3. Einflüsse seitens des älteren Griechenlands.

Entgegen früheren Annahmen, die bei einzelnen Gelehrten allerdings

noch bis in die neuere Zeit hinein in Geltung blieben, darf man es

als zweifellos festgestellt erachten, daß zwar der Volksglauben der

Griechen, ebenso wie der so vieler anderer Völker, die Sterne seit

jeher als etwas Göttliches verehrte[2049], daß aber das griechische

Altertum „von einem förmlichen Gestirndienste völlig entfernt

war“[2050].

Soweit eine Übersicht möglich ist, zeigen sich Kenntnisse eines solchen

erst im Verlaufe jener Zeit, während der auch andere orientalische

Einflüsse, zunächst bei den jonischen Griechen Kleinasiens, in

deutlicher Weise hervortreten[2051], -- worüber der Historiker

~Dikaiarchos~ (um 310 v. Chr.) auffällig richtige Vorstellungen

verrät[2052]. Schon seit dem 8. Jahrhundert, ganz allgemein aber

seit dem 7., gelangen die Vorbilder orientalischer Kunst zu hoher

Bedeutung, z. B. im Typus jener korinthischen Vasen, deren Gemälde

teppichartige Vorlagen, sowie Greifen, stilisierte Löwen oder Panther

u. dgl. wiedergeben[2053]; im 7. Jahrhundert wird das babylonische

Gewichtssystem übernommen[2054], etwa seit dem 6. auch Sonnenuhr und

Gnomon, die ~Herodot~ (485-425) als babylonisch bezeugt[2055], sowie

der zwölfstündige Tag und die Himmelskugel mit den Abbildungen der

Sterne[2056], während den Tierkreis und die eigentliche babylonische

Astronomie erst ~Oenopides~ von ~Chios~ gegen 400 näher bekannt gemacht

haben soll[2057]. Die ersten dunklen Nachrichten über Sternkunde und

Sterndeutung, Mantik und Leberschau u. dgl. scheinen (wie bereits

weiter oben erwähnt) die Lehren der orphischen Mystiker des 6.

Jahrhunderts, aber auch die der ersten griechischen Philosophen nicht

unerheblich beeinflußt zu haben[2058], so daß sich „orientalische

Ideen“, wie schon ~Chwolsohn~ richtig erkannte, bei ~Pherekydes~, bei

den Mitgliedern der jonischen und pythagoräischen Schule, bei ~Platon~

und noch bei manchen der übrigen Weltweisen unverkennbar geltend

machen[2059]. Zum Teil werden sie indessen sowohl bei ~Pherekydes~

als auch bei ~Anaximander~ (611-545), ~Empedokles~ (490-430) und

den Anderen weitgehend umgedeutet und abgeändert[2060], zum Teil

erfahren sie auch, als mit dem gesunden griechischen Geiste gar zu

unvereinbar, zunächst völlige Ablehnung, namentlich soweit jene

entschieden abergläubischen Vorstellungen, der Einfluß der Planeten

auf die Schicksale, die astralen Vorzeichen u. dgl. mehr, in Betracht

kommen[2061], betreff derer sich Anspielungen erst bei ~Euripides~ und

einige nähere Angaben bei ~Theophrastos~ (372-287) finden[2062].

Erklärt sich das frühe Auftreten kosmologischer Spekulationen im

Gesichtskreise der jonischen Philosophen durch Berührung mit dem

Orient[2063], so dürfte das Nämliche betreff der Kenntnisse über die

Planeten der Fall sein[2064], die aber lange Zeit hindurch höchst

dürftige und nur ganz allgemeine bleiben[2065]; noch ~Anaximander~

setzt die Sonne zu oberst an den Himmel und läßt dann den Mond,

hierauf die Fixsterne und zuletzt die Planeten folgen[2066].

~Leukippos~ (um 500) sowie ~Demokritos~ (460-360?) kennen weder die

Zahl der Planeten, noch unterscheiden sie bestimmt zwischen ihnen

und den Fixsternen[2067], auch hebt ~Demokritos~ Sonne, Mond und

Venus gemeinsam aus der Zahl der übrigen Gestirne heraus, -- hierin

vermutlich einer babylonischen Quelle folgend --, und nicht viel

besser steht es um das Wissen der übrigen Vorsokratiker[2068]. Bei

den Pythagoräern und ~Philolaos~ (um 400) entstammen viele Kenntnisse

und Ideen gleichfalls dem Orient, u. a. auch die Benennung von

Winkeln, geometrischen Gestalten und Zahlen nach Göttern, z. B. die

des Zwölfecks und der Zwölfzahl nach ~Zeus~, dessen Gestirn (der

Jupiter) eine Umlaufszeit von 12 Jahren besitzt[2069]. Die Reihenfolge

der Planeten ist bei ~Philolaos~, von dem sie dann auch ~Platon~

übernimmt, die un+richtige+ „Mond, Sonne, Venus, Merkur, Mars,

Jupiter, Saturn“[2070], die also nicht erst von ~Herakleides~ (gest.

330) herrühren kann[2071], jedoch allerdings griechischen Ursprunges

zu sein scheint. Die großen Fortschritte der beobachtenden und

rechnenden griechischen Astronomie während der Folgezeit (namentlich

auf alexandrinischem Boden) dürften dann um 200 zur Entdeckung der

+richtigen+ Reihe „Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn“

geführt haben, die vielleicht schon bei dem Stoïker ~Diogenes~

von ~Babylon~ (um 160) erwähnt wird, sicher aber den griechisch

schreibenden ~Petosiris~ und ~Nechepso~ genannten ägyptischen

Verfassern der „Astrologúmena“ (um 150), sowie etwas später dem großen

griechischen Astronomen ~Hipparchos~ (in Alexandria) bekannt war[2072].

Daß sich hingegen aus dem babylonischen Sterndienste weder die „heilige

Siebenzahl“ der Griechen, noch die fälschlich als +alt+pythagoräisch

betrachtete Verbindung der 7 Planeten und der Sphärenharmonie mit den

7 Saiten der Leier herleiten lasse, ist als zweifellos feststehend

anzusehen[2073]. Schon sehr frühzeitig besaßen die Griechen neben

dem Sonnenjahr einen von diesem unabhängigen Mondmonat, -- μήν, μείς

(lat. mensis), der Monat, ist ursprünglich der Mond selbst in seiner

Eigenschaft als Zeitmesser[2074] --, dem Mondmonate aber entsprangen

auch bei ihnen die naturgemäßen Fristen 3 × 9 und 4 × 7[2075].

Ausschlaggebend für das Übergewicht der letzteren war jedoch das nach

~Diels~ schon vorhomerische Eindringen des so außerordentlich wichtigen

~Apollon~-Kultes in die griechische Religion[2076]. Der Kult des

Ἀπέλλων (Apéllon, von ἀπέλλα, die Hürde), des Hürdengottes, der Vieh

und Herden beschützt[2077], stammte nämlich in seiner ältesten Form

aus Kleinasien[2078] und brachte von dort schon gewisse Vorschriften

mit sich, u. a. betreff der am 7. Tage des Monats zu feiernden Feste

und darzubringenden Opfer, die zwar ursprünglich nur für den Dienst

des ~Apollon~ galten, alsbald aber auch auf die übrigen Hauptgötter

übertragen wurden; diese Umstände bedingten die hohe Bedeutung der

Siebenzahl und der (nach pythagoräischer Art) sich an sie knüpfenden

Zahlenspekulationen, namentlich in der Mythologie, dem Kult und der

Kathartik des ~Apollon~, jedoch, da dieser zugleich Ἰατρὸς Ἀπόλλων

„der große Heilgott“ ist, auch in der Medizin[2079]: in den aus dem

5. und 4. Jahrhundert stammenden Schriften des ~Hippokrates~ und der

Hippokratiker spielen daher Siebenzahl, siebentägige Fristen usf.,

bereits eine durch lange Überlieferungen gefestigte völlig dogmatische

Rolle[2080].

Was die mit den Göttern zusammenhängenden +Namen+ der Planeten

anbelangt, so finden sich diese zuerst in den spätesten von

~Platon~ (427-347) verfaßten oder ihm zugeschriebenen Werken (z. B.

Timäus, Kritias, Epinomis), in denen auch die ersten deutlichen

Anklänge an astrologische und magische Gedanken, Parallelität des

Makro- und Mikro-Kosmos, Dämonen- und Geister-Lehre usf. zutage

treten[2081], sowie solche an den Aufstieg der Seelen in die

Himmelsregion, welche Lehren aber vielleicht auch Umbildungen

orphisch-pythagoräischer Vorstellungen sein mögen[2082]. Früher

pflegte man vorauszusetzen[2083], daß die Namen ursprünglich gelautet

hätten: Eosphóros (auch schon Phosphóros?) und Hesperos für ~Venus~

als Morgen- und Abend-Stern, die für verschieden galten, Phaëthon

(Leuchtender) für ~Jupiter~, Phainon (Lichtbringer) für ~Saturn~,

Stilbon (Glänzender) für ~Merkur~, Pyróeis (Feuerfarbiger) für ~Mars~

(adjektivisch gebraucht schon in einer der sog. homerischen Hymnen,

die in Wirklichkeit etwa aus dem 4. Jahrhundert stammt)[2084], und

daß sie sämtlich orphisch-pythagoräischer Herkunft gewesen seien.

Indessen ist es keineswegs sicher, oder auch nur sehr wahrscheinlich,

daß man diese Benennungen tatsächlich als ältere von echt griechischer

Herkunft anzusehen habe[2085]; jedenfalls werden aber seit etwa 400

die neuen, nach ~Platons~ Zeugnis aus Syrien und Ägypten übernommenen

gebräuchlich, die die großen chaldäischen Gottheiten der Planeten

mit entsprechenden griechischen identifizieren, und zwar in anfangs

noch etwas schwankender Weise[2086]. Der orientalischen Sitte getreu

heißen die Gestirne zunächst nach ihren Herren, also die ~Venus~ ὁ

Ἀφροδίτης ἀστής oder ὁ τῆς Ἀφροδίτης (der Stern der ~Aphrodite~;

der der ~Aphrodite~), der ~Merkur~ ὁ τοῦ Ἑρμοῦ ἀστής oder ὁ τοῦ

Ἑρμοῦ (der Stern des ~Hermes~; der des ~Hermes~) usf., und in dieser

Art führt ~Platon~ sie zum Teil an, -- denn im „Timaeus“ nennt er

Jupiter und Saturn noch nicht mit Namen[2087] --, ~Aristoteles~ aber

sämtlich[2088]; die vereinfachten kurzen Bezeichnungen ~Aphrodite~,

~Hermes~ usf. kommen dagegen erst in erheblich späterer Zeit in

Aufnahme[2089].

Als +Farben+ der Sterne und ihrer Sphären gibt ~Platon~ im 10. Buche

des Dialoges „Vom Staate“ an[2090]: glänzend für ~Helios~ und ~Selene~,

weißlich für ~Stilbon~ (Merkur), gelblich für ~Phosphoros~ (Venus),

rötlich für ~Pyroeis~ (Mars), strahlendweiß für ~Phaethon~ (Jupiter),

gelblich für ~Phainon~ (Saturn), „buntfarbig“ für die im verschiedenen

Lichte ihrer Sterne funkelnde Fixsternsphäre; er läßt ferner im

„Kritias“ (cap. 9) die Mauern und Zinnen der Burg und des Tempels auf

der sagenhaften Insel Atlantis in Absätzen aus schwarzen, weißen, roten

und bunt vermengten Steinen, sowie schimmernd von Kupfer, Zinn, dem

goldähnlichen Oreichalkos, Silber und Gold emporsteigen[2091]. Da nun

dieser Schilderung unverkennbar die Vorbilder der babylonischen und

persischen Stufentürme mit ihrem Schmuck aus glasierten Ziegeln und

metallenen Belagplatten zugrunde liegen, so darf es für wahrscheinlich

gelten, daß die angeführten Stellen nicht nur für die Verbindung der

Sterne mit gewissen Farben Zeugnis ablegen, sondern auch für die

mit bestimmten, entsprechend gefärbten Metallen, -- ohne daß sich

aber auch hier, angesichts der Flüchtigkeit der Anspielungen und des

Mangels an näheren Angaben, sichere Schlüsse betreff der Einzelheiten,

wie Reihenfolge, Zugehörigkeit usf. ziehen ließen. Bei ~Aristoteles~

finden sich derlei Andeutungen nicht, wie er denn auch die sonstigen

Überlieferungen von sichtlich orientalischer Herkunft, z. B. die

sternlenkenden und die Sphärenmusik hervorbringenden Sirenen, die

auf Wagen fahrenden „Seelen der Sterne“ (= Sterngötter), den Einfluß

der Planeten auf das Schicksal, die Parallelität der großen und

kleinen Welt, die Wasser-, Luft- und Äther-Dämonen, das „große (sog.

platonische) Jahr“ von wenigstens 10000 gewöhnlichen Jahren (nach

dessen Ablauf alle Sterne an ihre ursprünglichen Plätze zurückkehren

und der Weltenlauf von vorne beginnt) u. dgl. mehr, entweder mit

Stillschweigen übergeht, oder ausdrücklich als Mythen und Fabeln

verwirft[2092].

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 81 / 127 题