4. Herkunft des Namens Chemie.

Als eines der wichtigsten Zeugnisse für die frühe Verbreitung der

Chemie und ihres Namens ist die Tatsache zu betrachten, daß man

spätestens im 3. Jahrhundert bereits das Bedürfnis empfand, einen

„Heros epónymos“ (namengebenden Urheber) für sie zu suchen, und daß

sich ein solcher schon bei ~Zosimos~, also um 300 n. Chr., unter dem

sichtlich wohlbekannten Namen ~Chemes~, ~Chimes~, ~Chymes~ angeführt

und seither als hochgefeierter Schriftsteller, „Prophet“ und „erster

Chemiker“ gepriesen findet; wie in allen dergleichen Fällen wird auch

im vorliegenden der wahre Sachverhalt umgekehrt, d. h. der künstlich

ausgedachte Namen des Erfinders als das Ursprüngliche hingestellt, die

in Wirklichkeit allein vorhandene Kunst oder Wissenschaft aber als die

abgeleitete.

~Zosimos~ spricht in dem seiner „Schwester“ ~Theosebeia~ gewidmeten

Buche „Imuth“ über eine (weiter unten noch näher zu erörternde)

hellenistische Sage, deren Gegenstand die Überlieferung gewisser

Geheimkünste durch gefallene Engel ist[3175], und berichtet, daß sie

erfolgte „durch das Buch χημεῦ (Chemeú), -- richtig χημοῦ (Chemú),

also durch das Buch des ~Chemes~--, „woher die Kunst χημεία (Chemeía)

heißt“[3176]. So lange diese Stelle nur aus einem Werke des Byzantiners

~Georgios Synkellos~ bekannt war, der im 9. Jahrhundert lebte, konnte

die Möglichkeit einer späteren Einschiebung nicht für ausgeschlossen

gelten[3177]. Sie findet sich aber auch schon in dem von ~Berthelot~

veröffentlichten „syrischen Traktat“ [3178], der ursprünglich wohl im

5. oder 6. Jahrhundert niedergeschrieben ist[3179], und lautet dort

nach ~Diels~ in berichtigter Übersetzung, -- denn die bei ~Berthelot~

gegebene ist mangelhaft --, „sie lasen die Schriften des ~Khumu~, und

daher wird die Khumia genannt“; hiernach sei anzunehmen, daß diese

beiden Worte in der griechischen Vorlage χυμοῦ (~Chymu~) und χυμεῖα

(Chymeia) lauteten[3180]. In den Handschriften des ~Zosimos~ kommt

auch, wie erwähnt, die Form ~Chymes~ neben ~Chemes~ und ~Chimes~ vor,

dagegen, soweit bekannt, nur Chemeia; nach ~Olympiodoros~ war es Χήμης

(~Chemes~), der (angeblich) dem ~Parmenides~ den Spruch ἕν καὶ πᾶν

(Hen kai pan) entlehnte und ihn durch die sich in den Schwanz beißende

ägyptische Schlange darstellte. Der byzantinische Chronist ~Kedrenos~

endlich, ein unzuverlässiger und unkritischer Kompilator des 11.

Jahrhunderts, entnahm einer unbekannten Quelle etliche Worte über „die

Künste des Χείμης“ (~Cheimes~) und die „Betrügereien eines ἀνήρ τις

χιμευτής (chimeutés)“, las also nach ~Diels~ den Titel des „Urbuches“

vermutlich Χήμα (Chéma)[3181].

~Zosimos~, und wohl schon der angebliche ~Hermes~, auf dessen „Physika“

er sich beruft, bezeichnet als Urheber der Chemia als der Kunst, unedle

Metalle in edle zu verwandeln, die Priester Ägyptens und versetzt,

wie auch ein Zitat bei ~Stephanos~ von ~Alexandria~ bestätigt, die

erste Entstehung in die Urzeit dieses Landes, dessen nordägyptischen

Namen „Chemi“ er mit ~Noahs~ Sohn ~Cham~ in Verbindung bringt, weil

dieser der Vater des ~Mestrem~ (= Mizraïm = Ägypten = Chêmî) ist;

daraufhin identifiziert er ~Cham~ mit ~Chemes~ und erklärt die

Chemie als die Kunst dieses ~Chemes~, des ersten Chemikers[3182]. --

Legenden-Bildungen solcher Art reichen weit zurück: Schon ~Clemens

Romanus~ (spätestens im 3. Jahrhundert) sagt, daß von ~Cham~, dem

Sohne ~Noahs~, ~Mestrem~ oder ~Mesraïm~ (Dual, = die beiden Ägypten)

abstamme, von dem die Babylonier, Perser und Ägypter herkommen, sowie

der Magier ~Nebrod~ (~Nimrod~), den er für die nämliche Person hält wie

~Zoroaster~[3183]. Nach ~Johannes Cassianos~, der im 4. Jahrhundert

schrieb, hatte ~Cham~, „der die Magie vererbte“, sie zur Zeit der

Sündflut ohne Wissen ~Noahs~ aufbewahrt und gerettet, indem er sie auf

Platten aus verschiedenen Metallen eingraben ließ, und tatsächlich war

noch um 200 n. Chr. in Ägypten ein Buch mystischen Inhaltes unter dem

Titel „Prophezeiungen des ~Cham~“ im Umlaufe[3184]. Endlich wird auch

erzählt, ~Noah~ habe die von ~Adam~ überkommenen Bücher der Magie,

sowie die magischen Schriften des ~Henoch~, in einem Winkel seiner

Arche verborgen, ~Cham~ habe sie aber entdeckt, gestohlen und später

seinem Sohne ~Misr~ geschenkt, der sie dann nach Misraïm = Ägypten

brachte[3185].

Derlei Phantasien gegenüber konnte schon ~Kopp~ mit Recht alle

Ableitungen der Chemie von ~Chemes~ und ~Cham~ als „Träumereien“

bezeichnen[3186], und ~Hoffmann~ hinzufügen: „Nicht von ~Chimes~ rührt

die Benennung der Chemie her, vielmehr ist diese seine Mutter und

~Cham~ sein Vater“[3187]. Auch ist zu beachten, daß, entgegen früheren

Ansichten, ~Chemes~ oder ~Chimes~ kein ägyptischer oder hellenisierter

ägyptischer Eigenname war, denn die Hieroglyphe des Gottes von Koptos,

„der Stadt der Bergleute“, dem ~Ramses~ III. (um 1200 v. Chr.) auf

einer Stele der Goldbergwerke von Kuban in Nubien als „Herrn des

Gebirges und Schutzgott der Bergleute“ huldigt, ist nicht ~Chem~ zu

lesen[3188], sondern ~Min~[3189].

„Chemie“ ist aber, wie bereits der große Sprachforscher und Etymologe

~Pott~ in seiner einschlägigen Abhandlung hervorhob, auch kein

griechisches Sprachgut, vielmehr „ein aus dem Griechischen schlechthin

unerklärbares Fremdwort“[3190], und ~Hoffmann~ stimmt ihm hierin

bei[3191]. Der im späteren Griechischen so häufige Wechsel von η, ει,

υ und ι, der Übergang von η, ει und υ in ι (sog. Itacismus), sowie

die wachsende Vorliebe für diese „itacistische Gleichmacherei“[3192]

erzeugten oder begünstigten nach ~Kopp~[3193] und ~Pott~[3194] das

Vorkommen der Formen χημία, χημεία, χειμεία, χυμεία, χημαία, χημᾶ,

χείμη, χίμη; doch glaubt ~Pott~, „mit größter Zuversicht“ χημεία

(Chemeía) als die Ursprüngliche hinstellen zu dürfen, und auch

~Hoffmann~ versichert, daß die weitaus meisten der zahlreichen von

ihm durchforschten griechischen, syrischen und früharabischen Codices

vorwiegend, und manche griechische +nie+ anders schrieben als χημεία

oder χιμεία (Chimeía), während sich die Lesart χυμεία (Chymeía) erst in

späterer Zeit geltend machte[3195].

Versuche, im Gegensatze zu ~Potts~ Urteil „Chemie“ dennoch aus dem

Griechischen abzuleiten, waren schon in früherer Zeit unternommen

worden, wobei man zumeist auf die mit Schmelzung, Fluß, Guß u. dgl.

in Verbindung stehenden Worte χέω, χύω, χῦμα, χεῦμα zurückgriff, doch

hatten sowohl ~Kopp~[3196] wie ~Pott~[3197] und ~Gildemeister~[3198]

sie abgewiesen, und letzterer bemerkt ausdrücklich: „Nicht zu denken

ist an Gießen oder Schmelzen, was jetzt auch ganz aufgegeben ist.“

Neuerdings erstand indes dieser Erklärungsweise in ~Stephanides~

wiederum ein Fürsprecher: seiner Meinung nach hat man auszugehen von

„Chymes“ und „Chymeia“, „welcher Name der heiligen Kunst von χύμα

(Chýma) = Metallguß herkommt“. Laut ~Agatharchides~’ Bericht (um

150 v. Chr.) verbleibt nämlich beim Behandeln des echten Goldsandes

ψάμμος mit gewissen Zuschlägen schließlich „χρυσίου τὸ χύμα“ = „der

Guß (Chýma) des Goldes“, dessen Gewinnung nach ~Stephanides~ ein

altes Geheimnis der ägyptischen Priester war; diese hätten schon beim

Einbruche der Perser (525 v. Chr.) die Eroberer hierüber getäuscht,

indem sie aus Blei, aber auch aus Kupfer, Eisen und anderen gemeinen

Metallen oder οὐσίαι (die nicht durch die λίθοι, die unreinen Metalle

und Erze ersetzbar sind), im Zustande von χυτά (Chytá = Schmelzen),

vermöge eines vermittelnden Zusatzes, des „Steines der Weisen“, ein

+goldähnliches+ χύμα (Chýma) gewannen, so daß jene glaubten, die

gemeinen Metalle seien wirklich in Gold verwandelt worden. Demgemäß

sei Chyma das Stammwort von Chymeia, und diese ursprünglich die Kunst,

Gold und goldähnliche Legierungen herzustellen, wobei das Blei als

„Urmaterie“ erschien und wegen seiner Schwärze auch mit dem schwarzen

Boden Ägyptens und dem Nilschlamme verglichen wurde als der Quelle, aus

der alles Vorhandene entsteht; weiterhin sei aber der Name von dieser

altägyptischen Methode auch auf die neue, persische, durch ~Ostanes~

vermittelte, übertragen worden, die darin bestand, die gemeinen Metalle

auf einer metallenen Platte, der κηροτακίς (Kerotakís), mit einem

φάρμακον (Phármakon, Mittel) zu erhitzen, durch das die Goldfarbe

hervorgebracht wird[3199].

Obwohl sich, vorwiegend wohl vom philologischen Standpunkte aus, kein

Geringerer als ~Diels~ ebenfalls dieser Ansicht anschloß und von

χύμα (Chýma), -- dessen vereinzeltes Vorkommen er noch in einer der

„Hippokratischen Schriften“ (3. Jahrhundert), in der „Septuaginta“

und an einigen anderen Stellen nachwies --, zunächst χυμεύειν und

davon dann χυμεία, χύμευσις, χυμευτής, χυμευτικός, sowie Χύμης

(~Chymes~) ableiten will[3200], muß man jedoch feststellen, daß sie

der inneren Berechtigung durchaus ermangelt. Nirgendwo findet sich

bezeugt, oder auch nur erwähnt, daß die Goldgewinnung in der Wüste

von Priestern betrieben worden oder deren Geheimnis gewesen sei,

und demgemäß den Namen einer „heiligen, göttlichen Kunst“ (ἱερὰ,

θεία τέχνη) getragen habe; nirgends, daß die ägyptischen Priester

schon die persischen Eroberer, die ihnen überdies an metallurgischen

Kenntnissen weit überlegen waren, hinters Licht zu führen versuchten;

nirgends, daß sie in so früher Zeit Transmutationen angestellt, das

Blei als Urmetall betrachtet und einen „Stein der Weisen“ gekannt

hätten; nirgends endlich, daß die Perser Alchemie getrieben, und daß

die Benützung der Kerotakis eine persische, erst durch ~Ostanes~ (den

berüchtigten pseudepigraphischen Schriftsteller, Zauberpriester,

Propheten usf.) nach Ägypten gebrachte Methode gewesen sei[3201].

Es ist ferner das Wort Chymeia „bei den Griechen nie anders als von

der +Metall-Verwandlung+ gebraucht worden“[3202], und zwar mit dem

bestimmten Nebensinne einer +betrügerischen+, der ihm auch bei den

Syrern, Arabern und allen Späteren unentwegt anhängen bleibt. Wenn

also, wie ~Diels~ erwähnt, einige Punkte der hellenistischen Erzählung

von der Überlieferung der Geheimkünste durch gefallene Engel, und

selbst die Definition des ~Suidas~, mit der Ableitung der Chemie von

χύμα nicht unvereinbar sind, wenn ferner in einer der Fassungen des

sog. „Steinbuches des ~Aristoteles~“ Kimija auch für die „Künste der

Metallgießer“ gebraucht wird[3203], usf., so ist dies nicht beweisend,

weil auch bei diesen Anlässen schon stillschweigend vorausgesetzt

oder offen erwähnt wird, daß es sich um nachahmende und betrügerische

Fälschung handle: niemals wird aber der „Chemiker“ als Erzgießer

angesehen und bezeichnet, oder dieser, etwa der χαλκοχύτης (Gießer des

Kupfers, des Erzes)[3204], als „Chemiker“. Endlich hebt auch ~Hoffmann~

noch hervor, daß bei einer Ableitung des Wortes „Chemie“ von der

sehr seltenen Bezeichnung χύμα oder χεῦμα für in Barren gegossenes

Metall, wonach also χυμεία etwa die „Beschäftigung mit metallischen

Rohprodukten zwecks Goldbereitung“ wäre, eher der Namen χυματεία

(Chymateía) zu erwarten bliebe, analog der μεταλλεία (Metalleía =

Beschäftigung mit Metallen) des ~Suidas~[3205].

Außer der Herkunft des Ausdruckes Chemie von χέω oder χύμα wurde

seitens älterer Gelehrter auch der von χυμός (Chymós = Flüssigkeit,

Saft) in Betracht gezogen, im Sinne einer zur Verwandlung der Metalle

dienlichen Lösung; ~Kopp~[3206], ~Pott~[3207] und ~Diels~[3208] lehnten

sie ab, während ~Gildemeister~[3209] die Ansicht vertrat, χυμεία als

„transmutierende Substanz“ sei zwar bei den Griechen nicht, oder

doch nicht sicher nachweisbar, die Araber aber hätten sie von ihnen

als solche übernommen: bei ihnen sei die „Kîmijâ“ ursprünglich ein

χυμός (Chymós), ein +flüssiges+ Präparat, im Gegensatze zum ξήριον

(Xérion), dem +festen+ Streupulver, das, -- wie ~Fleischer~ schon 1836

zeigte[3210] --, in Verbindung mit dem arabischen Artikel al, als

„Aliksîr“ dem „Elixîr“ den Namen gab; erst später bezeichne dann Iksîr

vorwiegend die transmutierende Substanz in beliebiger Form, Kîmijâ aber

nicht mehr das Präparat oder auch seine Verfertigung (ποίησις), sondern

die Wissenschaft als solche. ~Riess~ stimmt diesen Darlegungen zu[3211]

und vermutet, daß die Beinamen der chemischen Kunst, θεία und ἱερά (die

göttliche, die heilige), Übersetzungen ägyptischer Worte seien (wofür

jedoch nicht der geringste Anhaltspunkt vorliegt). ~Hoffmann~ indessen

erklärt die Annahme ~Gildemeisters~ für sachlich und sprachlich ganz

unmöglich: χημεία oder χιμεία, -- so ist die richtige, alte, dem

Namen Χήμης entsprechende Schreibweise, während χυμεία erst später

vorkommt[3212] --, tritt bei sämtlichen griechischen Autoren und deren

frühesten syrischen Übersetzern +niemals+ als der Name eines Präparates

auf, sondern allein als der einer Kunst und Wissenschaft, und überdies

haben in den chemischen Schriften χυμοί (Chymoí = Säfte) die übliche

Bedeutung der Säfte (humores) des menschlichen Körpers[3213], -- wie

denn auch z. B. bei ~Alchwarizmi~ (um 980) „Kimus“ = Chymus ist[3214]

und im „Steinbuche des ~Aristoteles~“ „Kîmûsât“ = Mischungen der Säfte,

Temperamente[3215]. Erst die Araber und jene späteren Syrer, die zum

Teil schon wieder aus arabischen Quellen schöpften, gebrauchen Kîmijâ

auch in dem von ~Gildemeister~ erwähnten Sinne[3216], aus dem dann

in mittelalterlichen Schriften „Kimia“ und „Alkimia“ nicht nur als

Bezeichnung von chemischen Präparaten, sondern selbst von Apparaten

und Gefäßen hervorgeht[3217]. Diese sämtlichen Bedeutungen sind

sekundär, und schon deshalb erscheint es ausgeschlossen, daß ihnen der

Name für das Primäre entlehnt worden sei, nämlich für die Kunst der

Umwandlung unedler und die Darstellung edler Metalle.

Bereits ~Pott~ wies 1876 darauf hin, daß das lange î des arabischen

Kîmijâ auf itacistische Aussprache von χημεία oder χυμεία deute, so

daß das Wort wohl nicht unmittelbar als griechisches, sondern als

„auf fremdem Boden gewachsenes“ in das Arabische übergegangen sei;

seine Vermutung wurde durch spätere Forschungen bestätigt, und es

ist unumgänglich, deren Ergebnisse teilweise schon an dieser Stelle

vorauszunehmen.

Die Araber lernten nach ~Reitzenstein~ die hermetische und

alchemistische Litteratur zweifellos zuerst gelegentlich der Eroberung

von Harrân kennen, und ihre ersten eigenen Nachbildungen entstanden

vermutlich in harranischen, also wesentlich syrischen Kreisen[3218].

Die Syrer selbst trieben, der üblichen Annahme nach, mindestens

seit dem 6. Jahrhundert Chemie, wahrscheinlich aber, wie u. a. das

oben angeführte Zitat aus den Hymnen des hl. ~Ephraim~ ersehen

läßt, bereits seit dem 4., und besaßen eine ganze Reihe unmittelbar

aus dem Griechischen angefertigte Übersetzungen alchemistischer

Schriften, von denen nach ~Hoffmann~ noch zahlreiche (u. a. in London

und Cambridge) erhalten sind, -- leider, bis auf die wenigen von

~Berthelot~ benützten, in undurchforschtem Zustande[3219]. Aus ihnen,

aber auch schon aus inzwischen entstandenen arabischen Werken, schöpfte

u. a. ~Bar Bahlul~, der um 950 ein wichtiges syrisches Wörterbuch

verfaßte[3220]. Die Kimia bezeichnet er in diesem als die Wissenschaft

von den sieben Metallen und der Verwandlung ihrer Natur, von den

Arbeiten, die die unedlen und edlen Metalle sowie „Glas“ (= künstliche

Edelsteine?) betreffen, von der Herstellung des „philosophischen

Steines“ (Steines der Weisen), sowie von der künstlichen Darstellung

des Goldes und Silbers; einige glauben, „Kimia“ komme von „Kima“,

einer Bezeichnung der acht Sterne der Plejaden, und bedeute daher

eine „Arbeit mit acht Mischungen“, andere aber nennen sie „Kameleía“

oder „Khemaléa“, d. i. χαμαιλέων, Chamäleon. Hierüber heißt es: „Die

‚Körper‘ (= οὐσίαι, gemeine Metalle) in ihrer Zusammensetzung (ἐν

συνθέσει) nennt man Chamäleon“[3221], und dieser Satz, den ~Hoffmann~

nicht ganz richtig aufgefaßt hat, spielt darauf an, daß vermöge der

Kunst die (erst schwarze) metallische Schmelze ihre Farbe zu wechseln,

also zu Silber und Gold zu werden vermag, ohne doch ihr eigentliches

Wesen zu verändern, ganz so, wie das Chamäleon je nach den Umständen

alle Farben annehmen kann, dabei aber doch stets eines und dasselbe

bleibt[3222]. Vermutlich liegt übrigens der Benennung nicht nur

der Vergleich mit dieser Eidechsenart zugrunde, sondern auch eine

Anspielung auf ~Demokritos~, dem man eine „Chamäleon“ betitelte

Abhandlung zuschreibt, die aber zoologischen Inhaltes war und nicht

alchemistischen.

Unter den älteren arabischen Autoren, die übrigens vielfach nur

arabisch schreibende Syrer oder Perser waren, erwähnt ~Abu Jussuf~

(gest. 789) die Chemie schon als etwas Wohlbekanntes, indem er als

sprichwörtliche Redensarten anführt: „Wer die Kîmijâ sucht, ist

nicht sicher vor Verarmung“, und „Nicht zu erlangen ist Jugend durch

Schminke, Gesundheit durch Arznei, Vermögen durch Kîmijâ“[3223].

Die Schriften der „Treuen Brüder“, die zwar erst im 10. Jahrhundert

abgefaßt sind, sich aber auf das engste weit älteren, den griechischen

Originalen noch ganz nahestehenden anschließen, berichten, daß viele

Salze in der Kîmijâ und von den Chemikern gebraucht werden[3224];

bei ~Aldschahiz~ (gest. 869) und in einer alten, im Wörterbuche des

~Jaqut~ (1178-1229) angeführten Quelle heißt der Chemiker Alkimavi

oder Alkimijâ’î[3225]; der hervorragende Philosoph und Enzyklopädist

~Alkindi~ (gest. nach 870) richtete an den Khalifen ~Almuʿtadid~

(813-842) einen Brief über die „Kîmijâ altabîch“ = „Nachahmung (oder

Fälschung) der Speisen“, schildernd die Kunst der Vortäuschung von

Eiern, Leber, Hirn, Fleisch u. dgl., ohne solche in Wirklichkeit mit

zu verwenden[3226]; nach ~Ibn Alfaqih~ (gest. 902) verlieh Allah

den Bewohnern Rûms (des oströmischen Reiches) u. a. das Wissen von

der Ausübung der Chemie, dortige „Philosophen“, die ein persischer

König gelegentlich schlecht behandelte, verbrannten aber, nachdem,

sie noch das für ihr eigenes ferneres Leben nötige Gold gemacht

hatten, ihre sämtlichen Bücher, so daß diese Kunst seither verloren

ging[3227]. Der berühmte Reisende und Schriftsteller ~Almasʿudi~

(gest. 956) sagt: „Alkîmijâ ist das Werk der Darstellung von Gold,

Silber, Edelsteinen, Perlen und Elixir“[3228]; in den Erzählungen

„1001 Nacht“, deren arabische Quellen zum Teil bis ins 8. Jahrhundert

zurückgehen, ist „Chemie und natürliche Magie die Kunst, Silber und

Gold darzustellen“[3229]; nach ~Althaʿalibi~ (961-1038) erfand diese

Kunst ~Karun~ [d. i. der ~Korah~ der Bibel][3230], und noch bei

~Alakfani~ (auch ~Alansari~ oder ~Alsachawi~, gest. 1348) findet sich

die alte Definition angeführt „al Kîmijâ ist die Kunst, aus unedlen

Metallen Gold und Silber zu machen“[3231]. Über die Herkunft des

+Namens+ „Chemie“ blieben aber ebenso wie die Syrer auch die Araber

im unklaren: schon ~Alchwarizmi~ (um 980) glaubt, Alkîmijâ sei ein

arabisches Wort, komme von jakmî, dem Imperfektum des Zeitwortes kamâ,

bedeute „er verheimlichte, verhüllte, verschwieg“, und weise auf

eine Geheimwissenschaft hin[3232], ~Alakfani~ gar überliefert eine

Etymologie, die Kîmijâ in Zusammenhang mit dem hebräischen „Kîm-Jah“

bringen will, angeblich = „wohltätiger als Gott“![3233]

Aus allem Vorstehenden darf mit Sicherheit geschlossen werden, daß

„Chemie“ keinesfalls, wie man wegen der späten Erwähnungen bei

~Synkellos~ (9. Jahrhundert) oder ~Suidas~ (um 1000) noch bis in die

neueste Zeit hinein für möglich hielt, erst ein von den Byzantinern

gebrauchtes, ursprünglich vielleicht orientalisches Wort ist; χημεία

war vielmehr zweifellos schon bei den hellenistischen Alchemisten

gebräuchlich, ging, ~Potts~ Vermutung gemäß, aus ihren Schriften in

die der Syrer und zuerst wohl aus diesen in die der Araber über und

bedeutete die „Goldmacherei“, und zwar eine betrügerische. In letzterer

Hinsicht läßt sich als Parallele noch anführen, daß bei den Persern,

die ihre alchemistischen Kenntnisse gleichfalls den Syrern verdankten,

schon im 10. Jahrhundert ~Firdusi~ (= der Paradiesische), der Dichter

des gewaltigen „Königsbuches“ (Schah-Nameh), an einer Stelle dieses

Werkes sagt: „Sein Herz war voll Kîmijâ“, und damit meint „voll

Falschheit“[3234].

Stand aber der Ausdruck χημεία schon bei den hellenistischen

Alchemisten in Gebrauch und ist er nach ~Pott~ (und auch ~Hoffmann~)

„ein aus dem Griechischen schlechthin unerklärliches Fremdwort“, so

drängt sich auf die unabweisbare Frage nach seiner Herkunft schon von

vornherein als die wahrscheinliche Antwort +die+ auf: er stammt aus

dem Ägyptischen. Lehnt man diese Ableitung aus philologischen Gründen,

oder unter dem Hinweise, „daß ein Urwort Chemie in den Schriften

der griechischen Chemiker fehlt“, als eine „vergebliche“ unbedingt

ab[3235], so versperrt man den einzigen gangbaren Weg, der überhaupt

die Möglichkeit einer Lösung in Aussicht stellt und verzichtet auf

Verwertung der zwar wenigen, aber sehr wichtigen, weil unmittelbare

Anknüpfung gestattenden Zeugnisse.

Unter diesen ist das beachtenswerteste das des ~Plutarch~, der im

33. Kapitel seiner Abhandlung über „Isis und Osiris“ sagt: „Die

weisen Priester Ägyptens nennen das meist schwarzerdige Ägypten

χημία (+Chemía+), so wie das Schwarze [die Pupille] im Auge[3236].“

Tatsächlich lautet der hieroglyphische Name Ägyptens „Kême“ =

das Schwarzerdige, das Schwarzland[3237], und das nämliche Wort

charakterisiert auch den ägyptischen Einwohner = Mann des Schwarzlandes

(rem n kême)[3238], den „schwarzen Stein“ (ôner kem = dunklen

Granit)[3239], das „schwarze Kupfer“ (homt kem = Schwarzkupfer)[3240],

den „schwarzen Weihrauch“, der beim Gottesdienste nicht gebraucht

werden darf, weil er „aus der Pupille des [bösen Gottes] ~Seth~“

stammen soll[3241] usf.; nichts zu tun hat es aber mit ~Cham~, dem

angeblichen Stammvater der afrikanischen Völker und daher auch der

Ägypter[3242]. Im Koptischen heißt Ägypten ebenfalls Kême oder Kêmi,

und im unterägyptischen, den Griechen wohlbekannten Dialekte χημι

(Chemi), kennzeichnend das „Schwarzland des Fruchtbodens“ im Gegensatze

zu „Dosret“, dem „Rotlande der Wüste“[3243]. Eine alte Inschrift nennt

Ägypten „das Auge des ~Osiris~, dessen Pupille ist der große [den

fruchtbaren schwarzen Schlamm herbeiführende] Strom, dessen Augenrund

sind die Berghänge des Ostens und Westens, und dessen Inhalt [=

Inneres] sind die Heiligtümer Ober- und Unter-Ägyptens“ [die ἄνω – καὶ

κάτω – χώρα][3244], und noch um 400 n. Chr. überliefert ~Horapollon~

richtig in seinen „Hieroglyphika“: „Ägypten liegt inmitten des

Erdkreises (οἰκουμένη), wie die Pupille (κόρη, Kóre) im Auge[3245].“

~Pott~ war der Ansicht, daß von χημία = Ägypten, etwa unter Mitwirkung

wirklicher oder scheinbarer Analogien, ein Zeitwort χημεύειν oder

χιμεύειν (= sich nach ägyptischer Art beschäftigen) abgeleitet worden

sei, und von χιμεύειν, -- ähnlich wie von μαγεύειν (= sich magisch

beschäftigen) μαγευία und μαγεία (Magie) --, χημευία und χημεία,

χιμεία, χυμεία, Chemie); wie φυσικός, μαγικός, μεταλλικός den der

Physik, Magie, Metallbearbeitung Beflissenen, so würde hiernach χημικός

(oder χυμικός) den sich mit Chemie Abgebenden bedeuten, und vielleicht

auch χημεία die χημεία τέχνη, die „ägyptische Kunst“[3246].

Obwohl sich zugunsten dieser Hypothese anführen ließe, daß Abstrakta

auf -εία und -ία nicht selten ursprünglich weibliche Adjektiv-Formen

waren[3247], und daß „ägyptische Kunst“ oder „Kunst Ägyptens“ im Sinne

von „Chemie“ tatsächlich vorkommt (s. unten), so ist letzteres doch nur

in einigen wenigen, auf einen ganz bestimmten Sonderzweck abzielenden

Sätzen der Fall, während ein Zeitwort χιμεύω, sowie χημεία als

Eigenschaftswort überhaupt nicht nachgewiesen werden kann. Läßt sich

daher diese Seite der ~Pott~schen Vermutung nicht aufrechterhalten,

so erfordert doch die andere, die übrigens auch schon von ~Kopp~

betont wurde[3248], desto größere Beachtung: Chemie ist der Name

eines „Verfahrens zur Bearbeitung eines Gegenstandes“ (~Kopp~), einer

„Beschäftigung“ (~Pott~).

So kommt denn auch ~Hoffmann~[3249] im Verlaufe seiner Untersuchung,

die ~Reitzenstein~ mit Recht eine glänzende nennt, zum Schlusse, χημεία

(Chemeía, Chemie) bedeute, ebenso wie μαγεία (Mageía, Zauberei),

μεταλλεία (Metalleía, Metallurgie), ταριχεία (Taricheía, Pökelei)

u. dgl., eine +Tätigkeit+, eine +Beschäftigung+, und zwar entweder

„die eines N. N.“, oder „die mit einem X. X.“; das erstere, etwa

„Beschäftigung der Ägypter“, ist ausgeschlossen, schon weil der Name

ursprünglich von ägyptisch Sprechenden selbst herrühren muß und gerade

deshalb von den hellenistischen Schriftstellern nur selten gebraucht,

vielmehr wörtlich mit μέλαν (= chêmî = das Schwarze) übersetzt

wurde[3250]; es verbleibt also das zweite, die „Beschäftigung mit

dem Schwarzen“ (chêmî), und dieses kann kein anderes sein als das

„+schwarze Präparat+“, das das Alpha und Omega der Verwandlungskunst

bildete und zugleich deren innige Verquickung mit dem Mythus von

~Osiris~, dem „Schwarzen“, erklärt.

Aus den Schriften der griechischen Alchemisten geht hervor, daß sie

als das Wesentliche der Metallverwandlung die „Färbung“ (βαφή, Baphé)

ansahen, durch die in letzter Linie die erwünschte „Weißung“ und

„Gilbung“ bewirkt wird; vorausgehen +muß+ ihr aber, als grundlegende

und unumgängliche Operation, die μέλανσις (Mélansis) oder μελάνωσις

(Melánosis) = „Schwärzung“, auch „große Beizung“, „große Einsalzung“

(Tarichie, μεγάλη ταριχεία), „große Wäsche“, „große Fäulnis“ (Sépsis,

σῆψις), „große Fäule der ~Isis~“ usf. benannt[3251], deren Zweck es

ist, mittels einer „schwarzen Brühe“ aus allerlei Salzen, Essig,

Säften „heiliger“ Pflanzen und sonstigen Beimischungen, die unedlen

Metalle zunächst in den Zustand der Urmaterie oder „Materia prima“

zurückzuführen, die zwar in sämtliche mögliche Substanzen wandelbar,

selbst aber formlos, eigenschaftslos, von chaotischem Dunkel, in

Schatten und Finsternis liegend ist[3252]. Als Ergebnis der richtig

ausgeführten Tarichie erhält man ein schwarzes Produkt, „schwarz wie

die Tinte der Schreiber“ (d. i. wie Ruß, der zu Tinte aufgeschlämmt

wird), unzählige Namen führend, bestehend aus dem gemeinsamen Urstoff

aller Metalle, also auch der edlen, in die es nunmehr durch weitere

Behandlung umgewandelt werden kann[3253]. Dies ist die Tinte des

~Hermes-Thot~, des „Schreibers des Himmels“ und „Herrn der vollkommenen

Schwärze“, nach dem Ägypten auch Hermochémios = Schwarzland des

~Hermes~ heißt[3254], die Tinte, mit der ~Kamephis~ (= ~Chnubis~,

~Chnum~), der Urvater der Götter, die ~Isis~ beehrte[3255], die

Schwärze, von der die hermetische Schrift „κόρη (Kóre) κόσμου“, sowie

(nach ~Olympiodoros~) auch ~Zosimos~ sagen: „sie ist die Pupille

(κόρη, Kóre) des Auges“, d. h. χημία (Chemía), das Schwarze, „sie ist

die himmlische Iris“, d. h. sie birgt wie der Regenbogen die bunten

Farben aller Metalle in sich, die man nur mehr aus ihr zu entwickeln

braucht[3256]; endlich ist sie auch das „Chamäleon“, das als Tier

[Chamaeleon vulgaris] seine ursprünglich schwarze Farbe in alle

möglichen bunten übergehen läßt[3257], und als Pflanze [Chamaeleon

niger = Carthamus corymbosus, Schirmsafflor?] seine eigentlich

schwarzen Blätter, je nach dem Standorte, in gelbe, blaue, grüne usf.,

verwandeln soll[3258].

Weil unter den Metallen das „schwarze“, nämlich das gemeine

Schwarzblei, dieser „Schwärze“ am nächsten steht, ging nach ~Zosimos~

die ursprüngliche Meinung der „Ägypter“ (= hellenistischen Chemiker)

dahin, es sei der Grundstoff aller οὐσίαι („Körper“ = Metalle); später

ließ man aber statt des Bleies auch „unser Blei“ (meist = metallisches

Antimon), Schwarzkupfer, Kupferblei oder irgendeine andere dunkle

Legierung als „Urmaterie“ gelten, und schließlich wurde als solche

das Quecksilber (äg. thrim) angesehen. Dies geschah vermutlich seit

der etwa im 4. Jahrhundert erfolgten Entdeckung der Destillation

des Quecksilbers, dessen „Pneuma“ man dem ~Hermes Logios~ oder

Psychopompos, dem sich durch das Weltall erstreckenden Naturgeiste,

zuordnete, während gleichzeitig das bisherige Metall des ~Hermes~,

das Zinn, auf den ~Zeus~ übertragen, und dessen Metall, das Elektron

(die Gold-Silber-Legierung), aus der Reihe der Planeten-Metalle für

immer gestrichen wurde[3259]. Wie der Geist des ~Hermes~ dem Kosmos im

allgemeinen, so lag nun der seines Metalles, der Quecksilber-Geist,

den Metallen im besonderen zugrunde, als ihre gemeinsame Seele, aber

auch als der ihre Verwandlung bewirkende Stoff, wobei, wie ~Hoffmann~

sehr treffend sagt, „weniger an das Haben gedacht wurde, als an das

Soll“[3260]. In diesem Sinne riefen schon ~Pibêchios~ und mit ihm

andere Chemiker des 4. Jahrhunderts aus: „Alles ist Quecksilber!“,

„Alle Körper enthalten Quecksilber!“, und betrachteten dieses, seinem

silberweißen Metallglanze zum Trotze, -- vielleicht gestützt auf die

Theorie von den verborgenen, entgegengesetzten Eigenschaften, -- als

die mit der Urmaterie identische Schwärze; daher galt fortan, bis in

das späte Mittelalter hinein, das Dogma „Mercurius philosophorum est

nigredo perfecta“, „Das Quecksilber der Philosophen (= Chemiker) ist

die vollkommene Schwärze“ (die Schwärze in ihrer Vollkommenheit)[3261].

Wie ~Olympiodoros~ nach einer „Orakel des ~Apollon~“ genannten Schrift

übermittelt, hieß das der ταριχεια (Einsalzung, Einpökelung) in der

„schwarzen Brühe“ unterworfene schwarze Blei oder Kupfer-Blei auch

„Grab des ~Osiris~“: man verglich nämlich die in Leinen (πέταλον)

eingelegten und mit leinenen Binden (καιρίαις, κειρίαις) umwundenen,

eingebeizten schwarzen Rohmetalle mit der gleichfalls in Leinen

gehüllten, mit Leinenbinden umwickelten, einbalsamierten Leiche des

„schwarzen“ ~Osiris~, von der allein noch das Haupt des Toten (caput

mortuum) zu sehen ist[3262], -- daher denn der Ausdruck „Präparation

des Kopfes“ schon den alten Alchemisten völlig geläufig war[3263].

Demgemäß nennt auch ~Zosimos~ die chemisch behandelten Mineralien

„καιρικὰς ψάμμους“ = „eingebündelte Sande“, und Leute, die mit

Erfolg chemisch tätig sind, „καιρικὰς εὐτυχοῦντας“ = „die mit dem

Eingebündelten Glück haben“; es sind eben die vorgerichteten Präparate

Mumien, die Chemiker Priester, die den toten Leib einbalsamieren,

~Hermes-Thot~ und ~Anubis~ aber, die Götter der Toten-Konservierung,

zugleich auch Meister der chemischen Wissenschaft[3264]. Dieser

gelten wie die natürlichen Metalle so auch die künstlichen chemischen

Präparate für Verkörperungen und Erscheinungsweisen der Götter, daher

die „vollkommene Schwärze“ für eine solche des „schwarzen ~Osiris~“,

und diese Art der Anschauung ist es, die ~Demokritos~ und andere

alchemistische Schriftsteller im Sinne haben, wenn sie von μυστικὴ

χημεία (mystische Chemie, Mysterien der Chemie) sprechen[3265]. Weil

aber nach neuplatonischer Theorie auch die Priester Verkörperungen

ihrer Götter darstellen, so erscheinen unter Umständen auch sie als

Personifikationen der Metalle und der metallverwandelnden Mittel

und tragen zuweilen auch entsprechend ausgedachte Namen: ~Komarios~

(in den Schriften der ~Kleopatra~) leitet sich von dem vieldeutigen

Mineral und Präparat Komaris ab, ~Neilos~ vom Nil, „der Flut der

schwarzen Brühe“, ~Amnael~ (im Briefe der ~Isis~ an ~Horos~) ist der

Geist des „weißenden“ Quecksilbers, und betreff des „Propheten“ (=

Priesters) ~Chemes~ überliefert ~Stephanos~ von ~Alexandria~ den die

Arbeit der Transmutation begleitenden Ausruf: „Kämpfe Kupfer, kämpfe

Quecksilber!“, aber auch „Kämpfe Kupfer, hilf Chemoi!“ (richtig:

χήμι oder χημῆ), wobei also ~Chemes~ unmittelbar mit dem Quecksilber

identifiziert wird[3266].

Aus der hellenistischen Gleichsetzung des ~Osiris~ mit ~Pan~ erklärt

sich der bei ~Stephanos~ von ~Alexandria~ auf die Transmutation

bezogene Spruch: „Gefunden ist der große Pan, der seit Begründung

Ägyptens gesucht wird“, denn in Wirklichkeit ist dies der

Freudenruf der Priester und des Volkes am Festtage der Auffindung

des ~Osiris~[3267]. Aus der Gleichsetzung des ~Osiris~ mit der

„vollkommenen Schwärze“ ergibt sich ferner die Deutung der schon

weiter oben angeführten ~Osiris~-Statue, über die u. a. ~Athenodoros~,

~Rufinus~, sowie eine Inschrift des Tempels zu Tentyra berichten: nach

ersteren enthält sie sämtliche Metalle und Edelsteine, zusammengeknetet

zu einer tief dunkelblauen oder schwärzlichen Masse, nach letzterer

verfertigt man die Statue des „unterirdischen ~Osiris~“ aus einer

Mischung von 24 Mineralien, nebst allerlei Pflanzensäften; dies ist

der nach ~Plutarch~[3268] vom Feuer des ~Typhon~ getötete „schwarze

~Osiris~“, alle buntfarbigen Gesteine und Erze in sich bergend, das

mineralische „ἕν καὶ πᾶν“ (Alles in Einem). Von ~Osiris~ aus wurde

diese Vorstellung auf ~Serapis~ übertragen und von diesem wieder durch

die Ssabier auf ~Hermes~, dessen Statue daher bei ihnen (wie schon oben

erwähnt wurde) aus sämtlichen Metallen nebst einem mit Quecksilber

gefüllten Porzellangefäße bestehen soll[3269].

Das zur „Wiederbelebung der Schwärze“, d. h. zu ihrer Umwandlung in

Gold oder Silber dienende ὕδωρ θεῖον (Hýdor theíon) ist ursprünglich

jenes ὕδωρ θεῖον καὶ ἄθικτον, jenes „heilige, gesegnete, unberührbare“

mystische „Wasser des Lebens“, das ~Osiris~ den Seelen der

Abgeschiedenen als Trank der Läuterung und Erhaltung darreicht, mit

dem ~Isis~ die Leiche des ~Osiris~ oder auch des ~Horos~ wiederbelebt,

das Weihwasser, das, dem „Briefe der ~Isis~ an ~Horos~“ gemäß, der

Hohepriester ~Amnael~ auf dem Haupte trägt, und das gegen Ende

der ~Isis~-Mysterien der diensttuende „Prophet“ vor der Gemeinde

emporhebt, -- womit wieder die schon bei ~Demokritos~ auftretende

allegorische Bezeichnung der Sublimation und Destillation als „Erhebung

des Wassers“, „Erhebung der Wolke“, zusammenhängt. Späterhin wird,

anknüpfend an den Doppelsinn von θεῖον (göttlich, aber auch schweflig),

das ὕδωρ θεῖον zum „schwefligen Wasser“ oder „Wasser des Schwefels“,

sei es weil zu seiner Darstellung Schwefel diente, sei es weil die

gelbe Farbe der Lösung, der Schmelze, oder des Schwefels selbst, eine

Beziehung zu der des Goldes ergab, so wie die weiße des Quecksilbers

zu jener des Silbers[3270]. Zuletzt stellt das vieldeutige ὕδωρ

θεῖον einen Sammelnamen für alle verwandelnden Präparate dar, umfaßt

(sozusagen als seine gemeinsamen Derivate) die zu Gold wie zu Silber

transmutierenden, und wird deshalb mit dargestellt durch das Symbol des

„weißenden, wandelbaren, beweglichen, giftigen Quecksilber-Geistes“:

dieses ist die Schlange, die ihren eigenen Schweif verschlingt, die

Schlange ~Agathodaimons~, des Schutzpatrons ganz Ägyptens, weshalb sie

als Hauptschmuck die beiden Kronen Ober- und Unter-Ägyptens trägt, die

weiße und rote, die gleichzeitig auf Silber und Gold anspielen. Sie

ist aber ferner auch das hieroglyphische Zeichen für das Weltganze,

das „Alles in Einem“ umfaßt, sodann wieder der schreckliche „Drachen

~Uroboros~“ (οὐροβόρος δράκων) und der verderbliche Dämon ~Ophiuchos~

(δαίμων Ὀφιοῦχος des ~Zosimos~), und endlich, wegen der Ähnlichkeit

ihrer Form mit jener der eigentümlich gestalteten Kopf-Bildung und

-Bedeckung des Gottes ~Chnum~, auch noch der Gott ~Chnubis~, ~Knuph~,

~Kneph~; der nämlichen Ähnlichkeit wegen heißt der Deckel eines

Sublimations- oder Destillations-Gefäßes ἄμπυξ κνούφιον, „knuphischer

Deckel“, „Deckel des ~Knuph~“, „Tempel des ~Knuph~“[3271].

Indem man schließlich die „schwarze Brühe“ mit dem dunkeln

Menstrualblute des Mutterschosses verglich[3272], das als das +eine+

(mütterliche) Substrat des Fötus galt, -- das +zweite+ (väterliche)

war das belebende Pneuma des Samens --, ließ man aus ihr beim großen

Werke, „das durchaus den Charakter einer Schwangerschaft trägt“, den

neugezeugten Körper auch als Menschlein, Homunculus, ἀνθρωπάριον,

hervorgehen, das sich zum Kupfer-, Silber-, Asem- und Gold-Menschen

auswächst, -- wobei möglicherweise der Mythus von ~Horos~, als dem

Sonnen- (= Gold-) Kinde, mit herangezogen wurde[3273].

Nach den Schriften des ~Hermes~ erfolgt die „große Taricheia“ am besten

zu einer ganz bestimmten Jahreszeit, und zwar sind die angegebenen

Monate gerade die, während derer die Dürre des ~Typhon~ den niedrigsten

Stand des Nils bedingt, der getötete ~Osiris~ in der Unterwelt ruht,

sein goldenes Rind mit einem schwarzen Mantel bekleidet[3274], und die

„Milch der schwarzen Kuh“ geopfert wird, die, falls kein sog. Deckname

vorliegt, auch einen Bestandteil der „schwarzen Brühe“ bildete[3275];

davon, daß gerade diese Zeit auch der als „Etesien“ bekannten kühlen

Nordwinde ermangelt, soll nach ~Hoffmann~ das schwarze Präparat die

Beinamen „etesische Schwärze“, „etesische Wolke“, „etesischer Stein“

empfangen haben. Diese Erklärung ist indessen wenig wahrscheinlich,

schon weil während des weitaus größten Teiles des Jahres die Etesien

überhaupt ruhen; diese vom schwarzen Meere herkommenden nördlichen

Winde, eine Art „sommerlicher Nordostpassate des Ägaeis“[3276],

treffen nur ein einziges Mal jährlich, gegen Anfang des Sommers und

der Nilschwelle, in Ägypten ein, verbreiten dort angenehme Kühle und

dem Gedeihen der Pflanzenwelt förderliche Feuchtigkeit und halten mit

hoher, wenn auch nicht unbedingter Beständigkeit 40 Tage an[3277].

Die Zahl 40 ist aber eine der ältesten „großen“ Zahlen, die schon bei

den Babyloniern einem der Hauptgötter, dem ~Ea~, heilig war[3278]

und auch während der hellenistischen Zeit nie an ihrer Wichtigkeit

einbüßte[3279], die in erster Linie daher rührt, daß der Fötus im

Mutterleibe nach 40 Tagen menschliche Gestalt erhalten[3280] und

binnen 7 Abschnitten zu 40 Tagen = 280 Tagen = 10 (Mond-) Monaten

seine Entwicklung vollenden soll[3281], weshalb denn 40 Tage für die

allgemeine Frist der Reife und Vollendung gelten, umgekehrt aber auch

für die der Auflösung und Verwesung[3282]. Wenn also der „etesische

Stein“, -- der übrigens bei ~Plinius~ ein wirklicher, dem schwarzen

Basalt verwandter, zu Mörsern für Salben und Arzneien vortrefflich

geeigneter Stein ist[3283] --, als gleichbedeutend mit der vollkommenen

Schwärze angesehen wurde, so geschah das wohl deshalb, weil Eintritt

der Etesien, Beginn der Nilschwelle, Neuentfaltung der Vegetation und

Auferstehung des toten ~Osiris~ auf das Engste zusammenhingen, und weil

das befruchtende Pneuma der Etesien auch die Entwicklung des Fötus beim

„großen Werke“ fördern sollte, dessen Dauer in der Regel ebenfalls auf

40 Tage angegeben wird. Mitgespielt mag aber dabei noch die u. a. von

~Theophrast~ erwähnte Sage haben, daß in Baktrien zur Zeit der Etesien,

wenn die Winde den Wüstensand auseinander wehen, Edelsteine und Perlen

bloßgelegt werden, die man von Berittenen einsammeln lasse[3284];

Perlen betrachtet ~Theophrast~ bekanntlich als eine Art der Edelsteine,

und ihre Namen μαργαρίτης (Margarítes), μαργαρίς (Margarís), μάργαρον

(Márgaron) leiten die einen vom babylonischen Margalitu = „Kind des

Meeres“ ab[3285], die anderen aber vom altindischen Mangara (manǵara,

manǵari) = „Blütenköpfchen“[3286].

Allem Dargelegten zufolge rechtfertigt die ~Hoffmann~sche Erklärung

in jeder Hinsicht die Bezeichnung einer „glänzenden“, die ihr

~Reitzenstein~ gab; vereinzelt erhobene Einwendungen, wie die

von ~Riess~[3287] (die Schwärzung, μελάνωσις, sei bloß eine

der erforderlichen Operationen; die Fabeleien des ~Zosimos~ bei

~Synkellos~ wären christlich beeinflußt usf.), sowie die schon durch

~Rhousopoulos~[3288] zurückgewiesenen einiger anderer Forscher, sind

nicht als ausschlaggebend anzuerkennen, und die Deutung, „Chemeia“ sei

die Beschäftigung mit dem „Chêmî“, dem schwarzen Präparat, übertrifft

jedenfalls alle bisher bekannt gewordenen an Wahrscheinlichkeit,

an Anschaulichkeit, sowie an Fülle der durch sie erschlossenen

Beziehungen[3289].

——————————

Mit diesem Namen ihrer +Kunst+ brachten nach ~Hoffmann~ die Chemiker

erst nachträglich den anklingenden des +Landes+, niederägyptisch Chêmi,

zusammen, um hiernach Chemie auch als eine uralte und eigentlich

„ägyptische“ Kunst hinstellen zu können. In diesem Sinne redet z. B.

~Demokritos~ im „Schreiben an ~Leukippos~“ von „dieser ägyptischen

Kunst“ und der „Brief der ~Isis~ an ~Horos~“ von der „heiligen Kunst

Ägyptens“; ein chemisches Lehrbuch des ~Theophilos~ (2. Jahrhundert?)

heißt nach ~Olympiodoros~ „Gold-Bergwerke der Landesbeschreibung“,

sagt aber nicht offen, +wie+ man Gold macht, sondern umschreibt dies

durch die Angabe +wo+ man es im „Lande“ (Chêmî = Ägypten) findet: „die

‚alten‘ Ägypter betrieben unzählige ‚Goldgruben‘, stellten sie als

Heiligtümer dar, bestimmten ihre Lage nach den vier Himmelsgegenden,

zuteilend dem Osten und Westen die weißen und gelben Wesen (οὐσία,

Usía), denn an der östlichen und westlichen Pforte der Tempel findet

man den weißen und gelben Sand (ψάμμος); gräbt man drei Ellen tief,

so stößt man zuerst auf das Schwarze, bei weiterem Graben aber

zeigen sich hellere Schichten und Bänder, schließlich weiße und

zuletzt gelbe (= goldene), und dies ist das Geheimnis der libyschen

Goldgruben“[3290]. Die nämliche Allegorie der Schwärzung, Weißung und

Gilbung, die hier ganz offenbar zutage tritt, äußert sich auch in der

Angabe, Gold finde sich beim (~Isis~-) Tempel in Terenuthis, von dem

~Isis~ an ~Horos~ schreibt, daß man dort „geheimnisvoll ausübe die

heilige Kunst Ägyptens“, wobei Αἰγύπτου für Chêmi steht, also die Kunst

„τῆς Αἰγύπτου“ für die „τῆς χημίας“, d. i. die der Chemie. Demgemäß

betrachtet auch das sog. „Chemische Wörterbuch“, das sich den ältesten

Sammlungen der alchemistischen Schriften beigefügt findet, Terenuthis

als ein +Präparat+ und nennt es auch Chrysokolla (eigentlich: Goldlot)

oder ὠίτης λίθος, wörtlich den Stein (das Feste) der Eier, d. i. der

als gelbe Kugel erhärtete Eidotter, aus dem ~Ptah~, der Vater des

~Imuthes~ (~Imhotep~) entsprang, der aber nach Gestalt und Farbe auch

ein Symbol der Sonne sowie des Goldes und deshalb wieder ein wichtiger

Bestandteil zahlreicher alchemistischer Rezepte ist[3291].

In dem nämlichen angedeuteten Sinne bewegen sich endlich die Versuche,

den Namen der „ägyptischen Kunst“ mit ~Cham~, dem Vater des ~Mestrem~,

in Zusammenhang zu bringen, und zwar durch Identifizierung ~Chams~

mit dem „ersten Chemiker“ ~Chemes~[3292]. Diese Versuche, über die

=Zosimos= berichtet, und mit denen auch die oben angeführte, an ~Cham~

anklingende Bezeichnung „Chamäleon“ für Chemie mit in Verbindung stehen

mag, sind beachtenswert und auffällig: die Chemie war anfänglich

die heilige und göttliche Kunst (ἱερὰ, θεία τέχνη), das große Werk

(μέγα ἔργον), das große Mysterium (μυστήριον), die Kunst des Färbens

(βαφικὴ τέχνη) und des Goldmachens (χρυσοποιία), die Kunst der Weisen

oder „Philosophen“ d. h. der Sachverständigen und Techniker (τέχνη

τῶν φιλοσόφων, τῆς φιλοσοφίας), deren „Stein der Weisen“ (λίθος τῶν

φιλοσόφων, τῆς φιλοσοφίας) als „κιννάβαρι τῶν φιλοσόφων“ (Zinnober der

Philosophen = Gold) schon den alten Quellen des ~Zosimos~ wohlbekannt

ist. Woher rührt nun das Bestreben, sie nachträglich mit dem biblischen

~Cham~ in Verbindung zu setzen, sowie mit dem angeblichen ~Chemes~ oder

~Chimes~, dessen Eigenname in Ägypten sonst weder in einheimischer noch

in hellenisierter Form bekannt und gebräuchlich ist?

Zur Beantwortung dieser Frage ist in Betracht zu ziehen, daß ~Zosimos~

einen erheblichen Teil seiner Weisheit nicht nur aus ägyptischen

und persischen, sondern vor allem aus +jüdisch+-hellenistischen

Pseudepigraphen schöpfte, und daß in Ägypten, wie schon wiederholt

angeführt, neben den Griechen gerade die Juden pseudepigraphische

Schriften aller Richtungen in rein geschäftsmäßiger Weise

„fabrizierten“. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist daher die Ableitung

der Chemie von ~Cham~, dessen Gleichsetzung mit ~Chemes~, sowie die

ganze Erfindung der Gestalt dieses ~Chemes~ (~Chimes~, ~Chimas~;

~Kimas~ der Araber) als Chemikers, Propheten, Schriftstellers usf.,

spezifisch +jüdisch+-hellenistischer Herkunft: weil die ägyptischen

Priester ihre Geheimwissenschaft durch Mitteilung zwischen Gottheit

und Priester, Lehrer und Schüler, Vater und Sohn überliefern ließen,

so wird dies betreff der Chemie genau nachgeahmt und ihre Kenntnis von

~Adam~ her u. a. über ~Seth~, ~Henoch~, ~Noah~, ~Cham~ (= ~Chemes~),

~Abraham~, ~Josef~, ~Moses~, ~Aaron~, ~Salomon~, ~Esra~ usf. bis auf

die Alchemistin ~Maria~, die sich ausdrücklich als Jüdin bezeichnet,

und weiter bis auf die Gegenwart herabgeleitet[3293].

Diese Annahme setzt offenbar sehr tiefgehende jüdische Einflüsse

voraus, solche sind aber auch tatsächlich nachweisbar und lassen

erkennen, daß die Juden Ägyptens und besonders Alexandrias, wie auf

zahlreichen verwandten Gebieten, z. B. dem der Magie[3294] und der

Dämonologie[3295], so auch auf dem der Chemie und ihrer Litteratur

mit regem Eifer tätig waren. So z. B. berichten ~Zosimos~ und

~Olympiodoros~, daß die Ägypter außer ihren Landsleuten allein den

Juden gestattet hätten, die Chemie zu erlernen, zu lehren und zu

beschreiben, so daß sie nur diesen noch bekannt war und nur durch

sie Anderen bekannt gemacht werden konnte[3296]; es bedarf keines

Wortes darüber, daß eine derartige Behauptung gänzlich aus der Luft

gegriffen und nur hinterher ausgesonnen ist, um, unter Berufung auf

das Ansehen der „Alten“, die Bedenken eines im übrigen ungebildeten

und urteilslosen Leserkreises mit gehörigem Erfolge zu beschwichtigen.

Nach ~Zosimos~ findet man die „rechten Lehren“ über das große Werk,

sowie alles Nähere über die zu ihm erforderlichen neun Bestandteile

in den „jüdischen Schriften“ und den „Büchern der Juden“[3297]. Nach

~Olympiodoros~ schuf schon Gott als rote Erde (später = Schwefel,

Feuer, Seele) den ~Adam~, als weiße Erde (später = Quecksilber,

Urmaterie, Geist) aber die ~Eva~, -- aus deren Vereinigung Zinnober =

Gold hervorgeht[3298] --, und offenbarte einigen Würdigen, wie ~Adam~,

~Moses~ und ~Aaron~ das große Werk[3299]; im Gegensatze hierzu läßt

~Hermes~ es zuerst von Dämonen verkündigt und dann durch ~Adam~,

~Henoch~, ~Abraham~, ~Josef~ und ~Moses~ weiter übermittelt werden,

also durch Autoritäten, die man, wie in so manchen ähnlichen Fällen,

als Gebilde reiner Willkür anzusehen hat[3300]. Da schon gegen Ende

der Ptolemäerzeit ~Hermes~ oder ~Hermes-Thot~ auch mit dem angeblichen

Perser ~Ostanes~ identifiziert wurde, so bildeten diejenigen Juden,

„die sich mit ~Ostanes~ persisch gebärdeten“, die Beziehungen zwischen

dem großen Werke und den Mysterien des „ägyptischen“ ~Osiris~ nicht

nur auf Grund ihrer eigenen religiösen Traditionen nach, sondern auch

gemäß jenen der ~Mithras~-Verehrung[3301], -- woraus sich mancherlei

absonderliche Vermengungen der Kultformen erklären: ~Maria~ z. B. gibt

sich als strenge Jüdin und sagt: „Berühre nicht den philosophischen

Stein mit deinen Händen, denn du gehörst nicht zu unserem Volke,

du bist nicht vom Stamme des Abraham“, will aber zugleich auch

unmittelbare Schülerin des persischen Oberpriesters ~Ostanes~ sein,

der zeitweilig auch wieder den Charakter des jüdischen Hohenpriesters

annimmt, wie ihn auch ~Amnael~ trägt, obwohl er im „Briefe der ~Isis~

an ~Horos~“ als Oberpriester eines ägyptischen Isis-Tempels bezeichnet

wird. Starke Spuren jüdischen Geistes und jüdisch-monotheistischer

Anschauung machen sich bei ~Pseudo-Moses~ geltend[3302], desgleichen

bei ~Zosimos~, wo er vom großen Werke und seiner Ausübung in den

Tempeln des ~Hephaistos-Ptah~ redet[3303], ebenso in der Abhandlung

„Synagoge (= Versammlung) der Philosophen“[3304], und ferner in

den Berichten über ~Salomon~, der das Elektron erfand[3305] und

nach ~Zosimos~ in daraus geformten Flaschen die sieben bösen

Planeten-Dämonen bannte und einsiegelte, der treffliche Rezepte zur

Anfertigung des Silbers binnen 40 Tagen und zum Machen des Goldes

ausarbeitete[3306], zudem noch die Ameisen für sich Gold graben ließ,

Zauberbücher „gleich denen der Essäer“ verfaßte oder doch besaß und

seine Kenntnisse der Geheimwissenschaften in mystischen Schriften voll

unergründlichen Tiefsinnes niederlegte. Jüdische Einflüsse treten (wie

leicht begreiflich) auch hervor: in der sog. „Weisheit ~Salomonis~“;

in den vorgeblichen „Oden ~Salomons~“; in Teilen der „Sibyllinischen

Orakel“; in den spärlichen Resten der „heiligen Bücher“ (ἱεραὶ

βίβλοι) jüdisch-gnostischer und hellenisierter jüdisch-ägyptischer

Kultgemeinden, des sog. „8. Buches ~Mosis~“ u. dgl.[3307]; ferner in

Schriften verwandten, namentlich auch hermetischen Charakters, die sich

gelegentlich auf ~Abraham~, ~Isaak~ und ~Jakob~, oder auf ~Moses~,

~Mirjam~, ~Henoch~, ~Baruch~, ~Salomon~ und ~Esra~ berufen[3308], vom

Herrn der Cherubim und der Heiligtümer Jerusalems sprechen[3309] und

Eisen oder Stahl als „βαλλαθά (Ballathá) der Juden“ erwähnen[3310].

Endlich bleibt auch anzuführen, daß nach ~Zosimos~ Alchemie außer in

Ägypten noch in Cypern und Thrazien erfolgreich betrieben wird, also

gerade in jenen Ländern, die gleichfalls eine besonders zahlreiche

jüdische Bevölkerung besaßen[3311]. Auf derlei Umstände hin, die ihm

allerdings nur recht unvollkommen bekannt waren, gelangte schon vor

etwa 150 Jahren der gelehrte ~De Pauw~ zu dem für die damalige Zeit

sehr überraschenden (und nur teilweise richtigen) Schlusse, Schöpfer

der Alchemie seien die Juden gewesen, die sie einerseits ägyptischen

und persischen Priestern zugeschrieben hätten, andererseits jüdischen

Weibern[3312].

Unter diesen Weibern sind jedoch nicht etwa die Chemikerinnen

~Maria~ und ~Kleopatra~ zu verstehen, vielmehr spielen jene für die

Anschauungen über die Herkunft der Chemie sehr bezeichnenden Worte auf

eine merkwürdige und schon weiter oben mehrfach gestreifte Sage an:

die der Übermittlung der Chemie an die Menschen durch Dämonen[3313].

Die jüdisch-hellenistischen Kreise, die schon bald nach Beginn der

ptolemäischen Zeit alttestamentliche, ägyptische, orientalische und

griechische Traditionen synkretistisch zu vereinigen trachteten,

führten nämlich den Ursprung der für sie mit Priestertum und Magie

zusammenhängenden „heidnischen Wissenschaften“, zu denen sie neben

Astronomie und Astrologie u. a. auch Metallkunde und Kosmetik zählten,

auf jenen Umgang der Göttersöhne mit den Menschentöchtern zurück,

den die Bibel noch vor Eintritt der Sündflut stattfinden läßt[3314],

-- unter Bewahrung eines dürftigen Restes jener alten Mythen, die

im übrigen bei ihrer Redaktion durch den sog. Jahvisten (etwa im

9. Jahrhundert v. Chr.) fast gänzlich ausgetilgt wurden[3315]. Den

„Göttersöhnen“ oder Dämonen (δαίμονες) kommt selbst göttliche oder

engelhafte Natur zu, und sie dürfen nicht etwa als von Göttern Gezeugte

gedacht werden, wie es die ungenaue ~Luther~sche Übersetzung „Kinder

Gottes“ nahelegt[3316]; Dämonen aber heißen sie, weil sie +gefallene+

Engel sind, „gestürzte Sterngeister“, ἀντίθεοι (= Widersacher der

Gottheit)[3317]. Die Erzählungen von dem Falle der Engel durch ihre

Verbindung mit den Menschentöchtern und von den Sünden und Übeln, die

die verführten Engel in die Welt brachten, sind Stücke babylonischen

Aberglaubens, zum Teil ausgestaltet unter dem Einflusse iranischer

und griechischer Kultlehren und schließlich in oberflächlicher

Weise jüdisch-monotheistisch übertüncht[3318]. Die Engel erscheinen

entweder auf der Erde, erliegen, vom „Bösen“ in Versuchung geführt,

den Verlockungen der buhlerischen Weiber und werden hierdurch ihrer

himmlischen Heimat verlustig[3319], oder, -- so berichten z. B. die

im 2. Jahrhundert n. Chr. verfaßten apokryphen „Taten des Apostels

~Thomas~“ --, der „große Drache“, die „große Schlange“, der Böse, der

Teufel (= ~Ahriman~) reizt sie zur Empörung, bewirkt hierdurch ihren

Sturz, „wirft sie aus der Höhe auf die Erde herab“, fesselt sie an

sich durch die Begierde nach den Weibern und beraubt sie so ihrer

Göttlichkeit[3320]. Daß nach einer mißglückten Empörung verstoßene und

gefallene Heroen, Himmelsgeister oder Engel die Menschen geheime Künste

oder Wissenschaften lehren, ist ein weitverbreiteter, bei Griechen,

Ägyptern und Orientalen in verschiedenster Gestaltung nachweisbarer

Gedanke[3321], der in der jüdisch-hellenistischen Litteratur schon

im sog. „Buche der Jubiläen“ aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.[3322],

sowie in den etwa gleichalterigen ursprünglichen Fassungen des „Buches

~Henoch~“ auftritt[3323]; größere Verbreitung und Volkstümlichkeit

erlangte er aber erst in späterer Zeit durch die alexandrinischen

Juden[3324], nach deren Behauptung bereits ~Adam~ derlei Kenntnisse

besaß, sie durch seinen Sohn ~Seth~ (nach dem sich die gnostischen

Sethianer benannten) auf ~Henoch~ und weiterhin über ~Noah~ und ~Cham~

auf ~Mestrem~, oder über ~Abraham~ auf ~Josef~ vererbte, und die durch

~Mestrem~ oder ~Josef~ mit nach Ägypten gebracht und dort insgeheim

weitergepflegt wurden.

~Justinus~, der gegen 150 n. Chr. seine „Apologie“, und der Apologet

~Athenagoras~, der um 175 die Abhandlung „Supplicium“ verfaßte,

erwähnen den Herabstieg der Engel und ihre Vereinigung mit den

Erdentöchtern als etwas Wohlbekanntes, jedoch ohne nähere Angaben zu

machen[3325], und auch ~Clemens Alexandrinus~ (gest. 216) sagt nur,

die Engel hätten die Hingabe der Weiber durch Mitteilung gewisser

Geheimnisse belohnt, die er aber nicht nennt[3326]. Bei ~Irenaeus~

(um 180) heißt es im „Erweis der apostolischen Verkündigung“, die in

armenischer Sprache erhalten ist[3327]: „Als Gabe brachten die Engel

den Weibern die Anleitung zum Bösen mit; sie lehrten sie die Kraft

der Wurzeln und Kräuter, das Färben und Schminken, die Erfindung

wertvoller [Kleider-] Stoffe, die Mittel zur Beförderung der Anmut,

zur Erweckung von Haß und Liebe, zur Sicherung der Lebensdauer, zu

Geisterbünden, Gaukelei (= Magie) und Götzendienst.“ Etwas später

bezeichnet ~Tertullianus~ (160-240?) in der Schrift „De cultu

feminarum“ als die von den Engeln gelehrten Geheimnisse[3328]: die

Behandlung der Metalle (opera metallorum), die Kräfte der Pflanzen

(ingenia herbarum), die Macht der Beschwörungen (vires incantantionum),

die Ausdeutung der Gestirne (stellarum interpretationem = Astrologie),

die Anfertigung von Armbändern aus Gold und von Halsketten aus

Edelsteinen, das Färben der Wolle (tincturae vellerum) mit Farbstoffen

aus Tang (medicamenta ex fuco), die Bereitung des schwarzen Pulvers

zum Anschminken verbreiterter Augenbrauen (calliblepharum tincturae),

sowie die Bearbeitung (opera) des Goldes und der Edelsteine. Nach dem

„Buche ~Henoch~“[3329] (in den späteren, anscheinend aber auch schon

in den ursprünglichen vorchristlichen Fassungen?) unterrichteten der

Engel ~Azazael~, und seine Genossen die Weiber über magisch wirksame

Substanzen (φαρμακεῖαι) und Formeln, heilkräftige Pflanzen (ῥιζοτομίαι

= Schneiden der Wurzeln), Metalle und deren Verarbeitung zu Waffen und

Schmuck, Verschönerung durch Augenschminke und andere Schminken, über

Edelsteine, Farbstoffe [die auch als Heilmittel und Amulette dienen],

Herbeiführen und Lösen von Zaubern, Schauen und Deuten der Sterne sowie

der [astrologischen] Zeichen für Sonne, Mond und Erde, Schreiben mit

Tinte auf Papier; dies sind aber die Geheimnisse, die bald als die

„der himmlischen Urzeit“ oder „der himmlischen Weisheit“ bezeichnet

werden[3330], bald wieder als jene „Werke des Teufels“, zu denen, wie

nach späteren Anschauungen so schon damals, alles auf Physik, Chemie

und Technik gehörige gezählt wurde, einschließlich des Schreibens

und besonders des Bücherschreibens[3331]. Auch bei ~Clemens Romanus~

(2. oder 3. Jahrhundert)[3332] lassen sich die Engel von den Weibern

betören, bis sie deren Lüste wegen Erschöpfung ihrer Kräfte nicht mehr

befriedigen können, machen ihnen dann, um sie dennoch bei guter Laune

zu erhalten, λίθον τίμιον (köstliches Gestein = Edelsteine), Perlen,

Purpur, herrliches Gold (χρυσὸς ἔνδοξος) und alle Arten prächtiger

Dinge (πᾶσαν πολυτίμιον ὕλην), zeigen ihnen in den „Eingeweiden der

Erde“ Edelsteine von magischen Eigenschaften und ἐκ μετάλλων ἄνθη

(die Blüten der Metalle = das Beste, Reinste), darunter Gold, Silber,

Kupfer und Eisen, lehren sie die zugehörigen Künste (τέχνας), Magie,

Astrologie, die Kräfte der Pflanzen, das Buntfärben der Kleider,

die Herstellung alles sonst zur Ergötzung und Zierde der Weiber

Dienlichen, und ferner, was den Menschen zu erfinden unmöglich gewesen

wäre, das Schmelzen (Gießen) des Goldes, des Silbers und der verwandten

Metalle (χρυσοῦ καὶ ἀργύρου καὶ τῶν ὁμοίων χύσιν); seither kennen die

Menschen die Namen der Engel, verstehen das Austreiben der Dämonen

und [daher auch] das Heilen der Krankheiten durch φάρμακα (Phármaka),

die Beschwörung der giftigen Schlangen, die Benützung der Sympathien

und Antipathien u. dgl. mehr. ~Zosimos~ endlich (gegen 300) erzählt

im Buche „Imuth“, angeblich den „Physika“ des ~Hermes~ (aber auch dem

alten Testamente) folgend, daß gewisse Engel des Himmels verlustig

gingen, weil sie die irdischen Weiber Böses und der Seele Verderbliches

lehrten, nämlich „alle Werke der Natur“, und daß diese Dämonen über

sämtliche, Künste solcher Art das „Buch Chemu“ (Khumu) verfaßten[3333],

von dem der Name der Chemeía (Khumia) herkommt, ein Buch, das in 24

Abschnitten, „deren Titel die Priester erklären“, neben vielen anderen

Künsten, die man χειρόκμητα (Handgriffe) nennt, auch die Umwandlung

unedler Metalle in edle und ineinander beschreibt, und zwar ausführlich

„in Tausenden von Worten“, deren Klarheit erst die Kommentatoren

verdorben haben[3334].

Wie diese Übersicht erkennen läßt, ist in +keiner+ der älteren Quellen

von Alchemie die Rede, die bösen Lehren der Engel betreffen vielmehr

neben Magie, Astrologie, Geisterbeschwörung, Heil- und Zaubermitteln

fast ausschließlich Dinge, die der Befriedigung weiblicher Eitelkeit

und Prunkliebe dienen, weshalb denn auch ~Tertullianus~ verlangt,

die Weiber sollten sich fortan verschleiern, um nicht neue Engel

zu Fall zu bringen[3335], und der hl. ~Cyprian~ vermutet, daß

ihre Putzsucht schon selbst eine Erfindung gewisser Dämonen sei.

Hauptsächlich handelt es sich um die im Orient uralten und wichtigen

Schminken und Kosmetika[3336], um Farbstoffe und bunte Kleider,

Edelsteine und Perlen, goldene und silberne Geschmeide u. dgl.; erst

~Tertullianus~ (um oder nach 200) spricht von der Behandlung der

Metalle und der Bearbeitung des Goldes und der Edelsteine, sichtlich

zwecks Herstellung von Schmucksachen, -- im „Buche ~Henoch~“ ist dies

auch ausdrücklich gesagt --, erst ~Clemens Romanus~ auch von anderen

Metallen, deren „Blüten“ das Innere der Erde birgt, sowie von den

zugehörigen metallurgischen Verfahren, u. a. vom Schmelzen und Gießen

des Goldes, des Silbers und der „übrigen“. Nirgends liegt hier der

geringste Anhalt zu alchemistischen Deutungen vor, insbesondere auch

nicht, wie oft behauptet wurde, bei ~Henoch~, aus dem doch ~Justinus~

und ~Athenagoras~[3337], ~Tertullianus~[3338] und noch der hl.

~Augustinus~ (354-430) ihre einschlägigen Berichte schöpften, +ohne+

dabei irgendeine derartige Anspielung einfließen zu lassen[3339]. Den

aufgezählten „Künsten“, die sich übrigens bei den genannten Vorgängern

in bemerkenswerter Zusammengehörigkeit darstellen[3340], reiht erst

~Zosimos~, der letzte, späteste und selbst völlig von alchemistischen

Anschauungen durchdrungene Autor, auch die der Metall-Verwandlung und

des Machens von Gold und Silber an, vielleicht indem er den λίθος

τίμιος, dessen ~Clemens Romanus~ gedenkt, als „kostbaren Stein“

im Sinne von „Stein der Weisen“ hinzustellen und einer derartigen

Auffassung Vorschub zu leisten suchte. Anscheinend liegt seiner ganzen

Erzählung eine alexandrinische Lokalsage jüdisch-hellenistischer

Herkunft zugrunde[3341], so daß auch an dieser Stelle die Wichtigkeit

gerade derartiger Einflüsse abermals und in unverkennbarer Weise

hervorträte.

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 93 / 127 题