Nach ~Diels~[113] ist die Ausgabe dieser „Inkunabel der Chemie“
durch ~Lagercrantz~ als eine ganz ausgezeichnete anzuerkennen;
indessen bemerkt dieser selbst[114], seine Bearbeitung sei „eine rein
philologische, .... da technische Kenntnisse ihm fehlten“. Dies ist
nun freilich keineswegs wörtlich zu nehmen, vielmehr hat ~Lagercrantz~
mit größtem Eifer sehr mannigfaltige, dem Philologen sonst recht
fernliegende Hilfsmittel herangezogen und daher bei den Übersetzungen
und Erklärungen zumeist das Richtige getroffen; da er aber wohl keine
Gelegenheit hatte, sich mit einem in der alchemistischen Litteratur
etwas belesenen Chemiker zu beraten, so sind doch mancherlei Irrtümer
und Mißverständnisse untergelaufen[115]. Namentlich scheint es, wenn
man aus dem Fehlen jeglicher Andeutung schließen darf, ~Lagercrantz~
entgangen zu sein, daß die Namen der vorgeschriebenen Präparate und
verlangten Zusätze in vielen Fällen nicht buchstäblich zu nehmen sind,
sondern sog. Decknamen vorstellen oder doch vorstellen können: in
dieser Hinsicht ist daran zu erinnern, daß bis in sehr späte Zeiten
hinein die größte und oft einzige Einnahme der Ärzte und Kurpfuscher
darin bestand, daß sie die vorgeschriebenen Arzneien selbst bereiteten
und verkauften, und daß sie daher alle Ursache hatten, die benutzten
Zutaten vor ihren Abnehmern und Konkurrenten verborgen zu halten. So
entstanden schon frühzeitig zahlreiche Schein- und Decknamen (bereits
aus den Anfängen der ptolemäischen Zeit sind genaue Listen erhalten),
und solcher bedienten sich auch die Chemiker, die anfänglich mit
den Ärzten und Priesterärzten identisch, späterhin deren Nachfolger
waren. Geben daher die Vorschriften der Rezepte ihrem Wortlaute
nach keinerlei chemischen Sinn, und liegt ihnen auch kein bloßer
Aberglaube zugrunde, so wird man in der Regel an einen Decknamen zu
denken haben, dessen Enträtselung allerdings oft gar nicht, oft nur
durch Zufall gelingt: gäbe z. B. nicht der Papyrus selbst an, daß
man mit ἄνθραξ (Anthrax) auch den Indigo aus Waid (Isatis tinctoria)
benenne[116], und mit „Knoblauch“ die (dessen Zwiebeln oder sog.
„Zehen“ gleichenden) Bällchen menschlicher Faeces[117], und wüßte man
nicht aus medizinischen Quellen, daß z. B. „Blut der Taube“ in der
Regel Mennige (Minium), zuweilen auch Zinnober bedeutet, so könnte man
dies wohl schwerlich ohne weiteres erraten. Benennungen dieser Art sind
in Parallele zu stellen mit den zahlreichen, in nicht geringem Umfange
bis auf den heutigen Tag erhaltenen, und zum Teil volkstümlichen der
Botanik, Mineralogie und Pharmazie; wie sehr in die Irre geriete ein
später Nachkomme, der z. B., derlei Vorlagen nach, für vorgeschrieben
erachtete „Rauch der Erde“, „Tau des Mehles“, „Milch des Wolfes“,
„Schaum des Meeres“, „Auge der Katze“, „Blut des Drachens“, „Manna der
Metalle“ usw., während tatsächlich Erdrauch (Fumaria officinalis),
Mehltau, Wolfsmilch (Tithymallos), Meerschaum (das Magnesiumsilicat),
Katzenauge (der Edelstein), Drachenblut (das Harz), Calomel („süßes“
Quecksilberchlorür) gemeint sind.
Im folgenden[118] sollen zunächst die Angaben des Stockholmer Papyrus
über die Metalle erörtert werden, sodann die über Edelsteine und Perlen
(die schon ~Theophrast~, der Schüler und Nachfolger des ~Aristoteles~,
in seiner Abhandlung über die Mineralien zu den Edelsteinen zählt), und
schließlich die über Farbstoffe und Färberei; angesichts der völligen
Neuheit +dieses+ Papyrus ist hierbei eine etwas größere Ausführlichkeit
gerechtfertigt.
a) +Metalle.+ Die wenigen auf Metalle bezüglichen Vorschriften, die
(gleich allen anderen) zumeist, jedoch nicht immer, auch die +Mengen+
der Bestandteile und Zusätze angeben, betreffen fast allein das
+Silber+, für das aber die Bezeichnung „Asem“ in +diesem+ Papyrus
+nicht+ vorkommt[119].
Zur „Herstellung“ von Silber (ἀργύρου ποίησις) reinigt man in Bleche
oder Platten geformtes cyprisches Kupfer durch mehrtägiges Beizen mit
Essig der Färber (ὄξει βαφικῷ) und Alaun (στυπτηρία)[120] sowie durch
Putzen mit Erde von Chios, Salz aus Kappadocien, und schieferigem Alaun
(σχιστή), und gießt es dann unter Beigabe einer gewissen Menge echten
probehaltigen (δόκιμον) Silbers, das die Legierung „unvergänglich“
(ἀνεξάλειπτον) macht[121]. Statt dessen kann man auch ἅνθραξ (Anthrax)
der Kupferschmiede [d. i. hier offenbar Glanzkupfer] erst in Essig und
sodann in Alaunlösung beizen, hiervon 1 Teil mit 1 Teil Silber und
8 Teilen Quecksilber „in eins (εἰς ἑν) machen“ [d. h. legieren] und
die Schmelze (βῶλος, wörtlich Klumpen) in einem kupfernen Gefäß mit
Harn einer Schwangeren und Eisenfeile behandeln; diese Vereinigung
gleicher Gewichtsmengen (Kupfer und Silber) ergibt eine, das natürliche
wahre Silber vortäuschende ἀμαύρωσις (Amaúrosis) = Scheinbildung,
Blende[122]. Endlich kann man auch von jenem reinen Zinn ausgehen,
das die westlichen Iberer [Keltiberer?], die es gewinnen, und auch
die Römer „Bulla“ benennen[123], und das man zunächst noch 4-5mal
umschmilzt, und zwar unter Zugabe von „Öl“ und Asphalt, [die beim
Schmelzen obenauf schwimmen und die Oxydation verhindern sollen]; aus
6 Teilen des sauber gereinigten Metalles nebst 1 Teil blanken (λευκοῦ)
Kupfers aus Galatien [in Kleinasien], oder aus 6 Teilen dieses Zinns
nebst 7 Teilen galatischen Kupfers und 4 Teilen Silbers erhält man ein
zur Verarbeitung trefflich geeignetes ἀργύρωμα = „Arbeitssilber“, ein
ἄργυρος ὁ πρῶτος = „Prima Silber“, das selbst die τεχνῖται [Technítai,
Techniker, Werkmeister] täuscht[124].
Zur Diplosis (πλασιασμός = Vermehrung) des Silbers bedient man sich
verschiedener Verfahren[125]. Das eine besteht im Vermischen mit
sechsmal umgeschmolzenem cyprischem Kupfer, das man mit ἁλοσάχνη
= Salzschaum[126] blank putzt und einwirft (ἐπίβαλε). Bei einem
anderen verschmilzt man das Silber mit Kupfer, dessen πέταλα (Pétala,
Blätter, Platten) mit ἅλμη (Salzwasser) behandelt wurden, sowie mit in
süßem Wasser gelöster στυπτηρίᾳ στιλβάδι, „glänzendem Alaun“ [d. h.
reinem, schön krystallisiertem[127]]. Ein drittes schreibt vor, die
weiße Schmelze aus 1 Teil galatischem Kupfer, ½ (?) Teil Silber und
½ (?) Teil Zinn wiederholt mit einer Lösung von glänzendem Alaun in
Quellwasser zu behandeln, die Masse (μᾶζα, Máza) mehrmals abwechselnd
zu erhitzen und wieder abzukühlen, und sie schließlich, wenn sie ganz
reines Silber geworden ist, mit Kupholith [leichter, lockerer Stein;
hier ein feines Putzpulver] zu polieren.
Die Triplosis erfolgt auf ganz ähnliche Weise, wobei jedoch auf 1
Teil Silber 1 Teil Kupfer und 1 Teil Zinn kommen[128]; nimmt man von
dem durch Diplosis oder Triplosis erhaltenen „Silber“ einen gewissen
Teil weg und setzt statt dessen einen gleichen Teil anderen Silbers zu
[nämlich schon selbst durch Diplosis oder Triplosis gewonnenen!], so
entsteht die μᾶζα ἀνέκλειπτος, die „unerschöpfliche Masse“; sie läßt
sich gut umschmelzen und schön polieren[129].
b) +Perlen und Edelsteine.+ Um echten (ἀληθινόν) +Perlen+ den verloren
gegangenen Glanz wieder zu verschaffen, bedienen sich die Indier
gewisser Verfahren der „Weißung und Glättung“ (μαργαρίτου λεύκωσις,
σμῆξις)[130]. Sie verfüttern z. B. die Perlen abends an ein Huhn,
schlachten dieses am nächsten Morgen, oder durchstöbern seinen Kot,
und finden dabei die Perlen durch den Aufenthalt im Kropfe, im Magen
und im Darm völlig gereinigt und in ursprünglichem Glanze wieder vor.
Ein anderer Weg besteht darin, Kalk, der das beim Brennen im Ofen
allmählich aufgenommene Feuer noch in sich enthält [d. h. frisch
gebrannten Kalk], in der Milch einer weißen Hündin zu löschen, die
Perlen ringsum mit der hierbei entstehenden, dicken Masse zu überziehen
und erst nach einem Tage wieder von dieser zu befreien. In einem
ähnlichen Rezepte[131] ist von bloßem längeren Liegen in der Milch
der Hündin die Rede, ohne daß der Kalkzusatz nochmals erwähnt wird;
doch deutet auf ihn der Nachsatz hin, daß die gebrauchte Masse infolge
ihrer großen „Kraft“ auf der menschlichen Haut Flecke hervorruft,
d. h. sie verbrennt[132]. Statt mit der scharfen Paste aus Kalk
kann man Perlen und Perlmutter (πινάρια) auch mit einer milderen
behandeln, die aus νίτρωμα [Nítroma, Lösung von Aphronitron d. i.
Schaumnitron in Wasser = Sodalauge], Kuhmilch, Mastixöl (σχίνου χυλοῦ)
und kimolischer Tonerde besteht und sich u. a. auch gut zum Entfernen
der Schrift von Papyrus eignet[133]. Zuweilen genügt auch eine Paste,
die man durch Einkochen einer Lösung von Honig in Zisternenwasser
mit Feigenbaumwurzeln erhält, und die bei wiederholtem Bestreichen,
Trocknen und Abputzen die bräunliche oder rauchähnliche Färbung der
Oberflächen vollkommen beseitigt[134]. Endlich kann man die Perlen
auch mit dem Harn eines kleinen[135] (ἀφθόρου) Knaben nebst Alaun
beizen und dann mit der frischen Milch einer Hündin und mit Quecksilber
[Deckname für ein silberglänzendes Präparat, vielleicht Fischschuppen
oder dgl.?] erwärmen, jedoch auf gelindem Feuer, unter Benutzung von
„fremden“ Kohlen [ξενικοῖς = auswärtigen, importierten, vermutlich den
öfters erwähnten aus dem Holze des Ölbaums, der in dem regenlosen und
holzarmen Ägypten nicht vorkommt][136].
Das „Machen“ (ποίησις, Poíesis) von Perlen erfolgt, indem man fein
geriebenen Glimmer (λίθον σπεκλάριον, Marienglas) mit tyrrhenischem
Wachs und „Quecksilber“ (s. oben) zu einem Teig verschmilzt, diesen mit
einer Lösung von Tragantgummi und Eiweiß in Kuhmilch durchknetet, aus
der Masse Kügelchen formt, sie durchbohrt solange sie noch feucht sind,
hierauf allmählich trocknet und schließlich schön poliert (ὀδοντίζειν);
sie sind dann „besser als die echten“ (ὑπὲρ τὸν φυσικόν)[137]. Ebenso
kann man auch „Krystalle“ [d. h. aus dem oben genannten Mineral
entsprechend geformte Stückchen] mit dem Harn eines kleinen Knaben
und mit rundlichem (στρογγύλη) Alaun beizen, und dann entweder in
ein Gemenge von Frauenmilch und „Quecksilber“ tauchen, oder mit dem
bläulichen Safte der Pflanzen ἀναγαλλἰς (Anagallís, Gauchheil),
ἀείζωος (Aeízoos, Sempervivum, Hauswurz) und τιθύμαλλος (Tithýmallos,
Wolfsmilch) nebst „Quecksilber“ auf gelindem Feuer erwärmen[138] und so
die βαφή (Baphé, Färbung) bewirken.
Zum „Machen“ von +Edelsteinen+ durch βαφή (Färbung), die in einem
geschützt liegenden, keinen störenden Winden ausgesetzten Häuschen
vorzunehmen ist[139], waren offenbar nur Mineralien geeignet,
deren blätterige poröse Struktur, oder deren leichte Spaltbarkeit
sie befähigt, beizende und färbende Lösungen aufzusaugen und
festzuhalten [etwa so wie die Achate und ähnlichen Silicate, die
man noch gegenwärtig künstlich zu färben pflegt]. Als solche nennt
der Papyrus[140]: den πυρίτης (Pyrit), welchem vieldeutigen Namen
nichts Näheres zu entnehmen ist, da die kurze Bemerkung „er werde
leicht allmählich rot“, keinen bestimmten Schluß gestattet[141];
den κρύσταλλος („Krystall“), auch λίθος διοπτηρίτης (durchsichtiger
Stein)[142], d. i. der schon bei Anfertigung der Perlen erwähnte
Glimmer, oder Marienglas; den ταβάσιος, auch ταβάσις oder ταβάσι
(Tabasis, Tabasi) geheißen, der aus (oder über) Ägypten (nach
Alexandria) gebracht wird[143]. Diesen Stein hält ~Lagercrantz~ für
Topas[144], dessen Kostbarkeit und große Härte die Verwendbarkeit
zum „Färben“ jedoch ausschließt; er berichtet[145], daß man im
Altertum als seine Fundorte u. a. eine indische Insel und einige
arabische Küstenorte angesehen habe[146], und hält den Namen für einen
ausländischen; hiernach kann wohl kein Zweifel darüber walten, daß es
sich um „Tabaschir“ handelt, die merkwürdigen, aus reiner Kieselsäure
bestehenden Konkretionen, die sich in den Zwischenhalmknoten
des indischen Bambu abscheiden und in Indien seit altersher die
weitgehendste Verwendung zu medizinischen, abergläubischen u. dgl.
Zwecken fanden[147]. Dieses (schon um 300 v. Chr. dem ~Theophrast~
bekannte) Material ist infolge seiner hohen Porosität und Aufsaugekraft
zum „Färben“ ungewöhnlich geeignet; auch seiner charakteristischen
Eigenschaft, des lebhaften Irisierens, gedenkt der Papyrus sichtlich
an einer Stelle, indem er κρύσταλλον τὴν ἰρίζουσαν erwähnt, „den
irisierenden Krystall“[148].
Unter den vorbereitenden Maßregeln der Edelstein-Macher spielen die
nachfolgenden eine Hauptrolle: 1. Die κάθαρσις (Kátharsis, Reinigung)
und λεύκωσις (Leúkosis, Blankmachung)[149], durch Einhängen der
in einem Körbchen aus Weidenruten befindlichen „Krystalle“ oder
„Steinchen“ in heißes Wasser und in eine Lösung von Ätzkalk[150] in
Essig, oder durch Kochen mit Reiswasser. 2. Die ἀραἰωσις (Araíosis,
Auflockerung)[151], oft auch als λίωσις[152] oder στῦψις[153]
bezeichnet, durch Einlegen in eine weiche Feige und langsames
Rösten (samt dieser) über Kohle, wodurch dem Zerspringen [infolge
zu plötzlichen Erhitzens] vorgebeugt wird; oder auch durch längeres
Behandeln mit (geschmolzenem?) Wachs, einer Masse (μᾶζα) von σκόρδον,
d. i. Knoblauch, „von dem es in der dritten Rolle (τόμῳ) heißt: der
sogenannte Knoblauch ist menschlicher Kot“[154], und dreitägiges
Kochen in dessen „Saft“ nebst Öl[155]. 3. Die μάλαξις (Málaxis,
Erweichung)[156] durch Eintauchen oder Kochen in Bocksblut, τράγειον
αἶμα, das ebenso auch auf Glas (ὕελον) einwirkt [nach einem schon im
Altertume weitverbreiteten Aberglauben]. 4. Die τήρησις (Téresis,
Bewahrung, Zurechtmachung)[157], durch Beschmieren der Steinchen mit
einem Kleister aus Kupholith (Talk?) und Gänseeiweiß, Einwickeln in
Leinen (εἰς ὀθόνιον θῆσας) und dreitägiges Setzen εἰς δρόσον καὶ ἥλιον;
dies heißt offenbar nicht wörtlich „in Tau und Sonne“[158], sondern
stellt einen Kunstausdruck vor, der etwa auf abwechselnde Einwirkung
feuchter und trockener Wärme hinauslaufen mag.
Nunmehr folgt, sofern sie nicht schon mit der ἀρέωσις (auch ἀραίωσις)
(Auflockerung) verbunden wurde, die eigentliche Beizung (στῦψις),
entweder eine καθολική (katholische = allgemeine), oder eine besondere.
Zur ersteren, auch als πρόστυψις (Vorbeizung) bezeichneten[159], dient
der Saft des σφαιρία, d. h. Blütenbüschel[160] habenden (also in Blüte
stehenden) Krautes ἡλιοτρόπιον [Heliotrop, Croton tinctorius][161], und
anscheinend auch der mit Essig eingekochte Saft des Seidelbastsamens,
κνίδιος κόκκος[162], während die letztere hauptsächlich mit Salzwasser,
Nitron [Rohsoda], Alaun, Ätzkalk und Schwefel erfolgt[163]. Meistens
löst oder suspendiert man diese in kaltem und heißem Wasser, kaltem
und heißem Essig, usw., legt die Steinchen (stets nur einige wenige)
drei- bis viermal je einige Tage ein, bis sie sich vollgesaugt haben,
trocknet sie vorsichtig an dem Abzuge des Kamins, um das Zerspringen zu
verhüten[164], und wiederholt dies so oft, bis der Krystall ἀεροειδής
geworden ist, d. h. luftähnlich, durchscheinend[165]. Zuweilen ist es
auch vorteilhaft, die Steinchen mit Alaun und Essig aufzukochen und
über Nacht stehen zu lassen, oder sie zwischen zwei aufeinandergelegten
und mit Lehm verschmierten Tonschalen vorsichtig ein wenig zu rösten
und dann erst den Essig nebst dem Alaun aufzugießen[166]; endlich läßt
man die Steinchen auch 30 Tage in faulem Harn nebst Alaun liegen,
legt sie in weiche Feigen oder Datteln ein, röstet sie vorsichtig
samt diesen und wirft sie schließlich noch warm mit der Zange in die
kleisterdicke Farbbrühe, βάμμα[167].
Was die einzelnen Edelsteine anbelangt, so steht in erster Reihe der
+Smaragd+, dessen ποίησις (Machung) und βαφή (Färbung) etwa zwanzig
Vorschriften gewidmet sind. Zur Herstellung dieses χλωρὸς λίθος (grünen
Steines)[168] hat man eine „Veränderung“ vorzunehmen (ἀλλοιοῦν)[169],
indem man einige kleine „Stückchen“ oder „Steinchen“, bestehend aus
„Pyrit“[170], dem irisierenden Tabasi[171], oder dem „rauchähnlichen“
Glimmer[172], entsprechend vorbehandelt und dann grün färbt. Als
φάρμακον (Pharmakon, Mittel)[173] hierzu dient hauptsächlich: Grünspan
(ἰὸς χαλκοῦ = Rost des Kupfers) [der aus cyprischem Kupferblech und
Essig genau nach den bei ~Dioskurides~ und schon bei ~Theophrast~
gegebenen Vorschriften dargestellt wird][174]; Chrysokolla, d. i.
das natürliche Kupfergrün oder Berggrün, vielleicht u. a. eine Art
Malachit[175]; ferner aber auch die grüne Mischung, die beim Vermengen
eines gelben und eines blauen Farbstoffes entsteht, z. B. der gelben
Galle von Schildkröten, Stieren oder Kälbern[176] mit ἀρμένιον[177],
d. i. „armenischem“ Bergblau (Kupferlasur), oder des gelben Saftes von
Schöllkraut (ἐλύδριον, Chelidonium) mit ἰνδικόν, d. i. Indigo[178],
oder „skythischem μέλαν“, d. i. vermutlich Waid[179].
Die Vorbehandlung geschieht durch Einlegen der Steinchen in
eine wäßrige oder essighaltige Lösung von Alaun[180], meistens
„rundem“ [d. h. krystallisiertem, kleinstückigem][181]; oder durch
Einweichen[182] in einem „Kleister“ aus feingeriebenem schieferigem
(σχίστη) Alaun, scharfem Essig, und σκόρδα („Knoblauch“)[183]; oder
endlich durch mehrtägiges Liegenlassen in Sodalösung, „geriebenem
Knoblauch“, und schließliches „Kochen“ [sehr oft nur = „Erwärmen“] mit
dessen Saft nebst Öl[184]; sie wird fortgesetzt, bis die Steinchen
ἀεροειδεῖς] sind[185], d. h. luftähnlich, durchscheinend.
Die einfachsten weiteren Verfahren sind nun: „Einsalben“ (=
Bestreichen, χρίειν) mit fein gepulvertem Grünspan, Berggrün, oder
Indigo mit Schöllkrautsaft, nebst geschmolzenem Harz (ῥητίνη)[186];
Erwärmen (oder „Kochen“) mit gepulvertem Grünspan, oder skythischem
„Schwarz“ (Waid?) mit Schöllkrautsaft, nebst geschmolzenem Harz[187];
Erwärmen mit feingeriebener macedonischer Chrysokolla (Berggrün), Essig
und den Blättern von ἁλικάκαβον [sog. Judenkirsche, eine Solanacee],
„so lange, bis die grüne Farbe erreicht ist“[188]; Erwärmen mit
Grünspan und Essig, Öl oder Kalbsgalle[189]; Erwärmen mit echtem
Grünspan, Chrysokolla, κεκαυμένον [= „gebranntem“, nämlich Kupfer;
also Kupferoxyd] und Stier- oder Schildkrötengalle, durch einstündiges
Einhängen in pontischen Honig[190].
Bei anderen, schon verwickelteren Verfahren überzieht man die Steinchen
zunächst mit Wachs oder feiner Tonerde[191]; dann bestreut man sie
mit Grünspan, erwärmt (oder „kocht“) in Öl, und wiederholt dies
erforderlichenfalles mehrmals[192]; oder man hängt sie an Pferdehaaren
in eine Mischung von feingeriebenem Grünspan, Chrysokolla, Kalbsgalle,
Olivenöl, zuweilen auch Ricinusöl (κῖκι), erwärmt sechs Stunden, und
läßt über Nacht stehen, „wodurch sie zu Smaragd werden“[193]; oder
man hängt sie, nach dem Erwärmen mit Öl, in Honig ein, behandelt mit
Chrysokolla, „überzieht“ sie nochmals, „damit nichts verloren gehen
(wörtlich: sich verflüchtigen) kann“, bestreicht (χρῖσον) abermals mit den
φάρμακα (Phármaka, Mitteln), und fährt so fort, „bis sie zu Smaragd
geworden sind“[194].
Noch umständlicher und schwieriger zu handhaben sind die Methoden, die
die Erwärmung unter einem gewissen Drucke voraussetzen[195]. Zu diesem
Zwecke hängt man die Steinchen in ein „fremdes“ [ξενικήν, importiertes,
jedenfalls besonders haltbares] Tongefäß oder in ein kupfernes Töpfchen
ein, fügt Chrysokolla, armenisches Blau nebst Stier- oder Kalbsgalle,
Harn eines kleinen Knaben, und starken Essig hinzu, setzt den Deckel
auf, und verschmiert ihn ringsum völlig dicht mit Kitt oder Lehm
(περιπηλόω)[196]; nun feuert man mit Olivenholz vorsichtig an, erwärmt
(kocht) 2-6 Stunden lang bei mäßiger, durch Gebrauch eines Blasebalges
zu regelnder Hitze, bis sich der Deckel χλωρόν (grünlich) zeigt[197],
und läßt bei Eintritt dieser Erscheinung (σημεῖον) sogleich
abkühlen[198], und zwar recht langsam, damit die Steinchen nicht
zerspringen[199]. Diese zeigen einen grünen ἀτμίς (Anflug, Belag)[200],
und wenn man sie in Olivenöl einlegt oder damit erwärmt, erhalten sie
genau das Aussehen der natürlichen[201]; in Ricinusöl (κίκι, Kíki)
dagegen sollen sie eine dunklere, weniger schöne Färbung annehmen[202].
Endlich kann man die Steinchen auch noch in einem „Kleister“ von
schönem Grünspan, gebranntem Kupfer, Alaunlösung und starkem Essig
sieben Tage lang „brennen“[203].
Die Kochung (ἕψησις) und Färbung (βαφή) des +Karchedoniers+
(καρχηδονίου), d. i. des +Rubins+, erfolgt am besten[204], indem
man auf einer Kerotakís [d. i. einem flachen Tongerät, gleichend
der Palette der antiken Maler zum Anmischen der Farben, und zum
Verschmelzen der Farben mit Wachs] die Steinchen nebst ῥητίνη
τερεβινθίνη, d. i. Terpentinharz[205], und feingepulverter Anchusa,
d. i. sog. Alkanna, erhitzt, bis das βάμμα (die Farbbrühe, die
Schmelze) aufwallt (ἀναβῆ)[206], [also vom Stein aufgesaugt werden
kann]. In ähnlicher Weise läßt man auch Steinchen, die „mit den
Abfällen der Goldgießer“ erhitzt wurden, „so daß sie die Wärme in
sich enthalten“, in einer Lösung von Schwefel in Cedernöl liegen, bis
sie sich mit dieser vollgesaugt haben[207], oder man tränkt sie mit
einer Schmelze aus echtem Balsam, dem Harz „Drachenblut“, dem Harz aus
Palästina oder aus Tomi [am schwarzen Meer], dem πίσση genannten Pech,
und dem αἶμα (Blut = blutroten Saft) der pontischen Alkanna[208].
Die „Färbung“ des +Sarders+ (σαρδίου), d. i. des +Granats+[209],
erfolgt, indem man Krystalle von Glimmer (διοπτερίτην λίθον) an
Roßhaaren in ein φάρμακον (Mittel) einhängt, bestehend aus Alkanna
in Öl gelöst, sinopischer Erde [einem Rötel, aber auch Zinnober,
Roteisenstein, u. dgl.], „Blut einer Taube“ [d. i. Mennige] und soviel
Essig, daß die rote Farbbrühe genügend flüssig bleibt[210]; das Gefäß
wird ringsum gut verschmiert (περιφιμώσας)[211], und so zehn Tage
lang ὑπὸ δρόσον gesetzt, was nicht wörtlich „unter den Tau“, bedeuten
kann[212], sondern etwa (wie oben) „in ein Dampfbad“ oder dgl.[213].
+Amethyst+ erhält man[214], indem man die Steinchen mehrmals mit
heißer Alaunlösung behandelt, und dann mit κρημνός (Kremnós) nebst
Essig kocht, +Sapphir+ (σάππιρος, vermutlich Lasur)[215], wenn man
sie zunächst mit Schildkrötengalle vorfärbt, und dann in die nämliche
Brühe (ζωμόν) bringt[216]. -- Kremnos oder Krimnos[217] scheint
eine, dem antiken Purpur ähnlich, also rötlich, blaurot, bis stark
blaustichig färbende Substanz gewesen zu sein, über die Näheres
bisher nicht bekannt ist; die Bezeichnung könnte, das Äußere der Ware
betreffend, mit κρίμνον (Krímnon, Krume, grobes Mehl) zusammenhängen,
möglicherweise aber auch mit Κρημνοί (Kremnoi, Krimnoi), dem Namen
einer größeren Handelsstadt an der Küste des asowischen Meeres
(vielleicht noch in „Krim“ fortlebend?), die als Bezugsquelle
anzunehmen wäre[218].
Dem Machen (ποίησις) und Färben (βαφή) von +Beryll+ kommt es zugute,
daß ihm der „Krystall“ schon von Natur aus gleichartig und nahe
verwandt ist[219]; man hängt diesen an Eselshaaren drei Tage in
Harn, oder auch an anderen Haaren in den Harn einer Eselin, und
bringt das gedichtete Gefäß auf gelindes Feuer[220]; sodann läßt
man den aufgelockerten (ἀραἰωσας) Krystall sorgfältig abkühlen[221]
und behandelt ihn entweder mit Galle einer Schildkröte, Milch einer
Wöchnerin[222], Kupfer und starkem Essig[223], oder mit einer
Schmelze aus Harz (ῥητίνη) und μἐλαν ἰνδικόν, φάρμακον ἰνδικόν,
d. i. Indigo[224]. Ist der Stein noch zu heiß, so wird hierbei die
Hyacinthenfarbe zerstört (ἀποβαίνει = geht weg)[225]; bei guter
Ausführung aber wird der Beryll vorzüglich (ἄριστον), so daß selbst
die τεχνῖται (Technítai, Werkmeister) nichts an ihm bemerken[226].
[Unter Beryll scheint man hiernach nicht nur, wie jetzt, den bekannten
grünlichen Stein verstanden zu haben, sondern auch einen bläulichen
oder „hyacinth“-farbenen; der Name „Beryll“ spricht nicht hiergegen,
denn er bezeichnet ursprünglich nur das nordindische Land oder
Volk, aus dessen Gebiet die, vielleicht recht verschieden gefärbten
Edelsteine kamen][227].
+Chrysolith+ erhält man durch Eintauchen der Krystalle in Gemenge
aus geschmolzenem Pech (πίσση) und Cedernöl (κεδρία) oder
Schöllkrautsaft[228], +Jaspis+ durch Behandeln der mit Alaun und Essig
gebeizten Steinchen mit Grünspan und Kalbsgalle[229], +Lychnis+ durch
Tränken mit φῦκος (Orseille), ἄγχουσα (sog. Alkanna), und Essig[230],
und +Chrysopras+ durch Schmelzen mit Harz und der grünlichen (χλωρόν)
Mischung von Schöllkrautsaft und Indigo[231]. +Heliotrop+[232]
(Keraunios, Sonnenstein) endlich bereitet man, indem man die „trüben“
Kryställchen durch allmähliches Erwärmen mit Alaunlösung „auflockert“,
sie noch warm mit der Zange in κεδρία (Cedernöl; Holzessig?)
wirft[233], und nun entweder gemäß dem beim Rubin zuletzt angeführten
Rezepte behandelt (jedoch +ohne+ Zugabe von πίσση)[234], oder mit
heißem geschmolzenem Pech und Alkanna, oder mit feingeriebenem Kermes
(κόκκος) nebst Essig, oder mit armenischem Blau nebst Kalbsgalle,
oder mit Maulbeersaft (Deckname?)[235], oder mit Schwefel, Kalbsgalle
und Essig[236]; der Heliotrop wird hierbei δόκιμος (probehaltig) und
πρωτ(ἐ)ῖον (Prima).
c) +Farbstoffe und Färberei+. Die zum Färben bestimmte rohe[237]
+Wolle+ (von anderen Rohstoffen ist kaum die Rede) muß zunächst
vorgereinigt werden, was durch Waschen, Aufkochen, Spülen, Abkühlen,
Nachwaschen und Trocknen geschieht[238]; als Zusätze dienen hierbei
fein gepulverte Seifenwurzel (στρούθιον, Strúthion)[239], die
„Skorpiuros“ benannte Art des Seifenkrautes[240], das Kraut Asphodill
nebst Sodalösung[241], kimolische Tonerde nebst Essig[242], filtriertes
Kalkwasser (ἀσβέστου ὔδωρ)[243], bereitet durch Löschen gebrannten
Kalkes in Cisternenwasser und Abziehen der nach völligem Absitzen
krystallklaren Lauge[244], sowie feine Tonerde nebst Aschenlauge[245];
diese wird gewonnen[246], indem man den durchlochten Boden eines
Topfes mit Ätzkalkstücken belegt, die durch Auslaugen von Asche
[nämlich Holzasche] mit Wasser erhaltene Lösung [von Alkalicarbonat]
durchfließen läßt, und die [nunmehr kaustisch gewordene] Lauge über ein
σεβέννιον (Sebénnion) klar filtriert, d. i. über ein „Blätterbüschel“,
[oder ein an Stelle dieser sehr unvollkommenen Vorrichtung getretenes
Ersatzmittel aus irgend einem passenden Material][247].
Hierauf folgt die +Beizung+ (στῦψις, Stýpsis), deren Hauptarten
jeder beliebigen Färbung vorausgehen können, „mit Ausnahme der
purpurnen“[248]. Die wichtigsten Materialien, die man zumeist als
kochende Lösungen anwendet, sind: Alaun und Harn[249], auch nebst
gebranntem „phrygischem Stein“ [d. i. ein poröses, vermutlich
alaunhaltiges Mineral, von dessen „Brennen“ ~Dioskurides~ und ~Plinius~
berichten], und Misy [d. i. ein Zersetzungs- und Oxydationsprodukt
des in Cypern vorkommenden eisenhaltigen Schwefelkieses][250]; Alaun
und scharfer Essig, auch nebst rohem Misy[251], wobei man zunächst
kocht, bis einige zugesetzte Gerstenkörner erweicht sind, und hinterher
auch noch Harn beigeben kann[252]; Alaun und Abkochung von βαλαύστιον
(Balaústion), d. i. Granatblüte[253]; Saft unreifer Trauben[254];
Trestern (γείγαρτον) mit siedendem Essig[255]; Chálkanthon[256], d. i.
unreiner Kupfervitriol. Zu den Beizen für Purpur nimmt man geriebenes
Misy, Eisenrost, und ἄνθος βαλαυστείας, d. i. Granatblüte[257], oder
Alaun, Essig, Misy und echten Schwefel[258]; [letzterer ist anscheinend
bestimmt, eine Aufhellung zu bewirken[259], ähnlich wie an anderer
Stelle[260] ein Kochen mit Schwefel und Kuhmilch ἄνεσις herbeiführen
soll, d. i. „Entfärbung“][261]. Als Beizen für die besonderen Nüancen
des „sardinischen“ und des „sizilischen“ Purpurs werden vorgeschrieben:
eine stark eingekochte Lösung von Eisenrost nebst Essig oder saurem
Granatäpfelsaft[262], und eine Lösung von Alaun, κηκῖδες (Galläpfeln),
und χαλκοῦ ἄνθος (Kupfervitriol), mit der man aber nur 2-3mal
aufwallen lassen darf, weil sonst die Färbung nachher zu hochrot
(ἐρυθρά) ausfällt[263]. [Der Ausdruck χαλκοῦ ἄνθος kann hier +nicht+
auf Kupferoxydul gehen [264], sondern nur, wie auch an einer anderen
Stelle[265], auf Kupfervitriol, der dort ausdrücklich als „schön
dunkelblau“ bezeichnet wird; der „schön lauchgrüne“ ist natürlich nicht
Kupfer- sondern Eisenvitriol.]
Die +Farbstoffe und Farbmaterialien+ unterwirft man vor Gebrauch
einer +Prüfung+ (δοκιμασεία φαρμάκων βαφικῶν)[266]. Der +Waid+, der
aus dem im Schatten gesammelten Kraut durch Zerquetschen, Zerstoßen,
und Trocknen an der Luft unter häufigem Umwenden dargestellt wird,
und ισάτις (Isátis) oder auch ἄνθραξ (Anthrax) heißt, soll schwer und
schön dunkelblau sein[267]. Syrischer +Kermes+ (Scharlach) darf keine
weißen oder schwarzen Flecken aufweisen, sondern muß locker und schön
rot aussehen, und sich beim Verreiben[268] mit Soda (und Wasser) gut
auflösen[269]. Auch φῦκος (Phýkos, +Orseille+) darf nicht weiß- oder
schwarzfleckig und locker sein, sondern soll dasselbe Rot wie Purpur
aus Purpurschnecken (ὄστρεον) zeigen, und sich fest anfühlen; man
prüft sie durch Zerreiben[270], und behält nur die gut Befundene[271].
In gleicher Weise prüft man den +Krapp+ (ῥίζα = Wurzel) und wählt
nur den schönfarbigsten[272]. Das ἐλύδριον (Elydrion, Chelidonium,
+Schöllkraut+) ist eine Wurzel, deren Saft schon in der Kälte schön
goldgelb färbt, doch ersetzt man es, des hohen Preises wegen, oft
durch die Wurzel der Granate, ῥοιά, die ganz ähnlich wirkt[273]. Eine
gelbe Farbe enthält auch die γάλβινα (+Galbina+), d. i. ein Absud aus
den getrockneten Blüten des κνῆκος (Safflors) oder des τιθύμαλλος
(Wolfsmilch)[274]. Der +Alaun+ (στυπτηρία, Styptería) muß schön weiß
und gut löslich sein (ὑγρά)[275]; enthält er ἅλμη (Mutterlauge)[276],
so ist er unbrauchbar. Vom +Vitriol+ (χαλκοῦ ἄνθος) wählt man nur
den schöngefärbten, schön dunkelblauen oder lauchgrünen[277] [die
Verschiedenheit von Kupfer- und Eisenvitriol, die z. B. in Cypern
vielfach gemeinsam vorkommen, wird also nicht erkannt, oder doch nicht
berücksichtigt].
Zur +Auflösung+ (λύσις, ἄνεσις)[278] von Orseille (φῦκος) bedient man
sich einer wäßrigen Abkochung von Bohnenschrot (ὕδωρ ἐρεγμοῦ)[279], zu
jener von +Alkanna+ (ἄγχουσα) der Abkochungen von Linsen (φακός), von
Wurzeln des Bilsenkrautes (ὑοσκύαμος), des Kappernstrauches (κάππαρις),
des Maulbeerbaumes (συκάμεινος), und der Bertramwurz (πύρεθρον)[280],
von Safflor (κνῆκος), und von Schachtelhalm (τῆλις)[281]; man kann aber
die entrindete und zerkleinerte Alkanna auch mit frischem Gerstenmalz
(βύνη, βύνι) feinreiben, einen Tag mit Essig stehen lassen, und dann
erwärmen, bis der Essig die Farbe löst[282]; oder sie mit Kamelharn,
mit Sodalösung, mit Öl und mit Nüssen (κάρυα) aufkochen, bis die
Flüssigkeit [in der die Alkalien, das Öl und das Nußöl lösend wirken]
blutrot aussieht[283]; oder endlich sie mit dem Inneren „königlicher,
persischer Nüsse“ (βασιλεικῶν καρύων), also großer Walnüsse[284]
feinstoßen und mit schiefrigem Alaun zu einer festen Masse (μάζα,
Máza) formen, die man dann mit Wasser anreibt, so daß man die Güte der
Farbe mit dem Finger zu prüfen vermag[285]. Ähnliche Mittel verwendet
man auch, um κόμαρι (+Kómari+) in Lösung zu bringen, [d. i. der rote
Farbstoff aus Wurzel und Kraut von Comarum palustre][286]; entweder
kocht man mit φέκλη (Phékle, Weinstein, lat. faecula) auf[287], oder
mit τραγακάνθη (Traganthgummi), Balsamöl und dem teuren καπνέλαιον
(Öl des Kapnos)[288], oder mit Aschenlauge (κονία στακτή)[289], oder
mit Harn eines kleinen Knaben, Schweinemist und der durch Löschen
gebrannten Marmors in Wasser dargestellten Kalkmilch[290].
Die +Herstellung+ (σκευή, Skeué) „echten“ +Purpurs+ durch ψυχροβαφή
(Kaltfärbung, Färben in der Kälte)[291] gelingt, indem man die mit
filtriertem Kalkwasser oder mit Eisenrost in Essig [d. i. Eisenacetat]
gebeizte Wolle mit Krimnos oder mit Orseille nebst Chalkanthon
behandelt[292]; am besten verfährt man aber so, daß man den „Schaum
der Isatis der Färber“ [d. i. indischen oder Waid-Indigo] nebst
„ausländischer“ [importierter] Alkanna im Mörser feinreibt, der Lösung
durch Zusatz von κόκκος (Kókkos, Kermes), oder falls dieser fehlt, von
Krimnos, „wie sie die Färber besitzen“, ἄνθος (Anthos, Glanz) verleiht,
und die aufgebeizte Wolle hineinbringt: sie erlangt herrliche,
unbeschreiblich schöne, der echt purpurnen gleichende Farbe, daher muß
man diesen Kunstgriff +geheimhalten+ (ἀπόκρυφον πρᾶγμα)[293].
Auf +heißem+ Wege erhält man echten, prachtvollen Purpur, „so schön
wie den [importierten] barbarischen“ (λίαν καλὴ βαρβαρική)[294],
durch Kochen mit verschiedenen Farbstoffen und passenden Zusätzen.
Orseille verwendet man zusammen mit Amaranth-Blüten oder Maulbeersaft,
setzt nach Bedarf auch Eisenrost[295], δάφναι (Lorbeerfrüchte), und
κανθαρίδες (Canthariden)[296], sowie Chálkanthon und Hämatit[297]
hinzu, und gibt Glanz (ἐπανθίζει) mit Galläpfeln und ὑάκινθος
(Hyacinthe)[298], oder mit Kalkwasser[299]; auch kann man mit Orseille
und einigen Brocken[300] (Krystallen?, σφαῖρα) Alaun behandeln und,
falls die Farbe dunkler gewünscht wird, die Behandlung verlängern,
oder eine Kleinigkeit Chálkanthon und Soda beifügen[301]. Alkanna
bringt man, in ein Körbchen gefüllt, mit Harn, rohem cyprischem Misy
und natürlicher Soda (νίτρον ἄπυρον, Nitron) in einen [wegen der
Gefahr des Überlaufens] recht großen Topf, kocht auf, entfernt den
Schaum, preßt die (φάρμακα (Mittel) gut ab, stellt mit einem Strähn
Wolle eine Vorprobe an und siedet dann die übrige fertig, bis sie den
richtigen Glanz (ἀνθισμόν) hat[302]. Krapp (ῥίζα = Wurzel) löst man
als gut getrocknetes, zerkleinertes und gesiebtes Pulver in kochendem
Regenwasser, setzt Bohnenschrot und weiße Tonerde zu, wirft die mit
Waid[303] bläulich angefärbte, mit Aschenwasser und Tonerde gereinigte,
nachgespülte und gebeizte Wolle in die heiße Farbflotte, rührt bestens
um, gibt „Glanz“ mit Alaun, spült rein, und trocknet im Schatten, fern
von Rauch[304]. Rhamnusbeeren (σφαιρεῖα τοῦ ῥάμνου = Fruchtbüschel)
und ähnliche Teile von Pflanzen (διὰ βοτανῶν) geben einen schönen
(πρώτη = Prima) Purpur, wenn man sie in Abkochungen des ὑοσκύαμος
(Bilsenkrautes) und θέρμος (der Feigbohne) löst, die angefärbte Wolle
nachher in ὕδορ χαλκέως, d. i. in eisenhaltiges Wasser, bringt[305],
sorgfältig nachspült und in der Sonne trocknet[306].
Zur Herstellung bestimmter Nüancen von Purpur bedient man sich
besonders ausgearbeiteter Verfahren: Hochroten Purpur (βαφὴ ὀξεῖα)
erhält man mittels größerer Mengen Orseille oder Krimnos nebst
entsprechenden Beigaben von geriebenem Nitron, Chálkanthon, guter
sinopischer Erde und Essig[307]. „Tyrischen Purpur“, prima und
probehaltig, ergibt Orseille nebst gebranntem phrygischem Stein, oder
Alkanna nebst Harn, gebranntem Kalk, und ἀρσενικόν [Arsenikón = gelbes
Schwefelarsen, Auripigment][308]. „Phönizischen Purpur“ (φοινικοῦν)
liefert Orseille, in Regenwasser gelöst, nebst „Ziegenblut“[309], oder
Alkanna nebst Chalkanthon[310]; durch Zufügen [der Abkochungen] von
Scammonia, Elaterium, Helleborus, und wilder Gurke gewinnt man eine
hellere Schattierung (λεύκωσις) dieses Purpurs, der auch zum Färben
von ὀθόνια (Leinwand) und von βυσσίνη) (Baumwolle?)[311] brauchbar
ist[312]. Einen „unvergänglichen“ Purpur (ἀνεξάλειπτον) liefert die im
oder am Meere wachsende [nicht näher bekannte] „Flechte“ κόσθος[313]
(Kósthos, Kysthos), einen „niemals verschießenden“ (μὴ ἀνιοῦσαν) diese
nämliche Flechte nebst Orseille und Essig, oder der rote Farbstoff
παιδέρως (Paidéros)[314] in Essig gelöst[315], oder auch Alkanna nebst
Orseille, Krapp und „Kalbsblut“[316].
+Rosenfarbe+ (ῥοδοβαφή) erzeugt man mittels einer Lösung getrockneten
fein gepulverten Krapps (ῥίζα) in siedendem Regenwasser nebst
weißem Essig und Bohnenschrot; man bringt die mit Aschenwasser und
Tonerde vorgereinigte, mit Seifenwurzel abgekochte Wolle in die
Farbflotte, rührt gut um, gibt ἄνθος (Glanz) mit Alaun, spült nach
und trocknet schließlich im Schatten und fern vom Rauch[317].
Zur Erzielung von +Scharlach- oder Kermes-Farbe+ (κοκκίνων βαφή)
behandelt man die zunächst durch Waid bläulich angefärbte Wolle mit
Kermes und Orseille[318], oder mit Krimnos und Alaun[319], oder,
falls „galatischer Scharlach“ gewünscht wird, mit Alkanna, Orseille,
„Schweineblut“[320], Chálkanthon und gebranntem ἀρσενικόν [=
Arsenigsäure][321]. Eigentliche +Orseillefarbe+ (φύκου βαφή) erhält
die mit heißem Harn nebst Alaun gereinigte und gut nachgespülte Wolle
durch Sieden mit einer Lösung von Orseille in Trinkwasser (ποτίμον),
der man auch noch Chálkanthon beifügt[322]; besondere Dauerhaftigkeit
und Festigung (κάτοχος) gewinnt Orseille- und auch Alkanna-Farbe
durch Anwendung von Schafharn, von Saft der Zwiebel (βόλβος), und von
Abkochungen aus Bilsenkraut, Blättern des Citronenbaumes (κίτρια),
Gerste, oder τῆς κοτυληδόνος (vielleicht Malz?)[323].
Schön +rotgelb+, „wie die (rohe) Wolle aus Canuria“ [in Apulien],
färbt man durch Kochen mit Akantha (einer Distelart?) und Krimnos im
Bleikessel (μολυβδοῦν χαλκίον)[324], schön +goldgelb+ (χρυσανθής) durch
Einbringen in einen kalten Auszug aus den Blüten des Safflors (ἄνθος
κνήκου) und aus Ochsenzunge (βούφθαλμον)[325]; +nicht+ dauerhaft ist
die +dunkelgelbe+ (φαιός) bis hellgelbe, rahmgelbe oder milchweiße
Kaltfärbung mit goldglänzender Bleiglätte[326] nebst Kalk und etwas
Alkanna[327].
Um +blau+ (γλαυκός) oder dunkelblau (ἀνθράκινος) zu färben, zerkocht
man ἄνθραξ (Waid, Indigo) mit Harn in einer großen Kufe vorsichtig
und unter stetem Rühren, stellt die allmählich abgekühlte Masse drei
Tage lang in die Sonne und arbeitet sie dabei regelmäßig gut um; einen
gehörigen Anteil läßt man weitere drei Tage mit Seifenwurzel brodeln,
färbt dann die Wolle an, setzt hierauf noch Orseille zu, färbt fertig
und wiederholt dies früh und abends, also täglich zweimal, so lange bis
die Farbbrühe erschöpft ist[328].
Einige +andere+ beliebte Farben erhält man noch wie folgt:
„Phönizisches Hellrot“ mit Heliotrop [d. i. Croton tinctorius], Alkanna
und Essig[329]; „Kirschrot“ (κεράσιον) mit Krimnos, dessen Ton man
mit σμῆγμα [Seife oder dgl.] aufhöht (ὠξεισμένον)[330]; „κέδρινον“
[Kédrinon, wohl ein helles Gelbrot] mit Heliotrop und Essig[331].
Eine „+Brühe+“ (βάμμα) „+für drei Farben+“ besteht aus Krimnos und
Alaun der Färber (βαφική)[332]; für sich färbt sie schön scharlachrot,
auf Zusatz von mit Wasser angeriebenem Schwefel aber lauchgrün
(πράσινα), und auf Zusatz in Wasser gelöster reiner Soda quittengelb
(μήλινα).
——————————
Wie sich aus allem im vorstehenden Dargelegten ergibt, streben die
Rezepte des Leidener und Stockholmer Papyrus ganz offen die Nachahmung
und Verfälschung der Edelmetalle, der Edelsteine und Perlen, sowie der
Luxusfarbstoffe an[333]; sie benennen die erhaltenen Kunstprodukte ohne
weiteres mit dem Namen der echten, -- so z. B. heißt es einfach „du
findest Smaragd“ oder „du erhältst Purpur“[334] --, und sie stellen
ohne jedes Geheimtun und mit sichtlicher Befriedigung fest, zu wie
erfreulichen Zielen ihre Vorschriften führen: die Erzeugnisse sind gut,
schön, sehr schön, vortrefflich, herrlich, bewunderungswürdig[335],
unbeschreiblich[336], wie echt, wie natürlich, schöner als
natürlich[337], echt ägyptisch, schön wie die importierten (λίαν καλὴ
βαρβαρική)[338], prima (πρώτη), probehaltig, usf., so daß sie selbst
die τεχνῖται (Technítai, Werkmeister) täuschen, und diese nichts von
der Nachahmung bemerken[339].
Schon diese wiederholte Versicherung läßt ersehen, daß ursprüngliche
Ausüber der geschilderten „Künste“ nicht die getäuschten und nichts
bemerkenden Arbeitsleute selbst waren, sondern ihnen übergeordnete
Persönlichkeiten höheren Ranges, die zwar naturgemäß aus der Erfahrung
der Techniker schöpften, aber weitergehende und auch eigentliche
Geheim-Kenntnisse besaßen, die sie sogar ihren unmittelbaren
Fachgenossen nicht ohne Rückhalt überlieferten[340]. Des Näheren wird
auf diese Verhältnisse weiter unten zurückzukommen sein.
Zu den sehr spärlichen +Autoren+, die sich im Leidener und Stockholmer
Papyrus als Verfasser benützter Quellenschriften angeführt finden,
gehören neben dem im nachfolgenden noch ausführlich zu besprechenden
sog. ~Demokritos~ (~Pseudo-Demokritos~), der späteren Zeiten als
„erster Alchemist“ und „Vater der Alchemie“ gilt, noch ~Phimenas~,
~Anaxilaos~ und ~Aphrikianos~. Den Ägypter ~Phimenas~ aus Saïs,
der nur im Leidener Papyrus vorkommt, hat ~Berthelot~ mit einem
anderweitig als „Magier“ bekannten ~Pammenes~ identifiziert, -- ob
mit Recht, bleibt aber durchaus fraglich[341]; der Römer ~Africianus~
(Ἀφρικιανός)[342], ist zweifellos als der Verfasser des, nur in sehr
entstellter und interpolierter Gestalt auf uns gekommenen Sammelwerkes
„Kesten“ anzusehen, d. i. als jener ~Julius Sextus Africanus~, der
nachweislich zu Beginn des 3. Jahrhunderts lebte und literarisch
tätig war[343]; der Grieche ~Anaxilaos~ endlich, dessen Zeitalter
~Lagercrantz~ für unbestimmbar ansah[344], ist, wie ~Diels~ erinnert,
sicherlich der nämliche aus dem berüchtigten Zauberlande Thessalien
stammende „Pythagoräer“, von dessen magischen Kunststücken und dessen
Ausweisung aus Italien im Jahre 28 v. Chr. ~Plinius~ berichtet[345];
dem Stockholmer Papyrus zufolge[346] empfahl er u. a. ein von
~Demokritos~ herrührendes Rezept, und ~Diels~ vermutet, daß ein
größerer Teil auch der übrigen Vorschriften durch ihn aus der [noch
unveränderten, also noch nicht in alchemistischem Sinne entstellten]
Urschrift des ~Pseudo-Demokritos~ vermittelt ist; auf diesen scheint in
einzelnen Punkten vielleicht auch die Sprache des Stockholmer Papyrus
zurückzugehen, die sich im ganzen aber als eine äußerst gewöhnliche
erweist.
Einige wenige +Siglen+ (z. B. für „Drachme“ und für „einhalb“)
und Wortabkürzungen (z. B. πορφ’ für πόρφυρα = Purpur, und υ/στ
für στυπτηρία = Alaun) sind dem Stockholmer und Leidener Papyrus
gemeinsam[347]; +allein+ im letzteren kommen die oben angeführten
Zeichen der Sonne und des Mondes für Gold und Silber vor; in +beiden+,
die zwar erst im 3. Jahrhundert niedergeschrieben, im ganzen aber,
trotz so mancher Abänderungen, Einschiebungen und Zusätze, doch
wesentlich orthodoxe und annähernd getreue Wiedergaben +weitaus+
älterer Überlieferungen sind, fehlen (wie bereits erwähnt) noch
gänzlich jene magischen und mystischen Ideen, unter deren Einfluß erst
der Übergang derartiger Lehren in eigentlich alchemistische stattfand.
Sehr bezeichnend für dieses Eindringen der Mystik, das schon in den
ersten nachchristlichen Jahrhunderten zu beginnen, seinen Höhepunkt
aber etwa zwischen 300 und 400 zu erreichen scheint, wäre eine mit
dem Stockholmer Papyrus vereinigte Beigabe, sofern sie wirklich zu
ihm gehört und zusammen mit ihm aufgefunden wurde, was sich indessen
bestenfalls als wahrscheinlich, keineswegs als bewiesen, hinstellen
läßt[348]. Sie besteht aus einem Papyrusblatte, das in Zügen, die
jenen des Hauptstückes zwar ähnlich, aber doch von ihnen verschieden
sind, die Inschrift trägt: „Sonne, Berbeloch, Chthotho, Miach, Sandum,
Echnin, Zaguel: bewahre mich, während ich die Mischungen vornehme
(συνιστάμενον). Übliche Formeln (κοίνα). Dann salbe Dich, und Du wirst
mit eigenen Augen die Ergebnisse sehen“[349]. Der Anrufung der Sonne
folgen also eine Anzahl (als Beinamen aufzufassender?) magischer
Worte, wie sie in gleicher Art sehr oft in den sog. Zauberpapyri
der nämlichen Epoche vorkommen; sodann soll der Ausführende, wie
ebenfalls häufig in diesen Zauberpapyri, die κοίνα aufsagen, d. s. die
vorgeschriebenen geheimen Formeln (die als ihm geläufig vorausgesetzt
werden), und schließlich eine Salbe gebrauchen, deren mystische Wirkung
zum gewünschten Ziele führt. Nimmt man die Zusammengehörigkeit des
Hauptpapyrus und des Beiblattes an, so drängt sich die verlockende
Vermutung auf[350], daß die „vorzunehmenden Mischungen“ die in ersterem
beschriebenen seien, daß also der ursprünglich mit völliger Offenheit
Nachahmende und Fälschende +hier+ bereits bewußte Täuschung ausübe,
d. h. an der Hand eines mystischen Rituales als Magiker und zaubernder
Alchemist auftrete. Hierzu wiederum würde vortrefflich die schon von
~Berthelot~ aufgestellte, von ~Lagercrantz~[351] und von ~Diels~[352]
gebilligte Hypothese passen, der Besitzer der Leidener und Stockholmer
Papyri sei ein der Magie und Alchemie ergebener höherer Priester
gewesen; für deren Richtigkeit spricht es noch, daß in Ägypten seit
altersher jedermann das, womit er sich im Leben beschäftigte, auch
in das Grab mitgegeben erhielt, und daß ein hoher Priester leicht in
der Lage war, sich derartige Prunkabschriften als Totenbeigaben zu
beschaffen.
Nach ~Wünsch~[353] ist indessen die von ~Lagercrantz~ gegebene
besondere Auslegung der Worte „ἔχε με συνιστάμενον“ unzulässig:
sie können nicht heißen „bewahre mich, während ich die Mischungen
vornehme“, sondern sind eine in den Zauberpapyri des Zeitalters
häufige rituelle Anrufung und bedeuten „nimm mich an, der ich zu dir
trete“. -- Die magischen Worte hält ~Löw~ für semitischen Ursprunges,
wonach das letzte, „Zaguel“, vielleicht als der in sehr ähnlicher Form
überlieferte Namen eines jüdischen Engels anzusehen wäre[354]. -- Da
ihrer aber sieben sind, stehen sie möglicherweise auch in Zusammenhang
mit den sieben Planeten, und in „Berbeloch“ könnte etwa die, durch
die religiöse Sekte der Barbelo-Gnostiker bekannte „Barbelos“ (=
παρθένος, Jungfrau), als Göttin des Mondes verborgen sein; für die
restlichen Worte müßten sich, falls die Voraussetzung zutreffen sollte,
Beziehungen zu den übrigen fünf Planeten nachweisen lassen.