3. Pammenes, Maria, Kleopatra, Komarios.

(angeblich im 1. Jahrhundert n. Chr.)

a) Pammenes, Maria.

Als Schüler, die zu Memphis den Unterricht des ~Ostanes~ gleichzeitig

mit ~Demokritos~ genossen, ja nach manchen Quellen diesen sogar

ihrerseits schon mit belehren konnten, werden ~Pammenes~ und ~Maria~

genannt[543].

~Pammenes~, angeblich identisch mit dem ~Phimenes~ aus Saïs, dessen

Rezept zu „echt ägyptischem Asem“ der Leidener Papyrus erwähnt[544],

vielleicht aber auch mit dem ~Pammenes~, dessen, als ägyptischen

Magiers, zu Beginn des 2. Jahrhunderts ~Tacitus~ und ~Aelian~

gedenken[545], soll sich in seinen Schriften zu deutlich über die ihm

anvertrauten Geheimnisse ausgedrückt und deshalb den Tadel des Meisters

erfahren haben[546]; von diesen „deutlichen“ Schriften ist aber leider

nichts erhalten geblieben.

~Maria~, anfangs einfach ~Maria die Jüdin~ geheißen, später (so

schon bei ~Zosimos~ im 3. Jahrhundert) identifiziert mit ~Maria~

oder ~Mirjam~ der Schwester des ~Moses~, und von der Legende mit

den nämlichen übernatürlichen Kräften ausgestattet wie dieser[547],

schließlich sogar zur „Prinzessin von Saba“ erhoben[548], wird seitens

aller jüngeren Autoren als eine der frühesten und bedeutsamsten

Alchemistinnen gepriesen und als solche auch im arabischen

Verzeichnisse des „Fihrist“ (vollendet um 987 n. Chr.) aufgeführt[549].

Daß sie Jüdin war, ist zweifellos, es wird dies auch von ihr selbst

durch einen gelegentlichen Ausspruch bestätigt, lautend[550]: „Berühre

den Stein der Philosophen nicht mit Deinen Händen, denn Du gehörst

nicht zu unserem Volke, Du bist nicht vom Stamme des ~Abraham~.“ In

den an ~Pammenes~ getadelten Fehler ist ~Maria~ nicht verfallen, sie

versicherte vielmehr laut Überlieferung des ~Al-Habib~ (s. unten):

„Kein einziger Philosoph hat die Wahrheit in klarer Form gelehrt“[551],

und soviel wir sehen können, handelte sie auch diesem Grundsatze gemäß;

doch ist zu berücksichtigen, daß wir ihre Werke fast nur aus den späten

und dürftigen Auszügen kennen, die hauptsächlich bei ~Zosimos~ erhalten

sind, zum kleinen Teile auch bei ~Olympiodoros~ und Anderen.

Das Material, dessen sich der „Philosoph“ bedient, ist „unser Kupfer“

und „unser Blei“. Unter „unserem Kupfer“ sind die vier Körper Kupfer,

Eisen, Blei und Zinn zu verstehen[552], unter „unserem Blei“ bald das

„schwarze Blei, μόλυβδος μέλας“[553], bald μόλυβδος ἡμετέρος [d. i.

Antimon], dessen Schmelze man auch „schwarze Brühe“, „schwarzen Saft“

nennt[554]; nur mittels „unseren Bleies“ läßt sich die Mischung

anfertigen, die entweder Magnesia heißt, oder Molybdóchalkos (wörtlich:

Bleikupfer), oder auch μᾶζα (Máza = Teig, Brot)[555]; sie enthält die

vier Metalle der Tetrasomie [also Kupfer, Eisen, Blei, Zinn], ist eine

„Viereinigkeit“ (τὰ δὲ τέσσαρα ἑν = Viere in Einem) und heißt daher

auch „Ei der Philosophen“, „philosophisches Ei“[556], [weil auch das Ei

die Einheit von vier Bestandteilen darstellt: Eischale, Eihaut, Eiweiß,

Eigelb].

Unter den Stoffen, mit denen unser Blei und Kupfer behandelt und

„verbrannt“ werden muß, sind die wichtigsten: der Schwefel, der in der

Hitze von selbst verdampft und dabei alles färbt, welche Eigenschaften,

nämlich Flüchtigkeit und Färbevermögen, er aber mit „allen Schwefeln“

teilt[557]; das Quecksilber, sowie die στυπτηρία στρογγύλη = rundlicher

Alaun, [das sind Bröckchen der aus den Arsensulfiden gewonnenen

Arsenigsäure][558]; das göttliche Wasser, -- „Wasser“ kann stets Lösung

oder Schmelze bedeuten --, hergestellt aus der αἰθάλη (Aithále = Ruß,

Rauch) von schwefel- oder arsenhaltigen Substanzen, auch unter Zusatz

von Chálkanthos (Vitriol), „Galläpfeln“, oder „Kiki“ [äg. = Ricinus;

beides offenbar Decknamen], das Silber schwärzend [durch seinen

Schwefelgehalt], das Kupfer und Blei weißend oder gilbend, je nach

seiner Bereitung[559]; das schwefelhaltige Stimmi [Antimonsulfid][560];

Alabastron [vermutlich ein weißes Antimonoxyd][561].

Wie für den Menschen die Nahrung dann passend und förderlich ist, wenn

sie aus Festem und Flüssigem so gemischt wird, daß er sie gut bei sich

behalten und verdauen kann, so ist dies auch beim „Kupfer“ der Fall:

richtig ernährt „gedeiht“ es, und auch seine Wangen „röten“ sich in

der rechten Weise[562]. Dies vollzieht sich in den vier Phasen der

Schwärzung, Weißung, Gilbung und Rötung, die anzusehen sind als die

„ἔργα τοῦ λίθου“, die „Wirksamkeiten des Steines“[563], [d. h. des vom

Philosophen bereiteten Präparates, dessen Pulver er einstreut, wodurch

er die Umwandlung bewirkt]. Das Wesen der Letzteren besteht in einer

Vermählung, in der „Vereinigung des Weiblichen und Männlichen“, -- das

Wort ἄρῥην oder ἄρσην (Arsen) hat hierbei den Doppelsinn „Männliches“

und „Arsen“ --, denn „die Natur freut sich an der Natur“ usw.[564];

nach dem Berichte des schon erwähnten ~Al-Habib~ lehrte ~Maria~,

daß durch Verbindung des Weiblichen und Männlichen, des dunklen

Menstrualblutes und des weißen Spermas, ein wahrer Fötus entstehe, der

neun Monate zu seiner Reifung erfordere und als „Keim, Ei, Menschlein,

Neugeborenes, usf., zehntausend und mehr Namen trage“[565].

Für das große Werk eignet sich nur eine bestimmte Jahreszeit, der

Pharmuthi [ägyptischer Monat, etwa März-April], und die Stoffe müssen

fest in Leinen eingewickelt, dann der ταριχεία (Taricheía, Einsalzung)

unterworfen und schließlich im „Wasser des Pontos“ gekocht werden[566];

sie gehen zu einem Viertel oder auch zu einem Drittel im Laufe der

Umwandlung verloren[567], doch kann man das schließlich Erhaltene durch

die „Diplosis der ~Maria~“ ergänzen und vermehren[568]. Zu dieser

eignet sich neben Quecksilber namentlich die „unser Blei“ genannte

Legierung der vier Metalle[569]; auf deren Bereitung beziehen sich

wohl die vom ~Philosophus Christianus~[570] u. a. auch der ~Maria~

zugeschriebenen mystischen Sätze „Zwei sind Eins, Drei und Vier

sind Eins, Eins wird Zwei, Zwei wird Drei“, die sich in ähnlicher

Form bis ins späte Mittelalter erhielten, denn noch in der „Turba

Philosophorum“, einer etwa aus dem 12. Jahrhunderte stammenden Schrift,

heißt es: „Aus Zwei mache Drei, aus Vier mache Eins, aus Zwei mache

Eins,“ usf.[571].

Neben den älteren Behandlungsarten, z. B. Einsetzen in Dünger und

Pferdekot, in das Thermospodion (Aschenbad), usw.[572], benützte

~Maria~ auch verschiedene neuere, deren Erfindung ihr sogar seitens

späterer Autoren zugeschrieben wird. Nach ~Zosimos~, der über diesen

Punkt Ausführlicheres berichtet[573], konstruierte sie zahlreiche Öfen,

Koch- und namentlich auch Destillier-Apparate aus Metall, Ton und

Glas, und lehrte sie mittels Fett, Wachs, Kleister, fetter Tonerde und

dem „Tonerdekitt der Philosophen“ zu dichten und zu verbinden[574].

Glasgefäße bezeichnete sie als besonders nützlich, weil sie „Sehen ohne

Berühren“ und gefahrloses Umgehen mit schädlichen Stoffen gestatten,

z. B. mit Quecksilber, „dem furchtbaren Gift und verderblichsten aller

Metalle“[575], aber auch mit den „schwefligen“ [oft = arsenikalischen]

Substanzen, die zur Bereitung des göttlichen Wassers dienen[576].

Als Bestandteile der +Destillierapparate+, deren +älteste+

Beschreibungen und Abbildungen in den Schriften der ~Maria~ vorliegen,

werden angegeben: 1. Das +Füllgefäß+, das sehr stark und fest sein

muß, falls es aus Glas besteht und größeren Inhalt hat[577]; es heißt

βίκος (Bíkos = Gefäß, Schale, Krug), welcher Name auch βῆκος, βύκος

und βικίον geschrieben wird und an den ἄμβιξ (Ambix) des ~Dioskurides~

erinnert, den helmförmigen Aufsatz [ursprünglich wohl nur Deckel],

an dem sich bei der von diesem Autor beschriebenen Gewinnung des

Quecksilbers durch eine höchst unvollkommene Destillation (eigentlich

nur Sublimation) die αἰθάλη (Aithále) ansetzen, und +von+ dem sie nach

dem Abkühlen abgekratzt werden soll[578]. 2. Das +Abzugsrohr+, σωλήν

(Solén, Röhre), das aus Ton, Glas oder Kupfer bestehen kann[579]. 3.

Der +Rezipient+, τὸ ἄγγος (das Gefäß), zuweilen auch φιάλη (Phiále,

Kopf, Schale), oder ebenfalls nur βίκος genannt, in der Regel eine

Art Flasche mit verengertem Halse; sie wird im Bedarfsfalle mittels

eines Schwammes abgekühlt, der in einem größeren Behälter stets frisch

mit Wasser getränkt werden kann[580]. - Zuweilen bringt man an dem

Füllgefäße statt +eines+ Abzugsrohres auch deren +zweie+ oder +dreie+

an, die in ebenso viele Rezipienten münden, und es entsteht so der

„δίβικος (Dibikos, Zweikörper) und τρίβικος (Tribikos, Dreikörper)

der ~Maria~“[581]; kommt die „Fixation“ schwierig zu behandelnder

Stoffe in Frage, z. B. die von Schwefel, Quecksilber und anderen

„Sublimaten“, so empfiehlt sich auch ein röhrenförmiges Auffanggefäß

von Schlangengestalt, δρακοντῶδες[582], [+an+ (nicht +in+) dessen

Windungen die Kondensate sich absetzen]. -- Wie diese Schilderungen

ersehen lassen, ist der Fortschritt seit der Zeit des ~Dioskurides~

(der um 75 n. Chr. schrieb) insoferne ein ganz beträchtlicher, als

an Stelle +eines+ Stückes, bestehend aus dem Füllgefäße und dem fest

mit ihm verbundenen und verkitteten Aufsatze, ein aus +drei+ Teilen

(Füllgefäß, Abzugsrohr, Rezipient) zusammengesetzter Apparat getreten

ist, und das Kondensat nicht mehr an dem aufgestülpten helmartigen

Deckel (ἄμβιξ, φιάλη, auch κυμβάνη oder βάθος = Höhlung) hängen bleiben

soll [was stets nur zum kleinen Teile möglich ist], sondern seitlich

aus ihm abfließen kann[583]. Noch unverändert zeigt sich aber die

Kühlung; soweit sie nicht schon von selbst in ausreichender Weise

eintritt, wird ihr noch immer nur mit dem Schwamme nachgeholfen, den

schon ~Dioskurides~ bei der Darstellung von Ruß aus Harzen oder fetten

Ölen empfiehlt; infolgedessen ist die Destillation niedrigsiedender

Substanzen unmöglich, die hochsiedender aber, die leicht erstarren

und die Rohre verstopfen, erweist sich als schwierig und umständlich,

sofern sie nicht nach Art einer bloßen +Sublimation+ ausgeführt wird.

Zur Behandlung der Metalle mit Schwefel-, Quecksilber- und

Arsen-Verbindungen in kleinerem Maßstabe bedient sich ~Maria~

der κηροτακίς (Kerotakís), welches Wort ursprünglich die Palette

bezeichnete, auf der z. B. nach dem Berichte des ~Plinius~ [584] die

alten griechischen Maler ihre vier Grundfarben, weiß, schwarz, gelb,

und rot, mit Wachs (κηρός, Kerós) mischten und gelinde erwärmten. In

ganz gleicher Weise wie bei dieser Operation, der ἐγκήρωσις (Enkérosis

= Wachsbehandlung, ceratio)[585], wurden auf einer +Kerotakis+ der Form

▭ oder ▻ auch die Metalle mit den entsprechenden Reagenzien (φάρμακα

= Phármaka, Medizinen) zusammengemengt und angewärmt, digeriert,

geschmolzen, oder sublimiert[586]. Handelte es sich um flüchtige oder

giftige Stoffe, so kam statt der flachen Kerotakis ein ἄγγος ὀστράκινον

zur Anwendung, ein irdenes, oben bald offenes, bald geschlossenes

+Rohr+ von erforderlichen Dimensionen, das man entweder unmittelbar

durch die Flammen (φῶτα) des Kamines (καμίνιον) erhitzen konnte, oder

mittelbar im Aschen- und Sandbade. Weil hierbei die in Dampfform

aufgestiegenen Substanzen alsbald in Gestalt von Flüssigkeiten oder

Schmelzen wieder herabtropften, ihren Weg also nach rückwärts nahmen,

nannte man Apparat und Verfahren auch +Krebs+ (καρκίνος, Karkínos);

länglich-runde Gefäße hießen auch „Eier der Philosophen“[587], und

derlei Gerätschaften bildeten wichtige Vorstufen der Sublimations-

und Destillations-Apparate späterer Zeiten, u. a. der sog. Aludeln

(al-utal, im Arabischen ein röhrenförmiges Gefäß).

Unter den von ~Maria~ erfundenen oder benützten Vorrichtungen führen

ihre Schriften gerade +eine+ nicht auf, die viele Forscher als ganz

sicher von ihr herrührend ansahen, weil sie u. a. auch die Bezeichnung

„Balneum Mariae“ (bain Marie, Marienbad) trägt; hierbei hat jedoch eine

zwar naheliegende, aber unzutreffende Etymologie irregeleitet, denn

das Wasserbad war bereits viele Jahrhunderte vor ~Maria~ wohlbekannt

(so schon ~Hippokrates~ und ~Theophrastos~), und verdankt seinen Namen

anscheinend der Verkettung einer Reihe ganz fernliegender Umstände,

die mit der Tätigkeit der Chemikerin ~Maria~ erst nachträglich in

angeblichen Zusammenhang gebracht wurden[588].

Als eine von ~Maria~ erfundene, oder von ihr dem ~Demokritos~ und

~Ostanes~ abgelernte Kunst, wird noch die angeführt, Edelsteine im

Finstern leuchtend zu machen. Nach ~Berthelot~ beruhte sie vermutlich

auf der Erregung zeitweiliger Phosphorescenz, denn den „Farben und

Firnissen“ sollen „im richtigen Verhältnisse“ Mischungen gewisser

organischer Substanzen zugesetzt werden, die, wie Galle von Fischen und

Schildkröten, Saft von Medusen, Öle von Pflanzen, Harze, usf., sämtlich

zu den an der Luft leicht oxydierbaren gehören[589]; vielleicht ist

jedoch nur an das oft sehr intensive Nachleuchten zu denken, das manche

Edelsteine, aber auch andere Mineralien und Schmelzen, stundenlang

zeigen, nachdem sie längere Zeit im Sonnenlichte lagen, oder stark

erwärmt wurden.

b) Kleopatra, Komarios.

Während von anderen Berufsgenossinnen der ~Maria~, z. B. der

~Theosebeia~ und ~Paphnuthia~, kaum mehr als die Namen überliefert

sind, besitzen wir von ~Kleopatra~ noch Bruchstücke einiger,

„Χρυσοποιία“ (Goldmacherei), „Heilige und göttliche Kunst der

Philosophen“, „Über Maße und Gewichte“, betitelter Werke, die ihr

aber zum Teil allerdings nur zugeschrieben werden, zudem auch in der

vorliegenden Form, den magischen und den spät-gnostischen Anspielungen

gemäß, unmöglich schon in jener Zeit abgefaßt sein können, zu der

~Kleopatra~ gelebt haben soll[590]. Sie wird nämlich als etwa

gleichaltrig mit ~Maria~ bezeichnet, sehr oft (z. B. auch im arabischen

Verzeichnis des „Fihrist“, um 987) zusammen mit dieser genannt[591]

und von ~Stephanos~ (s. unten) noch als Teilnehmerin eines Gespräches

mit ~Ostanes~ angeführt[592]; ihr Lehrer soll ~Komarios~ gewesen sein.

~Renan~ vermutet[593], daß sie mit ~Maria Kleophas~ identifiziert

wurde, die in den gnostischen Evangelien neben der hl. ~Maria~ die

hervorragendste Rolle spielt und seitens der Valentinianer (einer

gnostischen Sekte) als „perfekt in der Gnosis“ bezeichnet wird, daher

auch in der Magie und der dieser zugerechneten Chemie; in noch späterer

Zeit erst scheint man sie mit einer ptolemäischen Königin ~Kleopatra~

zusammengeworfen zu haben, u. a. mit der letzten unglücklichen Trägerin

dieses Namens[594].

Die sog. Abhandlung über „Maße und Gewichte“ besteht nach ~Kopp~[595]

aus Fragmenten einer Schrift über allerlei kosmetische Mittel und

enthält auch Angaben über die vorgeschriebenen Maße und Gewichte sowie

deren Einteilungen und Verschiedenheiten, hingegen nichts eigentlich

Chemisches.

Den Überresten der anderen Werke ist zu entnehmen, daß die Herstellung

des golderzeugenden Pulvers große Schwierigkeiten bietet, sowohl

an und für sich, als auch wegen der Hindernisse, die der „Neid der

Dämonen“ (δαίμονες) und die Mißgunst der bösen Geister bereitet[596].

Die Behandlungen im Dünger und Pferdekot (ἐν βολβίτοις), unter

denen aber oft nur Erhaltung in gleichmäßiger Wärme zu verstehen

ist, dauern 7, 21, und 40 Tage[597]; das durch Macerieren, Erwärmen,

Sublimieren usf. zuerst gewonnene Präparat vergleicht ~Kleopatra~

einem im Grabe liegenden Toten, und befiehlt „Hebe auf den Toten (ἴσχε

τὸν νεκρόν) aus dem ersten Grabe (πρῶτος τάφος), und begrabe (θάψον)

ihn nochmals“; nun wird das Macerieren, Erwärmen, Sublimieren usf. in

gleicher Weise siebenmal wiederholt, bis endlich das wahre Ergebnis

der „philosophischen Kunst“ fertig aus dem letzten Grabe „gehoben“

werden kann[598]. Projiziert man es auf 1000 Teile unedlen Metalles,

ja nach anderen selbst auf eine Million Teile, εἰς χιλίας χιλίαδας, so

verwandelt es diese in Gold[599].

Die Digestions- und Destillations-Apparate der ~Kleopatra~ gleichen,

soweit die von ~Zosimos~ erhaltenen Zeichnungen ersehen lassen,

völlig jenen der ~Maria~; die beigefügten Abbildungen der sich in den

Schwanz beißenden Zauberschlange ~Urobóros~, die, wie den endlosen

Kreislauf des Weltganzen, so auch jenen der chemischen Stoffe bei der

Destillation symbolisieren soll, sowie die mystischen Inschriften „ἕν

τὸ πᾶν“ (Hen to pan: Eins in Allem; Alles in Einem) u. dgl. gehören

wohl erst einer erheblich späteren Zeit an[600].

——————————

Dem „Philosophen und Oberpriester“ ~Komarios~, dem oben erwähnten

Lehrer der ~Kleopatra~[601], der sich selbst wieder auf ~Ostanes~ zu

berufen liebt[602], wird eine an ~Kleopatra~ gerichtete Abhandlung

„Über die heilige Kunst und den Stein der Philosophen“ zugeschrieben,

die jedoch nur in später, vielfach veränderter, durch mystische

und gnostische Interpolationen entstellter, von Anspielungen auf

Bibelsprüche, Wiederbelebung, Auferstehung, Fegefeuer usf. erfüllter

Fassung vorliegt[603], auch nach Meinung einiger Autoren nur den

Bericht eines Dritten über die dem ~Komarios~ und der ~Kleopatra~

gemeinsamen Lehren wiedergibt[604]; sie soll daher an dieser Stelle, im

Anschlusse an die Schriften der ~Kleopatra~, besprochen werden.

Das göttliche (θεῖον) Werk[605] besteht in vier Operationen, der

Schwärzung, Weißung, Gilbung und Rötung, begleitet und unterbrochen von

zahlreichen Verreibungen, Waschungen, Macerationen und Schmelzungen,

die man zum Teil in „Krügen aus Askalon“ vornimmt[606]. Eine Hauptrolle

spielen die +Sublimationen+ und +Destillationen+, bei denen u. a. das

„Flüchtige (ὁ φεύγων), Giftige, sich auch mit Schwefel Verbindende“,

[d. i. das +Quecksilber+], sowie das durch Schmelzen und Rösten der

„weiblichen“ σανδαράχη (Sandaráche) mit ägyptischem Nitron und anderen

Substanzen entstehende „Männliche“ (ἀρσενικόν, Arsenikón), [d. i.

+Arsen+ oder Arsenigsäure], nach aufwärts schwebt[607]; in diesen

Stoffen, sowie in den Dämpfen der göttlichen Wässer (θεῖα ὕδατα),

nehmen die Geister oder Pneumata körperliche Gestalt an[608]; sie

steigen als θεῖα μυστήρια [schweflige oder göttliche Mysterien], als

οὐράνια σώματα (himmlische, himmelanstrebende Stoffe) nach oben (ἄνω,

áno) und fallen von da aus wieder nach unten (κάτω, káto), „in die

finstere Tiefe der Unterwelt, des Hades“ [d. h. auf den Boden der

Gefäße][609]. Dort begegnen sie den aus dunklen Rohmetallen bestehenden

oder entstandenen Massen der „γῇ ἡμῶν τῇ αἰθιοπίδι“, „unserer Erde,

der äthiopischen“ [d. h. negergleichen, schwarzen][610], „den Toten“

(νεκροῖς), denen sie das „φάρμακον (Phármakon, Heilmittel) des Lebens“

zubringen und sie auferwecken[611]: „die Toten werden wiederbelebt“

(θνητὰ ἐμψυχοῦνται)[612], die Materien, aus denen das Pharmakon

die „stinkenden und finsteren [d. h. die Färbung hindernden] Teile

austreibt“[613], gelangen vom Tode zum Leben, von der Krankheit zur

Gesundheit und ergeben durch ἀλλοίωσις (Alloíosis, Artverwandlung) und

μεταβολή (Metabolé, Umwandlung) die rechten [d. h. edlen] Metalle[614].

Dies ist die „Erfüllung des Werkes“, die „Vollendung der Kunst“,

τῆς τέχνης πλήρωμα (Pléroma): Männliches und Weibliches haben sich

vereinigt und sind Eins geworden, denn „die Natur freut sich an der

Natur, usw.“, und es ist ein Embryo entstanden; so wie aber durch die

körperliche Wärme der Mutter die „Frucht ihres Leibes“ wächst und

sich entwickelt, nachher zu richtiger Zeit geboren und schließlich

mit der Milch des Mutterleibes ernährt wird, ganz so bringt auch der

Philosoph die „Frucht seines Werkes“ durch die Wärme gelinden Feuers

zur Reife und nährt sie mit den göttlichen Wässern[615], d. h. mit den

Lösungen oder Schmelzen der Umwandlung bewirkenden Präparate, des

λίθος τῆς φιλοσοφίας (Steines der Philosophie, der Weisheit), oder

λίθος τῶν φιλοσόφων (Steines der Philosophen, der Weisen)[616]. Aus den

befruchtenden Samen (σπέρμα, Sperma) des Männlichen entwickeln sich

Blüten (ἄνθη), Blumen und Pflanzen, und so wie solche aus ihren Keimen,

so schießen aus der schwarzen äthiopischen Erde θεῖα σώματα „göttliche

Substanzen“ empor, „köstliche Gesteine und Pflanzen“, aufsprießend aus

ihrem „Grabe“ in der Unterwelt[617]; denn die Vollbringung des Werkes

gleicht durchaus der Entfaltung von Blumen und Pflanzen[618].

Schließlich sei noch angeführt, daß der Namen des ~Komarios~ vielleicht

erst nachträglich in ganz willkürlicher Weise erfunden, nämlich von

Komaris (κώμαρις, κώμαρος) abgeleitet wurde, der sehr vieldeutigen

Bezeichnung eines angeblich besonders wichtigen und wirksamen

Präparates, unter dem Gips, Marienglas (Selenit), Talk, Arsen, rotes

Schwefelarsen (Sandarach) und noch zahlreiches andere verstanden werden

kann, so daß es im gegebenen Falle meist kaum zu erraten ist, welche

dieser Substanzen eigentlich in Frage kommen soll[619].

4. Pseudepigraphen der ersten Jahrhunderte: Hermes, Agathodaimon, Isis,

Chimes, Ostanes, Petesis, Jamblichos, Moses, Johannes.

Die Schriften der bisher angeführten älteren, nicht genau datierbaren

Alchemisten konnten den Anspruch erheben, entweder deren wirkliche

(wenngleich vielfach entstellte und interpolierte) Werke zu +sein+,

oder doch mindestens in den Hauptpunkten auf diese +zurückzugehen+,

und so eine, zwar in den Einzelnheiten unzuverlässige und verworrene,

im ganzen aber immerhin zutreffende und richtige Tradition zu

wahren. Desgleichen besitzen wir, etwa von 300 n. Chr. an, die

Abhandlungen einer Reihe von Autoren (mit ~Zosimos~ beginnend),

über deren wesentliche Echtheit kein Zweifel besteht. Betreff der

Zwischenzeit dagegen ist uns nur eine Anzahl teils apokrypher,

teils pseudepigraphischer Schriften erhalten, die sämtlich, gleich

so vielen anderen, den verschiedensten Wissenszweigen jener Epoche

zugehörigen, den Charakter des spätorientalischen und spezifisch

alexandrinischen Synkretismus tragen, d. h. die absonderlichsten

Vermischungen griechischer, ägyptischer, jüdischer, frühchristlicher,

orientalischer, gnostischer, christlich-gnostischer und anderer Ideen

und Anschauungen zeigen. In vielen überwiegen vollständig die magischen

und abergläubischen Vorstellungen; zudem herrscht das Bestreben vor,

Entstehung und Herkunft der Alchemie mythisch zu verschleiern und in

die Tiefe von Zeiten zurückzuverlegen, zu denen noch Götter und Heroen,

Engel und Dämonen, auf Erden wandelten. Da sie außerdem zum Teil nur in

vielfach umgearbeiteter und abgeänderter Gestalt, zum Teil sogar nur

in Form von Auszügen und Zitaten auf die Nachwelt gekommen sind, läßt

der Inhalt, so Bemerkenswertes er zuweilen auch bieten mag, bestimmte

Schlüsse, namentlich nach chronologischer Seite, nur ausnahmsweise zu.

a) Hermes.

~Hermes~, erst durch eine sehr späte Tradition ganz fälschlich als

Babylonier angesprochen[620], gilt den hellenistischen Schriftstellern

fraglos als Ägypter und wird mit mehreren wichtigen altägyptischen

Göttern identifiziert, u. a. mit ~Ptah~, ~Chnum~ und ~Thot~; die

einschlägigen Erklärungen mögen, so weit sie zum Verständnisse

unentbehrlich erscheinen, gleich an dieser Stelle gegeben werden.

Die Bedeutung des ~Ptah~ beruhte im alten ägyptischen Reiche (beginnend

um 3000 v. Chr.) darauf, daß er der Gott der Reichshauptstadt

Memphis war und als solcher Besitzer der ihr benachbarten mächtigen

Steinbrüche, aus denen die Arbeiter seines Tempels unter Anleitung

der Priester die zur Errichtung der Pyramiden und anderer großer

Bauwerke bestimmten Steine brechen und zurechthauen; daher ist er „Gott

der Künstler“, „Bildner und Gestalter“, und der Hohepriester seines

Tempels führt den Titel „Großer Vorsteher der Steinkünstler“[621].

Den Theologen gilt er alsbald nicht nur als „Bildner und Gestalter“

der Werksteine, sondern des ganzen Weltbaues; seine Macht läßt aus

dem Chaos das Weltenei hervorgehen, mit dessen Bildung die Schöpfung

beginnt[622], seine Kunst formt die ersten Statuen der Götter und

versieht sie mit Schmuck aus Blaustein (Lapis lazuli), Grünstein

(Malachit) und Gold, und er ist der Gießer des goldenen Sonnenkäfers,

des die Sonne über den Himmel vor sich herwälzenden Skarabäus[623].

Daraufhin heißt sein Haupttempel in Memphis auch die „Goldschmelze“

oder „Goldschmiede“, er selbst „Herr der Goldschmelze“, „Herr der

Künste“, „Herr der Künstler“; diese letzteren aber sind seine Priester,

von denen Einer auch als „Meister der Kunst“, und der Hohepriester

als „Oberster der Künstler“ angeführt wird[624]. Als „von Dem, der

wissend ist um die Geheimnisse der Goldschmiede“ spricht von diesem

auch noch die hellenistische Zeit[625], die den ~Ptah~ dem ~Hephaistos~

gleichsetzt, ihn zu einem zaubermächtigen Wundertäter, Magier und Arzt

macht, und als einen solchen auch den zum „Sohne des ~Ptah~“ erhobenen

~Imhotep~ ansieht, der in Wahrheit im alten Reiche Oberleiter des

Pyramidenbaues unter dem Könige ~Zoser~ war[626].

Den widderköpfigen ~Chnum~ von Elephantine, den „Herrn des

Kataraktenlandes“ und Gott der Zeugung und Fruchtbarkeit, in späterer

Aussprache ~Chnub~ oder ~Chnubis~, betrachtete man ursprünglich u. a.

ebenfalls als Schmied, als Erfinder der Töpferscheibe (auf der er

das Weltenei rund dreht), als Künstler und als Baumeister, später

aber als Weltenbaumeister, Demiurgen, und Herrn des künstlerischen

Geistes sowie des Geistes überhaupt, daher auch des Lufthauches und

Pneumas[627].

~Thot~, der Ibisköpfige, der Gott der Stadt Chnumu, gilt dem alten

ägyptischen Reiche in seiner Eigenschaft als Mondgott für den Urheber

von Zeitrechnung, Maß, Ordnung und Recht, für den Erfinder der

Sprache, des Zeichnens, des Malens und der Schrift, für den Schöpfer

aller Wissenschaft und Kultur, sowie für den Heilkundigen, der die

Wunden der Götter durch seinen Speichel zu schließen versteht[628].

Einer späteren Zeit ist er der „Herr der Sprache und der Schrift,

der Schreiber und der Tinte“, der Stifter von Ordnung und Recht am

Himmel und auf Erden, der Erfinder der Amulette und Zaubersprüche, die

einerseits Heil und Gesundheit bringen, andererseits die Einflüsse der

bösen Geister abwehren[629]; daher rühmt ein um 1700 v. Chr. verfaßtes

ägyptisches Märchen dem Helden nach „er kennt die Zahl der Bücherkisten

der Weisheit und der Zaubersprüche im Heiligtums des ~Thot~, .... der

steinernen Kisten im Tempel zu Heliopolis“, und ein anderes preist, um

1350 v. Chr., „das Buch der Zaubersprüche, von ~Thot~, dem Gotte der

Weisheit, selbst geschrieben“[630]. In noch jüngerer Zeit wird dann

~Thot~ zum Astronomen, Astrologen, Magier, Bereiter von wunderwirkenden

Heilmitteln, usf.; seine Lehren stehen anfangs nur auf steinernen

Tafeln, Säulen und Wänden der Heiligtümer, „an geheimen und verborgenen

Stellen“, -- so noch zum Teil im spätptolemäischen Tempel zu Edfu, wo

er auch „Kenner aller Geheimnisse der Tempelküche“ genannt wird, d. h.

der Rezepte zur Herstellung der Räuchermittel, Heilsalben u. dgl. --,

weiterhin aber auch auf Leder oder Papyrus, und bilden so die „heiligen

Bücher“ oder „heiligen Schriften“[631]. Die hellenistische Aera

identifizierte ~Thot~ völlig mit ~Hermes~, wozu u. a. auch besonders

beitrug, daß ersterer beim großen Totengericht die Herzen wägt und

hiernach die Geschicke der Seelen bestimmt, ~Hermes~ aber ebenfalls die

Seelen zur Unterwelt geleitet, und einen Schlüssel führt[632]; auf ihn

übertrug sie daher auch die Autorschaft der gesamten priesterlichen,

dem ~Thot~ zugeschriebenen, nach ägyptischem Herkommen durchaus

anonymen Literatur, und so ist es zu erklären, daß die Zahl der von

~Hermes~ verfaßten Werke seitens ~Manethos~ (um 280 v. Chr.) auf

36525, seitens ~Iamblichos~ (im 3. Jahrhundert n. Chr.) auf 20000

beziffert wird, und daß ein bloßer Auszug, von dem anscheinend der um

220 n. Chr. gestorbene ~Clemens Alexandrinus~ berichtet, 42 Bände oder

Bücher umfaßte[633]. Es steht dahin, ob mit diesen 42 „hermetischen

Büchern“ jene etwas gemein haben, die als „hermetische Schriften“

oder „Weisheit des ~Hermes~“ auf uns gekommen sind, sich mit ihrem

+nicht+ alchemistischen, sondern zumeist mystisch-schwärmerischen und

-religiösen, oder naturwissenschaftlich-abergläubischen Inhalte als

Offenbarungen des ~Hermes-Thot~ geben und nur mit größter Vorsicht

zu Rückschlüssen irgendwelcher Art herangezogen werden dürfen[634];

fast erscheint es unglaublich, daß sie bis tief in das 17. Jahrhundert

hinein für echt und geradezu uralt-ägyptisch gehalten und erst durch

den berühmten Streit ~Conrings~ (in Helmstaedt) gegen ~Borrichius~

(in Kopenhagen), 1648 mit dem Buche über die hermetische Medizin

einsetzend, als in später Zeit untergeschoben erwiesen wurden[635].

Jedenfalls sieht die hellenistische Zeit schließlich in ~Hermes~

die Personifikation des Wissens, der Wissenschaft, des in allen

Künsten, namentlich aber in allen Geheimkünsten, erfahrenen und

schöpferischen Geistes, den Hüter und Bewahrer aller alten Erbweisheit

(daher sie ihn auch mit ~Adam~, ~Henoch~, ~Abraham~, ~Moses~, ~Josef~

usf. gleichsetzt)[636], den Verfasser und Schreiber unübertroffen

tiefsinniger und an Zahl endloser Werke, den „aller himmlischen Zeichen

und Einflüsse“ kundigen Astrologen, Arzt, und Magier, sowie den Mann,

„in dem sich Anfang und Ende der göttlichen Kunst vereint“, den Meister

„der heiligen und hermetischen Kunst“, den ersten Alchemisten[637].

——————————

Nach den, durch die syrischen Manuskripte bewahrten Berichten des

~Zosimos~ schrieb ~Hermes~ als erster die zum Teil durch Dämonen

übermittelten Traditionen der Alchemie nieder, und zwar in einem

umfangreichen Werke, das aber auch viele andere, χειρόκμητα

(Handfertigkeiten, Handgriffe) genannte „Künste“ behandelte[638]. Es

zählte 24 Bücher, bezeichnet nach den Buchstaben des griechischen

Alphabetes und benannt mit besonderen Namen, z. B. Imos, Imuth,

Gesicht, Schlüssel (κλείς)[639], Siegel (Gesiegeltes), Encheirídion

(Handbuch), Epoche usf., und in diesen wurden sämtliche „Künste“ durch

„Tausende von Worten“ genau erklärt, so auch die Umwandlung von

{Blei {Kupfer

{Zinn in {Silber,

{Eisen {Gold

aber auch von Blei in Zinn, Kupfer in Eisen, usf., kurz von allem der

Reihe nach, von oben nach unten und von unten nach oben; erst spätere

Erklärer, „die ohnehin auch allein die Verwandlung des Silbers in Gold

erwähnten“, „verdarben und verdunkelten diese Bücher und machten aus

ihnen Mysterien“. -- ~Hermes~ selbst schrieb sein Werk auf „Tafeln“,

die aber verloren gingen oder verborgen blieben, so daß erst der

ägyptische König ~Nechepso~ sie wieder auffand; die Götter, deren

Beistand er in endlosen Gebeten anrief, begnadeten ihn schließlich mit

ihrem Verständnisse[640], -- doch ist weder überliefert, wodurch der

(schon in früher ptolemäischer Zeit mythische) König veranlaßt wurde,

ein solches überhaupt anzustreben, noch welche Früchte es ihm trug,

nachdem er es errungen hatte.

Vermutlich auf +diese+ „Tafeln“ hin, deren Andenken lebendig geblieben

zu sein scheint, hat eine spätere Zeit dem ~Hermes~ auch die Abfassung

zweier sehr berühmt gewordener +anderer+ zugeschrieben, der „Tafel von

Memphis“ und der „Tabula smaragdina“. Die „memphitische Tafel“[641]

soll sich u. a. an einem Felsen bei Memphis vorgefunden und in

griechischer, sowie nach ~Kirchers~ Bericht von 1636 angeblich auch

in koptischer Sprache, nachstehende Inschrift getragen haben: „Himmel

oben, Himmel unten; Sterne oben, Sterne unten; Alles (πᾶν) ist oben,

Alles ist unten; Nimm es hin, es bringe Dir Glück.“ Weiteres über

sie ist nicht bekannt geworden, und die Behauptung, der angeführte

Spruch sei altägyptischen Ursprunges, hat sich nicht bestätigt, was

auch nach seinem auf Astrologie und Chemie (Sublimation, Destillation)

anspielenden Inhalte nicht anders zu erwarten war. -- Die, der Sage

nach durch ~Alexander den Grossen~ im Grabe des ~Hermes~ aufgefundene

„Tabula smaragdina“[642] war unter diesem Namen, sowie unter dem

Nebentitel „De operatione solis“ (Vom Machen der Sonne, d. h. des

Goldes), im Abendlande schon gegen 1200 wohlbekannt und hochgeschätzt;

der allein und nicht überall ganz gleichlautend übermittelte

+lateinische+ Text[643] lautet in wörtlicher Übersetzung: „Es ist wahr,

nicht gelogen, sicher und völlig gewiß. Was unten ist, gleicht dem was

oben ist, und was oben ist, dem was unten ist, zwecks Durchschauung

der Wunder des einen Dinges. So wie alle Dinge wurden aus Einem, durch

Nachforschung darüber [oder: durch Einen, seiner Überlegung gemäß],

so sind auch alle Dinge geboren aus diesem einen Dinge, vermöge der

Anpassung (adaptatione). Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter der

Mond. Der Wind trug es in seinem Bauche. Seine Nährerin ist die

Erde. Es ist der Vater aller Vollendung (telesmi) im Weltalle. Seine

Kraft (virtus) steht auf ihrer Höhe, wenn es zu Erde gewandelt ist.

Du scheide das Erdige vom Feurigen, die dunstartigen Teile von den

dichten, gelinde, mit großer Kunst. Es [das Ding] steigt empor von der

Erde zum Himmel, steigt wieder nieder zur Erde, und nimmt in sich auf

die Kräfte der Oberen und der Unteren. So gewinnst Du das Rühmlichste

(gloriam) der ganzen Welt. So wird alles Dunkel von Dir weichen. Dies

ist die hohe Kraft in äußerster Stärke, da sie alle dunstartigen Teile

besiegt und alle dichten durchdringt. So wurde die Welt geschaffen. So

entstehen die wunderbaren Anpassungen (adaptationes), deren Art diese

ist. Deshalb werde ich ~Hermes Trismegistos~ genannt, weil ich innehabe

die drei Teile der Philosophie des Weltalles. Vollendet ist, was ich

verkünde über die Herstellung der Sonne.“

Bei aller Absonderlichkeit enthält dieser Text nichts, was

unverträglich wäre mit dem Geiste der Systeme einer Zeit, die

unbedenklich auch die buntesten Elemente zu vereinigen pflegte, --

und zwar weder was die Form, noch was den Inhalt anbelangt; letzterer

betrifft sichtlich die Gewinnung des Goldes mittels des „zu Erde

gewordenen“ großen Wunderdinges, d. i. des Steines der Philosophen, der

das „Dunkle“ weichen macht (d. h. die richtige Färbung bewirkt), die

Samen von Silber und Gold (Mond und Sonne, Weiblichem und Männlichem)

in sich trägt und durch richtige „Anpassung“ die höchste „Vollendung“

herbeiführt, +selbst+ aber wieder durch allerlei Sublimationen und

Destillationen (ἄνω καὶ κάτω) und unter Mitwirkung des „Windes“

(Geistes, Pneumas) „geschaffen wird“ und als Inbegriff aller Elemente

und Kräfte ein Analogon des Weltalls darstellt, ein ἓν καὶ πᾶν (Hen kai

pan: Eines in Allem, Alles in Einem). In ganz ähnlichem Sinne, und in

einem Wortlaute, der jenem der sog. hermetischen Tafeln sehr nahekommt,

heißt es auch in einem alten bei ~Zosimos~[644] übermittelten Spruche:

„Nach oben das Himmlische, nach unten das Irdische! Durch das Männliche

und das Weibliche wird das Werk vollendet!“

Ein griechisches Original der „Tabula smaragdina“ ist nicht bekannt,

und da die syrischen und arabischen Chemiker ihrer überhaupt keine

Erwähnung tun[645], so bestehen berechtigte Zweifel an ihrem

vorgeblichen Alter; +so+ alt wie der gesamte zugehörige Litteraturkreis

könnte sie aber dem soeben Ausgeführten zufolge immerhin sein, und

die Anführung des ~Hermes Trismegistos~, sowie die Herübernahme des

im Lateinischen ganz ungebräuchlichen Wortes telesmus (τελεσμός)

lassen eine Übersetzung aus dem Griechischen mindestens als möglich

erscheinen[646]. -- Älteren Forschern hat namentlich die Frage viel

Kopfzerbrechen bereitet, ob es tatsächlich Smaragde gebe, deren Größe

die Anfertigung einer Tafel von ausreichenden Abmessungen gestatte;

indessen erledigt sich diese Schwierigkeit dadurch, daß mit dem

mehrdeutigen Worte Smaragd keineswegs gerade unser Edelstein Smaragd

gemeint zu sein braucht, und daß auch z. B. in den ärztlichen Schriften

des ~Celsus~ (zu Beginn der Kaiserzeit) „emplastrum smaragdinum“ nicht

etwa ein Pflaster aus Smaragden bedeutet, sondern einfach ein grünes

Pflaster[647], -- wonach es also freisteht, die Tabula smaragdina als

Tafel aus grünem Glas, einem beliebigen grünen Gestein, oder einem

sonstigen grünen Material aufzufassen!

——————————

Kaum besser, als über diese mythischen, auf Tafeln eingegrabenen

Schriften des ~Hermes~, sind wir über die dem Papyrus oder Pergament

anvertrauten unterrichtet; wir kennen sie nur aus Anführungen und

Zitaten, die sich u. a. bei ~Zosimos~, ~Synesios~, ~Olympiodoros~ und

bei den noch späteren ersten syrischen und arabischen Chemikern finden

(so bei dem schon mehrfach genannten ~Al-Habib~) und allenfalls ersehen

lassen, welche Lehren man dem Manne zuschreiben zu sollen glaubte, den

es galt, als Begründer (oder als einen der Begründer) der „hermetischen

Kunst“ glaubhaft hinzustellen.

Das heilige oder große Werk muß begonnen werden in den ersten zehn

Tagen des Monates Pharmuthi (März-April; das syrische Manuskript

sagt im Nisân = April) und dauert sechs Monate[648]; sein Ziel ist,

„wie schon die Alten angaben“, die Umwandlung des „Kupfers“ in

ἰόχαλκος (Ióchalkos, rotes Kupfer = Gold)[649]. Die Grundsubstanzen

(οὐσίαι, Usíai) des Silbers und Goldes sind schon enthalten im „Ei

der Philosophen“ [der Mischung von Kupfer, Blei, Eisen, Zinn][650],

in jener „Magnesia“ genannten Legierung[651], auf die sich auch die

Sprüche „Zwei wird Eins, Drei und Vier wird Eins, usf.“ beziehen[652].

Die Operationen, die zur Umwandlung dieser Stoffe führen, beginnen mit

dem Einwickeln und Einbinden in Leinen, der Tarichie (Einsalzung),

sowie dem Kochen in „Meerwasser“[653]; im weiteren Verlaufe müssen

die Stoffe, -- und dies ist eine der wichtigsten und daher sehr oft

zitierten Vorschriften des ~Hermes~ --, ganz und völlig „verbrannt“

werden, „und wenn sie gänzlich zu Asche geworden sind, so ist dies das

Anzeichen eines guten Gelingens“, „denn wer den Stoffen nicht ihren

körperlichen Zustand nimmt und die unkörperlich Gewordenen wieder in

Körper verwandelt, der kann das Ziel nicht erreichen“[654]. Die völlige

Austreibung der flüchtigen Bestandteile aus den einen Substanzen und

ihre Wiedervereinigung mit den anderen, -- denn hierum handelt es

sich offenbar --, ist indessen nicht so leicht zu bewerkstelligen,

denn nicht selten erhält man „unverbrennlichen Schwefel“, d. i. nach

~Hermes~ jene Asche, zu der der Schwefel die Stoffe so verbrannte, daß

sie noch einen Teil der „Geister“ in sich zurückhielten[655].

Was unter „Schwefel“ verstanden werden soll, erscheint freilich

keineswegs eindeutig bestimmt, denn ~Al-Habib~ bezeugt z. B.

ausdrücklich, daß ~Hermes~ mit „Schwefel“ auch das Quecksilber aus

dem Zinnober bezeichnet habe[656]. ~Hermes~ unterscheidet dieses

Quecksilber von dem, das „als weiße αἰθάλη (Aithále) der roten Kobathia

die Magnesia weißt“[657] [d. h. vom Arsen], sagt jedoch, „Quecksilber

ist zwar zweierlei, aber doch nur Eines“[658]; „es ist Eines, besteht

jedoch aus zwei Monaden“ heißt es auch vom ὔδωρ ἐν ἀβύσσω, dem

„Wasser des Abyssos“ (Abgrundes), das aus den untersten Teilen der

Gefäße geschöpft wurde und sehr wohl neben allerlei abgetropften

Kondensaten auch das ohnehin oft nur mit dem Namen „Wasser“ bezeichnete

Quecksilber enthalten haben kann[659]. Nach dem Berichte der syrischen

Manuskripte[660] lehrte ~Hermes~, Quecksilber sei die Grundsubstanz

[Materia prima] aller Metalle und verwandle sich unter den passenden

Umständen nicht schwieriger in eines von diesen, als „Wasser“ zu Ölsaft

in einem Ölbaum, zu Harzsaft in einer Terebinthe, oder zu Honigsaft in

einer Dattelpalme[661]. -- Wie weiter oben wiederholt erwähnt wurde,

sollen die „Ägypter“ für die Ursubstanz der Metalle das Blei gehalten

haben, vermutlich angesichts seiner großen Schmelzbarkeit und seines

leichten Überganges in andere (vielfach auch mit den Abkömmlingen

sonstiger Metalle verwechselte) Stoffe, wie Bleiweiß, Bleiglätte,

Mennige, Schwefelblei usf.; da nun aber das Quecksilber, wie man nach

und nach erkannte, überhaupt stets flüssig bleibt und gleichfalls mit

Leichtigkeit das weiße Sublimat, den bald gelblichen, bald rötlichen,

bald schwarzen Zinnober ergibt usf., so liegt die Annahme nahe, es

sei auf solche Analogien hin allmählich dem Blei gleichgesetzt worden

und habe schließlich an dessen Stelle die Rolle einer Materia prima

übernommen, -- wofür aber auch noch ganz andere, erst später zu

erörternde Gründe ausschlaggebend waren.

Mittels Quecksilbers stellte ~Hermes~, nach einem beim ~Philosophus

Christianus~ erhaltenen Berichte, auch das +Xérion+ (ξήριον) her,

„das seit Äonen Gesuchte“[662], und verwandelte mit ihm ebensowohl

die gemeinen Metalle in Gold, „das allein frei von aller Krankheit

ist“[663], wie die körperlich Siechen in Gesunde[664]: ist doch nach

ihm der Mensch ein Mikrokosmos, und diese kleine Welt enthält alle

Elemente (einschließlich der Winde) ebenso in sich, wie die große, und

unterliegt daher genau den nämlichen Einflüssen wie letztere[665]. --

Hiernach wird man schwerlich der Behauptung einiger Autoren beistimmen

können, ~Hermes~ sei ein Feind der von ~Zoroaster~(?) gepriesenen

magischen Lehren und Vorstellungen gewesen; nach ~Zosimos~ war vielmehr

der Sachverhalt gerade der umgekehrte[666].

Wie in der „hermetischen Kunst“, so lebt der Name des ~Hermes~ bis auf

den heutigen Tag auch noch im „hermetischen Verschlusse“ fort. Nach

~Al-Habib~[667] spricht schon ~Zosimos~ vom „hermetischen Verschlusse

der Gefäße“ als von etwas Wohlbekanntem und keiner Erklärung

Bedürftigen, es scheint also fraglos, daß dieser völlig dichte, bei

Glasgefäßen durch Zuschmelzen bewerkstelligte Verschluß, oder doch

eine bestimmte Art seiner Herstellung und Verwendung, vorwiegend

auf ~Hermes~ zurückgeführt und als seine Erfindung angesehen wurde.

Daß einige seiner Bücher „Siegel“ oder „Gesiegeltes“ überschrieben

waren[668], kommt jedoch in dieser Hinsicht nicht mit in Frage,

vielmehr besagt dieser Titel nur soviel wie „Geheimnisse“; beruft sich

doch ~Zosimos~ u. a. auch auf Vorschriften aus Büchern gleichen Namens,

die der ägyptische Gott ~Ptah~ selbst verfaßt haben soll[669].

b) Agathodaimon.

Von ~Agathodaimon~ (= guter Geist) berichten die späteren Alchemisten,

z. B. ~Olympiodoros~[670], er sei ein alter ägyptischer Philosoph und

noch älterer Herrscher und Gott gewesen; als Philosoph wird er oft

zusammen mit ~Hermes~ genannt oder diesem auch gleichgesetzt, als

dritter König aus der göttlichen Urdynastie Ägyptens bei ~Manetho~

aufgeführt[671], als Gott aber mit ~Thot~ oder mit ~Chnum~ (Chnub,

Chnubis, Chnuphis) identifiziert, mit letzterem namentlich in seiner

Richtung als ärztlicher Gott: sein Emblem ist die sich häutende, und

dadurch angeblich die Krankheit abstreifende, neue Gesundheit und neues

Leben gewinnende Schlange. Die Schlange, die sich selbst in den Schwanz

beißt oder den eigenen Schwanz verschlingt und in dieser Form das alte

hieroglyphische Zeichen für „Welt“ darstellt, ist in hellenistischer

Zeit als οὐροβόρος (Urobóros) oder ὀφιοῦχος (Ophiúchos) auch das

Wahrzeichen des ~Agathodaimon~, „des guten Dämons von Ägypten“ und

„Hausschutzgottes“[672]; dies geht offenbar auf die nach ~Rohde~[673]

echt griechische Anschauung zurück, daß das Haus als seine Hüterin die

zum „guten Geiste“ gewordene Seele des Hausvaters zu verehren habe,

die, gleich allen chthonischen Wesen, in Gestalt einer Schlange, der

auch als Agathodaimon bezeichneten „häuslichen Schlange“, zu erscheinen

pflegt. Der Schlange dieses Namens brachte man in Alexandria jährlich

besonders feierliche Opfer dar[674], jedenfalls weil Alexandria in

~Agathodaimon~ seinen eigentlichen Stadtgott verehrte, -- wie denn

auch noch im 3. Jahrhundert ein Oberpriester ~Agathodaimon~ daselbst

nachweisbar ist[675]; der, dem Gotte ~Agathodaimon~ zugeordnete Stern

ist nach hermetischen Schriften die Sonne[676]. Wenn also, allem diesem

und dem klaren Wortlaute seines Namens entgegen, ~Agathodaimon~ in ganz

später Zeit nicht selten für einen neidischen und gefährlichen „Dämon“,

seine Schlange aber für einen bösen und verderblichen „Drachen“

angesehen wird, so beruht dies sichtlich auf Mißverständnissen und

Entstellungen, die zum Teil vermutlich dem Eindringen orientalischer

Überlieferungen zuzuschreiben sind.

Daß ~Agathodaimon~ ein chemisches Werk (βίβλος χημευτική) verfaßt

habe, berichtet ~Olympiodoros~[677], und den syrischen Manuskripten

nach erwähnt es schon ~Zosimos~ als ein an den ~Osiris~ gerichtetes,

oder ihm gewidmetes Buch[678]. Mit den Worten „~Agathodaimon~ begrüßt

den ~Osiris~“ beginnt auch die von ~Agathodaimon~ angeblich gemeinsam

mit ~Hermes~ verfaßte „Erklärung eines Orakels des ~Orpheus~“, zu

der zu bemerken ist, daß nach hellenistischen, u. a. bei ~Diodor~

erhaltenen Berichten, die mythischen Dichter ~Orpheus~ und ~Musaios~

nach Ägypten gekommen seien und dort die uralte Weisheit der Priester

erlernt, diesen aber auch ihre eigene mitgeteilt haben sollen[679]. Die

„Erklärung“, die nur in Form einer dunklen, vielfach entstellten, an

zahlreichen späteren Einschiebseln reichen Kompilation vorliegt[680],

behauptet auf Grund der „freilich sehr verwirrten und unklaren

Schriften der Alten“, daß dem ~Orpheus~ göttliche Stimmen durch ein

Orakel mitteilten, welcher Augenblick der günstigste für das große Werk

sei, wie man die Projektion auszuführen habe, und wie sich dabei durch

mystische Gebete und magische Beschwörungen die bösen Geister bannen

und die ihrem Neide entspringenden Hindernisse überwinden ließen[681];

daraufhin habe ~Orpheus~ auf Kupfer oder auf die „Knochen des Kupfers“,

die aus Kupfer, Eisen, Zinn und Blei bestanden und deren unter dem

Namen „persische Knochen“ auch ~Zosimos~ gedenkt[682], Arsen und Kadmia

(καθμία, καθμίς) zur Einwirkung gebracht[683], die Bestandteile 41

Tage lang maceriert, wobei sich ἐξανθήματα (Exantheme, Efflorescenzen)

bildeten[684], und sie so schließlich geweißt und gegilbt.

Nach ~Agathodaimons~ Lehre hat man die Schlange Urobóros, bei der

„das Ende der Anfang, und der Anfang das Ende ist“, als Symbol

des großen Werkes zu betrachten, da bei diesem ebenfalls die

anfängliche Grundsubstanz oder Materia prima schließlich in die

einzelnen Metalle übergeht, in diesen vorhanden ist, und auch

wieder aus ihnen zurückgewonnen werden kann. Wie die Schlange, so

ist auch das große Werk ein Symbol der Welt; als solches reiht sich

Beiden das „philosophische Ei“ an[685], das oft als synonym mit

dem großen Werke gilt, oder als „Stein, der kein Stein ist“ das

Verwandlungsmittel andeutet, eigentlich aber mit seinen vier „die

unzähligsten Namen führenden Teilen“ [Schale, Eihaut, Eiweiß, Eigelb]

das Ausgangsmaterial, die vier Metalle der Tetrasomie, bezeichnet[686].

Dieses „unser Blei“ (μόλυβδος ἡμέτερος), diese schwarze Brühe oder

Schmelze (μέλανα ζωμόν), hat man zu benützen[687], zehn Tage im Dünger

(ἐκ τῆς κόπρου) zu erwärmen und 21 Tage zu beizen[688], sodann mit

koptischem Stimmi (στίμη κοπτική)[689], mit vom Schwefel befreitem

Arsen „dieser Seele des Färbenden“[690], und mit anderen Chemikalien

zu behandeln und so zunächst in „unser Silber“ (ἄργυρον τὸν ἡμῶν)

überzuführen[691].

Wie als Erklärer des orphischen Orakels, wird ~Agathodaimon~ zusammen

mit ~Hermes~ auch als Verfasser eines merkwürdigen +Rätsels+

genannt, das spätere Autoren als „Rätsel vom philosophischen Steine“

anführen[692] und das in wörtlicher Übersetzung aus dem Griechischen

wie folgt lautet:

„Buchstaben zähle ich neun; viersilbig bin ich. Nun rate!

Merk’: von den ersten drei Silben hat zwei der Buchstaben jede,

Aber die vierte hat drei. Fünf Buchstaben sind Konsonanten.

Bilde die Summe der Zahlen: Du findest zweimal Achthundert,

Dreimal Dreißig dazu, nebst Sieben. Hast Du mein Wesen

Nunmehr erkannt, so hast Du auch teil an göttlicher Weisheit.“

Die älteste bisher bekannte Quelle dieses sog. Rätsels sind die

„Sibyllinischen Weissagungen“, eine im Tone der Propheten und

Orakelkünder gehaltene Sammlung sehr verschiedener, von vielerlei

jüdischen und christlichen Verfassern herrührenden Erzählungen und

Sentenzen, die wahrscheinlich zwischen 100 vor und 300 nach Chr.

niedergeschrieben wurde und ihre endgültige Form wohl erst gegen 300

erhalten hat. Im ersten Buche dieser „Weissagungen“[693], das von einem

Christen um 200 n. Chr. verfaßt sein dürfte, befiehlt Gott dem ~Noah~,

den sündigen Völkern noch einmal Buße zu predigen, und offenbart

sich ihm als Herrscher der Welt, wobei er die oben angeführten Worte

ausspricht. Daß sie also ursprünglich keinen alchemistischen Sinn haben

konnten, ergibt sich aus diesem Sachverhalte ohne weiteres; viel eher

scheinen sie auf einen der Geheimnamen Gottes hinzudeuten[694], deren

Kenntnis (nach altägyptischer Anschauung) dem Kundigen ungeheure Macht

verleiht, wie denn z. B. der weise König ~Salomon~ „die neun Buchstaben

des geheimen Namens des Herrn“ beherrscht und im „Mysterium der neun

Buchstaben“ den „Schlüssel alles Sichtbaren“ besessen haben soll[695];

welcher der zahlreichen Namen dieser Art gemeint sein mag, steht

indessen nicht fest. Zu einem von alchemistischem Tiefsinne erfüllten

„Rätsel“ machten die aus dem Zusammenhange gerissenen Verse erst

spätere Schriftsteller, aus denen ~Olympiodoros~ im 5. und ~Stephanos~

im 7. Jahrhundert schöpften[696]; sie schrieben sie, um ihnen die

gehörige Autorität zu sichern, einem der hochberühmten „Alten“ zu,

also dem ~Agathodaimon~, dem ~Hermes~, oder auch beiden zusammen.

Eine Lösung des Rätsels aus hellenistischem Zeitalter ist nicht

überliefert; vom 16. Jahrhundert ab gaben verschiedene Gelehrte als

solche an: Lithargyros, Kinnabari, Kassiteros, Ampelitis, namentlich

aber Arsenikon[697]. Die Namen der ersteren, ihrer Natur nach sehr

zweifelhaften Substanzen erfüllen jedoch die im Rätsel gestellten

Bedingungen nur annähernd, und der sachlich noch ansprechendste,

Arsenikon, ergibt seinem Zahlenwerte nach nicht die verlangte Summe

1697; allerdings führen einige Handschriften statt dieser Ziffer auch

andere, bei einigem guten Willen ziemlich genügende Zahlen an, und

manche lassen die letzten drei Verse ganz weg und beschränken sich auf

die ersten, die derlei erschwerende Sonderbestimmungen nicht enthalten.

c) Isis.

Unter dem Namen eines „Schreibens der ~Isis~ an ~Horos~ über die

heilige Kunst“ (περὶ ἱερᾶς τέχνης) geben die alchemistischen Sammlungen

in ziemlich abweichenden Fassungen den Text eines Briefes wieder, den

~Isis~, die sie als Göttin, Königin von Ägypten, oder Prophetin (=

Priesterin) bezeichnen, an ihren Sohn ~Horos~ gerichtet habe[698];

selbst der gutgläubige ~Borrichius~ (um 1650) wagte, seine Echtheit

zu bezweifeln, ~Chevreul~ (1845) erklärte ihn sogar für eine bloße

Satire[699], in Wirklichkeit reiht er sich aber den sonstigen

Apokryphen und Pseudepigraphen des Zeitalters als völlig gleichartig

an und läßt nichts von jenem besonderen „alchemistischen Geheimsinne“

merken, dessen noch ~Berthelot~ Erwähnung tut[700]. Die Art der

Einkleidung ist mit unleugbarem Geschicke gewählt und durchgeführt,

denn die Mitteilung der Lehren und Geheimnisse von Mund zu Mund, durch

den Gott an den Priester, den Vater an den Sohn, usf., entspricht einer

altägyptischen Tradition; auch derartige Gespräche gerade zwischen

~Isis~ und ~Horos~ waren schon in sehr entlegener Zeit bekannt, z. B.

eines, in dem die Göttin meldet, „daß es ihr erlaubt sei, dem eigenen

Kinde mitzuteilen den Namen des Gottes ~Rê~“, nämlich jenen „geheimen

und wahren Namen“, dessen Kenntnis furchtbare Macht verleiht (den man

aber natürlich schließlich doch nicht erfährt!)[701].

Was den Inhalt des „Schreibens“ betrifft, so erzählt ~Isis~ dem

~Horos~, der sich auf die Suche des ~Seth~ (Typhon), des Mörders seines

Vaters ~Osiris~, begeben hatte, sie sei inzwischen nach Ormanuthi

gegangen, -- d. h., wie ~Hoffmann~ angibt, nach ihrem berühmten

Tempel zu Eumenuthi bei Kanopos[702] --, „woselbst die heilige Kunst

Ägyptens, ἡ ἱερὰ τέχνη τῆς Αιγύπτου, betrieben wird“[703]; dort

näherte sich ihr ein „Prophet“ (προφήτης = Priester) und „Engel des

unteren Firmamentes“[704] und suchte ihre höchste Gunst, als deren

Preis sie Mitteilung des Transmutations-Geheimnisses verlangte; der

Prophet erklärte, er selbst sei nicht berechtigt, dieses zu verraten,

sandte ihr aber den „Obersten der Propheten“ (ἀρχιερεύς, Archiereús =

Oberpriester) und „Engel des höchsten Firmamentes“ ~Amnael~, mit dem

sie des Handels einig wurde: als Lohn für ihre Hingebung lehrte er sie

die Herstellung des Goldes und Silbers, nachdem er ihr vorher den Eid

abgenommen hatte „daß sie darüber niemandem Mitteilung machen werde,

als allein ihrem leiblichen Sohne“. Der in religionsgeschichtlicher

Hinsicht nach Form und Inhalt bemerkenswerte Eid[705], dessen

Verwandtschaft mit anderen, bei ~Stephanos~ (als „Eid des ~Pappos~“)

und beim ~Philosophus Christianus~ überlieferten Schwüren[706],

unverkennbar ist, lautet: „Ich lasse Dich schwören bei Himmel und

Erde, bei Licht und Dunkel; bei Feuer, Wasser, Luft und Erde; bei der

Höhe des Himmels, der Tiefe der Erde und dem Abgrunde der Unterwelt;

bei ~Thot~ und ~Anubis~; beim Gebell des dreiköpfigen ~Kerberos~, des

Hüters der Unterwelt; bei der Fähre des ~Charon~ und bei ~Charon~ dem

Fährmann; bei den drei Göttinnen der Notwendigkeit, den Geißeln und dem

Schwert: daß ich Niemandem das Geheimnis mitteilen werde als allein

meinem Kinde und teuren Sohne, damit er Du sei, und Du er“ [d. h. damit

er zum Gott werde durch Empfang Deines göttlichen Wissens].

Was daraufhin ~Amnael~ der ~Isis~ eröffnet oder vielmehr nur

andeutet[707], bewegt sich wesentlich im Geleise der demokritischen

Lehren vom Fixieren des Quecksilbers durch Magnesia, Pyrit, Arsen, die

Dämpfe der Kobathia, Schwefel u. dgl., vom Weißen und Gilben durch

Erteilen der richtigen Färbung mittels des Verwandlungs-Präparates

oder „Pharmakons“, von der Diplosis usf.; nachdrücklich findet sich

betont, daß jedes Ding von seinesgleichen erzeugt wird, der Mensch vom

Menschen, der Löwe vom Löwen, das Getreide vom Samen des Getreides, und

so auch das Gold vom Samen des Goldes: „die Natur freut sich über die

Natur, usw.“

Mehrfach wird in dieser Abhandlung ~Isis~, die den Hellenisten

für identisch mit ~Selene~ gilt, auch mit dem Symbol des Mondes ☾

bezeichnet, das ihren Namen selbst geradezu vertritt[708]: „~Horos~,

Sohn der ☾“, „Vereinigung mit ☾“, „Schreiben der ☾“; diese von

~Berthelot~ besonders hervorgehobene Tatsache geht indessen bereits aus

einer Anführung ~Kopps~ hervor[709].

d) Chimes.

Daß ~Chimes~ oder ~Chemes~ der erste Chemiker gewesen sei, und die

Chemie von oder nach ihm ihren Namen erhalten habe, ist die Behauptung

einer erst sehr späten Zeit, die einen „Heros Eponymos“ (Namengeber)

für die chemische Wissenschaft suchte und ausdachte; sachlich steht sie

etwa auf gleicher Höhe wie die Angaben, die Hellenen hießen so nach

~Hellen~, „dem ersten Griechen“, den Mörissee (äg. mer uer = großer

See)[710] habe ein „König ~Möris~“ graben lassen, und der Magnet sei

nach dem Hirten ~Magnes~ benannt, der dieses Gestein entdeckte, als

er beim Weiden der Schafe mit seinen eisenbeschlagenen Schuhen an ihm

hängen blieb[711].

Erwähnt wird ~Chimes~, ~Chymes~ oder ~Chemes~ (später auch ~Chem~,

~Khem~, ~Cham~, ~Kimas~)[712] zuerst bei Zosimos im 3., bei

~Olympiodoros~ im 5., und bei ~Stephanos~ im 7. Jahrhundert, und zwar

behaupten ~Zosimos~ und übereinstimmend mit ihm die übrigen Autoren,

daß er als Urheber des Satzes „ἕν τὸ πᾶν“ (Hen to pan = Eines ist

Alles, Alles ist Eines) anzusehen sei, den er durch die sich in den

Schwanz beißende Schlange symbolisch darstellte[713]. ~Stephanos~

berichtet hierüber, wo er die Umwandlung der unedlen Metalle durch

Schwärzung, Weißung, Gilbung und Rötung erörtert, mit den Worten[714]:

„Eine ist diese Schlange, tragend die beiden Zeichen und führend das

Gift, denn Eines ist das All, durch das das All ist, und enthielte

das All nicht das All, so wäre das All nichts [so wäre das All nicht

entstanden; also mußt Du dieses All hineinwerfen, damit Du das All

gemacht habest]. Dies spricht der allherrschende ~Chimes~; und es

spricht die priesterliche Stimme: Gefunden ist der ~Pan~, der seit

Gründung Ägyptens gesucht wird.“ -- Nach ~Hoffmann~ spielen die beiden

„Zeichen“, die die Schlange trägt, auf die weiße und rote Königskrone

an, die uralten, in den Landesfarben prangenden Symbole der Herrschaft

in Ober- und Unter-Ägypten, die aber hier zugleich weißes Silber und

rotes Gold bedeuten sollen; das „Gift“ der Schlange aber geht auf die

zur Metall-Verwandlung dienenden Arsen- und Quecksilber-Präparate[715];

der „~Pan~“, der seit Ägyptens Urzeit gesucht wird, ist das Xerion (das

„hineingeworfen“, projiziert werden muß), der philosophische Stein,

die Panacee zur Heilung der Krankheiten von Metallen und Menschen,

und erinnert durch seinen Anklang gleichzeitig an den Namen des

griechischen Gottes ~Pan~ und an das Wort pan (πᾶν) des „ἕν καὶ πᾶν“.

Was die auch als giftiger und feuerspeiender Dämon angeführte Schlange

des ~Chimes~ anbelangt, so ist zu bemerken, daß ~Chimes~ auch mit

dem Gotte ~Ammon-Rê~ identifiziert wurde[716], und daß schon im

alten Ägypten die Statuen und Abbildungen des Gottes ~Rê~, der die

Sonne bedeutet und sich zeitweise fast monotheistischer Verehrung

erfreute, eine flammenhauchende und so die Feinde vernichtende

Schlange namens Apóphis zeigen, gewickelt um die sein Haupt zierende

Sonnenscheibe[717]; dieselbe Schlange, „Auge der Sonne“ oder

„Herrscherin des Alls“ genannt, führte aber auch der Gott ~Seth~,

und da dieser in späterer Zeit zu einem bösen und tückischen Dämon

wurde[718], ist es leicht erklärlich, daß auch der Charakter seiner

Schlange in entsprechenden Verruf kam.

Von den angeblichen Schriften des „großen“, „hochberühmten“,

„tausendfach gefeierten“ ~Chimes~ hat sich nichts erhalten, und außer

dem oben Angeführten ist über ihren Inhalt nichts Weiteres bekannt.

e) Ostanes.

~Ostanes~, den ~Herodot~ als Schwager des ~Xerxes~ und als dessen

Begleiter auf dem griechischen Feldzuge nennt[719], kam während

der Folgezeit aus unbekannten Gründen schon früh in den Ruf eines

hervorragenden persischen Magiers[720], gilt zur Zeit der letzten

Ptolemäer als identisch mit ~Hermes-Thot~ [721] und wird bereits

von ~Plinius~ als großer Zauberer, als erster Verfasser magischer

Abhandlungen und als Lehrer des ~Demokritos~ angeführt[722]; in

gleichem Sinne findet er sich auch bei den hellenistischen Alchemisten

erwähnt, ferner bei den Kirchenschriftstellern von ~Origenes~ bis auf

~Augustinus~, in vielen Papyrus-Urkunden und im „Fihrist“[723].

Nach ~Synesios~ (um 400) schrieb ~Ostanes~ ein chemisches Werk in

vier Büchern, das aber nicht „die Methoden Ägyptens“ darlegte,

sondern die Persiens, deren sich nach ~Zosimos~ auch ~Zoroaster~ und

~Sophar~ bedienten, welcher letztere aber bei verschiedenen Autoren

bald einfach „~Sophar~ der Perser“ heißt, bald „~Sophar~, König von

Persien“, bald wieder „~Sophar~, König von Ägypten“[724]. ~Pibêchios~,

der im 4. Jahrhundert lebte, meldet, daß jenes Werk den Titel „Krone“

geführt habe, und ~Synesios~ versichert, daß in ihm zuerst ~Ostanes~

die berühmte Lehre ausgesprochen habe „Die Natur freut sich über die

Natur, die Natur siegt über die Natur, die Natur herrscht über die

Natur“[725]. Wie indessen aus den um 350 n. Chr. verfaßten „Büchern

der Astronomie“ (richtiger Astrologie) des ~Julius Firmicus Maternus~

hervorgeht[726], ist das Prinzip „una natura ab alia vincitur“

(eine Natur wird von der anderen besiegt) bereits in den (aus dem

2. vorchristlichen Jahrhundert herrührenden) sog. „Astrologúmena“

(= Sternverkündigungen) zu finden, als deren Verfasser schon zur

Kaiserzeit (bei ~Plinius, Juvenal~ und vielen anderen) zwei völlig

mythische Gestalten ausgegeben werden, ein ägyptischer König ~Nechepso~

und ein ägyptischer Astronom und Priester ~Petosiris~ (äg. = „Geschenk

des Osiris“, Osiridor); der Satz lautet daselbst[727] „una natura ab

altera vincitur, unusque deus ab altero“ (eine Natur wird von der

anderen besiegt, ein Gott vom anderen), steht in rein astrologischem,

die Sternbilder, ihre Natur, ihre Einflüsse und ihre sog. Dekane

betreffenden Zusammenhange, und trägt also ursprünglich keinerlei

alchemistischen Charakter.

Über des ~Ostanes~ „Gespräche mit ~Kleopatra~“ ist nichts, über einen

„Adler“ betitelten Traktat nur soviel bekannt, daß er das große Werk

beschrieb und dessen Dauer auf ein Jahr angab[728]. Dem nur in sehr

entstellter und dunkler Form überlieferten „Schreiben des ~Ostanes~ an

~Petesis~“ (äg. = „Geschenk der Isis“, Isidor), ist zu entnehmen, daß

~Ostanes~ das „göttliche Wasser“ durch siebenmalige Destillation in

einem gläsernen Ambix darstellte[729]; erst steigt es nach oben (ἄνω,

áno) auf, dann aber sinkt es nach unten (κάτω, káto) in die finsteren

Tiefen des Hades, wo es, als „Pharmakon des Lebens“, die Toten (τὰ

νεκρά) erweckt und auferstehen macht[730]; mit göttlicher Hilfe und

entgegen dem Neide der Dämonen, die man durch magische Beschwörungen

(δαιμονοκλησίαι) austreibt[731], färben einige Tropfen dieses

göttlichen Wassers Kupfer zu Gold, sie heilen alle Krankheiten, auch

„die große Krankheit der Armut“, und erwecken selbst die Toten[732].

Wie die syrischen Manuskripte berichten, ordnete ~Ostanes~, als er

sein Ende herannahen fühlte, alle seine Schriften auf das Genaueste

und verbot, irgendetwas an ihnen zu ändern, sie anderen als Reinen und

Würdigen mitzuteilen, oder ihre Geheimnisse deutlicher zu enthüllen;

diese hatte er so sorgfältig verborgen „wie die Pupille seines Auges“,

er empfahl daher auch seinen Schülern, die Götter vor Beginn des großen

Werkes um ein reines Herz und um „Einsicht in die Pupille der Augen“

anzuflehen[733]. -- Auf die Bedeutung dieses Ausdruckes, den noch

die späteren Araber als „Geheimnamen der Alten für das Verfahren der

Transmutation“ kannten[734], wird weiter unten zurückzukommen sein.

Das sog. „Buch des ~Ostanes~“, das u. a. im arabischen Manuskripte Nr.

972 der Pariser Bibliothek vorliegt, erweist sich als Unterschiebung

aus jüngerer arabischer Zeit, da es neben mystischen Deklamationen und

Visionen auch Auszüge enthält, die dem als „Continens“ bekannten Werke

des Arztes ~Al-Razi~ (10. Jahrhundert) entnommen sein sollen[735].

f) Petesis.

~Petesis~ (äg. = Geschenk der Isis, Isidor) oder ~Petasios~, der von

den einen als Mitschüler, von den anderen als Schüler des ~Ostanes~

ausgegeben, in einer dem Leidener Papyrus zugehörigen Schrift als

Priester und Magier angeführt, und bei ~Olympiodoros~ „König von

Armenien“ betitelt wird[736], war nach Angabe des ~Philosophus

Christianus~ der erste, der mit Offenheit, wenn auch nicht mit

völliger, gewisse Geheimnisse des großen Werkes besprach: u. a.

den Doppelsinn des Wortes [ἀρσενικόν] (Männliches und Arsen),

sowie einige Gewichtsverhältnisse und Darstellungsweisen[737],

z. B. die des göttlichen Wassers, das er „Galle der Schlange“

genannt haben soll[738]. Den syrischen Manuskripten zufolge war

einer seiner wichtigsten Aussprüche: „Durch Nachdenken wird das

Werk vollendet“[739]. Neben der rechten Einsicht bezeichnete er

als unumgängliche Bedingungen guten Gelingens: Reinheit, Tugend,

Frömmigkeit, Freiheit von Neid und Habsucht, sowie Anstreben des

Erfolges aus bloßer Liebe zur Sache; wo diese Voraussetzungen

erfüllt sind, ist das große Werk nur „die Arbeit eines Kindes“, ein

Kinderspiel[740].

g) Iamblichos.

Die größtenteils sehr unklare, vielfach interpolierte, durch ihre

zahlreichen Angaben über Gewichtsverhältnisse bemerkenswerte Abhandlung

des (im übrigen vollständig unbekannten) ~Iamblichos~ bespricht

zunächst die ποίησις χρυσοῦ (Bereitung des Goldes) durch eine

verwickelte Diplosis, deren Anfangsstadium, als das des χρυσὸς μέλας

(des schwarzen Goldes), offenbar der „Schwärzung“ entspricht[741];

weiterhin soll die „Magnesia“ genannte Metall-Legierung (σῶμα

μαγνησίας) in Pferdemist erwärmt, mit verschiedenen Chemikalien

behandelt und schließlich durch das Xerion (ξήριον) in Gold verwandelt

werden. Zur Darstellung des Xerions selbst sind eine große Menge der

mannigfaltigsten Materialien notwendig, u. a. die νεφέλη ἰταλικὴ πρὸ

ὀφθαλμῶν, „die italische Wolke für das Auge“[742], d. i. ein durch

Sublimation bereitetes Antimonpräparat aus italischem „Stimmi“, dem

seit jeher als vortreffliches Augen-Heilmittel und -Schminkmittel

gebrauchten Schwefelantimon oder Grauspießglanz.

Gold wird außerdem noch mittels der Galle des Huhnes, Fuchses,

Kamels und Ichneumons dargestellt, -- offenbar in Gestalt der gelben

glänzenden Gallen-Firnisse[743].

h) Moses (Pseudo-Moses).

Die Abhandlung des ~Moses~, die durchwegs starke Spuren jüdischer

Einflüsse und jüdisch-monotheistischer Anschauungen verrät[744], wird

einem in vielen Quellen, u. a. auch im „Fihrist“[745], sehr gepriesenen

Alchemisten ~Moses~ zugeschrieben, anscheinend dem nämlichen, den als

großen Zauberer und (gemeinsam mit den sonst nicht weiter bekannten

~Jamnes~ und ~Lotapes~) als Schöpfer einer „neuen Sekte der Magie“

bereits ~Plinius~ anführt[746]; da man, wie u. a. auch die „Apologie“

des ~Apuleius~ (um 180 n. Chr.) und viele Zauberpapyri bezeugen[747],

dem Gesetzgeber ~Moses~ nicht nur im allgemeinen übernatürliche

Fähigkeiten aller Art nachrühmte, sondern im Hinblick auf die

Verbrennung und angebliche Auflösung des goldenen Kalbes auch speziell

alchemistische[748], so führte man auf ihn auch die Schrift seines

Namensbruders zurück und sicherte ihr dadurch ein höheres Ansehen.

Als Ausgangsmaterial benützt auch ~Pseudo-Moses~ cyprisches

Kupfer[749], sowie „Maza“, d. i. das „schwarze Blei“ oder die

„Magnesia“ der ~Maria~; infolge einer Verwechslung der „weiblichen

Magnesia“ mit dem „männlichen Magnes“ [hier = Braunstein, Pyrolusit]

behauptet er, die „göttliche“ Maza trage den Charakter eines ὄξος (Oxos

= Essig, Schärfe), indem sie alles reinige und erweiche, selbst das

Glas, dem sie eine glänzend weiße Farbe verleihe[750]. Die „Färbung“

des Kupfers erfolgt durch Zinn, weiße Magnesia (eine Legierung)[751],

weiße dalmatische Kadmia (καθμία λευκή), italisches Stimmi, Quecksilber

und Quecksilber aus Sandarach oder „Bleiweiß“ [d. i. Arsen aus rotem

Schwefelarsen oder weißer Arsenigsäure], die das Kupfer umwandeln

und umfärben, indem sie die gewünschte „Natur“ oder Qualität, die

im Inneren schon vorhanden ist, an die Oberfläche heraustreiben

(φέρει ἔξω τὴν φύσιν)[752]. Zur Darstellung des wirkenden Mittels,

des +Xerions+, dessen Projektion auf Zinn z. B. Silber ergibt, das

sich als probehaltig (δόκιμος, dókimos) erweist[753], verwendet man

u. a. den goldfarbigen Pyrit (χρυσίζων, sog. Goldkies) aus Ägypten

oder Libyen[754], Sandyx [hier = Zinnober], ὑδράργυρον παγέντα, d. i.

fixiertes Quecksilber, ὑδράργυρον ἀνελθόντα, d. i. sublimiertes

[+nicht+ destilliertes!] Quecksilber, und ὑδράργυρον ἀποθανόντα,

d. i. „abgestorbenes“ Quecksilber, entweder an einen anderen Stoff

gebundenes, oder „in die Tiefen der Unterwelt“, d. h. auf den Boden der

Gefäße abgetropftes[755].

Ein als „Diplosis des ~Moses~“ berühmtes Verfahren bestand in der

Behandlung des χαλκοῦ καλαινοῦ, des kalaïnischen Kupfers [aus Kalaïs am

Sinai oder in Persien?], sowie einer Legierung von Blei und Kupfer, mit

Schwefel, Arsen, Rettigöl (ῥαφανίνω ἐλαίῳ; Deckname!) und etwas Gold;

das Ergebnis soll ebensogut gewesen sein wie das bei der Diplosis des

(im übrigen unbekannten) ~Eugenios~, der das Kupfer durch Zusatz von

allerlei Substanzen und von ein wenig [als „Samen“ wirkenden] Silber

oder Gold in das schönste Silber und Gold zu verwandeln wußte[756].

„Rettigöl“ und „Ricinusöl“ schreibt ~Moses~ auch zum Behandeln des

„Eiweißes“ und „Eigelbes“ vor[757], wobei es sich offenbar nur um

Decknamen handelt; an die Verbrennung wirklichen Ricinusöles und

wohl auch Leinöles (λινέλαιον, Linélaion) ist dagegen zu denken, wo

er die Darstellung des „schwarzen, gebrannten Schwefels“ beschreibt,

vermutlich ausgeschmolzenen Schwefels, der wegen seines Gehaltes an

Kohle und seiner dunklen Färbung auch als μέλαν (Mélan, Schwärze, Ruß)

bezeichnet wird[758].

Die Präparate, zu deren Bereitung sich oft süßes Wasser, im Gegensatz

zu Meerwasser, vorgeschrieben findet[759], werden längere Zeit in Mist

eingesetzt, oder durch das Feuer getrockneten Kuh- und Pferdemistes

erwärmt[760]; fraglich bleibt, ob σαπώνιον (Sapónion) wirklich auf

Benützung der (damals schon wohlbekannten) Seife hinweist[761], und

was unter dem bei der Herstellung des Xerions benützten Bock- und

Schweineblute (αἶμα τράγου ἢ χοίρου) zu verstehen ist[762].

Bemerkt sei noch, daß ~Moses~ den Ausdruck μᾶζα (Maza) an einer

Stelle seiner Schrift[763] im Sinne von Chemie, oder eines die Chemie

betreffenden Buches, eines chemischen Lehrbuches, gebraucht; da

indessen seine ganze Abhandlung in der uns vorliegenden Gestalt die

Spuren später (oft um Jahrhunderte späterer) Um- und Überarbeitung

trägt[764], lassen sich hieraus bestimmte Folgerungen, etwa in

zeitlicher Hinsicht, nicht ziehen.

i) Johannes.

Als Verfasser einer nur in stark entstellter Form überlieferten

Schrift „Von der heiligen (göttlichen) Kunst“ (θεία τέχνη), die sich

im wesentlichen auf ~Demokritos~, ~Hermes~, ~Agathodaimon~, ~Ostanes~

und andere „Perser“ beruft, wird ~Johannes~, Ober- oder Erzpriester von

Ebeigia (Evagia, Ebagia, Euagia), genannt[765].

Der Verlauf des großen Werkes, wie ihn ~Demokritos~ auf die Säulen der

Tempel niederschreiben ließ[766], ist nach ~Johannes~ abhängig von

der Gunst der Jahreszeit, von Wind und Wetter und von den Gestirnen;

da er nämlich durchaus dem einer Schwangerschaft gleicht, -- nur daß

die Dauer statt neun Monate bloß neun Stunden beträgt --, so können

die Wirkungen und Effluvien der Planeten, z. B. die des Mondes,

die σεληνιακὴ ῥεῦσις[767], auch hier vorzeitige Entbindungen und

Fehlgeburten bewirken, die den Embryo vernichten[768]. Der Kundige

wird also das große Werk nur unternehmen, wenn die Umstände Erfolg

versprechen; dann aber wird auch er das Nämliche vollbringen, was die

Goldarbeiter (χρυσοχόοι, Goldgießer) vermögen, die „das Metall seiner

ganzen Tiefe nach zu Gold färben“, und zwar mittels Oker, Salz, Natron,

Thenakar [offenbar Tinkal, arabisch Tinkâr, d. i. Alkali, später auch

Borax] und χαλκάνθη [Chalkánthe = unreiner Vitriol oder Alaun], die

durch ihre Natur die Beimengungen des Goldes so an sich ziehen, wie der

Magnet das Eisen, oder die Magnesia der Glasmacher [d. i. Braunstein]

die Unreinigkeiten des Glases; er wird es aber vollbringen, indem

er +seine+ Mittel benützt, den „hieratischen (heiligen) schwarzen

Stein“, ἱερατικὸν λίθον μέλανα[769]. Sobald er diesen auf die Masse

projiziert, beginnt das ihm innewohnende Pneuma zu wirken: die im

Inneren der Rohmetalle verborgene Natur wird nach außen gekehrt, und

es entsteht die rechte Färbung, sowie das reine, gelbe, dem Feuer

widerstehende Gold, χρυσάνθιμον geheißen [Chrysánthimon = Blüte des

Goldes; auch Namen des goldfarbigen Pyrits, des Goldkieses][770].

Man versteht aber den heiligen Stein zu bereiten: in den Gauen der

Thebais, in Herakleopolis, Lykopolis, Apollinopolis, in Aphrodite und

Elephantine[771]. -- Diese Aufzählung des ~Johannes~ folgt entschieden

einer echten Tradition, denn sämtliche, wenn auch in griechischer

Umschreibung genannte Orte, sind ausschließlich ägyptische; daß

sie jedoch, wie ~Berthelot~ mutmaßt, ursprünglich die Stellen der

Goldbergwerke bezeichnet hätten, von denen ~Agatharchides~ und ihm

folgend ~Diodor~ und andere antike Autoren berichten, ist weder nach

+ihrer+ geographischen Lage möglich, noch nach der für jene +Bergwerke+

angegebenen; sie alle sind vielmehr Orte von Tempel- und Kult-Stätten,

namentlich von ursprünglich Gold-Verarbeitenden[772].

Den „stärksten weißen Essig“, τὸ λευκὸν ὄξος δριμύτατον, dessen

~Johannes~ als eines durch seine Schärfe die Metalle auflösenden

Mittels gedenkt, soll man nach ~Berthelot~ vielleicht für eine

unreine mineralische Säure ansprechen, die etwa durch Erhitzen des

Eisen- und Kupfer-Vitriols, sei es für sich, sei es zusammen mit

Kochsalz, erhalten worden wäre[773]; da aber derlei Ausdrucksweisen

keineswegs wörtlich zu nehmen sind, -- schreibt doch ~Pseudo-Moses~ der

Metall-Legierung „Magnesia“ die Natur eines ὄξος (Essigs) zu --, und

keine beglaubigte Tatsache eine so frühe Kenntnis der Mineralsäuren

bezeugt, so ist ~Berthelots~ Annahme ganz unwahrscheinlich.

Der ~Philosophus Anonymus~ bezeichnet ~Johannes~ als einen Schüler des

~Hermes~ und als ἀρχιερεύς (Archiereús), d. i. Erz- oder Oberpriester

der Tempel ἐν Εὐαγίᾳ τυθίας[774]; ~Berthelot~ übersetzt dies „zu

Euagia in Tuthia“ und läßt es dahingestellt, ob hier an die mystische

Andeutung eines Namens zu denken sei, eines Ortes, oder etwa der nach

diesem Orte benannten „Tutia“ der späteren Alchemisten[775] [d. i.

des zur Messing-Darstellung dienenden, mehr oder weniger reinen

Zinkoxydes]. Ein ägyptischer Eigenname ~Thutia~ kommt zwar vor, --

u. a. trägt ihn, nach ~A. Wiedemann~, ein Feldherr, der um 1500

v. Chr. die Stadt Joppe oder Jaffa eroberte[776] --, doch kann dieser

hier ebensowenig in Frage stehen wie die Bezeichnung „Tutia“ für

Zinkoxyd, die erst zu arabischer Zeit auftritt und deren Quelle das

persische Wort Dûd = Rauch ist, (gemäß der ältesten Gewinnungsweise

dieses Präparates). Aber auch um einen (sonst unbekannten) Ort Thutia

handelt es sich wohl schwerlich, da andere Handschriften, statt der von

~Berthelot~ bevorzugten Lesart ἐν Εὐαγίᾳ τυθίας, die Worte ἐν Εὐαγίᾳ

τῇ θείᾳ bieten, d. h. im heiligen Euagia, im Tempel zu Euagia (Evagia,

Ebagia), der offenbar als Sitz des Oberpriesters ~Johannes~ bezeichnet

werden soll[777]. Seitens späterer Autoren wurde, wie auch aus einer

bei ~Pseudo-Avicenna~ (um 1200?) erhaltenen Tradition zu ersehen ist,

dieser ~Johannes von Evagia~ mit ~Johannes Evangelista~ identifiziert,

und letzterer als „Oberpriester von Alexandria“ angesehen[778];

hieraus wieder erklärt es sich, daß der Apostel ~Johannes~ auch im

Okzident schon sehr frühzeitig in den Ruf eines Magiers und Alchemisten

kam, -- an dessen Berechtigung selbst der treffliche ~J. J. Becher~

in seiner „Physica subterranea“ von 1669 noch nicht den geringsten

Zweifel hegte[779]! Bereits der 1177 verstorbene Augustinermönch ~Adam

de St.-Victor~ (d. i. aus der Abtei St.-Victoris bei Paris), nach

~Harnack~[780] der bedeutendste Kirchenlehrer und größte Dogmatiker des

Abendlandes in der Zeit zwischen dem hl. ~Augustinus~ und ~Thomas von

Aquino~, rühmt in seiner „Hymne auf den hl. ~Johannes~“ den Apostel

als Herrn über die Kräfte der Gifte und Krankheiten, als Gebieter über

Leben und Tod, sowie als Meister der Dämonen, und fügt dann hinzu:

„Cum gemmarum partes fractas

Solidasset, has distractas

Tribuit pauperibus;

Inexhaustum fert thesaurum,

Qui ex virgis fecit aurum,

Gemmas ex lapidibus“,

welche Verse in sinngetreuer Übersetzung lauten:

„Splitter wußt’ er neu zu einen

Zu den schönsten Edelsteinen,

Die er Armen überließ;

Endlos reich wird +Der+ sich zeigen,

Der sich Gold schuf aus Gezweigen,

Edelsteine aus dem Kies.“

Anscheinend zweifelte ~Kopp~ die Echtheit dieser Verse an, jedoch mit

Unrecht, denn die „Poetischen Werke des ~Adam de St.-Victor~“, die er

im Original einzusehen keine Gelegenheit hatte, enthalten tatsächlich

die angeführte Strophe[781]; auch gebraucht dieser Dichter an mehreren

Stellen Gleichnisse, die auf einige technologische Kenntnisse schließen

lassen[782], z. B. eines vom Töpferofen, eines von der „colla

pigmentaria“ (der Vorratskammer für Farben, Gewürze, u. dgl.) und eines

von der Herstellung der Grundmauern:

„Ätzkalk binden und Zemente

Dieses Tempels Fundamente,

Halten fest die Steine.“

Die Tradition von den Wunderkünsten des ~Johannes~ ist übrigens eine

sehr alte, denn schon die um 150-180 n. Chr. verfaßten apokryphen

„Johannes-Akten“ melden, daß ~Johannes~ zwei große Edelsteine aus

kleinen Stückchen zusammensetzte, um den Erlös den Armen zu spenden,

und daß er für zwei Ephesier, die es reute, ihren gesamten Reichtum an

Bedürftige verteilt zu haben, aus Rutenbündeln Gold und aus Kieseln

vom Meeresstrande Edelsteine herstellte[783]; ebenso erzählt die von

~Jacobus a Voragine~, Bischof von Genua (1230-1292), herrührende

„Goldene Legende“, daß ~Johannes~ „virgas et lapides“ (Ruten und

Kiesel), vom Seeufer geholt, in „aurum et gemmas“ verwandelte, und daß

die Goldschmiede (aurifices) und Juweliere (gemmarii) versicherten,

reineres Gold und wertvollere Steine niemals gesehen zu haben[784];

endlich verstand ~Johannes~ es auch, zerbrochene Glasgefäße aus ihren

Scherben neu erstehen zu lassen, und die fromme Litteratur berichtet

dann Züge dieser Art auch von verschiedenen anderen Heiligen[785].

Im Orient blieb das Andenken an verwandte Überlieferungen ebenfalls

lebendig, denn noch der große persische Dichter ~Saʿdi~ (1184-1286)

sagt im „Fruchtgarten“[786]:

„Vor alters, wie es heißt im Land,

Geschah’s, daß Stein in frommer Hand

Zu Silber sich verkehrte.“

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 69 / 127 题