mannweiblichen (Zwitterwesen) steht, wie

es bereits im ~Phanes~ der Orphiker (entlehnt dem persischen ~Zervan~?)

zutage tritt; vom Männlichen und Weiblichen redet schon ~Heraklit~,

die Vereinigung der Gegensätze (ἐναντία) gleicht nach ~Parmenides~ der

geschlechtlichen Vermischung des Mannes und Weibes (μιγῆναι), ~Platon~

spricht von einer wahren Vereinigung und Vermählung der Qualitäten,

bei ~Aristoteles~ ist das Verhältnis der Form zur Materie das des

Männlichen zum Weiblichen, bei den Neupythagoräern und bei ~Plotinos~

wird die weibliche Materie (οὐσία, ὕλη) vom männlichen Logos, oder den

von Logos erfüllten Samen, den λόγοι σπερματικοί (Lógoi spermatikoí),

befruchtet.

Frühzeitig gesellt sich den vier materiellen Elementen der +Äther+.

Die Orphiker verstehen unter αἰθήρ anscheinend zumeist den Himmel (im

Sinne des persischen atar = Feuer des Himmels), ~Pherekydes~ benennt

ihn Zeus und läßt ihn einen der fünf Weltenräume erfüllen, auch

~Philolaos~ gedenkt seiner, dem ~Empedokles~ gilt er zumeist als Luft

und dem ~Anaxagoras~ als Feuer. Bei ~Platon~ ist der Äther eine Luft

von besonderer Reinheit und völliger Eigenart, daher unfähig in eines

der vier Elemente überzugehen, desgleichen nennt ihn ~Aristoteles~

eine göttliche und himmlische Substanz, die den gemeinen und irdischen

Stoffen gänzlich fernesteht und sich daher auch in keinen von ihnen zu

verwandeln vermag; vergröbert zu einem eigentlichen fünften Element

(πέμπτον σῶμα, πέμπτη οὐσία) findet sich der Äther erst bei den

Neupythagoräern, in der „Schrift von der Welt“, bei ~Philo~, bei den

Neuplatonikern, bei ~Simplikios~ und anderen, die ihn auch häufig,

hierin der Stoa folgend, dem Pneuma und dem Logos gleichsetzen.

Das +Pneuma+ betrachten ~Anaximander~ und ~Anaximenes~ als Luft,

Lufthauch, Wind und Atem, ~Pherekydes~ als Luft, ~Philolaos~ als

die unbegrenzte und das Weltall umgebende Luftmasse, ~Platon~ (ja

vielleicht schon ~Xenophanes~) als belebende Atemluft und seelisches

Prinzip, ~Hippokrates~ sowie ~Diokles~ von ~Karystos~ als Vermittler

des Lebens und der natürlichen Körperwärme, ~Aristoteles~ und

ihm folgend auch ~Theophrastos~ und ~Strabon~ als den Träger der

Seelensubstanz, der dem Äther nahesteht und daher an edler Natur

den vier Elementen überlegen ist. Den Stoïkern und nach ihnen den

Neupythagoräern, dem Verfasser der „Schrift von der Welt“ und dem

~Philo~ ist Pneuma ein leichter materieller Hauch, dessen treibende

Kraft und Spannkraft (τόνος, Tónos) das Wesen der Qualitäten bedingt,

eine Vereinigung der oberen Elemente Feuer und Luft, eine göttliche

und himmlische Substanz, identisch mit der Weltseele, der Seele,

der Lebenskraft, dem Äther, dem Logos, dessen Lógoi spermatikói

zugleich Pneumata sind, als solche die wirkenden Kräfte aller Samen

vorstellen und daher auch, wie bereits ~Erasistratos~ (um 258 v. Chr.)

lehrte, durch Befruchtung der Hyle des weiblichen Menstrualblutes die

Entstehung des Fötus veranlassen.

Den +Logos+ erklärt ~Heraklit~ für die Weltvernunft, aber erst die

Stoa, die ihn als materiellen pneumatischen Hauch ansieht, beginnt ihm

auch eine gewisse Schöpferkraft zuzuschreiben, läßt ihn durch seinen

τόνος (Tonus) die Qualitäten erzeugen und setzt ihn, je nachdem die

geistige oder materielle Betrachtungsweise vorwiegt, bald mit dem

~Hermes psychopompos~, bald mit dem ~Hermes chthonios~ in Zusammenhang.

Während nach den Orphikern der noch einheitliche ~Phanes~ die Samen

aller Dinge in sich enthält, ~Anaxagoras~ von den Samen der unzähligen

Urstoffe spricht und ~Aristoteles~ schon eine pneumatische Kraft

(πνευματικὴ δύναμις) des Samens anerkennt, lassen die Stoïker den

Logos, der den Inbegriff aller einzelnen Lógoi spermatikói darstellt,

als Sperma in die Materie eingehen, sie mit Qualitäten erfüllen und

ihr durch seinen Hauch (die aristotelische „aura seminalis“) Leben

und Seele verleihen. Bei den Neupythagoräern erzeugen die Lógoi

spermatikói durch Befruchtung der Usia die Einzeldinge, so daß sich

der Logos selbst als Mittler zwischen dem reinen göttlichen Pneuma und

der unreinen gemeinen Materie erweist; ~Philo~ allegorisiert ihn als

~Hermes~ und betrachtet ihn in systematischer Weise als vernünftig

wirkende, einheitliche, mit dem Äther und Pneuma identische Kraft; die

Neuplatoniker endlich, sowie ~Plotinos~, erklären den Logos für die

oberste Einheit der Lógoi spermatikói, für den Demiurgen, Mittler,

Seelenbeherrscher, Allgeist, ~Hermes~. Als höchstes einheitliches

Weltprinzip besitzt er einerseits enge Beziehungen zum Wesen des

orphischen (ursprünglich iranischen) Welteneies, des Urquells alles

Vorhandenen, andererseits zur unwandelbaren Ordnung der Gestirne, die

in gleicher Weise dem ~Anaximander~ und ~Philolaos~, dem ~Platon~ und

~Aristoteles~, den Stoïkern und Neupythagoräern, dem ~Plotinos~ und

~Simplikios~ „göttliche Wesen“ und „sichtbare Götter“ sind, und stellt

schließlich auch das „Alles in Einem, Eines in Allem“ dar, das ἓν καὶ

πᾶν des ~Heraklit~, ~Xenophanes~ und ~Melissos~, das die Neuplatoniker

und ~Plotinos~ mit den nämlichen Worten als Sinnbild der „eigentlichen

obersten Weltordnung“ bezeichnen.

Daß zwischen der +inneren Beschaffenheit+ der Dinge und ihrer +äußeren

Färbung+ (χρῶσις, Chrósis) nahe Zusammenhänge walten, lehrte bereits

~Philolaos~; bei der Entstehung des harten Erzes (der Bronze) aus

weichem Kupfer und Zinn, die ~Empedokles~ mit der des „harten“ (=

unfruchtbaren) Maultiersamens aus dem „weichen“ Pferde- und Eselsamen

in Parallele setzt, verschwindet daher nach ~Aristoteles~ das Zinn

spurlos und wird unter Auflösung seiner Form zu einer Qualität des

Kupfers, dem es (neben der Härte usf.) vor allem „Farbe“ verleiht,

nämlich die des Goldes, -- und diese aristotelische Darlegung

erlangt hohe geschichtliche Wichtigkeit, da die Stoïker, sowie ihre

Nachfolger, und auch noch ~Plotinos~ sie als Schulbeispiel benützen.

Ganz so, wie nach ~Aristoteles~ beim Reifen der Früchte und auch

beim Backen des Brotes aus dem Teig (μάζα, Máza) die Veränderung der

Qualitäten unter entsprechendem Farbenwechsel erfolgt, kann dies auch

bei dem von ihm gelehrten allmählichen Wachsen und Reifen der Metalle

angenommen werden; behauptet er doch, daß „feuerfarbige“ (Legierung)

und Gold, Zinn und Silber, sowie andere nach Farbe und daher auch nach

sonstigen Eigenschaften ähnliche Metalle leicht gegenseitig ineinander

überzugehen vermögen.

Sichtlich schließen sich diese Anschauungen des ~Aristoteles~ jenen

des ~Platon~ an, betreff derer nur erinnert sei: an die Theorie von

der Urmaterie als dem gemeinsamen Substrate der vier Elemente, an die

Möglichkeit allgemeiner gegenseitiger Wandelbarkeit, an den ewigen

Kreislauf der Elemente, der Verwandtes zusammen zu führen und nach Art

einer eigentlichen „Vereinigung“ oder „Vermählung“ zu neuen Stoffen

zu gestalten sucht, an die Verwandlung und Umbildung der Stoffe durch

„Trennen und Vereinigen“, an das allmähliche Hervorgehen von Gold

und Silber aus unedlen Metallen (und umgekehrt) in der Natur, an die

obherrschende Stellung und symbolische Bedeutung des Goldes usf.

Diese Lehren des ~Platon~ und die analogen des ~Aristoteles~ über das

Zusammentreten und die Verwandlung der vier Elemente und ebenso die

auf die vier „Säfte“ (Blut, Schleim, gelbe Galle, schwarze Galle)

bezüglichen der Hippokratiker führen, wie schon ~Prantl~ hervorhob,

zum Schlusse, daß Grundlage jeder qualitativen Veränderung, chemischer

wie medizinischer Art, ein +Zufügen+ oder +Wegnehmen+ sei. Nach

~Aristoteles~ gehen die Elemente aus der Urmaterie hervor, empfangen

ihr spezifisches Wesen durch die in zwei Gegensatz-Paaren auftretenden

vier Qualitäten, und bilden selbst wieder das Substrat der Einzeldinge,

die sich aus ihnen unter dem Einflusse der höheren begrifflichen Form

gestalten. Hiernach zeigt sich die qualitative Wandlung in letzter

Linie abhängig von einem Zufügen oder Wegnehmen von +Qualitäten+, und

da ihre erste Ursache (wie die +aller+ Vorgänge, auch derer des Lebens

und der seelischen) im weltbeherrschenden Kreislaufe des Himmels und

der Gestirne liegt und vom göttlichen Äther ausgeht, ist auch sie

keine materielle; je nach dem Überwiegen der aktiven oder passiven

Kräfte (heiß und trocken; kalt und feucht) in den Elementen, sowie der

aktiven oder passiven Elemente (Luft und Feuer; Erde und Wasser) in den

Einzeldingen, gestaltet oder verändert sich also deren Beschaffenheit.

Wie an fast allen von ~Aristoteles~ aus- oder vorgebildeten Lehren

(z. B. jener von der Antiperístasis) nahmen auch an den vorstehenden

schon die Peripatetiker gewisse Abänderungen vor, indem sie in stets

wachsendem Umfange an die Stelle der dynamischen Erklärungen solche

durch das Pneuma (spiritus) treten ließen, die namentlich unter dem

Einflusse der als „Pneumatiker“ bekannten Ärzte und ihrer Schule in

immer allgemeinere Aufnahme kamen. Weit tiefer greifende Umgestaltungen

gingen jedoch von der Stoa aus: da ihr die Qualitäten +körperlicher+

Natur waren, die Körper aber vollständiger Durchdringung und demnach

die Qualitäten einfacher Summierung fähig erschienen, so konnte das

Zubringen der zur Erzielung einer Umwandlung erforderlichen neuen

+Qualität+ durch Beifügung eines neuen +Stoffes+ bewirkt werden,

der mit dem alten völlig verschmilzt. Nun trägt aber nach stoïscher

Anschauung alles Bestehende gleichzeitig materiellen und logischen

Charakter: der +stofflichen+ Seite, d. i. der +Materie+ oder +Hyle+,

gleichwertig erweist sich die +logische+, d. i. der +Logos+, der in

allem Sein als vernünftiger Gedanke waltet, sich in der „Form“ der

Dinge äußert (die zugleich ihr Zweck und Begriff ist), ihrem Wesen als

„immanente Zweckmäßigkeit“ zugrunde liegt und identifiziert wird mit

dem warmen, lebenzeugenden und -erhaltenden, alles durchdringenden

und mit Spannung (τόνος, Tónos) erfüllenden Pneuma, sowie mit dem

zum fünften Elemente herabgesetzten und gröblich materialisierten

Äther. Feuer und Luft, die als leichte und feine Elemente von hoher

Spannkraft das warme und aktive Prinzip (das Pneuma) darstellen,

durchdringen hierbei Wasser und Erde, die als schwere und dichte

Elemente von geringem Tonus dem kalten und passiven Prinzip (der

Hyle) entsprechen, und erfüllen, gliedern und formen so alle

Einzeldinge. Zwischen dem passiven und qualitätslosen Stoffe und dem

mit der „treibenden Kraft“ des Zweckbegriffes gestaltenden Logos ist

jedoch eine Vermittlung nötig; zugeteilt wurde sie in Anknüpfung an

die Rolle, die der +Samen+ (Sperma) bei ~Aristoteles~ spielt, den

„Lógoi spermatikói“: diese gelten als die allgemeinsten, jeglichem

Seienden zugrunde liegenden, vernunftgemäßen Keime der Entfaltung,

als bildendes, individualisierendes, der Materie die (platonischen)

Ideen einpflanzendes Prinzip, als eigentliches Wesen der Naturkräfte,

das alle Dinge im Innersten zusammenhält, als ihre Quintessenz,

ihr Lebensgeist, ihre Seele. In dem bei den Stoïkern üblichen

Schulbeispiele für das Hervorgehen eines bestimmten neuen Stoffes,

eines Individuums selbständiger Art, vermöge der Einwirkung des Logos

auf die Materie, nämlich der Umwandlung des Kupfers in Bronze durch

das Zinn nach ~Aristoteles~, ist es also das Zinn, dessen Lógoi

spermatikói jene neue Qualität hinzubringen, durch deren Aufnahme das

Kupfer in Bronze übergeht: Kupfer (d. i. Urmaterie + n Qualitäten) +

1 neue Qualität = Urmaterie + (n + 1) Qualitäten = Bronze. Diese im

Grunde aristotelische Anschauung birgt u. a. die Quelle der bis tief

in die Neuzeit hinein festgehaltenen Theorie[3346], daß jede besondere

Eigenschaft eines Körpers auch einen besonderen Bestandteil als ihren

Träger voraussetze.

Die +Neupythagoräer+ nahmen ebenfalls die beiden Prinzipien der

passiven Hyle und des aktiven Logos an und ließen die Logoi, als

Qualitäten der Dinge, zusammenfallen mit den Formen des ~Aristoteles~,

den Ideen des ~Platon~ und den Zahlen des ~Pythagoras~; bei ~Philo~ ist

der Logos zugleich auch Äther und πνεῦμα θεῖον (göttliches Pneuma),

und der gestaltenden Kraft der Logoi fällt die Weltenbildung zu, wobei

sie zunächst die Materie in grobe und feine, weiterhin aber erstere in

Wasser und Erde, letztere in Luft und Feuer zu teilen haben, welche

Paare aber auch wieder als Repräsentanten des eigentlichen kalten und

passiven Stoffes, sowie des heißen und aktiven Pneumas gelten. Für

die +Neuplatoniker+ endlich bestanden die Körper aus der Hyle als

Materia prima und dem Logos als Inbegriff der Qualitäten, die als Lógoi

spermatikói individualisierend wirken und als „zeugende Formen“ oder

„Samen“ von „mystisch-dämonischer Kraft“ allem Vorhandenen das Sein

verleihen; der intellektuelle Logos, d. i. Vernunft und Sprache, die

einst die Götter den Menschen durch ihren geflügelten Boten ~Hermes~

(~Merkur~) vom Himmel herabsandten, weiterhin aber auch der allgemeine,

sämtliche Dinge des Weltgebäudes hervorbringende und durchdringende,

wird im Anschlusse an die Stoïker mit ~Hermes~ (~Merkur~) identifiziert.

Da man bei der Darstellung der Arzneien das Zumischen eines weiteren

Bestandteiles als επιβάλλειν (+projizieren+) zu bezeichnen pflegte, so

ist es sehr wahrscheinlich, daß dieser Ausdruck auch auf das Einwerfen

oder Einstreuen der chemischen Zusätze Anwendung fand, z. B. des Zinnes

zum Kupfer, und daß daher tatsächlich dem Worte für Streupulver,

d. i. ξήριον (Xérion), der spätere arabische Name aliksîr, d. i.

Elixir, entsprang; erst weiterhin wurde dieser vorzugsweise auf ein

ganz bestimmtes Streupulver angewandt, und zwar auf jenes, dem die

Eigenschaft zukommen sollte, unedle Metalle in edle zu verwandeln,

also auf das Pulver jenes Präparates, dem man den mystischen Namen

„philosophischer Stein“, „Stein der Philosophen“ oder „Stein der

Weisen“ erteilte. Ist nämlich, wie schon ~Platon~ lehrte, alles

wandelbar, kann in stetigem Kreislaufe der Elemente und im endlosen

Strömen „von unten nach oben und von oben nach unten“ Jegliches in

ein Anderes übergehen, läßt die +Natur+ das Gold aus Silber, Kupfer

oder Eisen und diese wieder als Produkte eines stufenweisen Abbaues

aus jenen „verwandten“, aber edleren Metallen entstehen, -- warum

sollte dann nicht auch der +Mensch+ vermögen, Kupfer oder Silber in

Gold überzuführen, sei es auf allmählichem Wege unter Nachahmung des

langsamen Wachsens und Reifens, sei es auf raschem und praktisch allein

in Betracht kommenden unter anfänglicher Rückführung in den Zustand

der gemeinsamen Urmaterie (der Materia prima) und darauf folgender

Umgestaltung? Auch hier zeigt sich wieder die hohe Bedeutung und

entscheidende Rolle der „+Schwärzung+“, denn die form- und gestaltlose,

chaotische, in Schatten und Finsternis liegende Urmaterie ist die

unentbehrliche Durchgangsstufe und notwendige Vorbedingung der weiteren

Verwandlung. Diese erfolgt durch βαφή (Färbung, Tinktion), wobei der

innere Vorgang durch den Wechsel der Farben auch äußerlich sichtbar

wird; demgemäß sind Tinktion und Tinktur von ganz außerordentlicher

Wichtigkeit, da umgekehrt aus dem Eintritt der gewünschten äußeren

Färbung auch wieder auf den der inneren Umwandlung zurückgeschlossen

werden kann. Die neuen +Qualitäten+, die zwecks Stattfindens der

Transmutation einzuführen sind, haften an dem zuzusetzenden +Präparat+,

dem philosophischen Stein, der wie ein Samen und daher schon in

äußerst geringer Menge wirkt und in seiner Vollendung, den „uralten“

Mysterien der Orphiker gemäß, gleich deren „ovum philosophicum“

(philosophisches Ei, Weltenei) die Keime aller Dinge in sich enthält;

man gewinnt ihn aber in solcher Vollkommenheit durch Vermählung

des weiblichen reinsten noch unberührten Stoffes (Materia prima,

himmlische Hyle, Jungfernerde, Jungfernmilch, ...) mit dem aktivsten

Prinzip des männlichen Logos, weshalb er auch selbst als Keim, Embryo,

Homunculus, Hermaphrodit betrachtet wird. Die Gleichstellung seiner

Lógoi spermatikói mit den Qualitäten, Samen und Seelen führt dann

dazu, von den „Seelen“ und den „Samen“ des Goldes, Silbers, Schwefels,

Quecksilbers zu sprechen, unter denen die Quintessenzen oder „Geister“

dieser Dinge zu verstehen sind[3347], das „philosophische“ Gold und

Silber, „unser“ Gold und Silber, im Gegensatze zu den gewöhnlichen,

natürlich vorkommenden. Die Identifikation des Logos mit dem Äther,

dem Pneuma, dem Luftgeist (spiritus), der Lebenskraft usf. gab

weiterhin dazu Anlaß, den philosophischen Stein aus Äther, Luft,

Sternschnuppen-Substanz u. dgl. bereiten zu wollen, aber auch, in

Ansehung der Parallelität des Makro- und Mikrokosmos, aus den Produkten

der Lebenskraft in der „kleinen Welt“, besonders aus den „heißen“

Exkreten[3348]; des ferneren erklärt sie, und zwar auf Grund der

nämlichen Anschauung, sowie der Symbolisierung des Goldes als reinsten,

edelsten und himmlischen Elementes, daß dem philosophischen Stein

auch psychische und religiöse Wirkung zugeschrieben wurde, sowie die

Eigenschaft eines Allheilmittels gegenüber Krankheit, Alter und Tod,

die ja nach ~Platon~ sämtlich allein auf unrichtiger Verteilung oder

Umsetzung der Elemente beruhen.

Die seit den Zeiten der jüngeren Stoïker unentwegt zunehmende

Hinneigung der philosophischen Schulen zum morgenländischen

+Aberglauben+ in seinen verschiedenen Formen, namentlich zur

Astrologie und Dämonologie, zu ekstatischen und eschatologischen

Träumereien von Wiederbelebung und Auferstehung usf. macht auch den

wachsenden Einfluß derartiger Anschauungen auf die entstehende und in

Entwicklung befindliche Alchemie begreiflich, um so mehr, als sich

z. B. die aristotelische Lehre über die Abhängigkeit aller materiellen

Veränderungen vom Kreislaufe der Gestirne, oder die stoïsche über

die Beziehungen des Logos zur „Ordnung am Sternenhimmel“ leicht in

entsprechender Weise umdeuten ließen. Dieses Eindringen ägyptischen

und orientalischen Gutes und sein Verschmelzen mit dem Inhalte

der griechisch-philosophischen Überlieferung blieb den klareren

Köpfen keineswegs verborgen und wird im allgemeinen von zahlreichen

Schriftstellern zutreffend anerkannt und erörtert; zur richtigen

Einsicht im einzelnen gelangten sie jedoch allerdings nicht, schon

weil für die Griechen, wie bereits weiter oben erwähnt, babylonische,

chaldäische, assyrische und persische Traditionen bereits in früher

Zeit ununterscheidbar zusammenflossen, in späterer aber meist gleich

von vornherein als identisch angesehen und behandelt wurden.

Den Griechen galten zwar die Sterne seit altersher als göttliche

Wesen, aber erst verhältnismäßig spät empfingen sie aus dem Orient

(nicht aus Ägypten) die Lehren von den babylonischen Sterngöttern

und persischen Sterndämonen, von den männlichen, weiblichen und

mannweiblichen Planeten-Gottheiten, -- ~Venus~ und ~Merkur~, die man

ursprünglich als Morgen- und als Abend-Sterne beobachtete --, von

der Beziehung zwischen den Planeten und den Göttern, deren Namen sie

tragen, von der Emanation, durch die sie nach chaldäischer Anschauung

ihre Naturen, Kräfte und Farben auf Tiere, Pflanzen, Mineralien,

Metalle usf. übermitteln, und von dem Einflusse, den sie auf alle

irdischen Vorgänge bis ins Kleinste hinein ausüben. Nur allmählich

erfolgte ihre Annahme, und völliges Gemeingut der entsprechenden Kreise

waren sie erst seit der Zeit der jüngeren Stoïker und Neupythagoräer.

In Ägypten, -- woselbst diese vorzugsweise wirkten, wo seit Beginn

der synkretistischen Periode „persische“ Magier eine immer lebhaftere

Tätigkeit entfalteten, wo hellenisierte Juden und Ägypter unter

Benützung der gesamten anonymen Priesterlitteratur eine Flut apokrypher

und pseudepigraphischer Schriften ans Licht förderten und sie dem bald

mit ~Henoch~, bald mit ~Thot~ identifizierten ~Hermes~ unterschoben

--, vollzog sich dann die Verquickung jener orientalischen Lehren mit

geeigneten ägyptischen, freilich oft schon selbst arg entstellten; zu

diesen zählte u. a. die vom Ei aus dem Urwasser ~Nun~, das die Keime

des Weiblichen und Männlichen in sich birgt, von der Sonne als dem Ei

des Skarabäus, von der Bestattung der mit Binden umwickelten Leiche des

~Osiris~, seiner durch das Wasser des Lebens bewirkten Wiederbelebung

und Auferstehung usf. Als bezeichnendes Ergebnis der vollzogenen

Verquickung anzusehen ist u. a. die Legende von der Statue des ~Osiris~

aus den sieben Metallen und vier edlen Gesteinen Ägyptens, in der auch

wieder die Identifizierung dieses Gottes mit ~Pan~ zutage tritt, den

schon die jüngere Stoa dem ~Chnum~ gleichgesetzt hatte.

Die nahe Verbindung, in der die Alchemie von Anfang an mit der

Magie, Dämonologie und Astrologie steht[3349], gibt Aufschluß über

verschiedene auffällige Zusammenhänge. Da z. B. die Stellungen der

Gestirne die richtigen Zeiten für Ehe, Konzeption und Entwicklung

des Fötus anzeigen, sind sie auch äußerst wichtig zur Erkenntnis des

„rechten“ Augenblickes für die „Vermählung“ der Bestandteile beim

„großen Werke“; daher hat der Alchemist den Verlauf der Sternbewegungen

und die Konstellationen der Sterne genauestens zu beobachten[3350]

und eifrig jene Betrachtung des gestirnten Himmels zu pflegen, die

nach den Stoïkern, Gnostikern, Neuplatonikern und Ssabiern in so hohem

Grade die Erlangung der rechten Erkenntnis (γνῶσις, Gnosis) fördert,

zugleich aber auch die ihrer drei Hauptgaben: Reichtum, Gesundheit und

Unsterblichkeit. „Heilige und göttliche Vorschriften“ sind es, wie

~Zosimos~ bezeugt[3351], die die Beziehungen der sieben Planeten zum

großen Werke, zum philosophischen Steine sowie zu den sieben Metallen

regeln, und nur dem Sternkundigen erschließen sie sich völlig, da

doch „wie jedermann weiß“ die Astrologen es waren, die das Kupfer der

~Aphrodite~ zuschrieben und das aus Kupfer, Zinn, Silber oder anderen

Metallen bestehende Elektron dem ~Zeus~[3352]; demgemäß müssen, wie

es am ausführlichsten die Ssabier überliefern, die Planetengötter in

Gestalt von Idolen aus den ihnen eigentümlichen Metallen und durch

Opfergaben der ihnen zugehörigen Tiere und Pflanzen verehrt werden,

denn wie die Sonne das Gold hervorbringt, so erfreut sie sich auch

wieder vorzugsweise am Golde usf. Als Diener der Planeten und ihrer

Gottheiten unterliegt daher, gleich dem Astrologen nach ~Firmicus~,

auch der Alchemist dem Gebote kultischer Reinheit, äußerer wie

innerer; er muß sich der Einweihung unterziehen, den Eid der Mysten

schwören, unbedingte Verschwiegenheit geloben und darf über die ihm

offenbarten Geheimlehren und ihre „Verfeinerung und theoretische

Begründung durch Anlehnung an die Philosophie“ entweder überhaupt nicht

schreiben, oder (laut der von ~Clemens Alexandrinus~ mitgeteilten

Anweisung) bloß +so+, daß er das Wesentliche in Form von Rätseln,

Gleichnissen, Allegorien und Metaphern im Dunkeln läßt und den Leser

völlig in die Irre führt. Nur der kultisch Reine kann zum „Vollendeten“

(τέλειος, Téleios) werden, und wie dieser selbst „umgeschaffen“ ist

durch Metabolé, durchdrungen von der Fähigkeit geistiger „Krasis und

Mixis“, erfüllt von „totenerweckender Kraft“ (δύναμις τῆς μεταβολῆς der

Gnostiker), so vermag er auch wieder zu wirken: er wird „umschaffen“,

sich als Künstler der Krasis und Mixis an Metallen und Legierungen

bewähren und die in den Abýssos (Abgrund), in die Unterwelt, in die

große Finsternis eingegangenen „Toten“ wiederbeleben, oder, wie es

in den sog. „~Oden Salomons~“ heißt, die gleich Blei in das Chaos

hinabgesunkenen Hylai auflösen, erneuern und erwecken, durch das

heilige Wasser, den „Tau des Herrn“, sie dem Dasein zurückgeben und aus

der Schwärze der Hölle geläutert emporführen, „bis alles oben (ἄνω)

ist“. Als kultisch Reiner wird er es so vermögen, der widerwärtigen

und schlechten Materie Herr zu werden, die körperlich-gemeine Hyle mit

Hilfe der geistig-göttlichen Pneumata, denen er gebietet, zu erheben

und zu veredlen, sowie den sich in den Schwanz beißenden Drachen zu

besiegen, der das Symbol der Finsternis ist; seine Anrufungen und

Beschwörungen werden die guten, wohlwollenden und dem großen Werke

günstigen Geister heranziehen und fesseln, -- z. B. den goldglänzenden

„König ~Helios~“ (= Sonnengottheit des ~Ptolemaios~) oder den bald

(wie bei ~Zosimos~) silberstrahlenden, bald im scharlachroten

Herrschermantel erscheinenden „König ~Mithras~“ --, die bösen,

neidischen und störenden aber bannen und fernhalten, z. B. den Drachen

~Uroboros~, den Schlangendämon ~Ophiuchos~[3353], den hinderlichen und

hämischen ~Karkinos~ (κάρκινος, καρκινάς, καβούρι) = Krebs[3354], sowie

den stets verneinenden Verderber ~Antimimos~ (αντίμιμον πνεῦμα der

„Pistis Sophia“). Solche Gebete fördern daher das Gelingen des großen

Werkes -- nicht anders als etwa, nach dem Berichte des ~Theophrastos~,

die der Köhler das Entstehen vielen und guten Pechs[3355] --, und

zugleich bilden sie den Maßstab für die Dauer der vorzunehmenden

Operationen, ganz ebenso wie bis tief in die Neuzeit hinein z. B. die

Länge des Vaterunsers oder Ave-Marias[3356].

Die Wichtigkeit der Pneumata für Veredlung und Läuterung der gemeinen

Metalle erklärt die entscheidende +Rolle des ~Hermes~+, der als „Herr

der Pneumata“ und „Gebieter der Lógoi spermatikói“ notwendigerweise

auch Meister der „hermetischen“ Kunst sein muß, und desgleichen die des

mit ihm identifizierten ~Thot~, ~Pan~ und ~Mithras~, deren jeder als

Allgott und Inbegriff sämtlicher Elemente und Einzeldinge angesehen

wird. Das Weltenei, sei es das in Gestalt eines Felsens gebildete der

Iranier, das im Wasser der ~Nun~ schwimmende der Ägypter, oder das

im Schoße des Alls geborgene der Gnostiker, trägt Himmel und Erde in

sich, es ist ἓν καὶ πᾶν (Eines in Allem; Alles in Einem) und vermag

daher +alles+ hervorzubringen, wie das einheitliche und einfarbige

Pfauenei der Gnostiker und des ~Clemens Romanus~ das tausendfältig

bunte Gefieder des fertigen Vogels. Das nämliche gilt betreff des

großen Werkes: wie das Ei und wie der Mutterschoß dem Weltganzen

vergleichbar ein „Gefilde der Entstehung“ sind, wie sich in der Matrix

die Vierzahl der im schwarzen Menstrualblute enthaltenen Elemente unter

dem Einflusse des aus dem Samen stammenden Pneumas zum Embryo ordnet,

wie dank der „rechten“ Wärme die Reifung erfolgt, und schließlich,

falls keine „Fehlgeburt“ störend eingreift, das neu entstandene

Wesen als Menschlein das Licht erblickt, genau ebenso wird die zur

„schwarzen Brühe“ gelöste Tetrasomie der Rohmetalle durch das an den

philosophischen Stein gebundene Pneuma umgelagert, das Gebilde durch

„mäßiges“ Feuer zurechtgeformt und zuletzt, soferne kein Mißgriff das

Ergebnis vernichtet, das neu Gezeugte als Silber oder Gold zutage

gefördert, -- zwar ein Kunstprodukt, aber doch das völlige Analogon des

ἀνθρωπάριον (homunculus)[3357].

Die nach ~Prantl~ einer Verquickung aristotelischer und stoïscher

Meinungen entsprungene Lehre, „daß man die Körper erst ‚körperlos‘

machen und sie dann durch das Pneuma in neuer Form erstehen lassen

müsse“, ist daher eines der ältesten, schon der ~Maria~ wohlbekannten

alchemistischen +Dogmen+[3358]. Zu diesen zählen ferner: die bereits

dem ~Aristoteles~ geläufigen Prinzipien, „daß Gleiches Gleiches

erzeugt, z. B. der Mensch neue Menschen, der Weizen neuen Weizen“, daß

der Samen „nach Art einer Hefe wirkt“, und daß „ein kleiner Zusatz Hefe

eine große Menge Brotteig (μάζα, Máza) in Gärung versetzt“, -- aus

denen gefolgert wird, daß auch Gold neues Gold hervorbringt, daß die

Entstehung des letzteren durch Beigabe von etwas fertigem Golde als

„Samen“ gefördert wird, und daß schon eine Spur des philosophischen

Steines genügt, um die Umwandlung bedeutender Massen der „Maza“

genannten Rohmetall-Mischung einzuleiten[3359]; die Annahme, daß eine

Substanz, die die unrichtig verteilten Elemente in die „richtige“

Ordnung bringt und das Unreine vom Reinen trennt, auch Gesundheit und

langes Leben, ja Unsterblichkeit verleihe, gleich der „Athanasía“ der

~Isis~[3360] oder der bei ~Plinius~ erwähnten „Panacéa“[3361] --,

wie denn der philosophische Stein schon bei ~Synesios~ selbst die

„große Krankheit der Armut“ heilt und nach einer bis in das späte

Mittelalter hinein gewahrten Überlieferung „die sechs Aussätzigen“

gesund macht[3362]; der Satz: „Die Natur freut sich der Natur, besiegt

die Natur, beherrscht die Natur“, den ~Firmicus~ einem medizinischen

Werke des ~Nechepso~, und der unbekannte Verfasser der Scholien zu

~Lucanus~ der Schrift eines „antiquus poeta“ (nach ~Usener~ eines

ποιητής = Alchemisten) entstammen läßt, der aber sicherlich der

stoïschen Theorie von der Sympathie und Antipathie der Naturdinge

zugehört und vermutlich durch ~Pseudo-Demokritos~ vermittelt ist; die

wesentlich stoïsche und neuplatonische Gleichsetzung des Vorganges

beim großen Werke mit der Entwicklung des Embryos im Mutterschosse

oder im Ei, dem „Ei der Philosophen“; die der hermetischen Anschauung

von der All-Einheit entsprungene Bezeichnung der goldergebenden

Verwandlungsmasse als „ἓν καὶ πᾶν“, wobei das Sinnbild, die sich in den

Schwanz beißende Schlange, babylonischer Herkunft ist[3363], der von

~Zosimos~ angeführte Zusatz „Gefunden ist der große ~Pan~!“ aber auf

einen ägyptischen Geheimritus anspielt, usf.

Aus der Verbindung der Alchemie mit den übrigen priesterlichen

Geheimwissenschaften, zu denen, wenigstens bis zu gewissem Grade,

Heilkunde und Heilmittellehre mit zählten, dürfte sich auch der

bei den Alchemisten ganz allgemeine Gebrauch sog. +Geheim+- oder

+Decknamen+ erklären, die innerhalb der Medizin im letzten Grunde auf

den Wunsch der Ärzte zurückgehen, ihren Mitbewerbern, aber auch den

Kranken selbst, Natur und Zusammensetzung der von ihnen nicht nur

verordneten, sondern meist auch zubereiteten und verkauften Arzneien

zu verheimlichen. Derlei „hieratische“ Namen (ὀνόματα ἱερατικά)[3364]

enthält anscheinend schon der medizinische „Papyrus ~Ebers~“, der gegen

1500 v. Chr. auf Grund mannigfacher, noch weit älterer Quellenschriften

verfaßt ist; daß sie seither stets in Anwendung standen und

blieben, beweist u. a. ein zuletzt im 2. Jahrhundert v. Chr.

niedergeschriebener, 1885 von ~Leemans~ herausgegebener Papyrus, der

eine ganze Sammlung solcher überlieferter Ausdrücke aufführt und

erklärt, z. B. „Herz des Geiers“ = Absinthium, „Träne der ~Isis~“ =

Verbena, „Auge des ~Typhon~“ = Scilla, „Blut des ~Ptah~ (~Hephaistos~)“

= Artemisia[3365], denen sich noch „~Herz~ des ~Hermes~“ = Moly

(Allium nigrum?), „Blut der ~Athene~“ = roter Günsel, „Blut des

~Herakles~“ = Crocus[3366], sowie manche ähnliche, bei ~Plinius~,

~Dioskurides~ und anderen Autoren vorkommende anreihen ließen[3367].

In den alchemistischen Schriften, besonders in den jüngeren, tauchen

ihrer, wie schon weiter oben angeführt wurde, sehr mannnigfaltige auf,

darunter viele nur schwierig oder gar nicht zu deutende; erinnert sei

z. B. an „Milch der schwarzen Kuh“ = schwarzen (rohen) Zinnober;

„Lorbeerblätter“ = roten (sublimierten) Zinnober; „Blut der Tauben“

und „Blut der Krähen“ = Mennige oder roten Zinnober; „gelben Schwefel“

und „Sonnenwasser“ = Goldlösung in Quecksilber; „Blut des ~Saturn~“ =

Mennige[3368]; „Knochen des ~Typhon~“ = Eisen[3369]; „Blut und Knochen

des Drachens“, „Knochen der Perser“, „Knochen des Kupfers“ = verbrannte

Metalle; „vier Füße des Drachens“ = Tetrasomie (Kupfer, Eisen, Blei,

Zinn); „drei Ohren der Schlange“ = drei αἰθάλαι (Raucharten: des

Schwefels, Arsens, Quecksilbers) usf.

Ähnlich wie viele +Namen+ erfuhren im Zeitalter des Überganges der

Chemie in die Alchemie auch zahlreiche, ursprünglich rein technische

+Bezeichnungen+, +Vorschriften+ und +Anweisungen+ gewisse Veränderungen

und Umdeutungen in mystischem und abergläubischem Sinne, die als

außerordentlich charakteristisch für den ganzen Vorgang dieser

Umlagerung anzusehen sind. So wurde z. B. das „große Werk“ aus einer

magischen Zeremonie zur alchemistischen Zauberhandlung; die Spaltung

des als eiförmiger Felsen gedachten iranischen Welteneies in Himmel

und Erde zum „mithrischen Mysterium des Steines, der kein Stein

ist“; der mit dem rechten Geschick (τεχνικῶς) arbeitende Technit

zum Meister der „hieratischen Geheimkunst“; das ursprünglich zwecks

Aufbesserung der Mischungen zugefügte echte Silber und Gold zum

„Samen“, der neues Silber und Gold hervorbringen, oder zur „Hefe“,

die den Teig (Maza) in eine Art Silber- oder Gold-Gärung versetzen

soll[3370]; die einstige bloße „Veränderung“[3371] zur eigentlichen

„Verwandlung“ (z. B. der unedlen Metalle in edle); die Herstellung

einer Gold vortäuschenden, „Blende“ (ἀμαυρά, ἀμαύρωσις) genannten

Legierung zu der eines zauberischen, auch unsichtbar machenden

Präparates[3372]; die Leinenstücke, in die eingebunden man z. B.

die zu färbenden „Steinchen“ in die vorgeschriebenen Flüssigkeiten

bringt[3373], gehen in die Leinenbinden über, in die man den „Toten“,

den „~Osiris~“, den „Leichnam des ~Osiris~“ (d. i. das unedle Metall)

gleich einer Mumie so einwickelt, daß nur das Haupt des Toten (das

„caput mortuum“) sichtbar bleibt, und in die gehüllt man ihn der

„Wiederbelebung“ (als Edelmetall) entgegenführt[3374]; aus dem

einfachen „Einwerfen“ (ἐπιβάλλειν) der Zutaten wird das magische

„Projizieren“; aus dem einzuwerfenden Mittel (φάρμακον = medicina)

oder „Streupulver“ (ξήριον, Xérion) der mystische Erreger der

Transmutation, das „Xerion“ (aliksir der Araber = Elixir); aus dem

„schwefligen Wasser“ (θεῖον ὕδωρ) das gleichnamige göttliche[3375];

aus dem Gold lösenden Mineral Chrysokolla das ebenso benannte Gold

hervorbringende Wundermittel[3376]; aus dem ἀρῥένικον oder ἀρσενικόν,

d. i. „Arsen“[3377], das gleichlautende „männliche“ (scil. Prinzip);

aus dem silber- oder goldglänzenden Stein „Androdámas“, den die

Magier Zorn und Wut der Menschen besänftigen ließen[3378], der

giftige (aus stark arsenhaltigem Pyrit bestehende) „Androklástes“ =

„Menschenvernichter“[3379], „der bei den Ägyptern zugleich das so

höchst gefährliche 63. Lebensjahr bezeichnet“[3380], usf. In ganz

analoger Weise betrachtet man die der Metallverwandlung dienenden

Gefäße, Sublimations- und Destillations-Apparate als „Tempel der

Metall-Götter“[3381]; die „Toten“ (= die vier unedlen Metalle) sinken

„wie Blei“ in ihre Tiefe, den „Hades“, den „Abýssos“, den „Abgrund

des Chaos“; sie werden dort wiederbelebt durch das „göttliche Wasser“

= „Wasser des Lebens“; sie gelangen, von seinem Pneuma erfüllt und

neubeseelt, zur „Auferstehung“; es vollendet sich die „Erhebung

der Wolke“, κάτω-ἄνω, zum Oberteile des Kolbens, zur „Höhe des

Firmamentes“, zum „Deckel des ~Knuph~“; die Elemente ordnen sich im

„Gefilde der Entstehung“ zu einem neuen Wesen, und dem „Priester“, der

die „Toten“ gewickelt, der Tarichéia unterworfen und der „hermetischen“

Kunst gemäß zur „rechten“ Zeit mit den „heiligen Wässern“ behandelt

hat, wird endlich die Genugtuung, sie dem „Grabe“ in der „verklärten“

und verjüngten Gestalt „Neugeborener“, als „Vollendete“ (τέλειοι),

entsteigen zu sehen und so mit Hilfe der „Gnade von oben“ das große

Werk der Verwandlung glücklich vollendet zu haben, -- natürlich allein

des wissenschaftlichen Interesses wegen und ferne jeder eigennützigen

Absicht.

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 94 / 127 题