habe ich von Diotima, einer Frau aus Mantineia, gehört; sie war darin
und in vielen anderen Dingen weise, es war dieselbe Diotima, die damals
den Athenern, als diese zur Abwehr der Pest Opfer feierten, von den
Göttern einen Aufschub der Seuche auf zehn Jahre erwirkte; wenn auch ich
heute um die Liebe weiß, so hat Diotima es mich gelehrt, und ihre Worte
will ich euch im Anschlusse an das, worin Agathon und ich uns oben
geeinigt haben, wiedergeben, so gut ich es noch kann. Zunächst also,
Agathon, will auch ich sagen, wer und welcher Art Eros sei, und dann
werde ich erst von seinen Werken reden. Ich glaube, ich erzähle euch
alles am besten so, wie die fremde Frau damals durch Fragen mich es
lehrte. Denn wisset, ich sprach zu ihr zuerst genau so, wie du, Agathon,
zu mir gesprochen hast: ich behauptete, Eros sei ein großer Gott und er
sei schön, und da widerlegte sie mich mit denselben Worten, mit denen
ich Agathon widerlegen mußte, und sagte, der Gott sei weder, wie ich es
meine, schön noch gut. Ich rief da gleich: >Wie redest du nur, Diotima,
Eros wäre also häßlich und böse?< Doch sie antwortete: >Du lästerst,
Sokrates, lästere nicht! Glaubst du, was nicht schön sei, müsse darum
gleich häßlich sein?< >Nein!< >Oder, was nicht weise sei, müsse darum
gleich töricht sein? Hast du denn nie erfahren, daß etwas zwischen der
Weisheit und der Unwissenheit da sei?< >Was ist dieses?< >Wenn einer
zwar richtig wahrnimmt, aber keinen Grund dafür weiß, nennst du das
schon Verständnis? Wie könnten wir das verstehen, wozu wir keinen Grund
wissen! Und doch ist das noch nicht Unwissenheit: wer das Richtige
trifft, kann doch nicht unwissend sein. Wir müssen es eine richtige
Meinung, Wahrnehmung nennen, und diese liegt immer zwischen dem
Verständnis und der Unwissenheit!< >Da hast du wohl recht, Diotima!<
>Zwinge mir also ja nicht mehr das, was nicht schön ist, häßlich und,
was noch nicht gut ist, böse zu sein, und glaube noch weniger, daß Eros
häßlich und böse sei, weil er, wie du es ja jetzt zugibst, weder schön
noch gut ist; auch Eros ist etwas in der Mitte von beiden und zwischen
schön und häßlich und zwischen gut und böse!<
>Aber alle<, entgegnete ich da, >sind doch darin einig und nennen Eros
einen mächtigen Gott!< >Wer nennt ihn so, Sokrates, sind es die
Wissenden oder die Unwissenden?< >Alle, Diotima, ich sage, alle!< Und
jetzt lachte sie: >Gilt also Eros auch jenen als ein mächtiger Gott, die
da behaupten, Eros sei überhaupt kein Gott?< >Wer behauptet es denn?<
>Der eine bist du, Sokrates, und der andere ich!< >Ich verstehe dich
nicht!< >Und es ist doch so einfach! Sage, Sokrates: heißest du nicht
alle, alle Götter heil, würdest du den Mut haben zu behaupten, dieser
oder jener unter den Göttern wäre nicht heil?< >Nein, bei Zeus,
niemals!< >Und nennst du weiter nicht jene Wesen heil, die alles Gute,
alles Schöne besitzen?< >Ja, natürlich!< >Du hast ja aber doch
eingesehen, daß Eros das Gute und Schöne begehre, weil er beides nicht
besitzt.< >Ja!< >Wie könnte also der ein Gott sein, dem kein Teil am
Schönen und am Guten ward? Wie wäre das möglich?< >Es ist nicht möglich,
Diotima!< >Sieh, also auch du nennst Eros nicht Gott!<
>Was aber ist dann Eros, wenn er kein Gott ist? Gehört Eros zu den
Sterblichen?< >O nein!< >Ja, was ist er, sprich?< >Wir sahen es doch
eben, Eros sei in der Mitte; Eros ist in der Mitte zwischen dem
Unsterblichen und dem Sterblichen!< >Und?< >Ein Dämon, Sokrates, ist
Eros, ein großer Dämon, ein Heiland, und alles Dämonische, alles
Heilende lebt zwischen Gott und Mensch!< >Und wo ist dann seine Macht?<
>Der Dämon ist immer der Bote: er bringt den Göttern das Flehen und die
Opfer der Menschen, und er kündet den Menschen, was die Götter sie
heißen, und er kündet die Gnade der Götter, der Heiland ist in der Mitte
und er füllt die Kluft zwischen den Unsterblichen und den Sterblichen,
und das All ist durch den Heiland gebunden. Durch ihn kommt alles
Schauen den Sehern, und durch den Heiland gehen die Opfer und Weihen! Es
mischt sich ja nie der Gott mit dem Menschen: durch den Dämon verkehren
Götter mit Menschen und durch den Heiland reden Götter zu Menschen: zu
den Wachen und dann, wenn die Menschen der Schlaf umfängt. Wer das schon
begreift, in dem ist der Heiland; die anderen alle, die da Künste
können und Fertigkeiten haben, sind ja nur Handwerker. Und es gibt der
Heilenden viele, und sie sind vielfacher Art, und einer von ihnen ist
Eros!< >Und hat Eros einen Vater, Diotima, eine Mutter?< >Das ist lang,
aber ich will es dir erzählen: Da Aphrodite geboren wurde, feierten die
Götter deren Geburt und hatten ein großes Mahl, und mit den Göttern saß
auch der Reichtum, der Sohn der Erfindsamkeit. Da sie nun gegessen
hatten, kam die Armut und wollte etwas von dem Überflusse haben und
blieb vor der Tür stehen, gleich den Bettlern. Nun geschah es, daß der
Reichtum zu viel vom Nektar getrunken hatte -- es gab ja damals noch
keinen Wein -- und daß er schwer und berauscht in des Zeus Garten ging
und dort einschlief. Und das gab jetzt der Armut ihre eigene List ein:
sie dachte sich, weil ich arm bin, so will ich vom Reichtum ein Kind
haben, und die Armut legte sich zum Reichtum, und die Armut empfing vom
Reichtum den Eros. Und weil nun Eros am Geburtstage der Aphrodite
gezeugt wurde, so ist er jetzt deren Diener und Herold, und da Aphrodite
schön ist, so ist Eros von Natur aus in alles Schöne verliebt. Dann
aber, weil Eros der Sohn des Reichtums und der Armut ist, so hat er
beider Natur und Zeichen. Eros ist seiner Mutter Sohn und darum ganz arm
und gar nicht weich und schön, wie viele meinen; o nein, Eros ist hart
und dürr und läuft barfuß herum und hat kein Dach, das ihn schützte; auf
der nackten Erde ohne Lager muß er schlafen; vor allen Türen triffst du
ihn, auf den Straßen unter freiem Himmel liegt er: Eros hat der Mutter
Art, und die Armut läßt nicht von ihm. Dann aber ist Eros auch seines
Vaters Sohn und ist, wie dieser, voll List nach allem, was schön ist und
edel; er ist kühn und frech und stark, ein gewaltiger Jäger und er kann
die Netze knüpfen und die Eisen stellen; Eros will immer Gründe und weiß
zu raten; sein ganzes Leben lang philosophiert er und kann verhexen und
zaubern und ist ein großer Sophist. Da er nun nicht Gott und nicht
Mensch geboren ist, so blüht er bald und ist voll Leben, bald ist er
müde und stirbt hin, und das alles oft an demselben Tage; aber immer
wieder lebt er auf, denn der Vater steckt in ihm. Was er heute erwirbt,
das verliert er morgen, und so ist Eros nicht reich und nicht arm. Und
er ist immer zwischen der Weisheit und der Torheit in der Mitte, ich
meine das so: Von den Göttern ist niemand das, was wir Philosoph
nennen, und kein Gott hat den Wunsch, weise zu werden. Denn die Götter
sind ja weise, und jeder, der schon weise ist, ist kein Philosoph. Aber
auch die Unwissenden dürfen nicht Philosophen heißen, auch sie haben
nicht den Wunsch, weise zu werden. Denn das gerade ist das Bittere an
der Torheit: der Tor ist weder schön, noch gut, noch verständig, und
dennoch hält er sich dafür. Der Tor hat nie den Wunsch nach dem, was ihm
fehlt, da er der Meinung ist, es fehle ihm nichts.< >Und wer sind nun,
Diotima, die Philosophen, wenn es weder die Weisen noch die Toren sein
können?< >Das weiß jetzt doch jedes Kind, Sokrates: die Philosophen sind
eben auch zwischen beiden, und zwischen diesen ist dann auch Eros. Die
Weisheit strebt nach der letzten Schönheit, und Eros ist die Liebe zu
allem Schönen: es liebt Eros also auch die Weisheit, und darum ist Eros
ein Philosoph, Sokrates, ja, ja, ein Philosoph, denn der Philosoph ist
nicht weise und nicht unwissend und ist zwischen den Weisen und den
Toren in der Mitte. Und auch das ist nur das Blut in Eros: denn sein
Vater war weise und wußte sich zu helfen, und seine Mutter war arm und
töricht. Das und nur so, Freund, ist die Natur des Heilands; was du für
Eros gehalten hast, das war nichts. Nach allem, was du mir sagtest, mußt
du gemeint haben, Eros sei alles Geliebte und nicht der, welcher liebt.
Und darum erschien dir Eros von so vollkommener Schönheit zu sein. Denn,
was wir lieben, das ist ja natürlich immer schön und zart und vollendet
und selig. Der aber, welcher liebt, ist anderer Art, und ich habe dir
sein Bild gegeben.< >Und du hast wahr von ihm gesprochen, Gastfreund,<
sprach ich.
>Wenn das nun Eros ist, welchen Nutzen haben dann die Menschen von
diesem Heiland?< >Auch darüber, Sokrates, will ich dich aufzuklären
versuchen. Wie ich ihn dir beschrieb, so ist Eros, so wurde er geboren,
und sein Begehren ist -- so sagtest du doch -- das Schöne. Wenn man uns
nun jetzt fragte: Sokrates und Diotima, wie und warum aber begehrt Eros
das Schöne? Nein, ich will noch bestimmter sein und fragen: Was will der
Liebende von dem Schönen, das er begehrt?< >Er will es besitzen,<
antwortete ich. >Ja, er will es besitzen; aber noch eine Frage mußt du
mir beantworten: Was ist dem zu eigen geworden, der das Schöne besitzt?<
>Auf diese Frage kann ich dir nicht gleich antworten!< >Nun, wenn ich
statt des Schönen das Gute setzte und dich fragte: Sokrates, es liebt
einer das Gute, was, glaubst du, will er mit dem Guten?< >Er will, daß
ihm das Gute zu eigen werde!< >Und wie ist der Mensch, dem das Gute zu
eigen wurde?< >Darauf kann ich dir schon leichter antworten: Er ist
heil!< >Ja, er ist heil, heil, und wer durch den Besitz des Guten heil
geworden ist, der ist es wahrhaft und vollendet, und wir brauchen nicht
noch zu fragen, warum er das Heil gewollt hat. Denn hier ist die Frage
zu Ende.< >Ja!< >Und glaubst du, daß dieser Wille, diese Liebe allen
Menschen gemeinsam sei, und daß alle an dem Guten teilhaben wollen?<
>Ja, diese Liebe ist allen Menschen gemeinsam!< >Müßten wir also darum
nicht sagen, daß alle Menschen lieben, wenn alle dasselbe und immer
lieben, oder soll es weiter heißen, diese hier lieben, jene dort lieben
nicht?< >Mir war das nie ganz klar!< >Es wird dir klar werden: denn von
dem großen Begriffe Liebe nehmen wir immer nur einen Teil und geben dem
Teil den Namen des Ganzen und nennen ihn Liebe; das übrige findet dann
andere Namen!< >Wie ist das?< >So -- du weißt doch, daß der Begriff
Schöpfung sehr weit ist. Wer irgend ein Ding aus dem Nichts zum Dasein
bringt, der hat das Ding geschaffen, und so ist die Arbeit in allen
Künsten ein Schaffen, und alle Meister sind Schöpfer!< >Ja, da sprichst
du wahr!< >Und doch heißen sie nicht so, sondern haben andere Namen, und
nur einem Teil, dem Werke der Musiker und Dichter, wird der Name des
Ganzen, Schöpfung, zugesprochen. Und nur ihr Werk heißt Schöpfung, und
nur diese Künstler Schöpfer. Ein gleiches gilt nun von dem Begriff der
Liebe. Im allgemeinen ist zwar alles Streben nach dem Guten, alles
Streben nach dem Heile Liebe, aber die Menschen wollen das Gute und das
Heil eben auf vielen eigenen Wegen finden: der eine will es, indem er
viel Geld verdient, der andere indem er seinen Körper bildet, der dritte
als Philosoph; und von diesen allen sagt eigentlich niemand, daß sie
lieben, und niemand nennt sie verliebt. Und nur von jenen sagt man es,
und nur jene heißen so und haben den Begriff des Ganzen, die eben mit
allem Ehrgeiz nach jenem einzigen Ziele streben.< >Ich glaube, du hast
recht!< >Es heißt so oft unter uns: nur wer seine eigene Hälfte sucht,
liebt. Ich aber sage dir, die Liebe will nicht die eigene Hälfte und die
Liebe will nicht das eigene Ganze, wenn beides, Freund, nicht ein Gutes
ist. Die Menschen schneiden sich ja die eigenen Hände und die eigenen
Füße weg, wenn die eigenen Hände und die eigenen Füße sie ärgern. Nein,
Sokrates, die Menschen mögen das Eigene nicht mehr als das Fremde, es
sei denn, daß jemand das Gute ein Eigenes und das Böse ein Fremdes
heiße. Denn nur das Gute und nichts anderes als das Gute lieben die
Menschen. Ist das nicht auch dein Glauben, Sokrates?< >Bei Zeus, ja,
das ist auch mein Glauben!< >Aber auch hier dürfen wir nicht einfach
behaupten: die Menschen lieben das Gute. Auch hier müssen wir
hinzusetzen: die Liebe der Menschen will das Gute, die Tugend besitzen,
nicht wahr?< >Ja!< >Und sie will es nicht nur heute und morgen haben,
die Liebe will es ewig besitzen!< >Ja!< >Ich fasse also zusammen und
sage: die Liebe der Menschen ist das Streben nach dem Besitz des Guten,
nach der Tugend.< >Und damit hast du eine große Wahrheit ausgesprochen!<
>Wenn, Sokrates, das also die Liebe ist, wie folgen aber die Menschen
der Liebe, oder wie wirkt sie in den Menschen, wozu spannt die Liebe
sie? Worin äußert kurz sich die Liebe, kannst du mir das jetzt sagen?<
>Wenn ich das wüßte, würde ich ja nicht vor deiner Weisheit, Diotima,
staunen und zu dir gekommen sein, um von ihr zu lernen.< >So will ich
dir auch das sagen. Die Liebe ist das Zeugen in dem Schönen, das Zeugen,
Sokrates, in schönen Körpern und in edlen Seelen, verstehst du mich?<
>Du sprichst wie ein Orakel, und ein Seher nur vermöchte dich zu deuten,
Diotima; ich verstehe dich nicht!< >So will ich deutlicher sein. Allen
Menschen reift im Leibe und in der Seele der Samen, und es kommt die
Zeit, da die Natur in uns zeugen will. In das Häßliche aber kann die
Natur nicht den Samen legen, und nur im Schönen will sie zeugen. Das
Zeugen und die Geburt, Sokrates, beides ist ein Göttliches in uns, und
unsterblich sind alle sterblichen Geschöpfe, so sie zeugen und gebären.
In dem nun, was ihm widerspricht, vermag das Göttliche nicht zu zeugen,
und das Häßliche lebt wider alles Göttliche, und nur das Schöne darf und
will sich ihm einen. Und darum ist die Schönheit auch Geburtsgöttin, und
die Schönheit entbindet. Wenn also einer, dessen Samen voll ist, einem
Schönen begegnet, so ist die Sehnsucht hell und die Begierde frei in
ihm, und er zeugt die neue Geburt. Vor dem Häßlichen aber wird sein
Blick trübe und der Mensch ist matt und zieht sich in sich zurück und
rollt sich ein wie ein Tier und will nicht zeugen und will nicht gebären
und verhält den Samen und verhält die Frucht und leidet. Denn in dem,
dessen Samen voll und dessen Frucht reif ist, lebt das Begehren nach dem
Schönen, weil nur das Schöne seine Brunst löscht und seine Wehen stillt.
Die Liebe will also nicht eigentlich das Schöne, so wie du es meinst,
Sokrates?< >Sondern?< >Die Liebe will im Schönen zeugen und das Schöne
gebären!< >Jetzt verstehe ich dich!< >Ja, so ist es auch. Und warum,
frage ich weiter, will die Liebe im Schönen zeugen und das Schöne
gebären? Weil ewig und unsterblich alles Sterbliche ist, so es gebiert
und zeugt. Und weiter: wenn die Liebe das Gute ewig besitzen will, so
muß sie mit dem Guten auch die Unsterblichkeit begehren. Und es verlangt
auch, Sokrates, die Liebe nach Unsterblichkeit, die Liebe verlangt
danach: das folgt aus allem, was wir gesagt haben.<
So lehrte mich die hohe Frau, so oft sie von der Liebe sprach, und
einmal stellte sie mir folgende Frage: >Sokrates, was hältst du nun für
die Ursache dieser Liebe, dieses großen Begehrens in der Natur? Hast du
nicht auch schon beobachtet, wie aufgeregt und wild die Tiere sind, wenn
sie zeugen und gebären wollen, wie alles, was da kriecht und fliegt,
dann wie von einer Krankheit befallen ist? Hast du nie die Wollust
beobachtet, mit der Tiere sich begatten, und wie die Weibchen, wenn sie
geboren haben, alle Liebe für ihre Brut haben, wie die Schwächsten gegen
die Stärksten ihre Brut verteidigen, ja für sie sterben können, wie
diese Hunger leidet, damit nur die Jungen Nahrung haben, das alles und
anderes wirst du doch schon beobachtet haben? Die Menschen könnten ja
dasselbe nur aus Vernunft tun: warum ist aber den Tieren diese Liebe
gegeben, kannst du mir das sagen?< Da ich erwiderte, ich wüßte es nicht
zu sagen, rief sie: >Und du willst gerade von der Liebe viel verstehen,
und weißt das nicht!< >Aber darum bin ich ja zu dir gekommen, Diotima;
ich weiß ja, daß ich noch Lehrer brauche. Nenne du mir also die
Ursache!< >Wenn du dich an das, was wir über das Wesen der Liebe
vereinbart haben, zu halten weißt, so wirst du auch das folgende
verstehen. Wir sagten dort, die sterbliche Natur suche, so weit es ihr
möglich ist, zu dauern, unsterblich zu sein. Nun aber vermag die Natur
nur dadurch zu dauern, daß sie stets das Alte einem Neuen zuliebe
verläßt. Wo es immer heißt: hier lebt das Lebendige und hier bleibt es
sich gleich, dort verändert es sich trotzdem fort und fort. Es trägt ja
auch der Mensch von der Jugend bis ins Alter denselben Namen. Er trägt
denselben Namen, trotzdem er sich stets verändert, erneut, die Haare, am
Fleisch, am Blut, an der Kraft der Knochen verliert. Und was hier am
Leibe, geschieht dort an der Seele: die Sitten, Gesinnungen, Meinungen,
Begierden, Freuden, Schmerzen bleiben nie dieselben; hier gibt der
Mensch Altes auf und dort gewinnt er Neues. Und was noch viel
sonderbarer, ja ungelegener erscheint: nicht nur von den Kenntnissen
sind die einen heute für uns lebendig und die anderen morgen tot, und
wir selbst verändern uns in und an unseren Kenntnissen, sondern auch
jede einzelne Kenntnis erfährt da dasselbe. Wir studieren doch nur
darum, weil wir voraussetzen, daß unsere Kenntnisse sich immer wieder
verlieren. Wir vergessen, und erst Besinnung und Arbeit bringen das
Verlorene wieder und -- wie soll ich sagen -- retten das Wissen, so daß
es dann dasselbe geblieben zu sein scheint. Und so, Sokrates, wird es
immer wieder gerettet -- alles Sterbliche und bleibt heil; es ist nicht
gleich dem Göttlichen ein ewig Währendes und Gleiches, aber was da
scheidet und alt geworden ist, läßt stets ein Neues, das ihm gleicht,
zurück. Und nur in dieser Weise, Sokrates, nimmt das Sterbliche an der
Unsterblichkeit teil. In anderer Weise wäre es ihm ja nicht möglich.
Wundere dich nicht mehr, daß die ganze Natur ihr eigenes Blut liebt und
ehrt: sie tut es um der Unsterblichkeit willen, nach der sie langt!<
Und da ich diese Worte hörte, war ich wieder sehr erstaunt und rief:
>Weisestes Weib, ist das alles wirklich so, wie du es sagst?< und da
fuhr sie denn wie ein vollendeter Sophist fort: >Wie sollte es denn
sein, o Sokrates! Wenn du an den Ehrgeiz der Menschen denkst, du müßtest
ja da über dessen Sinnlosigkeit staunen, wenn du nicht an meine Worte
denkst und dir gegenwärtig hältst, wie stark die Menschen das Verlangen
ergreift, berühmt zu werden und den Ruhm bis in die Ewigkeit zu
besitzen, und wie darum die Menschen für den Ruhm mehr als für ihre
Kinder, Gefahren zu suchen, Geld zu verschwenden, Mühen zu dulden, ja
zu sterben bereit sind. Oder meinst du, Alkestis würde für Admetos
gestorben, Achilleus dem Patroklos nachgestorben sein und euer Kodros
für das Königtum seiner Kinder sein Leben gelassen haben, wenn sie nicht
an das ewige Gedächtnis ihrer großen Liebe, das wir ihnen heute noch
halten, geglaubt hätten? O nein; für »die Tugend der Unsterblichkeit«,
für den »strahlenden Ruhm« haben sie und alle alles getan; und je edler
sie waren, um so mehr haben die Menschen für den Ruhm getan; denn es
lieben die Menschen über alles die Unsterblichkeit. Wer im Leibe zeugen
will, den zieht es zum Weibe hin, und die Kinder schon sollen ihm
»Unsterblichkeit und Erinnerung und Glück«, wie er dann sagt, »in die
Zukunft tragen«. Neben diesem aber leben jene anderen, welche lieber in
den Seelen das, was die Seele empfangen und gebären soll, die Einsicht
und die Tugend zeugen wollen. Und in diesem Sinne sind alle Dichter
Zeuger, und jene, die im Handwerk als Erfinder gelten, sind Zeuger,
und die höchste und schönste Einsicht, ich meine das Maß und die
Gerechtigkeit zeugen in den Seelen jene, so da den Staat zu ordnen und
die Familie zu erhalten wissen. Wenn nun einem dieser Gottgleichen in
der Seele der Samen der Tugend von Jugend an gereift ist und er, da die
Zeit gekommen ist, zeugen will, da geht er aus und blickt umher und
sucht das Schöne, in welchem sein Samen zur Frucht werde. Im Häßlichen,
im Gemeinen wird er nicht zeugen, nein. Es liebt schon die schönen
Leiber mehr als die häßlichen, wer da zeugen will -- und wo dieser der
schönen, edlen und echtgeborenen Seele begegnet, da ist seine Liebe zum
Leib und zur Seele, zu beiden, gar groß, und für einen solchen Menschen
hat er dann viele Worte von der Tugend und von allem, was der Edle tun
und womit er sich beschäftigen soll, und er sucht den Geliebten zu
erziehen. Er hängt dann an ihm, dem Schönen, und weckt ihn und folgt
ihm und gießt in ihn den reifen Samen und läßt ihn seine Art gebären.
Ob er bei ihm oder fern ist, er kann ihn nicht mehr vergessen, und mit
ihm wacht er über der neuen Geburt; und stärker, als ein leibliches
Geschlecht Mann und Weib einigt, verbindet diese die Freunde, denn sie
teilen sich in ein schöneres, göttliches Geschlecht ihrer Seelen. Und
wer möchte auch nicht leiblichen Kindern dieses Geschlecht vorziehen,
wenn er Homer sieht und Hesiod und den anderen edlen Dichtern
nachstrebt, die da ein Geschlecht zurückgelassen haben, das ihnen ewigen
Ruhm und dauernde Erinnerung brachte, oder, wenn du willst, so er auf
die Kinder des Lykurgos blickt, die Gesetze, die dieser hinterließ, und
die Lakedaimon, ja ganz Griechenland gerettet haben. Und ehrwürdig ist
auch Solon, weil er in euch die Gesetze gezeugt hat, und ehrwürdig in
Hellas und bei den Barbaren sind all die vielen Männer, die durch edle
Taten überall die Tugend gezeugt haben. Und ihnen sind um dieser Kinder
willen und nie dem Geschlecht ihres Blutes und Namens zu Danke die
vielen Altäre gebaut worden.