+Übersicht einiger Hauptdaten+[1952].
v. Chr.
Zeitalter der Horus-Verehrer um 4250
Zeitalter der Thiniten 3315-2895
Altes Reich 2895-2540
Zeitalter des Überganges 2540-2160
Mittleres Reich 2160-1785
Zeitalter der Zersetzung; Hyksos-Könige 1785-1580
Neues Reich 1580-1100
Herrschaft der Söldner, Äthiopier, Assyrier 1100-663
Zeitalter der Restauration 663-525
Herrschaft der Perser 525-332
Ptolemäische Könige 331-30
Ägypten römische Provinz 30
Einführung des verbesserten 365tägigen Kalenders: am 15. Juni 4241
v. Chr.[1953].
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Da die ägyptische Religion schon zu Beginn des neuen etwa von 1580-1100
währenden Reiches in vielen Richtungen bis zur Unkenntlichkeit
entstellt und in anderen nur mehr der Form nach annähernd erhalten
war[1954], so bietet es große Schwierigkeiten, ihre Entwicklung
bis in die Zeit des mittleren oder gar des alten Reiches (etwa
von 2160-1785 und 2895 bis 2540) zurückzuverfolgen. So weit dies
indessen möglich ist, zeigt sich, daß keine Gottheit in höherem
Ansehen stand als der Sonnengott ~Rê~, neben dem allenfalls noch der
Mondgott ~Thot~ in Betracht kommt, während andere Sterngötter, --
denn nicht die +Gestirne+ verehrt man, sondern die +Wesen+, die sich
in ihnen offenbaren[1955] --, keinerlei Rolle in Sachen des Glaubens
spielen[1956].
Anfänglich scheinen +Sonne+ und +Mond+ als Augen einer Gottheit
gegolten zu haben, des „großen ~Horus~“, des „~Horus~ der beiden
Augen“[1957], den man sich als Falken mit leuchtenden Augen vorstellte;
demgemäß heißt auch ~Rê~ später „der große Gott“, „der Herr des
Himmels“, wird falkenköpfig abgebildet und trägt auf dem Haupte die
Sonnenscheibe, umwunden von der flammenspeienden Schlange ~Apophis~,
der „Vernichterin der Feinde“; an weiteren Beinamen, -- betreff derer
zu beachten ist, daß die ägyptische Religion gewohnheitsgemäß auch
an gänzlich widerspruchsvollen Angaben keinen Anstoß nimmt und sie
als gleichwertig nebeneinander gelten läßt --, besitzt der „große
Lichtgott“ u. a. „Stier seiner Mutter“ sowie „~Chepre~ der Käfer“,
und zwar hängen diese mit den sehr mannigfaltigen Vorstellungen über
seinen Ursprung zusammen[1958]. Nach der einen von diesen wird ~Horus~
jeden Morgen neu geboren und zeugt dann sich selbst (d. h. die am
folgenden Tage aufgehende Sonne) im Leibe der Himmelsgöttin, die bald
(nach ägyptischer Sitte) als seine Schwester und Gemahlin, bald wieder
als seine Mutter gedacht wird[1959], und zu deren besonderen Formen
auch ~Isis~ zählt, -- weshalb in der späteren Sage deren Sohn, der
aber +ganz verschieden+ vom großen Lichtgotte ~Horus-Rê~ ist, wiederum
~Horus~ heißt[1960]. Nach einer anderen ist der große ~Horus~ sein
eigener Erzeuger und schuf sich selbst, sowie seine Namen; dieser
Zusatz weist darauf hin, wie innig zusammenhängend auch den Ägyptern
Sache oder Person und Namen erschien[1961]: sogar die Götter müssen
sich demjenigen fügen, der sie durch Verrat ihres „wahren Namens“ in
jedermanns Macht zu geben droht, und selbst in äußerster Gefahr teilt
~Rê~ den seinen nur der ~Isis~ mit, „allein für sie und ihren Sohn
~Horus~“[1962]. Wieder eine andere läßt, wie den Skarabäus-Käfer
sein Ei, d. i. die Mistkugel, in der er (nach ägyptischer Annahme)
ungeschlechtlich seine Nachkommen zeugt, so ~Horus~ das seinige, d. i.
die Sonne, vor sich herwälzen[1963] und dann aus diesem „von ihm
selbst geschaffenen Ei“ auskriechen[1964], als „Keim eines schönen und
edlen Eies“[1965], als „Sonnenkind, aus dem Ei entspringend“[1966];
man erzählt aber auch, daß dieses Ei als „Weltenei“ bei Beginn der
Schöpfung aus dem finsteren, die männlichen und weiblichen Keime in
sich bergenden Urwasser ~Nun~ hervorging, und daß es Gott ~Ptah~ von
Memphis oder Gott ~Chnum~ von Esne, „der Weltbaumeister“, auf der
Töpferscheibe rund drehte[1967]. -- Sagen dieser Art über Entstehung
von Welt und Mensch sind übrigens auf der ganzen Erde sehr verbreitet,
weshalb auch Eier, wirkliche, nachgemachte oder gemalte, eine wichtige
Rolle im Totenkult spielen, nicht nur im ägyptischen, in dem sie oft
verbunden mit der Schlange als „Seelentier“ auftreten[1968]: das Ei
ist eben von geheimer Lebenskraft erfüllt, wird deshalb auch von den
Anhängern mancher Geheimlehren nicht genossen und sichert (ebenso wie
das Blut) dem Toten das Leben[1969]. Auf einen babylonischen Mythus
geht die Erzählung zurück, daß Fische an das Ufer des Euphrat ein Ei
von wunderbarer Größe herausschoben, aus dem eine Taube die „große
syrische Göttin“ (Dea Syria) ausbrütete[1970]; bei den Iraniern
zerreißt der „eiförmige Felsen“ des „Welteneies“ in zwei Hälften, deren
obere die Himmelswelt mit ~Ormudz~ und deren untere die Unterwelt mit
~Ahriman~ ergibt, während aus der Mitte ~Mithras~ entspringt, und
dies ist das berühmte „mithräische Mysterium des Steines, der kein
Stein ist“ (μιθριακὸν μυστήριον τοῦ λίθου, ὃς οὐ λίθος)[1971]; durch
persische Vermittlung soll es schon frühzeitig den kleinasiatischen und
europäischen Griechen zugekommen sein[1972] und seither nicht minder
in den alten Mysterien-Diensten des ~Pythagoras~ und ~Orpheus~ (Ei des
~Phanes~!) seine Rolle gespielt haben, wie noch in den späten Lehren
gewisser gnostischer Sekten, z. B. der Sethianer[1973].
Die Ansicht, daß ~Horus~ identisch sei mit ~Osiris~, ist unzutreffend
und entspringt jedenfalls der Tatsache, daß ~Horus~, aus nicht recht
durchsichtigen Gründen, zuweilen für ~Osiris~ eintritt, so z. B. schon
frühzeitig im sog. „Totenbuche“[1974], das man vornehmen Bestatteten
als eine Art Wegweiser im und ins Jenseits mit in das Grab zu geben
pflegte. Dieses als Grundlage für die Unsterblichkeits-Lehre sehr
wichtige Buch ist schon zu Anfang des neuen Reiches (um 1600) eine
weitläufige Sammlung von Texten und Textsätzen mannigfaltiger Herkunft
und verschiedensten, zum Teil bis etwa 3300 zurückgehenden Alters, das
weiterhin noch ständig und in ganz willkürlicher Weise aus vieldeutigen
und unzuverlässigen Quellen ergänzt und vermehrt wird, so daß es
größtenteils nur ein wirres und unklares Gemisch darstellt, das zudem
noch ungenau und fehlerhaft überliefert ist[1975].
Was nun die außerordentlich bedeutsame Gestalt des ~Osiris~ betrifft,
so war er ursprünglich (gleich dem Getreidegott ~Nepera~)[1976] ein
Erd- und Vegetations-Gott, der in der Tiefe des Bodens haust und aus
ihr Saaten, Kräuter und Bäume hervorwachsen heißt; die sommerliche
Glut, die sein göttlicher Bruder ~Seth~ sendet, macht diese verwelken
und auch ihn dahinsterben, jedoch nicht völlig, vielmehr erweckt ihn
der Zauber des „neuen Wassers“ aus seinem Grabe zu neuem Leben, so
daß er wieder aufersteht und von früherer Zeugungskraft erfüllt die
Felder abermals ergrünen läßt[1977]. Den bösartigen ~Seth~, der im
übrigen wenig bekannt ist und angeblich den Esel zum „heiligen Tiere“
haben soll, bringt die Sage nach verschiedener Weise mit ~Osiris~
in Verbindung[1978]. Nach der einen Überlieferung tötete er ihn
heimtückisch und warf den Sarg mit seiner Leiche in den Nil, so daß er
bis ins Meer und weiter bis Byblos schwimmt, wo ihn ~Isis~ auffindet
und nach Ägypten zurückbringt; hierdurch erklärt sich die Verbindung
mit den Kulten der „großen Göttin“ von Byblos und des einem Eber zum
Opfer gefallenen ~Adonis~ (semitisch = der große Gott)[1979]. Einer
anderen zufolge zerstückelte ~Seth~ den Körper des ~Osiris~ und trennte
ihm den Kopf ab, weshalb auch das sog. „Rückgrat des ~Osiris~“,
eigentlich wohl nur ein Baumstamm mit mehreren Querbalken, als sein
Fetisch gegolten haben soll[1980]; da nun ursprünglich, wie bei vielen
Völkern, so auch bei den Ägyptern der älteren Zeit die sog. „sekundäre
Bestattung“ des wie angegeben behandelten und durch Abschaben vom
Fleische befreiten Leichnams gebräuchlich war, -- Beispiele hierfür
kommen selbst noch zur Zeit der persischen Eroberung vor[1981] --,
so ist die Sage wohl erst nachträglich dieser Sitte entsprechend
umgestaltet worden; und wie der Spruch „die Glieder mögen sich wieder
vereinigen, der Kopf füge sich wieder an die Knochen“ mit „Erneuerung
des Lebens“ (παλιγγενεσία, Palingenesía) gleichbedeutend war[1982],
so hielt man es auch betreff des ~Osiris~: sein Sohn ~Horus~ sucht
mit Hilfe des Gottes ~Thot~ oder des ~Anubis~ die Knochen zusammen,
balsamiert die Überreste ein, umwickelt die Leiche mit weißen und
farbigen Binden, wie das (schon im alten Reiche) bei den Mumien, aber
auch bei den Götterbildern geschieht, und macht sie durch Zauber
lebendig[1983]. Später wirkt hierbei auch ~Isis~ mit, und das „neue
Wasser“, das ~Horus~ und ~Thot~ schon auf sehr alten Wandzeichnungen
über den toten ~Osiris~ ausgießen[1984], das „Wasser, das das Leben
wiederholt“ (erneut), den der Dürre ~Seths~ Erlegenen „wieder aufleben“
läßt und ursprünglich nichts anderes war als das Überschwemmungswasser
des Nils[1985], geht dann allmählich in ein „Wasser des Lebens“
über im Sinne eines von der ~Isis~ erfundenen „Zaubermittels der
Unsterblichkeit“ (φάρμακον τῆς ἀθανασίας)[1986], das auch mit dem
„Blute der ~Isis~“ und dem symbolischen „Knoten (Gürtelknoten) der
~Isis~“ in Verbindung gebracht wird[1987]. -- Solches „Wasser des
Lebens“ kennt übrigens auch die alte babylonische Litteratur[1988]
u. a. schon in „~Istars~ Höllenfahrt“[1989], ferner erwähnen es
griechische Grabschriften spätestens des 4. Jahrhunderts[1990], und
selbst ~Alexander den Grossen~ soll einer seiner Züge bis zur „Quelle
des Lebenswassers“ geführt haben[1991].
Wenngleich nun der erstandene ~Osiris~, wie schon seine Darstellung
als bekrönte Mumie zeigt[1992], als +Toter+ angesehen wurde, so galt
er doch als eine tote +Gottheit+, die in Mumiengestalt auf Erden
weiterherrscht, und in dieser Eigenschaft verdrängte er schon gegen
Ende des alten Reiches den mächtigen Gott ~Anubis~, der bis dahin
zu Abydos als eigentlicher „Totengott“ und „Schützer der Toten“
Gegenstand einer der wichtigsten Kulte gewesen war[1993]; hieran
anschließend entstand wohl die Tradition, daß der vornehmste Teil der
~Osiris~-Leiche, das Haupt des Toten (caput mortuum), gerade an der
altheiligen Stelle zu Abydos begraben gelegen habe[1994], und daß das
„Totenbuch“, das seit jeher vornehmlich als „dem Herrn von Abydos“
geweiht galt, mit ~Osiris~ und demgemäß mit der Auferstehungs- und
Unsterblichkeits-Lehre in Verbindung zu bringen sei[1995]. Bereits
im alten Reiche wird ~Osiris~ zum „Vorbild aller Toten“, zum „Ersten
aller Toten“: er verbürgt die Unsterblichkeit, indem er wie ein
Mensch stirbt, bestattet wird, nachher aber mit allen körperlichen
und geistigen Eigenschaften zu neuem Leben aufersteht[1996]. Wie nun
überhaupt der Mensch nur, indem er sich mit den Göttern identifiziert,
Anteil an ihrer Macht zu gewinnen vermag[1997], so hat er sich auch
„mit ~Osiris~ zu vereinigen“, „zu ~Osiris~ zu werden“, damit er gleich
ihm die Totenwelt durchwandere, so den Tod überwinde und unsterblich
erstehe[1998]. In solchem Sinne wird nicht nur ein verstorbener König
angeredet als „dieser ~Osiris~“[1999], sondern jeder Tote heißt einfach
„der ~Osiris~ N. N.“, ~Anubis~ balsamiert ihn ein und bestattet ihn
wie einstens den ~Osiris~, und wenn sein Grab gefunden ist, wird
zur rechten Zeit das „neue Wasser“ auch ihn wieder neu aufleben
lassen[2000]. Bei den sog. „Mysterien des ~Osiris~“ wurde dies,
anknüpfend an das Wiedererblühen der Natur nach totenähnlicher Ruhe,
durch Vorzeigen und Herumtragen keimender Pflanzen angedeutet[2001];
noch bis in die späteste Zeit des Altertums erhielt sich zu Abydos
eine große, dreitägige, im Laufe des November stattfindende Feier,
die dem Tode des ~Osiris~, dem Suchen und Finden seiner Leiche, sowie
der Auferstehung galt[2002]; auf sie spielen u. a. ~Ovids~ Worte vom
„nie genug gesuchten ~Osiris~“ an[2003], ~Juvenals~ (47-127) Erwähnung
des endlosen Jubelgeschreies unter dem Volke „wenn ~Osiris~ gefunden
ist“[2004], sowie die Berichte des ~Seneca~ (gest. 65), ~Firmicus~ (um
315) und ~Lactantius~ (gest. 330)[2005].
Hinsichtlich des +Mondes+, des „Stieres unter den Sternen“, ist zu
bemerken, daß sein Gott „~Thot~, der Ibis“ war, vielleicht so benannt,
weil die Sichel des Halbmondes einige Ähnlichkeit mit dem krummen
Schnabel dieses Vogels zeigt[2006]; bereits weiter oben wurde erwähnt,
daß der Mondgott auch als Urheber von Zeitmessung, Maß und Ordnung, als
Erfinder von Sprache, Schrift, Zeichen- und Mal-Kunst, als Schöpfer
aller Wissenschaft und Kultur, aber auch als Arzt galt, dessen Speichel
die Wunden der Götter heilt[2007].
Die fünf +Planeten+ waren schon im alten Reiche wohlbekannt, und
Erwähnungen des Saturn als „Stieres des Himmels“ und des Morgen- und
Abend-Sternes (die man für verschieden hielt) sind nicht selten; im
neuen Reiche wird um 1400 Jupiter „König ~Osiris~“ benannt, Saturn
„~Horus~ der Stier“, Venus „Schiff des ~Phoenix-Osiris~“, Merkur
„Stern des ~Seth~“ und Mars „der leuchtende ~Horus~“, während seine
Bezeichnung als „der rote ~Horus~“ erst sehr viel später aufzutreten
scheint; in Verbindung mit Sonne und Mond finden sich dabei die
Wandelsterne niemals gebracht[2008]. An irgendwelcher genauerer
Kenntnis ihrer Bewegungen mangelt es vollständig, ja eine solche wird
nicht einmal (wie so manche andere) seitens der Spätzeit als „uralte
Überlieferung“ in Anspruch genommen[2009], und da man überdies die
Planeten nicht als himmlische Körper, sondern als „Lampen“ anzusehen
pflegte[2010], blieben Astronomie, Astrologie und Sterndienst dem
alten Ägypten fremd[2011]. Entgegen früheren Annahmen besteht auch
kein Zusammenhang zwischen Planeten-Verehrung und Zauberei, der
schon zur Zeit der Thiniten-Dynastie, also im 4. Jahrtausend, eine
wichtige Rolle zukam, besonders was das Wissen um die Verkörperung der
Götter (vor allem in den heiligen Tieren) und um ihre „wahren Namen“
betrifft[2012]. Astrologische Anspielungen fehlen ferner vollständig
in den Erzählungen über die „Zauberbücher“: diese umfangreichen Werke
gelten zum Teil schon dem alten Reiche als in grauer Urzeit von den
Göttern, u. a. von ~Thot~, verfaßt und selbst niedergeschrieben,
später durch Weise und Gelehrte weiter überliefert, schließlich von
den Priestern in Gräbern, Grabgefäßen oder Mumien aufgefunden und
in den Bibliotheken der Könige oder der Tempel niedergelegt; sie
füllen in diesen die „Bücherkisten der Weisheit“, und man eignet sich
die Kraft ihrer Zauberformeln an, indem man solche auf ein Stück
Papyrus schreibt, das man, mit Bier befeuchtet oder ausgezogen,
hinunterschluckt[2013].
Verhältnismäßig spät und nur gelegentlich tritt im neuen Reiche, also
nach 1600, die +Siebenzahl+ auf, z. B. in Gestalt von 7 Fäden, Ringen
oder Knoten bei Zaubereien und medizinischen Beschwörungen[2014],
niemals aber im Zusammenhang mit den 7 Planeten. Auch im ganzen
folgenden Jahrtausende würde man vergeblich nach Spuren der Astrologie
suchen, und es scheint, daß diese Kunst, wenngleich sie in Ägypten
nach der Zeit der persischen Eroberung (525) schon einigen Boden zu
fassen begann, doch zur eigentlichen Entwicklung erst seit Beginn
der ptolemäischen Herrschaft (332) gelangte, als ein Mischprodukt
orientalischen und griechischen Geistes[2015]. +Zunächst+ handelte
es sich allerdings nur um bloße Übertragung neubabylonischer
(chaldäischer) Gedanken, die unter persischer, zum Teil wohl auch
jüdischer Vermittlung als „persische“ Eingang fanden, angeblich
herrührend (später auch „übersetzt“) aus uralten persischen Schriften
des ~Zoroaster~, ~Ostanes~, ~Hystaspes~ usf.[2016]; genügende Beweise
ihres wirklichen Ursprunges liefern indessen schon die Auffassung
der Planetengötter als „böser Geister“[2017], sowie die Verbindung
der Planeten mit Engeln und Dämonen, deren die meisten sogar mehrere
haben, der „oberste und mächtigste“ Saturn aber nur je einen, ~Ktetoel~
und ~Beelzebub~[2018]. +Späterhin+ wurde die Astrologie aber auch in
recht selbständiger Weise weiterentwickelt und erfuhr eine vielfach
eigenartige Lokalisierung[2019], auch unter Heranziehung sowohl
griechischer wie einheimischer Vorstellungen, z. B. der „Dekane“
genannten Götter der zehntägigen ägyptischen Woche[2020].
Vom ältesten astrologischen Gesamtwerke der ptolemäischen Zeit, dem
spätere Überlieferung den Titel „Hermetische Untersuchungen“ beilegten,
wissen wir bisher nur, daß es gegen 200 v. Chr. verfaßt wurde und
seither als „astrologische Bibel“ die gemeinsame, unerschöpflich
fließende Quelle immer erneuter, fast zahlloser Kommentare, Auszüge
und Darstellungen bildete[2021]. Unter diesen ist das weitaus
wichtigste und einflußreichste das als Ganzes gleichfalls verlorene, in
einzelnen Teilen jedoch u. a. bei ~Vettius Valens~ (im 2. Jahrhundert
n. Chr.) erhaltene Buch der ἀστρολογούμενα (Astrologúmena)[2022] aus
der Zeit gegen 150 v. Chr.[2023], aufgefunden „in den Archiven der
alten Priester“ und auf Mitteilungen der Götter ~Thot~ und ~Imhotep~
(~Imuthes~) hin verfaßt vom Oberpriester ~Petosiris~, „dem weisen
Alten“, und vom „göttlichen Pharao ~Nechepso~“, den man später auch
zum „Könige von Assyrien“, ja zum „Kaiser von Ägypten“ vorrücken
ließ[2024]; beide Persönlichkeiten hat man um so mehr für rein
sagenhafte anzusehen, als ägyptische Priester, die astrologische
Werke verfaßt haben, bisher überhaupt nicht nachgewiesen werden
konnten[2025]. Die „Astrologúmena“ machen indessen nicht nur
eingehende Angaben über rein Astrologisches, namentlich über die
Einflüsse der Planeten auf alle Einzelheiten der Lebensumstände,
Berufe und Schicksale, sondern beschäftigen sich auch ausführlich mit
astrologischer Medizin, sog. Iatromathematik[2026]: so fest glaubte
man z. B. an ein Band der Sympathie, das die kranken Körperteile, die
erforderlichen Heilmittel und die Gestirne vereinige[2027], daß noch
der große ~Galenos~ (gegen 200 n. Chr.) nachdrücklich versichert,
„~Nechepsos~ Jaspis“ bewähre sich auch +ohne+ die vorgeschriebene
Eingravierung von Sternen oder Zauberzeichen[2028]!
Unter den verschiedenen astrologischen Theorien stellen die einen
mehr die 7 Planeten, die anderen die 12 Zeichen des Tierkreises,
noch andere alle beide in den Vordergrund und verbinden sie auch mit
den vergöttlichten Elementen als leitende und geleitete στοιχεῖα
(Stoicheía), z. B. indem sie die „Leiter“ den Planeten solche
Bewegungen erteilen lassen, daß aus diesen die erforderlichen
Einwirkungen auf die Elemente entspringen[2029]. Die 12 Zeichen als
„Herrscher der Schicksale“ anzusehen, lag angeblich den ägyptischen
Priestern näher, die 7 Planeten als solche anzuerkennen aber den
„persischen“ Magiern, deren einzelne schon im 2. Jahrhundert v. Chr.
in Ägypten ansässig gewesen sein sollen[2030], während sie als
Mitglieder eigentlicher Priesterschaften dort erst sehr viel später
auftreten[2031]; hierüber Genaueres anzugeben ist indessen um so
schwieriger, als die einschlägigen Nachweise spärlich sind, und
z. B. das ältestbekannte Ostrakon (Tonscherbe), das die 5 Planeten
und 12 Tierkreisbilder in ägyptischer Sprache aufzählt, erst dem
Beginn unserer Zeitrechnung entstammt[2032]. Unzutreffend ist auf
alle Fälle die Annahme, schon zur Zeit der persischen Eroberung im
6. Jahrhundert hätten die Magier den Ägyptern Kunde von der wahren
Anordnung der Planeten (Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur,
Mond) zugebracht, denn von ihr wußten sie damals selbst noch nichts, in
Ägypten aber kennen zuerst ~Petosiris-Nechepso~ dieses sichtlich noch
sehr neue System; hauptsächlich weil ihm der Vorzug innewohnte, daß es
der Sonne als „König“ ihren Platz gerade in der Mitte der Planetenreihe
einräumte, fand es den allgemeinen Beifall der Astrologen und wurde
alsbald von ihnen als herrschendes angenommen[2033].
Auf ~Petosiris-Nechepso~ ist allem Anscheine nach auch die Einführung
der durchlaufenden siebentägigen +Planeten-Woche+ zurückzuführen,
deren große Künstlichkeit vermuten läßt, daß ein Einzelner sie
ausklügelte[2034]. Die ägyptischen astrologischen Kalender aus der
Zeit um 200 v. Chr. verraten noch keine Spur von ihr, und schon
die Tatsache, daß sie die Kenntnis der +richtigen, griechischer+
Forschung zu verdankenden Reihe der Planeten voraussetzt, weist
auf ihren wahren Herkunftsort hin[2035] und erledigt die Vermutung
über ihre Erfindung durch Babylonier oder Juden, denen allerdings,
ebenso wie den Griechen, bloße siebentägige Fristen (wie bereits
weiter oben erwähnt) seit altersher bekannt und geläufig waren[2036].
Daß die Planetenwoche, wie u. a. ~Ideler~ schon 1831 bestimmt
aussprach[2037], in Ägypten aufkam und sich von dort aus, besonders
im Laufe des 1. vorchristlichen Jahrhunderts, weiter verbreitete, --
gegen Anfang unserer Zeitrechnung auch nach dem Westen --, unterliegt
keinem Zweifel[2038]; nach ~Philo~ von Alexandria (etwa 30 vor
bis 30 nach Chr.) steht sie bereits allerorten in Gebrauch[2039],
nach ~Cassius Dio~ (150-235) wurde sie aus Ägypten her erst in der
neueren Zeit bekannt, ist aber schon allgemein angenommen[2040],
und tatsächlich bezeugen dies Gemälde und Inschriften zu Pompeji,
sowie Anspielungen bei ~Tibull~, ~Horaz~, ~Petronius~, ~Plutarch~
(48-125), ~Philostrat~ und vielen Späteren[2041]. Ursprünglich begann
die Woche mit dem Tage des „höchststehenden“ Planeten ~Saturn~, und
erst im Laufe des 2. Jahrhunderts führte die steigende Bedeutung der
orientalischen Sonnen-Verehrung und namentlich die Begünstigung des
~Mithras~-Kultes durch die römischen Kaiser zur Vorherrschaft der
Sonne und des Sonntags, die aber endgültige Anerkennung erst im 4.
Jahrhundert fand, und zwar bei den Christen nicht ohne andauernde,
aber vergebliche Bekämpfung seitens der Kirche[2042]. Auf die
Herabsetzung des Saturntages[2043] zum letzten Wochentage verweist
eine (verloren gegangene) Schrift des ~Plutarch~: „Warum die nach
den Planeten benannten Tage in der umgekehrten Reihenfolge gezählt
werden“[2044]; begünstigt wurde die Verbreitung einer mit dem „dies
Saturni“ schließenden Woche durch ihre Übereinstimmung mit den bei den
Juden üblichen siebentägigen Fristen[2045], deren Ursprung aus Babylon
übrigens durchaus fraglich ist[2046]. Die Feier des Sabbats am Tage des
~Saturn~ (~Kronos~) und der Wortwitz Κρόνος (Krónos) -- ὄνος (Onos =
Esel)[2047] scheint in Alexandria und später auch in Rom zur Behauptung
Anlaß gegeben zu haben, die Juden verehrten als Gott einen Eselskopf,
-- auf welchen Aberglauben u. a. wieder die sog. „Spottkruzifixe“ der
römischen Katakomben zurückgehen[2048].