a) Platon.[1516]
~Platon~ (427-347), der die leitenden Gedanken seiner bedeutendsten
Vorgänger übernimmt, sie zusammenfaßt und zwecks Aufrichtung des
eigenen originalen, von einer Fülle unvergänglichen Tiefsinnes
zeugenden Lehrgebäudes verwertet, beschäftigte sich mit
naturgeschichtlichen Fragen erst verhältnismäßig spät, als die
Hauptpunkte seines (hier nicht zu erörternden) philosophischen Systems
längst endgültig feststanden; hieraus erklärt sich seine Unterschätzung
des Wertes der Anschauung sowie der Bedeutung der Materie, seine
mythologische, ja mystische Deutung mancher Naturlehren, -- wobei sich
die orphischen und pythagoräischen Einflüsse, die er erfahren hatte,
in sehr merklichem Grade geltend machen[1517] --, und eine gewisse von
derartigen Darstellungen kaum trennbare Unklarheit und Dunkelheit, die
dann späteren Geschlechtern als ein wesentliches Kennzeichen „geheimer
Weisheit“ erschien, weshalb man sie nachzubilden oder womöglich noch zu
überbieten trachtete.
Grundlage alles Bestehenden ist nach ~Platon~ ein Erstes,
Ursprüngliches, Unbegrenztes, das unsichtbar und sinnlich nicht
wahrnehmbar, ungeformt und ungestaltet, dabei aber allbildsam und
allempfänglich ist, daher auch „Mutter“ oder „Schoß“ alles Wesens
heißt. Über die Deutung dieser Lehre gehen die Ansichten seit jeher
auseinander: die Einen erklären das Unbegrenzte für den leeren Raum,
die Anderen für eine eigentliche, in steter aber ungeordneter Bewegung
befindliche Urmaterie oder ὕλη (Hýle), -- welches Wort übrigens bei
~Platon~ nur im alten Sinne von „Holz, Bauholz, Material“ vorkommt,
während es sich im neuen von „Materie“ (daher πρώτη ὕλη = ursprüngliche
oder Ur-Materie) erst bei ~Aristoteles~ gebraucht findet[1518]. Ein
Schwanken zwischen beiden angeführten Auffassungen macht sich aber
schon bei ~Platon~ selbst bemerklich, besonders auch in jenen Werken,
die er erst in höherem Alter verfaßte[1519].
[Illustration]
Das qualitätslose (ἄποιον) und ungeformte (ἄμορφον, amorphe)
Unbegrenzte wird zum eigentlichen bestimmten Körper (σῶμα = Soma),
und geht aus dem Zustande des „Nichtseienden“ (μὴ ὄν)[1520] in den
der körperlichen Realität über, indem es zunächst die Formen der vier
Elemente annimmt[1521]; dies geschieht vermöge einer Begrenzung seitens
geometrischer Gestalten, -- deren einschlägige Rolle die ungeheure
Bedeutung der Mathematik klar hervortreten läßt --, und zwar kommen
dabei im wesentlichen die zwei Arten rechtwinkliger Dreiecke in
Betracht, die durch Zerfällung des Quadrates und des gleichseitigen
Dreieckes entstehen. Sieht man nun als das „Ursprüngliche“ den leeren
Raum an, so erschafft den Körper offenbar schon die bloße mathematische
Abgrenzung durch die Dreiecksflächen[1522], also eine rein
stereometrische Konstruktion[1523], und die ausgedehnte Substanz wird
hiernach identisch mit der bloßen Ausdehnung[1524], -- eine Folgerung,
die sich keineswegs allen Werken ~Platons~ gegenüber widerspruchslos
aufrecht erhalten läßt[1525]; anderenfalls schneiden die Dreiecke die
Elementar-Krystalle aus dem von der Hyle erfüllten Raume[1526].
Vermutlich pythagoräischen Vorstellungen folgend, schreibt ~Platon~
von diesen „Elementar-Krystallen“, also den fünf „platonischen
Körpern“, das Tetraeder dem Feuer als Form zu, das Oktaeder der
Luft, das Ikosaeder dem Wasser und das Hexaeder der Erde, so daß die
Gestalten der genannten vier Gebilde die Natur der vier Elemente
(σώματα) hervorbringen und bedingen; das Dodekaeder wird, weil es
sich einigermaßen der Kugelform des Weltganzen annähert, mit diesem
verglichen, und nicht etwa als die Form des Äthers betrachtet[1527],
der ursprünglich nur für eine Art Luft von ganz besonderer Reinheit
gilt, hierin der gewöhnlichen Luft um ebensoviel überlegen, wie diese
wieder dem Wasser. Als ein fünftes Element, so daß von πέντε σχήματα
καὶ σώματα die Rede ist, tritt der Äther, wenn überhaupt in echten
Schriften ~Platons~, erst in solchen seiner Spätzeit auf, sowie
in denen seiner Nachfolger ~Speusippos~ und ~Xenokrates~, welchen
letzteren (der seit 339 lehrte) einige als Verfasser des „Epinomis“
genannten 13. Buches der „Gesetze“ ~Platons~ ansehen[1528], während
andere dieses seinem Schüler ~Philippos~ von ~Opus~ zuschreiben.
Da die Elemente bloße Modifikationen der nämlichen, noch form-
und qualitätslosen Urmaterie darstellen, so sind sie fähig, teils
unmittelbar, teils mittelbar (nämlich auf dem Wege über diese
Ursubstanz) ineinander überzugehen[1529]; die Erde nimmt dabei eine
Sonderstellung ein, weil allein ihre Grenzdreiecke die durch Zerfällung
des Quadrates entstandenen und daher spezifisch gestaltete sind[1530],
während die dem Wasser, der Luft und dem Feuer zugehörigen sämtlich
dem gleichseitigen Dreiecke entstammen, weshalb bei diesen Elementen
auch ein unmittelbarer gegenseitiger Übergang stattfinden kann, z. B.
1 Oktaeder der Luft ⮂ 2 Tetraeder des Feuers, 1 Ikosaeder des Wassers
⮂ 2½ Oktaeder der Luft oder auch 2 Oktaeder der Luft + 1 Tetraeder des
Feuers, usf. So vermag der eine Stoff völlig die Natur des anderen
anzunehmen, alles ist wandelbar, jegliches kann zu jeglichem werden,
und diese unter wechselnder Verdichtung und Verdünnung stattfindenden
Vorgänge erfolgen in endlosem und unaufhörlichem Kreislaufe ἄνω (áno)
und κάτω (káto); jedes Element strebt dabei seinem „natürlichem Orte“
zu, denn Gleiches und Gleiches ziehen sich an; wird es aber aufgelöst,
z. B. Wasser zu Luft und Feuer, so gilt das nämliche auch von den
Produkten dieser Umsetzung[1531]. Der Äther hingegen, der weder Kälte
oder Wärme noch sonstige „Gegensätze“ enthält, vielmehr durchaus
„einfach“ ist, vermag sich in keines der vier Elemente umzugestalten;
abweichend von diesen besitzt er auch von Natur aus die vollkommenste
aller Bewegungen, die Kreisbewegung[1532].
Aus den vier Elementen entstehen alle Einzeldinge, deren unendliche
Mannigfaltigkeit sich zum Teil aus den Verschiedenheiten ihrer
Mischungsverhältnisse erklärt, zum Teil aus der wechselnden Größe der
Grenzdreiecke, zum Teil endlich aus jener mehr oder minder weitgehenden
Verschmelzung der entgegengesetzten Qualitäten (ποιότητες) Wärme und
Kälte, Feuchte und Trockenheit, die als eine wahre Vereinigung oder
Vermählung anzusehen ist.
Das Wasser z. B. geht beim Erwärmen unter Verdünnung und durch die
Zwischenstufen des Dampfes und Dunstes in Luft über, beim Abkühlen
hingegen verdichtet es sich und erstarrt oberhalb der Erde zu Schnee
und Hagel, auf der Erde zu Reif und Eis, in oder unter der Erde aber zu
Gesteinen und Mineralien; je nach der Reinigung und Läuterung, und je
nach den Einflüssen von Wärme und Kälte, Zeitdauer und Druck, bilden
sich hierbei Salze, Laugensalze, glasartige Krystalle, Tone, feste
felsige Massen, Erze und schließlich Metalle, deren Ursprung sich noch
in ihrer Schmelzbarkeit verrät, denn alles, was flüssig werden kann,
ist von der Natur des Wassers[1533]. Die dichteste, gleichförmigste und
feinste aller Substanzen ist das Gold, das als edelstes der Metalle
in deren Rangordnung die oberste Stelle einnimmt, ebenso wie in der
Hesiodschen der Zeitalter und Geschlechter; wie jedoch den vornehmsten
Geschlechtern Glieder entspringen können, die in die mittleren oder
tiefsten Stände herabsinken, während sich umgekehrt aus diesen einzelne
Sprößlinge in die obersten Schichten zu erheben vermögen, so erzeugt
zuweilen auch das Gold die geringeren Glieder der Rangordnung, nämlich
Silber, Kupfer und Eisen, oder geht selbst aus einem von diesen
hervor. -- Ihm zunächst stehen das „jetzt nur mehr dem Namen nach
bekannte Oreichalkon“[1534], und sodann das Silber; weit weniger edel
sind Kupfer und Eisen, die daher leicht der Zerstörung anheimfallen und
dabei, unter Verlust auswitternder erdiger Teile, Grünspan und Rost
ergeben.
Wie die Mineralien und Erze, so gehen aus den vier Elementen auch die
Leiber der Pflanzen und Tiere hervor, doch enthalten sie z. B. die Erde
nur in besonders reinem und feinem, das Feuer nur in sehr gemäßigtem
und abgeschwächtem Zustande; dem im menschlichen Körper vorhandenen
Feuer-Elemente strömt durch Einatmen der belebende Lufthauch zu, das
πνεῦμα (Pneuma)[1535], das ~Platon~ als Erster auch als das seelische
Prinzip auffaßt[1536]. Das richtige Gleichgewicht der Elemente ist
Vorbedingung der Gesundheit; ihre ungleichmäßige Verteilung, die auch
eine solche der πνεύματα, d. h. der luftartigen Bestandteile, sowie der
Gallenstoffe, Schleime usf., mit sich bringt, erzeugt Krankheiten des
Körpers, oft aber auch, von diesen ausgehend, solche des Geistes[1537].
Aus den vier Elementen besteht endlich, gleich allem Irdischen, auch
alles Himmlische, und demnach das gesamte Weltall; seine Achse,
die Weltachse, ein Spindelstab mit Spitzen aus Stahl [Adamas, was
+nicht+ Diamant bedeutet!], ruht im Schoße der über allen Höhen
thronenden ~Ananke~ (der Notwendigkeit), und steht unter dem Schutze
ihrer Töchter, der Parzen. An der Weltachse sind, über der im
Mittelpunkte des Alls ruhenden Erde, und rings um diese herum, die
acht konzentrischen Sphären befestigt, und zwar entsprechen ihre
Entfernungen den Längen jener Abschnitte einer schwingenden Saite,
die, der Entdeckung des ~Pythagoras~ gemäß, harmonische Töne ergeben.
Die äußerste, achte, die des Fixsternhimmels, ist buntfarbig, da an
ihr zahlreiche, in verschiedenem Lichte funkelnde Sterne befestigt
sind; die siebente, gelbliche, trägt den Phainon (= Lichtbringer;
später ~Kronos~, Saturn); die sechste, glänzend-weiße, den Phaëthon
(= Leuchtender; später ~Zeus~, Jupiter); die fünfte, rötliche,
den Pyrôeis (= Feuerfarbiger; später ~Ares~, Mars); die vierte,
gelbliche, den Eosphoros oder Phosphoros (= Morgenstern; später
~Aphrodite~, Venus); die dritte, weißliche, den Stilbon (= Glänzender;
später ~Hermes~, Merkur); die zweite, glänzende, den ~Helios~ (Sol,
Sonne), und die erste, vom ~Helios~ bestrahlte, die ~Selene~ (Luna,
Mond)[1538]; jeder dieser Sphären ist eine Sirene zugeteilt, die einen
lauten Klang ertönen läßt, und diese alle vereinigen sich zu einem
harmonischen Gesamtklange, der Harmonie der Sphären oder Sphärenmusik.
Nach Analogie der „Wagen“ des ~Helios~ und der ~Selene~ werden, in
~Platons~ letzter Periode, die Planeten und die Sterne überhaupt als
„Fahrzeuge“ vorgestellt und zwar als solche der Seelen; die „Epinomis“
erklärt die Seelen der Sterne für eigentliche Stern-Götter, die, weil
ihr Dienst aus Syrien oder Ägypten stammt, nicht einmal sämtlich
griechische Eigennamen haben, und stellt demgemäß drei Klassen von
Göttern auf: die olympischen, die Sterngötter und die Dämonen, die
hinwiederum teils ätherische sind, teils solche der Luft und des
Wassers. Die Lehre vom lenkenden Einflusse der ~Ananke~ und ihrer
Töchter, der Parzen, auf die Himmelswelt, in Verbindung mit jener von
der Parallelität des Geschehens im Makro- und Mikro-Kosmos, führt zur
Annahme, daß die Schicksale der Welt, vom großen Ganzen bis zu den
kleinsten Einzelheiten herab, innig mit den Stellungen und Bewegungen
der Gestirne zusammenhängen, ganz besonders mit jenen der Planeten.
In diesen Theorien, namentlich denen von den Gestirngeistern als
lebendigen seligen Wesen, von den Sternen als „sichtbaren Göttern“,
von den himmlischen Vorzeichen und Einwirkungen, sowie von den
verschiedenen Klassen des Geisterreiches, treten die Einflüsse
orientalischer, besonders babylonischer und iranischer Vorstellungen
unzweideutig zutage[1539].
Da sich nicht verkennen läßt, daß ~Platon~ die Lehre von den vier
Elementen schon in recht dogmatischem Gewande vorträgt[1540], so erhebt
sich die Frage, aus welchen Quellen er die betreffenden Anschauungen
schöpfte; doch ist diese, nach allem in früheren Abschnitten Erwähnten,
zwar unschwer zu entscheiden, soweit die allgemeinen Grundzüge, nicht
aber soweit die besonderen Einzelheiten in Betracht kommen. Das +Wort+
für Elemente, στοιχεῖα (Stoicheía), bezeichnete ursprünglich, wie
~Diels~ nachwies, das Alphabet, in dem die Buchstaben eine geordnete
Reihe (στοῖχος, Stoíchos) bilden[1541]; στοιχεῖον im Sinne von Element
kommt weder bei ~Heraklit~ vor, noch bei ~Empedokles~, noch bei
~Anaxagoras~[1542], vielmehr ist es +zuerst+ bei ~Platon~ nachweisbar,
der es aber nicht als Neugebildetes und Eigenes, nicht mit Vorliebe
und auch nicht konsequent gebraucht, sondern unter diesem Ausdrucke
zunächst Anfänge oder Rudimente begreift, sodann die geometrischen
Grundgestalten der Elemente, und schließlich die arithmetischen
Prinzipien der (pythagoräischen) Weltordnung[1543]; von wem er ihn
entlehnte, bleibt vorerst dahingestellt, denn daß ~Leukippos~ hierin
sein Vorgänger gewesen sein möchte[1544], scheint eine bloße Vermutung.
Daß ~Platon~ ὕλη (Hýle) noch nicht im aristotelischen Sinne = Materie
setzt, ist bereits erwähnt worden; das eigentliche dauernde Wesen der
Dinge, ihre wahrhafte Substanz, bezeichnet er als οὐσία (Usía) und
stellt diese οὐσία, als Beharrendes, auch in Gegensatz zum Werdenden
und Wandelbaren, zur γένεσις (Genesis)[1545]. Übergänge der Stoffe
gelten ihm stets als durch ἀλλοίωσις (Alloíosis, Artverwandlung)
erfolgt[1546], und für die sich hierbei verändernden oder
ausgleichenden „Gegensätze“ gebraucht er als Erster das Wort ποιότητες,
d. i. Qualitäten[1547].
b) Aristoteles.[1548]
Durch Sammeln und kritisches Besprechen fremder, sowie durch Aufstellen
und planvolles Ausgestalten eigener Lehren übte ~Aristoteles~
(384-322), wie auf zahlreichen anderen Gebieten so auch auf dem der
Physik, tiefgreifenden und fast zwei Jahrtausende vorhaltenden Einfluß
aus; dies gilt auch betreff der Theorien über die Materie, trotzdem
die Vorzüge seiner Systematik gerade in dieser Richtung nicht so
durchschlagend hervortreten wie gewöhnlich, so daß in sachlicher
Hinsicht mancherlei Unklarheiten und Widersprüche bestehen bleiben,
der sprachliche Ausdruck aber nicht selten der Folgerichtigkeit und
Bestimmtheit ermangelt[1549]. Daß dem so ist, erklärt sich wohl zur
Genüge aus den Schicksalen der Niederschrift und Überlieferung jener
Fassung der aristotelischen Werke, die allein uns heute zur Verfügung
steht; an dieser Stelle können jedoch die angedeuteten Umstände nicht
des Näheren erörtert werden.
Merkwürdig schwankend gebraucht ~Aristoteles~ schon den Grundbegriff
οὐσία (Usía), in dem bald der Sinn von Materie oder Substrat zu
überwiegen scheint, bald der von Substanz oder Stoff, bald der von
Wesen oder Gattung[1550]; in der Regel bedeutet jedoch οὐσία das
Ursprüngliche der Dinge, ihre Anlage, ihr „Seiendes“, das zwar an
sich den Charakter des Beharrlichen und Bleibenden besitzen, dabei
aber fähig sein soll, sich unter dem Einflusse der Genesis (γένεσις,
der Entwicklung, des Werdens) in mehr oder minder weitgehendem Grade
zu „verwirklichen“, d. h. aus dem Zustande des „Möglichen“ (δύναμις,
Dynamis) in den des „Wirklichen“ (ἐνέργεια, Energie; ἐντελέχεια,
Entelechie) überzugehen[1551]. Die „Grundlage“ der Dinge (ὑποκείμενον),
ihre ὕλη (Hyle) oder Materie[1552], ihre „erste“ oder Ur-Substanz
(πρώτη ὕλη = materia prima), ist nämlich zwar das einheitliche und
bleibende Substrat aller Veränderungen[1553], besitzt aber kein
„aktuelles“ = tatsächliches Sein, sondern nur ein „potentielles“ =
mögliches; daher kann sie auch niemals +als solche+ auftreten[1554],
bildet vielmehr nur die „begriffliche (abstrakte) Voraussetzung“ für
die Möglichkeit der Körperwelt[1555]. Damit es nun zur „aktuellen“
Entstehung von Einzelkörpern komme, muß die als noch gestalt- und
qualitätslos zu denkende Hyle eine bestimmte +Form+ (εἶδος, μορφή)
annehmen[1556], die für sie ein Höheres, dem Logos (Begriffe) des
Einzelkörpers Gleichwertiges ist[1557], und nach der sie deshalb,
als nach etwas in ihr schon Angelegtem, strebt und verlangt, wie
das Weibliche nach dem Männlichen[1558]. Alle Wirklichkeit erhält
also die Materie erst durch die Form: diese ist das Entscheidende und
Bestimmende, sie macht den Einzelkörper zu dem was er ist, und sie
bedingt namentlich, daß er fortzeugend seinesgleichen hervorbringt,
also z. B. Feuer wieder das Feuer, der Ölbaum den Ölbaum, der Weizen
den Weizen, der Mensch den Menschen[1559].
Entgegen den im vorstehenden entwickelten Anschauungen sieht aber
~Aristoteles~ an anderen Stellen seines Lehrgebäudes die πρώτη ὕλη
oder Urmaterie als einen körperlichen Stoff an[1560]; dieser ist
fähig der μεταβολή (Metabolé), -- was ursprünglich Bewegung und
Ortsveränderung bezeichnet, später aber auch Veränderung der Größe
und Veränderung der Eigenschaften, welche letztere Unterart ἀλλοίωσις
(Alloíosis, Artverwandlung) heißt --, ferner der σύνθεσις (Synthesis)
oder äußeren Vermischung, und endlich der μῖξις (Míxis) oder inneren
Verbindung[1561]; aus ihm sollen zunächst die vier Elemente hervorgehen
und weiterhin aus diesen durch μῖξις die Einzelkörper; diese stellen
keine bloßen mechanischen Mischungen dar, sondern durchaus einheitliche
und neue Stoffe, und enthalten die Elemente, die in ihnen stets +alle
vier+, wenn auch in den wechselndsten Mengen, vorhanden sind[1562],
nicht mehr unverändert, sondern nur noch potentiell, d. h. unter
Umständen wieder aus ihnen abscheidbar[1563].
Hiernach sind die Elemente spezifische, nicht weiter in andersartige
Bestandteile zerlegbare Grundstoffe, die aus der Hyle hervorgehen
und sich scharf von den ἀρχαί (Archai), als den außerhalb der Dinge
stehenden bloßen Prinzipien, unterscheiden[1564]; andere Teile der
aristotelischen Schriften erblicken hingegen schon in der Hyle selbst
nichts Einheitliches, vielmehr eine Gesamtheit der vier Elemente, die
vereint als Träger der Hyle gelten und deren vier Einzel-Erscheinungen
ein (abstraktes) „gemeinsames Substrat“ (κοινὸν ὑποκείμενον) zugrunde
liegt[1565]; ferner werden die vier Elemente oder στοιχεῖα (Stoicheía)
auch bald als ἀρχαί, bald als σώματα (Sóma = Körper) bezeichnet[1566]
und als Verbindungen gewisser „Gegensätze“ angesprochen[1567]. Die
vier ersten und ursprünglichen Qualitäten, das sind Wärme und Kälte,
denen +aktive+, sowie Trockenheit und Feuchte, denen +passive+ Natur
zukommt, lassen nämlich sechserlei Arten der Paarung zu; zwei von
diesen scheiden aus, da sich offenbar weder Wärme und Kälte noch
Trockenheit und Feuchte miteinander zu verbinden vermögen; demnach
verbleiben noch vier Paarungen, und von diesen ist zu setzen: Kälte
+ Trockenheit = Erde, Feuchte + Kälte = Wasser, Wärme + Feuchte =
Luft, Trockenheit + Wärme = Feuer, wobei die zweite der angeführten
Qualitäten stets die vorherrschende ist, und durch weitestgehende
Steigerung aus Wasser und Feuer die „Extreme“ Eis und Flamme ergeben
kann. Alle vier Elemente sind gegenseitiger Umwandlung ineinander
fähig[1568], und zwar rasch und leicht in den Richtungen Feuer ⭢ Luft
⭢ Wasser ⭢ Erde oder umgekehrt, weil hierbei stets +eine+ gemeinsame
Qualität als Anknüpfungspunkt bestehen bleibt, langsam und schwierig
aber in der Richtung Feuer ⮂ Wasser oder Erde ⮂ Luft, die einen Wechsel
+beider+ Qualitäten erfordert; alle diese Umwandlungen vollziehen
sich ἄνω καὶ κάτω[1569], in einem unaufhörlichen Kreisprozesse oder
Zyklus (ἐν κύκλω)[1570], und in solcher Weise, daß im ganzen das
Gleichgewicht zwischen Erde, Wasser, Luft und Feuer stets erhalten
bleibt. Hinsichtlich des eigentlichen Wesens dieser μεταβολή (Metabolé,
Umänderung) der Elemente machen sich die oben erwähnten Unklarheiten
gleichfalls geltend: als Umwandlung des gemeinsamen Substrates, der
πρώτη ὕλη (materia prima), hängt die Metabolé enge zusammen mit
den Veränderungen der Qualitäten (ποιότητες) und ist demnach eine
Alloiosis[1571], aber gelegentlich der zyklischen Übergänge der
Elemente wird sie auch als γένεσις καὶ φθορά (Entstehen und Vergehen)
erklärt[1572], endlich ist es jedoch auch nicht ausgeschlossen, daß
diese und andere Arten der Stoffverwandlung vielfach ineinander
übergreifen[1573].
Der +Äther+ ist +kein+ Element, sondern eine göttliche und himmlische
Substanz, durchaus und völlig verschieden von allen irdischen Stoffen,
deren Gesetze daher für ihn keine Gültigkeit haben; er ist immateriell,
einfach, unentstanden und unvergänglich, frei von den in den Elementen
enthaltenen „Gegensätzen“, daher auch qualitativ unveränderlich und
in endloser einheitlicher Kreisbewegung begriffen[1574]. Dieser ewig
unwandelbare, gleichmäßige, durchaus „vollkommene“ Umschwung des
Äthers, des Himmels und der Gestirne, ist das +erhaltende+ Moment
im Weltall, während die Schiefe der Ekliptik das +Verändernde+
hinzubringt; aus dem Zusammenwirken beider erklären sich die sämtlichen
grad- und krummlinigen Bahnen der irdischen Stoffe und die an sie
geknüpften Veränderungen der Materie, die also in letzter Hinsicht
auf die Bewegungen der „göttlichen“ Himmelskörper zurückgehen[1575].
Besonders wechselnd und verwickelt sind sie bei den Planeten, die sich
dadurch scharf von den unwandelbar an ihrem Orte beharrenden Gestirnen
der Fixsternsphäre unterscheiden; daß aber ihre Stellungen und Wege
Vorbedeutungen in sich schließen und in Beziehung zu den irdischen
Einzeldingen oder zu den Schicksalen der Menschen stehen sollen, gehört
in das Gebiet der Sagen und mythologischen Fabeln. Sämtliche Sphären
werden von lenkenden Sterngöttern durch den Raum geführt[1576]; diese
gelten [wie schon ihr späterer Übergang in „Schutzengel“ zeigt] in
der Regel als „gute Geister“ und gehören dem Kreise der „Untergötter“
an, die als Stufenreich bald wohlgesinnter, bald bösartiger Dämonen
zwischen der Weltseele und den körperlichen Dingen schweben[1577].
Dem Äther nahestehend und edler als die vier Elemente ist das
+Pneuma+, ein ätherischer Hauch von warmer Natur und von der feurigen
Beschaffenheit der Himmelsgestirne, daher auch wie sie wärmespendend
und lebenerweckend[1578]; es ist der Träger der tierischen Wärme, die
am auffälligsten in der δύναμις πνευματική (pneumatischen Kraft) des
Samens hervortritt[1579], aber auch als Lebenswärme das Blut erfüllt
und u. a. die Nahrung „zurechtkocht“, wobei die Dünste und Dämpfe
zum Kopfe aufsteigen und dort durch die Kälte des Gehirnes wieder
abgekühlt werden[1580]; es ist ferner der Sitz der Seele[1581], deren
Übertragung, zugleich mit jener des Lebens, durch den Samen erfolgt
und zur Entstehung eines neuen, als Mikrokosmos anzusehenden Wesens
führt[1582].
Durch Umwandlung der Elemente, besonders der Erde und des Wassers,
unter dem Einflusse von Wärme und Kälte, sowie durch Verdichtung
dampfartiger Dünste, namentlich unter Druck, entstehen im Inneren des
Erdkörpers der von vielen für höchst heilig (θεῖον, theíon) erachtete
Schwefel (θεῖον, Theíon) nebst den ihm verwandten Mineralien, ferner
die Salze, die Tone, die Erze und die Metalle, und zwar durch ein sehr
allmähliches Wachsen und Reifen, also auf ganz anderem Wege als sie
die menschliche Kunst unter Umständen herzustellen oder abzusondern
versteht.
Alle Metalle enthalten Wasser, jedoch nur in potentiellem Zustande,
während es aktuell erst beim Schmelzen hervortritt und erkennen läßt,
daß alles Schmelzbare von der Natur des Wassers ist; ferner enthalten
sie Erde, mit einziger Ausnahme des Goldes. Dieses allein ist völlig
rein und wird daher auch durch die größte Glut weder verändert noch
verbrannt; eine Flamme, die stets nur als „brennender Rauch“ anzusehen
ist[1583], gibt es selbst im schärfsten Feuer nicht; seine gelbe
oder rote Farbe beweist jedoch, daß es in enger Beziehung zum Feuer
steht, mittels dessen es zu gewinnen und auszuschmelzen zuerst der
Phönizier ~Kadmos~ lehrte. In merklicher Menge enthält das Silber
erdige Teile, in noch merklicherer das Kupfer, Eisen, Zinn und Blei,
die deshalb sämtlich verbrennbar sind und dem Feuer nicht widerstehen;
im Quecksilber ist hauptsächlich Erde und Wasser vorhanden, welches
letztere seinen flüssigen Zustand bewirkt, außerdem aber auch viel
Luft, die seine Verdichtung durch die Kälte verhindert.
Gold und das „feuerfarbige“ [Metall], sowie ebenso Silber und Zinn
gehören gleicher Gattung und Art an, stimmen in der Farbe und den
meisten Eigenschaften völlig überein und zeigen sich in anderen nur
wenig verschieden; sie sind also miteinander nahe verwandt und daher
auch gegenseitigen Überganges fähig. Durch Verschmelzen von Kupfer mit
einer im Lande der Mossynöken, am Südostufer des Schwarzen Meeres,
vorkommenden Erdart [offenbar einem zinkhaltigen Mineral], bereitete
ein Erfinder, der sein Verfahren hierbei geheim hielt, eine „Mischung“
(κρᾶμα = Kráma, κρᾶσις = Krásis, d. i. eine Legierung), vermutlich die
nämliche, aus der die berühmten „indischen“ Trinkschalen des Königs
~Darius~ verfertigt waren [d. i. Messing]: sie ist ebenso glänzend,
leuchtend und unverrostbar wie Gold und von diesem durch die Farbe
nicht zu unterscheiden, angeblich aber durch den Geruch. Übrigens
sehen gar mancherlei Dinge wie Gold oder Silber aus, die nur mit
χολοβαφίνη (Gallenfarbe) gelb gefärbt sind, oder aus Lithargyrina
[einer silberähnlichen Legierung?] bestehen; wer sie wirklich für Gold
oder Silber hält, gleicht dem Manne, dem ein Trugschluß als Wahrheit
erscheint.
Das Verschmelzen von Kupfer mit dem aus den keltischen Ländern
kommenden Zinn und das Zurechtmischen (χαλκοῦ κρᾶσις Krásis) und Gießen
des „Erzes“ [der Bronze] soll ein Lyder namens ~Skythos~ erfunden
haben. Das Wesen dieses Vorganges besteht darin, daß die ausgeprägte
und beständige Natur des Kupfers der ungefestigten und für Einwirkungen
sehr empfänglichen des Zinns völlig Herr wird, so daß das Zinn, als
wäre es zu einem bloßen stofflosen Zustand (zu einer Qualität) des
Kupfers geworden, im Erze verschwindet, dem es dabei eine (goldige)
Färbung erteilt; tatsächlich ist das Zinn, nachdem seine Vermischung
mit dem Kupfer stattgefunden hat, als solches nicht mehr wahrnehmbar,
aber aus den weichen Metallen ist dabei ein hartes, festes, von hohem
Glanze und von gänzlich anderer Farbe entstanden, das Kupfer hat also
zugleich mit der neuen Färbung auch eine völlig neue Natur angenommen.
Eine derartige Veränderung, die unter „Auflösung der eigenen Form“,
unter „Aufgeben der eigenen Hyle“ verläuft, steht indes keineswegs
vereinzelt da: ein Tropfen Wein z. B. +vermischt+ sich nicht mit
10000 Kannen Wasser, sondern +geht+ unter gänzlichem Verluste seiner
Form in Wasser +über+, ein Körnchen Süßes bleibt in einer sehr großen
Menge Flüssigkeit nicht als Gemengteil +erhalten+, sondern wird völlig
zu ihr „+aufgelöst+“. Beispiele für die Umwandlung der Natur eines
Stoffes unter Farbenwechsel sind das Reifen der herben und sauren
Früchte zu wohlschmeckenden und süßen, die Entstehung von Brot und
Backwaren aus μάζα (Máza = Brotteig), also aus Mehl und Wasser, --
wobei infolge der massenhaft entweichenden „Luft“ stets ein erheblicher
Gewichtsverlust eintritt --, ja auch die Veränderungen des Wesens der
Menschen zugleich mit deren „angeborener Farbe“, die ursprünglich für
jeden Einzelnen durch das Verhältnis bedingt ist, „wie sich in ihm die
Elemente mischten.“ Nicht möglich ist es indessen, solche und ähnliche
Veränderungen auf gleiche Weise wieder rückgängig zu machen: Wein geht
z. B. leicht in Essig über, soll aber aus Essig wieder Wein entstehen,
so kann das nur auf dem nämlichen Wege geschehen, auf dem aus einem
Toten aufs neue ein Lebendiger wird, d. h. durch die gänzliche
Auflösung seiner Bestandteile in die Ursubstanz (πρώτη ὕλη; próte hýle,
materia prima) und durch deren völlige Neugestaltung[1584].
Unter den der Schule des ~Aristoteles~ Zugehörigen, den Peripatetikern,
steht sein unmittelbarer Nachfolger ~Theophrastos~ (372-287) ihm nach
fast allen Richtungen sehr nahe und teilt auch seine Ansichten betreff
der Materie[1585]; als ὕλη (Hýle) betrachtet er jedoch fast stets einen
bestimmten Stoff und nicht, wie wiederum die späteren Schulhäupter,
die noch gestaltlose Ursubstanz „vor Aufnahme der Form“[1586]. Seine
hervorragendsten philosophischen Werke sind leider verloren gegangen,
so daß sich ihr Inhalt nur auf Grund später und oft arg entstellter
Überlieferungen wenigstens zum Teile erschließen läßt; auch von
der Schrift über die Mineralien, auf die an geeigneter Stelle noch
zurückzukommen sein wird, besitzen wir nur größere Bruchstücke.
~Theophrasts~ Schüler ~Straton~, der 287-269 lehrte, soll sich
vornehmlich mit Naturkunde beschäftigt haben, weshalb er auch ὁ φυσικός
(der Physikus) genannt wurde[1587]; in seinen Lehrmeinungen wich er
vielfach von ~Aristoteles~ ab und hielt u. a. auch die scharfe Trennung
von Stoff und Form für unzulässig und unmöglich[1588]. Von seinen
zahlreichen Schriften sind nur geringe Fragmente erhalten, aus denen
~Diels~ sein System nach Möglichkeit rekonstruierte[1589]. Wichtig ist
namentlich ~Stratons~ Lehre vom Pneuma[1590], die sehr bedeutenden
Einfluß auf die Medizin gewann; bei seinem Zeitgenossen ~Erasistratos~,
dem berühmten Arzte, tritt das Pneuma auch als mechanischer Träger der
Seelentätigkeit auf[1591].