1. Einflüsse seitens Babyloniens und Persiens.

+Übersicht einiger Hauptdaten.+

Zwischen 2600 u. 2500, wohl gegen 2500: König ~Sargon~ von Akkad.

„ 2400 u. 2300, wohl um 2340: Fürst ~Gudea~ von Lagas.

„ 2000 u. 1900, wohl seit 1958: König ~Hammurabi~.

Gegen 2000: Die ersten assyrischen Priesterfürsten (Patesi).

„ 2000: Babylon Reichshauptstadt.

1120: Großmacht-Stellung Assyriens unter ~Tiglatpileser~ I.

Gegen 850: Auftreten der Khaldi (Chaldäer).

745-727: ~Tiglatpileser~ IV., Weltherrschaft Assyriens.

721-705: König ~Sargon~ II.

668-626: König ~Assurbanipal~ (~Sardanapal~).

678: Begründung des persischen Reiches (Parsua).

607: Iranische Meder erobern Assyrien; Zerstörung Ninives, Gründung

Ekbatanas.

604: Neubabylonisches Reich unter ~Nebukadnezar~ II.

539: ~Kyros~ erobert Babylon.

330: Sturz des persischen Reiches durch ~Alexander den Grossen~.

In den vorstehenden Abschnitten wurde schon wiederholt der Rolle

gewisser Vorstellungen religiösen, abergläubischen, astralen und

astrologischen Inhaltes gedacht, die der Kultur des Orients entstammen,

vor allem jener der großen westasiatischen Reiche, deren mannigfaltige

Einflüsse auf sämtliche Länder des östlichen Mittelmeerbeckens sich

schon seit sehr früher Zeit als außerordentlich bedeutsame erwiesen.

Die Aufgabe, der Herkunft und Wirksamkeit Bestimmter unter ihnen des

näheren nachzuspüren, begegnet jedoch ganz besonderen Schwierigkeiten,

vor allem der, daß gerade betreff des wichtigsten Gebietes,

Babyloniens und des Zweistromlandes, die Ansichten der Historiker weit

auseinandergehen; die Einen, die sog. „Panbabylonier“, führen die

Gesamtheit aller einschlägigen und daher auch die der hier besonders

in Betracht kommenden Gedanken auf Babylon zurück, und zwar auf das

älteste Reich des 3., ja 4. Jahrtausends, die Anderen lassen in der

Sache, noch mehr aber in der Zeit, sehr weitgehende Beschränkungen

eintreten. Es ist selbstverständlich unmöglich, an dieser Stelle ihre

Gründe und Gegengründe zu erörtern, vielmehr muß die Bemerkung genügen,

daß das System der „Panbabylonier“, wie es etwa noch neuerdings

~Jeremias~ in seinem „Handbuch der altorientalischen Geisteskultur“

zusammenfaßte[1781], durch die Forschungen und Darstellungen von

~Kugler~[1782], ~Jastrow~[1783], ~Bezold~[1784], ~Ed. Meyer~[1785]

~Boll~[1786] und Anderen in seinen Hauptpunkten widerlegt ist und in

vielen Einzelheiten selbst von manchen seiner Verteidiger nicht mehr

unbedingt aufrecht erhalten wird. Es sollen daher in dem folgenden

Überblicke die Ergebnisse der genannten Gelehrten zugrunde gelegt, die

ihrer Gegner jedoch, wo dies angezeigt erscheint, in der Regel unter

Hinweis auf das „Handbuch“ von ~Jeremias~ angeführt werden.

a) Babylon und das Zweistromland.

Im Laufe des 3. Jahrtausends, etwa unter König ~Sargon~ I. von Akkad

(Agade), der in der Zeit zwischen 2600 und 2500 (näher wohl an 2500)

regiert haben dürfte[1787], scheint die Verschmelzung der beiden bis

dahin im Zweistromlande bestehenden Kulturkreise erfolgt zu sein, des

nordbabylonischen der semitischen Akkader und des südbabylonischen der

nichtsemitischen Sumerer[1788], die vermutlich als die eigentlichen

Stammväter der gesamten altbabylonischen Kultur und Religion anzusehen

sind[1789]. Die Herkunft dieses Volkes ist bisher nicht sicher

festgestellt. Die doppelsprachigen Inschriften, die noch im Zeitalter

des Begründers der babylonischen Vormacht, des Königs ~Hammurabi~ (um

2200 nach ~Kugler~[1790], um 1950 nach ~Meyer~) sehr häufig vorkommen,

beweisen, daß sich die Sprache der Sumerer, die auch die Erfinder

der Keilschrift sind, noch jahrhundertelang neben der babylonischen

erhielt, und zwar nicht nur zu Zwecken des Kultus, für den ein schon im

3. Jahrtausend mächtiges, organisiertes Priestertum zu sorgen hatte;

erst weiterhin erringt die semitische babylonische Sprache gänzlich

die Oberhand und ist im 15. Jahrhundert auch in Kleinasien, Cypern und

Ägypten die dem höfischen und diplomatischen Verkehre geläufige und im

Umgange Vornehmer vielfach gebräuchliche[1791].

Die Verehrung von +Sonne+, +Mond+ und +Sternen+ ist eine bei

so zahlreichen Völkern der ganzen Erde und besonders auch des

Orientes schon seit altersher derart weitverbreitete[1792], daß

die Voraussetzung gerechtfertigt erscheint, es seien ihr auch

weder Akkader noch Sumerer fremd geblieben; davon aber, daß diese

mindestens zu Beginn des 3. Jahrtausends, wenn nicht gar schon um

die Mitte des 4., genaue Kenntnis vom Tierkreise besessen hätten, --

der allerdings fraglos babylonischen Ursprungs ist[1793] --, daß man

damals bereits eine „Siebengottheit“ der Planeten angebetet habe und

daß spätestens im 3. Jahrtausend eine wissenschaftliche Sternkunde in

voller Blüte gestanden sei[1794], kann nach ~Kugler~ und den anderen

oben angeführten Forschern ernstlich gar nicht mehr die Rede sein.

Die älteste und wichtigste Trias von Gestirngöttern und Gestirnen,

über die wir Kenntnis besitzen, ist die von Sonne, Mond und Venus,

und zwar rührt diese Vereinigung daher, daß die Venus im Orient als

größter, hellster und lichtstärkster Planet erscheint, allein von

allen Wandelsternen häufig auch bei Tage gesehen werden kann und als

einziger unter ihnen einen deutlichen Schatten wirft[1795]; auf den

„Kudduru“ genannten Grenzsteinen, deren ältestbekannte aus dem 14.

Jahrhundert herrühren, sowie auf Felsenreliefs und Stelen der gleichen

Zeit findet sich die Zusammenstellung der Gottheiten ~Samas~ = Herr der

Sonne, ~Sin~ = Herr des Mondes und ~Istar~ = Herrin der Venus schon als

eine völlig gebräuchliche vor[1796], verdeutlicht durch Embleme, die

einzeln möglicherweise schon im 16. Jahrhundert und auch noch früher

nachgewiesen werden können[1797].

Sinnbild der Sonne ist auf diesen Darstellungen nicht, wie man

früher annahm, die geflügelte Scheibe (obwohl sie nicht erst im

9. Jahrhundert unter ägyptischem Einflusse in Aufnahme kam[1798],

vielmehr durch die Chetiter schon im 2. Jahrtausend in Vorderasien

bekannt wurde)[1799], sondern stets nur ein Kreis, bald ein leerer,

◯, darstellend das leuchtende Auge oder Antlitz des ~Samas~, bald ein

mit vier oder acht Speichen versehener, [Symbol] und [Symbol][1800].

Als Sinnbild des Mondes dient entweder ein liegender Halbmond,

[Symbol], oder der Vollmond mit einem die Scheibe etwa zur Hälfte

umziehenden leuchtenden Streifen, [Symbol], wie er sich öfter zur

Zeit des Neulichtes zeigt[1801]. Venus hat als Emblem meistens

einen achtstrahligen Stern, ✴, oft aber auch eine Scheibe, die

diesen (oder einen sechzehnstrahligen) eingezeichnet erhält[1802];

sie trägt den Beinamen „sarpanitu“ (bab. = die weißglänzende,

silberstrahlende)[1803], doch wird ursprünglich der aufgehende

Morgenstern als männlich (zikkarat) vom untergehenden Abendsterne als

weiblich (zinnisat) unterschieden[1804]. ~Jeremias~ ist allerdings

der Meinung, den Sumerern, die das Zeichen ✴ schon um 2800 gebraucht

hätten, sei auch bereits damals die astronomische Identität des Morgen-

und Abend-Sternes (~Istar~ und ~Belit~) bekannt gewesen, so daß die

ehemalige Zweigeschlechtlichkeit und spätere Mannweiblichkeit nur als

mythologische Erfindung anzusehen sei[1805]; indessen faßt der alte

Orient das Zwitterwesen sehr allgemein als Inbegriff der Vollkommenheit

auf und schreibt es daher ursprünglich +allen+ Göttern der Urzeit

zu (wenngleich im Kult oft das eine Geschlecht vorwiegt)[1806],

desgleichen nachmals den Dämonen und Sternbild-Figuren[1807] und so

jedenfalls auch schon der ~Istar~[1808]. Bei den Assyriern, die gegen

1100 bereits zu höchster politischer Bedeutung gelangten, galt der

Morgenstern ebenfalls anfänglich noch als männlich und als verschieden

vom weiblichen Abendstern, und daraufhin dann, in jüngerer Zeit,

die vereinheitlichte Venus (deren heimischer Name ~Dilbat~ war) als

androgyn[1809]. Der Zeitpunkt dieser Vereinheitlichung steht zwar genau

weder für Venus fest, noch für Merkur, der gleichfalls als Morgenstern

auf- und als Abendstern untergeht, dürfte aber nicht vor das 8.

Jahrhundert zu verlegen sein, in dessen Verlauf erst die Entwicklung

einer eigentlichen und systematischen Astronomie begann[1810].

Kenntnis und Verehrung der +Planeten-Siebenheit+ setzt ~Jeremias~

schon für die entlegensten Zeiten voraus, jedenfalls für die des

Fürsten ~Gudea~ (um 2340) und der Erbauung des Tempels zu Borsippa,

der Nachbar- und Schwester-Stadt Babylons[1811]; auch hält er das

Pentagramm und Heptagramm für Zeichen der 5 Wandelsterne und 7

Planeten[1812] und gedenkt der uralten Überlieferung, nach der Gott

~Bel~ selbst die Sonne, den Mond und die 5 Planeten geschaffen

habe[1813]. Indessen ist daran zu erinnern, daß letztere Tradition

erst einem geschichtlichen Werke entstammt, das der babylonische

Priester ~Berossos~ dem Könige ~Antiochus~ I. ~Soter~ (281-263 v. Chr.)

widmete[1814]; ferner daß in den babylonischen Sternlisten der

Inschriften zu Boghazkiöi in Kleinasien (um 1400 v. Chr.) nur Venus

(als Schwurgöttin) nachgewiesen ist[1815]; sodann daß unmittelbare

Belege für die Zusammenstellung von Sonne, Mond und den 5 Planeten

erst aus spätassyrischer und solche für die planetarischen Vorzeichen

und Einzel-Einflüsse allein aus arsakidischer Zeit vorliegen (seit

dem 3. Jahrhundert v. Chr.)[1816]; endlich daß jüngere Berichte „dem

ersten Könige Babels, dem die göttliche Verehrung der 7 Planeten

und 12 Tierkreiszeichen vorgeschlagen wurde, dies als eine Freveltat

erscheinen lassen“[1817]. Was den siebenstufigen Tempelturm von

Borsippa betrifft, dessen Namen „Turm der 7 Befehls-Überbringer“

die 7 Planeten schon für das alte Babylon als ἑρμηνεῖς (Hermeneís)

= „Verkündiger“ (der Gottheit) bezeugen soll, -- allerdings nur

indirekt[1818] --, so wird auf diesen noch weiter unten zurückzukommen

sein.

In Wirklichkeit waren Planeten-Götter und Planeten-Siebenheit, wie

schon ~Lenormant~ richtig sah[1819], im ältesten und alten Babylon

völlig unbekannt, und alle gegenteiligen Folgerungen, die man

namentlich aus keilschriftlichen Texten zog, die in der Bibliothek

des Königs ~Assurbanipal~ (= ~Sardanapal~, 668-626) aufgefunden

wurden, sind gänzlich hinfällig; denn diese vielfach abgeänderten und

interpolierten Niederschriften beweisen weder etwas für den Inhalt

ihrer +ursprünglichen+ Vorlagen, noch gestatten sie, seine Wandlungen

während etwa 2000 Jahren zu verfolgen und deren einzelne Stufen

bestimmten Zeiten zuzuweisen[1820]. Ebensowenig wie im Verlaufe des 3.

Jahrtausends, zur Zeit ~Sargons~ und ~Gudeas~, finden auch gegen dessen

Ende, zur Zeit ~Hammurabis~, die Planeten in ihrer Gesamtheit, ihre

Bewegungen oder gar deren Bedeutungen irgendwelche Erwähnung; vielmehr

ist nur die Rede bald von der Sonne, bald vom Monde, bald von der Venus

(die auch mit ~Istar-Nanai~ als Göttin des Liebeslebens in Beziehung

gebracht wird) und vereinzelt von einem Stern als Zeichen für ein

göttliches Wesen, von einem „reinen“ oder einem „guten“ Stern[1821].

In Verfolg der sehr langsamen Entwicklung, die sich zwischen 2000 und

etwa 850 vollzieht, erscheinen dann in den Inschriften zunächst die

vereinten Sinnbilder von Sonne, Mond und Venus, und weiterhin einzelne

Planeten im Zusammenhange mit bestimmten Gottheiten[1822], doch ist

das Wissen über die Planeten-Bewegungen auch gegen Schluß dieser

Periode noch ein äußerst dürftiges[1823]. Erst unter dem Einflusse

neuer semitischer Stämme, der ~Khaldi~ oder ~Chaldäer~, die gegen 850

im Süden des Zweistromlandes auftreten[1824], beginnt die allmähliche

Entfaltung einer eigentlichen methodischen Astrologie, der Mutter

der späteren Astronomie; zu deren +früheren+ Errungenschaften zählen

u. a. die Schaffung der Ekliptik, des Tierkeises mit seinen Gestalten,

vieler anderer Sternbilder, z. B. des Siebengestirnes der Plejaden,

sowie die etwa seit König ~Nabonassar~ (747-734) nachweisbaren

Beobachtungen der Planetenbahnen[1825]; zu ihren +späteren+ u. a. die

volle Ausbildung der Lehre von den Verbindungen der 5 Planeten mit

bestimmten Göttern als ihren „Führern“, sowie von der Einsetzung der 5

Planeten zu „Lenkern der Schicksale“[1826]. Zugeteilt wird hierbei der

Jupiter dem ~Marduk~, der als Stadtgott Babels an die Stelle ~Ellils~

(des alten sumerischen Sturmgottes) tritt, der Saturn dem ~Ninib~,

der Merkur dem ~Nebo~ (Nabo), der Mars dem ~Nergal~ und die Venus

der (androgynen) ~Istar~[1827]; alle anderen vorgeblichen Deutungen

über Zugehörigkeit und Vertauschung von Namen sind unrichtig[1828]

und zum Teil darauf zurückzuführen, daß man (besonders in späterer

Zeit) gewisse „Stellvertretungen“ für möglich erachtete, u. a. die

des ~Jupiter~ durch ~Merkur~ (aber nicht umgekehrt)[1829], oder

die der Sonne durch ~Saturn~, der z. B. des Nachts statt ihrer am

Himmel scheinen sollte[1830]. ~Jupiter~ wurde seines hellen Glanzes

halber für „günstig“ angesehen und führte u. a. die Namen „großes

Glück“, „königlicher Stern“, „Stern des Königs“[1831]. ~Saturn~

galt, vermutlich weil er der „oberste“ Planet ist, auch für den

kräftigsten, einflußreichsten, eigentlich „kündenden“[1832], dabei

aber wegen seines schwachen Lichtes und langsamen Umlaufes für bleich

und unfreundlich, störrisch und unwillig[1833], für Unglück- und

Tod-bedeutend, für verstockten und dunklen Charakters, daher auch für

einen „Schwarzen“[1834]. ~Mars~ betrachtete man auf sein rötliches,

„in allerlei Farben funkelndes“ Licht hin für „ungünstig“, böse und

feindlich, Unheil- und Krieg-bringend[1835]. ~Merkur~ endlich, der am

Morgenhimmel den bevorstehenden Sonnenaufgang anzeigt, verheißt Glück,

er bestimmt, wenn er zu Jahresanfang erscheinend den Jupiter vertritt,

in dessen Namen und Vollmacht die Ereignisse des neuen Jahres, die er

mit dem Schreibstift in die Schicksalstafeln eingräbt[1836], und ist

daher Prophet, Lenker und Geleiter der Seelen, Verkünder der Zeiten,

Gott der Wissenschaften und besonders der Sternkunde, Schreiber des

Weltalls, Herr der Schrift und des Wortes, daraufhin auch Patron der

Kaufleute, des Handels- und Erwerbs-Standes, der Diebe usf.[1837].

Den Inschriften nach reichen die ältesten zu astrologischen Zwecken

angestellten Beobachtungen von Planetenbahnen, die besonders den

Jupiter betreffen, nicht weiter zurück als in das 8. Jahrhundert und

sind außerordentlich oberflächlich und unwissenschaftlich[1838],

aber auch die aus der Zeit ~Assurbanipals~ (~Sardanapals~, 668-626)

herrührenden zeugen noch von überraschender Unkenntnis und

Unklarheit[1839]. Zureichende Genauigkeit wird erst gegen Ende des

7. und im 6. Jahrhundert erreicht, zum Teil sogar erst in persischer

Zeit, also nach der Eroberung Babylons durch ~Kyros~, 539[1840];

soweit die gerade für diese Periode spärlichen keilschriftlichen

Quellen ein Urteil gestatten[1841], scheint man sich eingehender

erst seit etwa 700 mit Farbe und Glanz, Zu- und Abnahme des Lichtes

der Planeten usf. befaßt, die Lehre von den Vorzeichen ausgebildet,

sowie die Konjunktionen der Wandelsterne beobachtet und astrologisch

gedeutet zu haben[1842]. Die Fortschritte der eigentlichen Astronomie

und die durch sie bedingte Entdeckung von der Identität des Morgen-

und Abend-Sternes bei Venus und Merkur, -- die bei letzterem ganz

erheblichen technischen Schwierigkeiten begegnen mußte --, ermöglichten

erst die endgültige Feststellung der Fünfzahl der Wandelsterne, sowie

deren Zusammenfassung mit Sonne und Mond zur Siebenheit der Planeten.

Diese bloß auf die Art des Umlaufes gegründete Vereinigung erscheint,

der Natur der Sache nach, nichts weniger als selbstverständlich und

naheliegend[1843]; genau läßt sich allerdings derzeit noch nicht

festlegen, wann sie erfolgte[1844], keinesfalls kann dies jedoch vor

dem 7. Jahrhundert geschehen sein. In dessen Verlaufe benützte die

Theologie, ganz im Einklange mit ihrem damals bereits angenommenen

Charakter, die magische und geheimnisvolle Siebenzahl, um eine solche

„Einheit der 7 Planeten“ zustande zu bringen, diese den höchsten

Gottheiten des altbabylonischen Pantheons zuzueignen und so das völlige

Übergewicht der Astrologie und des Fatalismus zu sichern[1845].

+Allein von dieser spätesten Gestalt+ der chaldäischen Astrologie

wissen und berichten die antiken Schriftsteller, z. B. ~Herodot~[1846]

(485-425), ~Diodor~[1847] (um 45 v. Chr.), ~Strabon~[1848] (63-20),

~Vitruv~[1849] (um 25 v. Chr.), ~Plinius~[1850] (23-79) u. A., wobei

es erwähnenswert ist, daß noch ~Berossos~ (um 280 v. Chr.) und wohl

ihm folgend auch ~Diodor~ nur von 5 Wandelsternen sprechen und

nicht von 7[1851]. Aus altbabylonischer Zeit liegen einheitliche

Darstellungen der 7 Planetengottheiten überhaupt nicht vor[1852], und

die in den Keilinschriften erwähnten 7 Götter sind niemals die der 7

Planeten[1853], bedeuten vielmehr in älterer Zeit die „Siebengottheit“,

d. i. „die Gesamtheit der großen Götter“[1854], und in jüngerer die

Plejaden, wie sie z. B. in der Gestalt [Symbol] auf der Stele des

Königs ~Assarhaddon~ (681-668) abgebildet erscheinen[1855].

Auf die Bedeutung der im vorstehenden so oft erwähnten +Siebenzahl+,

über die eine umfangreiche Litteratur besteht[1856], kann an dieser

Stelle nur kurz eingegangen werden. Zahlen wie 3, 5, 7, 9, 13 und

andere, spielen bei so vielen Völkern, auch bei solchen ganz entlegener

Kulturkreise, wie z. B. des alten Mexikos, eine derart wichtige

Rolle[1857], daß dieser wohl eine allgemeine Ursache zugrunde liegt,

nämlich die gänzlich mangelnde (oder wie bei 9 nur sehr beschränkte)

Teilbarkeit und die hieraus erfließende Schwierigkeit bei der

rechnerischen Verwendung[1858]. Im alten Babylon ist indessen unter

diesen Zahlen fraglos 7 die obherrschende, die an Einfluß und Bedeutung

alle übrigen weit hinter sich läßt und als „vollendete Zahl“, „Zahl

der Vollendung“ ἀριθμός τελειός gilt[1859]. Vermutlich ist dies, wie

den „Attischen Nächten“ des ~Gellius~ (113-165 n. Chr.) zufolge schon

~Aristarchos~ von ~Samos~ (um 260 v. Chr.) behauptete[1860], und wie

in neuerer Zeit, anscheinend selbständig, wieder ~Kant~ hervorhob,

aus der Art der Teilungen des Mondmonates zu erklären, als deren

natürlichste sich ergeben: für den siderischen und Licht-Monat von

27-28 Tagen die Fristen 4 × 7 und 3 × 9, für den synodischen Monat

von 29-30 Tagen aber die von 3 × 10[1861], -- wobei nach ~Aristarch~

noch als besonders maßgebend zu berücksichtigen ist, daß die Summe

1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7 gerade 28 beträgt. Der Kult der Zahl 7 reicht

daher in Babylon sehr weit zurück und war längst völlig entwickelt,

bevor im 7. Jahrhundert die Verehrung der Planeten aufkam[1862], und

die mystische, bereits als „heilig“ angesehene Siebenzahl sowohl auf

diese angewandt wurde als auch (in recht willkürlicher Weise) auf die

Sterngruppen der Plejaden und Hyaden, des Orion, des großen und kleinen

Bären usf.[1863]. So z. B. begegnen wir schon im alten babylonischen

„Weltschöpfungs-Epos“[1864] sowie im Gedicht über die „Höllenfahrt der

~Istar~“[1865]) den 7 Winden und den 7 Geistern der Stürme[1866], den 7

bösen Dämonen[1867], den 7 durch 7 Tore verschlossenen Abteilungen der

Unterwelt, die den 7 Zonen der Oberwelt und des Himmels nachgebildet

sein dürften[1868], den 7 Gewändern der ~Istar~[1869] usf.; späteren,

zum Teil sogar weit späteren Zeiten gehören dagegen, -- im Widerspruche

zu ~Jeremias~[1870] --, u. a. an: die 7 Namen gewisser Sterne, z. B.

des Mars[1871], die 7 Zeitalter[1872], die 7 Lebensstufen[1873], die 7

Tage in ihrer Verbindung zur fortrollenden Woche, die Siebenzahl der

den 7 Planeten zugehörigen Farben und Metalle, Töne und Saiten, Stufen

und Mauern, Himmel und Sphären usf.

Die 7 Himmel sollen nach ~Jeremias~ allerdings schon für die sumerische

Periode bezeugt sein[1874], und zwar durch die sog. Zikkurat, d. s.

+Tempeltürme+ von 7 Stockwerken, auf deren oberstem sich noch ein

Aufbau erhob, der den eigentlichen achten Himmel vorstellte, den Sitz

„der in höherem Sinne einheitlich gedachten Gottheit“[1875]. Als

solche Türme, deren Besteigung zu den kultischen Mitteln gezählt haben

soll[1876] und deren 7 Absätze den 7 Planeten geweiht waren und in

deren Farben strahlten[1877], erwähnt ~Jeremias~ u. a. den Turm des

Fürsten ~Gudea~ (um 2340) in Lagas, den des Gottes ~Nabu~ in Borsippa,

den des Gottes ~Marduk~ in Babel, „dessen Spitze aufreicht bis zum

Himmel“, sowie den zu Khorsabad[1878]. Diesen Angaben gegenüber

erheben sich indessen berechtigte Bedenken: Nach ~Ed. Meyer~ waren die

Zikkurat (= Berghäuser) ursprünglich künstliche Berge aus Ziegeln,

aufgeworfen in Gestalt eines Bergkegels oder „Tempelberges“ mit zur

Spitze führender, den Bau schräg umwindender Rampe und bestimmt, den

sumerischen Sturmgott ~Ellil~ auch im Flachlande an sein Heiligtum zu

fesseln[1879]. Etwa seit der Regierung ~Gudeas~ wurden sie auch für

andere Götter errichtet[1880], aber erst in sehr viel späterer Zeit

gab man ihnen die Form sog. Terrassen-Türme, die aber keineswegs stets

7 Stockwerke besassen, sondern oft nur 3, 5 oder auch 4[1881]; als

z. B. ~Nebukadnezar~ II. um 600 den Turm zu Borsippa (nach anderen

auch den zu Babel) erneuerte, erhöhte er ihn erst von 3 Stockwerken

auf 7 und ersetzte die silberne Täfelung der Wahrsage-Halle durch eine

goldene[1882].

Was die Beziehungen zu den +Farben+ der Planeten anbelangt, die

~Jeremias~ ebenfalls schon als für die Zeit ~Gudeas~ feststehend

voraussetzt[1883], so liegen Angaben vor für die Türme von Babel, von

Borsippa, von Birs-Nimrud (der aber mit dem Vorgehenden identisch

ist!) und von Khorsabad, sowie für die von ~Herodot~[1884] erwähnten 7

Ringmauern der den Sternen geweihten Stadt Ekbatana[1885]:

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7.

I. Babel: tonfarbig gelbgrün -- -- -- -- bunt

II. Borsippa: schwarz -- rot blau -- blau

III. Borsippa: schwarz hellrot purpur golden weiß blau silbern

IV. Birs schwarz {orange? rot golden weiß blau {weiß?

-Nimrud: {grün? {grün?

V. Khorsabad: weiß schwarz rot {weiß? -- -- --

{blau?

VI. Ekbatana: weiß schwarz purpur blau {gelb silbern golden

{rot

Wie man sieht, gehen diese Bezeichnungen weit auseinander, ganz

abgesehen davon, daß sie mehrfach sprachlich unsicher sind und daß

die Aufstellungen meist ohne weiteres das Vorhandensein von gerade 7

Stockwerken oder Stufen voraussetzen; überdies gründen sie sich zum

Teil auf späte Überlieferungen, zum Teil auf Berichte über neuere

Ausgrabungen, aus denen allen, soweit die Angaben (nach ~Prinz~) nicht

überhaupt ganz unzutreffend, ja geradezu aus der Luft gegriffen sind,

keinesfalls Schlüsse auf die Zustände zur Zeit der ersten Herstellung

gezogen werden können. Den Turm von Borsippa z. B. ließ, wie erwähnt,

~Nebukadnezar~ II. erst um 600 erneuern und eine Inschrift anbringen,

die nach ~Oppert~ laute[1886]: „Ich habe ... das Wunderwerk zu

Borsippa, den Tempel der 7 Sphären[1887] des Himmels und der Erde,

wiederhergestellt und neu erbaut, ... in der Mitte Borsippas baute

ich den Turm, das ewige Haus, dessen Glanz erhöht ist durch Gold,

Silber und andere Metalle und durch glasierte Ziegel; ... +ich+ bin

der Wiedererbauer des Turmes, ... des Stufenturmes, des Tempels, der

bekleidet ist mit getriebenem Gold, Kupfer, Blei und Steinen“; eine

abermalige Erneuerung erfolgte dann unter König ~Antiochus I. Soter~

(283-263), dem nämlichen, dem ~Berossos~ sein Werk über die Geschichte

Babels widmete[1888]. Ziegel des Turmes von Birs-Nimrud mit bunter

Glasur (in deren Herstellung die Babylonier seit altersher große

Meister waren) untersuchten ~Layard~ und ~Percy~ und ermittelten als

Farbstoff der weißen opakes Zinnoxyd, der roten Kupferoxydul, der

blauen ein Kupferoxyd (versetzt mit einem bleihaltigen Flußmittel) und

der gelben ein zinnhaltiges Bleiantimoniat, ähnlich dem sog. Neapelgelb

(mit Natriumsilikat als Flußmittel)[1889]. Zu Khorsabad wurde 1854

unter dem Eckstein des von König ~Sargon~ II. 706 errichteten Baues

eine Steinkiste mit 7 Barren gefunden, von denen drei verloren gingen,

während die vier erhaltenen nach ~Berthelot~[1890] aus Gold, Silber,

Bronze und weißem Magnesit (Magnesium-Carbonat) bestehen und längere

Inschriften tragen, denen zufolge die Materialien aller sieben waren:

Hurasu = Gold, Kaspi = Silber, Uruki = Erz (Bronze)[1891], Anaki =

Blei, Kasazatiri = Zinn, Abar = Magnesit (determinierender Zusatz:

sipri zakur = Marmor?)[1892] und Gissipgal = Alabaster (nach ~Jeremias~

aber = Lapis Lazuli, Lasurstein)[1893]. Was endlich die 607 erbaute

Stadt Ekbatana und das gleichzeitig zerstörte, angeblich ebenso

ummauerte Ninive betrifft[1894], so müßte die innerste goldfarbige

Mauer der Sonne, die benachbarte silberfarbige dem Mond entsprechen,

während die planetarische Zugehörigkeit der übrigen Farben fraglich

bleibt; nach ~Jeremias~[1895] ist für diese anzunehmen, von außen

nach innen: weiß = Venus, schwarz = Saturn, purpur = Mars, blau =

Merkur, gelb = Jupiter, silbern = Mond, golden = Sonne, doch finden

sich zuweilen für die nämlichen Planeten die Angaben blau (oder

bunt), schwarz, rot, grüngelb, weiß, grün, golden (oder grün)[1896]

und auch noch verschiedene andere. Die Ordnung bei Borsippa (III)

hält ~Bouché-Leclercq~ „für die umgekehrte wie am Himmel“[1897]; die

bei Birs-Nimrud (IV) endlich soll der „wahren“ Planetenreihe Saturn,

Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond folgen. Sichtlich stimmen

die Zuweisungen, die sich überdies nur auf Bauwerke sehr später

Zeiten gründen, so wie sie vorliegen, durchaus nicht untereinander

überein, während es hinwiederum ganz unstatthaft bleibt, je nach

Bedarf „Irrtümer“ vorauszusetzen und willkürliche Umstellungen

vorzunehmen[1898], -- betreff derer es schon zur größten Vorsicht

mahnen muß, daß z. B. ~Nebukadnezar~ den silbernen Schmuck einer Halle

ohne weiteres durch goldenen ersetzt, oder daß ~Sin~, der Gott des

silbernen Mondes, mit einem lasurblauen Bart ausgestattet wird[1899];

ohne Zwang lassen sich auch jene Farbenskalen weder der einen oder

anderen älteren und unrichtigen Reihe der Planeten angliedern, noch der

spät entdeckten richtigen, noch auch der in der Folge der Wochentage

überlieferten.

Die siebentägige „+Planeten-Woche+“ und die Darstellung ihres

Zusammenhanges mit den Planeten durch ein (sehr künstliches)

Heptagramm hält ~Jeremias~ für außerordentlich alt, wenngleich er

zugibt, daß sie sich für die babylonische Zeit nicht unmittelbar

nachweisen lasse[1900]; wie indessen ~Boll~, -- auch gegenüber

~Bouché-Leclercq~[1901] --, zeigte, fehlen für Babylon sämtliche

einschlägige Grundlagen[1902]. Allerdings kommen schon unter dem

Fürsten ~Gudea~ die durch Viertelung des Lichtmonates entstehenden

siebentägigen Fristen vor[1903], die sich u. a. vortrefflich zur

Ausgleichung des Sonnenjahres mit dem Mondmonat eignen[1904],

ferner in späterer Zeit auch der 7., 14., 21. und 28. Monatstag

als „Siebener-Tage“, betreff derer es jedoch immer noch strittig

ist, ob und seit wann sie „Schabattu“ hießen, und was dieser Name

bedeutete[1905]. Erstens waren jedoch solche Fristen bloß Unterteile

je eines Monates und wurden nicht, wie die wahre „fortrollende“ oder

„laufende“ Woche, ohne Rücksicht auf das Monatsende „durchgezählt“,

und zweitens gibt es dafür, daß man ihre sieben Tage in irgendeine

Verbindung mit den Planeten gebracht habe, auch nicht einen einzigen

litterarischen oder bildnerischen Anhaltspunkt[1906]. Nach den

Berichten des Historikers ~Cassius Dio~ (150-235)[1907], des Astrologen

~Vettius Valens~ (im 2. Jahrhundert n. Chr.), der gleichzeitigen

Papyri, sowie des ~Laurentius Lydus~ (um 560 n. Chr.)[1908] soll die

+willkürliche+, der Folge der Wochentage zugrunde liegende Reihe der

Planeten, d. i. Saturn, Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, aus

der +wahren+ des ἑπτάζωνος (Heptázonos, Septizonium), d. i. Saturn,

Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond, dadurch abgeleitet worden

sein, daß man, vom Saturn aus beginnend, immer um je vier Stellen

weiter schritt, oder, wie eine nachträgliche pythagoräisierende

Erklärung besagt, den musikalischen Quartenabstand διὰ τεσσάρων auf

die Gestirne übertrug; aber jene +willkürliche+ Reihe läßt sich weder

als in Babylon entstanden aufweisen noch als frühzeitig von dort aus

weiter verbreitet, und die +wahre+ vollends, die auf Kenntnis der

Erdentfernungen und Umlaufszeiten fußt, setzt erhebliche Fortschritte

der beobachtenden Astronomie voraus und wurde in Babylon erst gegen

Anfang unserer Zeitrechnung bekannt[1909]. Die zutreffende Erklärung

erwähnen überdies auch schon ~Cassius Dio~ und ~Vettius Valens~: zählt

man die 24 Stunden des Tages gemäß der wahren Reihe der Planeten immer

wieder von 1-7 durch und macht dabei den Anfang mit Saturn, so trifft

auf die +erste+ Stunde jedes Wochentages der richtige zugehörige

Gott, der zunächst nur +sie+ beherrscht, weiterhin aber den +ganzen

Tag+[1910]. Die Ausbildung dieser wirklichen Planetenwoche und ihre

Durchführung als „fortrollende“ sind indessen erst Schöpfungen der

hellenistischen Periode; wie auf eine Anzahl anderer Errungenschaften

des nämlichen Zeitalters, wird daher auch auf sie weiter unten nochmals

zurückzukommen sein.

b) Persien.

Die Kultur der Iranier, die sich, ebenso wie die der Inder, seit dem

Ende des dritten Jahrtausends selbständig, namentlich ganz unabhängig

und unbeeinflußt von der babylonischen, ausgestaltet hatte[1911],

erfuhr tiefgehende Einwirkungen durch das spätestens gegen 1000

v. Chr. erfolgende Auftreten des ~Zarathustra~ (~Zoroaster~)[1912],

das wesentlich auf Seßhaftmachung der vielfach noch nomadischen und

räuberischen östlichen Stämme, Verbesserung ihrer Lebensbedingungen

durch Förderung von Ackerbau und Viehzucht, sowie Läuterung ihres

Glaubens abzielte[1913]; in letzterer Richtung war aber bei den

breiteren Volksschichten ein Erfolg nur sehr langsam und unvollständig

erreichbar[1914], so daß erst die nächsten Jahrhunderte, die 678

zur Begründung eines eigentlichen persischen Reiches, Parsua,

führten[1915], die Entwicklung zu einem gewissen Abschlusse brachten.

Fast völlig im Dunkel liegen noch die frühesten Beziehungen zwischen

den Persern und den gleichfalls iranischen Medern, die nach lange

andauernden, zum Teil gemeinsam mit anderen Völkerschaften geführten

Kämpfen 607 das assyrische Reich stürzten, Ninive zerstörten und

Ekbatana begründeten[1916], um die Mitte des 6. Jahrhunderts aber

selbst wieder unter persische Botmäßigkeit gerieten, -- ohne daß dieser

Ersatz +eines+ herrschenden iranischen Stammes durch einen +anderen+

nach außen hin besonderen Eindruck hervorgerufen hätte[1917].

Die reine iranische Religion, nach ~Mommsen~ ausgezeichnet „durch fast

monotheistische Verehrung des ‚Höchsten der Götter‘, Bildlosigkeit und

Geistigkeit sowie strengste Sittlichkeit und Wahrhaftigkeit“[1918],

kannte weder Götterbilder noch Gotteshäuser[1919]. Die oberste Stellung

in ihr nahm ~Ahura-Mazda~ ein, auch ~Mazda-Ahura~ = „der weise Herr“;

die Sonne gilt als sein Auge, Atar (das Feuer) ist sein Sohn, er

offenbart sich in Sonne und Mond sowie in Erde, Wasser, Feuer und

Wind (nicht Luft)[1920], und man betet zu ihm auf Bergeshöhen unter

Entzünden der lauteren Opferflamme[1921]; mit den sechs „Amesa Spenta“

= „Unsterblichen Heiligen“ (einer Art Erzengel) vereint er sich zur

„Siebenheit“, die aber nicht im entferntesten Zusammenhange mit jener

der chaldäischen Planetengottheiten steht[1922].

Von diesen erhielten die Perser nicht früher Kenntnis, als sie in

nähere Berührung mit den Babyloniern kamen, und eine Vermischung

iranischer und chaldäischer Vorstellungen eintrat, deren Anfänge zwar

sicher weit hinter der Regierung ~Alexanders des Grossen~ zurückliegen,

die aber ihren Höhepunkt erst zur Zeit der Diadochen erreichte[1923].

Zunächst beharrte die große Volksmenge, wie schon ~Lenormant~ richtig

ausführte[1924], auch nach dem Sturze des babylonischen Reiches durch

~Kyros~ im gewohnten Aberglauben, teils weil die Perser völlige

religiöse Toleranz übten[1925], teils weil sie eine nur äußerst dünne

Oberschicht bildeten, die zur Blütezeit der Achämeniden-Dynastie

nur etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung betrug (500000 von 50

Millionen)[1926], in früherer Zeit, bei geringerem Umfange des Reiches,

also vielleicht einige Prozente. Während der Herrschaft der Diadochen

erhielt dann die persische Religion wenigstens in den Mittelpunkten der

Kultur ein erhebliches Übergewicht, aber nicht, ohne auch selbst wieder

durch die spätbabylonische weitgehend beeinflußt zu werden[1927],

namentlich betreff Astrologie und Magie, die ihrem eigenen Wesen völlig

fremd gewesen waren; den „Magiern“, Mitgliedern der für das alte Medien

charakteristischen einheimischen Priesterschaft[1928], über deren

Namen und Herkunft nichts ganz sicheres bekannt ist[1929], lag nämlich

ursprünglich, nach den übereinstimmenden Berichten der besten und

ältesten Quellen, gerade alles +das+ völlig fern, was man als Zauberei,

Geheimkunst, Geisterbannen usf., kurz als „Magie“ zu bezeichnen gewohnt

ist[1930]. Die dürftigen echten Überreste des rein erhaltenen Glaubens

in den heiligen Büchern des „Avesta“, das in seiner heutigen Gestalt

erst im 3. nachchristlichen Jahrhundert unter Bewahrung frühpersischen,

medischen oder baktrischen Sprachgutes aufgezeichnet wurde, verraten

keine Spur derartiger Kenntnisse, die vielmehr, wo sie sich im „Avesta“

geltend machen, allemal eines der Kennzeichen später, zum Teil sogar

sehr später (bis ins 7. nachchristliche Jahrhundert herabreichender)

Einschiebungen darstellen[1931].

Erst als sich die persische Priesterschaft im Laufe des 4. Jahrhunderts

immer nachhaltiger seitens der babylonischen beeinflussen ließ,

übernahm sie von ihr Astronomie und Astrologie, Sterndienst und

Magie[1932]. Für die babylonischen Priester dieser Epoche, die sich

ausdrücklich „Chaldäer“ nannten, steht als Grundgedanke ihrer Lehre

fest, daß sich die Götter in den Gestirnen verkörpern, vor allem in den

7 Planeten, den „Lenkern der Schicksale“, die durch ihre Bewegungen

die Gesamtheit der irdischen Vorgänge und Ereignisse beherrschen und

in untrüglicher Weise herbeiführen; alles auf Erden hat daher seine

bestimmte und berechenbare Zeit und tritt unabwendbar ein, sobald diese

gekommen ist. Die Berechnung anzustellen, die betreffenden Vorzeichen

rechtzeitig zu erkennen und richtig zu deuten, die Götter durch Gebet,

Sühnung, Opfer, Beschwörung usf. womöglich noch zu beschwichtigen oder

umzustimmen u. dgl. mehr, ist Sache der Priester; denn diese allein

kennen das erforderliche Ritual und die den Göttern wohlgefälligen

Einzelheiten des Kults und der Liturgie, der Worte und Gebärden, der

Anrufungen und Intonationen, auch besitzen sie allein Kunde vom „wahren

Wesen“ und den „wahren Namen“ der Gottheiten und verstehen es auch,

die ungeheuren und geheimnisvollen „Kräfte“, die solches Wissen (nach

uralten und bei zahlreichen Völkern weitverbreiteten Vorstellungen)

verleiht, mit zauberischer Macht anzuwenden, d. h. die Götter zu

+zwingen+, falls sie sich nicht +erbitten+ lassen[1933]. Wie die Magie,

hierin die Zwillingsschwester der Astrologie, erkannt hat, gibt es eben

dunkle Beziehungen zwischen Dingen, Worten oder Namen, und Personen,

auch göttlichen; wer diese Beziehungen durchschaut, besitzt auch

Einblick in die ihnen entsprechenden Zerimonien, bestimmte Zerimonien

haben aber auch bestimmte Folgen[1934].

Solche, auf zum Teil uralt babylonischen Aberglauben zurückgehende,

für Stellung und Macht des chaldäischen Priestertums äußerst

charakteristische Anschauungen konnten sich indes nicht ohne erhebliche

Abänderungen mit den iranischen verschmelzen; großes Beharrungsvermögen

erwies namentlich deren dualistische Grundlage, der gemäß dem guten

Prinzip, ~Ahura-Mazda~ (= ~Ormuzd~), dem Geiste des Lichtes und der

Wahrheit, in ~Angra-Mainyu~ (= ~Ahriman~), dem Geiste des Dunkels und

der Lüge, ein Böses gegenübersteht, desgleichen der Schar der guten

und wohlwollenden Genien eine der bösen und neidischen Dämonen usf.,

derart, daß sich der ganze Vorgang der Weltentwicklung im Kampfe dieser

beiden Prinzipien erschöpft[1935]. So eignete sich die persische

Religion u. a. zwar den Planetenkult an und ersetzte die Dreizahl der

iranischen Himmel, über denen sich das Paradies befindet, durch die

Siebenzahl der Sphären[1936]; ebenso übernahm sie den Gedanken von der

Herabkunft und dem Wiederaufstiege der Seelen durch die Sphären der 7

Planeten, wobei ihnen deren „Herrscher“ (Wächter, Hüter; Archonten) die

geschlossenen Tore auftun und „Kleider“ (= Anlagen, Leidenschaften,

...) mitgeben oder wieder abnehmen[1937]; die +Gottheiten+ der Planeten

aber setzte sie zu +Dämonen+ herab, und wenn nicht alle sieben, weil

der Charakter von Sonne und Mond doch allzu gesichert feststand,

so mindestens die fünf der eigentlichen Wandelsterne, die entweder

sämtlich, oder in ihrer Mehrzahl zu „Widersachern der guten Götter“,

„Verstörern des Himmels“ und „bösen Geistern“ werden, als arglistige

Neider die Himmelsreise der Seelen zu hindern suchen und sei es durch

Anbetung und Opferbringen, sei es durch Drohung und Beschwörung,

zu beschwichtigen oder zu gewinnen sind[1938]. Auch der iranische

~Mithras~, ursprünglich Genius des Himmelslichtes, wird nunmehr mit

dem babylonischen Sonnengott ~Samas~ identifiziert und erhält so die

Oberherrschaft über die Gestirngötter der Planeten, denen man, ebenso

wie den Tierkreisbildern, je nach ihrer Beschaffenheit, Helligkeit,

Färbung usf., zahlreiche bald nutzbringende, bald verderbliche

„Kräfte“, sowie mannigfache „Beziehungen“ zuschreibt, u. a. zu Tieren,

Pflanzen, Mineralien, Edelsteinen und Metallen[1939], -- wofür indessen

unmittelbare Nachweise erst aus der Anfangszeit der Arsakiden-Dynastie

vorliegen, die vom 3. vor- bis zum 3. nachchristlichen Jahrhundert

regierte[1940]. Die Notwendigkeit, auch für den Kult der bösen Geister

zu sorgen, und durch genehme Verehrung entweder ihr Wohlwollen

zu erkaufen oder sie durch Zauberhandlungen unschädlich, wenn

nicht gar dienstbar zu machen[1941], mußte jedenfalls Bedeutung

und Wichtigkeit der Priesterschaft neuerdings steigern und ihren

liturgischen Handlungen und Worten sowie ihrer Kenntnis der „wahren

Geheimnamen“, -- die deshalb nur in „leisem Gebete“ ausgesprochen

und in charakteristischer Weise „gemurmelt“ werden durften[1942] --,

erhöhtes Ansehen verschaffen[1943]. Götterbilder in menschlicher

Gestalt aufzustellen und sie in geschlossenen Räumen anzubeten sollen

die Perser, nach ~Berossos~, erst seit der Regierung ~Artaxerxes~ II.

(405-359) begonnen haben, also seit Beginn des 4. Jahrhunderts[1944],

und die im arabischen „Fihrist“ (gegen 1000 n. Chr.) überlieferte

Erzählung, schon der völlig mythische persische König ~Aldahhak~ habe

den 7 Planeten Tempel erbaut[1945], ist daher in das Reich der Fabel zu

verweisen; allgemein gebräuchlich scheint jene Sitte aber erst in der

Zeit der Diadochen geworden zu sein, in der auch die Verehrung der vier

Elemente Feuer (âtar), Wasser, Erde und Wind, über die schon ~Herodot~

erzählt[1946], zum Dienste von Elementen-Gottheiten als „Herren

der Elemente“ (στοιχεῖα) ausartet, denen man Kultstätten weiht und

Bildsäulen setzt[1947]; dies sind offenbar die „Idole der Planeten“ und

„Idole der Elemente“, deren, zusammen mit den „Festen ihrer Verehrung“,

den „Festen der Vermählung der Elemente“ usf., noch im 10. Jahrhundert

n. Chr. der hochgelehrte arabische Schriftsteller ~Albiruni~ in seiner

„Chronologie der alten Nationen“ Erwähnung tut[1948], aber auch schon

im 2. Jahrhundert n. Chr. der Apologet ~Aristides~, der Tempel wie

Kultbilder den „Chaldäern“ zuschreibt[1949]. Für die griechischen

Berichterstatter verwischten sich eben schon seit den Tagen ~Alexanders

des Grossen~ die Grenzen zwischen Babyloniern, Assyriern, Chaldäern

und Persern in einer Weise, die zwecks Beurteilung aller späteren

Überlieferungen von größter Wichtigkeit bleibt; vor allem aber

flossen die Begriffe der babylonischen „Chaldäer“ und der iranischen

„Magier“ so völlig ineinander, daß schließlich z. B. ~Zarathustra~

für die nämliche Person gehalten werden konnte wie ~Nimrod~, der

sagenhafte Held der babylonischen Urzeit[1950]. War aber auch die

Verschmelzung babylonischen und iranischen Wesens in Wirklichkeit

nicht so vollständig, wie sie den griechischen Beobachtern aus

leicht begreiflichen Gründen erscheinen mußte, so zeitigte sie doch

außerordentlich wichtige Folgen; denn wie die babylonische Kultur

seit fernen Zeiten unmittelbar oder durch assyrische Vermittlung auf

die ganz Vorderasiens eingewirkt hatte, so beeinflußte sie nun jene

Persiens und durch sie wieder die der weitesten und entlegensten

Kreise der alten Welt, wobei, ebenso wie in Persien, nicht selten an

die Stelle der babylonischen Göttergestalten abgeänderte einheimische

treten, oder statt ihrer auch fremde, geheimnisvolle und magische

Mächte[1951].

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 79 / 127 题