»Nun aber will ich dich in Ruhe lassen, Agathon! Meine Rede über Eros

habe ich von Diotima, einer Frau aus Mantineia, gehört; sie war darin

und in vielen anderen Dingen weise, es war dieselbe Diotima, die damals

den Athenern, als diese zur Abwehr der Pest Opfer feierten, von den

Göttern einen Aufschub der Seuche auf zehn Jahre erwirkte; wenn auch ich

heute um die Liebe weiß, so hat Diotima es mich gelehrt, und ihre Worte

will ich euch im Anschlusse an das, worin Agathon und ich uns oben

geeinigt haben, wiedergeben, so gut ich es noch kann. Zunächst also,

Agathon, will auch ich sagen, wer und welcher Art Eros sei, und dann

werde ich erst von seinen Werken reden. Ich glaube, ich erzähle euch

alles am besten so, wie die fremde Frau damals durch Fragen mich es

lehrte. Denn wisset, ich sprach zu ihr zuerst genau so, wie du, Agathon,

zu mir gesprochen hast: ich behauptete, Eros sei ein großer Gott und er

sei schön, und da widerlegte sie mich mit denselben Worten, mit denen

ich Agathon widerlegen mußte, und sagte, der Gott sei weder, wie ich es

meine, schön noch gut. Ich rief da gleich: >Wie redest du nur, Diotima,

Eros wäre also häßlich und böse?< Doch sie antwortete: >Du lästerst,

Sokrates, lästere nicht! Glaubst du, was nicht schön sei, müsse darum

gleich häßlich sein?< >Nein!< >Oder, was nicht weise sei, müsse darum

gleich töricht sein? Hast du denn nie erfahren, daß etwas zwischen der

Weisheit und der Unwissenheit da sei?< >Was ist dieses?< >Wenn einer

zwar richtig wahrnimmt, aber keinen Grund dafür weiß, nennst du das

schon Verständnis? Wie könnten wir das verstehen, wozu wir keinen Grund

wissen! Und doch ist das noch nicht Unwissenheit: wer das Richtige

trifft, kann doch nicht unwissend sein. Wir müssen es eine richtige

Meinung, Wahrnehmung nennen, und diese liegt immer zwischen dem

Verständnis und der Unwissenheit!< >Da hast du wohl recht, Diotima!<

>Zwinge mir also ja nicht mehr das, was nicht schön ist, häßlich und,

was noch nicht gut ist, böse zu sein, und glaube noch weniger, daß Eros

häßlich und böse sei, weil er, wie du es ja jetzt zugibst, weder schön

noch gut ist; auch Eros ist etwas in der Mitte von beiden und zwischen

schön und häßlich und zwischen gut und böse!<

>Aber alle<, entgegnete ich da, >sind doch darin einig und nennen Eros

einen mächtigen Gott!< >Wer nennt ihn so, Sokrates, sind es die

Wissenden oder die Unwissenden?< >Alle, Diotima, ich sage, alle!< Und

jetzt lachte sie: >Gilt also Eros auch jenen als ein mächtiger Gott, die

da behaupten, Eros sei überhaupt kein Gott?< >Wer behauptet es denn?<

>Der eine bist du, Sokrates, und der andere ich!< >Ich verstehe dich

nicht!< >Und es ist doch so einfach! Sage, Sokrates: heißest du nicht

alle, alle Götter heil, würdest du den Mut haben zu behaupten, dieser

oder jener unter den Göttern wäre nicht heil?< >Nein, bei Zeus,

niemals!< >Und nennst du weiter nicht jene Wesen heil, die alles Gute,

alles Schöne besitzen?< >Ja, natürlich!< >Du hast ja aber doch

eingesehen, daß Eros das Gute und Schöne begehre, weil er beides nicht

besitzt.< >Ja!< >Wie könnte also der ein Gott sein, dem kein Teil am

Schönen und am Guten ward? Wie wäre das möglich?< >Es ist nicht möglich,

Diotima!< >Sieh, also auch du nennst Eros nicht Gott!<

>Was aber ist dann Eros, wenn er kein Gott ist? Gehört Eros zu den

Sterblichen?< >O nein!< >Ja, was ist er, sprich?< >Wir sahen es doch

eben, Eros sei in der Mitte; Eros ist in der Mitte zwischen dem

Unsterblichen und dem Sterblichen!< >Und?< >Ein Dämon, Sokrates, ist

Eros, ein großer Dämon, ein Heiland, und alles Dämonische, alles

Heilende lebt zwischen Gott und Mensch!< >Und wo ist dann seine Macht?<

>Der Dämon ist immer der Bote: er bringt den Göttern das Flehen und die

Opfer der Menschen, und er kündet den Menschen, was die Götter sie

heißen, und er kündet die Gnade der Götter, der Heiland ist in der Mitte

und er füllt die Kluft zwischen den Unsterblichen und den Sterblichen,

und das All ist durch den Heiland gebunden. Durch ihn kommt alles

Schauen den Sehern, und durch den Heiland gehen die Opfer und Weihen! Es

mischt sich ja nie der Gott mit dem Menschen: durch den Dämon verkehren

Götter mit Menschen und durch den Heiland reden Götter zu Menschen: zu

den Wachen und dann, wenn die Menschen der Schlaf umfängt. Wer das schon

begreift, in dem ist der Heiland; die anderen alle, die da Künste

können und Fertigkeiten haben, sind ja nur Handwerker. Und es gibt der

Heilenden viele, und sie sind vielfacher Art, und einer von ihnen ist

Eros!< >Und hat Eros einen Vater, Diotima, eine Mutter?< >Das ist lang,

aber ich will es dir erzählen: Da Aphrodite geboren wurde, feierten die

Götter deren Geburt und hatten ein großes Mahl, und mit den Göttern saß

auch der Reichtum, der Sohn der Erfindsamkeit. Da sie nun gegessen

hatten, kam die Armut und wollte etwas von dem Überflusse haben und

blieb vor der Tür stehen, gleich den Bettlern. Nun geschah es, daß der

Reichtum zu viel vom Nektar getrunken hatte -- es gab ja damals noch

keinen Wein -- und daß er schwer und berauscht in des Zeus Garten ging

und dort einschlief. Und das gab jetzt der Armut ihre eigene List ein:

sie dachte sich, weil ich arm bin, so will ich vom Reichtum ein Kind

haben, und die Armut legte sich zum Reichtum, und die Armut empfing vom

Reichtum den Eros. Und weil nun Eros am Geburtstage der Aphrodite

gezeugt wurde, so ist er jetzt deren Diener und Herold, und da Aphrodite

schön ist, so ist Eros von Natur aus in alles Schöne verliebt. Dann

aber, weil Eros der Sohn des Reichtums und der Armut ist, so hat er

beider Natur und Zeichen. Eros ist seiner Mutter Sohn und darum ganz arm

und gar nicht weich und schön, wie viele meinen; o nein, Eros ist hart

und dürr und läuft barfuß herum und hat kein Dach, das ihn schützte; auf

der nackten Erde ohne Lager muß er schlafen; vor allen Türen triffst du

ihn, auf den Straßen unter freiem Himmel liegt er: Eros hat der Mutter

Art, und die Armut läßt nicht von ihm. Dann aber ist Eros auch seines

Vaters Sohn und ist, wie dieser, voll List nach allem, was schön ist und

edel; er ist kühn und frech und stark, ein gewaltiger Jäger und er kann

die Netze knüpfen und die Eisen stellen; Eros will immer Gründe und weiß

zu raten; sein ganzes Leben lang philosophiert er und kann verhexen und

zaubern und ist ein großer Sophist. Da er nun nicht Gott und nicht

Mensch geboren ist, so blüht er bald und ist voll Leben, bald ist er

müde und stirbt hin, und das alles oft an demselben Tage; aber immer

wieder lebt er auf, denn der Vater steckt in ihm. Was er heute erwirbt,

das verliert er morgen, und so ist Eros nicht reich und nicht arm. Und

er ist immer zwischen der Weisheit und der Torheit in der Mitte, ich

meine das so: Von den Göttern ist niemand das, was wir Philosoph

nennen, und kein Gott hat den Wunsch, weise zu werden. Denn die Götter

sind ja weise, und jeder, der schon weise ist, ist kein Philosoph. Aber

auch die Unwissenden dürfen nicht Philosophen heißen, auch sie haben

nicht den Wunsch, weise zu werden. Denn das gerade ist das Bittere an

der Torheit: der Tor ist weder schön, noch gut, noch verständig, und

dennoch hält er sich dafür. Der Tor hat nie den Wunsch nach dem, was ihm

fehlt, da er der Meinung ist, es fehle ihm nichts.< >Und wer sind nun,

Diotima, die Philosophen, wenn es weder die Weisen noch die Toren sein

können?< >Das weiß jetzt doch jedes Kind, Sokrates: die Philosophen sind

eben auch zwischen beiden, und zwischen diesen ist dann auch Eros. Die

Weisheit strebt nach der letzten Schönheit, und Eros ist die Liebe zu

allem Schönen: es liebt Eros also auch die Weisheit, und darum ist Eros

ein Philosoph, Sokrates, ja, ja, ein Philosoph, denn der Philosoph ist

nicht weise und nicht unwissend und ist zwischen den Weisen und den

Toren in der Mitte. Und auch das ist nur das Blut in Eros: denn sein

Vater war weise und wußte sich zu helfen, und seine Mutter war arm und

töricht. Das und nur so, Freund, ist die Natur des Heilands; was du für

Eros gehalten hast, das war nichts. Nach allem, was du mir sagtest, mußt

du gemeint haben, Eros sei alles Geliebte und nicht der, welcher liebt.

Und darum erschien dir Eros von so vollkommener Schönheit zu sein. Denn,

was wir lieben, das ist ja natürlich immer schön und zart und vollendet

und selig. Der aber, welcher liebt, ist anderer Art, und ich habe dir

sein Bild gegeben.< >Und du hast wahr von ihm gesprochen, Gastfreund,<

sprach ich.

>Wenn das nun Eros ist, welchen Nutzen haben dann die Menschen von

diesem Heiland?< >Auch darüber, Sokrates, will ich dich aufzuklären

versuchen. Wie ich ihn dir beschrieb, so ist Eros, so wurde er geboren,

und sein Begehren ist -- so sagtest du doch -- das Schöne. Wenn man uns

nun jetzt fragte: Sokrates und Diotima, wie und warum aber begehrt Eros

das Schöne? Nein, ich will noch bestimmter sein und fragen: Was will der

Liebende von dem Schönen, das er begehrt?< >Er will es besitzen,<

antwortete ich. >Ja, er will es besitzen; aber noch eine Frage mußt du

mir beantworten: Was ist dem zu eigen geworden, der das Schöne besitzt?<

>Auf diese Frage kann ich dir nicht gleich antworten!< >Nun, wenn ich

statt des Schönen das Gute setzte und dich fragte: Sokrates, es liebt

einer das Gute, was, glaubst du, will er mit dem Guten?< >Er will, daß

ihm das Gute zu eigen werde!< >Und wie ist der Mensch, dem das Gute zu

eigen wurde?< >Darauf kann ich dir schon leichter antworten: Er ist

heil!< >Ja, er ist heil, heil, und wer durch den Besitz des Guten heil

geworden ist, der ist es wahrhaft und vollendet, und wir brauchen nicht

noch zu fragen, warum er das Heil gewollt hat. Denn hier ist die Frage

zu Ende.< >Ja!< >Und glaubst du, daß dieser Wille, diese Liebe allen

Menschen gemeinsam sei, und daß alle an dem Guten teilhaben wollen?<

>Ja, diese Liebe ist allen Menschen gemeinsam!< >Müßten wir also darum

nicht sagen, daß alle Menschen lieben, wenn alle dasselbe und immer

lieben, oder soll es weiter heißen, diese hier lieben, jene dort lieben

nicht?< >Mir war das nie ganz klar!< >Es wird dir klar werden: denn von

dem großen Begriffe Liebe nehmen wir immer nur einen Teil und geben dem

Teil den Namen des Ganzen und nennen ihn Liebe; das übrige findet dann

andere Namen!< >Wie ist das?< >So -- du weißt doch, daß der Begriff

Schöpfung sehr weit ist. Wer irgend ein Ding aus dem Nichts zum Dasein

bringt, der hat das Ding geschaffen, und so ist die Arbeit in allen

Künsten ein Schaffen, und alle Meister sind Schöpfer!< >Ja, da sprichst

du wahr!< >Und doch heißen sie nicht so, sondern haben andere Namen, und

nur einem Teil, dem Werke der Musiker und Dichter, wird der Name des

Ganzen, Schöpfung, zugesprochen. Und nur ihr Werk heißt Schöpfung, und

nur diese Künstler Schöpfer. Ein gleiches gilt nun von dem Begriff der

Liebe. Im allgemeinen ist zwar alles Streben nach dem Guten, alles

Streben nach dem Heile Liebe, aber die Menschen wollen das Gute und das

Heil eben auf vielen eigenen Wegen finden: der eine will es, indem er

viel Geld verdient, der andere indem er seinen Körper bildet, der dritte

als Philosoph; und von diesen allen sagt eigentlich niemand, daß sie

lieben, und niemand nennt sie verliebt. Und nur von jenen sagt man es,

und nur jene heißen so und haben den Begriff des Ganzen, die eben mit

allem Ehrgeiz nach jenem einzigen Ziele streben.< >Ich glaube, du hast

recht!< >Es heißt so oft unter uns: nur wer seine eigene Hälfte sucht,

liebt. Ich aber sage dir, die Liebe will nicht die eigene Hälfte und die

Liebe will nicht das eigene Ganze, wenn beides, Freund, nicht ein Gutes

ist. Die Menschen schneiden sich ja die eigenen Hände und die eigenen

Füße weg, wenn die eigenen Hände und die eigenen Füße sie ärgern. Nein,

Sokrates, die Menschen mögen das Eigene nicht mehr als das Fremde, es

sei denn, daß jemand das Gute ein Eigenes und das Böse ein Fremdes

heiße. Denn nur das Gute und nichts anderes als das Gute lieben die

Menschen. Ist das nicht auch dein Glauben, Sokrates?< >Bei Zeus, ja,

das ist auch mein Glauben!< >Aber auch hier dürfen wir nicht einfach

behaupten: die Menschen lieben das Gute. Auch hier müssen wir

hinzusetzen: die Liebe der Menschen will das Gute, die Tugend besitzen,

nicht wahr?< >Ja!< >Und sie will es nicht nur heute und morgen haben,

die Liebe will es ewig besitzen!< >Ja!< >Ich fasse also zusammen und

sage: die Liebe der Menschen ist das Streben nach dem Besitz des Guten,

nach der Tugend.< >Und damit hast du eine große Wahrheit ausgesprochen!<

>Wenn, Sokrates, das also die Liebe ist, wie folgen aber die Menschen

der Liebe, oder wie wirkt sie in den Menschen, wozu spannt die Liebe

sie? Worin äußert kurz sich die Liebe, kannst du mir das jetzt sagen?<

>Wenn ich das wüßte, würde ich ja nicht vor deiner Weisheit, Diotima,

staunen und zu dir gekommen sein, um von ihr zu lernen.< >So will ich

dir auch das sagen. Die Liebe ist das Zeugen in dem Schönen, das Zeugen,

Sokrates, in schönen Körpern und in edlen Seelen, verstehst du mich?<

>Du sprichst wie ein Orakel, und ein Seher nur vermöchte dich zu deuten,

Diotima; ich verstehe dich nicht!< >So will ich deutlicher sein. Allen

Menschen reift im Leibe und in der Seele der Samen, und es kommt die

Zeit, da die Natur in uns zeugen will. In das Häßliche aber kann die

Natur nicht den Samen legen, und nur im Schönen will sie zeugen. Das

Zeugen und die Geburt, Sokrates, beides ist ein Göttliches in uns, und

unsterblich sind alle sterblichen Geschöpfe, so sie zeugen und gebären.

In dem nun, was ihm widerspricht, vermag das Göttliche nicht zu zeugen,

und das Häßliche lebt wider alles Göttliche, und nur das Schöne darf und

will sich ihm einen. Und darum ist die Schönheit auch Geburtsgöttin, und

die Schönheit entbindet. Wenn also einer, dessen Samen voll ist, einem

Schönen begegnet, so ist die Sehnsucht hell und die Begierde frei in

ihm, und er zeugt die neue Geburt. Vor dem Häßlichen aber wird sein

Blick trübe und der Mensch ist matt und zieht sich in sich zurück und

rollt sich ein wie ein Tier und will nicht zeugen und will nicht gebären

und verhält den Samen und verhält die Frucht und leidet. Denn in dem,

dessen Samen voll und dessen Frucht reif ist, lebt das Begehren nach dem

Schönen, weil nur das Schöne seine Brunst löscht und seine Wehen stillt.

Die Liebe will also nicht eigentlich das Schöne, so wie du es meinst,

Sokrates?< >Sondern?< >Die Liebe will im Schönen zeugen und das Schöne

gebären!< >Jetzt verstehe ich dich!< >Ja, so ist es auch. Und warum,

frage ich weiter, will die Liebe im Schönen zeugen und das Schöne

gebären? Weil ewig und unsterblich alles Sterbliche ist, so es gebiert

und zeugt. Und weiter: wenn die Liebe das Gute ewig besitzen will, so

muß sie mit dem Guten auch die Unsterblichkeit begehren. Und es verlangt

auch, Sokrates, die Liebe nach Unsterblichkeit, die Liebe verlangt

danach: das folgt aus allem, was wir gesagt haben.<

So lehrte mich die hohe Frau, so oft sie von der Liebe sprach, und

einmal stellte sie mir folgende Frage: >Sokrates, was hältst du nun für

die Ursache dieser Liebe, dieses großen Begehrens in der Natur? Hast du

nicht auch schon beobachtet, wie aufgeregt und wild die Tiere sind, wenn

sie zeugen und gebären wollen, wie alles, was da kriecht und fliegt,

dann wie von einer Krankheit befallen ist? Hast du nie die Wollust

beobachtet, mit der Tiere sich begatten, und wie die Weibchen, wenn sie

geboren haben, alle Liebe für ihre Brut haben, wie die Schwächsten gegen

die Stärksten ihre Brut verteidigen, ja für sie sterben können, wie

diese Hunger leidet, damit nur die Jungen Nahrung haben, das alles und

anderes wirst du doch schon beobachtet haben? Die Menschen könnten ja

dasselbe nur aus Vernunft tun: warum ist aber den Tieren diese Liebe

gegeben, kannst du mir das sagen?< Da ich erwiderte, ich wüßte es nicht

zu sagen, rief sie: >Und du willst gerade von der Liebe viel verstehen,

und weißt das nicht!< >Aber darum bin ich ja zu dir gekommen, Diotima;

ich weiß ja, daß ich noch Lehrer brauche. Nenne du mir also die

Ursache!< >Wenn du dich an das, was wir über das Wesen der Liebe

vereinbart haben, zu halten weißt, so wirst du auch das folgende

verstehen. Wir sagten dort, die sterbliche Natur suche, so weit es ihr

möglich ist, zu dauern, unsterblich zu sein. Nun aber vermag die Natur

nur dadurch zu dauern, daß sie stets das Alte einem Neuen zuliebe

verläßt. Wo es immer heißt: hier lebt das Lebendige und hier bleibt es

sich gleich, dort verändert es sich trotzdem fort und fort. Es trägt ja

auch der Mensch von der Jugend bis ins Alter denselben Namen. Er trägt

denselben Namen, trotzdem er sich stets verändert, erneut, die Haare, am

Fleisch, am Blut, an der Kraft der Knochen verliert. Und was hier am

Leibe, geschieht dort an der Seele: die Sitten, Gesinnungen, Meinungen,

Begierden, Freuden, Schmerzen bleiben nie dieselben; hier gibt der

Mensch Altes auf und dort gewinnt er Neues. Und was noch viel

sonderbarer, ja ungelegener erscheint: nicht nur von den Kenntnissen

sind die einen heute für uns lebendig und die anderen morgen tot, und

wir selbst verändern uns in und an unseren Kenntnissen, sondern auch

jede einzelne Kenntnis erfährt da dasselbe. Wir studieren doch nur

darum, weil wir voraussetzen, daß unsere Kenntnisse sich immer wieder

verlieren. Wir vergessen, und erst Besinnung und Arbeit bringen das

Verlorene wieder und -- wie soll ich sagen -- retten das Wissen, so daß

es dann dasselbe geblieben zu sein scheint. Und so, Sokrates, wird es

immer wieder gerettet -- alles Sterbliche und bleibt heil; es ist nicht

gleich dem Göttlichen ein ewig Währendes und Gleiches, aber was da

scheidet und alt geworden ist, läßt stets ein Neues, das ihm gleicht,

zurück. Und nur in dieser Weise, Sokrates, nimmt das Sterbliche an der

Unsterblichkeit teil. In anderer Weise wäre es ihm ja nicht möglich.

Wundere dich nicht mehr, daß die ganze Natur ihr eigenes Blut liebt und

ehrt: sie tut es um der Unsterblichkeit willen, nach der sie langt!<

Und da ich diese Worte hörte, war ich wieder sehr erstaunt und rief:

>Weisestes Weib, ist das alles wirklich so, wie du es sagst?< und da

fuhr sie denn wie ein vollendeter Sophist fort: >Wie sollte es denn

sein, o Sokrates! Wenn du an den Ehrgeiz der Menschen denkst, du müßtest

ja da über dessen Sinnlosigkeit staunen, wenn du nicht an meine Worte

denkst und dir gegenwärtig hältst, wie stark die Menschen das Verlangen

ergreift, berühmt zu werden und den Ruhm bis in die Ewigkeit zu

besitzen, und wie darum die Menschen für den Ruhm mehr als für ihre

Kinder, Gefahren zu suchen, Geld zu verschwenden, Mühen zu dulden, ja

zu sterben bereit sind. Oder meinst du, Alkestis würde für Admetos

gestorben, Achilleus dem Patroklos nachgestorben sein und euer Kodros

für das Königtum seiner Kinder sein Leben gelassen haben, wenn sie nicht

an das ewige Gedächtnis ihrer großen Liebe, das wir ihnen heute noch

halten, geglaubt hätten? O nein; für »die Tugend der Unsterblichkeit«,

für den »strahlenden Ruhm« haben sie und alle alles getan; und je edler

sie waren, um so mehr haben die Menschen für den Ruhm getan; denn es

lieben die Menschen über alles die Unsterblichkeit. Wer im Leibe zeugen

will, den zieht es zum Weibe hin, und die Kinder schon sollen ihm

»Unsterblichkeit und Erinnerung und Glück«, wie er dann sagt, »in die

Zukunft tragen«. Neben diesem aber leben jene anderen, welche lieber in

den Seelen das, was die Seele empfangen und gebären soll, die Einsicht

und die Tugend zeugen wollen. Und in diesem Sinne sind alle Dichter

Zeuger, und jene, die im Handwerk als Erfinder gelten, sind Zeuger,

und die höchste und schönste Einsicht, ich meine das Maß und die

Gerechtigkeit zeugen in den Seelen jene, so da den Staat zu ordnen und

die Familie zu erhalten wissen. Wenn nun einem dieser Gottgleichen in

der Seele der Samen der Tugend von Jugend an gereift ist und er, da die

Zeit gekommen ist, zeugen will, da geht er aus und blickt umher und

sucht das Schöne, in welchem sein Samen zur Frucht werde. Im Häßlichen,

im Gemeinen wird er nicht zeugen, nein. Es liebt schon die schönen

Leiber mehr als die häßlichen, wer da zeugen will -- und wo dieser der

schönen, edlen und echtgeborenen Seele begegnet, da ist seine Liebe zum

Leib und zur Seele, zu beiden, gar groß, und für einen solchen Menschen

hat er dann viele Worte von der Tugend und von allem, was der Edle tun

und womit er sich beschäftigen soll, und er sucht den Geliebten zu

erziehen. Er hängt dann an ihm, dem Schönen, und weckt ihn und folgt

ihm und gießt in ihn den reifen Samen und läßt ihn seine Art gebären.

Ob er bei ihm oder fern ist, er kann ihn nicht mehr vergessen, und mit

ihm wacht er über der neuen Geburt; und stärker, als ein leibliches

Geschlecht Mann und Weib einigt, verbindet diese die Freunde, denn sie

teilen sich in ein schöneres, göttliches Geschlecht ihrer Seelen. Und

wer möchte auch nicht leiblichen Kindern dieses Geschlecht vorziehen,

wenn er Homer sieht und Hesiod und den anderen edlen Dichtern

nachstrebt, die da ein Geschlecht zurückgelassen haben, das ihnen ewigen

Ruhm und dauernde Erinnerung brachte, oder, wenn du willst, so er auf

die Kinder des Lykurgos blickt, die Gesetze, die dieser hinterließ, und

die Lakedaimon, ja ganz Griechenland gerettet haben. Und ehrwürdig ist

auch Solon, weil er in euch die Gesetze gezeugt hat, und ehrwürdig in

Hellas und bei den Barbaren sind all die vielen Männer, die durch edle

Taten überall die Tugend gezeugt haben. Und ihnen sind um dieser Kinder

willen und nie dem Geschlecht ihres Blutes und Namens zu Danke die

vielen Altäre gebaut worden.

Platons Gastmahl · 第 3 / 5 段