Legierungen verschiedenster Art, deren Herstellung durch ποίησις
(Poíesis, Zubereitung) oder κρᾶσις (Krásis, Vermischung) geschieht,
und die demgemäß κρᾶμμα (Krámma, Gemischtes) oder σκεύασμα (Skeúasma,
Zurechtgemachtes) heißen[31], erteilt der Leidener Papyrus sehr
allgemein auch den Namen ἄσημον (Asemon). +Asem+ ist, wie zuerst
~Lepsius~ in seiner grundlegenden Abhandlung „Die Metalle in den
ägyptischen Inschriften“ nachwies[32], bei den alten Ägyptern als
„Asemu“ der einheimische Name eines den Griechen (z. B. schon ~Homer~)
als +Elektron+ bekannten Metalles, richtiger metallischen Gemisches,
nämlich einer Silber-Gold-Legierung; sie findet sich als solche in der
Natur vor, wurde aber lange Zeiten hindurch auch künstlich dargestellt,
erstens weil sie weniger weich und daher leichter zu bearbeiten ist
als reines Gold, und zweitens weil ihr Silbergehalt dem Golde einen
eigentümlich schönen, weißlichen Glanz verleiht, der außerordentlich
geschätzt und beliebt war[33]. ~Berthelot~ glaubt, das ägyptische
Wort Asem sei schon frühzeitig mit dem zufällig gleichklingenden
griechischen ἄσημον (Asemon) identifiziert worden, das, auf Edelmetalle
angewandt, sie als „Unbezeichnete“ (der Angabe ihres Feingehaltes
Ermangelnde?) einer minderwertigen Klasse zugewiesen haben soll;
hieraus erkläre es sich, daß die neugriechische Bedeutung von ἄσημον,
d. i. Silber, zuweilen schon in älteren Schriften auftauche, und
so auch, besonders im Sinne silberähnlicher Legierungen, in der
vorliegenden[34]. Da aber in dieser „Asem“ außer den silbergleichen
auch eine große Anzahl ganz anderer und völlig verschiedener Gemische
benennt und sich demnach als sehr vieldeutiger Ausdruck erweist, muß
die Richtigkeit der ~Berthelot~schen Vermutung schon aus diesem Grunde
dahingestellt bleiben.
Von den etwa hundert Rezepten des Leidener Papyrus behandelt nicht
weniger als etwa der vierte Teil allein die Darstellung von Asem, die
ποίησις oder κρᾶσις ἀσήμου[35], die also offenbar praktisch besonders
wichtig und daher (nach ~Berthelots~ Meinung) auch für die spätere
Anknüpfung theoretischer Vorstellungen sehr bedeutsam war. Mischungen,
die zur Bereitung des Asems dienen, enthalten [neben allerlei
sonstigen als Reduktions- oder Fluß-Mittel wirksamen Zusätzen] u. a.
folgende Hauptbestandteile: 1. Zinn und Quecksilber[36]; 2. Zinn und
galatisches Kupfer (γαλατικός), d. i. Kupfer aus der Landschaft Galatia
in Kleinasien, und nicht (wie ~Berthelot~ glaubt) gallisches[37]; 3.
Zinn, Kupfer, und Silber; als Flußmittel benützt man nach Bedarf
κουφόλιθος [Kuphólithos = leichter oder lockerer Stein, an dieser
Stelle ein nicht näher angebbares Mineral, sonst oft Talk, Selenit,
Gips[38], oder dgl.], und erhält so ein Produkt, „das besser ist als
das natürliche“[39]; 4. Zinn, Blei, λιθάργυρος [Lithárgyros, hier
nicht, wie sonst oft, Bleiglätte, sondern ein Erz oder Präparat von
Silberglanz], und καθμεία [Kadmía, unreines Zinkoxyd[40] oder ein
zinkhaltiges Gestein, -- denn metallisches Zink blieb dem Altertum
und Mittelalter unbekannt][41]; 5. Orichálcum [ὠρείχαλκον, eine
kupferhaltige Masse, vielleicht Messing] und σανδαράκη λευκοθιζούση,
weißgemachtes Sandarach [d. i. das als Mineral Realgar vorkommende
rote Schwefelarsen, durch Rösten zum Teil übergeführt in weiße
Arsenigsäure, die Kupfer unter Entstehung einer silberglänzenden
Kupfer-Arsen-Legierung weiß färbt][42]; sie werden vorsichtig mit Salz
und Alaun zusammengeschmolzen[43].
Die so erhaltenen, weißlichen, gelblichen, oder rötlichen Amalgame und
Legierungen müssen für viele Zwecke noch zu hochwertig gewesen sein;
man suchte daher ihre Masse durch reichliche weitere Beimischung der
billigeren Bestandteile zu vermehren und bezeichnete derlei Kunstgriffe
mit den harmlos klingenden Namen δίπλωσις (+Díplosis+, +Verdopplung+)
und τρίπλωσις (+Tríplosis+, +Verdreifachung+). Als solche
„anreichernde“ Zusätze zum fertigen Asem werden u. a. empfohlen: 1.
Viel Kupfer, entweder gewöhnliches cyprisches[44], oder vorgereinigtes
(προκεκαθαρμένον, z. B. mit Essig, Alaun, und Salz affiniertes), das
eine besonders schöne Goldfarbe ergibt[45]; 2. Kupfer und Zinn, die
man nebst Pech (πίσση) und Asphalt (ἄσφαλτος) verschmilzt[46]; fügt
man dann, je nach Befund, noch einiges weitere Asem hinzu, so erhält
man πρῶτον ἄσημον, „Prima-Asem“, dessen Beschaffenheit selbst den
τεχνῖτης (Techniker, Werkmeister) täuscht[47]; 3. Cyprisches Kupfer,
Zinn, und Quecksilber; man kann auch noch μαγνησία oder μαγνήσις
beifügen[48], d. i. Magnesia, -- unter welchem vieldeutigen Worte hier
eine Legierung von hellweißer Farbe zu verstehen sein dürfte --, und
nachher mit Kupholith glänzend putzen[49]; 4. Vorgereinigtes cyprisches
Kupfer, goldgelbe Bleiglätte, und Bleiweiß; beim vorsichtigen
Schmelzen ergibt dieses Gemisch, dessen Rezept von ~Phimenes~ aus Saïs
herrührt, „ächt ägyptisches“ Asem[50]. Hat man seinen Vorrat an Asem
zum Teil aufgearbeitet, so kann man ihn stets wieder ergänzen, indem
man dem Überreste neue Mengen der Bestandteile beifügt, oder auch
nur immer mehr des billigsten hinzurührt, nämlich des Kupfers[51];
ein solches Gemenge heißt μάζα (Máza) ἀνέκλειπτος, „unerschöpfliche
Masse“. -- Es sei schon an dieser Stelle hervorgehoben, daß, entgegen
~Berthelot~[52] und ~Riess~[53], der Wortlaut dieser Vorschrift
keinerlei mystischen Sinn oder Nebensinn erkennen läßt, vielmehr rein
technischen Inhaltes ist: die Masse wird eben durch entsprechende
Zusätze immer aufs neue ergänzt, selbstverständlich auf Kosten ihrer
Beschaffenheit, und zwar so oft und so lange, als sie sich noch
halbwegs verwertbar erweist. Erst eine +viel spätere+ Zeit verknüpfte
das für „Masse“ gebrauchte Wort +Máza+ (μάζα, μᾶζα), das u. a. den
Brotteig bezeichnet, auch den in Gärung versetzten, sich durch
Aufschwellen anscheinend immerfort vermehrenden, mit einer schon bei
~Aristoteles~ zu findenden Andeutung[54], und setzte hiernach die
Einwirkung einer kleinen Menge Hefe auf eine große Masse von Teig in
Parallele mit jener einer kleinen Menge eigentlichen Asems auf eine
große Masse von Beimengungen; das Asem glich dann einem +Ferment+,
und mit dieser Anschauungsweise schien es in Einklang, daß die
(meist spärlichen und unklaren) quantitativen Angaben der erwähnten
Vorschriften die in Frage kommenden Zusätze fertigen Asems nur recht
gering bemessen, oft nur auf ein Achtel der Gesamtmenge[55].
Schon weiter oben wurde darauf hingewiesen, daß „Asem“ auch ganz
andere Gemische bezeichnen kann als die den Edelmetallen ähnlichen;
ein solches gewann man z. B. durch vorsichtiges Erhitzen von Asem,
Blei, und reinem Schwefel (θεῖον ἄπυρον, natürlichem, noch nicht
umgeschmolzenem Schwefel), und es bildete nach dem Erkalten und
Zerkleinern eine „nicht rostende“ Masse, schwarz wie ὀψειανόν
(Obsidian), die zu eingelegten Arbeiten nach Art des Niello diente
[nigellum = das Schwarze], und jedenfalls aus den Sulfiden der
verschiedenen Metalle bestand[56]; der Färbung nach glich ihr die
ἀσήμου γράφη, Asem-Schreib- oder Zeichen-Masse, die u. a. χάλκανθος
[Chálkanthos, unreinen kupfer- und eisenhaltigen Vitriol], Schwefel und
Essig enthielt[57].
Auch über einige einzelne Metalle, ihre Prüfung, Verarbeitung und
Verwertung macht der Leidener Papyrus wichtige Angaben:
+Zinn+ wird untersucht, indem man es schmilzt und auf χάρτη (Kárte aus
Papyrus, ein Stück Papyrus) ausgießt; zeigt sich diese verkohlt oder
angebrannt, so war das Zinn mit Blei verfälscht[58].
+Kupfer+ wird glänzend geputzt mittels einer Poliermasse (σμῆξις),
die aus dem ausgekochten Safte von Rüben (σευτλία) besteht[59]. Seine
„+Weißung+“ (λεύκωσις, Leúkosis), die es „+gleich Silber macht+“,
erfolgt entweder durch vorsichtiges Verschmelzen mit etwas Sandarach
[rotem Schwefelarsen, Realgar], das eine hellglänzende, als Zusatz zu
feinem Asem sehr brauchbare Masse ergibt[60], oder mit Hilfe eines
Amalgams, das man aus Zinn und Quecksilber bereitet, allenfalls
unter Zugabe von Bleiweiß (ψημιθεῖον, ψημίθιον) und χρυσόκολλα
(Chrysokolla)[61]. Chrysokolla, wörtlich „Goldloth“, bezeichnete
ursprünglich wirklich ein zum Löten des Goldes dienliches Präparat,
z. B. Kupferkarbonat, -- das in Form des Malachits sowie verwandter
Minerale in der Natur vorkommt und beim Erhitzen mit etwas Kohle in
Kohlensäure und (die Lötung bewirkendes) Kupfer zerfällt --, später
aber auch eine große Anzahl oft kaum bestimmt zu kennzeichnender
Gesteine oder Gemische, im Leidener Papyrus u. a. auch ein solches
aus ⅐ Gold, ²⁄₇ Asem, und ⁴⁄₇ cyprischen Kupfers[62]. Zur „+Gilbung+“
des Kupfers, die es „+gleich Gold macht+“, so daß es „wie Gold
aussieht“ (χρυσοφανής), „die Phantasie (τὴν φαντασίαν) und den
Anschein des Goldes erregt“, und auch „den Probierstein einigermaßen
aushält“, bedient man sich verschiedener Überzüge oder Firnisse[63].
Man bestreicht z. B. kupferne Ringe mit Gummi, bestreut sie mit
feinem Pulver aus Gold- und Blei-Staub, glüht sie gelinde, wobei das
Blei verschwindet [durch Oxydation], das Gold aber zurückbleibt,
und wiederholt dies einige Male[64]. Auf kaltem Wege erzielt man
ein ähnliches Ergebnis mittels feiner Pulver aus der Legierung
Chrysokolla (s. oben)[65], aus blättrigem goldfarbigen Arsen ἀρσενικὸν
χρυσίζον σχιστόν, d. i. das als Mineral Auripigment vorkommende gelbe
Schwefelarsen)[66], aus Misy [hier wohl goldglänzender Schwefelkies]
oder Chelidonion [ein, an Farbe dem gelben Safte der Pflanze
Chelidonion oder Elydrion, d. i. Schöllkraut, gleichendes Präparat]
usf.[67]; unter Umständen setzte man auch gelbe Ziegengalle zu, ferner
Quecksilber, χαλκῖτις (Chalkítis, unreinen Vitriol) und Alaun, und
gebraucht zum Verdünnen den Harn kleiner Kinder, als Klebemittel aber
arabischen Gummi, Traganthgummi, oder die eingedickten Auszüge gewisser
Pflanzen-Marke und -Samen, z. B. derer von Arum und Kümmel[68].
+Silber+ prüft man durch Besichtigung der Schmelze, die rein weiß und
ziemlich weich sein muß; Zusatz von Blei verrät sich durch schwärzliche
Färbung, Zusatz von Kupfer durch gelbliche, sowie durch zu große Härte;
eine genauere Probe läßt sich durch Erhitzen mit Blei im κάμινος
(Kamin, Kapelle) vornehmen [d. i. eine unvollkommene Kuppelation][69].
-- Zwecks +Diplosis+ (Verdopplung) schmilzt man 4 Teile Silber mit
3 Teilen Zinn zusammen, wobei die Legierung (κρᾶσις) „zu Silber
wird“[70]; um ihren Glanz zu entfalten, putzt man mit Rübensaft, oder
mit etwas feuchter στυπτηρία (Styptería, Alaun)[71]. -- Zur Herstellung
von +Silberschrift+ ἀργυρογραφία, Argyrographie) dient ein Gemisch aus
dem silberglänzenden Lithargyros (s. oben), Taubenkot [?, jedenfalls
ein Deckname] und Essig[72].
Um +Gold+ zu erproben, schmilzt man es, wobei es rein gelb und von
richtiger Härte erscheinen muß; ein Gehalt an Silber bewirkt weißliche
Farbe, einer an Blei schwärzliche und zu große Weichheit, einer an
Kupfer oder Zink rötliche und zu große Härte[73]. Die +Darstellung+
(ποίησις Poíesis) von Gold geschieht durch Zusammenschmelzen von
Asem und cyprischem Kupfer mit Gold[74]. Zur +Diplosis+ vermischt
oder verschmilzt man das Gold, je nach dem Zwecke der nachherigen
Verwendung, mit verschiedenen Zusätzen[75], die es schwerer und oft
auch härter machen, und seine Vermehrung (πλεονασμός, Pleonasmós,
Multiplicatio) bewirken[76]; zu diesen gehören: Kadmia aus Galatien
oder Thracien (s. oben); Misy [d. i. meist, ebenso wie das verwandte
Sory, ein Gemenge von Schwefelkies oder Pyrit mit den Produkten seiner
allmählichen Oxydation, u. a. Kupfersulfat, basischen Eisensulfaten,
u. dgl.][77]; Sinopis [ursprünglich Rötel aus Sinope, oft aber auch
anderes „Rotes“, z. B. Roteisenstein, Zinnober, Minium d. i. Mennige],
usf. Diplosis erfolgt auch beim Behandeln einer Mischung aus Gold,
Silber, Asem, Quecksilber, gelbem Arsen [Auripigment], Kyanos [blaues
Mineral, vielleicht Kupferlasur], Chalkitis, sowie Salz mit θείον ὔδωρ
(theíon Hýdor)[78]. Letzteres Präparat, das +hier+ einfach „schwefliges
Wasser“, d. h. eine aus Schwefel oder mittels Schwefel dargestellte
Lösung oder Schmelze bedeutet, und dessen Namen man erst in +viel
späterer+ Zeit, gemäß dem Doppelsinne von θεῖον (theion = Schwefel, und
auch = göttlich), als Anspielung auf ein „göttliches Wasser“ ansah,
wurde, ganz so wie das schon dem ~Plinius~ bekannte Schwefelalkali
[sog. Schwefelleber], durch Erhitzen von Schwefel mit Kalk dargestellt,
wobei eine feste, gelbliche bis dunkelrote Schmelze, oder, in Gegenwart
von Harn, starkem Essig, u. dgl., eine blutrote Lösung entstand; da
deren wesentlicher Bestandteil, ein Gemenge von Kalzium-Polysulfiden,
+gelöst+ viele Metalle ausfällt und verschiedentlich färbt, +trocken+
sie aber sämtlich stark angreift, bis zu gewissem Grade selbst das
Gold[79], so war dieses so äußerst kräftige „+schweflige Wasser+“ ein
höchst wichtiges, auf das Vielfältigste angewandtes Reagens, über
dessen Wirksamkeit im Einzelfalle die Beschreibungen allerdings nur
selten genügende Klarheit verbreiten. -- Zur +Vergoldung+ (χρύσωσις,
Chrýsosis) bestreicht man, falls sie „Probe-haltend“ sein soll[80],
das Metall, z. B. Silber oder Kupfer, mit einer wachsdicken Lösung
von Gold in Quecksilber, erhitzt gelinde, bis das Amalgam befestigt
(fixiert) ist, πάγηται, wiederholt dies vier- bis fünfmal, und poliert
schließlich sorgfältig mit einem feinen Leinen, wozu u. a. ein Mittel
(φάρμακον, Phármakon) aus Misy, Alaun, Salz, und Essig sehr dienlich
ist[81]. Für weniger haltbare Vergoldungen genügt wiederholtes
Auftragen dünnerer bis wachsdicker Firnisse, die feine Pulver von
Zinnober, Sandarach, kimolischem Rötel, Misy, Chelidonium, u. dgl.,
sowie nach Bedarf Essig, Alaun, Kinderharn, usf. enthalten[82].
Zahlreiche Rezepte über +Goldschrift+ (χρυσογραφία, Chrysographie)
lassen ersehen, daß diese in sehr allgemeinem und mannigfaltigem
Gebrauche stand. Soll sie „echt“ sein, so schwemmt man Gold-Flitter
und -Blättchen (πέταλα) oder Goldamalgam mit Gummilösung auf[83];
weniger echt sind dicke Massen, bestehend aus dem feinen Pulver einer
Gold-Blei-Legierung, Nitron [unreiner natürlicher Soda], Alaun, und
stärkstem Essig, ὄξος δριμύ[84], aus goldfarbiger Bleiglätte und
Alaun[85], aus Chrysokolla und Essig[86], oder gar nur aus gelbem
Schwefel, Alaun und Gummi[87]; noch unbeständiger erweisen sich
Gemenge von gelbem κνήκου [nach einigen Safran, nach anderen eine Art
Carthamus, Safflor], gelber Galle der Kälber oder Schildkröten, weißem
Gummi und Eiweiß[88]. Mischungen sehr verwickelter Art, mit denen
sich aber gleich gut auf Papyrus (ἐπὶ χάρτου, Karte), auf Pergament
(ἐπὶ διφθέρας, Diphthéra = Haut) und auf Marmor schreiben läßt,
enthalten goldfarbiges Asem (χρυσίζον), Glaspulver (gelbes?), Safran,
Chelidonium, Schildkrötengalle, Harz (ῥητίνη), Gummi und Eiweiß[89];
nach dem Antrocknen glättet und poliert man sie mittels eines passenden
Tierzahnes (ὀδοντίζειν)[90].
Sehr bemerkenswert ist es, daß der Leidener Papyrus Vorschriften, die
denen betreff der +Edelmetalle+ ganz analog sind, auch hinsichtlich
der kostbaren und seit altersher hochgeschätzten Luxus-+Farbstoffe+
enthält, z. B. über „Machen“ (ποίησις, Poíesis) des Purpurs, -- unter
welchem Namen aber +weit zahlreichere+ und +verschiedenere+ Farbentöne
zusammengefaßt werden als +heutzutage+ --, über Nachahmung der
purpurroten Farbbrühe oder Tinktur (πορφύρου βαφή, Baphé)[91] und über
Vortäuschen der Purpurfarbe aus Schnecken (χρῶμα κογχυλίων, Farbstoff
der Conchylien) mittels eines „Purpurs“; erhalten wird dieser bald
aus ἄγχουσα [Anchusa, d. i. sog. Alkanna aus der Wurzel der Anchusa
tinctoria, verschieden von der echten orientalischen Alkanna oder
Hennah aus den Blättern und Wurzeln der Lawsonia inermis], bald aus
φῦκος [Phykos, Fucus, z. B. Orseille u. dgl., aus Algen und Flechten],
bald aus anderen nicht näher bestimmbaren Pflanzenstoffen (πεδερώτινον,
λεοντική)[92], und in gröberer Weise selbst aus eisenhaltigen
Substanzen und Essig [d. i. aus roten Eisenacetaten][93]. Ferner gibt
es, sowie bei Gold und Silber, auch bei Purpur eine ἄνεσις (Anesis =
Verdünnung, Verlängerung), zu der passende rote Pflanzensäfte dienen,
u. a. neben den oben angeführten auch Saft gewisser Obstfrüchte oder
roter Rüben[94]. -- Die Rezepte zur +Anwendung+ der Farbstoffe sind
zumeist leider so unvollständig und entstellt, daß sie nur wenigen
Anhalt zur Beurteilung der Färberei (βαφή) geben, die bekanntlich in
Ägypten seit jeher auf sehr hoher Stufe stand. Als Bestandteile der
(zumeist roten) Farbbrühen[95], -- oft αἷμα (Haíma, Blut) genannt --,
und der φάρμακα στυπτικά (styptische Pharmaka, Beizen)[96] werden
u. a. angeführt: Galläpfel, gerbstoffhaltige Samen und Rinden (z. B.
Granatrinde)[97], Harn von Schafen und Kamelen[98], Seifenwurzel[99],
ἄσβεστος (Asbestos = Kalk)[100], Weinstein[101], Alaun[102], μελαντηρία
(Melantería, ein unreiner dunkelfarbiger Vitriol)[103], und Chálkanthos
(Vitriol), dieser auch κεκαυμένος, d. i. gebrannt, calciniert[104].
Neben Salz aus Kappadocien in Kleinasien und aus der Oase Ammon[105],
sowie Nitron, Nitron von Berenike (in Ägypten) und Aphronitron
(Schaumnitron)[106], sind dies die Chemikalien, die der Leidener
Papyrus mit am häufigsten nennt; ihr Zusatz wird gewöhnlich mit dem
(auch bei Arzneibereitungen üblichen) Worte anbefohlen, ἐπίβαλε, oder
ἐπίβαλλε, d. h. „wirf sie hinein“, „projiziere sie“[107].
Außer den bisher besprochenen rund hundert Absätzen enthält der
Leidener Papyrus noch zehn weitere, die der gegen 75 n. Chr. verfaßten
Heilmittellehre des ~Dioskurides~ entnommen sind[108], was nach
~Kopp~[109] schon um 1830 ~Reuvens~ in Leiden feststellte. Sie
betreffen die Substanzen Alaun, Auripigment, Chrysokolla, Kadmia, Misy,
Nitron, Quecksilber, Realgar, Sinopis und Zinnober, und zeigen, daß
der benützte ~Dioskurides~-Text frei von manchen, anscheinend erst
später erfolgten Einschiebungen war; im Artikel über Quecksilber,
das durch Kondensation seiner αἰθάλη (Aithále = Dunst, Rauch, Ruß)
am ἄμβιξ (Ambix), dem Deckel des sehr unvollkommenen Destillations-
oder richtiger Sublimations-Apparates, gewonnen wurde, fehlt z. B.
der sinnwidrige Zusatz, daß dieser Körper, außer in Gefäßen aus Glas,
auch in solchen aus Blei, Zinn, oder Silber aufbewahrt werden könne,
und ebenso die (fälschlich oft in alchemistischem Sinne gedeutete)
Bemerkung, er werde ἐν μετάλλοις (in den Bergwerken, +nicht+ in den
Metallen!) gefunden[110].
In einem der Rezepte[111], das die Herstellung von Asem behandelt,
sind die Namen für Gold und Silber nicht ausgeschrieben, sondern durch
die Zeichen [Symbol] und ☾ der Sonne und des Mondes ersetzt, was nach
~Berthelot~ das älteste bisher bekannte Beispiel solcher Art ist[112].
-- Für +andere+, in der nämlichen Vorschrift genannte Metalle, z. B.
Quecksilber, sind +keine+ Symbole gebraucht; auch bleibt es natürlich
dahingestellt, ob sich deren schon die älteren Vorlagen des Leidener
Papyrus bedienten, oder ob sie erst der letzte, im 3. Jahrhundert
tätige Abschreiber, einer zu seiner Zeit bereits herrschenden
Gewohnheit gemäß, gelegentlich einfügte.