(Angeblich im 1. Jahrhundert n. Chr.)
Während die Rezepte des Leidener und Stockholmer Papyrus zwar oft
Deutlichkeit und Zusammenhang vermissen lassen, nirgends aber, selbst
wo sie sichtlich auf Täuschung und Fälschung hinausgehen, völliger
Offenheit und Aufrichtigkeit ermangeln, finden wir die eigentlichen
„alchemistischen Traktate“ durchaus erfüllt von mystischem und
magischem Beiwerke, von zauberischem und abergläubischem Wesen, von
geheimtuenden und allegorischen Anspielungen, -- und daher, trotz ihrer
Ausführlichkeit und Breite, dunkel oder unverständlich.
Auf welche Weise, und durch was für Einflüsse vermittelt, dieser
veränderte Geist platzgegriffen haben mag, kann an dieser Stelle
noch nicht erörtert werden. Hervorzuheben ist jedoch, daß wir bisher
noch kein chemisches Werk kennen, das vermittelnden Charakter trüge
und allmähliche Übergänge zu ersehen, mindestens zu erschließen,
gestattete, daß vielmehr die bezeichnete Eigenart auch schon bei
jenen Schriften hervortritt, die die ältesten sind, oder sich doch
als solche geben. Freilich muß zugestanden werden, daß wir auch sie,
soweit es sich nicht überhaupt um Untergeschobenes oder Apokryphes
handelt, sicherlich nur in stark veränderter, durch so manche spätere
Hand zweckbewußt umgearbeiteter Gestalt kennen; auf diesem Umstande
wird es auch mit beruhen, daß die Reihe der griechisch schreibenden
alchemistischen Autoren, obwohl sie rund ein halbes Jahrtausend
umfaßt (ungefähr vom 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bis zur
Eroberung Ägyptens durch die Araber, 640-643 n. Chr.), kaum nach
irgendwelcher Richtung hin Fortschritt oder Entwicklung verrät, so
daß von diesen Schriftstellern gilt, was ~Albrecht von Haller~[355]
über die arabischen Botaniker sagt: „sie sind die brüderlichsten
Brüder, und hast du einen von ihnen gelesen, so hast du sie alle
gelesen“; das einzige, aber ziemlich untrügliche Unterscheidungszeichen
älterer und jüngerer Abhandlungen bleibt die bei letzteren immer
weiter zunehmende Verworrenheit und Kritiklosigkeit, sowie das stets
merklichere Zurücktreten eigentlicher chemischer Kenntnisse und
praktischer Erfahrungen hinter leeren alchemistischen Einbildungen und
theoretischen Abstraktionen.
Welche Autoren in Wahrheit die frühesten sind, welche Lehren
tatsächlich von ihnen herrühren, und welche Auslegungen dieser
Lehren wirklich zutreffen, -- alle diese Fragen lassen sich zur Zeit
nicht mit Sicherheit beantworten. Wir wissen nur spärliches über
Lebenszeiten und Lebensumstände der Verfasser (deren Namen sich
überdies in einigen Fällen auch noch wiederholt haben sollen), es
läßt sich meist kaum entscheiden, ob und inwieweit ihre Zitate aus
den „Alten“ echte oder nur vorgebliche sind, und des weiteren bietet
der Wortlaut dieser Berufungen, nicht minder aber auch jener der
eigenen Ausführungen, dem Verständnisse noch viele ganz besondere
Schwierigkeiten: die Beschreibungen der vorzunehmenden Operationen sind
häufig unvollständig, unklar, oft auch „absichtlich geheimnisvoll“
und lassen meist jede Andeutung quantitativer Verhältnisse (Mengen,
Zeiten, Konzentrationen, Temperaturen) vermissen; als Bezeichnungen der
Substanzen dienen in fast beliebiger Weise vieldeutige Worte, und man
hat daher, etwa unter Chalkitis, Chrysokolla, Kadmia, Kommi, Magnesia,
Sinopis, Stypteria, je nach den Umständen das Allerverschiedenste
vorauszusetzen: nicht nur ganz anderes als der +heutige+ Sprachgebrauch
erwarten läßt (bei „Gummi“, bei „Magnesia“, usf.), sondern auch
nach +damaliger+ Kenntnis weit Auseinanderliegendes, so z. B. wenn
Sinopis[356] bald Rötel aus Sinope bedeutet, bald sinopisches Minium
(Mennige), bald aber Zinnober, Realgar, Oker, Eisenrost, oder Hämatit
(Roteisenstein). Endlich werden viele der benützten Stoffe überhaupt
nur unter dem Schleier von Geheimnamen, sog. Decknamen, eingeführt,
betreff derer begreiflicherweise die größte Willkür besteht[357], so
daß man schon bei den verständlicher klingenden niemals vorher wissen
kann, +welches+ Mineral, +welches+ Präparat, +welche+ Droge irgendein
Autor unter Ei, Eigelb, Galle, Honig, Gummi, Safran, Rettigöl,
Ricinusöl, Lorbeerholz u. dgl. gerade versteht und verstanden haben
will. Daß z. B. an irgendeiner Stelle „magnetische Blumenblätter“
den Braunstein (Pyrolusit, Mangansuperoxyd) bedeuten sollen, wird
allenfalls noch Derjenige erschließen können, der weiß, 1. daß „Blätter
der Krone“ zuweilen auch als Namen der „Magnesia“ vorkommen, 2. daß
„Magnesia“ (neben vielen anderen in den Gebieten Magnesias auftretenden
Mineralien) auch den Braunstein bezeichnet, und 3. daß dieser
„magnetisch“ auch noch deshalb heißt, weil durch seinen Zusatz das
infolge Eisengehaltes dunkle Rohglas entfärbt wird, was schon ~Plinius~
mit den Worten erklärt, er ziehe den Abschaum des Glases (liquorem
vitri) ebenso an sich, wie der Magnet das Eisen; darauf aber, daß an
irgendeinem anderen Orte mit „Lorbeerblättern“ der „weiße Schwefel“
(= Arsenigsäure) gemeint sein soll, würde überhaupt niemand verfallen
können, erschlösse ihm nicht zufälligerweise eine Parallelstelle diesen
Sinn, für den uns der richtige Anhaltspunkt völlig fehlt.
Durchaus zutreffend, und ~Berthelot~ gegenüber fast prophetisch, hat
also ~Kopp~ hervorgehoben, daß den alchemistischen Werken, -- wie
künftige bessere und vollständigere Ausgaben gewiß +noch+ klarer
ersichtlich machen würden, -- verhältnismäßig wenig Bestimmtes über
das chemische Wissen ihrer Verfasser zu entnehmen ist, und daß die
Auffassung des zu Entnehmenden oft zweifelhaft bleibt und in der
Luft schwebt, „worüber sich der Fernstehende durch zuversichtliche
Behauptungen nicht täuschen lassen darf“[358], um so mehr, als man für
eine frühe Zeit und die ihr angehörigen Schriften keine sichere Antwort
auf Fragen abzuleiten vermag, die, nach der Erkenntnisstufe jener Zeit,
in ihr gar nicht bewußt gestellt wurden[359]. Die Vorschriften zur
künstlichen Darstellung von Gold und Silber, so führt ~Kopp~ weiter
aus, sind nicht nur insoweit gegenstandslos, als sie dieses unmögliche
Ziel für erreichbar oder wirklich erreicht ausgeben, sondern sie lassen
auch meist im Dunkeln, wie man es erreicht zu haben +glaubte+, da
die Nomenklaturen unverständlich und rätselhaft, die Kunstausdrücke
vieldeutig und unsicher, die Einzelnamen fragwürdig und figürlich
sind, vielleicht auch ihren Sinn wiederholt gewechselt haben; selbst
Vergleiche der Werke untereinander fördern in dieser Hinsicht nicht
nach Erwarten, denn die Geschichte aller Irrlehren zeigt, daß diese
nicht oder kaum entwicklungsfähig sind, so daß die jüngeren Verfasser
die älteren stets nur aufs neue wiederholen und kommentieren[360]. „Man
findet bei diesen Autoren“, so sagt sehr richtig schon 1783 ~Moehsen~
in einem noch heute höchst lesenswerten Abschnitte seiner „Beiträge
zur Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg“[361],
„weitläufige Exegesen, nach Art der kirchenväterlichen über die Bibel,
.... der Schüler gibt weiter, was ihn sein Meister lehrte, und der eine
Blinde zeigt immer dem anderen den Weg.“
Nur mit großer Vorsicht wird man also unter solchen Umständen zum
Versuche schreiten dürfen, Lehren und Leistungen der griechischen
Alchemisten nach Möglichkeit klarzulegen.
——————————
Die „alten“ Überlieferungen stimmen so gut wie ausnahmslos darin
überein, daß die frühesten der uns vorliegenden alchemistischen
Schriften jene des ~Demokritos~ seien[362]; zugleich stellen sie
dessen Identität mit dem +Philosophen+ ~Demokritos~ aus Abdera als
eine derartig unzweifelhafte und selbstverständliche hin, daß sie für
nicht wenige Gelehrte noch inmitten der Neuzeit ein unerschütterlicher
Glaubensartikel blieb, obwohl schon ~Salmasius~ (~Saumaise~) 1622 im
Kommentar zu des ~Tertullianus~ „Liber de pallio“ erklärte[363], „daß
diese Werke zwar unter dem Namen des ~Demokritos~ gehen, aber der
letzten Zeit der griechischen Literatur angehören“!
Ganz abgesehen von den unvereinbaren chronologischen Verhältnissen, --
der +Philosoph+ ~Demokritos~ starb um 350 v. Chr., und der Charakter
jener Schriften ist ausgesprochen späthellenistisch, -- muß es zunächst
unbegreiflich erscheinen, wie gerade der +echte+ ~Demokritos~ in den
Ruf eines Magiers, Astrologen und Alchemisten geraten konnte, er,
der anerkanntermaßen einer der scharfsinnigsten und nüchternsten
Köpfe des Altertums war, als Hauptbegründer der atomistischen Schule
neue und selbständige Pfade einschlug, und von ~Aristoteles~ „als
ein Mann, der über fast alles nachgedacht hat“, mit hoher Achtung
erwähnt und als unbedingt erste Autorität bezüglich der Naturkunde
angesehen wird. Den nächsten Anlaß zu dieser Umwertung, sicherlich
einer der auffälligsten, die die Geschichte der Wissenschaften kennt,
gaben wohl seine ungewöhnlich zahlreichen Reisen, deren Umkreis
spätere Berichte immer weiter ausdehnten, zuletzt bis in das Innere
Ägyptens und Babyloniens, dieser alten Heimstätten des Zauberwesens
und der Magie[364]; gefördert wurde sie durch das Vorhandensein eines,
angeblich auf vielerlei eigene Versuche und Erfahrungen gegründeten,
χειρόκμητα (Cheirókmeta = Handgriffe, Kunstgriffe) betitelten Werkes,
dessen ursprüngliche (echte?) Fassung leider, wie die aller Schriften
des wahren ~Demokritos~, verloren ist, über dessen Inhalt aber
allmählich immer abenteuerlichere Vorstellungen in Umlauf kamen und
auch Glauben fanden. Jedenfalls stand das Bild des ~Demokritos~ als
Astrologen und Magiers ersten Ranges gegen Anfang unserer Zeitrechnung
bereits längst fest, und aus den „Cheirókmeta“, auf die ~Vitruv~[365]
und ~Plinius~[366] hinweisen oder anspielen, sowie aus anderen seiner
Werke wird eine Fülle derartig abergläubisch-unsinniger (+nirgends+
aber alchemistischer!) Aussprüche und abgeschmackter Behauptungen
angeführt[367], daß schon einigen der Autoren, aus denen ~Plinius~
schöpfte, der Gedanke an Unterschiebungen aufstieg[368]; ~Plinius~
glaubt zwar nicht an solche, aber sein Zeitgenosse ~Columella~ (gest.
gegen 65 n. Chr.)[369], sowie der spätere ~Aulus Gellius~ (gest. um
180 n. Chr.)[370] sprechen von ihnen nicht nur als von etwas bereits
völlig Bekanntem, sondern nennen auch den (oder einen) Hauptfälscher,
~Bolos~ aus ~Mendes~ in Ägypten, der nicht lange nach Beginn der
Ptolemäerzeit gelebt und „zur Schule des ~Demokritos~“ gehört haben
soll[371]. Das Vorhandensein einer solchen Schule, die doch unbedingt
einer längeren Entwicklungszeit bedurfte, wäre von großem Interesse,
erscheint aber fragwürdig; wenn wir jedoch bei ~Petronius~ (gest. 66
n. Chr.) lesen[372], „~Demokritos~, ein zweiter Herakles (nämlich der
Wissenschaften) ..., füllte ein Leben mit Versuchen aus, um die Kräfte
der Steine und Pflanzen völlig ins Reine zu bringen“, und wenn ~Seneca~
(um 60 n. Chr.) anführt[373], „~Demokritos~ verstand auch Elfenbein
zu erweichen und mineralische Schmelzen in Smaragd zu verwandeln,
wie das noch jetzt mit den dazu passenden geschieht“, -- so erhalten
wir eine ziemlich ausreichende Vorstellung dessen, +was+ sie etwa
dem ~Pseudo-Demokritos~ zuschrieb; wir ersehen ferner, daß für die
technisch Ungebildeten jener Zeit ein den ägyptischen Glasmachern seit
altersher so geläufiger Kunstgriff wie das Grünfärben von Glasschmelze
durch kleine Mengen geeigneter Metallverbindungen noch den Charakter
einer, der geheimen „Kraft“ des Zusatzes zuzuschreibenden „Umwandlung“
trug. +Hier+ ist also die Stelle, an die die Phantasien der weiteren
apokryphen Litteratur anknüpften[374]. Aus dieser schöpfend berichten
z. B. im 3. Jahrhundert ~Diogenes Laërtius~[375], und im 4. ~Synesios~
(s. unten) und ~Panodoros~ (dessen ägyptische Chronik im Auszuge bei
~Georgios Synkellos~, einem Autor des 8. Jahrhunderts, vorliegt),
~Demokritos~ habe schon von einigen Magiern, die als Begleiter des
~Xerxes~ während des griechischen Feldzuges zu Abdera im Hause seines
Vaters Wohnung bezogen, Unterricht in den Geheimwissenschaften erhalten
(also etwa 20 bis 25 Jahre vor seiner Geburt?); später sei er zu
Memphis in Ägypten durch den persischen Priester ~Ostanes~, den ersten
und berühmtesten Lehrer der Astrologie und Alchemie (s. unten), in
diese Künste eingeweiht worden; daraufhin habe er dann die Vorschriften
zur Anfertigung des Goldes und Silbers (χρυσο-, ἀργυροποιία, Chryso-
und Argyropoiía) verfaßt und die „Bücher der Färbekunst“ (βίβλους
βαφικάς) geschrieben, deren vier Abschnitte das „Färben“ (βαφή, Baphé,
Tinktur) des Goldes, des Silbers, der Edelsteine und der Purpurgewänder
behandelten[376]. Die Folgerichtigkeit der Anschauungen tritt hierbei
klar zutage, denn genau so, wie die Gewinnung von grünem „Smaragd“
aus farblosem Glas, oder von purpurnem Gewebe aus farblosem Stoffe,
sprach man auch jene des Goldes und Silbers in erster Linie als einen
Vorgang der Farbengebung an: war es erst mehr oder weniger geglückt,
ungefärbten oder anders gefärbten Metallen die Farbe von Gold und
Silber zu verleihen, dann hatte man eben auch sie mit mehr oder weniger
Erfolg „umgewandelt“, also Gold und Silber „gemacht“.
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Die Lehren des ~Pseudo-Demokritos~ wurden der Neuzeit zuerst
einigermaßen bekannt, als 1573 ~Pizzimenti~ in Padua das Buch
„Demokritos Abderita, De arte magna“ veröffentlichte, dessen erster
Abschnitt „De rebus naturalibus et mysticis“ (Über das Natürliche
und Übernatürliche) eine Anzahl aus nicht näher angegebenen Quellen
entnommener Fragmente in lateinischer (sehr unzureichender) Übersetzung
bringt[377]; nach ~Berthelot~, der diese als seither unbekannt
geblieben ansieht, obwohl u. a. ~Kopps~ „Beiträge“ einen ausführlichen
Abdruck enthalten[378], stimmt ihr Inhalt völlig überein mit dem
des Werkes „Physica et Mystica“ (das in verschiedenen Handschriften
überliefert ist), nur umfaßt letzteres noch zwei weitere Absätze: der
erste berichtet über eine zauberische Anrufung des „persischen“ Magiers
~Ostanes~ und die Auffindung der von seinem Geiste angekündigten
Geheimschriften, während der zweite ein Rezept zum Färben mit Purpur
wiedergibt[379]. -- Hauptquellen zur Kenntnis des ~Pseudo-Demokritos~
sind die griechischen Texte seiner angeblich eigenen Werke, die am
ausführlichsten die berühmte, wahrscheinlich aus dem 10. Jahrhundert
stammende alchemistische Sammelhandschrift der St. Markus-Bibliothek zu
Venedig enthält, ferner die Zitate aus seinen Schriften bei späteren
griechischen Alchemisten (u. a. bei ~Zosimos~ im 3. und ~Synesios~
im 4. Jahrhundert) und endlich einige in syrischer Sprache erhaltene
Übersetzungen und Auszüge.
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Um zunächst einen Begriff vom Inhalte und von der Abfassungsweise
der demokritischen Schriften zu geben, sei der erste Absatz aus der
Einleitung in die „Goldmacherkunst“ (χρυσοποιία) vorausgeschickt, der
wörtlich wie folgt lautet[380]: „Nimm Quecksilber, fixiere es mit
dem Körper der Magnesia, oder des italischen Stimmi, oder mit nicht
erhitztem [d. h. natürlichem] Schwefel, oder mit Aphroselinon, oder mit
gebranntem Kalk, oder mit Alaun aus Milo, oder mit Arsenikon, oder mit
etwas, was du sonst als passend kennst; wirf [projiziere] die weiße
Erde auf Kupfer, so erhältst du glänzendes Kupfer; wirfst du gelbes
Silber darauf, so erhältst du Gold, wirfst du aber Gold darauf, so
erhältst du Goldkoralle in Substanz. Die nämliche Wirkung bringt das
gelbe Arsenikon hervor, ferner das richtig behandelte Sandarach, oder
der völlig herausgekehrte [d. h. umgewandelte] Zinnober; glänzendes
Kupfer erhältst du allein mittels Quecksilbers. Die Natur besiegt die
Natur.“
Wer hiernach über das Verfahren Gold zu machen und über die dabei zu
benützenden Hilfsstoffe nicht genügend klar geworden ist, dürfte seine
Zuflucht vor allem zum sogenannten „Lexikon der χρυσοποιία“ nehmen,
einem schon in den ältesten Handschriften angefügten, erläuternden
Verzeichnisse der Stoffnamen, sowie der Bedeutungen, die diesen neben
ihrem nächstliegenden Sinne noch zukommen können; nach Durcharbeitung
der zahlreichen, jeder bestimmten Anordnung entbehrenden Paragraphen
dieses Wörterbuches[381] wird er sich im Besitze nachstehender
Erklärungen der im Absatze I vorkommenden Fachausdrücke finden, --
wobei vorausgesetzt sei, daß die Grundsubstanz „Quecksilber“ auch
wirklich Quecksilber sein soll, was möglich, aber keineswegs gewiß ist:
Magnesia: weißes Blei; Kadmia; weibliches Stimmi; stärkster Essig;
„Blätter der Krone“.
Stimmi: natürliches [d. i. Spießglas, Schwefelantimon]; „Muschel“,
dargestellt aus Kupfer, Blei, Zinn und Eisen; Goldkoralle.
Nicht erhitzter Schwefel: Safran aus der Lösung; Dampf und
Sublimiertes aus Quecksilber.
Aphroselinon: Silberschaum; Argyrolith; Kupholith; Komaris von allen
Arten Schwefel und Arsen; Talk; Selenit; Weinstein; Alaun; festes
Quecksilber.
Gebrannter Kalk: Kalk der Eier; Marmor aus Theben; Titanos; Alaun;
Alaun von Melos; Stein des Dionysos; Knochen der Sepia; Muscheln.
Alaun: weißer Schwefel [d. i. Arsenigsäure]; glänzendes Kupfer;
gereinigtes Blei; phrygischer Stein; nicht erhitzter Schwefel.
Arsenikon: weißer Schwefel; Komaris; attischer Oker; Erde aus Samos.
Kupfer: Schale der Eier.
Glänzendes Kupfer: Alaun.
Gelbes Silber: Asem.
Goldkoralle: feinstes rotes Gold.
Gelbes Arsen: gelber Sand [d. i. Auripigment, gelbes Schwefelarsen].
Sandarach: roter Sand [d. i. Realgar, rotes Schwefelarsen];
scythisches Wasser; Quecksilber aus Zinnober.
Zinnober: sublimierter Dampf, im Topfe gekocht; Sandarach; Mennige;
Rotheisenstein [d. i. Hämatit].
Das angeführte Beispiel, das eine noch keineswegs zu den schlimmsten
zählende Stelle betrifft, im übrigen aber für Geist und Form
+aller+ alchemistischen Werke, von den frühesten an bis zu denen
des ausgehenden Mittelalters, recht charakteristisch ist, läßt
ersehen, welche ungewöhnlichen Schwierigkeiten der Text jedem
Versuche zureichender Deutung entgegensetzt, und in wie geringem
Grade diese durch das „Lexikon“ behoben werden; schon ~Kopp~ sagt
von diesem[382], es sei ein bloß verwirrendes, für das Verständnis
wertloses, selbst erst eines Kommentars bedürftiges Verzeichnis
nicht der erwarteten Erklärungen, sondern der nach alchemistischer
Redeweise gebräuchlichen Synonyma. Demgemäß verheißt ein Vorgehen,
abzielend auf weitere Anführung umfangreicher Stellen aus derartigen
Schriften und jedesmalige Auslegung ihrer Einzelheiten, wenig
Erfolg; zweckentsprechender erscheint der Versuch, den Inhalt nur im
allgemeinen wiederzugeben, jedoch unter tunlichster Berücksichtigung
der Ausführung und Erklärung chemischer Operationen, der gebrauchten
Kunstausdrücke und der benützten Apparate.
——————————
Das Hauptwerk des ~Pseudo-Demokritos~ „Physica et Mystica“[383] weist
gleich in seiner Einkleidung arge Widersprüche auf. ~Demokritos~
beschwört den Geist des einstigen Lehrers, des +persischen+ Magiers
und dabei +ägyptischen+ Priesters ~Ostanes~, und erhält von ihm die
Auskunft, seine Geheimschriften befänden sich im „Tempel“; dieser wird
fruchtlos durchsucht, und erst später öffnet sich beim Gottesdienste
plötzlich eine Säule, die Bücher kommen zum Vorschein, enthalten jedoch
nichts als den Spruch „ἡ φύσις τῆ φύσει τέρπεται, ἡ φύσις τὴν φύσιν
νικᾷ, ἡ φύσις τὴν φύσιν κρατεῖ“, d. h. „Die Natur freut sich über
die Natur, die Natur siegt über die Natur, die Natur herrscht über
die Natur“[384]; die Schüler sind äußerst verwundert über die Kürze
und Kärglichkeit dieses Vermächtnisses, -- aber weiteres ist nicht
vorhanden. Trotz dessen gibt sich das ganze Werk des ~Demokritos~
als das wiedergefundene des ~Ostanes~, freilich ohne dies ganz offen
auszusprechen; die übliche Auslegung besagt allerdings, jener knappe
Satz schließe eben alles Sonstige bereits in sich, und von der
übermenschlichen Weisheit des ~Ostanes~ zeuge gerade seine Fähigkeit,
die ungeheure Mannigfaltigkeit der Erfahrungen in diesen wenigen Worten
zusammenzufassen. Merkwürdig bleibt hierbei noch, daß ~Ostanes~,
den doch ~Demokritos~ hier als frühesten und ersten der Alchemisten
sprechen läßt, selbst wieder Berufung an die „Älteren“ einlegt und
empfiehlt, mit der Begründung, die „Neueren“ glaubten nicht genügend an
die „Schrift“, τῇ γραφῇ[385], d. h. an die noch gar nicht vorhandene
schriftliche Überlieferung seiner Lehren!
Was nun ~Demokritos~ in „Physica et Mystica“, einerseits unter
Verweisung auf Bücher der persischen Magier[386], andererseits
unter rätselhafter Andeutung gewisser Geheimnisse der ägyptischen
Tempel[387], über das „Machen“ von Gold und Silber verrät, geht
durchaus auf jene drei Methoden hinaus, von denen (wie bereits
weiter oben angeführt) schon ~Salmasius~ spricht, und in völlig
übereinstimmender Weise auch ~Berthelot~[388]. Für +Silber+, zuweilen
auch Asem genannt, kommt in Frage: 1. Die „Weißung“ der Oberfläche
von Kupfer durch quecksilber- oder arsenliefernde Chemikalien, wie
gelbes und rotes Schwefelarsen (Auripigment und Realgar), Zinnamalgam,
Zinnober u. dgl. 2. Auftragen silberglänzender Firnisse auf Kupfer,
Eisen, oder Blei. 3. Bereitung silberähnlicher Legierungen aus Kupfer,
mittels Zinn, Blei, Orichalkum und anderer Zutaten, wobei hinterher
nach Bedarf auch nochmalige Weißung erfolgen kann. Für +Gold+ ist
in Betracht zu ziehen: 1. „Gilbung“ der Oberflächen von Kupfer und
Silber durch die Röstprodukte von Pyriten und Spießglanz (d. i.
Schwefelantimon), sowie durch Schwefel, arsen- oder schwefelliefernde
Präparate, u. a. „göttliches Wasser“ [d. i. Calciumpolysulfid?]. 2.
Auftragen goldglänzender Firnisse[389], bestehend u. a. aus Kadmia,
Safran, Chelidonium, Carthamus, Eigelb, Kalbsgalle, nebst den Ölen
von Terebinthen [d. i. die Frucht von Pistacia Terebinthus], Ricinus,
Rettig usf. 3. Bereitung goldähnlicher Legierungen aus Kupfer,
Silber und Blei, z. B. aus natürlichem Schwefelsilber mit Bleiglätte
und Spießglas, oder aus Kupfer nebst Blei, Zinn und „Klaudianos“
[Kupfer, Blei, Zinn oder Messing enthaltende Legierung?], auch
unter Mitverwendung von Quecksilber, Zinnober, Elektron, und unter
schließlicher abermaliger Gilbung. Nützliche Zusätze zur Darstellung
von Silber und Gold sind endlich kleine Mengen Silber, Gold, oder
Elektron[390], am besten als feine Pulver, die offenbar gleich „Samen“
die beabsichtigte Umwandlung anregen, oder sie nach Art von „Hefe“
fördern und beschleunigen sollen.
Als wichtigster Ausgangsstoff für die Herstellung der Edelmetalle
wird das Blei bezeichnet, „dessen Natur sich so leicht in vielerlei
anderes umwandeln läßt, μετατρέπεται[391], [nämlich in die
wohlbekannten Präparate weißes Bleiweiß, schwarzes Schwefelblei,
gelbe Bleiglätte, rote Mennige]; da nach den Theorien des ~Platon~
und ~Aristoteles~ alle Metalle mehr oder weniger Wasser enthalten,
das ihre Schmelzbarkeit bedingt und im Augenblicke der Verflüssigung
sichtlich hervortritt, und da ferner dieser Wassergehalt bei den
edlen Metallen am kleinsten, bei den unedlen am größten sein soll, so
hat aber jedenfalls auch der niedrige Schmelzpunkt des Bleies dazu
angeleitet, dieses gemeinste der Metalle als dasjenige anzusehen,
das als eine Art Urstoff [materia prima] den übrigen zugrunde liegt,
zunächst denen der „Tetrasomie“ (Vierkörperschaft) der Unedlen, d. i.
Blei, Kupfer, Eisen und Zinn[392]. Doch ist unter „Blei“ nicht stets
das gewöhnliche Blei zu verstehen, -- nämlich das „schwarze“ (plumbum
nigrum), neben dem das Zinn das „weiße“ (plumbum candidum) heißt, --
sondern zuweilen auch das +metallische Antimon+, dessen, als einer Art
Blei, u. a. schon ~Plinius~ und ~Dioskurides~ gedenken[393]; dieses
wird aus dem sehr leicht reduzierbaren στίμμι [Stimmi, Spießglas,
Schwefelantimon] gewonnen und „μόλυβδον τὸ ἡμών“ = „+unser+ Blei“
genannt[394], ähnlich wie an anderer Stelle eine scharfe Flüssigkeit
„τὸ ἡμέτερον ὄξος“ = „+unser+ Essig“[395]. Wie mehrere Bleie, so
gibt es auch mehrere Quecksilber, nämlich neben „einem aus Zinnober“
auch „eines aus Arsen“[396]; unter diesem ist das durch Röstung
und Reduktion der natürlich vorkommenden Arsensulfide leicht zu
gewinnende, durch Silberglanz, Sublimierbarkeit usf. dem Quecksilber
analog erscheinende +metallische Arsen+ zu verstehen, das „aus Kupfer
und aus Asem Silber erzeugt“[397] [indem sich eine silberglänzende
Kupfer-Arsen-Verbindung bildet]. Die Arsensulfide und der „Rauch“, den
sie beim Rösten entweichen lassen, heißen auch κοβαθία (Kobathía)[398],
-- ein Wort, mit dem, ebenso wie mit dem verwandten κόβαλος (Kóbalos),
nach ~Beckmann~ (1799) und ~Lobeck~ (1829) unser heutiges Kobold und
Kobalt zusammenhängen soll[399].
Um nun das „Blei“ genannte Rohmaterial in Silber oder Gold
überzuführen, hat man ihm jene richtige βαφή = Färbung zu erteilen,
„die das Ziel der großen Kunst bildet“[400]; die Aufgabe hierbei ist
im wesentlichen keine andere als die, farblose Gewebe aus Rohwolle und
Rohleinen in herrlich blaue und rote Prachtstoffe umzuwandeln[401]. So
wie man das ägyptische Chamäleon veranlassen kann, die verschiedensten
Farben anzunehmen, wobei aber seine eigentliche Natur keine Veränderung
erleidet, ganz ebenso hat man Farbenveränderungen des Ausgangsmaterials
anzustreben, das solcher sehr wohl fähig ist, in ihrem Verlaufe
ebenfalls seine ursprüngliche Natur bewahrt und deshalb [im Sinne eines
Urstoffes, einer Materia prima] auch selbst „Chamäleon“ heißt[402].
Diese Veränderungen vollziehen sich jedoch nicht plötzlich, sondern
in verschiedenen Stufen[403], als deren vier wichtigste die Mélansis
(Schwärzung), Leúkosis (Weißung), Xánthosis (Gilbung) und Íosis
(Rötung) gelten; die erste erfüllt eine +unabänderliche Vorbedingung+,
indem sie die verschiedenen Rohstoffe in eine gleichmäßige schwarze
Urmasse überführt, die das Substrat jeder weiteren Veränderung
darstellt, die zweite bewirkt die Entstehung weißen Silbers, die dritte
die gewöhnlichen gelben, und die vierte die reinsten roten Goldes.
Die Leukosis und Xanthosis, das Weißen und Gilben, sind, wie
~Zosimos~, ~Synesios~ und andere spätere Erklärer bestätigen, die
wichtigsten jener „Handfertigkeiten“, die ~Demokritos~ in dem, von
ihnen χειροκμήματα genannten „Buche über die vier edlen Künste“ als
ἄργυρο- und χρυσο-ποιία (Machen des Goldes und Silbers) lehrte[404]
und angeblich auch in „geheimen Schriftzeichen“ (= Hieroglyphen) auf
die Säulen der Tempel setzen ließ[405]. Das Weißen und Gilben muß
der τεχνιτῆς[406] (Techniker, Kunstbeflissener) auf das Gründlichste
studieren[407], erstens, indem er durch immer wiederholte Versuche
die Eigenschaften und Wirkungen aller der festen und flüssigen Stoffe
erforscht, durch deren Einwerfen (ἐπιβάλλειν, projizieren)[408] man
das Weiße und Gelbe gewinnt, zweitens aber auch, indem er die hierfür
günstigsten Umstände ermittelt; dabei wird sich z. B. herausstellen,
daß Erfolg, namentlich guter Erfolg, nur eintritt, wenn sich alle
Substanzen in flüssigem (gelöstem oder geschmolzenem) Zustande
befinden, ἀναλυόμενα πάντα[409]. Die wichtigsten der erwähnten Stoffe
sind Quecksilber[410], ferner aber auch Zinnober[411], Schwefel,
Arsen, gelbes Arsen [Auripigment], rotes Arsen [Realgar, Sandarach],
Spießglas [Schwefelantimon], Pyrit [Schwefelkies u. dgl.], und zwar
besonders dessen silber- und goldglänzende Arten, z. B. λίθος χρυσίτης
(Goldkies)[412], sodann Sory und Misy[413] [Zersetzungsprodukte des
Pyrits; Schwefel, Kupfer, Eisen und andere Metalle enthaltend], endlich
noch Kadmia[414] (καθμεία), die auch den Namen Magnesia (μαγνησία),
weißes Blei, weißer Pyrit, Silberkies, u. dgl. führt[415].
Die Wirkung, die von ihnen ausgeht, beruht auf συγγένεια (Syngéneia),
d. i. Affinität, Verwandtschaft, wie eine solche in allbekannter
Weise sämtliche Metalle zum Schwefel, oder das Eisen zum Magnetstein
zeigen[416]; diese führt (so lehrte schon ~Platon~) zu einer gänzlichen
Verschmelzung und Vereinigung, zu einer wahren „Vermählung“, daher
sich denn z. B. Kupfer und Kadmia [hier ein zinkhaltiges Mineral]
durchdringen ἕως συγγαμήσωσιν (bis sie sich vermählt haben) und dabei
Nikäanisches Orichalkum [hier offenbar Messing] erzeugen, ganz ebenso
wie aus Kupfer und Zinn durch eine Vermählung gleicher Art „Erz“ [=
Bronce] hervorgeht[417]. Wie in diesen Fällen die Einflüsse geringer
Beigaben Zinn oder Kadmia, so sind auch die der oben angeführten
weißenden oder gilbenden Zusätze beim „großen Werke“ zu beurteilen; sie
veranlassen eine Umwandlung (μεταβολή, Metabolé), eine Artverwandlung
(ἀλλοίωσις, Alloíosis)[418], ersichtlich an der Farbenveränderung, ja
mit dieser geradezu identisch: „μεταβολὴ καὶ ἀλλοίωσις ἐστὶ βαφή“, „die
Umwandlung und Artverwandlung besteht in der Umfärbung“[419]. Daß die
Umwandlungen eintreten, ist nicht weiter erklärbar: „O ihr allmächtigen
Naturkräfte (φύσεις παμμεγέθεις), die ihr Metabolé bewirkt!“ ruft
~Demokritos~ aus[420], und weist hierdurch auf den dogmatischen
Lehrspruch des ~Ostanes~ zurück; Grundlage des letzteren wiederum soll
in Wahrheit ein auch von ~Zosimos~[421] angeführter Satz sein „αἱ
ποιότητες δι’ ἀλλήλων παρέρχονται“ (die Qualitäten verdrängen sich
gegenseitig), den ~Berthelot~ als aus der „Physik“ des ~Aristoteles~
entlehnt bezeichnet; doch steht er weder an der angegebenen Stelle
(Buch IV, cap. 6), noch ist er mit Hilfe des ~Bonitz~schen Registers zu
des ~Aristoteles~ Werken auffindbar.
Was die Ausführung der chemischen Operationen anbelangt, so ist
bemerkenswert, daß ~Pseudo-Demokritos~, wie das Altertum überhaupt,
von Säuren nur den Essig und einige saure Pflanzensäfte kennt; Essig
wendet er in verschiedenen Stärken an, u. a. auch als „schärfsten“
(unverdünnten), ὄξος δριμύτατος[422]; Citronensaft ist ihm „der Essig
aus Citronen“ (ἐν ὄξει κιτρίνῳ, ἐν χολῷ κίτρῳ)[423]. Das Behandeln
mit Chemikalien heißt ταριχεύειν (taricheúein)[424], welches Wort
das Einpökeln der Fische, aber auch das Einbalsamieren der Mumien
bezeichnet (das tatsächlich häufig nur ein Einsalzen mit Nitron war).
Gelindes Erwärmen, oft 15-31 Tage dauernd, erfolgt durch Einsetzen in
Mist, z. B. Pferdemist, ἐν ἱππείᾳ κόπρῳ[425], stärkeres Erhitzen durch
freies Feuer, wobei sich die leichteren Dünste des Wassers und anderer
Substanzen, aber auch jene dichteren Dämpfe, die alsbald in Form von
Sublimaten wieder fest werden, zunächst als „Wolke“ erheben. Von der
ἄρσις ὕδατος καὶ νεφέλης, dem „Aufsteigen des Wassers und der Wolke“,
sowie von der νεφέλη im Sinne eines Sublimates, ist daher häufig die
Rede[426]. Neben offenen Gefäßen (anscheinend meist tönernen) werden
auch einseitig und allseitig verschlossene erwähnt; diese letzteren
heißen ἀγγεῖον περίφιμον πάντοθεν, „ringsum geschlossene Gefäße“, und
machen keinen Anspruch auf Neuheit mehr, da man sich ihrer ὡς ἔθος (wie
gebräuchlich) bedienen soll[427].
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Was die Zitate aus ~Pseudo-Demokritos~ bei den +späteren Alchemisten+
betrifft, wie bei ~Zosimos~ und ~Pelagios~ im 3., bei ~Synesios~
und ~Olympiodor~ im 4. bis 5., und bei dem sog. ~Philosophus
Anonymus~ und ~Christianus~ im 6., 7., oder 8. Jahrhundert, so ist es
selbstverständlich, daß sie desto weniger Anhalt bieten, je ferner
diese Schriftsteller ihrer wirklichen oder angeblichen Quelle stehen;
schon was sie inhaltlich besagen, wird allmählich stets wertloser,
zudem gestaltet sich aber auch die Form der Überlieferung immer
fragwürdiger, indem philosophische und mystische Theorien in den
Vordergrund treten, u. a. besonders die Entgegensetzung von Körper
(σῶμα, Soma) und Geist (πνεῦμα, Pneuma), von festen somatischen
Grundlagen und flüchtigen pneumatischen Eigenschaften, usf.
~Demokritos von Abdera~, so erzählt der ~Philosophus Anonymus~, war
an Kenntnissen allen seinen Vorgängern weit überlegen und ist der
Verfasser der vier Bücher der Wissenschaft (ἐπιστήμη) vom Silber,
vom Gold, von den Edelsteinen und vom Purpur, nach einigen auch noch
eines fünften von den Perlen[428]. Das „große Werk“ beruht nach ihm
auf Durchdringung und Vereinigung gewisser körperlicher Substanzen und
geistiger Qualitäten, wobei unter Aufhebung und Zerstörung der alten
Wesen ein neues erzeugt wird, dessen Beschaffenheit davon abhängt,
welcher in die Mischung eingehende Bestandteil der stärkere ist, denn
„die Natur freut sich über die Natur, usw.“. Voraussetzung bei dem
des Werkes Beflissenen ist daher genaue Kenntnis der körperlichen und
geistigen Naturen, ihrer Arten und Abarten, Verwandtschaften, Zu-
und Abneigungen, Sympathien und Antipathien; denn durch Sympathie
z. B. zieht ὁ μαγνήτης λίθος (der magnesische Stein = Magnet) das
Eisen an, durch Antipathie verhindert ihn aber hieran die Gegenwart
von Knoblauch, durch Sympathie mischen sich Wasser und Wein, durch
Antipathie aber sondern sich Wasser und Öl, u. dgl. mehr[429].
Nach dem Berichte des ~Zosimos~ hat ~Demokritos~ gezeigt, daß das
„Werk“ vom Blei ausgeht, oder von den οὐσίαι (Usíai), den Substanzen,
das sind die vier auch „Körper“ (σῶμα, Sóma) genannten, festen,
feuerbeständigen Glieder der „Tetrasomie“ (Vierkörperschaft),
nämlich Blei, Kupfer, Eisen und Zinn, denen allen „nach Ansicht der
Ägypter“ das Blei zugrunde liegt[430]. Das „Blei“ des ~Demokritos~
kann aber, wie aus ~Olympiodoros~ zu ersehen[431], neben dem
gewöhnlichen stets auch „unser Blei“ sein, μόλυβδος ἡμέτερος, [d. i.
metallisches Antimon], denn er schreibt öfter vor[432] „mache Blei aus
Bleiglätte, aus Schwefelblei, oder aus Stimmi“, von welchem Stimmi
[Schwefelantimon] er das ägyptische aus Koptos, das kleinasiatische
aus Chalcedon, und das italische erwähnt[433]; desgleichen spricht
der ~Philosophus Christianus~ von dieser μελανία στίμμεως, der
„Schwärze aus Stimmi“[434], [dem durch Reduktion des Spießglases so
leicht gewinnbaren, dem Schwarzblei äußerst ähnlichen Roh-Antimon].
Als für das „Werk“ besonders geeignet erweist sich unter den Körpern
der Tetrasomie das Kupfer, denn es vermählt sich leicht und gern mit
anderen Stoffen, erfreut sich an ihnen und beherrscht sie[435]; es
gleicht, wie auch ~Pelagios~ versichert[436], einem Baume, indem es
sich „bei guter Pflege in feuchter, warmer Luft und bei genügendem
Begießen mit reichlichen Wässern“ alsbald unter „Gären“ entwickelt,
d. h. aufschwillt und wächst, Blüten entfaltet und zuletzt Früchte
trägt. Die Früchte sind, wie ~Zosimos~ noch deutlicher ausspricht[437],
Silber und Gold; aber auch was unter den Dünsten und Wässern
[Lösungen oder Schmelzen] zu verstehen sei, geht aus anderen Stellen
klar hervor. In erster Linie kommt der Schwefel in Betracht, „den
man gar nicht erst zu rösten braucht, da er in der Hitze schon von
selbst schmilzt und verdampft und durch seine Einwirkung alles
färbt“[438]; schon ganz wenig Schwefel „verbrennt“ dabei eine große
Menge der anderen Stoffe, und zerstört die meisten Mineralien und
Metalle[439]; besondere συγγένεια (Affinität) soll er aber zu bereits
schwefelhaltigen, ihm also schon wesensverwandten Substanzen zeigen,
die er „noch schwefliger“ macht, so daß der ~Philosophus Christianus~
neben dem ὕδωρ θεῖον, -- dem schwefligen (oder göttlichen) Wasser,
das Kupfer in Silber und Gold verwandelt[440] --, auch noch ein ὕδωρ
θειότατον (schwefligstes, göttlichstes) rühmt[441]. Dem +gelben+
Schwefel analog wirkt der +weiße+, [d. i. die beim Rösten der
„unreinen“ Arsensulfide entweichende flüchtige Arsenigsäure], sowie der
+schwarze+ (μελάντερον), [d. i. in der Regel das sich als schwarzer
Anflug absetzende metallische Arsen, zuweilen aber anscheinend auch
eines der +aus+ dem „Schwarzen“ (nämlich dem Spießglas) entstehenden
sublimierbaren Antimon-Oxyde oder -Sulfoxyde][442]. Weiterhin ist einer
der wichtigsten Stoffe das Quecksilber, sowohl das aus „Sand“ [d. i.
metallisches Arsen], wie das aus Zinnober[443]; aus dem „gelben Sand“
[Auripigment][444] entsteht es durch Röstung [und Reduktion], aus dem
Zinnober (Schwefel-Quecksilber)[445] durch Erhitzen mit νιτρέλαιον
(Nitrélaion), dem „Öl aus Nitron“; es ist dies vermutlich ätzendes
Natron, erhalten (wie schon dem ~Plinius~ zu entnehmen) aus der mittels
gebranntem Kalk „verstärkten“, d. h. kaustisch gemachten Lösung des
Nitrons, der in Ägypten massenhaft vorkommenden natürlichen Rohsoda.
Als wirksame Bestandteile aller dieser Mittel bezeichnete, nach
~Zosimos~, angeblich schon ~Demokritos~ den durch die Macht des Feuers
aus ihnen ausgetriebenen Dunst oder Rauch, die αἰθάλη (Aithále), wie
sie z. B. aus Zinnober oder Schwefelarsen sichtlich entweicht[446].
Er erklärt sie für wesensgleich, ja für identisch, mit der „inneren
Natur“, der Psyche oder Seele der ursprünglichen Substanzen, mit deren
Hauch oder Geist, deren +Pneuma+ (πνεῦμα)[447]; dieses flüchtige
Prinzip erweist sich aber zugleich als das +färbende+, das πνεῦμα
βαπτικόν[448], als der immaterielle Träger und Vermittler der
„färbenden Eigenschaften“; denn allein Qualitäten sind der Übertragung
und, wenn diese erfolgt ist, neuer Entfaltung ihrer Kräfte fähig:
„ποιότητες ἐνέργουσιν, die Qualitäten schaffen“[449]. Auch nach
~Pelagios~ findet beim demokritischen „Mysterium der Goldfärbung“
(χρυσοβαφή, Chrysobaphé) eine „Schöpfung“, δημουργία (Demurgía) statt;
sie besteht darin, daß der Einfluß des lösend und vergeistigend
wirkenden Pneumas auch die erdigen und rohen Eigenschaften des Körpers
(σῶμα, Sóma) in feinere und edlere verwandelt, wobei, der Um+wandl+ung
entsprechend, auch Um+färb+ung eintritt[450]; dienen z. B. als
Streupulver, ξήριον (Xérion), das man auf oder in die zu verwandelnden
Massen wirft, (projiziert)[451], weißer und gelber Schwefel, so
ergeben sie vermöge der Natur, die ihnen und ihrem Pneuma innewohnt,
aus der flüssigen, als „Magnesia“ bezeichneten Legierung (κρᾶσις,
Krásis) weißes Silber, dagegen aus der festen, als „Zinnober“ bekannten
Substanz (οὐσία, Usía) gelbes Gold[452]. Wie aber Kupfer oder Eisen,
wenn man sie schön vergolden will, vorher gebeizt werden müssen, so
gesellt man auch dem Xerion, also dem göttlichen Wasser, dem Schwefel,
Arsen, oder „Chrysolith“ [hier = golderzeugender Stein] noch allerlei
beizende, styptische, und adstringierende Hilfsstoffe zu, die teils
die „Farben“ in gewünschter Weise abstufen, teils bewirken, daß sie
genügend „scharf“ werden, um „auch in die Tiefe einzudringen“[453].
Was die Behandlungsart des „Bleies“, des von ~Demokritos~ zuweilen auch
als Asem[454] bezeichneten Kupfers, sowie der sonstigen Metalle mit
den verschiedenen Reagenzien betrifft, so werden sie, laut ~Zosimos’~
Bericht, oft nur in Dünger eingesetzt, namentlich in Pferdekot, dessen
Wärme sich als trefflich förderndes Mittel (φάρμακον, Phármakon)
bewährt[455]; nach ~Olympiodoros~ umwickelte ~Demokritos~ sie fest mit
Leinen, brachte durch „Einsalzen“ (ταριχεία, Taricheía) die Zusätze,
Beizen, oder schwefelhaltigen Stoffe (z. B. Stimmi) zur Wirkung und
kochte dann im „Meerwasser“, worunter vermutlich das Wasser des auch
als πόντος (Póntos, Meer) bezeichneten Wasserbades zu verstehen
ist[456]; zur Erreichung höherer Wärmegrade dient das Erhitzen ἐν
ἄγγεσιν διπλοῖς, „in zwiefacher Hülle“[457] d. h. in einem Gefäße,
das in ein zweites eingesetzt ist, z. B. in ein Sand- oder Aschenbad,
θερμοσπόδιον (Thermospódion)[458]. Bei allen derlei Operationen
erleidet man namhafte Verluste, so daß ~Demokritos~, wie ~Zosimos~
wissen will, nie mehr wie zwei Drittel bis drei Viertel des in Arbeit
genommenen Materiales in umgewandeltem Zustande erhielt[459]. Wenn
~Zosimos~ weiter anmerkt, dieses fertig transmutierte Kupfer (τέλειον
χαλκόν), „das keiner weiteren Färbung mehr bedarf“, finde sich nach
~Demokritos~ in den „Tempeln“ (ἐν ἱεροῖς)[460], so hat man hierbei
nicht sowohl an die Kultstätten der ägyptischen Götter zu denken, als
an die chemischen Apparate, denn diese pflegten die der „großen Kunst“
Beflissenen nicht selten mit Heiligtümern zu vergleichen und daraufhin
auch „Tempel“ zu benennen.
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Die in +syrischer Sprache+ übermittelten Lehren des ~Demokritos~
sind hauptsächlich in einigen zu London und Cambridge befindlichen
Manuskripten erhalten, auf die zuerst 1884 der berühmte Orientalist
~G. Hoffmann~ in Kiel an mehreren Stellen des von ihm verfaßten
geschichtlichen Artikels „Chemie“ in ~Ladenburgs~ „Handwörterbuch der
Chemie“ hinwies[461]; ~Berthelot~, der besagten Artikel kannte[462],
gedenkt dieser Tatsache nicht, sagt jedoch auch nirgends, auf welche
Weise er sonst Kenntnis von jenen Manuskripten erhielt. Er ließ
die beiden ausführlichsten durch ~Duval~ und ~Houdas~ im Original
herausgeben und ins Französische übersetzen[463], worauf er selbst
dann die Übersetzung umarbeitete und „sinngemäß“ zu gestalten suchte.
Das Londoner Manuskript A zerfällt nach ~Duval~ in zwei Teile: der
erste stellt eine vermutlich im 7. bis 9. Jahrhundert verfaßte
Kompilation dar, denn er schließt sich noch völlig an die Werke
der griechischen Alchemisten an und enthält auch viele griechische
Fachausdrücke[464]; der zweite dürfte in seiner gegenwärtigen
Gestalt erst im 11. Jahrhundert niedergeschrieben sein und soll
eine der Vorlagen von ~Avicennas~ (~Ibn Sina’s~) Schrift „De anima“
wiedergeben[465], aber ein in ihn eingefügter arabischer Abschnitt
rührt wohl aus dem 9. oder 10. Jahrhundert her, da viele Wendungen
für die arabisch schreibenden Syrer, und gewisse persische Fremdworte
für die Einflüsse christlich-nestorianischer Autoren der genannten
Zeit charakteristisch sind[466]. -- Das Cambridger Manuskript B, das
~Berthelot~ nur zum Teil veröffentlicht hat[467], stammt aus dem 10.
bis 11. Jahrhundert, ist eine Übersetzung aus dem Griechischen und
enthält zum Teil sehr Altes und im griechischen Urtext Verlorenes aus
~Demokritos~ und aus anderen Autoren[468]. -- Sowohl in A wie in B ist
die Fassung zahlreicher Stellen sichtlich nur durch Überarbeitungen und
Einschiebungen zu erklären, die in späterer Zeit stattfanden, und zwar
wiederholt; nicht selten haben sie leider den Sinn des ursprünglichen
Textes stark verdunkelt, zuweilen aber auch derartig entstellt, „daß es
unnütz wäre, irgendwelches Verständnis zu erhoffen“[469].
Der Wortlaut des Buches „Vom Gold- und Silber-Machen“ (χρυσοκαὶ
ἀργυροποιία) stimmt im +Manuskript+ A, abgesehen von einigen
Auslassungen und Veränderungen, leidlich gut mit jenem der griechischen
Handschriften überein[470], enthält aber doch viele bemerkenswerte
Einzelheiten, die in diesen, so wie sie jetzt vorliegen, fehlen.
Zahlreich sind die „Wunder des Quecksilbers“[471], das bald aus
Zinnober gewonnen wird, bald aus „gelbem Sand“ [d. i. als metallisches
Arsen aus Auripigment], weshalb es auch „Tier mit zwei Gesichtern“
heißt[472]. Die Griechen bezeichnen es auch als Schwefel, Arsen,
Sandarach, Chrysokolla, die Syrier als Zijuka (syr. = Quecksilber),
ferner führt es noch unzählige andere Namen, z. B. flüssiges Silber,
Silberwasser, Wolke, Dampf, Flüchtiges[473], Milch, Galle, Honig,
Harz, Hefe, Schaum des Wassers, Schaum des Taues, Schaum der Pflanzen
und Tiere, Schaum des wütenden Hundes[474], u. dgl. mehr. Diese Fülle
von Ausdrücken erklärt sich daraus, daß das Quecksilber eine Substanz
von ungeheurer Wichtigkeit ist, denn es geht in alle Stoffe ein,
besonders auch in die Metalle, und bewirkt Gestaltung und Färbung[475],
daher denn auch der „Philosoph“ ~Pibêchios~ mit Recht lehrte, „alle
Stoffe sind Quecksilber, alle Stoffe enthalten Quecksilber“[476]. Das
„Flüchtige“ (d. i. Quecksilber) kann auf verschiedene Weise verfestigt
(fixiert) und gebunden werden, vor allem durch Schwefel, wobei Zinnober
entsteht[477]; man verwendet entweder den natürlichen Schwefel, θεῖον
ἄπυρον[478], oder den aus schwefelhaltigen Stoffen heraussublimierten,
der auch „Schwefel der Philosophen“ und „Öl (Dotter) der Eier“ genannt
wird[479], und erhitzt ihn mit dem Quecksilber in einem gläsernen
Gefäß (βίκος, Bíkos) acht bis neun Stunden lang im Dauerbrandofen
(πῦρ ἀυτόματον = automatischer Ofen)[480]. Reibt man den Zinnober
anhaltend mit metallischem Kupfer oder Blei, so geht der Schwefel, der
große Verwandtschaft zu den Metallen hat, an diese [d. h. es entsteht
Schwefelkupfer oder Schwefelblei], und das Quecksilber kommt wieder
zum Vorschein[481]; das nämliche geschieht, wenn man den Zinnober mit
Nitron schmilzt, wobei sein Schwefel zu etwas anderem „Festen“ [nämlich
Schwefelnatrium] wird[482]. Weitere „Fixationen des Flüchtigen“
erfolgen beim Erhitzen von Quecksilber mit Kochsalz, Alaun und Vitriol
[wobei vielleicht das Sulfat, jedenfalls aber das Chlorid entstand];
das „durch Sublimation Fixierte“ [d. i. Quecksilberchlorid, Sublimat]
wird dabei in schönen, festen, weißen Krystallen erhalten[483].
Schwefel gewinnt man auch beim Rösten des „Arsens“, [d. i. des gelben
und roten Arsensulfids], wobei er als „Seele“ in Gestalt eines
flüchtigen Sublimates nach oben steigt, während auf dem Boden als
„Körper“ eine feste Masse zurückbleibt [d. i. Arsenigsäure][484];
sie löst sich in Wasser, ist bei stärkerem Erhitzen auch selbst
sublimierbar, zeigt dann schneeweiße, Blumenkelchen gleichende
Gestalten und heißt deshalb neben „Kalk der Eier“ auch κάλυξ (Kályx =
Kelch); erhitzt man sie mit „Öl der Eier“ (d. i. Schwefel), so bildet
sich eine äußerst „scharfe“ Schmelze, „Tochter der Perser“ geheißen
[wohl ein Arsen-Persulfid][485]. Aus Schwefel bereitet man auch das
ὕδωρ θεῖον (Hýdor theíon, göttliches Wasser), das die mannigfaltigste
Anwendung findet und daher geradezu zahllose Namen hat[486]. Viel
Schwefel enthält noch das Stimmi [Antimonsulfid] und der Pyrit
[Schwefelkies]. Von ersterem unterscheidet man orientalisches und
okzidentalisches oder italisches[487], und wenn es „bestens zerrieben
wurde, wie zu Kohol“ [d. h. zum feinsten, im Orient auch als Schminke
dienenden Pulver][488], so macht man von ihm so vielerlei Gebrauch, daß
es als „Stimmi der Philosophen“ bekannt geworden ist[489]. Vom Pyrit
oder Markasit[490] gibt es sehr verschiedene Arten, z. B. die männliche
und weibliche[491], sowie die kupferhaltige Chalkitis; wird diese „alt“
[d. h. verwittert sie], so entsteht u. a. Chalkitarin (χαλκιτάριν,
syr. Khalkitarin, Colcotar), d. i. ein roher [meist Kupfer und Eisen
enthaltender] Vitriol[492]; reiner ist der cyprische [Kupfer-] Vitriol,
der schön und glänzend wie Glas aussieht[493] [vitrum = Glas; den
Vergleich macht schon ~Plinius~, und das Wort vitriolum, angeblich
zuerst belegbar aus den etwa im 8. Jahrhundert in Italien verfaßten
„Compositiones ad tingenda musiva ...“, war jedenfalls schon seit
langem gebräuchlich].
Blei wird durch vorsichtiges Schmelzen klar, spiegelnd und von schönem
Anblicke[494] [s. das γένεται ἱλαρός im Leidener Papyrus[495] und unser
„Silberblick“], bei weiterem Erhitzen geht es aber in „gebranntes Blei“
[Gemisch von Bleioxyden] über, das man auch „Kalk des Bleies“ oder
„Kalk der Philosophen“ nennt[496]. Ihm ähnlich ist das Zinn, doch gibt
dieses beim Biegen einen „Schrei“ von sich, der aber durch Projizieren
von Quecksilber, Arsen, oder Schwefel sogleich verschwindet[497]. Blei
und Zinn schmelzen leicht, andere Metalle aber schwer; bei diesen hilft
man sich durch Aufgießen von „einem Pfund Naphtha“ [Erdöl; pers. Naft,
ebenso arabisch], von dem aber die weiße Sorte zu nehmen ist, nicht die
gemeine schwarze[498].
Gelindes Erwärmen der Substanzen bewirkt man, indem man die Gefäße
in feuchten Dünger einsetzt, oder im Wasserbade[499] und auf dem
„Dreifuß der Philosophen“[500] durch Verbrennen trockenen Düngers
erhitzt[501]; höhere Wärmegrade erreicht man im freien Feuer, wobei man
die Gefäße mit Tonkitt, dem „Kitt der Philosophen“ [lutum sapientiae
der Späteren] gründlich zu verschließen hat[502], die höchsten aber
im „Ofen der Glasmacher“[503]. In solchen Öfen brennt man Glas- und
Tonwaren nach Art der vortrefflichen Amphoren aus Antiochia und der
Krüge aus Askalon[504], sowie die schönen bunten Tongefäße, die
zuvor eine „Glasur“ erhalten, nämlich einen Anstrich aus einer Masse
von farbigem Glaspulver nebst Traganthgummi, und dann sorgfältig
getrocknet werden[505]; die bunten Gläser, besonders auch schön grünes
Krystallglas, macht man aus bleihaltigen Schmelzen[506], andere
schöne Färbungen aber bringt man mit der „Magnesia der Glasmacher“
(ὑελουργική) hervor, d. i. mit Braunstein [Mangansuperoxyd][507].
Ähnlich wie die erwähnten Glasuren bereitet man Massen zur Vergoldung
von Gefäßen und Vasen, von Marmor und Stein, von Metallen und
anderen Materialien, sowie zur Herstellung vergoldeter Inschriften
und Goldschriften, indem man Goldstaub mit Leim, Fischleim, oder
arabischem Gummi anreibt und das dicke Gemisch auf die gewünschten
Stellen aufträgt; dauerhafter ist aber die [Feuer-] Vergoldung mit
Goldamalgam[508].
Was das „große Werk“ anbelangt, so wird die zur Bereitung des
golderzeugenden Projektionspulvers (ξήριον, Xérion, daher arab.
al-Iksir = Elixir) nötige Frist auf 40 Tage angegeben[509]; die
Arbeiten sollen nur zu einer ganz bestimmten, für sie günstigen
Jahreszeit unternommen werden[510].
Im +Manuskript+ B liegt der Text des Buches vom „Gold- und
Silber-Machen“ in erheblich abgeänderter und interpolierter Gestalt
vor, doch weist diese ebenfalls vielerlei Beachtenswertes auf.
Grundlage des „großen Werkes“ ist auch hier das Blei, besonders „unser
Blei“ [Antimon] aus Stimmi[511], sowie das Blei aus der blei-[in
Wahrheit zink-]haltigen Kadmia Kleinasiens und Thraziens[512]. So
wie man Wolle in einer Lösung von Alaun und Teig (μάζα, Máza) des
Fukus-Extraktes zu Purpur, und so wie man Glasflüsse zu Edelsteinen
und Perlen „färbt“, so hat man auch beim „Blei“ zu verfahren, und das
Quecksilber mit Schwefel, Arsen, italischem Stimmi, Magnesia u. dgl.
zu fixieren und zu tingieren[513]. Die richtig bereitete Masse, die
als Streupulver die Verwandlung der unedlen Metalle in Silber und
Gold bewirkt, ist ein Stein, aber auch kein Stein, sie hat nur einen
Namen, aber auch zahllose geheime und offenbare, sie ist überall und
nirgends, billig und teuer, schwer zu finden und doch so gemein, daß
man sie auf den Düngerhaufen wirft, usf.[514]; sie ist „das Werk der
großen Philosophen“, „die Wundertat der Kunst“, und heilt, entsprechend
angewandt, auch alle Krankheiten[515].
Die Vermehrung der Edelmetalle geschieht durch „Diplosis“, zu der man
Kupfer, Zinn, Blei, Antimon und cyprisches Quecksilber benützt[516];
ferner auch Klaudianon und sonstige Legierungen[517], sowie noch
andere Zusätze, z. B. Kalaïs [hier eine kupferhaltige Substanz?]
oder das schön weiße Alabastron [vielleicht ein Antimonoxyd?][518].
Vergoldung nimmt man mittels Goldamalgam vor, denn das Quecksilber löst
Gold leicht auf und dient daher auch zum Ausziehen der Goldreste aus
der Asche alter goldgestickter Kleidungsstücke[519]; mittels Galle,
glänzender Firnisse u. dgl. bewirkt man ebenfalls Vergoldung, und auf
derlei Weise lassen sich, neben den echten Gold- und Silberschriften,
auch unechte, weniger dauerhafte, herstellen[520]. -- Will man sich
einer Geheimschrift bedienen, so schreibt man mit Galläpfelauszug auf
χάρτη (Karte, Papyrus) und läßt trocknen; erst beim Befeuchten des
anscheinend leeren Blattes mit einem Auszug aus Misy treten die Züge
lesbar hervor[521], [indem sich das im Misy vorhandene Eisen mit der
Gerbsäure der Galläpfel verbindet].
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Wie aus dem Angeführten ersichtlich ist, enthalten die vorgeblichen
Werke des ~Demokritos~, -- denn daß unter seinem Namen auch seine
Schüler schrieben, wird ausdrücklich zugestanden[522] --, in dieser
syrischen Einkleidung zahlreiches erst nachträglich seitens der
Übersetzer und Bearbeiter Eingefügte, und erweisen sich daher als
Pseudepigraphen zweiten Grades. Sie berufen sich auf Autoren, die wie
~Zosimos~, ~Pibêchios~ und ~Krates~ einer späteren Zeit angehören[523];
sie benützen aus Syrien, Persien und Arabien stammende, und oft
in den Sprachen dieser Länder benannte Präparate, z. B. Wars (ein
hellgelber Farbstoff)[524], Markasit (= Pyrit)[525], „persisches Arsen“
und „persische Tochter“[526], Schwefel aus Irak[527], Schakk (arab.
= Arsen)[528], Kohol (arab. = feines Pulver)[529], „Chelidonium,
arabisch Kurkuma geheißen“[530]; sie vergleichen die Krystalle des
Sublimates (Quecksilberchlorides) mit denen des Kandiszuckers[531],
der vor der arabischen Eroberung Ägyptens unbekannt ist; sie rühmen
„indische“ Stoffe, wie Tinte (Tusche?) und Stahl[532]; sie gebrauchen
für das Metall Zinn das erst in jüngerer Zeit (s. unten) aufkommende
Synonym „Zeus“[533]; sie bringen vielerlei, wenn auch meist wenig
übersichtliche Gewichtsangaben bei, usf. Endlich treten auch in
auffälligem Maße theoretische und abergläubische Vorstellungen in den
Vordergrund; zu den ersteren zählt u. a. die Idee vom Vorhandensein des
Quecksilbers in allen Stoffen und besonders in den Metallen, zu den
letzteren die von der Herstellung des goldverwandelnden Wunderpulvers
und des „Steines“, aus dem er bereitet wird, sowie von dessen
mysteriösen Eigenschaften. Entstammt nun auch vieles dem Gesichtskreise
dieser syrischen Übersetzungen Zugehörige und im Zusammenhange erst
weiter unten zu Erörternde, einer bedeutend jüngeren Epoche als der
angeblichen des ~Demokritos~, so reichen doch die Wurzeln solcher
Anschauungsweisen nicht selten bis in beträchtlich frühere Zeiten
zurück; trotz aller Unsicherheiten im einzelnen schien es daher
gerechtfertigt, auch die syrischen Überlieferungen an dieser Stelle
im Anschlusse an die sogenannten „echten“ Lehren des ~Demokritos~
zu behandeln, und so die Fäden eines wenn auch noch so lockeren
Zusammenhanges nicht völlig zu zerreißen.
Anhangsweise sei noch einiger Fragmente gedacht, die sich in den
syrischen Manuskripten, allerdings nur in sehr entstellter, auch
gewisse gnostische Einflüsse verratender Fassung, erhalten haben[534].
Nach diesen schrieb ~Demokritos~ sechs Bücher über Blei, Zinn, Eisen,
Kupfer, Quecksilber und „Silberblei“ (Asem?), über die „Götter der
Metalle“, über Edelsteine, bunte Glasflüsse und Purpurfärberei[535];
sodann eine Abhandlung über die Bereitung des wunderbaren „Steines,
der kein Stein ist“ und der „die Samen“ der beiden Edelmetalle in
sich führt, weshalb er sie auch wieder hervorzubringen vermag[536];
ferner ein Buch über die Kunst des Gold- und Silber-Machens[537];
endlich auch ein Werk, enthaltend die aus dieser „philosophischen“
Kunst hervorgehende medizinische[538], -- wobei wohl an die Einflüsse
des Xerions auf Leben und Gesundheit zu denken ist, sowie an die sog.
„Sphaera des ~Demokritos~“, eine iatro-(medico-)chemische Tafel, die
u. a. den Verlauf von Krankheiten voraussehen läßt und sich bereits in
einem dem Leidener Papyrus angehörenden Stücke vorfindet[539].
Alle solchen Lehren sollen strengstens als Geheimnisse gehütet
und nur den als würdig Befundenen anvertraut werden, unter
besonderen Cerimonien und magischen, die Geheimhaltung betreffenden
Beschwörungen[540]. Mit derlei Künsten muß aber der des großen Werkes
Beflissene auch in anderer Hinsicht Bescheid wissen, denn wenn z. B.
vorgeschrieben wird, sich mit Harn gewisse Buchstaben und Zeichen auf
den Arm zu malen und sie durch Aufstreuung von Kohlenpulver sichtbar
zu machen, so erfahren wir aus dem syrischen Bibelkommentar des hl.
~Ephraim~ (4. Jahrhundert), daß es solcher, durch die hl. Schrift
verbotener Zaubereien, als Schutzmaßregeln gegen die mitwirkenden,
den Erfolg manchmal fördernden, sehr oft aber gefährdenden Geister und
Dämonen bedurfte[541].
Kulturgeschichtlich interessant ist es, daß die syrischen Schriften als
Gegensatz des tiefsinnigen, wahrheitsliebenden und klaren ~Demokritos~
keinen anderen hinstellen als ~Homer~, der ein elender Betrüger war,
die große und heilige Kunst verdunkelte und fälschte, ihre Lehren weder
zu verstehen noch darzustellen verstand und daher die Götter sowie den
~Achilleus~ nur als „falsche Symbole“ hinzustellen wußte[542].