>In alles, was ich dir bisher von der Liebe sagte, konntest du leicht

eingeweiht werden: ich weiß aber nicht, o Sokrates, ob du darum schon der

letzten und höchsten Weihen würdig seist, jener Weihen, auf die alles

andere nur vorbereiten durfte, so einer wahrhaft ihrer teilhaft werden

kann. Doch ich will dir von ihnen reden und werde den Mut nicht

verlieren, du aber trachte mir zu folgen, wenn du kannst. Wenn also

einer recht nach jener Vollendung strebt, so muß er früh schon nach

schönen Körpern ausspähen und schönen Körpern nachgehen und, so er gut

geführt sein will, nur =einen= Körper lieben, nur =einen=, und in diesem

=einen= die edlen Worte zeugen. Dann erst darf er erfahren, daß diese

Schönheit des einen Körpers jener eines anderen gleicht, wie Schwestern

einander gleichen, und wenn er nun wirklich die schöne Art und das schöne

Bild, wenn er die Liebe will, so wäre es nur seine Torheit, dieselbe

Schönheit nicht in beiden, in allen schönen Körpern zu sehen. Und darum

und jetzt wird er es verachten und für niedrig halten, alle Leidenschaft

für =einen= Körper zu haben, und er wird die Schönheit =aller= Körper

lieben. Aber auch hier kann er nicht stehen bleiben, denn er wird die

Schönheit der Seele sehen, und die Schönheit der Seele wird ihm würdiger

erscheinen als die Schönheit des Körpers, und so wird es ihm genügen, daß

eines Menschen Seele hell sei, und er wird diesen Menschen, wenn sein

Leib auch unschön wäre, lieben und um ihn besorgt sein und edle Worte in

ihm zeugen und nach Worten für ihn suchen, welche die Jünglinge besser zu

machen vermögen, auf daß auch er gezwungen werde, die Schönheit in den

Sitten und Gesetzen zu erkennen und auch in diesen die gleiche Schönheit

zu sehen. Und von den Sitten wird er ihn zu den Wissenschaften führen,

damit er auch die Schönheit der Wissenschaften erblicke und so im

Anblicke dieser vielfachen Schönheit nicht mehr wie ein Sklave nach der

Schönheit dieses =einen= Knaben verlange und dieses =einen= Menschen,

dieser =einen= Sitte Schönheit wolle und gemein sei und kleinlich und

an Worten hänge, sondern, an die Ufer des großen Meeres der Schönheit

gebracht, hier viele edle Worte und Gedanken mit dem unerschöpflichen

Triebe nach Weisheit zeuge, bis er dann stark und reif jenes einzige

Wissen, das da das Wissen des Schönen ist, erschaue. Merke auf, Sokrates,

so viel du kannst! Wer also bis dahin zur Liebe erzogen wurde und das

Schöne in seiner Ordnung erkennt, der wird ganz am Ende als letzte Weihe

seiner Liebe ein Wunderbares erblicken und die große Schönheit der

Schöpfung erschauen; er wird das erschauen, Sokrates, um dessentwillen

alle Wege und Mühen waren; er wird das Schöne schauen, das da ewig da ist

und niemals wird und niemals vergeht und nicht reicher wird und nicht

verliert, das Schöne, das nicht hierin schön und heute schön und da schön

und für diesen schön und hierin häßlich und morgen häßlich und dort

häßlich und für jenen häßlich ist, das Schöne, das wir uns nicht das eine

Mal im Gesichte, ein anderes Mal an den Händen oder sonstwo am Körper

einbilden oder in den Worten, in den Wissenschaften, im Tiere, auf der

Erde oder am Himmel finden; er wird das Schöne schauen, das da sich

selbst und in sich schön, in sich selbst ewig sich spiegelt; und, was

sonst schön ist, wird nur sein Schein und ein Teil sein und werden und

vergehen, und nur das ewig Schöne wird nicht wachsen und nicht verblühen

und nicht leiden. Ja, Sokrates, wer immer von dort unten, weil er den

Geliebten richtig zu lieben wußte, empor zu steigen und jenes ewig Schöne

zu schauen beginnt, der ist am Ende und vollendet und geweiht. Noch

einmal, so nur darf er die Bahn der Liebe gehen und geführt werden: er

wird zuerst von allen Dingen die Schönheit lernen und zu jener ewigen

Schönheit wie auf Stufen kommen, Sokrates, wie auf Stufen, Stufen: auf

der ersten sieht er die Schönheit =eines= Körpers, auf der zweiten die

Schönheit zweier, und dann sieht er die Schönheit aller Körper, und von

den schönen Körpern steigt er weiter zu den schönen Sitten, von den

schönen Sitten zu den schönen Lehren, und von den schönen Lehren trägt

ihn noch die letzte Stufe zu jener einzigen Wissenschaft, die da die

ewige Schönheit begreift. Und hier, Geliebter,< rief das prophetische

Weib, >hier, wenn irgendwo, ist das Leben lebenswert, hier, wo du die

ewige Schönheit schaust. Wenn du diese schaust, wird sie dir nicht

scheinen gleich dem Golde oder schönen Kleidern oder gleich jenen schönen

Knaben und Jünglingen zu sein, bei deren Anblick schon du und die anderen

erschrecken, und bei denen ihr dann immer weilen wollt, weilen ohne zu

essen und zu trinken, nur sie schauend, nur ihnen gegenwärtig. Nein, wie

würdest du dich gebärden, wenn es dir gegeben wäre, jene ewige Schönheit

selbst klar und rein und ungemischt, nicht am menschlichen Fleisch, in

den Farben, am Flitter, sondern wie sie frei und göttlich, sich selbst

eigen da ist, zu schauen? Glaubst du, dein Leben oder das Leben eines

anderen wäre dann noch niedrig, wenn ihr bis dorthin blicken und bei

jenem Wunder weilen könntet? Und glaubst du nicht, daß die Vollendung dem

Menschen nur dort zu teil werde, wo er im Geiste das Schöne sieht und

nicht mehr die Bilder der Tugend -- denn an Bildern kann sein Blick

dort nicht mehr haften -- sondern die Wahrheit selbst, da er sie dort

erblickt, zeugt, und glaubst du nicht, daß dieser Mensch dann, so er die

wahre Tugend zeuget und nähret, wahrhaftig gottgeliebt und, wenn je ein

Mensch, unsterblich sein wird?<

Das nun, Phaidros und ihr andern, das alles hat Diotima mich gelehrt,

und sie hat mich überzeugt. Und seitdem suche ich auch die andern zu

überzeugen -- zu überzeugen, daß, um jenes höchste Gut zu erreichen,

niemand einen besseren Führer als Eros wählen könne. Und darum rufe ich

jedem zu, er solle Eros ehren, und darum ehre ich selber Eros und lerne

und prüfe alles, was diesen Heiland angeht, und heiße dasselbe auch die

andern, und heute und immer werde ich, soweit es in meinen Kräften ist,

Eros preisen. Nimm nun, Phaidros, was ich hier zu euch gesprochen habe,

als meine Lobrede; wenn du nicht willst, so nenne meine Rede anders und

wie du es willst.«

Da Sokrates also seine Rede schloß, lobten ihn alle, nur Aristophanes

wollte etwas erwidern, weil Sokrates auf seine Worte irgendwie

angespielt hatte. Doch da wurde plötzlich so laut an die Tür gepocht,

wie nur Betrunkene pochen, und man hörte die Töne einer Flötenspielerin.

Agathon rief den Knaben zu: »Seht doch nach! Wenn es ein Freund ist, so

ruft ihn herein. Sonst aber sagt: wir trinken nicht mehr und wollen

schlafen!« Gleich darauf aber konnte man die Stimme des Alkibiades

unterscheiden: er mußte stark getrunken haben, denn er schrie laut und

fragte nach Agathon und wollte zu Agathon geführt sein. Doch schon kam

er, auf die Flötenspielerin gestützt, mit einigen Begleitern herein und

blieb in der Tür stehen; er trug einen Kranz von Epheu und Veilchen und

hatte sehr viele Bänder ins Haar gewunden. »Seid mir gegrüßt, Männer!«

rief er. »Wollt ihr einen Betrunkenen in eure Mitte nehmen, oder muß

ich wieder weg, nachdem ich Agathon bekränzt habe, denn darum bin ich

gekommen? Ich konnte nämlich gestern nicht erscheinen, jetzt aber bin

ich da und habe im Haare die Bänder, damit ich sie von meinem Haupt auf

das Haupt des weisesten und schönsten Jünglings lege. Ich sehe, ihr

lacht mich aus, weil ich betrunken sei, aber lacht nur, lacht, ich weiß

trotzdem, daß ich die Wahrheit spreche! Sagt also, darf ich unter diesen

Bedingungen herein oder nicht? Wollt ihr mit mir noch trinken?« Da

jauchzten ihm alle zu und hießen ihn eintreten und sich zu ihnen legen,

und auch Agathon rief ihm zu. So kam denn Alkibiades, von seinen Leuten

geführt, herein, und während er die Bänder abnahm, um Agathon zu

schmücken, hielt er diese so vor den Augen, daß er Sokrates nicht sehen

konnte, und legte sich neben Agathon zwischen diesen und Sokrates.

Sokrates rückte etwas nach der Seite. Und nun tat Alkibiades sehr schön

mit Agathon und wand ihm die Bänder ins Haar. Agathon rief den Knaben

zu: »So nehmt auch Alkibiades die Sandalen ab, damit er als dritter hier

mit uns sitze.« »Ja, ja, tut das,« forderte Alkibiades die Knaben auf,

»wer ist aber der dritte hier?« Und da er sich umdrehte und Sokrates

erblickte, sprang er auf und schrie: »Bei Herakles, wer ist das?

Sokrates, du? Du? Bist du mir auch hier auf der Lauer? Immer zeigst du

dich ganz plötzlich, wo ich dich am wenigsten erwarte. Warum bist du nur

hergekommen? Und warum hast du dich gerade hierher gesetzt? Ist bei

Aristophanes oder bei sonst einem, der Spaß zu machen versteht, kein

Platz gewesen? Mußtest du dich gerade zu dem Schönsten setzen?« Sokrates

wandte sich da zu Agathon: »Jetzt mußt du mich in Schutz nehmen! Die

Liebe dieses Menschen ist mir, wie du siehst, ziemlich unbequem

geworden. Seit ich sein erklärter Freund bin, darf ich weder einen

schönen Jüngling ansehen, noch mit ihm reden, sonst macht er mir in

seiner Eifersucht und Mißgunst die größten Torheiten und schmäht mich

und kann oft kaum seine Hände zurückhalten. Sieh du nun, daß er

vernünftig werde, und söhne uns aus; sollte er aber handgreiflich

werden, so halte ihn zurück; ich habe beinahe Angst vor seiner

Liebeswut.« »O, zwischen uns beiden«, erwiderte Alkibiades, »gibt es

keine Versöhnung! Hier und jetzt gleich will ich mich an dir rächen.

Agathon, gib mir einige von deinen Bändern zurück, damit ich sie auf

dieses wunderherrliche Haupt hier lege! Sokrates soll mir nicht

vorwerfen, ich hätte dich geschmückt, ihn aber nicht, der mit seinen

Worten über alle Menschen und nicht nur einmal, wie du gestern, sondern

immer siegt.« Und so nahm Alkibiades von den Bändern des Agathon und

wand sie um des Sokrates Haupt, und jetzt erst legte er sich wieder.

»Wohlan denn, Männer,« rief er, »ihr scheint mir alle noch recht

nüchtern zu sein. Das darf ich nicht zugeben, ihr müßt mit mir trinken.

Wir haben das ausgemacht. Und solange ihr nicht recht im Trinken drin

seid, wähle ich mich selber zum Vorsitzenden der Zeche. Agathon, laß

einen großen Krug bringen, wenn einer da ist! Doch nein, er ist nicht

nötig; bringe Knabe, du da, mir diesen Kühler; ich sehe, er enthält mehr

als acht kleine Becher!« Der Kühler wurde also gefüllt, und Alkibiades

trank ihn aus, dann ließ er ihn gleich für Sokrates füllen und rief:

»Gegen Sokrates komme ich nicht auf. Er trinkt, was man ihn heißt, und

wird nie betrunken.« Der Knabe hatte eingeschenkt, und auch Sokrates

trank schon. Da fiel aber Eryximachos ein: »Wie machen wir es aber

weiter, Alkibiades? Sollen wir dazu gar nichts reden oder singen und

einfach nur trinken wie Leute, die eben Durst haben?« »O Eryximachos«,

rief Alkibiades, »du bester Sohn des besten und weisesten Vaters, sei

mir gegrüßt!« »Und du mir!« entgegnete Eryximachos, »aber wie machen wir

es nun?« »Wie du befiehlst; ich gehorche deinem Worte! >Denn es hat der

Arzt die Würde von vielen.< Sage, wie du es haben willst!« »So höre!

Bevor du kamst, hatten wir beschlossen, daß jeder von uns, der Reihe

nach von rechts, eine Rede auf Eros halte, so gut er es eben vermöchte,

und den Gott preise. Nun, wir haben jeder seine Rede gehalten. Da nur du

bisher weder getrunken noch gesprochen hast, so ist es billig, daß du

jetzt uns fortsetzest und dann Sokrates ein Thema gibst, und Sokrates

muß es wieder an seinen Nachbar zu rechts weitergeben usw. Das Thema

kannst du selber wählen.« »Eryximachos, das ist alles sehr schön gesagt;

es ist aber doch nicht billig, daß der Betrunkene den Nüchternen das

Thema gebe. Und dann, Glücklicher, glaubst du etwas von allem, was

Sokrates vorhin gesagt? Wisse denn, gerade das Gegenteil davon ist wahr!

Denn er, er kann mit den Händen kaum an sich halten, wenn ich in seiner

Gegenwart irgend jemanden, einen Gott oder einen Menschen, preise.«

»Lästerst du hier nicht?« fragte Sokrates. »Bei Poseidon! Du kannst mir

nicht widersprechen, wenn ich behaupte, ich dürfe in deiner Gegenwart

niemand anderen loben!« »Ja, dann mache es doch so:« sagte Eryximachos,

»preise Sokrates!« »Wie meinst du das? Sollte ich es tun, Eryximachos?

Sollte ich ihm auf diese Weise beikommen und mich vor euch an ihm

rächen?« »Was hast du da im Sinn? Willst du mich mit deinem Lobe

lächerlich machen? Oder was willst du?« sagte Sokrates. »Ich will die

Wahrheit sagen: hast du jetzt etwas dagegen?« »O nein, gegen die

Wahrheit habe ich nichts; ich will sogar, daß du sie sagst!« »Und ich

werde auch gleich beginnen, du halte es aber so: Wenn ich nicht die

Wahrheit sage, so unterbrich mich, wenn du willst, nur gleich mitten im

Reden und sage, daß ich lüge! Absichtlich werde ich nicht lügen. Wenn

ich aber in meiner Erinnerung da und dort Sprünge mache, nimm es nicht

übel! Es ist in meinem Zustande nicht leicht, dein sonderbares Wesen in

einer gewissen Ordnung zu schildern.

So will ich denn, Männer, Sokrates preisen, und ich will versuchen, ihn

in Bildern zu preisen. Er wird vielleicht glauben, daß ich ihn durch die

Bilder lächerlich machen will; o nein, die Bilder werden die Wahrheit

sprechen. Und so sage ich denn gleich: Sokrates gleicht jenen Silenen,

die ihr in den Werkstätten der Bildhauer findet. Die Künstler bilden

sie gewöhnlich mit einer Pfeife oder einer Flöte in der Hand und geben

ihnen zwei kleine Türen: wer diese öffnet, erblickt im Inneren kleine

Bildsäulen der Götter. Ich sage aber weiter, Sokrates gleicht Marsyas,

dem Satyr. Daß du ihm im Äußeren ähnlich bist, wirst du selber nicht

bestreiten wollen, Sokrates! Worin du dem Satyr aber sonst noch

gleichst, das höre nun! Du bist wie Marsyas ein Frevler, Sokrates!

Wenn du nein sagst, will ich dir Zeugen bringen. Ja, du bist wie er

ein Empörer, und dann weißt auch du die Flöte zu spielen und schöner

als Marsyas. Denn Marsyas lockte die Menschen mit seinem Instrument

durch die Kunst seiner Lippen, und heute noch leben Menschen, die seine

Weisen spielen. Was Olympos spielte, das hatte er von Marsyas gelernt.

Ob sie ein guter Flötenspieler oder eine von den gewöhnlichen

Flötenspielerinnen spielt, seine Weisen allein ergreifen und offenbaren

den, der der Götter und der Weihen bedürftig ist; denn des Marsyas

Weisen sind göttlich. Du aber, Sokrates, unterscheidest dich nur darin

von Marsyas, daß du ohne Instrument, nur mit deinen nackten Worten

spielst. Wenn wir einen anderen, und wäre er auch der beste Redner,

hören, so geht uns das gewöhnlich sozusagen gar nichts an. Wer dich,

dich selbst hört oder deine Worte von einem andern, und wäre dieser der

gemeinste unter den Menschen, wenn dir ein Weib, ein Mann, ein Knabe

zuhört, wir alle sind wie erschüttert und vermögen uns kaum zu halten.

O Männer, wenn ich euch dann nicht ganz betrunken erscheinen sollte, so

würde ich euch es sagen und jeden Satz beschwören, was ich durch seine

Worte gelitten habe und immer wieder leide. Wenn ich Sokrates höre, da

schlägt mein Herz stärker als das Herz des Korybanten, und ich vergieße

Tränen, und viele, viele erfahren dasselbe. Ich habe Perikles und die

anderen großen Redner gehört; mir schien da immer nur, sie sprächen gut,

ja, aber ich erfuhr durch sie nichts Ähnliches, und meine Seele ward nie

erschüttert und hat sich nie aufgebäumt, wie ein Sklave sich gegen den

Herrn aufbäumt. Aber dieser Marsyas hier hat mich oft so weit gebracht,

daß mir das Leben, das ich führe, nichtswürdig vorkam. Sokrates, du

kannst nicht sagen, daß das nicht wahr sei. Und ich weiß ganz genau,

daß, wenn ich jetzt, so wie ich hier bin, ihm zuhören wollte, ich nicht

an mich halten könnte und dasselbe erführe. Er zwingt mich, ihm recht zu

geben, wenn er behauptet, selber noch voll von Fehlern, vernachlässigte

ich mich und beschäftigte mich mit den Angelegenheiten Athens. Wie vor

den Sirenen fliehe ich vor ihm und halte mir die Ohren zu, damit ich

nicht bei ihm früh zum Greise werde. Und so habe ich durch ihn erfahren,

was niemand in mir wohl gesucht hätte: ich habe durch ihn die Scham

erfahren. Ja, vor ihm allein unter allen Menschen schäme ich mich. Ich

bin ja nicht imstande, ihm zu widersprechen und zu sagen: Ich muß nicht

das tun, was du von mir willst; ich weiß das, denn ich weiß, daß, wenn

ich ihm entwichen bin, mich vor dem Volke der alte Ehrgeiz wieder packt.

Und so laufe ich vor ihm weg und fliehe ihn und schäme mich, so oft ich

ihn sehe, alles dessen, was ich ihm zugestanden und über mich eingeräumt

habe. Ja, oft habe ich da den Wunsch, ihn nicht mehr unter den Lebenden

zu sehen. Und doch, wenn das je einträfe, ich weiß, ich würde noch viel

unglücklicher sein; so wehrlos, so ganz wehrlos bin ich gegen ihn.

Und so haben wir denn alle durch die Flötenweisen dieses Satyrs viel

gelitten, und ihr habt von mir gehört, worin er den Wesen ähnlich ist,

mit denen ich ihn vergleiche, und welche Macht ihm über uns ward. Aber

wißt, ihr alle kennt ihn schließlich gar nicht, und da ich einmal

begonnen, so will ich ihn euch ganz offenbaren. Seht, Sokrates tut in

alle schönen Jünglinge verliebt und schleicht um sie herum und ist immer

erregt in seinen Gebärden! Ist das nicht Silenenart? Und wie einer jener

gemeißelten Silenen ist auch seine ganze Haltung. Wer aber den Silen

öffnet, Freunde und Zechgenossen, wie sieht er diesen da nicht ganz

voll von Weisheit und Maß! Ja, ich sage euch, diesen Silen kümmert es

dann gar nicht, ob ein Jüngling schön sei oder nicht, ja er verachtet

dessen Schönheit so gründlich, wie niemand es erwarten würde, und es ist

ihm ganz gleichgültig, ob einer von denen, welche da immer von der Menge

glücklich gepriesen werden, reich sei oder eine hohe Stellung habe.

Sokrates hält diese Güter für wertlos und uns selbst für eitel -- merkt

euch das --, wenn er, mit euch Spott und Spaß treibend, sein Leben

führt. Aber ich weiß nicht, ob je einer von euch in ihn hineingeblickt

und in ihm die Götterbildnisse gesehen hat, wenn Sokrates ernst und wie

offen ist. Ich habe hineingeblickt und glaube Göttliches gesehen zu

haben und lauter Gold und überaus Schönes und Wunder, und darum muß ich

von nun an immer tun, was Sokrates mich heißt. Als ich glaubte, Sokrates

habe ein Auge auf meine Schönheit geworfen, hielt ich es für meinen

Stern und mein großes Glück, denn ich brauchte mich dann ihm nur ganz

hinzugeben, um sein ganzes Wissen zu erfahren. Und ich hielt viel von

meiner Schönheit. Bisher war ich nie allein mit Sokrates gewesen, aber

jetzt und in meiner großen Hoffnung entließ ich meinen Begleiter und war

das erste Mal allein mit ihm. Ich muß euch die ganze Wahrheit sagen,

seid aufmerksam, und wenn ich lüge, dann, Sokrates, überführe mich. Ich

war also allein mit ihm, o Männer, und erwartete, er werde mir gleich

alles das sagen, was der Freund, wenn niemand zuhört, zum Geliebten

spricht, und war selig. Aber nichts dergleichen geschah; Sokrates

sprach zu mir wie immer, blieb den Tag über da und ging dann fort. Das

nächste Mal forderte ich ihn auf, mit mir zu turnen; vielleicht könnte

ich auf diese Weise etwas von ihm erreichen, dachte ich. Und Sokrates

turnte auch und rang oft mit mir, während niemand zusah. Ach, wie soll

ich es nur sagen! Auch das half nichts. Und da ich zu keinem Ziele

kommen konnte, beschloß ich, Gewalt anzuwenden und, wenn ich ihn nur

einmal fest habe, von dem Manne nicht mehr zu lassen; ich mußte endlich

wissen, wie ich mit ihm stünde. Ich bat ihn also, mit mir zu essen; wie

ihr seht, lief ich ihm also ganz einfach nach, wie der Freund dem

Geliebten. Er folgte zwar nicht gleich meiner Bitte, aber nach einiger

Zeit kam er wirklich. Beim ersten Mal wollte er gleich nach dem Essen

fort, und ich schämte mich damals so sehr, daß ich ihn auch gehen ließ.

Beim zweiten Mal aber gebrauchte ich eine List: nachdem wir gegessen

hatten, sprach ich ohne Unterbrechung bis in die Nacht in ihn hinein,

und als er endlich doch gehen wollte, meinte ich, es sei schon zu spät,

und zwang ihn zu bleiben. Und wirklich, diesmal legte er sich denn auf

meinem Lager nieder, auf demselben, auf welchem wir gegessen hatten, und

niemand anders außer uns beiden schlief in dieser Nacht im Hause. Was

ich bis hierher erzählt habe, hätte ich jedermann erzählen können. Was

ich nun sagen werde, würdet ihr niemals aus meinem Munde vernommen

haben, wenn erstens nicht, wie es heißt, der Wein und die Kinder oder

der Wein allein -- ohne die Kinder -- die Wahrheit sprächen, und wenn

zweitens es mir nicht unrecht schiene, eine so außerordentliche Tat des

Sokrates zu verschweigen. Und dann, es ist mir heute noch wie einem, den

die Natter gebissen hat; und die Leute sagen, wen jemals eine Natter

gebissen hat, der könne, wie das wäre, nur jenen wieder schildern,

welchen ein gleiches widerfahren sei, da diese allein verstünden und

mitempfänden, wenn einer im Schmerze dann alles zu tun und zu sagen

wagt. Ich hatte aber einen böseren Biß bekommen und dorthin, wo es am

meisten schmerzt: mich hat es ins Herz gebissen, oder wie man das nennen

soll, wohin uns die Worte eines Weisen treffen und die Bisse einer

wilderen Natter beißen, wenn sie in die Seele eines nicht unedlen

Jünglings greifen und ihn zu allem fähig machen. Ich sehe euch hier um

mich, wie immer ihr heißen mögt, dich, Phaidros, dich, Agathon,

Eryximachos, Pausanias, Aristodemos und Aristophanes, wozu soll ich noch

Sokrates selbst nennen oder die vielen anderen? Ihr alle seid gebissen

worden und voll gewesen der Wut und des Taumels der Philosophie! Und

darum sollt ihr mich jetzt hören, ihr allein werdet verzeihen, was ich

damals alles tat und jetzt ausspreche. Ihr Diener aber, und wer sonst

noch hier ungeweiht und roh geblieben ist, legt euch große Tore vor die

Ohren!

Da also die Knaben fortgegangen waren und ich das Licht ausgelöscht

hatte, war ich entschlossen, nichts mehr zu beschönigen, sondern frei zu

sagen, was ich sagen mußte. Ich stieß also Sokrates ein wenig und

sprach: >Sokrates, schläfst du?< >Nein, noch nicht!< gab er zur Antwort.

>Weißt du, was ich glaube?< >Was denn?< >Ich glaube, du liebst mich und

bist allein mir der Freund, den ich brauche, nur zögerst du noch, mir es

zu gestehen. Ich denke aber so: Ich würde mir töricht vorkommen, wenn

ich mich dir nicht so ganz hingäbe, wie ich dir oder einem meiner

Kameraden von meinem Vermögen geben wollte, wenn ihr davon verlangtet.

Ich weiß nichts Heiligeres, als so gut wie möglich zu werden, und wenn

du mir dazu helfen willst, werde ich niemand demütiger gehorchen. Wenn

ich mich einem solchen Menschen wie dir nicht hingäbe, so würde ich mich

vor den Wissenden viel mehr schämen, als ich mich vor der Menge und den

Toren schämen müßte, wenn ich mich dir hingäbe.< Da Sokrates mich also

gehört hatte, erwiderte er ganz in seiner bekannten Art spöttisch: >Mein

geliebter Alkibiades, du bist wirklich nicht dumm, wenn das, was du von

mir behauptest, wahr ist und in mir eine Kraft wohnt, die dich besser zu

machen vermag. Du mußt doch wohl eine große Schönheit in mir sehen, eine

Schönheit, die sich bedeutend von deiner schönen Gestalt unterscheidet.

Wenn du sie mit mir teilen und so Schönheit gegen Schönheit tauschen

willst, so mußt du im Sinne haben, mich ein wenig zu übervorteilen: du

willst da für deine schöne Meinung meine Wahrheit erwerben und recht

eigentlich für Erz Gold haben. Aber, Glücklicher, sieh genau hin: ich

bin vielleicht ganz ohne Wert! Der Blick der Vernunft wird schärfer

sehen, wenn deine beiden Augen an Schärfe verlieren, noch bist du weit

davon entfernt.< Ich hörte ihm zu und sagte nur: >Was ich zu sagen hatte

und wie ich denke, habe ich gesagt; denke =du= jetzt darüber nach, was

dich für uns beide am besten dünkt!< >Ja, da hast du recht,< erwiderte

Sokrates, >von nun an werden wir beide darüber nachdenken und nur das

tun, was uns hier und in anderen Dingen am besten dünkt!< Das hatte ich

nun von Sokrates gehört, und so hatte ich zu ihm gesprochen; ich meinte,

der Pfeil sei abgeschossen und Sokrates verwundet. Ich stand also auf,

und ohne ein Wort mehr zu verlieren, legte ich meinen Mantel um Sokrates

-- es war Winter -- und kroch selbst unter den Mantel, schloß meine Arme

um den Leib dieses wahrhaft herrlichen Dämons und lag so neben ihm die

ganze Nacht. Sokrates, du wirst nicht sagen, daß auch nur ein Wort davon

nicht wahr sei. Nach allem aber, was ich da für ihn getan hatte, wurde

er ganz anders zu mir und verachtete und verlachte meine Schönheit und

nahm sich alles gegen mich heraus! Ihr Richter -- und ihr, die ihr hier

sitzt, seid die Richter seiner Überhebung -- bei den Göttern, bei den

Göttinnen schwöre ich euch: ich erwachte nicht anders neben ihm, als

wenn ich mit meinem Vater oder einem Bruder geschlafen hätte.

Was alles, glaubt ihr, muß ich damals nicht empfunden haben? Er

verachtete mich -- ich nahm es doch so -- und ich, ich liebte seine Art,

seine Weisheit, seine Männlichkeit; ich hatte in ihm einen Menschen von

so hoher Vernunft und Mäßigung gefunden, wie ich ihm nie im Leben zu

begegnen glaubte! Ich konnte also weder ihm zürnen und ihn meiden, noch

hatte ich Mittel, ihn an mich zu fesseln. Ich wußte jetzt, daß Gold ihn

noch weniger zu verwunden vermöchte, als Eisen den Aias; dort also, wo

allein ich ihn fassen zu können hoffte, ging er mir durch. Ich war

hilflos und irrte umher in den Fesseln, in die dieser Mensch mich

geschlossen hatte.

Das alles habe ich mit ihm erlebt, bevor wir gemeinsam den Feldzug gegen

Potidaia mitmachten und dort im Lager am selben Tisch aßen. Vor allem

war Sokrates hier im Ertragen der Strapazen nicht nur mir, sondern

überhaupt allen Soldaten überlegen. So oft wir, wie das im Kriege

vorkommt, irgendwo abgeschnitten waren und nichts zu essen hatten,

konnte er wie kein anderer Hunger leiden. Wenn es dagegen Überfluß gab,

konnte er wieder mehr essen als andere, und freiwillig zwar nicht, aber

gezwungen, trank er uns alle unter den Tisch; und was das erstaunlichste

ist, noch niemand hat je Sokrates betrunken gesehen. Er wird euch gleich

hier den Beweis geben. Wie er die Kälte ertrug -- die Winter sind dort

streng -- auch das klingt wie ein Wunder. Es hatte einmal stark

gefroren, die Soldaten verließen entweder überhaupt nicht die Zelte

oder, wenn einer ausging, wickelte er sich wunder wie ein und hatte die

Füße in Filz oder Pelz gefatscht; Sokrates aber kam im Rock, den er

immer trug, heraus und spazierte barfuß leichter durch den Frost als

alle, die ihre Schuhe hatten. Die Soldaten blickten ihn mißtrauisch an

und mußten denken, er wolle sich über sie nur lustig machen. Doch davon

genug.

Platons Gastmahl · 第 4 / 5 段