1. Zur Vorgeschichte der Alchemie: Der Leidener und Stockholmer Papyrus.

Beim Absuchen eines nächst Theben in Ägypten aufgedeckten Gräberfeldes

wurden um 1828 eine größere Anzahl griechischer Papyrus-Urkunden

gefunden, deren ganz ausgezeichnete Erhaltung vermutlich ihrer

Aufbewahrung in dicht verschlossenen Mumiensärgen, vielleicht aber auch

in Steingefäßen oder Töpfen, zu danken war. Sie gelangten in Besitz des

damaligen schwedisch-norwegischen Vizekonsuls in Alexandrien, ~Johann

d’Anastasy~, der die Mehrzahl der Papyri an die holländische Regierung

verkaufte und sie in deren Auftrag 1829 der Bibliothek zu Leiden

übersandte, einige Stücke aber der „Kgl. Schwedischen Akademie der

Altertümer“ in Stockholm zum Geschenk machte, bei der sie im Jahre 1832

eintrafen.

Schon 1830 wurde durch ~Reuvens~ bekannt, daß ein als Nr. X

bezeichneter Teil der Leidener Papyri die älteste bisher an das

Licht gelangte Sammlung „chemischer Rezepte“ enthalte, doch ließ

die ausführliche Veröffentlichung durch ~Leemans~ bis 1885 auf sich

warten; aus den bis dahin allein vorliegenden Bruchstücken in der

~Reuvens~schen Ankündigung erschloß bereits 1869 ~Kopp~[12], daß

die „Rezepte“ zumeist kurze, anscheinend rein technische, oft nur

auszugsweise Vorschriften über Metallbehandlung, Färberei u. dgl.

enthielten, deren bedeutsame Ähnlichkeit und Verwandtschaft mit

jüngeren, aber zweifellos bereits alchemistischen, unverkennbar sei.

~Berthelot~, der den vollständigen, von ~Leemans~ herausgegebenen Text

abdruckte und übersetzte[13], fand diese Ansichten ~Kopps~ (dessen

Namen er aber nicht erwähnt) durchaus bestätigt und betonte namentlich

auch, daß die „Rezepte“ die den ägyptischen Metall-Arbeitern und

-Fälschern geläufigen praktischen Verfahren und technischen Kniffe

noch in jener ursprünglichen Gestalt vorführen, die erst späterhin,

unter dem Einflusse magischer und mystischer Ideen, in alchemistischem

Sinne umgedeutet und umgeformt wurde. Von solchen erweist sich der

Text des Papyrus X noch als völlig frei[14], und dies ist um so

bemerkenswerter, als +andere+ Teile des Gesamt-Papyrus[15] bereits den

Einfluß derartiger Anschauungen erkennen lassen, die zum Teil jenen

gewisser religiöser Sekten des 2. und 3. Jahrhunderts nahestehen, wie

der gnostischen Markosier und Karpokratianer.

Während der „Leidener Papyrus“, wie er der Kürze wegen genannt sei, auf

diese Weise, freilich erst ein gutes halbes Jahrhundert nach seiner

Auffindung, zur öffentlichen Kenntnis gelangte, blieb der „Stockholmer

Papyrus“, dessen Vorhandensein völlig in Vergessenheit geraten war,

noch fast weitere 25 Jahre unbeachtet stehen; erst 1906 führte ein

Zufall zu seiner zweiten Entdeckung, und 1913 endlich erfolgte die

Herausgabe des griechischen Textes nebst Übersetzung und Kommentar

durch ~Lagercrantz~ in Upsala[16].

Anscheinend sind +beide+ Papyri Teile eines einzigen Grabfundes[17],

jedenfalls aber dürfen sie als „Zwillingsbrüder“ angesehen werden, da

sie äußerlich wie innerlich vollständig, und oft bis in die kleinsten

Einzelheiten, übereinstimmen[18]. Sie zeigen die nämliche, sehr

schöne und deutliche Schrift, die nach ~Reuvens~ und ~Leemans~ dem

3. Jahrhunderte n. Chr. entstammt[19], sie liegen nicht in Gestalt

von Rollen (τόμος, tómos) vor, sondern als tadellos erhaltene und

laut Nummerierung vollständige Codices, -- welche Form für Papyrus

vielleicht im 1. Jahrhundert aufzutreten beginnt, sicher aber erst vom

3. an nachweisbar ist[20] --, und besitzen endlich auch ein Format, das

als charakteristisch für die nämliche Zeit gilt[21].

Ihr Inhalt spiegelt die Erfahrungen zahlreicher Generationen wieder,

und zwar auf Grund mannigfach verzweigter, in fast allem Wesentlichen

jedenfalls unübersehbar weit hinter die Anfänge unserer Zeitrechnung

zurückreichender Überlieferungen; der Redaktor hat aus verschiedenen

Vorlagen geschöpft, und Fehler, Versehen und Wiederholungen, die teils

ihm, teils aber auch dem Abschreiber unterlaufen sind, bezeugen die

Art der bei der Zusammenstellung (meist recht geschickt) ausgeübten

Tätigkeit[22]. Auch die nachträglich[23] beigefügten Überschriften und

die oft wiederkehrende Bezeichnung „ἄλλο“ (anders) weisen auf einen

Ordner hin, der die mannigfaltigen Angaben der Quellen zu vereinigen

sucht[24]; +einer+ solchen entstammen z. B. sämtliche das Silber nebst

Zubehör betreffenden Vorschriften, die zwar beide Papyri, jedoch nicht

in der gleichen Reihenfolge, enthalten[25]. Die erwähnten Vorlagen

waren wohl Rollen[26], die dem praktischen Gebrauche dienten; die

beiden Papyrus-Codices sind dagegen offenbar Luxusabschriften, deren

Ausstattung ihrem Zwecke, nämlich der Benutzung als Totenbeigaben,

entsprach.

Die Rezepte, die oft nur wenige Zeilen, oft aber auch längere

Absätze umfassen, sind teils ausführliche, teils nur abgekürzte; die

ersteren enthalten entweder eine Beschreibung (γραφή, Graphé) oder

eine befehlende Anweisung (τάξις, Táxis), die letzteren hingegen

beschränken sich auf Angabe der zu benutzenden Stoffe, während die Art

der Anwendung dem Ausübenden entweder schon bekannt sein muß, oder ihm

nur mündlich mitgeteilt wird[27], -- denn die ehemalige Annahme, derlei

Überlieferungen seien auf Säulen und Stelen der Tempel aufgezeichnet

worden, ist unbestätigt geblieben und unhaltbar. Die Niederschriften

tragen daher in mancher Hinsicht, wie ~Berthelot~ sagt, den Charakter

eines „Aide-Mémoire“, also eines Notizenheftes, das nur einzelne, dem

Schreiber besonders wichtig erscheinende Punkte der Verfahren genauer

angibt, andere aber, als minder belangreiche oder ohnehin geläufige,

teils nur streift, teils völlig übergeht. Die ägyptischen Goldschmiede

und Kunsthandwerker, deren geschmackvoll entworfene und herrlich

ausgeführte Arbeiten noch heute die Bewunderung aller Museumsbesucher

erregen, hatten offenbar derlei „Praktiken“ im Laufe langer

Jahrhunderte allmählich zu hoher Vollendung ausgebildet und in Form

ganz bestimmter Vorschriften festgelegt, die sie, wie das zu ihren und

auch zu späteren Zeiten allgemeiner Brauch war, als Zunftgeheimnisse

hüteten. Wie frühzeitig man mit Machenschaften nahe verwandter Art auch

schon außerhalb Ägyptens vertraut war, beweisen einige bezeichnende

Stellen der antiken Litteratur; so z. B. sagt bereits ~Aristoteles~,

daß so Manches wie Silber oder Gold aussehe, was nur aus Zinn oder

Lithargyrina (wohl einer silberfarbigen Legierung) bestehe, oder bloß

mittels „Gallenfarbe“ (χολοβαφίνη, Cholobaphíne) gelb gefärbt sei, und

daß, wer es wirklich für Silber oder Gold halte, dem Manne gleiche, dem

ein Trugschluß als Wahrheit erscheint[28]. In der Tat lassen sich, wie

u. a. schon ~Salmasius~ (~Saumaise~, 1588-1653), der ausgezeichnete

Kenner der antiken Literatur und der handschriftlichen Schätze der

Pariser Bibliothek, richtig bemerkte, die Handgriffe fast aller älteren

und neueren „Gold- oder Silber-Macher“ im wesentlichen auf dreierlei

Arten von „Künsten“ zurückführen, nämlich 1. auf Veränderung der

oberflächlichen Färbung unedler Metalle durch passende Chemikalien,

oder Überziehen +solcher+ Metalle mit dünnen Schichten +edler+, zwecks

Vortäuschung massiven Goldes und Silbers durch schwache Vergoldung

oder Versilberung, 2. auf Ersatz dieser letzteren durch Firnisse und

Anstriche von entsprechendem Metallglanze, 3. auf Herstellung von

Legierungen gold- oder silberähnlichen Aussehens; alle diese Arten

finden sich auch im Leidener und Stockholmer Papyrus vertreten.

Was den näheren Inhalt der Rezepte betrifft, so beschäftigen sich

die des Leidener Papyrus (etwas über hundert an der Zahl) ganz

vorwiegend mit der Behandlung der Edelmetalle, vor allem aber

mit deren Nachahmung und Verfälschung; von den 152 Rezepten des

Stockholmer Papyrus beziehen sich hingegen auf Metalle nur 9, während

73 über Edelsteine und Perlen[29] berichten, und 70 über Färberei,

namentlich Purpurfärberei[30]. Die beiden Papyri ergänzen sich daher in

außerordentlich willkommener Weise.

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 65 / 127 题