Und Zeus und alle Götter erwogen, was sie dagegen tun sollten, und waren

recht in Verlegenheit, denn sie konnten weder alle Menschen töten und wie

einst die Giganten mit dem Blitze das ganze Geschlecht niederschlagen --

da wäre es auch mit allem Götterdienst und allen Altären vorbei -- noch

deren Übermut hingehen lassen. Da fiel es aber Zeus ein, und er rief: Ich

habe das Mittel! Ich habe das Mittel gefunden, die Menschen leben zu

lassen und doch ihrem Übermut für immer ein Ende zu machen: ich werde

jeden Menschen in zwei Teile schneiden. Sie werden uns dadurch nicht

nur zahmer, sondern auch von größerem Nutzen sein, denn ihre Zahl wird

gerade noch einmal so groß. Die Menschen werden von nun an auf zwei

Beinen und nur aufrecht gehen. Sollte ihnen aber noch Übermut übrig

geblieben sein, und sollten sie noch immer keine Ruhe geben, so schneide

ich jeden noch einmal entzwei: sie mögen dann auf einem Beine gehen und

hüpfen. Und wie Zeus sprach, so handelte er auch: er nahm die Menschen

her und schnitt jeden in zwei Teile, wie man Birnen, um sie einzukochen,

entzwei schneidet. Und so oft er einen entzwei hatte, ließ er ihm durch

Apollon das Gesicht und den halben Hals nach der Schnittfläche zu

umdrehen, damit der Mensch von nun an, indem sein Blick auf sie gerichtet

ist, züchtiger sei. Auch alles andere, was durch den Schnitt wund ward,

ließ Zeus durch Apollon heilen. Apollon zog also die Haut nach dem

sogenannten Magen hin zusammen und band sie in der Mitte des Magens wie

einen Schnürbeutel ab und ließ eine Öffnung, und diese Öffnung ist unser

Nabel. Apollon glättete dann die vielen Falten, die dadurch entstanden

waren, und bildete die Brust, indem er sich dazu eines Werkzeuges

bediente, wie es die Schuster heute beim Glätten des Leders haben. Nur um

den Nabel und über dem Magen ließ er einige Falten übrig; auch darüber

sollte der Mensch seines alten Leidens nicht vergessen. Als nun auf diese

Weise die ganze Natur entzwei war, kam in jeden Menschen die große

Sehnsucht nach seiner eigenen anderen Hälfte, und die beiden Hälften

schlugen die Arme umeinander und verflochten ihre Leiber und wollten

wieder zusammenwachsen und starben vor Hunger und wild und wirr, denn

keine wollte ohne die andere etwas tun. Wenn aber nur eine Hälfte starb

und die andere am Leben blieb, da suchte diese nach der toten und umarmte

den Leichnam, ob sie nun auf die Hälfte eines ganzen Weibes -- ich meine,

was wir heute Weib nennen -- oder auf die Hälfte eines ganzen Mannes

stieß. Und so ging alles zugrunde. Doch da hatte Zeus Erbarmen mit dem

Menschengeschlechte und schuf ein neues Mittel: Er setzte die Schamteile

nach auswärts. Bisher hatten die Menschen sie rückwärts besessen und wie

die Cikaden in die Erde gezeugt und aus der Erde geboren. Und indem Zeus

die Schamteile also versetzte, ließ er die Menschen ineinander zeugen und

aus sich selbst gebären, damit von jetzt an, wenn der Mann dem Weibe

beischläft, das Geschlecht sich fortpflanze, und wenn der Mann den Mann

umarmt, ihre Begierde gestillt werde und ihr Sinnen sich beruhige und sie

an die Arbeit gehen und so auch für das Allgemeine sorgen. Von dieser

Zeit her, Freunde, ist Eros den Menschen eingeboren und da, damit er die

Menschen zu ihrer alten Natur zurückbringe und aus zwei Wesen eines bilde

und so die verletzte Natur wieder heile. Wenn der Gastfreund von uns

scheidet, so teilen wir mit ihm einen Würfel, und jeder behält die

Hälfte, und später erkennen wir uns an den Hälften. Und jeder Mensch,

möchte ich sagen, ist ein also geteilter Würfel und sucht im Leben die

andere Hälfte des Würfels. Wie die Butten sind wir entzwei geschnitten,

aus einer Butte sind zwei geworden. Alle Männer zunächst, welche aus

jenem Ganzen geschnitten sind, das früher das Mannweib hieß, lieben heute

das Weib -- die Ehebrecher also sind aus diesem Geschlechte, damit ihr

es wißt -- und aus demselben Ganzen sind natürlich auch die Weiber

geschnitten, die da den Mann lieben und ihrerseits die Ehe brechen. Die

Weiber dann, die aus dem alten Geschlechte des ganzen Weibes geschnitten

sind, haben wenig Sinn für den Mann und fühlen sich mehr zum eigenen

Geschlechte hingezogen: die lesbischen Frauen stammen aus diesem

Geschlecht. Und endlich die Männer, die aus dem alten männlichen

Geschlechte geschnitten sind, gehen dem Manne nach. Schon als Knaben

lieben sie die Männer und sind froh, wenn sie Männer umarmen und mit

Männern liegen. Gerade die mutigsten finden wir unter ihnen, da sie

ja doch schon von Natur aus sozusagen die männlichsten sind. Wer sie

schamlos nennt, der lügt. Denn nicht aus Schamlosigkeit handeln sie

so; nein, ihr Mut, ihre Mannhaftigkeit, ihre Männlichkeit liebt eben

ihresgleichen. Und das beweist es: nur sie dienen, reif und zu Männern

geworden, dem Staate. Als Männer lieben sie wieder Knaben und Jünglinge

und kümmern sich wenig darum, ein Weib zu nehmen und Kinder mit ihm zu

zeugen; es genügt ihnen durchaus, unverheiratet nur miteinander zu leben.

So also sind die Freunde und Geliebten entstanden, auch sie lieben eben

nur ihr eigenes altes Geschlecht. Wenn nun einer von diesen oder jenen

anderen seiner eigenen Hälfte zum erstenmal begegnet, da werden er und

der andere wundersam von Freundschaft, Heimlichkeit und Liebe bewegt,

und beide wollen nicht mehr voneinander lassen. Aber sie, die von nun

an ihr ganzes Leben beieinander weilen, sie wissen dennoch niemals und

niemand zu sagen, was sie wollten, daß mit ihnen geschähe. Die sinnliche

Begierde könnte doch kaum den einen an den andern mit so großer

Leidenschaft binden. Ihre Seele will doch wohl etwas anderes: sie kann

es nicht sagen und ahnt es nur und stammelt. Und wenn zu zweien, die

beieinander liegen, Hephaistos träte mit seinen Werkzeugen und sie

fragte: Was wollt ihr, Menschen, was soll aus euch hier werden? Sie

würden nur verlegen und keine Antwort haben, und wenn der Gott fortführe:

Wollt ihr =ein= Wesen sein und Tag und Nacht voneinander nicht lassen

können? Wenn das euer Wunsch ist, so will ich euch zusammenschweißen, und

ihr werdet ineinanderwachsen, aus zwei Dingen eines werden und euer

ganzes Leben als ein einziges Wesen leben und nach dem Tode in den Hades

treten wie zwei, die zusammen gestorben sind? Sagt, ob das eure Sehnsucht

ist und dieses Glück sie stillt? O, niemand möchte da widersprechen und

etwas anderes wollen; gleich Kindern würden alle zu hören glauben, was

seit je ihr Sehnen war: mit dem Geliebten verwachsen und =ein= Wesen mit

ihm bilden. Denn so war einst unsere alte Natur: wir waren einst ganz,

und jene Begierde nach dem Ganzen ist Eros. Wir waren einst =ein= Wesen,

und weil wir gefrevelt haben, sind wir vom Gotte gespalten worden, wie

die Arkadier heute von den Lakedaimoniern. Und die Gefahr besteht fort,

daß wir noch einmal gespalten werden, wenn wir nicht fromm gegen die

Götter sind, und daß wir dann herumgehen wie die Reliefs auf den

Grabsteinen mit zersägten Nasen. Damit wir nun diesem Schicksal entgehen

und jenes andere Ziel erreichen, muß jeder Mensch den anderen heißen, die

Götter ehren, und Eros ist uns zu jenem Ziele Führer. Ihm soll niemand

zuwiderhandeln, und wer der Götter spottet, der handelt ihm zuwider.

Nur als des Gottes Freunde und ihm versöhnt, werden wir, was heute nur

wenigen gelingt, unsere echten Geliebten finden. Eryximachos soll sich

hier über mich nicht lustig machen und meinen, ich denke jetzt an

Pausanias und Agathon. Ja, vielleicht stammen diese beiden wirklich aus

dem alten männlichen Geschlecht. Ich meine aber alle Männer und Weiber

und behaupte, das Menschengeschlecht könne nur heil sein, wenn wir uns in

der Liebe vollenden und jeder seinen eingeborenen Geliebten findet und so

zur alten Natur zurückkehrt. Und wenn das unser Ziel ist, so muß, wie wir

nun einmal sind, gut sein, was diesem zunächst kommt: unter allen =den=

Geliebten finden, der uns versteht. Und wenn wir den Gott, dem wir das

verdanken, preisen sollen, so müssen wir Eros preisen, denn wie kein

anderer hilft er uns hier zu uns selbst und gibt uns die sicherste

Hoffnung, wenn wir den Göttern unseren frommen Sinn bewahren, uns zu

unser alten Natur zurückzubringen und uns heil und selig zu machen.

Da hast du nun, Eryximachos, meine Rede auf Eros; sie war anders als

deine. Ich bitte dich noch einmal darum, mach dich nicht über sie lustig,

denn wir müssen noch die anderen Reden hören, eigentlich nur die Reden

der beiden anderen, denn Agathon und Sokrates nur sind noch übrig!«

»Diesen Wunsch will ich dir erfüllen,« sagte Eryximachos, »du hast mir

gar sehr zu Gefallen gesprochen. Ja, wenn ich nicht wüßte, wie gut

Sokrates und Agathon sich auf alles, was mit der Liebe zusammenhängt,

verständen, würde ich fürchten, sie wären jetzt beide in großer

Verlegenheit, so viel und so verschieden ist hier über Eros gesprochen

worden; doch so kann ich noch Vertrauen auf sie haben.« Sokrates rief da:

»Und du selbst hast noch dazu so tapfer gefochten, Eryximachos! Wenn du

jetzt an meiner Stelle wärest, besser gesagt, wenn du dort wärest, wo ich

nach Agathons Rede sein werde, würdest du wohl auch Angst haben und meine

Sorge kennen.« »O du willst mich jetzt besprechen, Sokrates,« fiel

Agathon ein, »du willst mich bezaubern, damit ich scheu werde und glaube,

das Publikum setze große Hoffnungen auf meine Worte!« »Da müßte ich aber

doch vergessen haben, Agathon, daß ich gestern erst deinen Mut und hohen

Sinn sah, als du mit den Schauspielern vor die Rampe tratst und einem so

großen Publikum, das, um deine Worte zu hören, gekommen war, ins Auge

sahst und gar nicht verlegen warst, ja das müßte ich wirklich vergessen

haben, wenn ich jetzt glauben sollte, wir paar Menschen hier würden

dich aufregen.« »Ja, Sokrates, hältst du mich denn für so benommen

vom Theater,« wehrte Agathon ab, »daß ich nicht wüßte, um wieviel

gefährlicher als ein ganzes Publikum von Unwissenden die wenigen Klugen

wären?« »Wenn ich dich für so roh hielte, würde ich dir unrecht tun,

Agathon; ich weiß sehr gut, daß dir mehr an den wenigen, die du für klug

hältst, als an der großen Menge gelegen ist. Wer weiß aber, ob wir hier

zu diesen wenigen gehören? Denn gestern im Theater gehörten auch wir zur

großen Menge. Wenn du aber sonstwo mit anderen Klugen zusammenkämest,

würdest du dich dann vor ihnen schämen, irgend etwas Törichtes zu machen,

ja?« »Natürlich!« »Vor der Menge also schämst du dich nicht ...« Jetzt

fiel aber Phaidros ein: »Ja, Agathon, wenn du Sokrates noch lange immer

antwortest, wird er sich wenig um unser Thema kümmern, dann hat er

jemand, dem er Fragen stellen kann, und noch dazu einen so schönen

Jüngling. Ich höre ja gerne zu, wenn Sokrates sich unterhält, aber hier

muß ich darauf sehen, daß die Preisreden auf Eros gesprochen werden und

jeder von euch dem anderen das Wort abnehme. Denn jeder soll hier zum

Preise des Gottes reden.« »Du hast recht, Phaidros,« sagte Agathon, »mich

hält auch nichts mehr davon ab; Sokrates wird später noch viel zu sagen

haben.«

»Ich will zuerst sagen, wie ich zu sprechen habe, und dann erst reden.

Ihr alle vor mir habt eigentlich gar nicht den Gott, sondern nur das

Heil der Menschen, die also der Gott begnadet, gepriesen. Vom Gotte

selbst, der alle diese Gaben bringt, hat niemand gesprochen. Und doch

ist es überall die rechte Art, zuerst zu sagen, wie denn das Ding selbst

aussehe, das wir überall als den Grund eines anderen finden. Und darum

hättet ihr alle billig zuerst Eros selbst und dann seine Gaben preisen

müssen. Ich sage euch nun, wenn je es mit Fug und ohne Schuld von einem

Wesen gesagt werden darf: unter jenen heilen Göttern ist Eros der

heilvollste, denn er ist der schönste und edelste! Eros ist der schönste

Gott, weil er der jüngste, o Phaidros, ist, und dafür brauche ich keinen

anderen Zeugen als ihn selbst, denn Eros flieht, flieht das Alter, und

das Alter ist schnell und kommt schneller als nötig zu uns. Und Eros

haßt es und lebt darum, Eros weicht dem Alter auf dem Wege aus und

bleibt mit den Jünglingen und ist selbst ein Jüngling. Das alte Wort hat

recht: Zum Gleichen gesellt sich das Gleiche. Ich stimme ja mit Phaidros

in vielem überein, doch muß ich ihm widersprechen, wenn er sagt, Eros

sei älter als Kronos und Japetos; nein, Phaidros! Eros ist der jüngste

der Götter und von ewiger Jugend, denn jene alte Not der Götter, von der

Hesiodos und Parmenides erzählen, hat das Schicksal geschaffen und nicht

die Liebe -- wenn Hesiodos und Parmenides überhaupt die Wahrheit wissen.

Die alten Götter würden einander nicht verschnitten und gebunden haben

und das Grausame damals würde nicht geschehen sein, wenn Eros unter den

Göttern gewesen wäre; Eros hätte Freundschaft und Frieden unter sie

gebracht, wie er sie heute bringt, da er der Götter König ist. Jung ist

also der Gott, und seine Gestalt von zarter Bildung; nur ein Dichter

wie Homer könnte sie schildern. Homer sagt von Ate, sie sei eine Göttin

und zart gewesen; ihre Füße, erzählt er, seien zart gewesen...

Zart sind ihre Füße und nie am Boden

Wandelt sie, sondern hoch über den Häuptern der Menschheit!

Und, wie ich glaube, an einem schönen Zeichen läßt uns der Dichter die

Zartheit erkennen: die Göttin schreitet nie auf harten Gründen, sie

schwebt oben sanft dahin. Und ebendort müssen wir auch Eros' Zartheit

suchen: Auch Eros schreitet nicht auf der Erde und nicht über die Köpfe,

-- die wären ihm wohl zu hart; nur dort, wo alles ganz sanft ist,

wandelt und weilt der Gott. In der Gesinnung und in den Seelen der

Götter und Menschen baut er sein Zelt, aber auch hier nicht in allen

Seelen: wo er auf harten Sinn stößt, dort flieht Eros, und nur in der

sanften Seele will er wohnen. Und da er also immer und ganz nur am

zartesten haftet, muß er selbst wohl das zarteste Wesen sein. Ich

wiederhole, Eros ist der jüngste und zarteste Gott; und Eros ist auch

geschmeidig: denn sonst vermöchte er kaum sich durch alles zu schlingen

und winden und heimlich in die Seelen zu treten und heimlich von den

Seelen scheiden.

Eros ist ebenmäßig, seine schöne Haltung zeigt es, und diese zeichnet,

wie wir wissen, den Gott vor allem aus. Mißbildung und die Liebe

vertragen einander nicht. Eros ist von schöner Farbe, denn nur vom

Blühenden lebt er. Wo die Körper und die Seelen nicht blühen oder die

Blüten verlieren, dort kommt er nicht hin, und nur, wo es blüht und

duftet, dort läßt sich Eros nieder, dort bleibt der Gott.

Das mag nun von der Schönheit des Gottes genügen, es bliebe ja noch viel

zu sagen übrig; jetzt aber muß ich von seiner Tugend reden. Und da ist

es gleich seine größte Tugend, daß er weder Gott noch den Menschen

unrecht tut und daß ihm von niemand Unrecht widerfährt. Eros leidet

keine Gewalt, die Gewalt haftet nicht an der Liebe, und Eros tut niemand

Gewalt an. Freiwillig dient ihm alles, und wo immer der eine dem anderen

willig dient, da nennen das »die Gesetze, die Könige des Staats«

gerecht. An der Gerechtigkeit nun hat die Enthaltsamkeit den größten

Teil, und Enthaltsamkeit heißt überall die Begierden und sich in der

Freude beherrschen: nun ist aber keine Freude stärker als die Freude der

Liebe. Wenn also die anderen Freuden schwächer sind, so wären sie ja von

Eros beherrscht, und Eros ist ihr Herr, und indem er die Freuden und

Begierden wirklich beherrscht, zeigt er seine Enthaltsamkeit. Seiner

Mannhaftigkeit weiter »kann selbst Ares nicht widerstehen«. Denn nicht

Ares bindet Eros, sondern Eros, die Liebe der Aphrodite, hält Ares,

wie die Sage geht. Und wer zu binden weiß, ist wohl stärker als der

Gebundene, und wer den Mutigsten bändigt, muß wohl auch im Mute des

Mutigsten Meister sein. Ich habe also von der Gerechtigkeit, der

Enthaltsamkeit und Mannhaftigkeit des Gottes gesprochen, jetzt bleibt

mir noch seine Weisheit, und da will ich versuchen, nichts zu

übersehen. Damit ich zunächst auch meine Kunst ehre, wie Eryximachos

seine geehrt hat -- Eros ist ein so weiser Dichter, daß er auch uns zu

Dichtern macht. Denn jeder wird zum Dichter, wenn der Gott ihn berührt,

»wie fremd er auch früher den Musen war«. Und das mag uns dafür zeugen,

daß Eros vor allem der große Schöpfer der ganzen Musik ist. Denn was

jemand selbst nicht besitzt und weiß, wie vermöchte er dies dem anderen

zu geben, den anderen zu lehren! Und weiter, wer wird leugnen, daß die

Schöpfung alles Lebendigen die eigenste Weisheit des Gottes sei, die

große Weisheit, durch die alles Leben wird und wächst? Und endlich,

wissen wir nicht, daß auch in der Beherrschung der Künste nur der glänzt

und bewundert wird, den Eros unterwiesen hat, und daß jeder im Schatten

und ohne Ruhm bleibt, den der Gott nicht berührt hat? Apollo hat die

Kunst des Bogenschießens, die Kunst des Sehers und des Arztes erfunden,

aber die Freude, die Liebe hat ihn dahin geführt, so daß auch er ein

Schüler des Eros ist; und die Musen haben die Musik, und Athene hat das

Weben, Hephaistos das Schmieden, und Zeus »die Macht über Götter und

Menschen« von Eros gelernt. Wo alles Wirken der Götter durch Eros

geordnet wurde, da ward auch alles schön; denn ins Häßliche kommt Eros

nicht. Früher, wie ich schon sagte, geschah viel Furchtbares unter den

Göttern, denn das Schicksal war König. Als aber unser Gott geboren

wurde, so kam, weil sie die Schönheit liebten, die Güte unter Götter

und Menschen. So scheint mir, Phaidros, Eros selbst das Beste und

Schönste aller Wesen und allen Wesen die Ursache alles Guten und Schönen

zu sein. Mir fallen da noch zwei Verse ein. Eros ist es, der da bringt:

Frieden den Menschen, die Stille dem Meer und den Stürmen,

Allen, die bekümmert, das Lager und den Schlaf.

So nimmt uns denn Eros alles Fremde und gibt uns alles Eigene wieder; wo

wir uns alle finden, dorthin führt Eros die Wege, er ist der Herold und

führt die Festzüge und Chöre und uns, so wir zu den Opfern schreiten.

Eros reißt alles Wilde aus und macht uns sanft; er schenkt uns den guten

Willen und raubt dem Herzen allen Streit; Eros ist gnädig, ihn schauen

die Weisen und lieben die Götter; er ist der Neid der Unglücklichen und

der Schatz aller, die sich ins Glück geteilt. Eros ist der Schöpfer

aller Zärtlichkeit, Üppigkeit, Anmut und Sehnsucht im Menschen, er kennt

alles Gute und sieht vom Bösen weg. In allen Mühen, in jeder Furcht und

jedem Begehren, im Worte -- da weiß er sicher zu lenken, da ist Eros die

Hilfe und der Retter. Eros ist die Ordnung unter den Göttern und

Menschen, der herrlichste und tapferste Held, und ihm müssen die

Menschen folgen, und alle müssen in den Gesang stimmen, den er,

Götter- und Menschensinn bezaubernd, singt.

Das nun, Phaidros, ist die Rede, die ich dem Gotte darbringe; ich war

hier leicht und dort auch ernst, so weit ich es eben konnte.«

Da Agathon seine Rede also schloß, war der Beifall laut, so ganz seiner

selbst und des Gottes würdig, schien der Jüngling allen gesprochen zu

haben. Und Sokrates sah Eryximachos an: »O Sohn des Akumenos, war meine

Angst also töricht und hat meine Angst nicht vorausgesehen, daß Agathon

herrlich reden und mich in große Verlegenheit bringen würde?« »O ja, daß

Agathon schön sprechen werde, das hast du wohl richtig vorausgesehen,«

erwiderte Eryximachos, »aber darum glaube ich noch immer nicht, daß er

dich in Verlegenheit bringen könne.« »Ja, aber du Glücklicher,« sprach

Sokrates, »wie soll ich, wie soll ein anderer gegen dessen schöne,

reiche Worte aufkommen; es war ja natürlich nicht alles gleich

wunderbar, aber wer von uns ist nicht förmlich erschrocken, da er am

Schlusse alle die schönen Namen und Ausdrücke vernahm? Als mir da

plötzlich der Gedanke kam, ich würde gar nicht imstande sein, auch nur

annähernd so Schönes zu sagen, wäre ich vor Scham beinahe durchgebrannt,

wenn ich nur irgendwie hätte hinauskönnen. Agathons Rede erinnerte mich

ja an Gorgias, und mir ging es schon wie jenem Manne im Homer und ich

fürchtete, Agathon würde zuletzt seine gewaltigen Worte wie das

Gorgonenhaupt meinen Worten entgegenhalten und mich zum stummen Steine

machen. Und ich sagte zu mir: Lächerlich warst du, Sokrates, lächerlich,

als du nicht nur versprachst, mit ihnen Eros zu preisen, sondern sogar

behauptetest, dich gerade auf die Liebe zu verstehen, während du doch

von dem einen so wenig wie von dem anderen etwas weißt. In meiner

Einfalt habe ich nämlich geglaubt, wer ein Ding preisen wolle, der

brauche nur die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit wenigstens müsse

zugrunde liegen, und dann erst dürfe man unter den schönen Worten wählen

und sie so richtig wie möglich setzen. Und darum nur, weil ich eben die

Wahrheit wüßte, bildete ich mir sogar ein, besonders gut reden zu

können. Doch wie ich jetzt erfuhr, verlangt man das gar nicht von einer

guten Lobrede; im Gegenteil: es scheint, man müsse von irgend einem

Dinge nur gleich alles Schönste und Beste behaupten, ob es nun wirklich

in ihm sei oder nicht sei. Wenn es gelogen ist, so macht es ja nichts.

Ich glaube sogar, ihr habt es untereinander abgemacht: jeder von uns

solle nicht Eros preisen, nein, sondern sich das nur einbilden! Denn nur

deshalb, zu diesem Zwecke scheint ihr alles Mögliche hergezogen und es

Eros einfach beigelegt und immer nur gerufen zu haben: Eros ist so und

so, und Eros ist die Ursache davon und jener Dinge, damit am Schlusse

dann der Gott so schön und so gütig wie möglich aussehe. Und es ist auch

selbstverständlich, daß jenen, die von allem nichts verstehen -- nicht

den Wissenden -- das Lob dann gar schön und feierlich klinge. Von dieser

Art nun ein Ding zu preisen, habe ich allerdings nichts gewußt, und nur

darum konnte ich anfangs euch versprechen, meinen Teil beizutragen. Aber

meine Zunge versprach es nur, und nicht der Kopf. Ich mag jetzt davon

nichts wissen. Denn so preise ich die Dinge nicht, nein! Ich wäre es ja

gar nicht imstande. Ich will ja nur, wenn ihr wollt, die Wahrheit,

meine Wahrheit, wie ich sie verstehe, sagen; ich will mich gar nicht mit

euch vergleichen, da würde ich wohl nur ausgelacht werden. Phaidros,

kannst du also auch eine Rede brauchen, die über Eros nur die Wahrheit

sagt und alle Namen und Worte so setzt, wie sie mir gerade kommen?«

Phaidros und die anderen hießen Sokrates, nur so zu reden, wie er es tun

zu müssen glaube. »Aber noch etwas, Phaidros,« sagte Sokrates, »erlaubst

du diesmal, daß ich an Agathon einige kleine Fragen richte, ich muß

gerade mit ihm mich erst über manches einigen, bevor ich beginne?«

»Natürlich, frage Agathon nur aus!« Und so begann denn Sokrates seine

Fragen: »Agathon, du scheinst deine Rede richtig disponiert zu haben:

man müsse zuerst sagen, wer und wie Eros denn eigentlich sei, und dann

dürfe man erst von dessen Wirken reden. Dieser Anfang hat mir gefallen.

Und da du dann so schön, so groß von dem Wesen des Gottes sprachst, so

antworte mir nur darauf: Eros, die Liebe -- ist dieser Gott, so wie er

nun einmal da ist, zu irgend etwas anderem in Beziehung oder nicht? Ich

will ja selbstverständlich nicht nach seinem Vater, nach seiner Mutter

fragen; es wäre ja lächerlich, meine Frage so zu stellen, wenn ich

wissen wollte, ob Eros von einem Vater, einer Mutter stamme -- nein, ich

meine es so, wie wenn jemand dich nach dem Vater fragte und fragte: ist

dieser Vater der Vater zu etwas oder nicht? Du würdest mir natürlich

antworten: der Vater ist der Vater eines Sohnes, einer Tochter. Habe ich

nicht recht?« »Ja, natürlich,« antwortete Agathon. »Und dasselbe gilt

von der Mutter, von dem Begriff der Mutter, nicht wahr? Damit du mich

aber noch besser verstehst, antworte mir auch darauf: Wenn ich nach dem

Bruder fragte: der Bruder ist doch immer der Bruder eines anderen: eines

Bruders, einer Schwester? Da stimmst du mir doch auch bei. Und jetzt

versuche meine Fragen nach Eros zu beantworten: Ist Eros also die Liebe

zu etwas anderem oder nicht?« »Ja natürlich, Eros ist die Liebe zu etwas

anderem!« »Gut, das merke dir vorläufig und antworte mir weiter: Begehrt

Eros nach dem, was er liebt, oder begehrt er nicht danach?« »Eros

begehrt danach!« »Natürlich, und weiter: Besitzt Eros das, wonach er

begehrt, oder besitzt er es nicht?« »Er besitzt es wahrscheinlich

nicht!« »Vielleicht ist es nicht nur wahrscheinlich, sondern durchaus

notwendig, daß, wer begehrt, nur das begehrt, was ihm fehlt, und

umgekehrt! Mir scheint das durchaus selbstverständlich, dir nicht auch,

Agathon?« »Ja!« »Also! Ein Großer will doch nicht noch groß, ein Starker

nicht noch stark sein. Ihm könnte doch nicht das noch fehlen, was er

schon ist. Denn wenn ein Starker noch stark, ein Schneller schnell, ein

Gesunder gesund sein wollte, so müßten wir dann glauben, daß sie und

ihresgleichen immer noch das begehren, was sie schon besitzen oder was

sie schon sind. Damit wir aber hier sicher gehen, ich sage das darum

-- sie alle, Agathon, müssen das, was sie besitzen, in der Gegenwart

besitzen, ob sie wollen oder nicht, und wer würde da noch das begehren,

was er schon besitzt? Wenn uns einer also sagen sollte: Ich bin gesund

und will gesund sein, oder ich bin reich und will reich sein, ich

begehre das kurz, was ich schon besitze, so müßten wir ihm doch

erwidern: >Mensch, da du nun einmal Reichtum erworben hast und gesund

und reich bist, so willst du doch wohl nur, daß dir das alles, was du in

der Gegenwart besitzest, auch in der Zukunft bleibe. Denke darüber nach,

ob du es so meintest?< Da wirst du mir doch recht geben, Agathon?« »Ja!«

»Wir begehren also nach dem, was uns nicht zu eigen ist und was wir

nicht besitzen, wenn wir es uns für die Zukunft bewahrt haben wollen?«

»Entschieden!« »Jeder begehrt also nur nach dem, was ihm nicht zu eigen,

nicht gegenwärtig ist; und was wir nicht besitzen, was wir nicht sind,

kurz das also, was uns noch fehlt, bestimmt unsere Begierde und die

Liebe! Einigen wir uns nun noch einmal: Eros ist also die Liebe,

zunächst zu irgend etwas anderem überhaupt, und dann, näher bestimmt,

die Liebe zu dem, was ihm noch fehlt, nicht wahr?« »Ja!« »Erinnerst du

dich noch daran, wozu du Eros in deiner Rede in Beziehung setztest? Ich

will es dir, wenn du willst, ins Gedächtnis zurückrufen. Wenn ich nicht

irre, sagtest du: Das Dasein und Wirken der Götter ist durch die Liebe

zu allem Schönen bestimmt; es gibt keine Liebe zum Häßlichen! Sagtest du

nicht so?« »Ja, das waren meine Worte.« »Und da hattest du sehr richtig

gesprochen. Und darum wäre also Eros die Liebe zur Schönheit!«

»Natürlich!« »Sind wir aber nicht eben darin übereingekommen, daß wir

nur, was uns noch fehlt und was wir noch nicht besitzen, lieben?« »Ja!«

»Es fehlt also Eros die Schönheit, Agathon; Eros besitzt nicht die

Schönheit!« »Ja!« »Nun also, Agathon! Kannst du noch sagen, daß der, dem

die Schönheit fehlt, schön sei?« »Nein!« »Du gibst mir also recht, wenn

ich sage, Eros sei nicht schön?« »Ich fürchte, Sokrates, ich habe nichts

von allem, worüber ich vorhin sprach, verstanden!« »Aber du hast dennoch

sehr schön vorhin gesprochen, Agathon! Noch eine kleine Frage: Scheint

dir nicht auch das Gute schön zu sein?« »Ja!« »Wenn also Eros alles

Schöne fehlt und das Schöne auch gut ist, so muß Eros auch alles Gute

fehlen. Nicht?« »Ach, Sokrates, ich kann dir nicht widersprechen, es ist

alles so, wie du es sagst.« »Nein, geliebter Agathon, du kannst eben nur

der Wahrheit nicht widersprechen; auf Sokrates kommt es da gar nicht

an.«

Platons Gastmahl · 第 2 / 5 段