Von den drei neuen, seit dem Zerfalle des mazedonischen Weltreiches
ziemlich gleichzeitig zur Entwicklung gelangenden nacharistotelischen
Systemen, dem des ~Epikur~ (dessen Physik eine atomistische ist), dem
skeptischen und dem stoïschen, ist an dieser Stelle nur das letztere
zu betrachten; denn von ihm allein gingen hier zu berücksichtigende
Nachwirkungen aus, und zwar um so bedeutsamere und wichtigere,
als es sich vom 2. Jahrhundert an in steigendem Maße der gesamten
Schuldisziplin bemächtigte und hierdurch der höheren Allgemeinbildung
des ausgehenden Altertums tiefgreifende Spuren einprägte.
Im Laufe des 4. Jahrhunderts machte sich, zugleich mit der rasch
fortschreitenden Zerrüttung der politischen und religiösen Verhältnisse
Griechenlands, auch eine fühlbare Ermattung des philosophischen Geistes
bemerklich; ihre Anzeichen sind das Überwiegen rein praktischer
Bestrebungen und der auf sie hinzielenden ethischen Grundsätze, das
Verlangen nach Leichtfaßlichkeit und Volkstümlichkeit der Lehren, die
Berücksichtigung persönlicher Stimmungen, Neigungen, Vorurteile usf.
und Hand in Hand hiermit ein anfangs unmerklich einsetzender, alsbald
aber mächtig anwachsender Einfluß des Orients[1592]. Es kann daher
nicht unbeachtet bleiben, daß die hervorragendsten der älteren Stoïker
fast sämtlich der östlichen Mischbevölkerung angehörten[1593]: ~Zenon~
(342-270 oder 336-264) stammte aus Kition in Cypern, ~Kleanthes~
(331-251 oder 233?) aus Assos in der Troas, ~Chrysippos~ (280-205) aus
Soloi in Cilicien; aus Rhodus gebürtig war ~Panaitios~ (180-110), aus
Apamea in Syrien ~Poseidonios~ (135-51), welche Träger der mittleren
Stoa das System dem römischen Weltreiche übereigneten, in dem es durch
~Seneca~ (gest. + 65), ~Epiktet~ (gest. + 115?) und Kaiser ~Marc Aurel~
(121-180) seine letzte Nachblüte zeitigte.
Von den Werken der älteren Stoïker, also den eigentlich grundlegenden,
sind nur Bruchstücke erhalten, die in neuerer Zeit ~v. Arnim~
zusammenfaßte[1594]; infolge ihrer Überlieferung durch späte, häufig
sogar sehr späte Kompilatoren lassen sich die einzelnen Lehren nur
selten mit völliger Sicherheit bestimmten Urhebern zuschreiben, sie
zeigen vielfache Widersprüche, ihre Terminologie ist weder einheitlich
noch folgerichtig, auch wird der Sinn der Schulsprache oft nur auf
Grund medizinischer Schriften verständlich, die von Ärzten stoïscher
oder stoïsch-peripatetischer Richtung, den sog. „Pneumatikern“,
herrühren[1595]. Dies alles gilt insbesondere betreff der
Naturforschung, denn da die Stoïker der Ansicht waren, die Fähigkeiten
des Menschen seien unzureichend zur Feststellung der Wahrheit auf
diesem Gebiete, so vermochten sie sich auf ihm auch fast nirgends
zu eigenen Leistungen aufzuschwingen[1596]. Ihre Meinungen blieben
vielmehr abhängig von denen des ~Platon~, vor allem aber von denen
des ~Heraklit~, des ~Aristoteles~ und der aristotelischen Schule der
Peripatetiker[1597]; großen Einfluß entfalteten hauptsächlich einige
durch Letztere weiter ausgebildete Lehren, nämlich erstens die von der
„Antiperístasis“, -- d. i. der Intensitäts-Veränderung der Qualitäten
unter dem Einflusse ihrer Gegensätze, die unter Umständen zur völligen
gegenseitigen Ab- oder Ausstoßung unter Platzwechsel führen kann[1598]
--, und zweitens die vom „Pneuma“ [später: spiritus], das als
„treibende Kraft“ oder „Spannkraft“ eine große und allgemein-wichtige
Rolle im gesamten Weltenlaufe zugewiesen erhält und zwecks Deutung der
Naturvorgänge in steigendem Maße zum Ersatze der von ~Aristoteles~
gegebenen dynamischen Erklärungen herangezogen wird[1599].
Die Einflüsse des orientalischen Geistes machen sich u. a. in der
Vorliebe für die +Mantik+ geltend, über die bereits einige der älteren
Stoïker, aber auch noch ~Poseidonios~, ausführlich schrieben: den
Gestirnen, namentlich den Planeten, wird als den „sichtbaren Göttern“
besondere Verehrung gezollt; Vorbedeutungen, Wundererscheinungen
und abergläubischen Wahrzeichen wird hoher Wert beigemessen;
für denjenigen aber, der sich solchen Rates erholen will, sind
sittliches Wohlverhalten, Reinheit des Herzens, selbstlose Gesinnung,
Frömmigkeit, Keuschheit und auch entsprechende Ernährung wesentliche
Vorbedingungen des Erfolges[1600]. Zu den Wahrzeichen zählen auch die
+Sympathien+ und +Antipathien+, die ursprünglich mehr als naturgemäßes
Zusammentreffen verschiedener Vorgänge in verschiedenen Teilen
des Weltalls angesehen werden, weiterhin aber auch als Ergebnisse
einer Art höherer psychischer Fernwirkung, die dann in diesem Sinne
(ebenso wie die übrigen orientalischen Anschauungen) den Lehren der
späteren Neu-Pythagoräer und -Platoniker vorbauen[1601]. Als sehr
charakteristisch für die Stoïker erweist sich endlich ihr Streben nach
+allegorischer+ Aus- und Umdeutung religiöser Glaubenssätze und Mythen,
volkstümlicher Vorstellungen (Dämonen, Geister ...), dichterischer
Schöpfungen (der Epen ~Homers~, ~Hesiods~ ...) usf., wobei sie mit
großer Willkür verfahren und als „Beweise“ mit Vorliebe etymologische
Spitzfindigkeiten, ja Kindereien beibringen[1602], nach Art der
Gleichsetzung von ~Kronos~ mit ~Chronos~[1603], die sich allerdings
vielleicht schon bis ins 6. Jahrhundert zurückverfolgen läßt[1604]. So
ermitteln sie auch Beziehungen der Götter zu den vier Elementen[1605],
Zusammenhänge zwischen den Namen, Gestalten und Attributen der
Götter[1606], -- u. a. auch betreff deren ägyptisch-hieroglyphischer,
angeblich auf Sonne, Mond und Sterne bezüglicher Symbole[1607] --,
zwischen Gottheiten und den Gestirnen, namentlich den Planeten, die
in einer für das Weltall sehr nützlichen Anzahl vorhanden sind und
sehr wunderbare Wirkungen ausüben[1608], usf. Nach Überlieferungen bei
~Plutarch~ (48-125 n. Chr). und ~Dion Chrysostomos~ (um 80 n. Chr.)
erklärte man die homerische Episode vom Beilager des ~Ares~ und der
~Aphrodite~ als Konjunktion der gleichnamigen Planeten[1609], die
Hochzeit des ~Zeus~ mit der ~Hera~[1610] als Verbindung der Elemente
u. dgl. mehr.
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Nach der naturwissenschaftlichen Lehre der Stoïker, die, wie erwähnt,
keineswegs als eine klare und widerspruchsfreie zu bezeichnen ist,
gibt es zwei gestaltlose, ungewordene und unvergängliche Urprinzipien
oder αρχάι (Archái)[1611], die am kürzesten Stoff und Kraft, Leib und
Seele, oder Körper und Geist zu benennen wären[1612]; ihre Unterschiede
werden bald in schärfster Weise hervorgehoben, bald wieder mehr oder
minder verwischt, indem man den Stoff als unmittelbar belebt, den Geist
aber als einen stofflichen Hauch ansieht[1613], -- so daß hiernach
alles gleichzeitig körperliches +und+ geistiges Wesen besitzen, demnach
eigentlich +einheitlich+ sein, also nur je nach dem Standpunkte der
Betrachtung vorwiegend körperlich oder geistig erscheinen müßte[1614].
Ursprünglich vorhanden war die +Urmaterie+, der allgemeine Grundstoff
(ὑποκείμενον, Hypokeímenon), die eine und einheitliche Substanz oder
+Usía+ (οὐσία) alles Bestehenden, die auch, -- und zwar +zuerst+
von den Stoïkern[1615] --, mit der +Hyle+ identifiziert und πρώτη
ὕλη (materia prima) genannt wird[1616], zuweilen auch πρωτίστη
ὕλη = „allererste Materie“[1617]; sie ist der reine, form- und
eigenschaftslose Stoff, ἄποιος ὕλη, ἄποιος οὐσία[1618], σῶμα ἄποιον
καὶ ἄμορφον[1619], gänzlich +passiv+, aber allempfänglich, fähig
jeglicher μεταβολή (Metabolé, Umänderung) und αλλοίωσις (Alloíosis,
Artverwandlung)[1620], zu Allem wandelbar und gestaltbar. Diese
Gestaltung begann zunächst[1621], indem die +aktive+ göttliche ἄρχη
(Gottheit, Zeus, Kraft, Geist, ....) die vier ebenfalls aktiven und
göttlichen +Qualitäten+, d. s. Wärme und Kälte sowie Trockenheit
und Feuchte, auf die Hyle einwirken und sich (unter Verdünnung und
Ausdehnung, Verdichtung und Zusammenziehung usf.) mit ihr verbinden
ließ[1622]; hierdurch entstanden die vier Elemente, d. s. Feuer und
Luft sowie Erde und Wasser, die jedes nur +eine+ ποιότης (Poiótes,
Qualität) haben[1623], -- wie denn z. B. ὕλη + göttliches Wärmeprinzip
= Feuer als Element ergibt[1624] --, und die nach ~Heraklits~ Regel
ἄνω (áno) und κάτω (káto) ineinander überzugehen vermögen und auch
tatsächlich ununterbrochen übergehen[1625].
Die vier +Elemente+ oder στοιχεῖα[1626] sind, im Gegensatze zu den
ἀρχάι, geworden und geformt, also auch vergänglich und zerstörbar[1627]
und erweisen sich als die ersten besonderen Gestaltungen des göttlichen
Wesens, sowie als die allgemeinsten Substrate für die Wirksamkeit
der göttlichen Kraft[1628]. Da das Feuer heiß und leicht ist, die
Luft kalt und leicht, die Erde trocken und schwer, das Wasser feucht
und schwer, so treten [wie auch schon bei ~Aristoteles~ und den
Peripatetikern][1629] Feuer nebst Luft, sowie Erde nebst Wasser sich
in zwei natürlichen Gruppen gegenüber, die als „obere und untere“,
„feinere und gröbere“, „bindende und gebundene“, „aktive und passive“,
„tätige und leidende“ Elemente, „ποιοῦν καὶ πάσχον“[1630], ihrerseits
wieder im Verhältnisse wie Kraft zu Stoff, Geist zu Körper, Seele zu
Leib stehen[1631].
+Wirklich+ und +wirksam+ können nach stoïscher Lehre allein +Körper+
sein, daher muß auch den ποιότητες, den Qualitäten oder Eigenschaften,
+körperliche+ Natur zukommen[1632], etwa die einer „feinsten zarten
Substanz“, einer „leichten materiellen Strömung“[1633], eines von
τόνος (Tónos = tenor; Spannung, Spannkraft) erfüllten Hauches
oder Pneumas[1634]. Im Gegensatze zur üblichen Lehre von der
Undurchdringlichkeit ist hiernach eine „κρᾶσις δι’ ὅλων“ möglich, d. h.
eine „völlige Durchdringung“ der Körper und ihrer Qualitäten[1635]:
sie ist weder eine παράθεσις (Paráthesis = mechanische Vermengung)
wie die verschiedener Arten Getreide, noch eine gewöhnliche κρᾶσις
oder μῖξις (Krásis, Míxis = Vermischung) wie die von festem Eisen
mit Feuer oder von flüssigem Wasser mit Wein, noch endlich eine
σύγχυσις (Sýnchysis = Verschmelzung) wie die der Salben und Arzneien,
bei der die Qualitäten der Bestandteile verschwinden und ganz neue
entstehen[1636], vielmehr bewahren bei ihr sämtliche Komponenten ihre
Individualität, vereinigen sich aber zu einem neuen Stoff[1637].
In letzter Linie gehen daher aus der Usía, der Ursubstanz als
allgemeinen Grundlage der Körperlichkeit[1638], infolge Einwirkung der
Qualitäten die Einzeldinge hervor, teils unmittelbar, teils (durch die
Zwischenstufe der Elemente) mittelbar, und zwar jedes in Gestalt einer
stofflichen, aus Usia und einer veränderlichen Menge verschiedener
ποιότητες (Qualitäten) bestehenden Mischung (κρᾶσις); eine solche kann
ihrer Natur nach steten Veränderungen unterliegen[1639], indem sie
entweder durch Vermehrung oder Verminderung ihrer +Usia+ der Metabolé
(Umänderung) fähig ist, oder durch Wechsel ihrer +Qualitäten+ der
Alloíosis (Artverwandlung). Diese Einzeldinge, also bestimmte Stoffe
wie Holz, Gold, Eisen, Erz, -- für dessen Entstehung aus Kupfer
und Zinn die aristotelische Erklärung das ständige Schulbeispiel
bleibt[1640] --, werden aber von manchen Stoïkern auch als „Hyle“
bezeichnet oder zusammengefaßt[1641], so daß es dann u. a. auch wieder
heißt „die vier Elemente machen die Hyle aus“[1642].
Entsprechend der Lehre ~Heraklits~ gehen die Elemente aus einem
„Urfeuer“ hervor[1643] und lösen sich beim Weltuntergange durch
ἐκπύρωσις (Ekpýrosis, Feuer-Werdung) wieder in dieses auf[1644].
Verschieden von dem gewöhnlichen verzehrenden Feuer, dem πῦρ ἄτεχνον,
ist aber das πῦρ νοερόν oder τεχνικόν, das vernünftig-intellektuelle,
künstlerisch-bildende, leben- und wachstumverleihende[1645], das sich
auch οὐσία θεοῦ = göttliche Usia, Gottheit, Zeus, Substanz des Himmels
und der Gestirne, himmlischer Lufthauch, Pneuma [Spiritus], göttlicher
Geist, formende Kraft, Äther, Weltfeuer, Weltseele, Weltvernunft
(κοινὸς λόγος), Logos usf. benannt findet[1646]. Obwohl nun dieser
Weltkraft alle Merkmale des heraklitischen Logos zugeschrieben
werden[1647], so trifft doch auch für sie zu, daß sie als Gottheit
„wirkt“, demnach körperlicher Natur sein, dem physischen Stoffe
also nach Art eines zarten geistigen Hauches innewohnen muß[1648];
diesen „göttlichen feurigen Hauch“, den schaffenden und wirkenden (τὸ
δραστήριον), betrachteten schon die älteren Stoïker als eine Verbindung
der leichten und aktiven (ποιητικά) Elemente Feuer und Luft und als
identisch mit dem +Pneuma+[1649]. Ursprünglich galt das Pneuma nur
als etwas Materielles und Körperliches, als eine Strömung jener feinen
Luft, die sich beim Gewitter entzündet[1650] und durch ihre Spannung
(τόνος = tónos) die Erdkugel in Schwebe und den ganzen Kosmos in
Vereinigung erhält[1651]; allmählich aber würde es (in Fortbildung
aristotelischer Anschauungen)[1652] zu einer die gesamte Materie
durchdringenden und hierdurch gleichfalls mit τόνος erfüllenden,
„geistigen“ und „göttlichen“ Naturmacht, die als „natura naturans“
gestaltet und formt, bildet und bewegt, ja Leben und Empfindung, Seele
und Denkvermögen erweckt[1653].
Die Kraft, die den τόνος des Pneumas bedingt, wird insbesondere
auch als +Logos+ bezeichnet[1654], der seinem Wesen nach aktiv,
zwecksetzend und zielstrebig ist und sich zum Kosmos verhält wie die
Seele zum Leib, oder wie die bewegende Ursache (causa) zur bewegten
Masse (materia)[1655]. Häufig findet sich der Logos aber auch
unmittelbar dem Pneuma gleichgesetzt[1656] und samt diesem wieder
dem himmlischen Äther[1657]; als ein „göttliches Feuer“, dem πῦρ
τεχνικόν entstammend, durchdringt dann sein „warmer Hauch“, πνεῦμα
ἔνθερμον, das Weltall, bewirkt in ihm Einheitlichkeit und Harmonie,
Ordnung und Notwendigkeit[1658], bedingt die Entwicklung der Materie
nach gewissen Regeln und Normen und erweist sich so als Träger der
Gesetzlichkeit und Vernunft[1659]. Da nun die Götter dem menschlichen
Geschlechte den Logos, der als Vernunft und Gedanke in der Brust ruht,
als Wort und Sprache aber aus ihr hervortritt, durch den ~Hermes~
gesandt haben sollen, so wird dieser Götterbote unter den Namen Logos
oder Lógios (λόγιος) auch +selbst+ mit dem Logos identifiziert, und
zwar in jener Doppelgestalt des geistigen, die Seelen leitenden und
geleitenden „~Hermes~ psychopómpos“ und des weltlichen, die irdischen
Angelegenheiten ordnenden und regelnden „~Hermes~ chthónios“, die
sich allerdings schon im Volksglauben und bei den älteren Philosophen
vorgedeutet findet, ihre eigentliche Ausbildung aber erst bei ~Philo~
von Alexandria (etwa 30 v. bis 50 n. Chr.) und den Kirchenvätern
erfährt[1660].
Wie der Gottheit, so muß auch der +Seele+ (ψυχή, Psyche), da sie
„wirkt“, den Leib affiziert und von ihm affiziert wird, körperliche
Natur zukommen[1661]: sie ist ein warmer göttlicher Hauch, ein
Pneuma[1662], -- diese Gleichsetzung kennen in vollem Umfange zuerst
die Stoïker[1663] --, ein πνεῦμα ἔνθερμον[1664], als „Usia der Seele“
mit dem Leibe verbunden[1665] und ihn durch ihren τόνος (tónos)
erfüllend und beeinflussend[1666]. Die Seele wird aber auch als σπέρμα
(Spérma) = +Samen+ bezeichnet[1667], denn der Lehre des ~Aristoteles~
gemäß liegt ihr Keim in dem vom Samen umschlossenen warmen Lufthauch
(aura seminalis), und dieses Pneuma des Samens ist selbst wieder als
ein losgerissenes Stück der väterlichen Seele zu betrachten; weil
diese aber auf gleichem Wege entstanden ist, so enthält sie auch
gewisse Reste von den Seelen der Vorfahren, und zwar oft in Form bloßer
„Anlagen“, die erst unter passenden Umständen in späteren Generationen
wieder zur Entwicklung gelangen[1668].
Zum Körper verhält sich die Seele wie zum Weltganzen der Logos:
auch er geht als „Samen“ (σπέρμα, Sperma) in die Materie ein,
befruchtet und belebt, bildet und gestaltet sie durch die Macht seines
himmlisch-ätherischen Pneumas (δύναμις πνευματική) und bringt aus ihr
alle Einzeldinge zur Entwicklung[1669]. Sein Vermögen hierzu erklärt
sich daraus, daß er unbeschadet seiner Einheitlichkeit dennoch die
„λόγοι σπερματικοί“ (+Lógoi spermatikoí+), die „rationellen Keimkräfte
und Keimformen“, „keimhaften Vernunft-Anlagen“, „vernünftigen
Samen-Elemente“, die „Samen“ sämtlicher Einzeldinge, bereits in
sich enthält[1670]. In diesen λόγοι σπερματικοί schufen die Stoïker
„einen ihnen eigentümlichen, doktrinären Begriff, ausgerüstet mit
mystisch-dämonischer Gewalt“[1671]; sie sehen in ihm die „allgemeine
Vernunft“ als jene formende Naturmacht (natura naturans) am Werke,
die zwar als Inbegriff schöpferischer Kraft in ihrer Einheit das
Weltganze hervorbringt, zugleich aber auch als „keimbildende Vernunft“
in ihren besonderen Ausflüssen die Einzeldinge[1672]. Als Prinzipien
der Entwicklung, -- geistig als λόγοι, materiell als σπερματικοί --,
stehen die Lógoi spermatikoí in engster Beziehung zu den ποιότητες,
den Qualitäten[1673]; denn indem sie die Materie völlig durchdringen,
verleihen sie ihr Eigenschaften, individualisieren sie dadurch,
wirken formbildend und fortbildend und befähigen sie ferner unter
Umständen, neue Individuen in den alten Formen hervorzubringen[1674].
Die Identifizierung des einheitlichen Logos mit dem Pneuma läßt die
als Einzelkräfte in den Dingen waltenden Lógoi spermatikoí ebenfalls
als Pneumata ansehen; wie alles übrige, so erfüllen sie auch den
menschlichen Körper mit ihrem bald leichteren wärmeren und trockneren,
bald dichteren kälteren und feuchteren Hauche, und da sich ihre
Veränderungen als Ursachen körperlicher und geistiger Krankheiten
auffassen ließen, so ist es leicht erklärlich, daß sich als eigentlich
stoïsche Ärzteschule gerade die eingangs erwähnte der „Pneumatiker“
entwickelte[1675].
Daß die Stoïker die Sterne und insbesondere die Planeten als „sichtbare
Götter“ betrachteten und ihnen die mannigfachsten Einwirkungen
zuschrieben, fand bereits im Vorstehenden kurze Erwähnung; auf
+einen+ Umstand muß aber, seiner dauernden Nachwirkung halber, noch
ausdrücklich hingewiesen werden, nämlich auf den außerordentlichen
Vorschub, den sie dem +Fatalismus+ leisteten, einer Denkrichtung, die
allerdings durch die Zeitumstände und namentlich durch die gewaltsamen
politischen Ereignisse schon seit dem Auftreten ~Alexanders des
Grossen~ und der Diadochen in fortdauernd steigendem Maße begünstigt
wurde[1676]. Die Stoïker, meist dem Osten entstammend und „Virtuosen
der allegorischen Auslegung“[1677], brachten die älteren griechischen
Überlieferungen von der unerbittlichen Notwendigkeit der ἀνάγκη
(Anánke) und dem unentrinnbaren Zwange des Verhängnisses, der ἑιμαρμένη
(Heimarméne), -- die den jüngeren Orphikern als Tochter des Demiurgen
und der Ananke galt[1678] --, in Verbindung mit verschiedenen, ihnen
wohlbekannten Ideen zumeist spätbabylonischer (chaldäischer) Herkunft,
vor allem mit jenen, die die Astrologie, die Parallelität des Mikro-
und Makro-Kosmos und die Lehre von der Sympathie betrafen. Finden
sich auch einige Anklänge an diese letztere schon bei ~Theophrast~,
so beginnt doch ihre planmäßige Durcharbeitung und litterarische
Darstellung erst bei den Stoïkern, denen schließlich die ganze Welt
als ein einheitlicher Organismus (σῶμα = Sóma) erscheint, in dem
daher notwendigerweise sämtliche Teile durch ein natürliches Band
verknüpft sein müssen, durch das Band der σύνθεσις τῶν ὅλων, der
allseitigen Zusammengehörigkeit[1679]. Als einen Sonderfall dieser
allgemeinen, auf der Einheitlichkeit des Weltganzen beruhenden
Sympathie betrachteten nun die Stoïker den Einfluß der Planetengötter,
der in jenem des Wandels und der Stellung ihrer Gestirne, der
Planeten, sichtlich hervortritt: die zugehörigen orientalischen
Anschauungen (über diese s. weiter unten) übernahmen sie ziemlich
unverändert, ersetzten die „chaldäischen“ Namen der Planetengötter
durch hellenistische oder griechische, und die nämlichen Gelehrten,
die sich sonst als ausschließliche Vertreter reiner, den „unnützen“
Naturwissenschaften verschlossener Weisheit und strenger Sittlichkeit
zu geben liebten[1680], führten auf derartigem Wege die +Astrologie+
und die Theorie von der Parallelität des Makro- und Mikro-Kosmos
in die „praktische Philosophie“ ein[1681]. In dem so entstandenen
Systeme, dessen Entwicklung zwar schon zur Zeit des ~Diogenes von
Babylon~ und des ~Panaitios~ ziemlich weit fortgeschritten war, den
Höhepunkt bedeutsamer und weittragender Ausgestaltung aber erst
unter ~Poseidonios~ (135-51 v. Chr.) erreichte[1682], gewährleistet
einerseits der gestirnte Himmel, zu dem der Sterbliche mit stets
neuer Bewunderung emporblickt, durch die ewige Unveränderlichkeit
und vollendete Ordnung seiner Fixstern-Sphäre auch eine solche der
gesamten großen und kleinen Welt; andererseits aber irren an ihm
nach fortwährend wechselnden Richtungen und in völlig willkürlichen
Bahnen die Planeten hin und her, zu unsteter Bewegung und Drehung
genötigt durch ihre lenkenden „Sterngötter“, jene furchtbaren und
tyrannischen „Dämonen“, die sich schon allein durch diese Störungen der
sonstigen Regelmäßigkeit und Harmonie als Feinde der guten Gottheiten
erweisen und wie am Himmel so auch auf Erden alles Schlechte und
Böse, alles Ungemach und Unglück hervorrufen. Dieses „Wirken der
Planeten“, diese „Schicksalsmacht der Sterne“ identifizierten die
Stoïker mit der Heimarméne, dem allgewaltigen Verhängnisse, gegen das
jeder Widerstand fruchtlos bleibt, und dem daher Niemand zu entrinnen
vermag, weder durch Nachdenken noch durch Handeln; zwar erstreben alle
Menschen Erlösung von diesem furchtbaren und niederdrückenden Zwange,
aber zuteil wird sie nur den Wenigsten, Einigen durch magische und
zauberkräftige Geheimlehren oder durch Begnadigung seitens der mit
ihren „richtigen“ Namen angerufenen Götter, Anderen durch mystische
und religiöse Weihen, noch Anderen durch die wahre (= stoïsche)
Philosophie[1683].
4. Die Neupythagoräer und die jüdisch-hellenistische Philosophie; die
Neuplatoniker und die Schule von Athen.
a) Die Neupythagoräer.
Zu Alexandria, dem nicht nur für Handel und Verkehr, sondern auch für
Wissenschaft und Geistesleben bedeutsamsten Berührungspunkte abend-
und morgenländischer Kultur, begannen schon seit dem 2. Jahrhundert,
ausgesprochener aber gegen 100 v. Chr., als neue Stämme der
Philosophie der +neupythagoräische+ und der +jüdisch-hellenistische+
hervorzutreten; da beide gleichartigen Wurzeln entsprossen und unter
gleichartigen Einflüssen erwuchsen, bietet auch ihre Entwicklung nach
Inhalt wie Verlauf zahlreiche Analogien[1684].
Auftreten und Erfolg der Neupythagoräer zählen zu den Zeichen eines
sinkenden, an Enttäuschungen politischer, wirtschaftlicher und
geistiger Art reichen Zeitalters: Glückseligkeit und Erkenntnis,
die das +Wissen+ nicht gewährt hat und anscheinend auch gar nicht
zu gewähren vermag, sollen nunmehr im +Glauben+ gesucht werden, sei
es in den religiösen Überlieferungen „uralter“ griechischer oder
orientalischer Kulte und Mysterien, sei es in göttlichen Offenbarungen,
die dem Würdigen durch Mittelwesen (Demiurgen, Dämonen, Geister, ...)
zuteil werden; würdig ihres Wohlgefallens und ihrer Mithilfe ist aber
allein der Fromme, Selbstlose, innerer und äußerer Reinheit Beflissene,
daher hat der Philosoph fortan nur mehr als „Diener der Gottheit“
auf Erfolg zu rechnen, und das Priestertum erhebt sich für ihn zu
ungeahnter Wichtigkeit[1685].
Vorwiegend beeinflußt haben das neupythagoräische System einerseits
die Ansichten der Stoïker[1686], andererseits die seit Beginn
des 3. Jahrhunderts zu neuer Bedeutung gelangten wirklichen und
vermeintlichen Überlieferungen aus orphischer Quelle, welche letzteren
„zum synkretistischen Brei die Zutat der Mystik beisteuerten, als eine
für den überreizten Gaumen der Epoche unentbehrliche Würze“[1687].
Gedanken indischer Herkunft sind (früheren Vermutungen entgegen)
nicht nachweisbar, der ägyptischen Religion und deren angeblicher
geheimer Priesterweisheit entstammende kaum, reichlich dagegen sog.
„persische“ (richtiger: spätbabylonische) meist abergläubischen und
astrologischen Inhaltes[1688]; vermittelt sind diese hauptsächlich
durch die Verbindungen mit Juden und jüdischen Sekten, besonders den
Essenern oder Essäern (s. unten)[1689]. Um Beschaffung ansehnlicher,
ganze Lehrgebäude stützender „Autoritäten“ war man in Alexandria
niemals verlegen, da dort „schon im 2. Jahrhundert v. Chr. das Gewerbe
literarischer Unterschiebung und Fälschung durch Griechen und Juden
geradezu fabrikmäßig betrieben wurde“[1690]. Im vorliegenden Falle
griff man auf ~Pythagoras~ zurück, von dessen Leben und Lehre so
weniges Genaue bekannt ist, daß es keine Schwierigkeit bot, beide
zweckentsprechend auszugestalten; so z. B. ließ man den „erhabenen
Weisen und Propheten“ die Geheimwissenschaft von den ägyptischen
Hierophanten, die Astrologie von den persischen Magiern, die Mantik
von den arabischen Priestern erlernen[1691] und seine Errungenschaften
in strengstens geheim zu haltenden Schriften allegorischen Inhaltes
zusammenfassen[1692], wobei, wie in allen dergleichen Fällen, die
Schule dasjenige, was ihr selbst für Wahrheit galt, ihrem Stifter in
den Mund legte[1693].
Ganz außerordentliche Wichtigkeit maßen die Neupythagoräer der
Zahlenspekulation bei, sowie den „von unendlicher Kraft und Bedeutung
erfüllten“ Zahlen selbst: die Einheit z. B. bedeutet einerseits
wirkende Kraft, Gottheit, Vernunft, Logos, Logos spermatikós, Form der
Formen, Maß, Harmonie, Gut, Glück, andererseits aber auch Materie,
Chaos, Finsternis, Styx, Tartarus, im ganzen also das „Gerad-Ungerade
und Männlich-Weibliche“; die Zweiheit stellt einerseits Gleichheit,
Fortstreben, Entwicklung dar, andererseits Teilung, Mehrheit, Wechsel,
Gegensatz, Stoff; die Dreiheit ist die erste wahre Zahl, da sie Anfang,
Mitte und Ende besitzt; in der Vierheit ist die „Vollkommenheit
der Dekas“ (der platonischen Zehnzahl) verborgen, da 1 + 2 + 3 + 4
als Summe 10 ergibt, usf.[1694]. Die Zahlen lassen sich als Punkte
darstellen, aus diesen gehen zunächst Linien hervor, sodann Flächen,
Gestalten (Figuren) und schließlich die in diesen auftretenden
Elemente, denen sämtlich das Vermögen zukommt, ineinander überzugehen
(μεταβάλλειν)[1695]; es sind ihrer vier oder unter Hinzurechnung des
Äthers, des πέμπτον σῶμα, fünf[1696], und zwar stehen Wasser nebst
Erde zu Luft nebst Feuer im Verhältnisse von Stoff zu Form, Passivem
zu Aktivem, πάσχον zu ποιοῦν. Nicht selten findet sich aber auch den
Elementen die Natur einer Hyle bestimmter Art zugeschrieben, im
Gegensatze zur πρώτη ὕλη (materia prima), die als οὐσία (Usía), als
noch form- und eigenschaftsloses, jedoch allbildsames Substrat das
weibliche Prinzip des Kosmos vorstellt, das durch das Männliche, den
Logos spermatikós, befruchtet wird[1697].
Aus Luft und Feuer, die dem Pneuma des Samens entstammen, bestehen
auch die Seelen; nach dem Verlassen des Leibes schweben sie, gleich
den Dämonen und den jüdischen Engeln, in der Atmosphäre[1698], und
der Seelenbeherrscher ~Hermes~, den ~Plutarch~ zugleich mit dem
griechischen Logos und dem ägyptischen ~Thoth~ identifiziert[1699],
führt die würdigsten unter ihnen empor zum höchsten Gott, der mit
einem jüdisch-hellenistischen Ausdrucke als ὕψιστος (Hýpsistos) =
der Oberste, Höchstthronende bezeichnet wird[1700]. Die erhabenste
Offenbarung der Gottheit ist die Sonne[1701]; ferner stehen in ihrem
Dienst als „sichtbare Götter“ die Sterne[1702] und als unsichtbare die
Untergötter, Dämonen und Geister, der Demiurg, der Logos usf.; sie sind
die Mittler zwischen Gott, dem reinen Geist (Pneuma), und der gemeinen
und unreinen Materie, mit der sich unmittelbar zu befassen des ὕψιστος
nicht würdig wäre[1703].
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Unter den zahlreichen, durch den neu erwachenden Pythagoräismus
beeinflußten Werken ist wegen ihrer tiefgehenden und bis an die
Schwelle der Neuzeit anhaltenden Wirksamkeit die Schrift „+Von der
Welt+“ (περὶ κόσμου) hervorzuheben[1704]. Sie ist vermutlich im 1.
Jahrhundert n. Chr. geschrieben[1705], jedoch dem ~Aristoteles~
untergeschoben, und zwar mit so gutem Erfolge, daß dessen „Opera omnia“
sie samt der vorgeblichen Widmung an ~Alexander den Grossen~ noch in
ihren jüngsten Ausgaben enthalten; der Inhalt der Abhandlung, die
sich durch Kürze, vortrefflichen Stil und eindringliche Darstellung
auszeichnet und in sehr geschickter Weise peripatetischen Theismus mit
stoïschem Pantheismus verbindet[1706], gibt ohne weiteres zu erkennen,
daß sie unmöglich aus der Zeit des ~Aristoteles~ herstammen kann, daß
ihr Verfasser vielmehr ein Eklektiker ist, der seine Anschauungen
aus platonischen, peripatetischen und stoïschen Quellen schöpft, --
namentlich aus ~Poseidonios~[1707] --, sie mit denen der Neupythagoräer
zu vereinigen sucht[1708] und an Stelle der Metaphysik vielfach bereits
die Theologie treten läßt, wodurch er den Übergang von der reinen
Philosophie der älteren zur religiösen Spekulation der späteren Zeit
vorbereitet, ja mitvollzieht[1709].
Die Elemente bilden auch hier die beiden bedeutsamen Gruppen der
aktiven (Feuer und Luft) und passiven (Wasser und Erde)[1710]; der
Äther bleibt bald im (peripatetischen) Gegensatze zu ihnen[1711],
bald tritt er „in der gröblich materialisierten Gestalt eines
eigentlichen fünften Elementes auf“ (πέμπτη οὐσία = quinta essentia,
Quintessenz)[1712], und zuweilen wird er dem göttlichen Pneuma
gleichgesetzt, dem Stoffe des Himmels und der Gestirne[1713]. Die
Hauptrolle unter diesen spielen die Planeten, d. s. Kronos, Zeus, Ares
oder Herakles, Hermes oder Apollon, Aphrodite oder Hera, Helios und
Selene[1714]; ihre Bewegungen bedingen die Harmonie der Sphären[1715],
in der ein Symbol der im gesamten Weltall obherrschenden zu erblicken
ist.
b) Die jüdisch-hellenistische Philosophie.
Schon zur Zeit der ersten Ptolemäer, des ~Ptolemaeus Lagi~ (331-283),
~Philadelphos~ (283-246) und ~Euergetes~ (246-221), bildeten in
Ägypten, besonders aber in Alexandria, einen der zahlreichsten und
intelligentesten Bestandteile der Bevölkerung die Juden[1716]; sie
allein von allen orientalischen Nationen unternahmen den Versuch,
die griechische Philosophie, unter entsprechender Umgestaltung, mit
ihren eigenen religiösen Überlieferungen in Einklang zu bringen[1717]
und schufen so eine höchst merkwürdige Mischlehre aus platonischen,
stoïschen und alttestamentarischen Elementen[1718]. Die Anfänge
dieser Bestrebungen dürften in das 2. Jahrhundert fallen, soferne,
wie es berechtigt scheint, die Fragmente des ~Aristobulos~ (gegen
150 v. Chr.?) als echt anzusehen sind[1719]. In ihnen machen sich
bereits die Versuche geltend, Griechisches und Jüdisches vermöge
allegorischer Deutungen biblischer Lehren sowie gefälschter Zitate aus
~Orpheus~ und ~Linos~, aber auch aus ~Homer~ und ~Hesiod~ kunstgemäß
zu vereinigen, die ältesten griechischen Dichter und Philosophen aber
ihre Weisheit den Schriften des ~Moses~ entlehnen zu lassen[1720]; es
geschieht dies schon völlig im nämlichen Sinn, in dem sich noch um 150
n. Chr. ~Numenios~ dahin ausspricht, ~Platon~ habe aus ~Pythagoras~
geschöpft und dieser aus den heiligen Schriften der Inder, Perser,
Ägypter und Juden, so daß in letzter Linie ~Platon~ nichts anderes sei
als ein Μωύσης ἀττικίζων, ein griechisch sprechender ~Moses~[1721].
-- Gedanken, die denen des ~Aristobulos~ verwandt sind, finden sich
auch niedergelegt in der „Weisheit ~Salomons~“ (verfaßt zwischen
100 und 50 v. Chr.), in der u. a. Gott die Welt ἐξ ἀμόρφου ὕλης
schafft (aus der gestaltlosen Urmaterie)[1722], ferner im sog. „4.
Buche der Makkabäer“ (verfaßt um 100 v. Chr.)[1723] und vor allem
im dritten (ältesten) Abschnitte der „Sibyllinen“, d. s. 14 Bücher
jüdisch-christlicher Orakel, die ursprünglich zwischen 150 und
100 v. Chr. niedergeschrieben, später vielfach erweitert, von den
Kirchenvätern aber für durchaus echt und uralt angesehen wurden[1724].
Der Vermengung jüdischer und griechischer Vorstellungen entsprangen,
wohl nicht ohne Einwirkung iranischer, auch die den neupythagoräischen
Lehren verwandten gewisser jüdischer Sekten[1725], u. a. jene
der ägyptischen „Therapeuten“, die in der Nähe Alexandrias ein
beschauliches und asketisches Dasein führten[1726], sowie der
palästinensischen Essäer (Essener), die gleichfalls besonderen
religiösen Lebens- und Kult-Formen huldigten[1727], den „wahren“
und geheimzuhaltenden Namen der Engel große und übernatürliche
Wirkungen zuschrieben und die „verborgenen“ Heilkräfte der Pflanzen
und Mineralien nutzbar zu machen verstanden; sie sollen magische oder
Zauber-Bücher besessen haben „nach Art derer des Königs ~Salomon~“ und
gaben dieser Litteratur das rechte Ansehen, indem sie sie Verfassern
aus fernster Vorzeit unterschoben[1728].
Die hervorragendste Persönlichkeit des jüdisch-hellenistischen
Zeitalters ist ~Philo~ von ~Alexandria~, auch ~Philo Judaeus~
genannt, der etwa von 30 v. Chr. bis 50 n. Chr. lebte und in seinen
umfangreichen Werken das gesamte Gut der Schule niederlegte, wie
es schon seit Generationen überliefert wurde, und zwar teils
mündlich, teils in Form schriftlicher Lehrvorträge, die die Zuhörer
abschrieben oder auszogen[1729]; die innige Verknüpfung des Judentums
mit der hellenistischen Religionsphilosophie, wie sie sich in ihm
verkörpert, bedeutet nach ~Harnack~ den größten aller religions- und
kulturgeschichtlichen Fortschritte, wenngleich sie selbst es noch
nicht zu kräftigen religiösen Bildungen brachte, ihre Schöpfungen
vielmehr erst im Christentum zur vollen Entfaltung gelangten[1730].
~Philos~ griechische Quellen, die er übrigens keineswegs stets aus
erster Hand benützt zu haben scheint, sind hauptsächlich ~Platon~ und
die Stoïker, weiterhin auch die Peripatetiker und Skeptiker, sowie
die Neupythagoräer[1731]; ihre Verbindung mit alttestamentarischen
Anschauungen vollzieht er, wie ~Harnack~ sagt[1732], „als Meister in
der Kunst der Allegorik und biblischen Alchemie“, die ihn zum Vater des
„feinen Dualismus“ macht.
Aus der Materie, die für ~Philo~ in der Regel nicht Hyle ist, sondern
die stoïsche Usia[1733], gehen zunächst die vier Elemente hervor, die
sich in den beiden Gruppen der „Groben“, d. i. Wasser und Erde, und
der „Feinen“, d. i. Luft und Feuer, gegenüberstehen, und denen sich
der Äther bald als fünftes Element, bald als ἱερὸν πῦρ (himmlisches
Feuer) der Stoïker anschließt[1734]; aus den vier Elementen bauen
sich die Einzeldinge auf und erhalten ihre Qualitäten durch die
Spannung (τόνος, Tónos) des sie durchströmenden Pneumas[1735], das ein
materieller Lufthauch ist, zugleich aber, als allgemeinstes Prinzip
des Seins, des Lebens und der Kraft, auch der Odem Gottes[1736]. Nun
kann sich aber Gott, weil die Materie gemein, unrein und daher Grund
aller Mängel und Übel ist, nicht selbst mit ihr befassen und durch sie
beflecken[1737]; seine Einwirkung, -- denn er verhält sich zu ihr wie
das ποιοῦν (das Tätige) zum πάσχον (dem Leidenden)[1738] --, muß sich
daher durch schöpfende, bildende und lenkende Mittelwesen vollziehen,
als da sind die Weltseele, der Demiurg und die Ideen ~Platons~, die
Kräfte und wirkenden Ursachen (δυνάμεις) der Stoïker, die Dämonen des
Orients, die Engel der Juden, vor allem aber der Logos, der auch als
~Hermes~ allegorisiert wird[1739]. Den Begriff Logos führt ~Philo~ ohne
weitere Erklärung ein, fand ihn also wohl bei den alexandrinischen
Philosophen schon als gebräuchlich vor[1740]. Der Logos ist ihm die
wirksame göttliche Vernunft, die göttliche „oberste Idee“, die Kraft
Gottes; Gott ist sein Vater, die göttliche Weisheit (Sophia) seine
Mutter, er ist Gottes erstgeborener Sohn (πρωτόγονος ὑιός), die zweite
Gottheit (δεύτερος θεός), das Bindeglied zwischen Gott und Welt[1741];
Gott schuf die Welt durch ihn als seinen Stellvertreter, er gilt für
den göttlichen Vermittler und Dolmetscher (ἑρμηνεύς, Hermenéus), für
das Werkzeug (ὄργανον, Organon) Gottes, daher auch für den Ober- oder
Hohenpriester[1742]; als „Kraft der Kräfte“ stellt er den Bildner
und Erhalter der Welt dar, als „weltwirksame Kraft“ die Einheit und
Zusammenfassung der die Einzeldinge gestaltenden Logoi = Ideen und
Logoi spermatikoí = Sonderkräfte[1743]; er ist Träger aller Macht der
Engel, Dämonen und sonstigen Zwischenwesen und identisch mit dem Äther
der Peripatetiker, dem Pneuma der Stoïker und daher auch mit der Seele
und mit dem göttlichen Geiste der Weisheit[1744].
c) Die Neuplatoniker. Die Schule von Athen.
Eine Schule der Platoniker scheint in Alexandria schon um 100 v. Chr.
bestanden zu haben[1745]; aus ihr entwickelte sich sehr allmählich
und erst gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. in bedeutsamer
Selbständigkeit hervortretend, jene der +Neuplatoniker+, die +selbst+
zwar allezeit den Anspruch erhoben, getreue Jünger ~Platons~ zu
sein[1746], +in der Tat+ aber Eklektiker waren und den Versuch
machten, „durch Verbindung wissenschaftlicher und religiöser Motive
den griechischen Polytheismus zu einer vergeistigten Naturreligion zu
verklären und zu einem pantheistischen Systeme zu entwickeln“[1747].
Für die Richtigkeit der ehemals ziemlich allgemeinen Voraussetzung
einer Abhängigkeit neuplatonischer von indischen Gedanken haben sich,
wenngleich mancherlei merkwürdige Übereinstimmungen statthaben,
doch keinerlei Beweise beibringen lassen[1748]; orientalische
Einflüsse sind zweifellos vorhanden[1749], jedoch nicht gerade (wie
früher vermutet) solche seitens der Gnostiker, welche religiösen
Sekten vielmehr umgekehrt fast alle ihre philosophischen Lehren der
griechischen und jüdisch-hellenistischen Philosophie entnahmen[1750];
von entscheidendem Gewichte ist dagegen die enge Verbindung mit dem
Eklektizismus ~Philos~[1751], nach dessen Weise die metaphysischen
Grundsätze im wesentlichen dem ~Platon~ entlehnt werden, die
methodischen dem ~Aristoteles~, die zwecks Verbindung beider Lehren
erforderlichen, oft tiefgehenden Abänderungen den Peripatetikern und
Stoïkern, die mystischen Allegorien den Neupythagoräern, usf.[1752].
Das so entstandene System soll vermeintlich ein rein platonisches sein,
zugleich aber auch auf pythagoräischer Grundlage fußen; die kühne
Behauptung von der Identität der Lehren ~Platons~ und ~Pythagoras’~
ließ sich um so leichter verfechten, als die für Letztere fehlende
Überlieferung jede beliebige Unterstellung ermöglichte; zudem aber
bot sie auch den Vorteil, statt auf die Autorität ~Platons~, „der
doch allzu genau historisch bekannt war“, auf die des fast mythischen
~Pythagoras~, also auf eine weitaus imponierendere, zurückgreifen zu
können[1753].
Von ~Ammonios Sakkas~, der um 200 n. Chr. zu Alexandria auftrat und
nur als Lehrer, nicht als Schriftsteller wirkte, ist mit Sicherheit
allein bekannt, daß er als neues, allen Uneingeweihten strenge zu
verschweigendes „Schulgeheimnis“ die Übereinstimmung der platonischen
und aristotelischen Lehren „in ihrer wahren Reinheit“ verkündigte und
hierdurch den endlosen Streitigkeiten der Platoniker und Peripatetiker
ein Ziel setzte[1754]; Materie und Pneuma, Körper und Seele, so
behauptete er, können durch κρᾶσις (Krásis), gleich Wasser und Wein,
völlig Eines werden, ohne in ihren Grundwesen eine Veränderung zu
erleiden (κατ’ οὐσίαν ἀλλοιοῦσθαι)[1755].
Eigentliches Haupt der Neuplatoniker ist sein Schüler ~Plotinos~
(204-270?), auf dessen überragende Bedeutung für die gesamte Geschichte
der Metaphysik und Religion an dieser Stelle nur hingewiesen werden
kann[1756]; sein Hauptwerk ist in der unter dem Titel „Enneáden“
bekannten Fassung erhalten, sechs Gruppen von je neun Abhandlungen
bildend[1757], und ein Auszug aus einigen von diesen liegt in der
pseudepigraphischen „Theologie des ~Aristoteles~“ vor, die im
Mittelalter für echt galt und außerordentlichen Einfluß ausübte,
nach allen Einzelheiten aber erst in neuerer Zeit, auf Grund einer
arabischen Übersetzung, bekannt wurde[1758].
Grundlage (ὑποκείμενον) aller Körper ist nach ~Plotinos~ eine
gemeinsame, ungestaltete, unwandelbare, keiner Metabolé oder
Alloíosis fähige, aber jede Form willig aufnehmende Urmaterie[1759];
sie besitzt, im Sinne des platonischen μὴ ὄν (des Nichtseienden),
nur +eine+ Eigenschaft, die στέρησις (Stéresis), d. i. die reine
Negation, daher ist sie das Unbegrenzte, Unbestimmte, in Schatten
und Finsternis Liegende, in ethischer Hinsicht aber (wegen ihrer
Wirkung auf die Seele) das Gemeine, Unreine, Böse, das πρῶτον κακόν =
Wurzel alles Übels[1760]. Die Materie als Hyle stellt das niedrige,
weibliche, empfangende Prinzip vor, dem durch das höhere, männliche,
gestaltende, erst die Form verliehen werden muß[1761]. Dies geschieht
durch den göttlichen Logos, den Vermittler, Demiurgen und zweiten
Gott (δεύτερος θεός)[1762], den die „Alten“, weil er als Sendbote des
höchsten Intellektes anzusehen ist, allegorisch-mystisch (μυστικῶς)
auch ~Hermes~ benannten[1763]. Er faßt die sämtlichen Qualitäten als
Inbegriff zusammen[1764], durch sie, die zugleich platonische Ideen,
pythagoräische Zahlen, Lógoi spermatikoí, Samen (σπέρματα) und Seelen
sind, geht er in die Materie ein, verbindet sich mit ihr vermöge der
κρᾶσις τῶν ὄλων und bringt so die Einzeldinge aus ihr hervor[1765];
das Wesentliche hierbei sind die in den „Samen“ wirkenden Logoi, die
gestaltenden, erzeugenden, zwecksetzenden Begriffe, die Träger der für
die Einzeldinge charakteristischen und zu ihrer Entstehung notwendigen
Formen[1766]. Indem so, durch eine Art Emanation oder Ausstrahlung, aus
dem einheitlichen und obersten Weltprinzip (τὸ ἕν = to Hen; das „Eine“)
zuerst der Logos als einheitliche Weltvernunft und Weltseele, sodann
die Logoi spermatikoí als individuelle Samen und Seelen, schließlich
aber die materiellen Einzel-Dinge und -Wesen hervorgehen[1767], ergibt
sich, im Sinne des „platonischen Ringes“, der „platonischen Kette“,
eine Welt, die zwar in zahlreichen Abstufungen reich gegliedert ist,
deren Glieder jedoch vermöge der Einheitlichkeit des höchsten Prinzips
auch selbst alle in einheitlicher Verbindung und in gesetzmäßigem
Zusammenhange stehen.
Hieraus erklärt es sich, daß die Einzeldinge nicht nur infolge
äußerer +physischer+ Vorgänge aufeinander wirken, sondern auch
infolge innerer +sympathetischer+[1768], und auf letzteren beruht
u. a. die den Gestirnen als „göttlichen Wesen und sichtbaren Göttern“
zukommende Macht, die also bei den Neuplatonikern +ursprünglich+ der
„gegenseitigen Sympathie aller Dinge“ als eine rein naturgemäße und
ganz allgemeine, nicht eigentlich astrologische, entfließt[1769]. Erst
im Laufe +weiterer+ durch den Geist der Zeit bedingter Entwicklung wird
dann die nämliche Quelle auch zu der aller geheimen und mystischen
Wirkungen, -- denen u. a. die der Gebete beigezählt werden[1770],
-- und hat die Möglichkeit der Magie zu beweisen, sowie die der
Zauberei und Astrologie, der Vorbedeutungen und abergläubischen
Ideen, des Verkehres mit Dämonen und Geistern, der ekstatischen und
eschatologischen Träumereien, z. B. von der Auferstehung und ewigen
Seligkeit usf.[1771]. Will die Seele derartigen Lohnes teilhaftig
werden und dadurch ihre ursprüngliche himmlische Vollkommenheit
wiedererlangen, so hat sie sich von der gemeinen und bösen Materie
des Leibes loszulösen und im Leben durch tugendhaften Wandel einer
κάθαρσις (Kátharsis = Läuterung) zuzustreben, indem sie nach Kräften
die unreinen Elemente von sich weist und ausstößt, die reinen aber
anzieht und in sich aufnimmt: schon ein wenig Zinn macht bei der
Darstellung des Erzes das Kupfer besser und schöner, wobei es selbst
völlig verschwindet[1772].
Bei ~Porphyrios~ aus Tyros (232-304?), dem Schüler des ~Plotinos~ und
Herausgeber seiner „Enneaden“, der den ägyptischen Aberglauben und die
orientalische Mystik bekämpft und Großes in allegorischen Umdeutungen
(u. a. auch des ~Homer~) leistet, überwiegt die Philosophie immerhin
noch die Theologie[1773]. In den Schriften seines Schülers ~Iamblichos~
aus Chalkis in Syrien (gest. 330?) sowie dessen syrischer Freunde und
Nachfolger wird hingegen der Schwerpunkt bereits zielbewußt nach der
Seite der Theologie verlegt[1774]; die Vermengung sog. orphischer,
pythagoräischer (= neupythagoräischer), ägyptischer und chaldäischer (=
spätbabylonischer) Lehren und ihre Verbindung mit Theurgie und Mantik,
Magie und Dämonologie, -- wie z. B. in der „Synagogé (= Sammlung) der
pythagoräischen Meinungen“ --, fand indessen den größten Beifall der
Zeitgenossen, die nicht anstanden, dem Verfasser den Beinamen θεῖος =
der Göttliche zu erteilen[1775].
Von großem Einflusse erwies sich ~Iamblichos~ auf die letzten
Mitglieder der „+Schule von Athen+“, deren eigene Philosophie
ein bereits völlig scholastisch anmutendes Gemisch platonischer,
aristotelischer, stoïscher, neupythagoräischer und -platonischer
philosophischer, mit orphischen und chaldäischen theologischen
Überlieferungen darstellt[1776]. Zu nennen sind ~Proklos~ (410-485),
dieses „Bindeglied antiker und mittelalterlicher Wissenschaft“, bei
dem neben den höchsten Begriffen des ~Platon~ und ~Aristoteles~
auch chaldäische Gebete und ägyptische Zauberräder ihre Rolle
spielen[1777], der „göttliche“ ~Nestorios~ nebst seinen Jüngern[1778],
sowie ~Simplikios~ (um und nach 500); in seiner Polemik gegen
~Philoponos~ verteidigt er nochmals die neuplatonischen Lehren von
der Materie, u. a. den Unterschied zwischen πρώτη ὕλη (Urstoff) und
σῶμα (Soma; Einzelkörper), die Natur des Äthers als fünftes Element,
den Gegensatz zwischen Feuer nebst Luft und Wasser nebst Erde (aktiv
-- passiv, ποιοῦν -- πάσχον, Kraft -- Stoff, Seele -- Leib, ....),
die Durchdringlichkeit materieller Körper für immaterielle, die
Göttlichkeit der beseelten Gestirne usf.[1779].
Mit der Schließung der „Schule von Athen“, d. i. der platonischen
Akademie, durch den beschränkt-glaubenseifrigen und fanatischen
Kaiser ~Justinian~ im Jahre 529, nach fast tausendjährigem Bestande,
erlosch in Griechenland, wie die Philosophie überhaupt, so auch ihr
letzter Ausläufer, die neuplatonische; in Alexandria hingegen, wo
z. B. noch gegen 600 der jüngere ~Olympiodoros~ Kommentare zu ~Platon~
und ~Aristoteles~ verfaßte, erhielt sie sich anscheinend um etwa ein
Jahrhundert länger, bis zur Zeit der Eroberung Ägyptens durch die
Araber[1780].