Die Gelehrten, die sich mit den griechischen alchemistischen Schriften
nach deren Wiederauftauchen seit Ende des 15. Jahrhunderts zuerst
beschäftigten, machten bereits die Bemerkung, daß ihr Inhalt in
vieler Hinsicht durch gewisse Lehren beeinflußt sei, die sichtlich
der griechischen Philosophie entstammten; da man aber über diese
selbst und ihre Chronologie noch völlig im unklaren war, und erst die
Arbeit einiger Jahrhunderte dahin führte, auf solchem Gebiete auch nur
die Haupt-Richtlinien in annähernd zutreffender Weise zu ermitteln,
so darf es nicht wundernehmen, daß noch lange Zeit hindurch auch
sonst bedächtige und ernste Schriftsteller an Hand völlig haltloser
Voraussetzungen die abenteuerlichsten und verkehrtesten Schlüsse
zogen; diese blieben dann in der wissenschaftlichen Welt zum Teil
bis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts hin in einer Geltung, der die
Ausführungen einzelner aufgeklärter Köpfe nur geringen Eintrag taten.
Richtige und in allem Wesentlichen sachgemäße Einsicht erschloß zuerst
1856 eine Abhandlung „Keime der Alchemie bei den Alten“ von ~Prantl~,
dem hervorragenden, um die Geschichte der Geisteswissenschaften
und um Herausgabe und Verständnis der aristotelischen Werke gleich
hochverdienten Forscher; da sie aber nur in der von vielen als „höheres
Unterhaltungsblatt“ angesehenen „Deutschen Vierteljahrsschrift“
erschien[1337], und zwar ohne Namen des Verfassers, der ihrer
auch später bloß an einer ziemlich versteckten Stelle seiner
~Aristoteles~-Ausgabe Erwähnung tat[1338], blieb sie leider völlig
unbeachtet und den Historikern der Chemie, z. B. ~Kopp~, unbekannt.
Hat nun auch ~Prantl~ alles Hauptsächliche im rechten Lichte
gesehen, so ist doch einerseits seit 1856 ein ungeheurer Zuwachs
an Kenntnissen zu verzeichnen, andererseits aber bleibt auch eine
eingehendere Darstellung wünschenswert, als sie seine für eine
Zeitschrift bestimmte Skizze zu bieten vermochte. Im nachstehenden
soll daher der Versuch unternommen werden, Auftauchen und Entwicklung
derjenigen philosophischen Grundbegriffe und Lehren zu schildern,
die maßgebende Wichtigkeit für die Entstehung +alchemistischer+
Anschauungen erlangten. Diese Fassung der Aufgabe macht ersichtlich,
daß es sich nur um die zweckentsprechend eingeschränkte +Auswahl+
aus der unermeßlichen Fülle eines Stoffes handeln kann, den in
seiner Gesamtheit und allen seinen Verzweigungen nach selbst der
Fachmann auf philosophie-geschichtlichem Gebiete längst nicht mehr
gleich vollständig zu übersehen und zu beherrschen vermag; über die
Anschauungen vieler Forscher, ja ganzer Schulen, die an sich, also
ihren Gesamtleistungen und ihrer historischen Rolle nach, von hoher
Bedeutung sind, wird daher bald nur Weniges zu berichten, bald ganz
hinwegzugehen sein, soferne sie nicht auch auf jenem Sondergebiete
bestimmbare Spuren hinterliessen.
——————————
Schon zur Blütezeit Griechenlands, insbesondere aber während der
hellenistischen Ära, gaben sich die ägyptischen Priester mit großer
Kühnheit als Stammväter wie der griechischen Religion, Poesie
und Gesetzgebung, so auch der griechischen Philosophie aus und
versicherten, Namen und Lehren der bei ihnen in die Schule gegangenen
„Weisen“ in ihren uralten „heiligen Schriften“ und auf den Stelen (ἐν
στήλαις) ihrer Tempel verzeichnet zu besitzen; bei den griechischen
Zeitgenossen fanden sie mit +dieser+ Behauptung ebenso Glauben[1339],
wie etwa mit +der+, auf solchen Säulen lese man die Erzählung von
jenen mythischen, in fernster Urzeit ausgefochtenen Kämpfen zwischen
den Bewohnern Attikas und der Atlantis, über die ~Platon~ im Dialoge
„Kritias“ berichtet[1340], oder auch die vom wahren Hergange des
trojanischen Krieges[1341]. Einfluß und Stellung der Priester Ägyptens,
woselbst, wie im ganzen Orient, Kult und Hierarchie in engster, dem
griechischen Geiste völlig fernliegender Weise verflochten waren[1342],
ließen es den fremden Zuhörern offenbar als berechtigt erscheinen,
diesen Männern unermeßliche Gelehrsamkeit und geheime Weisheit
zuzutrauen, deren Bedeutung man desto höher einschätzen durfte, je
weniger man in der Lage war, sie eingehender kennen zu lernen. Richtig
sprach indessen bereits ~Platon~ im Dialoge „Vom Staate“ (Republik)
aus, die Griechen beseele der Sinn für die reine Wissenschaft, die
Ägypter und Orientalen aber das Verlangen nach Erwerb[1343]; auch
bestätigen die Ergebnisse der neueren Forschung, daß tatsächlich weder
Ägypter noch Phönizier, Babylonier, Perser usf. jemals die Wahrheit
nur um ihrer selbst willen suchten, d. h. ohne jede Rücksicht auf
ihren Nutzen oder auf ihren Zusammenhang mit bestimmten Zwecken,
z. B. mit religiösen. Der westliche Orient besaß also Geheimnisse
rein wissenschaftlichen und vor allem rein philosophischen Charakters
selbst nicht, war daher auch nicht in der Lage, sie den Griechen
mitzuteilen; wohl aber entwickelte sich die griechische Philosophie
nicht unabhängig von den an ihrem Entstehungsorte, der kleinasiatischen
Küste, so mächtigen orientalischen Einflüssen, z. B. von jenen der
ägyptischen „Geometrie“, d. i. der rein praktischen Zielen dienenden
Landvermessungs-Kunst, der babylonischen Sternkunde, die, wesentlich
astrologischen Inhaltes, u. a. die regelmäßige Wiederkehr der
himmlischen Erscheinungen in Cyclen (Kreisläufen) und die Parallelität
der himmlischen und irdischen Ereignisse (des Makro- und Mikro-Kosmos)
lehrte, sowie endlich gewisser religiöser Vorstellungen babylonischer
und iranischer Herkunft. An genauerer Kenntnis dieser aller fehlte es
aber ursprünglich noch durchaus[1344].
a) Die jonischen Philosophen: Thales, Anaximander, Anaximenes; Heraklit.
Die jonischen Philosophen, deren Tätigkeit um etwa 600 v. Chr.
einsetzt, waren es, die zuerst den Gedanken erfaßten, Kern der bis
dahin allein betrachteten Welt des Wandelbaren und Flüchtigen sei ein
nur in Erscheinung und Gestalt Wechselndes, seinem eigentlichen Wesen
nach aber Beharrendes und Dauerndes, ein einheitliches Prinzip, das
sie als „göttliches“, als „Gottheit“ (jedoch nicht im religiösen Sinne
des Wortes) bezeichneten und φύσις (Physis) = Urstoff nannten[1345].
Aus dieser Ursubstanz, der Einen (ἐξ ἑνός) und Einheitlichen, in
späteren Zeiten auch ἀρχή (Arché = Urprinzip; +nicht+ = Uranfang in
+zeitlicher+ Hinsicht) oder οὐσία (Usía = Urmaterie) Geheißenen, die
allem Bestehenden zugrunde liegt (ὑποκείμενον), gehen zunächst die vier
Elemente hervor, die ebenso dauernd sind oder doch sein können wie der
Kosmos selbst, und weiterhin die Einzelstoffe, die sich fortwährend aus
den vier Elementen bilden, aber auch wieder in sie zerfallen[1346]; der
+Name+ „Element“ (στοιχεῖον, Stoicheíon) taucht allerdings, wie hier
ein für allemal bemerkt sei, erst bei ~Platon~ auf (und zwar als nicht
mehr ganz neuer)[1347], vorausgesetzt finden sich aber die Elemente,
alter Volksauffassung gemäß, bereits bei ~Homer~[1348].
Bei der Bildung oder Auflösung der Elemente handelt es sich also
nicht um ein Entstehen oder Vergehen, vielmehr erleidet der Urstoff
eine bloße μεταβολή (Metabolé = Umänderung)[1349], und zwar nur eine
qualitative αλλοίωσις (Alloíosis = Artverwandlung)[1350], hervorgerufen
durch mehr oder minder weitgehende Verdünnung oder Verdichtung unter
dem Einflusse von Wärme oder Kälte[1351], deren Fähigkeit zu derlei
umformenden und umgestaltenden Wirkungen dogmatisch feststeht[1352].
Demgemäß sind die Elemente potentiell (= der Möglichkeit nach) jedes in
jedem enthalten und können wechselseitig ineinander übergehen[1353],
nach Regeln, die sich aus ihrem festen Sitze und „natürlichem Orte“ im
Weltall ergeben, -- die Erde zu unterst, über ihr das Wasser, hierauf
die Luft, zu oberst das Feuer --, und denen zufolge jedes sich am
leichtesten in die ihm benachbarten zu verwandeln vermag[1354], z. B.
Luft in Feuer durch Verdünnung, dagegen in Wasser und sodann in Erde
durch Verdichtung[1355]. In diesem Sinne läßt sich der ganze Kosmos als
Ergebnis einer, wenn auch nur allmählichen und stufenweisen, so doch
einheitlichen Entwicklung des „einzigen“ und „göttlichen“ Ursubstrates
betrachten[1356].
Was den Anteil der einzelnen Philosophen[1357] an der Gestaltung
dieser Lehren betrifft, so ist er in vielen Punkten kaum mit wirklich
ausreichender Sicherheit zu ermitteln, teils weil die nur in
Bruchstücken vorliegenden Überlieferungen durch zahlreiche spätere
Einschiebsel und Fälschungen entstellt sind[1358], teils weil die
Deutungen, auch die der ersten Fachmänner, oft weit auseinandergehen.
Von ~Thales~ von Milet, dessen Blütezeit gegen oder um 600 v. Chr.
fallen dürfte, wird berichtet, er habe als erster eines der Elemente
selbst, und zwar das Wasser, für den Urstoff (φύσις, Physis) erklärt,
die übrigen aber als aus dem Wasser hervorgegangen angesehen[1359];
daß hierbei die Kenntnis, sei es des babylonischen Mythus vom
„Urwasser“, sei es einer analogen Tradition mit im Spiele gewesen sei,
ist vorerst unbewiesen, erscheint jedoch nicht unmöglich, falls, nach
~Kugler~[1360], ~Thales~ auch astronomische Zahlen-Angaben, Symbole
und Spekulationen unzweifelhaft babylonischer Herkunft übernahm. Daß
sein wenig jüngerer Landsmann ~Anaximander~ (611-545)[1361] die Stelle
des Wassers der Luft zugewiesen habe, trifft nicht zu, denn das πνεῦμα
(Pneuma = Luft, Lufthauch, Wind) spielt zwar bei ihm eine wichtige
Rolle und bewirkt u. a. die Bewegung der „göttlichen“ Sterne[1362],
doch als wesensgleich mit der Physis sieht er es ebensowenig an, wie
eines der anderen Elemente[1363]. Erst dem ~Anaximenes~ von Milet
(585-525)[1364] gilt als Urstoff die Luft, das πνεῦμα = Atem, Hauch,
Wind[1365]; zu unserem Körper verhält sich der kleine Anteil der Luft,
der ihn als „Seele“ genannter Lebensodem zusammenhält und regiert,
genau so, wie die gesamte Menge der Luft zum ganzen Weltall, die sie
als „Pneuma“ geheißener Windhauch durchdringt und beherrscht[1366];
anschaulicher Gegenstand der Vergleichung ist hierbei nach ~Goebel~ der
Wechsel von Verdichtung und Verdünnung, Erwärmung und Abkühlung, der
auch den Vorgang des Atmens begleitet[1367].
~Heraklit~ von Ephesos endlich, der seine tiefsinnigen und für die
gesamte Folgezeit außerordentlich bedeutsamen Schriften um 490 v. Chr.
verfaßte[1368], betrachtete als φύσις das Feuer[1369], vielleicht im
Anschlusse an iranische religiöse Vorstellungen[1370]; es ist ihm
der göttliche Urstoff (ὁ θεός = die Gottheit), der sich zu Allem zu
wandeln vermag (ἀλλοιοῦται)[1371], zu Luft, die eine Form des Wassers
ist[1372], zu Wasser, aber auch zu Erde, wobei er in unaufhörlichem
Kreislaufe seine Natur verändert, dementsprechend aber auch seinen Ort:
absteigend auf dem ὁδὸς κάτω (Hodós káto = Weg nach unten) über Luft
und Wasser herab zur Erde, und wieder aufsteigend auf dem ὁδὸς ἄνω
(Hodós áno = Weg nach oben) über Wasser und Luft empor zum Feuer[1373].
Diese Wandlungen erfolgen stets gleichzeitig und im Verbande, so daß
die Einheitlichkeit gewahrt bleibt: was sich unter den äußerlich
verschiedensten Formen zeigt, ist im Grunde stets ein- und dasselbe,
Eines ist Alles und Alles ist Eines (ἕν πάντα εἶναι; ἕν τὸ πᾶν, Hen to
pan)[1374], und selbst die scheinbar größten „Gegensätze“, wie Wärme
und Kälte, Trockenheit und Feuchte[1375], läßt die Natur sich suchen
und gleicht sie durch Vereinigung wieder aus, so wie sie das Männliche
mit dem Weiblichen (ἄρρεν καὶ θῆλυ, Arren kai Thély) zusammenführt und
verbindet[1376]. Das Feuer ist aber nicht nur die materielle Grundlage
des Universums, sondern als Welt-Feuer auch der Träger der Werde-Kraft
und -Tätigkeit[1377], die den Kosmos erwärmende, bewegende und
belebende Weltseele[1378], das Prinzip der ewigen Entwicklung, in deren
Verlauf alles entsteht und wieder vergeht, und die Weltvernunft oder
λόγος (Logos)[1379]. „Den Proteus Logos in irgendeiner anderen Sprache
zu fassen, ist ganz vergebliche Mühe“, sagt mit Recht ~Diels~[1380],
und ~Goebel~, der eine ganze Reihe von Erklärungen für Logos anführt,
stimmt ihm bei[1381]; nach ~Burnet~ bedeutet der (zuerst bei ~Heraklit~
vorkommende) Ausdruck ursprünglich entweder nur die „Rede“, das „Wort“
des ~Heraklit~ selbst, oder auch „Maß“ und „Messung“[1382], und erst
weiterhin erhält er den Sinn von Vernunft-Maß, Vernunft-Gesetz[1383],
weltbeherrschender Vernunft[1384], Gesetzmäßigkeit alles Geschehens,
Einheitlichkeit und Harmonie des Weltganzen[1385] usf., der aber
bei ~Heraklit~ selbst noch nirgendwo derart hervortritt wie in den
Schriften späterer Schulen[1386].
b) Pythagoras: die Pythagoräer (Alkmaion, Philolaos); die Orphik.
~Pythagoras~ von Samos (etwa 570-490), der sich zuerst φιλόσοφος
(Philosoph; nicht = Weiser, sondern = Freund, Sucher der Weisheit)
genannt haben soll[1387], scheint in erster Linie durch die Macht
seiner Persönlichkeit und seiner Lebens-Auffassung und -Führung gewirkt
zu haben[1388], doch wissen schon ~Platon~ und ~Aristoteles~ nur
äußerst Dürftiges von ihm und seinen Lehren[1389], gar nichts aber von
jener „geheimen Weisheit“, die ihm (mehrere Jahrhunderte später) die
Schule der „Neupythagoräer“ zuschrieb[1390]. +Nicht+ auf ~Pythagoras~
zurückzuführen sind u. a.: die sog. Zahlenmystik, die erst nach 470
nachweisbar wird[1391]; die „Harmonie der Sphären“, da zu seiner
Zeit „Sphären“ noch unbekannt waren, und ἁρμονία (Harmonía) damals
nicht Harmonie bedeutete, sondern das Gleichgewicht entgegengesetzter
Spannungen[1392]; die Entdeckung der Identität von Morgen- und
Abendstern, Eosphoros und Hesperos, da diese zu den Voraussetzungen
der Siebenzahl der Planeten gehört und den Griechen wohl zusammen
mit dieser aus dem Oriente zukam[1393]; die Parallele zwischen den
sieben Planeten und den sieben Saiten der Lyra (Heptachord), die,
wie noch viele andere „pythagoräische“ Theorien, in Wirklichkeit
erst der pythagoräischen Schule des 5. Jahrhunderts zugehört[1394].
Nur +eine+ Lehre brachten schon die dem ~Pythagoras~ unmittelbar
folgenden Geschlechter mit seinem Namen in Verbindung, die von der
Unsterblichkeit und Seelenwanderung[1395], παλιγγενεσία (Palingenesía);
ihre oder ihrer wesentlichen Grundlagen Quelle suchten einige neuere
Forscher in Indien[1396], andere (wie vormals schon ~Herodot~) in
Ägypten[1397], während sie tatsächlich wohl aus alten volkstümlichen
Vorstellungen fließt[1398], die in der „Orphik“ spätestens im Laufe des
6. Jahrhunderts zu neuer und erhöhter Bedeutung gelangt waren[1399].
Die „Orphik“[1400], das Erzeugnis eines von Grund aus religiösen und
nach neuer religiöser Entwicklung strebenden Zeitalters, entstand
zweifellos im 7. Jahrhundert in Thrazien und wurzelt in dem dort
heimischen ~Dionysos~-Kultus, erreichte aber ihre eigentliche Blüte
erst in Attika zur Zeit der ~Peisistratiden~ (von 560 an) und wurde
im 6. Jahrhundert aus Kleinasien, wo sie gleichfalls weitverbreitet
war, durch griechische, den vordringenden Persern weichende
Auswanderer, mit großem Erfolge auch nach Kreta, Sizilien und
Süditalien verpflanzt[1401]. Die Orphiker bildeten Kultvereinigungen
zur Pflege gewisser Geheimlehren, Gemeinschaften, in die man durch
„Einweihung“ aufgenommen wurde; sie glaubten an eine geoffenbarte
Theologie, niedergelegt in den angeblich „uralten“ (vorhomerischen und
-hesiodischen) Dichtungen des Thrakiers ~Orpheus~, des gottbegnadeten
Sehers und Stifters ihrer Mysterien[1402], seines Schülers ~Musaios~
und seines Landsmannes ~Eumolpos~, des Begründers der (tatsächlich
ältesten) Geheimdienste zu Eleusis. Wesentlich waren diesen, einer
ganzen Epoche zuzuschreibenden Pseudepigraphen, -- und zwar nicht
als Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchung, sondern als rein
dogmatische Voraussetzungen, -- die Lehren von einer Reinigung,
Entsühnung und Erlösung[1403], von einer Befreiung der unsterblichen
Seele aus dem Kreislaufe der Wiedergeburt und Seelenwanderung, sowie
von einer Vergeltung durch Lohn oder Strafe im Jenseits[1404]. Schon
frühzeitig erfuhr die Orphik, infolge ihres Bestrebens, die den alten
+eigenen+ Göttern verloren gegangene Autorität bei +fremden+ zu
suchen, weitgehende Einflüsse seitens kleinasiatischer Kulte, z. B.
der Schlangenverehrung des phrygischen ~Sabazios~ (die dem Dienste des
thrakischen ~Dionysos~ ganz fremd war)[1405], sowie orientalischer,
vor allem babylonischer und iranischer Mythen[1406]; letzteren
scheinen sich namentlich gewisse, in dunkler und vieldeutiger Sprache
dargelegte Vorschriften angepaßt zu haben, betreffend die Erlangung
kultischer Würdigkeit durch Reinigung, Fasten und Bußen, sodann die
Verehrung und Beschwörung höherer Wesen durch Gebete, Lieder, Sprüche
und Formeln, ferner den Empfang von Offenbarungen durch abergläubische
Verkündigungen, Vorzeichen und Wunder usf., hauptsächlich aber auch
die Ideen über Kosmogonie und Theogonie (Entstehung von Welt und
Göttern). Soweit die lückenhafte und sehr schwankende Überlieferung
zu urteilen gestattet, gehört zu deren alten Zügen u. a. die Annahme,
daß aus einem, meist als Nacht, Dunkel, Chaos, .... bezeichneten
Urzustande zuerst ~Chronos~, hierauf ~Aither~ (Äther = Himmel?) und
Unterwelt, sodann (durch ~Chronos~?) das „silberglänzende“ Weltei
hervorgeht, und aus diesem schließlich der goldgeflügelte Lichtgott
~Phanes~ (Eros) der „Erstgeborene“; er wird androgyn (mannweiblich;
δισώματος = zweikörperlich) gedacht, angeblich weil er, als Symbol
der noch einheitlichen Welt, den Samen (σπέρμα, Sperma) aller Götter,
Einzelwesen und Einzeldinge in sich enthält, die später aus ihm zur
Entwicklung gelangen oder emanieren[1407]. Mit ~Phanes~ wird ~Dionysos~
identifiziert, weiterhin auch dessen Vater ~Zeus~ selbst[1408], und zu
seinen Gunsten wird auch Χρόνος (~Chronos~ = Zeit), den man anscheinend
schon frühzeitig mit Κρόνος (~Kronos~, dem Gotte der heißen Jahres-
und Erntezeit, wie ~Saturn~)[1409] zusammenwarf[1410], in eine jüngere
Epoche herabgesetzt[1411], während er als uranfängliches Weltprinzip
die +absolute+ Zeit darstellte, im Gegensatze zu Αἴων (~Aeon~), der
die +relative+ Zeit (die Zeitalter) vertritt und noch bei ~Euripides~
Χρόνου παῖς = Sohn des ~Chronos~ heißt[1412]. Wie nun ~Eisler~
erinnert[1413], kennt der iranische Mythus einen obersten Himmelsgott
~Zervan~, der als Zwitter das Weltenei erzeugte, aus dem die Götter
~Mithras~ und ~Angra-Mainya~[1414] hervorgehen, und der Wasser,
Wind und Feuer schuf; die Parallelen sind nach dieser und anderen
Richtungen hin überraschend, namentlich scheint dem iranischen ~Zervan~
der griechische ~Chronos~ nachgebildet zu sein, der gleichfalls aus
seinem Samen Wasser (als das πρῶτον = das Erste, Ursprüngliche),
Wind (Luft) und Feuer geschaffen haben soll. Vermittler solcher den
orientalischen Ursprung noch verratender Überlieferungen, die uns
freilich nur in dürftigen Resten aus später Zeit vorliegen[1415],
ist hauptsächlich ~Pherekydes~ aus Syros, den einige als Lehrer des
~Pythagoras~ ansprechen, während er nach anderen erst um 450 geblüht
haben soll[1416]; eine Hauptrolle spielen, wie bei ihm, so auch bei
seinen angeblichen Zeitgenossen ~Epimenides~ und ~Akusilaos~, das
Chaos, Chronos, das Weltenei, ~Zeus~ und ~Eros~, Erde und Unterwelt,
Himmel und Äther. Die orphische Gleichsetzung von Äther mit Weltseele
gehört allerdings, wie der letztere Begriff selbst, erst einer weitaus
späteren Periode an[1417]; für eine schon in alter Zeit erfolgte
Entlehnung und für iranische Herkunft des etymologisch schwierigen
Wortes αἰθήρ (Aithér, Äther) spricht aber die bisher anscheinend
nicht genügend gewürdigte Tatsache, daß „Feuer“ im Persischen „Atar“
heißt, und ~Atar~ als Sohn des ~Ahura-Mazdah~, des „weisen Herrn“
des Lichtreiches gilt[1418]; die Identifizierung des höchsten
Himmelsgottes mit Feuer und Äther, so z. B. auch bei ~Pherekydes~ Ζάς
(~Zeus~) = Αἰθήρ[1419], erscheint hiernach in neuem Lichte, und wenn
eine der Helios-Töchter, die, der Sage nach, zum Baume verwandelt
Tränen feuerfarbigen Bernsteines vergießt, ~Aitherie~ heißt[1420],
so durchschimmert diesen Namen vielleicht noch ein Rest der alten
Bedeutung.
Sehr möglich ist eine Beeinflussung schon der jonischen Philosophie
oder doch einzelner ihrer Vertreter (s. oben bei ~Heraklit~) seitens
der Orphik und ihrer aus dem Orient aufgenommenen Bestandteile,
und fraglos fest steht eine solche vieler späterer Philosophen und
Dichter[1421], z. B. des ~Empedokles~ (490-430?)[1422], ~Pindar~
(gest. um 445)[1423] und ~Euripides~ (gest. 407)[1424], der z. B. des
~Aristophanes~ glänzende Verspottung der orphischen Kosmogonie in den
„Vögeln“ (Vers 693 ff.) entgegentritt[1425].
Unmittelbar an ~Pythagoras~, der um 490 zu Metapont bei Kroton im
östlichen Unteritalien starb, knüpft die Schule der alten Pythagoräer
an; ihre Beurteilung ist sehr schwierig, erstens weil die Überreste
der wichtigsten (bis gegen 400 herabreichenden) Werke spärlich, reich
an Unklarheiten, von unverbürgter Echtheit und von unbestimmter
Abfassungszeit sind, zweitens weil Zweifel betreff der tatsächlichen
Zugehörigkeit mehrerer Forscher bestehen, und drittens weil +ihre+
Anhänger und die +anderer+ zu gleichzeitiger Entwicklung gelangter
philosophischer Systeme sich gegenseitig in mannigfacher Weise
beeinflußten.
Zu den wichtigsten Grundsätzen der Pythagoräer gehört die Lehre,
daß das wahre innere Wesen der Welt, das den Kosmos ordnende und
beherrschende Gesetz, in der alles messenden und bestimmenden +Zahl+
zu erblicken sei, daß zahlenmäßig angebbare Verhältnisse auch die
Entstehung der regelmäßigen räumlichen Gebilde bedingen, und daß die
räumliche, mathematisch bestimmbare +Form+ das für die Natur der
Einzeldinge eigentlich Entscheidende ist[1426]. Gehen Anschauungen,
wie sie uns in den (echten?) Fragmenten des ~Philolaos~ (gegen 400)
begegnen, wenn auch nicht (früheren Annahmen nach) auf ~Pythagoras~
selbst, so doch auf seine nächsten Schüler zurück, so hätten schon
diese sich vorgestellt, daß es +Dreiecke+ sind (als rein geometrische
Figuren, oder als äußerst dünne Blättchen betrachtet?), die als
solche, oder zu regelmäßigen Vierecken (Quadraten) und Fünfecken
(Pentagonen) aneinandergelegt, die Formen aufbauen[1427]; erfüllt
werden letztere von den vier Elementen, die in jedem Dreieck sämtlich,
wenn auch nach verschiedenen Anteilen gemischt, vorhanden zu denken
sind, weshalb man die Winkel, die den eigentlichen Ausschlag für die
Gestalt der Dreiecke geben, als ihnen geweiht ansieht. Das Wasser
wird hierbei dem ~Kronos~ zugeeignet, die Luft dem ~Dionysos~, das
Feuer dem ~Ares~, die Erde dem ~Hades~, denn diese vier Götter
beherrschen die feuchte und kalte Materie (ὑγρὰν καὶ ψυχρὰν οὐσίαν),
die feuchte und warme (ὑγρὰν και θερμήν), die feurige (ἔμπυρον
φύσιν), und die erdartige (χθονίαν)[1428]. Die „Gegensätze“ warm
und kalt, feucht und trocken, sind schon um 500 bei ~Alkmaion~ von
Kroton bezeugt, der u. a. die für die Geschichte der Medizin sehr
bedeutsam gewordene Lehre aufstellte, die Gesundheit sei abhängig vom
Gleichgewichtszustande dieser Gegensätze, sowie von der richtigen
Mischung der Elemente, die Krankheit jedoch beruhe auf Störungen dieser
Verhältnisse[1429]; aber auch die Gleichsetzung der Grundstoffe mit
bestimmten Göttern des Volksglaubens war nach ~Gilbert~[1430] schon
zu Beginn des 6. Jahrhunderts nichts Unbekanntes und Ungewöhnliches
mehr, und ist vermutlich auf theologische, dem Orient entstammende
Anschauungen zurückzuführen, soferne eine Auslegung zutrifft, der
gemäß schon ~Pherekydes~ von fünf Weltenräumen berichtete, bergend
die fünf Weltenmächte, nämlich Erde, Wasser, Luft (πνεῦμα, Pneuma),
Feuer und Äther (αἰθήρ = Ζάς, Zeus). Daß nun von den „regelmäßigen“
Körpern, deren bekanntlich fünf und +nur+ fünf möglich sind, bereits
~Pythagoras~ das Tetraeder für die Gestalt des Feuers erklärt
habe, das Oktaeder für die der Luft, das Ikosaeder für die des
Wassers und das Hexaeder (den Würfel) für die der Erde, ist völlig
unerweislich[1431]; aber auch betreff des ~Philolaos~, der gegen
400 eine Anzahl philosophischer und medizinischer, für die spätere
Entwicklung des Pythagoräismus wichtiger Schriften verfaßte[1432],
bestehen in dieser Hinsicht Schwierigkeiten, weil die Fünfzahl der
regelmäßigen Polyeder, von denen er gesprochen haben soll, erst als
Entdeckung der platonischen Akademie überliefert ist, wie schon der
Name „platonische Körper“ bestätigt[1433]; immerhin darf man aber
Vorahnungen dieser Gedanken für ihn in Anspruch nehmen, da er das
Dodekaeder als Form des Äthers und des von diesem umschlossenen
Weltenraumes bezeichnete, als den alles übrige umfangenden und in sich
fassenden „Schiffsrumpf“ oder „Schiffsbauch“ der Sphäre, wobei der
Aufbau der Welt mit dem eines Schiffes verglichen wird, dessen Material
Zimmerholz = ὕλη (Hyle) ist[1434]; nicht unerwähnt bleibe indes die
Vermutung, daß es umgekehrt die Existenz eines fünften regelmäßigen
Körpers gewesen sei, die den ~Philolaos~ zur Anerkennung des Äthers als
eines fünften Stoffes bewog[1435]. Übergänge der Elemente ineinander
hielten die Pythagoräer gleichfalls für möglich, konnten sie jedoch
begreiflicherweise nicht, wie die jonischen Philosophen, durch eine
„Alloíosis“ (qualitative Artverwandlung) erklären, sondern nur
durch eine „Genesis“ (γένεσις = quantitative Veränderung), beruhend
auf Anlagerung oder Abtrennung, Vermischung oder Entmischung von
Stoffteilchen[1436]; bemerkenswerterweise nahmen sie, wie es z. B. dem
~Philolaos~ zugeschrieben wird, auch einen Zusammenhang zwischen der
(später ποιότης, Poiótes = Qualität genannten) Beschaffenheit der Dinge
und ihrer Färbung (χρῶσις, Chrósis) an, die sie überdies, in nicht
mehr verständlicher Weise, auch mit ihrer Zahlenmystik in Verbindung
brachten[1437].
In den Mittelpunkt der Welt, der bei ~Philolaos~ (in nicht recht klarer
Weise) als Ausgangsort ihrer einheitlichen Entwicklung ἄνω und κάτω
(Ano-Káto, nach Oben und Unten) bezeichnet wird[1438], setzten die
Pythagoräer, als ihr „erstes“ Urgebilde (τὸ ἕν) und als „Herd“ des
Kosmos, ein „Zentral-Feuer“; um dieses bewegen sich, der Reihe nach,
die Erde nebst einer „Gegenerde“, Mond, Sonne, die später Merkur,
Venus, Mars, Jupiter, Saturn genannten Planeten (Merkur und Venus
also fälschlich +jenseits+ der Sonnenbahn!), und der als „Olymp“
bezeichnete Fixstern-Himmel[1439], jenseits dessen äußerer Feuerhülle,
des „Feuer-Kreises“, die unbegrenzte Luft (Pneuma) liegt, aus der die
Welt ihren Atem saugt[1440]. Der Umlauf der Erde um das Zentralfeuer
vollzieht sich in einem Tage, der der übrigen Gestirne entsprechend
langsamer, der des „Olymps“ erst in 10000 Jahren; die Bewegungen
der sieben Planeten, die ihre „Göttlichkeit“ beweisen, bringen Töne
hervor; die sich, vergleichbar denen der sieben Saiten der Leier, zur
„Sphären-Harmonie“ vereinigen[1441].
c) Die Eleaten: Xenophanes, Parmenides, Zenon; Melissos.
Über die physikalischen Anschauungen des ~Xenophanes~ von Kolophon,
der, als ältester Vertreter der Schule Eleas (einer phokäischen
Pflanzstadt), 570-470 gelebt haben soll[1442], besitzen wir nur
spärliche und von Unstimmigkeiten nicht freie Überlieferungen[1443],
betreff deren Deutung die Ansichten der Forscher auseinandergehen. Nach
~Zeller~ betrachtete ~Xenophanes~ τὸ γὰρ ἕν τοὺτο καὶ πᾶν, „dieses
Eines und Alles“ (Hen kai pan), als identisch mit dem Göttlichen,
und nannte es τὸν θέον, „den Gott“[1444]; nach ~Gilbert~ lehrte er,
daß es nur eine einheitliche Welt gebe, die τὸ ἕν, τὸ πᾶν, τὸ ὄν
sei, „das Eine, das Alle, das Seiende“[1445]; nach ~Deussen~ sind
die Worte ἕν τὸ ὄν καὶ πᾶν richtig zu übersetzen „das Seiende ist
Eines und auch Alles“[1446]; nach ~Windelband~ endlich soll dieser
Ausspruch besagen, daß der Welt nur ein einziger, unentstandener und
unvergänglicher Urstoff zugrunde liege, der unwandelbar und keiner
Alloíosis (Artverwandlung) fähig sei, alle Einzeldinge aber in sich
enthalte[1447]. Zweifellos gründet sich jede dieser Auslegungen, auch
die zuletzt angeführte, auf einzelne, den Lehren des ~Xenophanes~ zu
entnehmende Stellen; aber diesen stehen auch andere, und nicht leicht
mit ihnen zu vereinbarende gegenüber, z. B. die Behauptung, daß der
Urstoff „Erde“ sei und sich durch Verwandlung ἄνω und κάτω (nach
Oben und Unten) in die drei übrigen Elemente umsetze und aus ihnen
wiederherstelle[1448], oder daß alles Vorhandene aus Erde und Wasser
entstanden sei und sich zu Erde und Wasser wieder auflöse[1449].
~Parmenides~ von Elea, der tiefsinnige Denker und „erste Metaphysiker“,
der um 480-470 schrieb[1450], räumt Erde und Feuer eine wesentliche
und bevorzugte Stellung ein, während Wasser und Luft ihm nur als
Verwandlungs- oder Ausscheidungs-Produkte der Erde gelten[1451],
als eine Art „Zwischen-Zustände, die er wohl, gleich ~Heraklit~,
nicht scharf trennte“[1452]. Auch er nahm Umwandlungen ἄνω und κάτω
an[1453], betrachtete jedoch die auch bei diesen mitwirkende Kälte als
bloße Negation der Wärme[1454], soferne die betreffende Stelle nicht
etwa besagen soll, daß er +beide+ nur als relativ, als Formen der
Erscheinung, ansah[1455]. Die Verbindung der Stoffe bewirkt bei ihm
eine den Weltlauf regierende Göttin (δαίμων = Dämon), wohl ~Ananke~
= die Notwendigkeit[1456], die zuerst den ~Eros~ bildete[1457],
und (durch ihn?) die Gegensätze (ἐναντία) zur Vereinigung treibt,
die als eine geschlechtliche symbolisiert wird: ἄρρεν (Arren) oder
ἄρσεν (Arsen) καὶ θῆλυ μιγνύειν = „das Männliche und Weibliche
vermischen“[1458].
Eine qualitative Artverwandlung, Alloíosis, hielt auch ~Zenon~ von Elea
(490-430) für möglich, der Autor der berühmten eleatischen „Aporien“
(~Achilleus~ und die Schildkröte; der fliegende Pfeil; usf.)[1459]; bei
~Melissos~ von Samos (um 440) unterliegt ihr die „Grundmaterie der vier
Elemente“, ein bei allen Veränderungen der eine und der einheitliche
bleibende Urstoff, der daher auch „ἕν τὸ πᾶν“ (Hen to pan) heißt[1460].
d) Empedokles, Anaxagoras; Leukippos, Demokritos.
~Empedokles~ von Akragas = Agrigent (490 bis 444 oder 430)[1461]
ist der eigentliche Vater des Begriffes (+nicht+ des Wortes)
„Elemente“[1462] sowie der „Systematik der vier Elemente“, die,
entgegen älteren Ansichten, nicht aus Ägypten stammen, woselbst vier
Elemente oder vier Paare von Elementar-Göttern erst während der
Ptolemäer-Zeit nachweisbar werden[1463]. Die Einzeldinge gehen bei
ihm nicht mehr durch innere Umwandlung einer einheitlichen φύσις
(Physis) hervor, sondern durch äußere Vermischung (μῖξις = Míxis)
oder Entmischung (διάλλαξις = Diállaxis) der kleinsten Teilchen von
vier als ῥιζώματα = Wurzeln (Rhizome) bezeichneten (und erst später
„Elemente“ genannten) Grundstoffen, die, dem Volksglauben gemäß,
mit gewissen Gottheiten identifiziert werden[1464]. Welche diese
sind, steht nicht in allen Fällen gleich fest[1465]. Zwar herrscht
kein Zweifel darüber, daß das Wasser der ~Nestis~ zugehört, die für
eine sizilische Wassergöttin gilt[1466]; aber im „leuchtenden“ oder
„schimmernden“ ~Zeus~ sehen z. B. ~Windelband~ Feuer, ~Diels~ Feuer
oder Äther, ~Burnet~ Luft; im ~Aidoneus Zeller~ Erde, ~Windelband~
Luft, ~Diels~ Erde oder Luft, ~Burnet~ Feuer; in der „lebenspendenden“
~Hera~ endlich ~Zeller~ Luft, ~Windelband~ und ~Burnet~ Erde,
~Diels~ Luft oder Erde[1467], -- welches Dilemma zugunsten der Luft
zu entscheiden wäre, wenn man mit ~Deussen~ annehmen darf, daß es
der Atem ist, durch den ~Hera~ das Leben verleiht[1468]. Keinem
der vier Elemente kommt ein Vorrang zu, vielmehr besitzen sie alle
die nämliche Bedeutung (ἰσότης, Isótes, Gleichwertigkeit)[1469],
und zwischen ihnen, den vier Wurzeln aller Dinge, und den (später
„Qualitäten“ geheißenen) vier „Gegensätzen“, das sind Kälte, Wärme,
Feuchte und Trockenheit, ist wenn nicht Identität[1470] so doch engste
Zusammengehörigkeit anzunehmen[1471], indem Wärme und Trockenheit
dem Feuer und der Luft anhängen (inhärieren), Kälte und Feuchte aber
dem Wasser und der Erde. Die Elemente selbst sind auf keinerlei
gemeinsames Substrat zurückführbar, bestehen vielmehr jedes aus sehr
kleinen, durchaus gleichartigen, als solche nicht weiter qualitativ
veränderlichen, charakteristischen Teilchen[1472], also Wasser „der
Schweiß der Erde“[1473] aus Wasser-Teilchen, Luft (nicht sowohl ἀήρ
als αἰθήρ; weder „leerer Raum“, noch zu Wasser zu verflüssigender
„leichter Dunst“)[1474] aus Luft-Teilchen, usf. Diese Teilchen der
vier Elemente sind keiner inneren Verschmelzung fähig, sondern
nur einer äußeren, rein mechanischen Vereinigung oder Trennung im
Raume[1475]; alle Einzeldinge entstehen demnach allein infolge
derartiger Vermischungen[1476], sie sind also ein bloßes μεῖγμα
(Meígma, Amalgam) der Elemente, die in ihnen als solche erhalten
bleiben und sich aus ihnen auch wieder abscheiden lassen; je nach
den obwaltenden Umständen, der τύχη (Týche, dem Zufall), können
die sich vermischenden Mengen der Elemente die wechselndsten und
mannigfaltigsten sein[1477], und die +qualitativen+ Verschiedenheiten
der unendlich vielen Einzeldinge erklären sich aus den +quantitativen+
dieser Mischungsverhältnisse, -- genau ebenso wie die Abstufungen
der unendlich vielen Einzelfarben aus den Mengenanteilen der vier
Grundfarbstoffe, die der Maler auf seiner Palette zusammenreibt[1478].
Diesem durchaus originalen, für die ganze Folgezeit höchst
bedeutungsvollen Prinzip gemäß, spielt die „richtige Mischung der
Elemente“ das „Gleichgewicht der Elemente“, bei ~Empedokles~ eine in
jeder Hinsicht sehr wichtige Rolle[1479]; u. a. sollen genau gegebene
Mengen der Elemente in Blut, Fleisch und Knochen vorhanden sein, in
letzteren z. B. 2 Teile Wasser + 4 Teile Feuer + 8 Teile Erde[1480],
-- weshalb gerade +diese+, bleibt dahingestellt[1481] --, so daß
die „richtigen Mischungen“ Gesundheit und körperliche Eigenschaften
bestimmen, aber auch geistige Fähigkeiten und Tätigkeiten bedingen und
ermöglichen[1482]; in medizinischer Richtung, von ~Hippokrates~ und
den Hippokratikern an bis auf ~Galenos~ und alle seine Nachfolger,
hat dieser Gedanke, wie bereits oben angedeutet, tiefgehenden Einfluß
geübt[1483].
Da die vier Elemente nicht, wie die Urstoffe der jonischen Philosophen,
aktiv und von Eigenleben erfüllt sind, sondern passiv und tot, so
können sie nur durch äußere, ihnen fremde Kräfte in Bewegung gesetzt,
gemischt oder entmischt werden; als solche nahm ~Empedokles~ φιλία
und νεῖκος an, = Liebe und Haß, die er hin und wieder bis zu gewissem
Grade im höheren geistigen Begriffe der ἀνάγκη (Anánke = Notwendigkeit)
zusammenfaßt[1484], zuweilen aber auch als selbst körperlicher oder
doch körperähnlicher Natur ansieht[1485]; ob φιλία und νεῖκος auch im
Sinne von Anziehung und Abstoßung, als rein innerer Eigenschaften,
verstanden werden dürfen, bleibt zweifelhaft, da ~Empedokles~ auch
in dieser Hinsicht nicht frei von Widersprüchen ist[1486]. An
verschiedenen Stellen lehrt er, daß Gleiches und Gleiches sich anziehe,
wie Eisen und Magnet, sich körperlich vermische, aber auch geistig
erkenne[1487]; Ergebnis der Vermischung von Gleichartigem kann aber ein
Produkt von gänzlich abweichenden Eigenschaften sein, so z. B. geht aus
den weichen Metallen Kupfer und Zinn das harte „Erz“ in ähnlicher Weise
hervor, wie aus dem weichen Samen des Pferdes und Esels der harte (und
daher unfruchtbare) des Maultieres[1488].
~Anaxagoras~ von Klazomenai (nach den einen etwa 500, nach anderen
etwa 460 bis 428)[1489] erkennt gleichfalls weder einen einheitlichen
Urstoff an, noch dessen Fähigkeit zur Artverwandlung, sondern nur
eine σύμμιξις, Sýmmixis = Vermischung und eine διάκρισις, Diákrisis
= Abscheidung von kleinsten Teilchen[1490]; die Teilchen sind aber
nicht, wie bei ~Empedokles~, die einiger weniger Elemente, sondern
die unzählig vieler Arten von qualitativ verschiedenen, an sich
unveränderlichen Urstoffen, als deren σπέρμα (Sperma) = „Samen“ sie
gelten[1491]. Das Ursprüngliche stellen also die individuell gearteten
Urstoffe dar, z. B. Gold, und erst aus diesen gehen durch Vermischung
nach allen nur möglichen Verhältnissen die vier Elemente und sämtliche
Einzeldinge hervor[1492], deren jedes zwar ein μῖγμα (Amalgam) aus
jenen +allen+ und in solchem Sinne eine πανσπερμία (Panspermía,
Samen-Gesamtheit) ist[1493], stets aber +einen+ Stoff vorherrschend
enthält, und diesem seine charakteristische Natur verdankt. Durch
Hinzutreten oder Abtrennen von „Samen“ kann begreiflicherweise ein
Wechsel in der Vorherrschaft, und dadurch eine αλλοίωσις (Alloíosis)
= qualitative Veränderung erfolgen[1494], und da jedes Ding „Samen“
+aller+ übrigen enthält, wenn auch von manchen noch so wenig, so bleibt
die Möglichkeit eines Überganges von Jeglichem in Jegliches stets
gewahrt[1495]. Daß hierbei ein Neues von oft ganz abweichenden, ja
entgegengesetzten Eigenschaften auftritt, beruht also nur scheinbar auf
einer „Entstehung“, während in Wahrheit die Samen des Neuen schon im
Alten vorhanden waren, z. B. die des dunklen Wassers im weißen Schnee;
in diesem Sinne kann man das Paradoxon aussprechen „Schnee ist [auch]
schwarz“[1496]: der Samen des schwarzen (dunklen) Wassers ist eben
in ihm schon gegenwärtig, wenn auch zunächst noch verborgen, und man
muß nur den Weg finden, ihn (etwa durch Vermehren seiner, oder durch
Vermindern fremder Anteile) sichtbar hervortreten zu lassen[1497].
Auch die ὕλη (Hýle, wörtlich Bauholz) des Weltalls[1498], d. h. der
Rohstoff, der dem ganzen Kosmos zugrunde liegt, ist ursprünglich ein
„Amalgam“, aus dem sich auf dem angedeuteten Wege, z. B. unter dem
Einfluß von Wärme und Kälte, oder von Verdünnung und Verdichtung, Feuer
und Luft ausscheiden, während Wasser und Erde zurückbleiben[1499];
weiterhin entwickeln sich aus ihm alle die Einzeldinge, Gestalten und
Organismen, deren Samen in ihrer Gesamtheit das μῖγμα bildeten[1500].
Wie die Elemente des ~Empedokles~, so sind aber auch die Samen des
~Anaxagoras~ völlig toter Stoff; in Bewegung geraten, um sich zu
mischen oder zu entmischen, können sie daher nur unter dem Einfluß
einer äußeren Kraft. Als solche stellt ihnen ~Anaxagoras~ den νοῦς
entgegen (Nûs = Geist, Intellekt), dessen Unkörperlichkeit er aber
ebensowenig ganz klar hervortreten läßt, wie ~Empedokles~ die von Liebe
und Haß[1501]. Für die Immaterialität soll ein Zitat bei ~Euripides~
sprechen: „Aus Äther stammt der Geist, in ihn kehrt er zurück“, doch
bleibt zweifelhaft, ob der Satz von ~Anaxagoras~ herrührt und was
dieser durch ihn ausdrücken wollte, denn Äther ist ihm meist mit
Feuer identisch[1502]. -- Sein jüngerer Zeitgenosse, ~Diogenes~ von
Apollonia[1503] (um 400) setzte νοῦς = ἀήρ des ~Anaximenes~, sah also
Geist = Luft an, Luft jedoch als den Urstoff, der durch Erwärmung =
Verdünnung oder durch Abkühlung = Verdichtung alle Dinge hervorbringt
und sie als „Erstes und Feinstes“ auch durchdringt und bewegt, ferner
aber auch als Atemluft ψυχή (Psyche = Seele, Leben) und νόησις (Nóesis
= Intelligenz, Geisteskraft) verleiht[1504]; die Anziehungskraft des
Magneten, dem schon ~Thales~ eine „Seele“ zuschrieb, „weil er das Eisen
bewegt“, erklärt ~Diogenes~ daraus, daß auch die Metalle eine feine
dunstartige Luft ein- und wieder ausatmen[1505].
Nach ~Demokritos~ von Abdera (460-360?)[1506], dessen Lehren meist mit
den nur sehr ungenügend überlieferten seines etwa 30-40 Jahre älteren
Vorgängers ~Leukippos~[1507] übereinstimmen, zum Teil sogar diesem
entlehnt sein sollen, bestehen alle Einzeldinge aus den nämlichen
kleinsten, nicht mathematisch, aber physikalisch unteilbaren Teilchen,
die ἄτομα = Atome (Unteilbare) heißen und in denen das zu finden
ist, was frühere Philosophen in der φύσις (Physis = Ursubstanz),
den ἰδέαι (Ideen, wörtlich Bildchen, Formen), den Gestalten oder
Figuren (der Pythagoräer), usf., suchten[1508]. Die Atome sind
ungeworden, unzerstörbar und unveränderlich, zwar alle von gleicher
„qualitätsloser“ Beschaffenheit, d. h. ohne Farbe, Geruch, Geschmack,
Wärme, Kälte, usf., dabei aber raumerfüllend, undurchdringlich, von
unendlich verschiedener Gestalt, Größe und Schwere [demnach doch nicht
ganz ohne innere Eigenschaften!][1509]. Daß es also Einzeldinge,
belebte Wesen, Menschen, ja Götter (Dämonen), von ganz verschiedenen
Qualitäten („Gegensätzen“) gibt, und daß sie entstehen und vergehen,
ist nicht aus der inneren Natur der Atome erklärbar, sondern nur aus
deren äußerer wechselnder Lage und Anordnung, Verbindung und Trennung;
hervorgerufen wird diese durch Druck oder Stoß, d. h. durch Bewegung
(κίνησις, Kínesis), die jedoch den Atomen nicht so gänzlich fremd
gegenübersteht wie „Liebe und Haß“ den Elementen oder wie „Nûs“ den
Samen, ihnen aber auch nicht derartig innewohnt wie das Eigenleben den
Urstoffen der jonischen Philosophen, vielmehr nur mit ihnen verbunden,
allerdings aber seit jeher verbunden ist[1510]. Ursprünglich vorhanden
(ἀρχαί) sind also nur der leere Raum und die bewegten Atome, +sie+ sind
φύσει gegeben, d. h. +objektiv+ in der Natur; die (später ποιότητες
genannten) Qualitäten dagegen, z. B. süß oder bitter, sind nicht
wahre Eigenschaften der Dinge, sondern nur νόμῳ, d. h. +subjektiven+
Ursprunges[1511], Zustände subjektiver Wahrnehmung[1512].
Ob ~Demokritos~ wirklich zuerst den Ausdruck Atom (ἄτομος, ἄτομον),
ferner die Schlagworte von Sympathie und Antipathie der Dinge, sowie
vom Menschen als Mikrokosmos geprägt hat[1513], ist zweifelhaft;
durch die Ausbildung der Atomistik, durch seine mannigfachen
naturwissenschaftlichen Kenntnisse und Versuche und durch seinen
Grundsatz „Erfahrung ist die letzte Quelle unseres Wissens“[1514], hat
er aber jedenfalls tiefgehenden und dauernden Einfluß geübt.
Was die angeblichen magischen und alchemistischen Schriften des
~Demokritos~ anbelangt, so sind sie, wie schon in einem früheren
Abschnitte angeführt wurde, sämtlich Fälschungen einer späten
Zeit[1515]; auf ihre Entstehung wird weiter unten nochmals
zurückzukommen sein.