a) Alexandria (der Schauplatz).
Die mit dem Tode ~Alexanders des Grossen~ einsetzende und auf ihrem
Hauptschauplatze, +Alexandria+, erst zur Zeit der arabischen Eroberung
völlig erlöschende Periode des Hellenismus und Synkretismus darf
weltgeschichtliche Bedeutung für sich in Anspruch nehmen, sowie
hervorragende Wichtigkeit für die geistige Entfaltung der Menschheit,
die Neugestaltung der Wissenschaften und die Entwicklung des Glaubens,
aber auch des Aberglaubens. ~Burckhardt~ bezeichnet den Hellenismus
als „das kosmopolitisch mitteilbar gewordene Griechentum“[2093]
und gibt hiermit in gewohnter Kürze und Schärfe für den einen,
den griechischen Bestandteil, der in die „Synkretismus“ genannte
Vermengung und Verschmelzung eingeht, die erschöpfende Definition;
einer gleichwertigen unfähig ist hingegen der +andere+, dem Orient
(Vorderasien und Ägypten) entsprungene, denn er ist weder von
einheitlicher Beschaffenheit, noch von einheitlicher Wirkung, und
dieser Umstand bedingt die außerordentliche Schwierigkeit, die
verwickelte Gesamtbewegung entsprechend darzustellen, -- auch nur für
den begrenzten hier in Frage kommenden Zweck. Überdies vollzieht
sich die Durchdringung orientalischen und griechischen Geistes weder
allerorten gleichzeitig noch zur selben Zeit überall im nämlichen Maße,
und da sie dort, wo sie am vollständigsten statthatte, nämlich in
Syrien und vor allem in Alexandria, uns überwiegend in +der+ Gestalt
entgegentritt, daß -- allmählich -- „in der Mischung das Gute und Edle
zugrunde geht“[2094], so ist es nicht leicht, sie vorurteilslos zu
betrachten und zu würdigen.
Die neue Residenz, Alexandria, hatte dank ihrer vorzüglichen
geographischen Lage gleich von der Begründung an ungewöhnlich raschen
und ununterbrochenen Aufschwung genommen, und war schon unter der
vortrefflichen Regierung der ersten Ptolemäer zur wesentlichen
Vermittlerin des Orienthandels emporgewachsen, der ihr ungeheure
und bis dahin unerhörte Gewinne brachte und sie alsbald zu einer
Hauptstätte verfeinerter Lebensweise und ausschweifenden Luxus, aber
auch geistiger Regsamkeit und wissenschaftlicher Tätigkeit machte. Den
vorübergehenden Wirren zur Zeit des Erlöschens der Dynastie folgte
nach der Einverleibung unter Kaiser ~Augustus~ eine abermalige Periode
höchster und glänzendster Blüte: Alexandria war neben Rom zur ersten
Großstadt sowie zur wichtigsten Handelsstadt des römischen Weltreiches
geworden, zum Mittelpunkte des ausgedehntesten und einheitlichsten
Freihandelsgebietes, das die Geschichte kennt, zum „Markte der
ganzen Erde“[2095] und besaß, wenn auch nicht dem Rechte, so doch
der Tat nach ein Monopol für den Orienthandel, dessen Umsatz sich
nach ~Plinius~ schon unter den ersten Kaisern jährlich auf etwa 22
Millionen Mark Goldwertes (entsprechend mindestens dem 5- bis 6fachen
heutigen Geldwertes) belief und bis nach Mitte des 2. Jahrhunderts in
fast stetiger Weise zunahm[2096]. Der Rhetor ~Dion Chrysostomos~, der
als Begleiter Kaiser ~Vespasians~ (69-79) in Ägypten weilte, nennt
in seiner 32. Rede Alexandria die sehenswürdigste aller menschlichen
Sehenswürdigkeiten, die Herrscherin aller Meere, den Sitz des
vollendetsten Kunstgewerbes der Welt, die Schatzkammer griechischen
Wissens und ägyptischer Geheimnisse[2097], und in einem Briefe des
Kaisers ~Hadrian~ (117-138), dessen Echtheit allerdings angezweifelt
oder auch gänzlich bestritten wird[2098], heißt es, die Stadt sei voll
von Fabriken für Glas, Papier, kostbare Stoffe und Leinenwaren, Öle und
Wohlgerüche, wimmle von Astrologen, Zeichendeutern und Quacksalbern,
werde erfüllt von Kaufleuten, Händlern und Schiffsherren und kenne
nur einen einzigen Gott, den Einheimische wie Fremde in gleicher
Weise verehren, das Geld[2099]. Erst im Laufe des 3. Jahrhunderts
wurde der Wohlstand durch die langwierigen, meist unglücklichen
Kriege im Osten, die andauernde Handelsstockungen bedingten, schwer
beeinträchtigt, finanzielle Schwierigkeiten des Reiches wie der
Provinz riefen wirtschaftlichen Notstand und politische Uneinigkeit
hervor, und schließlich kam es zu Aufständen, deren gefährlichsten
Kaiser ~Diocletian~ 297 in Person niederwarf, mit ebensogroßer
Entschlossenheit wie Grausamkeit; die Hauptstadt der „Kornkammer
Italiens“ geriet damals in so traurige Lage, daß ihr der Kaiser noch
fünf Jahre später von dem für Rom bestimmten Getreidevorrat ablassen
mußte, und hat sich seit dieser Katastrophe niemals wieder völlig
erholt[2100].
Allbekannt ist es, daß die guten ptolemäischen Herrscher Alexandria
zwar zum Mittelpunkte griechischer Bildung und Wissenschaft erhoben,
die daheim keine würdige Freistatt mehr fanden, daß aber der
griechische Geist die ihm anfänglich zugedachte ausschließliche
Führerrolle nicht dauernd zu behaupten vermochte; gezwungen, sich
auch hier den ihm fernstehenden Zielen eines fremden Staatswesens und
den Bedürfnissen seiner minderwertigen Bevölkerung anzupassen, mußte
er notgedrungen vieles von seiner Eigenart und Reinheit preisgeben,
dabei Zersetzung bald erleiden, bald bewirken und von seiner Höhe
schon merklich herabsinken, um die übergroße Gegenlast nur ein weniges
emporzuheben.
Ganz besonders galt dies auf religiösem Gebiete, denn der Vermischung
von Griechen mit Ägyptern, Juden, Syrern und anderen orientalischen
Völkern entsprang auch eine ebensolche der Gottheiten und Kultformen,
eine wahre „Götter-Verschmelzung und -Verwechslung“[2101],
für die Dauer zwar „von Wichtigkeit als Durchgangsstufe der
Religionsgeschichte, nämlich als Vorschule des Glaubens an +einen+
Gott“, zunächst aber „den widerlichen Eindruck charakterloser
Verleugnung des väterlichen Erbteiles hervorrufend“[2102]. Kein Kult
ist bezeichnender für die Entwicklung dieses Synkretismus und keiner
erlangte für sie umfassendere Bedeutung als der neu aufkommende
des ~Serapis~, der Natur und Macht aller wichtigen Götter, u. a.
des ~Zeus~, ~Pluton~, ~Dionysos~ und ~Osiris~, ebenso in sich
vereinigte, wie ~Isis~ die aller Göttinnen, und dessen Haupttempel,
das alexandrinische Serapeion, weit über ein halbes Jahrtausend lang
als Wunder an Pracht und Herrlichkeit galt und Wunder des Heils und
der Heilung verrichtete[2103]. ~Clemens Alexandrinus~ (gest. 216)
erzählt, dem ~Athenodoros~ von ~Tarsos~ folgend, König ~Sesostris~ (den
er für identisch mit dem um tausend Jahre jüngeren ~Ptolemäus Soter~,
323-285, hält!) habe aus einer Mischung aller sieben Metalle und vier
edlen Gesteine Ägyptens den griechischen Bildhauer ~Bryaxis~ (der
in Wahrheit gegen 350 blühte) eine Statue seines Ahnherren ~Osiris~
anzufertigen geheißen, sie mit einem Reste der Salbe (φάρμακον,
Phármakon) von der Einbalsamierung des „~Osiris~“ und des „~Apis~“
bestrichen und die so entstandene Bestattungs- und Grabes-Gemeinschaft
durch den Namen ~Osirapis~ = ~Serapis~ zum Ausdrucke gebracht[2104];
nach anderen Berichten ließ er das Götterbild aus Sinope am schwarzen
Meere herbeiholen, nach noch anderen nur auf eine σινώπιον ὄρος
(= Sen-Hapi, Apis-Hügel) genannten Erhöhung aufstellen[2105]. In
Wirklichkeit scheint aber ~Serapis~ babylonischer Herkunft zu sein,
denn Ea, der Vater ~Marduks~, der aus der Urflut auftauchende Gott der
Urweisheit[2106], hieß auch ~Sarapsî~ = „König des Ozeans“ und wurde
in der von den Assyriern begründeten Kolonie Sinope tatsächlich schon
in Verbindung mit ~Zeus~ und ~Pluton~, den Göttern des Himmels und
des Hades, verehrt; von dort aus führte, politischen Zwecken folgend,
~Ptolemaeus~ I. seinen Kult „als einen den Griechen und Ägyptern
gemeinsamen“ in Ägypten ein, wo infolge Gleichsetzung mit ~Osor-Hapi~,
d. i. „~Osiris~ der Apis“ (die Gottheit des letztverstorbenen Apis),
die Namen ~Oserapis~ und ~Serapis~ entstanden, weiterhin ~Osiris~ außer
mit ~Ea~ (Eaû, Jaû) auch mit der Gottheit Ἰαώ (~Jao~) der Zauberpapyri
sowie dem jüdischen ~Jehovah~ identifiziert und ebenso wie Isis als
menschenköpfige Schlange dargestellt wurde[2107].
Daß in Ägypten die Verehrung eines neuen Gottes wie des ~Serapis~
so leicht Boden fassen, auf Kosten der einheimischen Kulte rasch
zu höchstem Ansehen aufsteigen und zu prunkvoller äußerer wie
künstlerischer innerlicher Verklärung gelangen konnte, läßt erkennen,
daß bereits unter den ersten Ptolemäern Macht und Ansehen der alten
Religion und ihrer Priesterschaft gebrochen waren, und auch begreifen,
daß die hellenistischen Einflüsse den weiteren Verfall mächtig
beschleunigten und daß dieser in der Zeit der mit dem römischen
Eingreifen beginnenden Wirren, von etwa 150 bis 50 v. Chr., zu einem
fast vollständigen wurde[2108]. Bereits ~Strabon~, der um 35 v. Chr.
Ägypten bereiste, fand an den berühmtesten Stätten, wie z. B. in
Heliopolis, als „Priester“ nur mehr Fremdenführer, Opferer und Kustoden
vor, letzte herabgekommene Verteter eines einst so gefeierten und
wichtigen Standes, bar nicht nur der berühmten „geheimen Weisheit“,
sondern jeder höheren Bildung[2109]; in der Folgezeit gestalteten sich
diese Verhältnisse immer trauriger, und schon seit dem 2. Jahrhundert
war die ägyptische Religion so gänzlich zersetzt, daß z. B. in den
altchristlichen und gnostischen Schriften, die sich beide von der
syrischen und chaldäischen weitgehend beeinflußt zeigen, von ihr
kaum mehr die Rede ist[2110]. Es kann daher nicht wundernehmen, daß
die Reste der Priesterschaft, -- wie so oft in sinkenden Zeitaltern
--, teils um ihre Stellung, teils um ihren Broterwerb zu wahren, von
Pflegern des Glaubens zu solchen des in Ägypten ohnehin seit altersher
mächtigen Aberglaubens wurden, und zwar mit derartigem Erfolge, „daß
das Land alsbald von dieser Seite aus den Einfluß wiedereroberte,
den es von seiten des Wissens eingebüßt hatte“[2111]. „Die Religion
wird zum Ausgangs- und Mittel-Punkte für allen erdenklichen frommen
Zauber und heiligen Schwindel, .... fromme Einfalt und spekulierender
Betrug drapieren sich dieserhalb im Mantel der Wissenschaft“[2112],
und den Ehrentitel eines φιλόσοφος (Philosophen) führen bereits
im 2. Jahrhundert nicht nur Gelehrte, Lehrer, Theoretiker, Ärzte
und Künstler, sowie höhere technische oder Ober-Beamte (z. B. die
Steinbruch- oder Zimmer-Meister), sondern auch schon Ringkämpfer,
Adepten der Geheimwissenschaften und Zauberpriester[2113]! Das Gebaren
der letzteren hat ~Lukian~ (um 180 n. Chr.) in seiner glänzenden
Satire „~Alexandros~ oder der falsche Prophet“, einem Zeitbilde
ersten Ranges, in geradezu unübertrefflicher Weise geschildert[2114].
Zu mächtiger Förderung gereichte der ganzen Richtung die abnehmende
allgemeine Bildung und die zunehmende Rolle der orientalischen
Einflüsse an den Höfen der von Orientalen umgebenen oder selbst dem
Osten entstammenden Kaiser des 3. Jahrhunderts, so daß die für alle
orientalischen Religionen und Kulte charakteristische große Bedeutung
der Priesterschaft und mit ihr zusammen die Macht der Mantik, Magie,
Zeichen- und Traumdeuterei, Dämonologie und Astrologie immer weiter
anwuchs[2115]. Ihren Höhepunkt erreichte sie im 3. und 4. Jahrhundert
in Verbindung mit der Mystik der Neuplatoniker; war indes das so
entstandene System in vielen Teilen trostlos verworren und aberwitzig
und in anderen geradezu unsinnig und vernunftwidrig[2116], so ermangelt
es dennoch nicht der geschichtlichen Bedeutung: „denn, so dunkel die
Abwege waren, auf die die Geister für Jahrhunderte hinaus verlockt
wurden, ... dieser Mutter der mittelalterlichen Magie, Astrologie und
Alchemie ... entsprangen die Keime der neuzeitlichen Naturkunde, der
Physik, Astronomie und Chemie“[2117].
Ein hervorstechender Zug auch der Litteratur dieses ganzen Zeitalters
ist das Haschen nach dem Außerordentlichen, Wunderbaren, Zauberhaften,
das die Macht des Menschen über Natur und Mitmenschen zu steigern
versprach. Wie vordem die niederen ungebildeten Schichten der
Gesellschaft, so fanden nunmehr auch die höheren gebildeten Geschmack
an derlei Absonderlichkeiten, und Werke einschlägigen Inhaltes wurden
allgemein verlangt und daher auch geliefert; weil aber seit jeher
der Prophet bei den Seinigen am wenigsten gilt, trachtete man den
widersinnigen Erzeugnissen des Aberglaubens dadurch erhöhtes Ansehen
zu sichern und vermehrten Eingang zu schaffen, daß man ihnen die Namen
altehrwürdiger Verfasser vorsetzte, am liebsten solcher, die ohnehin
schon im Rufe „geheimer Weisheit“ standen[2118]. So wurde Alexandria
ein Hauptsitz und Fabrikationsort apokrypher und pseudepigrapher
Schriften und „Übersetzungen“, herrührend von Göttern, Göttersöhnen,
Patriarchen, Königen, Sibyllen, Propheten, Priestern und Philosophen,
u. a. von ~Abraham~, ~Apollonius~ von ~Tyana~, ~Aristoteles~,
~Asklepios~, ~Daniel~, ~Demokritos~, ~Deukalion~, ~Esdra~, ~Eudoxos~,
~Henoch~, ~Heraklit~, ~Hermes~, ~Imhotep~, ~Moses~, ~Nechepso~,
~Orpheus~, ~Ostanes~, ~Petosiris~, ~Platon~, ~Pythagoras~, ~Salomon~,
~Thot~, ~Zoroaster~ usf.[2119]. Je länger die Entwicklung dieser Art
Litteratur andauerte, desto mehr trat an die Stelle bloßer Plünderung
älterer, nur mehr aus dritter oder vierter Hand bekannter, halb oder
ganz unverstandener Schriftsteller „unter unrechtmäßiger Aneignung
und Verschweigung“[2120], die völlig willkürliche Unterschiebung und
Fälschung, deren Erzeugnisse „sich selbst an Frechheit und Absurdität
zu überbieten suchten“[2121], gerade dieser aber ihren Erfolg zu danken
hatten.
Träger des apokryphen Schrifttumes waren von Anfang an neben den
Griechen vorzugsweise die +Juden+[2122]; schon zur Zeit der ersten
Ptolemäer konnte Alexandria fast ebensosehr als Stadt der Griechen
wie der Juden gelten[2123], und zu Beginn der Kaiserzeit, als ihre
Zahl in Ägypten auf wenigstens eine Million gestiegen war, erfüllten
sie zwei der fünf Bezirke der Residenz, zu deren fleißigsten und
fähigsten Bewohnern sie gehörten, und zählten längst, wie bereits
weiter oben bei Besprechung ~Aristobuls~ und ~Philos~ angeführt, zu den
Mitbegründern einer eigenartigen und für die Folgezeit sehr bedeutsamen
Philosophie[2124]. Mit den abergläubischen Vorstellungen der Chaldäer,
namentlich den astrologischen, scheinen die Juden erst im 7. und 6.
Jahrhundert, hauptsächlich aber während der Zeit des babylonischen
Exils (586-537), nähere Bekanntschaft gemacht zu haben; im
ptolemäischen Ägypten räumten auch sie ihnen erheblichen Einfluß ein,
so daß schon jüdisch-hellenistische Schriften des 1. vorchristlichen
Jahrhunderts ~Abraham~ zu einem großen Astrologen machen und ~Moses~
mit der babylonischen und assyrischen Wissenschaft auch die chaldäische
von den Himmelskörpern erlernen lassen[2125], -- im ganzen bleibt
aber dieser Zweig der jüdischen Litteratur sehr selbständig, wie dies
u. a. in den betreffenden Teilen der „Sibyllinen“ hervortritt, in
der „Weisheit ~Salomons~“, in den Sprüchen des ~Jesus Sirach~ und in
den Apokalypsen des ~Baruch~ und ~Henoch~, welcher letztere bereits
im 2. vorchristlichen Jahrhundert als Besitzer und Lehrer geheimer
Weisheit und als eine Art Gegenbild des hellenistischen ~Hermes~
gilt[2126]. ~Philo~, als strenger Monotheist, bezeichnet allerdings die
Vergötterung der Planeten, die Identifikation der Sonne mit ~Apollon~,
des Mondes mit ~Artemis~, des Morgensternes mit ~Aphrodite~, des
Stilbon mit ~Merkur~ usf. noch als einen „Irrglauben“ der sternkundigen
und sternverehrenden Chaldäer[2127], aber dieser Standpunkt blieb
offenbar nicht der der großen Menge, deren abergläubische Entwicklung
durch viele seiner Lehren geradezu gefördert wurde, z. B. durch die von
den „Kräften“ (δυνάμεις, Dynámeis), Mittelwesen und Zwischenmächten
(Logos, Idee, Weisheit, Herrlichkeit, Geist, Odem, Wort Gottes,
...), von den Dämonen und Engeln, die dem nachexilischen Judentume
aus iranischen Religions-Vorstellungen übermittelt worden waren,
usf.[2128]. Die Anschauungen, die der beständigen Wechselwirkung
griechischer und jüdischer Spekulation entsprangen, und in denen die
erhebliche Einwirkung jüdischer Einflüsse nach vielen Richtungen
deutlich hervortritt[2129], erwiesen sich als sehr bedeutsam für die
Umgestaltung ägyptischer und hellenistischer religiöser Mythen[2130]
und machen sich auch bei ~Paulus~, in den nachpaulinischen Schriften,
im Evangelium ~Johannis~ und im „Hirten des ~Hermas~“ unverkennbar
geltend[2131]; dieses letztere Werk, das vielleicht durch ~Hermas~,
einen Bruder des römischen Bischofs ~Pius~, um 150 n. Chr. verfaßt
wurde und sich in der alten Kirche größter Beliebtheit und geradezu
kanonischen Ansehens erfreute[2132], führt seinen Namen daher, daß dem
~Hermas~ ein Engel in jener Gestalt eines Hirten erscheint, die durch
den „guten und schönen Hirten“ ~Anubis~ der ägyptisch-demotischen und
durch die Gottheit als „guten Hirten“ der phrygischen Tradition längst
außerordentliche Volkstümlichkeit genoß[2133]. Aber nicht erst im 2.
Jahrhundert, sondern schon zu Beginn der Kaiserzeit waren unter den
Juden Zauberei und Magie stark verbreitet; ~Plinius~ (um 75 n. Chr.)
erwähnt sogar besondere jüdische Richtungen der Magie, die er von
Männern namens ~Moses~, ~Jamnes~ und ~Lotapes~ ausgehen läßt[2134], und
weiterhin gelten Juden in diesen Künsten sowie in der Astrologie und
dem Exorcismus sogar als ganz besonders bewandert, sowohl in Ägypten
als auch in Cypern und Thracien, woselbst sie in großer Zahl wohnhaft
waren und in Thessalonike eine Provinzial-Synode besaßen[2135]. In
Zusammenhang hiermit steht auch die allgemeine und bis ins späte
Mittelalter vorhaltende Verbreitung spätjüdischer Lehren, u. a. der von
den 7 Himmeln mit ihren 7 Engelklassen[2136], der jüdischen Namen für
die 7 Planeten und die 7 Sphären-Dämonen[2137], ja selbst die gewisser
fast scholastischer Spitzfindigkeiten, z. B. der Bezeichnung der Zahl
7 durch „~Athene~“, „da diese Zahl, die als Führerin und Herrscherin
über allen steht, nur sich selbst gleicht, aber von jeglicher anderen
verschieden ist, gerade so wie ~Athene~ weder erzeugt wurde, noch
selbst zeugt“[2138].
b) Die stoïsche Lehre.
Von hoher Bedeutung für die Ausgestaltung des Synkretismus in Ägypten
war, wie bereits weiter oben erwähnt, die Lehre der +jüngeren Stoa+,
insbesondere in Form jener Vereinigung pythagoräischer, platonischer
und stoïscher Gedanken, als deren letzter Gipfelpunkt das System des
~Poseidonios~ anzusehen ist[2139]; ~Reitzenstein~ bezeichnet sogar die
schließliche völlige Zersetzung und Hellenisierung der ägyptischen
Religion geradezu als „das Werk der Stoa“[2140], wobei natürlich nicht
an einen rasch und einheitlich stattfindenden Vorgang zu denken ist,
sondern an einen in den verschiedensten Abstufungen verlaufenden und
nur sehr allmählich zu Ende gehenden.
Mit besonderer Vorliebe entwickelten die Stoïker die babylonische
Idee von der +Parallelität+ des Makro- und Mikrokosmos, und zwar auf
Grundlage der Theorie von der Einwirkung der großen auf die kleine
Welt gemäß der „gegenseitigen allgemeinen Sympathie sämtlicher Teile
und Dinge“[2141], wobei sie Himmel = oberste Ursache = ewige Zeit =
unentrinnbares Schicksal (Heimarméne) = höchstes Wesen = Gottheit
setzten[2142] und die Einheitlichkeit des Weltganzen als durch das
Prinzip „ἓν καὶ πᾶν“ (Hen kai pan: Alles ist Eines, Eines ist Alles)
verbürgt ansahen[2143]. An dieses anknüpfend machten sie, teils auf
orphischen Ideen, teils auf der falschen Etymologie πᾶν = Πάν fußend,
aus dem Gotte ~Pan~, ganz entgegen seinem ursprünglichen Wesen, einen
Allgott und weiterhin, durch Identifizierung mit dem pantheistisch
gefaßten ägyptischen ~Chnum~, einen ebenfalls pantheistischen
„Universal-Regenten“, der Gegenstand eines feierlichen Kultus war, in
symbolischem Abbilde inmitten des Tierkreises thronte und nicht selten
die orphische Allgöttin „Physis“ als würdiges Gegenstück zugesellt
erhielt[2144].
Die +Materie+ betrachteten die jüngeren Stoïker in Fortbildung der
platonischen Anschauung als an sich durchaus unwandelbar, trotz jenes
scheinbar unaufhörlichen Wechsels der Formen, den sie von der „Zeit“
= ~Aion~ = ~Chronos~ abhängig sein ließen[2145], wobei ~Chronos~
dem ~Kronos~ und dieser wieder, unter dem Einflusse des iranischen
~Zervan~, der „ewigen Zeit“ gleichgesetzt wurde[2146]. Die vier
Elemente sind, wie ~Aristoteles~ und die Peripatetiker lehrten, teils
aktiv (ποιητικά, poïetisch), teils passiv (παθητικά, pathetisch), sie
gehen mehr oder minder leicht ineinander über, sie vereinigen als [ὕλη
(Hýle) alle Qualitäten in sich[2147] und bedingen durch ihre Mischung
(κρᾶσις, Krásis), besonders durch ihre +richtige+ Mischung (εὐκρασία,
Eukrasía), die rechte Beschaffenheit aller Dinge, zumal auch die
Gesundheit von Körper und Seele[2148]; beim Menschen kommen hierbei
nach der Ansicht Einiger allein σῶμα (Soma) = Körper und νοῦς (Nûs) =
Geist in Betracht, nach der Anderer aber neben σῶμα noch ψυχή (Psyche)
als die niedere physiologische Lebenskraft und νοῦς oder λόγος (Logos)
als die höhere spezifisch-menschliche Vernunft[2149]. Ein fünftes
Element ist der Äther, den aber viele auch als „Pneuma“ ansehen[2150],
denn bei der Entstehung der Elemente aus dem Urwesen soll ein Rest
„Ur-Pneuma“ (= „reinstes Feuer“ der Iranier und des ~Heraklit~)
verblieben sein[2151], das als Äther jenseits der Grenzen der Welt
schwebt und sie als Gottheit regiert[2152].
Das +Pneuma+ spielt bei den jüngeren Stoïkern eine außerordentlich
wichtige Rolle, und seine allmähliche Entwicklung aus einem von
Anfang an rein physischen und sinnlichen Faktor zu einem durchaus
geistigen, ja göttlichen, wurde durch sie zum endgültigen Abschlusse
gebracht[2153]. Bei den jonischen Philosophen und den älteren
Atomistikern ist Pneuma, wie weiter oben erwähnt, nichts anderes
als bewegte Luft und Windhauch[2154], bei ~Platon~ der einströmende
Atemzug[2155], bei ~Xenophanes~ (als Erstem!) Odem = Seele, ψυχή[2156],
bei ~Hippokrates~ und den Hippokratikern ursprünglich Luft, Wind
und „Nahrung des Feuers“[2157], später der luftartige Inhalt der
Adern und Vermittler des Lebens[2158], bei ~Diokles~ von ~Karystos~
auch die natürliche Wärme des Körpers[2159]; für ~Aristoteles~ und
die Peripatetiker stellt es u. a. die treibende Kraft des Windes
und Spannkraft des Sturmes dar und entzündet sich bei Gewittern zum
Blitz[2160]; ~Erasistratos~ (um 258 v. Chr.) und seine ärztliche
Schule lassen, vermutlich dem ~Straton~ folgend, mit der Atemluft das
belebende Pneuma dem Herzen und das beseelende dem Hirn zuströmen
(πνεῦμα ζωτικόν, ψυχικόν) und aus dem Pneuma, der luftgeist-artigen
δύναμις des männlichen Samens, als Kraft, sowie aus der Hyle, dem
weiblichen Blute, als Stoff, den Fötus entstehen[2161], wobei also
das Pneuma den „mechanischen Träger der Seelenfunktion“ abgibt[2162].
Der Stoa endlich ist Pneuma eine Art Seelensubstanz, eine Vorstufe
der Psyche, so daß die Geburt als μεταβολή εἰς ψυχήν (Metabolé,
Umänderung zur Psyche) und der Tod als Umkehrung dieses Vorganges
erscheint[2163]: bei Ersterer geht das Pneuma zum Teil in das Blut
über und bewirkt so Leben und Bewegung, bei Letzterem kehrt die ψυχή
in die höhere Region reinen Pneumas und Äthers zurück, während der
Schlaf, als ein Mittelzustand beider, der Ergänzung des zur Zeit des
Wachens verbrauchten Pneumas dient[2164]. Die Seele ist wesensgleich
dem göttlichen Hauche, dem πῦρ νοερόν, dem feurig belebenden Äther,
den sie nur weitaus an Feinheit übertrifft[2165], und wie sie als
unsichtbare Lebenskraft dem +Einzelnen+ Dasein und Belebung, Empfindung
und Beweglichkeit, Denkkraft und Vernunft verleiht, so geschieht
dies dem +Kosmos+ gegenüber durch das +Pneuma+ als Weltseele und
Einheit der unsichtbaren göttlichen Obmacht: es ist der ganzen Welt
immanent, hält sie durch seine Spannung zusammen, erfüllt sie vermöge
seiner Schöpferkraft als ihre aktive Grundlage und als allgemeines
Lebensprinzip (= spiritus) und steigt so zum Range einer göttlichen
Persönlichkeit, ja eines eigentlichen Gottes auf[2166].
Aus der Mannigfaltigkeit dieser Anschauungen über das Pneuma erklärt
sich auch die der Auffassungen bei den verschiedenen seitens der Stoa
beeinflußten philosophischen und religiösen Schulen und u. a. auch bei
~Paulus~: Manche sehen im Pneuma eine Einheit von Materie und Geist,
Manchen dagegen tritt es auseinander in ὕλη (Hýle) = πάσχον = materia
als Inbegriff der Elemente, und in οὐσία (Usía) = ποιοῦν = spiritus
als Inbegriff der Lógoi spermatikoí, und diese werden dann von der
Gottheit oder von ~Hermes~ als Sendboten und Träger ausgesät, um die
Hyle und den gesamten Kosmos durch ihre Keimkräfte zur Entwicklung zu
bringen[2167]. Einigen ist Pneuma allgemeine Gottheits-Bezeichnung,
Innerstes der Gottheit, Kraft des Herzens, immaterieller geistiger Teil
(= ψυχή)[2168], Anderen wunderbares Wissen und Vermögen[2169], noch
Anderen Gebetsmurmeln und zauberkräftiges Wort[2170], -- insoferne
nach den Lehren der ägyptisch-hellenistischen Mystik allein das
δοξάζειν, d. i. das „rechte“ Sprechen der Formeln und Anrufungen, zum
„Verklärten“ macht[2171]. Die in den Einzeldingen wirkenden Kräfte sind
πνεύματα (Pneúmata) und diese wieder bald reine Geisteshauche, bald
geistige Gewalten, gute Engel und böse Dämonen, die gleich angenehmen
und widerlichen Gerüchen in der Luft wehen und schweben[2172]. Der
niedrigsten Klasse der Ungläubigen und Fleischesmenschen (σαρκικοί)
übergeordnet ist die der Proselyten und Seelenmenschen (ψυχικοί),
und ihr wieder jene der Geweihten (τέλειοι) und Geistesmenschen
(πνευματικοί)[2173]; der „Psychikos“, dessen Seele (ψυχή) noch
irdischen Stoffes ist, kann der γνῶσις (Gnosis), d. i. der himmlischen
Erkenntnis, und des Lichtes der γνῶσις θεοῦ (Gnosis, Erkenntnis der
Gottheit) nicht teilhaftig werden[2174], dem „Pneumatikos“ aber, dem
von der Last der ψυχή Befreiten und übersinnlichen Geistes Vollen,
erschließt sie sich auf dem Wege der Erleuchtung[2175]: einer
orientalisch-religiösen Grundvorstellung gemäß gewährt sie ihm Kunde
des „wahren Namens“ der Gottheit und dadurch ungeheure Macht[2176],
sie ermöglicht es ihm, sich der Gottheit anzugleichen, aus ihren
Strahlen Pneuma einzuziehen und dadurch „ihr Teil“ (also selbst Pneuma)
zu werden und läßt ihn so zum göttlichen Lichte höherer Sphären
aufschweben und sich der „Himmelfahrt“ würdig erweisen[2177].
Die Idee von der +Himmelfahrt+ oder +Himmelsreise+ der Seele[2178], die
völlig ausgebildet und in Verbindung mit jener von der Seelenwanderung
gebracht bei ~Poseidonios~ (135-51 v. Chr.) vorliegt[2179], geht
auf Grundlagen verschiedener Herkunft zurück: den Griechen war sie
mindestens seit ~Parmenides~ (um 480 v. Chr.) bekannt, der sie wohl
der orphisch-pythagoräischen Mystik, indirekt also vielleicht deren
orientalischen Quellen entlehnte[2180]; bei den Ägyptern vermittelt
schon im 14. Jahrhundert v. Chr. ein Spruch des „vom Gotte ~Thot~
selbst geschriebenen Zauberbuches“ die Kunst, „von der Unterwelt zur
Erde und von dieser zum Gotte ~Rê~ in den Himmel zu gelangen“[2181];
nach chaldäischer Lehre endlich ist der oberste oder Fixstern-Himmel
die Heimat der Seele, von dort aus steigt sie bei der Geburt des
Menschen durch die Milchstraße und die Sphären der 7 Planeten herab
und nach seinem Tode kehrt sie auf dem nämlichen Wege und wenn nötig
nach Läuterung in der Milchstraße wieder ebendahin zurück[2182],
-- in welchem Sinne es noch in dem um 90 n. Chr. verfaßten sog.
„4. Buche Esra“ heißt: „Die Verklärten werden glänzen wie Sterne
des Himmels“, d. h. sie werden in den Fixsternhimmel gelangen und
dort als Unsterbliche weilen[2183]. Da die Perser, als sie sich die
Vorstellungen der Chaldäer teilweise anzueignen begannen, deren
Planetengötter zu Dämonen herabsetzten, ließen sie die Seele beim
Heruntersteigen durch die Sphären „die unseligen Geschenke der
7 Planeten“ (d. s. die 7 Todsünden des Mittelalters) in Empfang
nehmen[2184] und sich „aus ihrer Substanz, nach Art von Gewändern,
mit den luftartigen pneumatischen Leibeshüllen beschweren“, von denen
sie sich dann umgekehrt beim Wiederaufstiege, den die bösartigen
Dämonen zu verhindern suchen, zunächst wieder zu befreien haben.
In dieser Gestalt kennen den Weg der Seele ἄνω καὶ κάτω (áno kai
káto) die späteren Stoïker[2185], die von diesen beeinflußten
Neu-Pythagoräer und -Platoniker, Orphiker und Gnostiker[2186],
~Porphyrios~ (232-304?)[2187], die Verehrer des ~Mithras~[2188], die
Verfasser der jüngeren Teile des Avesta und der Pehlewi-Tradition aus
sassanidischer Zeit (3. Jahrhundert n. Chr.), sowie die der Schrift
von der „Himmelfahrt des frommen ~Arda-Viraf~“ (4. Jahrhundert?) durch
die ursprünglich 3 (persischen), später 7 (chaldäischen) Himmel[2189],
-- wichtig als ein frühes Beispiel der „ekstatischen Vision in einer
Art Rauschnarkose“, wie sie bei den Schiiten Persiens noch gegenwärtig
im Schwange ist[2190]. Die jüdische Litteratur nimmt den Gedanken
der Himmelsreise anscheinend erst in hellenistisch beeinflußten
Texten auf[2191]. Das Buch „~Henoch~“ z. B., das in griechischer,
äthiopischer und ausführlicher in slavischer (aus dem Griechischen
übersetzter) Fassung vorliegt, kennt die Auffahrt ~Henochs~ durch
die 7 Himmel[2192], es erwähnt die 7 Sphären mit den 7 Planeten
Kronos, Aphrodite, Ares, Sonne, Zeus, Hermes, Mond[2193] und läßt
~Adam~ aus 7 Bestandteilen zusammengesetzt und mit 7 Eigenschaften
oder Naturen ausgestattet sein[2194]. Ähnliche Anspielungen enthalten
u. a.[2195]: die „Testamente der 12 Patriarchen“, die (stark christlich
überarbeitete) „Ascensio ~Jesaiae~“, die griechisch und slavisch
bekannte „Apokalypse des ~Baruch~“, die „Himmelfahrt des ~Moses~“, die
sog. „Oden ~Salomons~“[2196], die paulinischen Schriften (die aber nur
von 3 Himmeln wissen) und christlichen Apokalypsen, die Apokryphen
„Leben ~Josef~ des Zimmermannes“ und „Die sieben Aeonen der Finsternis“
usf.[2197]; von mehreren Himmeln spricht ~Origenes~ (185-254), von 7
Himmeln ~Clemens Alexandrinus~ (gest. 216), und auf christliche oder
jüdische Überlieferung scheint auch der spätislamische Bericht von
~Muhammeds~ Himmelfahrt zurückzugehen[2198].
Die +Vergöttlichung+ der Elemente, wie sie bereits im Orient und
frühzeitig bei den Orphikern gebräuchlich war, fand bei den Stoïkern
allgemeine Aufnahme[2199], desgleichen die mit ihr in naher Verbindung
stehende Anschauung, daß, wie jede Gottheit, so auch jedes Moment
ursprünglich +mannweiblicher+ Natur sei[2200]. Den Ägyptern war schon
von altersher die Annahme geläufig, das finstere Urwasser ~Nun~
habe männliche und weibliche Keime in sich getragen, aus denen ein
Ei hervorging, das Einige als „Weltenei“ durch ~Chnum~ der Göttin
~Neith~ übergeben ließen um es auszutragen, während Andere es mit
dem Skarabäus oder dem Geier in Verbindung brachten, die man als
zweigeschlechtlich (zuweilen auch als ungeschlechtlich) ansah[2201];
+nicht+ altägyptisch ist hingegen die von ~Seneca~[2202] und
~Iamblichos~ (gest. 330)[2203] erwähnte Lehre, daß jedes der vier
Momente einen männlichen und weiblichen Teil enthalte, die man als die
acht Elementen-Götter verehre, vielmehr ist diese erst ein Erzeugnis
ptolemäischer Zeit und geht wohl auf griechische Überlieferung
zurück[2204]. Der Glaube an androgyne Gottheiten war nämlich bereits
der älteren griechischen Welt keineswegs fremd[2205], doch nahm er erst
gegen 400 v. Chr. und besonders in Athen lebhaften Aufschwung, teils
unter dem Einflusse kleinasiatischer und cyprischer Kulte (z. B. des
der „bärtigen ~Aphrodite~“, ~Aphrodite~ barbata, geweihten), teils
zufolge der Bestrebungen großer Künstler, männliche und weibliche
Körperschönheit in der nämlichen Statue harmonisch zu vereinigen,
das ἀρῥενόθηλυ in Gestalt von Hermaphroditen darzustellen[2206]; da
er zuerst bei Pythagoräern und Orphikern nachweisbar wird, -- es sei
nur an das Ei des ~Phanes~ und dessen Zweigeschlechtigkeit erinnert,
-- und zum Teil mit unzüchtigen Kultgebräuchen zusammenzuhängen
scheint[2207], so ist es sehr wohl möglich, daß es ihnen aus dem
Oriente zukam[2208], und tatsächlich ist es eine echt orientalische,
in der babylonischen, iranischen und vielleicht auch jüdischen
Litteratur nachweisbare Vorstellung[2209], daß das, was zu allem
werden, was alles aus sich schaffen und was alles Leben in der Natur
hervorbringen kann, die Zeugungskraft beider Geschlechter in sich
vereinigen muß[2210]. Die Stoïker, die diese Vorstellung aufgriffen,
erweiterten und pantheistisch umdeuteten, nahmen daher eine androgyne
höchste Gottheit an[2211], deren männliche und weibliche Teile
späterhin auch als ζωὴ καὶ φῶς (Leben und Licht), ψυχὴ καὶ νοῦς
(Seele und Geist), Leben (ζωή = Milch oder Trank der Unsterblichkeit,
φάρμακον τῆς ἀθανασἰας) und Tod (νοῦς = guter Hirt = Totengott
~Anubis~) allegorisiert werden[2212]. Soweit hellenistische Einflüsse
reichen, haben sich auch ähnliche Gedanken erhalten, z. B. in den
mannweiblichen Urgottheiten der Gnostiker und Manichäer[2213], den
Gestalten zahlreicher gnostischer Erzählungen und Legenden[2214],
den (mit den Urgottheiten oft wesensgleichen oder verwandten)
Urmenschen phrygischer, iranischer und jüdischer Mythen[2215], den
7 zweigeschlechtlichen Menschen bei ~Poimandres~[2216], den Dämonen
der meist im 2. Jahrhundert verfaßten, jedoch zum Teil erst im 3.
oder 4. niedergeschriebenen Zauberpapyri[2217] usf. Fraglich bleibt
es, ob aus den nämlichen Gesichtspunkten, wie manche wollen, auch die
Annahme männlicher und weiblicher Edelsteine, Mineralien und selbst
Drogen zu erklären sei, denn da das Vorhandensein männlicher und
weiblicher Palmbäume und anderer Gewächse im Orient seit altersher
und in Griechenland mindestens seit ~Herodot~ und ~Ktesias~ bekannt
war[2218], kann es sich hierbei auch um unmittelbare Analogien
anderer Art handeln; jedenfalls sprechen als von etwas Wohlbekanntem
schon ~Theophrastos~ und seine späteren Nachfolger, aus deren Werken
~Plinius~ die betreffenden Kapitel der „Naturgeschichte“ kompilierte,
von männlichem und weiblichem Carneol (σάρδων), Lasurstein (κύανος),
„Luchsstein“ (λυγκούριον), „Adlerstein“ (ἀετίτης), Stimmi (στίμμι
= Antimonglanz) usf., wobei die größeren, härteren, dunkleren und
glänzenderen Exemplare für die männlichen gelten[2219]; ebenso ist
bereits bei ~Hippokrates~ u. a, von männlichen Weihrauchtropfen die
Rede[2220], unter denen offenbar gleichfalls die größeren und längeren
zu verstehen sind, wie man denn auch bei Sträuchern und Kräutern die
höher und kräftiger aufschießenden Varietäten, ja Individuen, kurzweg
als „männliche“ zu bezeichnen pflegte.
Schon weiter oben wurde darauf hingewiesen, daß zu den sonstigen
Lehren, die die Stoïker zwar nicht aufbrachten, aber zu tonangebenden
ausgestalteten, +erstens+ die von der Umwertung der irdischen
Elemente zu Elementen und Grundpfeilern des Himmels zählt, -- die
fortan gleichfalls στοιχεῖα (Stoicheía) heißen und namentlich in
Gestalt der 7 Planeten als „Herren“ der Tage, Jahre und Zeitperioden,
sowie als κοσμοκράτορες (= Weltregenten) das gesamte allgemeine und
besondere Geschehen beherrschen und lenken[2221] --, und +zweitens+
die vom Zusammenhange zwischen Planeten und Erzeugnissen der Erde,
z. B. Tieren, Pflanzen, Mineralien, Metallen, aber auch Gewürzen,
Wohlgerüchen usf.[2222]; da indessen derlei Theorien in engster
Verbindung mit den eigentlich astrologischen stehen, so sollen sie im
nachfolgenden Absatze gemeinsam mit diesen besprochen werden.
c) Die Astrologie.
Die Astrologie der synkretistischen Zeit ist der Versuch, auf
anscheinend untrügliche und zweifellos feststehende (in Wahrheit
freilich unverstandene oder mißdeutete) Naturgesetze hin ein
einheitliches Weltbild zu gestalten und dabei die Vorgänge im ganzen
Kosmos als abhängig von denen am Sternenhimmel zu erweisen[2223].
Grundlagen dieses Versuches waren der alte griechische Volksglauben
an die Göttlichkeit der Gestirne, der ältere babylonische Stern- und
der jüngere chaldäische[2224] Planetendienst, sowie die griechische
Philosophie und Wissenschaft, besonders die der Stoa mit ihren Lehren
von der Heimarméne, der allgemeinen Sympathie im Weltall und der
Einwirkung des Makro- auf den Mikrokosmos, die nicht selten lebhaft
an die Vergleiche moderner Soziologen zwischen Gesellschaft, Staat
oder Menschheit und einem großen Organismus, sowie an die Theorien
vom Einflusse des sog. Milieu erinnern[2225]. Die Astrologie als
Resultierende dieser Komponenten ist entschieden ein Erzeugnis des
Hellenismus[2226], unter dessen Einfluß die Griechen Stern-Dienst
und -Verehrung allmählich und „nur nach langem Sträuben“ annahmen,
zunächst und vorzugsweise in Ägypten[2227]. Unter den Schriften ihrer
hervorragenden Astronomen zeigen z. B. noch jene von ~Platons~ Schüler
~Eudoxos~ und die in derlei Hinsicht an Gelegenheiten zur Anknüpfung
so überreichen „Sternerscheinungen und Wetterzeichen“ des ~Aratos~ (um
250 v. Chr.) keinerlei Spuren astrologischer Vorstellungen, vielmehr
treten solche erst bei ~Hipparchos~ von Alexandria zutage, also um
150 v. Chr.[2228]; zu dieser Zeit waren aber in Ägypten neben dem
u. a. auch dem Fälscher ~Bolos~ von ~Mende~ zugeschriebenen Buche
über die „Sternzeichen“ (περὶ σημείων)[2229] schon die weiter oben
erwähnten „Hermetischen Untersuchungen“ erschienen, sowie das Hauptwerk
des ~Petosiris~ und ~Nechepso~, das für Ansehen und Auffassung der
Astrologie während der folgenden Jahrhunderte nach jeder Richtung hin
ausschlaggebend blieb.
Von großer Bedeutung für die Ausbreitung dieser „Wissenschaft“ erwies
sich ihre Aufnahme und Förderung durch die jüngeren Stoïker, sowie
die Neu-Pythagoräer und -Platoniker, welche letzteren Schulen als
eine ihrer Hauptquellen die Schriften des „uralten Dichters und
Sehers“ ~Orpheus~ ausgaben, den die Abbildungen nicht selten beim
Spielen der Leier in nächtlicher Stunde zum Sternenhimmel aufblickend
darstellen. Die sog. „Orphischen Hymnen“, die als Reste der ihm
zugeschriebenen mystisch-philosophischen Lehrgedichte vorliegen,
stammen indessen ihrer ursprünglichen Gestalt nach erst aus den beiden
letzten vorchristlichen Jahrhunderten und unterlagen zudem später oft
wiederholten und tiefgreifenden Abänderungen, teils durch Einschiebung
stoïsch-pantheistischer Gedanken und popular-philosophischer Wendungen,
teils durch Umformung zu Zwecken der Magie und Dämonologie, -- in
welcher Form sie dann in die Zauberpapyri des 3. und 4. Jahrhunderts
übergingen[2230]. Sie sind also selbstverständlich nicht beweisend
für ein Zurückreichen astrologischer Gedanken bis in das mythische
Zeitalter und können die Tatsache nicht erschüttern, daß sich der
griechische Geist mit den chaldäischen Lehren, namentlich von den 7
Himmeln und den 7 beherrschenden Planetengöttern, erst seit Beginn
der hellenistischen Periode zu befreunden begann. Bezeichnend für
die verhältnismäßig rasch fortschreitende Durchdringung chaldäischen
und griechischen Geistes ist es, daß bereits im 1. vorchristlichen
Jahrhundert ~Asklepiades~ von ~Myrleia~ den ~Homer~ astrologisch
kommentierte, und daß Siegelsteine (sog. Zylinder) der griechischen
Spätzeit die 5 Planetengötter nebst Sonne und Mond eingeschnitten
zeigen[2231]. Nach ~Philo~ von Alexandria, der um Beginn unserer
Zeitrechnung schrieb, gelten die 7 Planeten als Herrscher von
unbeschränkter Gewalt, deren Ruhm und Macht gar nicht genügend
gepriesen werden kann[2232], die man in ihren Sinnbildern, z. B. 7
Lichtern, einem siebenarmigen Leuchter, den 7 griechischen Vokalen
αεηιυοω usf. zu verehren pflegt[2233], und die im engsten Zusammenhange
mit den „göttlichen“ vier Elementen stehen, aus denen sich die gesamte
Welt (einschließlich des Menschen) aufbaut[2234], und in die sie auch
wieder zerfällt, „da kein Wesen zu nichts wird, sondern sich zu dem
auflöst, woraus es entstand“[2235].
Die endgültige wissenschaftliche Darstellung der Astrologie auf Grund
der pythagoräischen, peripatetischen und stoïschen Lehren liegt in
dem gegen 160 n. Chr. verfaßten „Tetrabiblos“ des ~Ptolemaios~ vor,
welcher Forscher, ebenso wie sein größerer Fachgenosse ~Kepler~,
neben der Astronomie auch die Astrologie zu betreiben geneigt oder
genötigt war. Dieses Werk faßt in eingehender, oft fast haarspalterisch
eindringlicher Weise die Ansichten sämtlicher Vorgänger zusammen, und
zwar so vollständig und in seiner Art so vollendet, daß es fortan
das dauernd maßgebende und überhaupt das letzte selbständige der
ganzen Gattung blieb, zu dem alle späteren sich nur als Auslegungen
und Kommentare verhalten[2236]. Der Umfang dieser erklärenden und
ergänzenden Litteratur ist erstaunlich, da zur Zeit allein an
griechischen Handschriften mindestens 170 bekannt, wenn auch in dem
großen Sammelwerke „Catalogus codicum astrologorum graecorum“[2237] nur
zum geringsten Teile und auszugsweise veröffentlicht sind[2238]. Die
Planeten spielen bei ~Ptolemaios~ eine ganz hervorragende Rolle, doch
ist zu bemerken, daß er, abgesehen von dem für apokryph zu erachtenden
Schlußkapitel, stets nur von fünfen spricht[2239], neben denen Sonne
und Mond stehen; die Gestalt, in der die Sonnengottheit auftritt, ist,
wenngleich sie noch nicht mit dem betreffenden +Worte+ bezeichnet
wird, schon völlig die des „+Königs+ Helios“ und beeinflußt als solche
die gesamte spätere Literatur und die malerische und plastische
Darstellung, auch noch die mittelalterliche[2240]. Als trocken und
daher männlich sieht ~Ptolemaios~ ~Ares~, ~Zeus~ und ~Kronos~ an, als
feucht und daher weiblich ~Selene~, ~Aphrodite~ und auch ~Hermes~, der
sonst meist für mannweiblich gilt[2241]; die männlichen sind tages-
und lichtfroh und freuen sich (χαίρουσιν), zusammen mit der Sonne
auf- oder unterzugehen[2242]. ~Kronos~ bezeichnet er als aschgrau,
~Zeus~ als weiß, ~Ares~ als rot, ~Aphrodite~ als gelb oder blond und
~Hermes~ als bunt oder wechselnd, doch stimmen die Handschriften und
die Überlieferungen bei den Scholiasten nicht genügend überein, und die
näheren Angaben letzterer lauten völlig verwirrt[2243].
Von den Abänderungen der ptolemaeischen Theorien ist nur eine
einzige als bedeutsam zu bezeichnen; unter der üblichen Berufung auf
~Pythagoras~ und ~Platon~ und in Anlehnung an gewisse Vorstellungen
des platonischen „Timaeus“ lehrten nämlich die Neuplatoniker, daß
die Sterne, insbesondere die Planeten, die Geschehnisse im Weltall
zwar nicht selbst +bewirken+, sie jedoch +anzeigen+[2244]: mit
Recht beobachteten daher die „Weisen“ des platonischen Staates, die
in den Augen der Neuplatoniker Astrologen waren, die Stellungen
und Bewegungen der Gestirne, denn diese gestatteten ihnen wichtige
Rückschlüsse z. B. betreff der „richtigen“ Zeiten für Ehe, Konzeption,
Entwicklung des Fötus usf.[2245]; die Entscheidung über das, was in
der Welt zu geschehen hat, geht freilich von der Gottheit aus, aber
vermittelt, angezeigt und ausgeführt werden ihre Befehle durch die
demiurgischen Wesen, vor allem durch die Dämonen, „die an Zahl den
Mikroben gleichen, allerorten gegenwärtig sind und überall ihre Hand
im Spiele haben“[2246], -- weshalb auch die Dämonologie, die Kunst des
Rufens, Erkennens, Unterscheidens, Verehrens und Bannens der Geister
eine der umfangreichsten und wichtigsten Seiten des neuplatonischen
Systemes bildet[2247]. Indem dieses jedoch das +Wirken+ der Gottheit
vorbehielt, die von Dämonen gelenkten Planeten aber für bloße
+Anzeiger+ des göttlichen Willens erklärte, machte es die Astrologie
vereinbar mit sämtlichen Religionen, auch den streng monotheistischen,
und hierin besteht die Wichtigkeit der besprochenen Umdeutung[2248];
allgemein angenommen oder folgerichtig durchgeführt wurde sie übrigens
keineswegs, und als im Kampfe des von griechischen, ägyptischen,
chaldäischen und jüdischen Einflüssen durchtränkten Neuplatonismus
mit Mithrasdienst, Manichäismus und Christentum das letztere Sieger
und „Universalerbe“ geblieben war[2249], erhielt der ptolemaeische
Gedanke sogar allmählich wieder die Oberhand, trotzdem er in unlösbarem
Widerspruche mit christlichen Grundwahrheiten stand.
Wie im Osten, so faßte die Sterndeuterei, gefördert durch die jüngere
Stoa und ganz besonders durch ~Poseidonios~, auch im Westen Boden,
so daß in Italien schon 139 v. Chr. von einer ersten Austreibung
der „Chaldäer“ als gemeingefährlicher Lügner und Betrüger berichtet
wird[2250]. Diese blieb aber nicht nur ohne jeden dauernden
Erfolg, sondern der „chaldäische Geist“ erwies sich als geradezu
unüberwindlich, erfaßte mit staunenswerter Raschheit immer weitere
Kreise und hatte schon zur Zeit ~Ciceros~ die gesamte prosaische und
poetische Litteratur derart durchdrungen, daß er sich bei allen,
auch bei den sonst freiesten und aufgeklärtesten Schriftstellern der
klassischen Periode, geschweige denn bei ihren späteren Nachfolgern,
als etwas völlig selbstverständliches, einer Begründung gar nicht erst
bedürftiges geltend macht[2251]. Nicht wenig scheint hierzu die immer
engere Berührung mit Ägypten beigetragen zu haben, woselbst zu Beginn
unserer Zeitrechnung die Astrologen Alexandrias eine Gewerbesteuer
(„Narrensteuer“ genannt) zahlten[2252], und der berühmte Zodiakus
(Tierkreis) von Denderah ~Jupiter~ und ~Mars~ sperberköpfig abgebildet
zeigt, ~Saturn~ stierköpfig, ~Merkur~ menschenköpfig, ~Venus~ aber
doppelköpfig, -- wohl eine Nachwirkung ihrer beiden Formen als Morgen-
und Abendstern, ~Istar~ und ~Belit~[2253].
Unter der Regierung des ~Augustus~ war die Astrologie nicht nur zur
Mode und zum Bedürfnisse der feinen Gesellschaft geworden, sondern
fand geradezu Aufnahme von Staats wegen[2254]: rühmte doch ~Augustus~
selbst sich gewisser Wunderzeichen, die bewiesen, daß das Fatum (= die
Heimarméne) ihn zur Herrschaft berufen habe[2255]. Vermutlich höfischen
Anregungen folgend verfaßte ~Manilius~ damals sein Lehrgedicht
„Astronomica“, dessen Gesänge, soweit sie vollendet wurden, in schönen
Versen und edler Sprache eine Übersicht der gesamten Astrologie
bieten, jedoch unter planmäßigem Ausschluß aller rein ägyptischen
Gottheiten und rein chaldäischen Lehren, daher auch der meisten die
Planeten betreffenden[2256]. Die Schicksale, Lebensberufe usf. des
Menschen, der ein Mikrokosmos ist[2257], gehen nach ~Manilius~ nicht,
wie Chaldäer und Ägypter behaupten, von den Planeten aus (die er
meist, aber nicht immer, „astra“ oder „stellae“ nennt), sondern, wie
der Kyllenier, d. i. ~Hermes~, verkündigte[2258], von den Fixsternen
(meist, aber nicht immer, „sidera“ geheißen), und zwar von jenen des
Tierkreises, wenngleich die Planeten nicht ganz ohne Belang sind, da
sie und die Fixsterne sich gegenseitig beeinflussen können[2259].
Von den 7 Planeten, die mit den 7 Mündungen des Nils zu vergleichen
sind[2260], werden Sonne und Mond stets zusammen genannt und den fünf
übrigen in der Anordnung des ~Poseidonios~ aufgezählten Wandelsternen
gegenübergestellt[2261], als deren Anführer der Mond gilt, der
zugleich auch (durch Ebbe und Flut) die Tiefe des Meeresgrundes
beherrscht[2262]. ~Merkur~ ist nur als Morgen- und Abendstern sichtbar,
ebenso ~Venus~, für die an Stelle der alten Namen ἐωσφόρος (Eosphóros)
und ἕσπερος (Hésperos) auch der neue φωσφόρος (Phosphóros = Lucifer
= Lichtträger) tritt[2263]; ~Saturn~ wird als schätze-sammelnder und
-hütender Alter bezeichnet[2264]. Das Geschlecht der Planeten ist
verschieden, ebenso wie das der Sterne im Tierkreise[2265], unter denen
merkwürdigerweise der Stier (taurus) als weiblich auftritt, weil ~Jo~
in ein Rind verwandelt wurde[2266].
Im weiteren Verlaufe der Kaiserzeit nahm die Astrologie, die zwar,
wie ~Tacitus~ hervorhebt[2267], offiziell stets verboten, zugleich
aber unter der Hand geduldet, ja gefördert wurde, an Einfluß und
Macht immer weiter zu, vor allem am kaiserlichen Hofe selbst[2268];
ihre Vertreter waren meist Asiaten, Griechen und Ägypter, wie z. B.
der berüchtigte „in allen chaldäischen Künsten erfahrene“ ~Pammenes~,
von dessen Ausweisung 66 n. Chr. unter der Regierung ~Neros~
~Tacitus~ berichtet[2269]. Einen Begriff davon, wie gänzlich schon
im 1. und 2. Jahrhundert alles staatliche und private Wesen von
Aberglauben jeglicher Art durchdrungen war, erhält man am besten aus
der „Naturgeschichte“ des ~Plinius~ (um 75 n. Chr.), in der ganze
Bücher mit Hunderten von Kapiteln über nichts anderes handeln, ferner
aus den „Attischen Nächten“ des ~Aulus Gellius~ (113-165) mit ihren
langatmigen Darlegungen über die 7 Planeten, die Siebenzahl usf.[2270],
sowie aus dem „Buche der Traumdeutungen“ des ~Artemidoros~ (135-200),
dem Vorbilde einer endlosen Litteratur, deren letztes Glied das auch
heute noch weitverbreitete und immer neu aufgelegte „Große ägyptische
Traumbuch“ ist. Die Vorbedeutungen und Wirkungen der Sterne, so
heißt es bei ~Artemidoros~, braucht man nur zu erläutern, nicht zu
beweisen, „denn für jeden Gebildeten stehen sie ohnehin fest“[2271],
-- nämlich getreu dem Grundsatze, den noch 1648 ~Salmasius~ in seinem
ebenso gelehrten wie monströs-formlosen Werke über die Astrologie
anführt[2272], „aut astra dii sunt, aut nulla est astrologia“,
„entweder sind die Sterne Götter, oder es gibt keine Astrologie“!
Weitere Fortschritte machte die abergläubische Bewegung unter
den orientalischen oder von Orientalen umgebenen Kaisern des 3.
Jahrhunderts, besonders unter den ~Severen~, „deren politische Tat
die völlige Orientalisierung der Religion auch im Westen des Reiches
war“[2273]. ~Septimius Severus~ (193-211) z. B. besoldete Astrologen
von Staats wegen[2274], stellte zuerst zu Rom Altäre der Planetengötter
auf, wie sie später u. a. im Circus maximus erwähnt werden[2275], und
erbaute ein „Septizonium mit den sieben Planeten- oder Tages-Göttern“,
vermutlich ein Planetenhaus, das die Konstellation des vom Fatum für
den Thron bestimmten Kaisers versinnlichte[2276]; ~Severus Alexander~
(222-235) befahl, die in Ägypten gesammelten Bücher der geheimen
Weisheit in das Grab ~Alexanders des Grossen~ zu legen und in diesem
zu verschließen[2277], und reihte unter seine Penaten ~Orpheus~,
~Abraham~, ~Christus~ und ~Apollonius~ von ~Tyana~ ein[2278]. Die
Neigung der Astrologen zu Lug und Trug war zwar niemals ein Geheimnis
geblieben, -- nennt doch in diesem Sinne schon bei ~Petronius~ (zur
Zeit des ~Nero~) der reiche Prasser ~Trimalchio~ einen Weinfälscher
„im Zeichen des Wassermannes geboren“, welcher Spott ihn freilich
nicht hindert, die Wände seines Hauses mit den 7 Planeten- und 12
Tierkreis-Bildern bemalen zu lassen[2279] --, aber man sah über
diese Schattenseite hinweg und ließ der „Wissenschaft der Sterne“
immer freiere Bahn[2280]. Stets neue Anhänger gewann ihr einerseits
der Verfall der alten heimischen Kulte, das Aufhören der Orakel,
das Verbot der Vögel- und Eingeweide-Schau[2281], andererseits die
allgemeine Überzeugung, daß die wahre Quelle neuer religiöser und
philosophischer Ideen allein im Oriente fließe[2282], dem nun Frömmler
und „Geweihte“ zuströmten, um „am Nil, am Euphrat oder angeblich gar
am Ganges in die Schule zu gehen“ und sich in der Magie, Theurgie,
Dämonologie, Iatromathematik, in der Lehre von der medizinischen
Sympathie und den heilbringenden Wundermitteln u. dgl. mehr zu
unterrichten oder doch zu vervollkommnen[2283]. Der zum Teil geradezu
gemein- und staatsgefährliche Charakter, den die Gesamtheit dieser
„Künste“ allmählich anzunehmen schien, erklärt das von ~Diokletian~
nach der Niederwerfung des ägyptischen Aufstandes im Jahre 296
erlassene allgemeine Verbot[2284]; durchgeführt konnte dieses aber
nicht werden, vielmehr erreichte die Astrologie im 4. Jahrhundert
ihre größte Macht und Verbreitung, wie sie uns vor allem aus dem
zusammenfassenden Werke des ~Firmicus Maternus~ (verfaßt 335-337) und
den Schriften ~Hephaistions~ (um 340) und seiner Nachfolger sichtlich
entgegentritt[2285]. Als seine Hauptquellen in der „Mathesis“[2286]
bezeichnet ~Firmicus Nechepso~, den göttlichen König, und ~Petosiris~,
den Oberpriester und weisen Alten[2287], ferner ~Anubis~, ~Aeskulap~
und ~Merkur~[2288], endlich ~Abraham~, ~Achilles~, ~Kritodemos~,
~Orpheus~, die Pythagoräer und Platoniker[2289], während er sich über
andere Vielbenützte ausschweigt, z. B. über ~Anubion~, ~Manetho~,
~Manilius~, ~Ptolemaios~, ~Vettius Valens~[2290]. Die Astrologie ist
ihm eine göttliche Wissenschaft (divina scientia)[2291] und fordert
daher von ihren Vertretern strengste Geheimhaltung, kultische Reinheit
der Person und des Lebenswandels, sowie völlige Freiheit von Habsucht,
Geldgier und gemeinem Streben[2292]. Die Hauptrolle spielen bei
~Firmicus~ die Planeten, die, je nach ihren Stellungen, Bewegungen und
Beziehungen untereinander und zu den Fixsternen, ganz wie schon in den
„Astrologúmena“, die menschlichen Lebensschicksale, Neigungen, Berufe,
Kenntnisse usf. bis in die kleinsten Einzelheiten bestimmen[2293].
~Constantin der Grosse~ (323-337), zu dessen Zeit ~Firmicus~ schrieb,
blieb astrologischem und anderem Aberglauben zeitlebens ergeben;
seine Thermen versah er mit 7 Nischen und 12 Portiken zur Aufnahme
der Planeten- und Tierkreis-Bilder[2294], seine Kirchen erhielten 7
Stufen, 7 Tore und 7 Bänke für die Priester[2295], und die der Sophia
schmückte er „mit hellenischen Statuen der 12 Zeichen des Tierkreises,
des Mondes, der ~Aphrodite~ und der übrigen Planeten“[2296], ohne sich
hierin durch seine christlichen Neigungen und Gesinnungen beeinflussen
zu lassen, deren Aufrichtigkeit allerdings überhaupt dahinsteht.
Die Kirche bekämpfte anfangs, wie die Planetenwoche (s. weiter
oben), so auch alle sonstigen mit der Astrologie zusammenhängenden
Anschauungen und Einrichtungen, und zwar unter Hinweis auf ihre Engel,
Märtyrer und Asketen, an deren Wundertaten auch die hervorragendsten
Kirchenschriftsteller nicht minder fest glaubten, als etwa die
schärfsten Denker der neuplatonischen Schule an die des ~Pythagoras~
oder anderer ihrer „göttlichen Männer“[2297]. ~Tertullianus~ (um 190)
verbietet in seiner Abhandlung „De idolatria“ den Christen, das Gewerbe
eines Astrologen oder Magiers auszuüben[2298]. Daher finden sich auch
die drei Magier, die dem Sterne bei ~Christi~ Geburt nachziehen, in den
ursprünglichen Berichten als Chaldäer, Perser oder Araber bezeichnet,
„die die Kunst (τέχνη, Téchne) verstehen“; sie heißen noch beim hl.
~Hieronymus~ (331-420) „docti a daemonibus“ (von Dämonen belehrt),
während sie erst im 6. Jahrhundert „Könige“ werden (wobei Stall,
Krippe, Ochs usf. hinzutreten, um die Richtigkeit alter Prophezeiungen
zu erweisen) und schließlich gar „heilige Könige“, deren Namen indes
erst ~Beda Venerabilis~ (672-703) kennt[2299]. Vom 4. Jahrhundert an
scheint das Verhalten der Kirche, wenigstens im Westen, zeitweilig
ein weniger abweisendes gewesen zu sein, wofür indessen der berühmte
„Chronograph von 354“ +nicht+ als Beleg angeführt werden kann, weil
dieser römische Kalender, der neben den Abbildungen und astrologischen
Charakteristiken der 7 Planetengötter u. a. die älteste Papst-Liste
enthält, auch im übrigen keinerlei christliche Einflüsse verrät[2300].
Späterhin wurde aber der alte Standpunkt wieder strenge festgehalten,
zum mindesten grundsätzlich; die um 630 verfaßten „Origines“ des hl.
~Isidorus~ (= Isidorus Hispalensis, Erzbischof von Sevilla), ein
Sammelwerk, das trotz der völligen Kritiklosigkeit des Autors und
seiner Vorliebe für die albernsten Etymologien kulturgeschichtlich
außerordentlich wertvoll ist, sprechen von der Astrologie als einem
„von den Chaldäern stammenden, vom Teufel begünstigten, von ~Christus~
verworfenen Aberglauben“[2301], erwähnen daher kein Wort über
Vorzeichen und Beziehungen, die sich an die 7 Planeten knüpfen, --
auch nicht in dem verlockenden Kapitel „De natis“[2302] --, und führen
nur an, daß sich von ihren Namen die der Wochentage ableiten[2303]
und daß sich mit ihren Qualitäten auch die der menschlichen Körper
verändern[2304]. In seiner kleineren Schrift „De natura rerum“
behauptet ~Isidorus~, die Planeten hießen „errantia“ (Irrsterne), „weil
sie uns in die Irre leiten“[2305], im übrigen schweigt er aber auch
hier über alles abergläubische[2306] und nur vom ~Saturn~ sagt er an
einer Stelle, er sei, wie ~Virgil~ bestätige, „von kalter Natur“[2307]
und daher auch auf Erden Kälte erzeugend.
Die hier und wiederholt auch schon im Vorhergehenden berührte Idee der
+Abhängigkeit irdischer Erzeugnisse+ von den +Gestirnen+, sowie ihrer
+Zusammengehörigkeit+ mit bestimmten Fixsternen und Planeten, zählt zu
den eigentümlichsten und wichtigsten auf astrologischem Gebiete und
rechtfertigt daher eine nähere Erörterung.
Wie die ganze Lehre von den 7 Himmeln mit den 7 weltbeherrschenden
Planeten-Gottheiten, so ist auch deren Ausgestaltung betreff der
Einflüsse von Bewegung, Stellung, Auf- und Untergang, Farbe, Glanz
und „Natur“ der einzelnen Gestirne eine spätbabylonische, also
chaldäische[2308]. Den u. a. bei dem Astrologen ~Vettius Valens~ (2.
Jahrhundert n. Chr.) ziemlich ausführlich erhaltenen Überlieferungen
gemäß, geht sie von der Grundvorstellung aus, daß jeder Stern seine
„Natur“ und „Kraft“ nach außen „emaniere“ und daher alles das, was
seine Strahlen treffen, auch seinem eigenen Wesen entsprechend
beeinflusse und gestalte[2309]. In Ägypten verschmolz diese Vorstellung
mit der dort heimischen, daß gute Gaben, Segnungen u. dgl., Ausflüsse
(ἀπόρῥοιαι) aus dem Leibe der Götter seien, wonach es einleuchtend
erschien, daß solche auch den Sterngöttern zukämen, sowie den Sternen,
deren Herren diese sind[2310]; gefördert wurde sie ferner durch die
Theorie von der allgemeinen Sympathie, die derartige Beeinflussungen
erklärlich machte, ja selbst erwarten ließ. So ruft denn schon bei
~Philo~ jedes Sternbild des Tierkreises die ihm eigene Färbung auch
in Luft, Wasser und Erde, bei allen Vorgängen in diesen Elementen,
sowie bei allen Arten Gewächsen und Lebewesen hervor[2311]; auf dem
Zodiakus (Tierkreis) von Denderah, der aus dem Anfange der Kaiserzeit
stammt, sind den Namen der Planeten die von Mineralien und Metallen
beigefügt[2312]; ~Ptolemaios~ stellt die Planeten nach ihrer Farbe
mit den Metallen zusammen[2313]; die Neuplatoniker opfern ihnen die
„zugehörigen“ Steine, Kräuter und Tiere[2314] und verbinden sie, auf
oft lächerliche Spitzfindigkeiten hin, mit seelischen Eigenschaften,
körperlichen Teilen, gesunden und kranken Säften (χυμοί), Tieren,
Pflanzen, Mineralien, Edelsteinen, Metallen, Farbstoffen, Gerüchen,
Gewürzen, Tönen, Vokalen usf.[2315]; der „göttliche“ ~Iamblichos~
(gest. 330?) bezeichnet in dem, wenn nicht von ihm, so doch von seiner
Schule herrührenden „Buche der Mysterien“ die Planeten als „sichtbare
Götter“ (θεοὶ φανεροί, ὁρατοί)[2316] und läßt sie auf das Weltall, das
„nur ein großes Tier (= Lebewesen) ist“ (ἕν ζῶον ἐστί τὸ πᾶν), vermöge
der Sympathie, nach ihren Qualitäten, Farben und Strahlen Wirkungen
ausüben[2317]. Ähnlich urteilen auch die gleichzeitigen Papyri, z. B.
der Papyrus ~Mimaut~ (3. Jahrhundert)[2318], ferner die bei ~Proklos~
angeführten Autoren[2319], sowie die späteren Gnostiker und Hermetiker,
deren Ansichten schließlich in den sog. „Kyraniden“ eine letzte
Ausgestaltung in der Richtung unsinnigsten Aberglaubens erfahren[2320].
Die Ansicht ~Berthelots~, die älteste Anspielung (oder doch eine der
ältesten) auf die Zusammengehörigkeit der 7 Planeten mit den Metallen
u. dgl. enthalte die zur ptolemaeischen Frühzeit abgefaßte ägyptische
Erzählung von dem in 7 Kisten eingeschlossenen Zauberbuche des Gottes
~Thot~[2321], ist gänzlich irrtümlich; erstens stammt nämlich diese
Erzählung aus dem 14. +vor+christlichen Jahrhundert[2322] und zweitens
spricht sie anscheinend nur von sechs Kisten, die aus Eisen, Bronze,
Palm- (oder Zimt-) Holz, Ebenholz und Elfenbein (schwarz-weiß), Silber,
und Gold bestehen[2323]; auch eine Liste der Malerfarben Schwarz
(kême), Dunkelblau, Rot, Hellblau, Grün, Gelb, Weiß hat nichts mit
den 7 Planeten zu tun, gibt vielmehr, abgesehen vom Schwarz, diese
Farben in der nämlichen Reihenfolge wieder, die für Aufzählung der
kostbaren Mineralien und Steine (Lasur, Rubin, Türkis?, Smaragd, Topas,
Bergkristall) die althergebrachte war[2324]. Daß Inschriften aus dem
alten oder mittleren Reiche den Gott ~Ptah~ „Gießer des goldenen
Sonnenkäfers“ nennen und die „Sonne mit den goldgelben Strahlen“,
die „Sonne, die da goldene Strahlen hat“ preisen[2325], bezeugt
nichts weiter, als daß auch die Ägypter, wie die verschiedensten
Völker zum Teil ganz fernliegender Kulturkreise, schon frühzeitig
den naheliegenden Vergleich zwischen Sonne und Gold, Mond und Silber
zogen. Unbegründet ist endlich auch die Vermutung ~Berthelots~[2326],
Listen von bloß fünf Metallen und Planeten (ohne Sonne und Mond), wie
sie u. a. das Pariser Manuskript 2327 bietet, deuteten auf spezifisch
ägyptischen Ursprung hin, -- denn eine Sonderstellung von Sonne und
Mond ist nicht nur u. a. zur Zeit der Verschmelzung chaldäischer und
persischer Religions-Vorstellungen nachweisbar, sondern auch bei
späteren hellenistischen Autoren, z. B. bei ~Ptolemaios~.
Über Entstehung und Ausbildung der Lehre von der Verbindung zwischen
+Planeten+, +Farben+ und +Metallen+ bei den Chaldäern selbst[2327]
liegen bisher nur äußerst dürftige unmittelbare Nachrichten vor, so daß
wir hauptsächlich auf spätere Überlieferungen angewiesen sind, die zum
Teil aus weder zuverlässigen, noch lauteren Quellen stammen, in vielen
Einzelheiten stark auseinander gehen und Rückschlüsse nur mit aller
Vorsicht zu ziehen gestatten.
Fraglos ist es, daß die Babylonier, vor allem die Chaldäer und die
von ihnen beeinflußten jüngeren Perser, Götzenbilder aus Holz, Stein
und Metall besaßen, u. a. aus Gold, Silber, Kupfer, Bronze (Erz)
und Eisen; daß diese schon bei den alten Babyloniern solche der
Planetengötter waren[2328], ist natürlich ausgeschlossen, und die
oft angeführten Berichte des späten und stark iranisch beeinflußten
Buches ~Daniel~ (verfaßt von 170 v. Chr. an)[2329] und des noch weit
späteren Buches ~Baruch~ (verfaßt zwischen 100 und 250 n. Chr.)[2330]
lassen Folgerungen hinsichtlich der fernen Vergangenheit nicht zu.
Eine annähernde Vorstellung betreff der neueren Periode mag die von
dem byzantinischen Chronisten ~Kedrenos~ (um 1050) wiedergegebene
Erzählung gewähren, der gemäß Kaiser ~Heraklius~ (603-641) im Tempel
der armenischen Stadt Gazakos, die er während des persischen Feldzuges
eroberte, prächtige, vom Könige ~Chosroës~ von Persien (532-579)
gestiftete Götzenbilder vorfand, „in der Kuppel wie im Himmel sitzend,
umgeben von Sonne, Mond und Sternen, denen ~Chosroës~ als Göttern
diente“[2331]. Ob durch Schriftsteller des 11. und 12. Jahrhunderts
bewahrte Überlieferungen zutreffen, nach denen die chaldäischen
Priester Fingerringe aus den verschiedenen Metallen trugen[2332],
bleibe dahingestellt, denn vielleicht handelt es sich hierbei nur
um Erneuerung einer Nachricht, die das gegen 215 von ~Philostratos~
verfaßte Leben des vielberufenen ~Apollonius~ von ~Tyana~ enthält;
dieser Wundermann, „neben ~Moses~ und ~Hermes Trismegistos~ der einzige
wahrhaft göttliche“[2333], soll nämlich gelegentlich seiner in Indien
betriebenen Studien der „über die menschliche Natur hinausgehenden
Kunst Astrologie“ vom Brahmanen ~Jarchas~ 7 Ringe erhalten haben,
die die Namen der 7 Planeten trugen (und aus deren Metallen
bestanden?), und die er an den entsprechenden Wochentagen abwechselnd
ansteckte[2334].
Über die +Farben+, die die Chaldäer den einzelnen Planeten zuschrieben
und daraufhin in Gestalt von Platten aus den „zugehörigen“ Metallen
oder aus entsprechend glasierten Steinen auch bei ihren Tempelbauten
in Anwendung gebracht zu haben scheinen, herrscht (wie schon weiter
oben angeführt) keine ausreichende Gewißheit, und die verschiedenen
vorliegenden Angaben lassen sich ohne willkürliche Abänderungen
nicht in Übereinstimmung bringen[2335]. Im Abendlande dürfte, -- da
so naheliegende Zusammenstellungen wie z. B. die von Gold und Sonne
bei ~Pindar~ (5. Jahrhundert v. Chr.) nicht wohl in Betracht kommen
können --, die erste einschlägige Anspielung, wie schon gegen 1800
der hochgelehrte ~Beckmann~ erkannte[2336], in ~Platons~ Dialoge
„Kritias“ zu finden sein, woselbst (sichtlich nach persischen
Vorbildern, die dem Verfasser vor Augen schwebten) über die Hauptstadt
der Insel Atlantis berichtet wird, ihre äußere Mauer sei mit Kupfer
belegt, ihre innere mit Zinn und die Schloßmauer mit Gold. Im Orient
bleiben ähnliche Vorstellungen anscheinend viel länger lebendig,
doch liegen sie meist nur in späten Überlieferungen vor, aus denen
sich bestimmte Schlüsse nicht ableiten lassen. So z. B. erwähnt der
arabische Kosmographe ~Aldimeschqi~ (1256-1327), der meist aus sehr
alten und guten Quellen schöpfte, die Stadt Jerusalem und ebenso die
Peterskirche zu Rom seien von 7 Mauern aus Feuer (= feuerfarbigem
Metall oder Stein?), Gold, Marmor, ...gestein, Silber, Eisen und Kupfer
umgeben gewesen[2337]; der 7 „jenen Ekbatanas gleichenden“ Mauern der
Stadt Ganzakh tut der armenische Historiker ~Moses~ von ~Chorene~ (5.
Jahrhundert) Erwähnung, derer des Palastes des sassanidischen Königs
~Vahraran~ V. (= ~Bahram Gur~) der persische Dichter ~Nizami~ (gest.
1198)[2338]; ferner schildert sein Landsmann ~Dschami~ (1414-1492) in
„~Jussuf~ und ~Suleikha~“ den Bau eines Schlosses, das, gleich jenen
der Könige ~Chosrau~ (= ~Chosroës~), ~Kei Kawus~ und ~Bahram Gur~, aus
„7 voneinander umgebenen“ Palästen bestand, für die 7 Tage der Woche
bestimmt, in 7 Farben prangend und unter dem Einflusse der 7 Planeten
stehend, -- wobei jedoch nur vom siebenten bemerkt wird, daß er in
Gold erstrahlte[2339]. Auch in den Erzählungen „Tausendundeine Nacht“,
die zum Teil bis in das 8. Jahrhundert zurückgehen, ist die Rede von 7
solchen Palästen aus Kristall, Marmor, chinesischem Stahl, Edelstein,
Porzellan, Silber und Gold[2340], und von der Kuppel des Pharus zu
Alexandria melden die „Arabischen Wundergeschichten“, vermutlich einer
hellenistischen Tradition folgend, daß sie an jedem der 7 Wochentage
in einer anderen, jedenfalls dem betreffenden Planeten entsprechenden
Farbe erglänzte[2341].
Welches diese Farben waren, bleibt zweifelhaft, denn schon die
Angaben bei ~Ptolemaios~ und seinen Kommentatoren schwanken, und in
noch höherem Grade gilt dies von jenen der späteren Schriftsteller
und Enzyklopädisten, die oft auch nur die zugehörigen, nicht immer
bestimmt zu deutenden Mineralien betreffen. In der nachstehenden
Tabelle gibt Reihe 1 die (nicht immer sicher zu benennenden) Farben
nach ~Ptolemaios~ (um 150) an[2342], 2 nach ~Vettius Valens~ (2.
Jahrhundert) und einigen Zeitgenossen[2343], 3 nach ~Firmicus~ (um
335), 4 nach ~Pseudo-Kallisthenes~ (4. bis 5. Jahrhundert)[2344], 5
nach der arabischen Enzyklopädie der „Treuen (richtiger: lauteren)
Brüder“ (10. Jahrhundert)[2345], 6 nach einer in ~Ruskas~ Ausgabe
des „Steinbuches des ~Aristoteles~“ erwähnten Quelle[2346], 7 nach
dem persischen Dichter ~Nizami~ (12. Jahrhundert)[2347], 8 nach der
arabischen Enzyklopädie des ~Aldimeschqi~ (1256-1337)[2348]:
Saturn Jupiter Mars Sonne Venus Merkur Mond
φαίνων φαέθων πυρόεις ἥλιος φωσφόρος στίλβων σελήνη
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1. aschgrau weiß rot golden gelb verschieden silbern
(blond) (bunt)
2. schwarz weiß rot (gold)- bunt gelb grünlich
glänzend