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MEDIUM TE MUNDI POSUI, UT CIRCUMSPICERES INDE COMMODIUS
QUIDQUID EST IN MUNDO · NEC TE COELESTEM NECQUE TERRENUM
NECQUE MORTALEM NECQUE IMMORTALEM FECIMUS, UT TUI IPSIUS
QUASI ARBITRARIUS HONORARIUSQUE PLASTES ET FICTOR IN QUAM
MALUERIS TU TE FORMAM EFFINGAS · POTERIS IN INFERIORA
QUAE SUNT BRUTA DEGENERARE, POTERIS IN SUPERIORA QUAE
SUNT DIVINA EX TUI ANIMI SENTENTIA REGENERARI · O SUMMAM
DEI PATRIS LIBERALITATEM, SUMMAM ET ADMIRANDAM HOMINIS
FOELICITATEM · PICO DI MIRANDOLA »ORATIO«
PLATONS GASTMAHL
22.-26. TAUSEND
VERDEUTSCHT VON RUDOLF KASSNER
VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS
JENA 1922
FRAU
E. BRUCKMANN-CANTACUZENE
GEWIDMET
ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG
IN FREMDE SPRACHEN, VORBEHALTEN. COPYRIGHT 1922
BY EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA
[Illustration]
_Apollodoros_: »O ja, darüber bin ich ziemlich unterrichtet. Erst
neulich, da ich von Phaleron nach der Stadt gehe, sieht mich von
rückwärts einer meiner Bekannten und ruft mir nach: »Apollodoros,
Apollodoros von Phaleron« -- er scherzt immer mit meinem Namen -- »so
warte doch!« Ich bleibe nun stehen und warte auf ihn, und da sagt er mir
denn: »Ich habe dich schon unlängst gesucht, ich möchte nämlich so gerne
etwas über das Gastmahl des Agathon erfahren, ich meine jenes, an dem
Sokrates, Alkibiades und noch viele andere teilgenommen und bei dem sie
über Eros gesprochen haben. Was sprachen sie damals alles, weißt du
näheres? Mir hat schon jemand davon erzählt, der es von Phoinix, dem
Sohne des Philippos, gehört hatte, und dieser sagte mir, auch du wüßtest
näheres darüber. In der Tat, er konnte mir nicht gerade viel sagen,
erzähle du mir nun davon! Denn niemand ist so dafür geschaffen wie du,
die Worte unseres großen Freundes zu künden. Zuerst aber sage noch
schnell: warst du selbst bei dem Gastmahl zugegen? Ja?« Darauf erwidere
ich ihm gleich: »Dein Freund muß dich wirklich schlecht unterrichtet
haben, wenn er meint, das Gastmahl, um das du mich fragst, hätte erst
vor kurzem stattgefunden und ich selbst hätte daran teilgenommen!«
»Nicht? Ich dachte!« »Aber mein lieber Glaukon,« fuhr ich fort, »weißt
du denn nicht, daß Agathon seit vielen Jahren schon die Stadt verlassen
hat? Und dann -- seitdem ich um Sokrates bin, seitdem ich täglich, ich
sage täglich ganz genau weiß, was Sokrates spricht und was Sokrates tut,
sind noch nicht drei Jahre vergangen. Früher, ach früher! -- da lief
ich so herum, ohne zu wissen wohin, und tat geschäftig und war doch so
jämmerlich wie nur irgend jemand, so jämmerlich wie du jetzt, Glaukon,
der du noch immer glaubst, man dürfe um keinen Preis denken, nur nicht
denken.«
»Bitte, mache dich nicht über mich lustig,« sagt mein Freund, »sage
lieber, wann hat das Gastmahl also stattgefunden?«
»Wir waren noch Kinder, Agathon hatte mit seiner ersten Tragödie gesiegt
und mit seinen Choreuten den Sieg gefeiert, den Tag darauf nun da hat
das Gastmahl stattgefunden!«
»Das ist allerdings schon lange her. Aber von wem weißt du das alles?«
fragte Glaukon weiter. »Von Sokrates selbst?«
»Ach Gott, nein, nein! Von ebendemselben, von dem Phoinix es gehört hat:
von Aristodemos aus Kythäron, vom kleinen Aristodemos, der immer wie
der Meister ohne Sandalen herumlief. Er war dabei; ich glaube, seine
Beziehungen zu Sokrates waren ganz besonders innige. Später habe ich
noch Sokrates selbst um einiges gefragt, und Sokrates bestätigte, es
sei alles so gewesen, wie Aristodemos es mir geschildert hat.«
»Gut, gut, so erzähle du mir jetzt nun alles!« drang Glaukon weiter.
»Wir gehen beide in die Stadt, und auf dem Wege kann man so gut reden
und zuhören!«
Nun, so gingen wir beide zusammen nach der Stadt und sprachen darüber;
ich bin also, wie gesagt, vorbereitet. Und wenn es sein muß, so will ich
auch euch alles erzählen. Aufrichtig, ich freue mich jedesmal unbändig,
wenn ich entweder selbst über Philosophie sprechen oder davon hören
darf. Von der Förderung, die ich dadurch erfahre, rede ich erst gar
nicht. Über das, was man so den Tag über schwatzt, was ihr Reichen und
Krämer zusammenschwatzt, ärgere ich mich doch nur; ja ich bemitleide
euch, denn ihr glaubt immer, weiß Gott was zu tun und kommt doch nicht
weiter. Vielleicht werdet ihr euerseits wieder mich bemitleiden,
vielleicht habt ihr recht, ja, ich bin bemitleidenswert, ja! Aber ihr,
meine Lieben, seid es in einem ganz anderen Sinne, und ihr seid es nicht
nur vielleicht, ihr seid es bestimmt, das weiß ich.«
_Der Freund_: »Apollodoros, du bleibst der Alte! Immer schmähst du dich
selbst und die Welt und hältst, mit dir angefangen, alle einfach für
bemitleidenswert; Sokrates allein ist deine Ausnahme. Ich weiß zwar
nicht, woher du den Beinamen »der Tolle« hast, aber, so oft du sprichst,
bist du wirklich wie toll. Du haderst mit dir selbst und den andern, nur
Sokrates, Sokrates bleibt von deiner Wut verschont!«
_Apollodoros_: »Mein lieber Freund, es ist wohl nur zu natürlich, daß
ich toll und rasend erscheine, da ich nun einmal so über mich und euch
denke!«
_Der Freund_: »Streiten wir jetzt nicht darüber! Tue das, worum wir dich
gebeten haben, und erzähle uns vom Gastmahl!«
_Apollodoros_: »Am Gastmahl nahmen teil ... Doch nein, ich will lieber
gleich von Anfang an es so erzählen, wie ich es von Aristodemos gehört
habe. Aristodemos erzählte also: er wäre eines Abends Sokrates begegnet,
und Sokrates hätte gerade gebadet gehabt und, was selten vorkommt,
Sandalen getragen. Auf die Frage, wohin er denn so geputzt ginge, hätte
Sokrates geantwortet: »Zu Agathon, zu einem Gastmahl! Gestern bin ich
noch der Siegesfeier entgangen -- ich mag den Lärm nicht -- ich habe
aber versprochen, heute zu kommen. Und so habe ich mich denn schön
gemacht, damit auch ich »schön vor den Schönen« trete. Aber du, wie
denkst du darüber, ungeladen mitzugehen?« »Ja, wenn du glaubst ...«
hätte er geantwortet. »So komm nur mit! Wir können ja das Sprichwort
drehen und sagen: Zum Mahle des Guten kommen ungeladen die Guten!
Homer dreht es nicht nur um, sondern hält sich überhaupt nicht daran:
Agamemnon ist sein bester Soldat, und Menelaos ist, wie sagt er doch,
Menelaos ist ein verwöhnter Speerschütze. Doch da Agamemnon das Opfer
feiert, kommt Menelaos ungeladen zum Opfermahle, du siehst, der
Schlechtere kommt hier zum Mahle des Besseren.« »Ich fürchte,« hätte
Aristodemos eingewendet, »ich fürchte, Sokrates, du schmeichelst mir,
wenn du das Sprichwort in deinem Sinne drehst; ich bin wohl eher im
Sinne Homers der arme Schlucker und gehe ungeladen zum Mahle des Weisen
und Edlen! Sieh nur zu, wie du mich dort entschuldigen wirst; ich will
durchaus nicht ungeladen kommen, ich betrachte mich von dir geladen!«
»Während wir zusammen gehen, können wir ja überlegen, was wir anführen
werden. Gehen wir nur!« hätte Sokrates geschlossen, und so wären sie
denn beide weitergegangen. Sokrates wäre aber, wie ihm ja das öfters
geschieht, ganz plötzlich in Gedanken gekommen und auf dem Wege immer
wieder zurückgeblieben. Da Aristodemos auf ihn warten wollte, hätte
Sokrates ihn nur weitergehen geheißen. Bis zu Agathons Tür wären sie
schließlich beide zusammen gegangen. Und jetzt wäre Aristodemos etwas
ganz Komisches widerfahren. Agathons Tür hätte offen gestanden, ein
Knabe ihn bei der Tür empfangen und zu den Sitzen der andern geführt,
die eben im Begriffe waren, an das Essen zu gehen. Da aber Agathon ihn
erblickte, hätte er gleich gerufen: »Aristodemos, du kommst gerade
zurecht, um noch mit uns zu essen. Laß alles nur, bitte, auf morgen,
wenn du etwa in einer andern Angelegenheit herkommst! Ich habe dich
gestern schon überall gesucht, um dich für heute einzuladen, und konnte
dich nicht finden. Aber warum bringst du Sokrates nicht mit?« »Ich drehe
mich um«, hätte Aristodemos gesagt, »und sehe keinen Sokrates. >Ja, ich
bin aber doch mit Sokrates gekommen,< rief ich, >Sokrates hat mich
aufgefordert, mit zu euch zu kommen!<« »Gut, gut, natürlich, aber wo
ist er?« »Ja, Sokrates ging hinter mir und kam mit herein, ich bin jetzt
selbst ganz verwundert, wo er nur geblieben sein mag.« »Sieh du dich
nach Sokrates um,« hätte Agathon einem Knaben befohlen, »und bring ihn
uns! Doch du, Aristodemos, lege dich dorthin neben Eryximachos!« Ein
Knabe hätte Aristodemos nun die Füße gewaschen und Aristodemos sich dann
neben Eryximachos gelegt. Der Knabe aber, den Agathon nach Sokrates
geschickt hatte, wäre mit dem Berichte zurückgekommen: Sokrates stehe
ganz allein im Tore des Nachbarhauses und wolle nicht kommen. »Unsinn,
gehe noch einmal und laß nicht locker!« Agathon hätte noch einmal den
Knaben schicken wollen, doch Aristodemos entgegnete: »Nein, nein, laßt
Sokrates nur! Er macht das oft so und bleibt plötzlich wo stehn. Er wird
ja gleich kommen. Stört ihn nur nicht!« »Nun, wenn du glaubst;« gab
Agathon nach, »ihr Knaben aber bringt uns das Essen. Setzt es uns vor,
ganz wie ihr wollt! Niemand soll heute die Aufsicht führen. Ich liebe
das nicht. Bildet euch ein, wir wären von euch zu Tische geladen, und
bedient uns so, daß wir euer Haus dann loben!« Und so hätten sich denn
alle ans Essen gemacht. Sokrates wäre aber noch immer nicht gekommen.
Agathon hätte ihn zwar immer wieder holen lassen wollen, aber
Aristodemos wäre weiter dagegen gewesen. Endlich wäre er doch gekommen,
sogar ohne diesmal so lange wie gewöhnlich auf sich warten zu lassen,
sie wären alle noch mitten im Essen gewesen. Und gleich hätte Agathon,
der ganz an der Ecke allein saß, Sokrates zugerufen: »Zu mir, Sokrates,
setze dich zu mir, damit auch ich etwas von dem Gedanken, der dir dort
vor der Tür in den Wurf kam, bekomme! Du hast dir ihn wohl gefangen und
hältst ihn jetzt fest! Natürlich, sonst hättest du wohl kaum den Anstand
verlassen!« Sokrates hätte sich auch gleich neben Agathon gesetzt und
ihm erwidert: »Ich mag mit meinem Platze wohl zufrieden sein, wenn also
die Weisheit wirkt, daß sie aus dem Vollen ins Leere abfließt, so wir
beide uns nebeneinander halten, wie ja das Wasser aus dem vollen Becher
in den leeren fließt, wenn man ein Haar zwischen beide legt. Ja, wenn
also die Weisheit wirkt, dann ehre ich den Platz neben dir! Ich glaube,
neben dir recht voll von deiner reichen und schönen Weisheit zu werden.
Denn meine Weisheit ist mager und zweifelhaft, zweifelhaft wie ein
Traum. Deine Weisheit hingegen strahlt und hat eine helle Bahn, du bist
noch so jung, und sie hat gestern vor mehr als dreißigtausend Griechen
geleuchtet!« »O Sokrates, du bist ein böser Spötter; den Streit über
unsere Weisheit aber wollen wir später ausfechten, und Dionysos wird
Richter sein. Jetzt iß nur zuerst!« Nun hätte also auch Sokrates
gegessen, und da er und die andern fertig waren, hätten alle zuerst dem
Gotte vom Weine gespendet und die Lieder gesungen, und so unter allen
den üblichen Gebräuchen wäre es zum eigentlichen Trinkgelage gekommen.
Und Pausanias nahm gleich das Wort: »Wohlan denn, Freunde, da jetzt
getrunken werden muß, so frage ich zuerst, wie machen wir uns dies
heute so leicht wie möglich? Damit ich es nur gleich gestehe, mein Kopf
ist mir noch von gestern schwer, und ich muß mich heute noch davon
erholen. Und da ihr alle gestern zugegen waret, so nehme ich dasselbe
von euch an.« »Da hast du recht, Pausanias,« fiel Aristophanes ein, »da
hast du recht, wir müssen uns heute durch irgend etwas vom fortwährenden
Trinken ablenken. Auch ich stak gestern tief im Weine!« »Das heiße ich
vernünftig gesprochen,« rief Eryximachos, der Sohn des Akumenos, »aber
nur einen von euch möchte ich noch fragen, dich, Agathon: Hast du viel
Lust zum Trinken?« »Nein, nein, sehr wenig!« gab Agathon zur Antwort,
und Eryximachos: »Nun, wenn so unsre besten Zecher versagen, so ist das
für mich und Aristodemos und Phaidros ein großer Trost, denn wir drei
vertragen nie viel. Sokrates nehme ich aus, denn er kann immer beides,
und darum wird ihm beides recht sein. Da also niemand von den Anwesenden
Lust hat, viel zu trinken, so dürfte ich gerade heute niemandem zu nahe
treten, wenn ich euch über die Trunksucht einmal die Wahrheit sage. Ich
bin Arzt und habe in meiner Praxis erfahren, wie schädlich der Rausch
den Menschen sei. Ich selbst möchte also heute weder gerne einfach
darauflostrinken, noch andern dazu raten, am wenigsten dem, welchem noch
von gestern der Kopf brummt!« »Eryximachos, ich folge dir, du weißt es,
immer und besonders dann, wenn du als Arzt sprichst,« unterbrach ihn
Phaidros, der Myrrhinusier, »heute werden auch die andern auf dich
hören, wenn ihnen an ihrem eigenen Wohl gelegen ist.« Und so waren denn
alle darin übereingekommen, heute nicht bis zum Rausch, sondern ganz
ohne Zwang zu trinken. Und Eryximachos fuhr fort: »Da es also abgemacht
ist, daß heute jeder nur so viel trinke, wie er will, und niemand
gezwungen wird, so schlage ich vor, wir lassen die Flötenspielerin, die
eben gekommen ist, wieder gehen; sie mag sich selbst oder, wenn sie es
vorzieht, unsern Weibern zu Hause etwas vorspielen; wir werden uns
allein unterhalten und zwar mit Gesprächen. Und wenn ihr es hören wollt,
so werde ich euch sagen, worüber wir reden sollten!« Alle wollten den
Vorschlag des Eryximachos hören, und Eryximachos sagte ihn: »Ich beginne
wie des Euripides Melanippe: Nicht ich rede, sondern Phaidros spricht
durch mich. Phaidros sagt mir nämlich jedesmal ganz bitter: »Ist es
nicht arg, Eryximachos, daß auf alle Götter Lieder und Gesänge von den
Dichtern geschrieben werden und daß ihrer niemand noch Eros, diesen
alten und starken Gott, im Liede gepriesen hat? Sieh dir die ehrlichsten
Sophisten an: Herakles und die andern Götter verherrlichen sie in ganzen
Abhandlungen, denke nur an den ausgezeichneten Prodikos! Und wenn man
das noch verstehen kann, aber ich hatte unlängst ein Buch in der Hand,
und darin konnte man ganz ernst ein Loblied auf den Nutzen des Salzes
lesen, und in dieser Art könntest du noch vieles finden. Auf solche
Dinge wird viel Fleiß verwendet, aber bis heute hat noch niemand gewagt,
Eros zu feiern; ein so großer Gott bleibt also ohne Ehren!« Phaidros
scheint mir recht zu haben. Ich will also seinen Antrag unterstützen
und ihm gefällig sein; ich glaube auch, gerade jetzt wäre unter uns
Stimmung, den Gott zu preisen. Wenn ihr nun alle meiner Ansicht seid, so
könnten wir uns nicht angenehmer die Zeit vertreiben. Ich denke, wir
fangen dann von rechts an und jeder spricht etwas zum Preise des Gottes,
so gut er es eben kann; Phaidros beginnt, er sitzt ganz oben und hat
uns auch zum Ganzen angeregt.« »Niemand, Eryximachos, wird gegen dich
stimmen,« rief Sokrates, »am wenigsten ich, der ich immer behaupte, mich
überhaupt nur auf die Liebe zu verstehen; Agathon und Pausanias sind
selbstverständlich dafür; Aristophanes hat es ja immer nur mit Aphrodite
und Eros zu tun, alle, alle hier sind auf deiner Seite. Allerdings sind
wir, die ganz unten sitzen, ein wenig im Nachteil, doch wenn die andern
oben gut sprechen, so werden wir es zufrieden sein. Viel Glück denn,
Phaidros, fange an und preise uns den Gott der Liebe!« Alle haben sich
Sokrates angeschlossen und Phaidros zum Worte gerufen. Was nun jeder
sprach, dessen konnte weder Aristodemos sich immer genau entsinnen, noch
weiß ich selbst alles so deutlich, wie Aristodemos es mir erzählt hat.
Doch was mir in ihren Reden wesentlich und denkwürdig erschien, das
alles sollt ihr jetzt hören.
Phaidros hätte also begonnen: »Ein großer Gott ist Eros und wunderbar
unter Menschen und Göttern, groß und wunderbar in vielem Sinne und vor
allem dann, wenn wir an seine Geburt denken. Denn Eros ist der älteste
der Götter, und das allein ist ein Vorzug. Eros hat keinen Vater und
keine Mutter, Dichter und Laien wissen nichts von seiner Geburt. Hesiod
sagt, am Anfang sei das Chaos gewesen und >dann die breite Erde, der
Wesen ewig sicherer Sitz und endlich Eros<. Und Parmenides erzählt von
der Schöpfung, sie habe von allen Göttern zuerst den Gott der Liebe
ersonnen. Wie Hesiod denkt auch Akusilaos, und so gilt denn Eros
wirklich vielen als der älteste Gott. Und darum ist er auch der Spender
höchster Gaben. Ich wüßte denn auch keine höhere Gabe als einem Jüngling
den treuen Freund und diesem den Geliebten. Was allen Menschen, die edel
ihr Leben führen wollen, immer notwendig sein soll, das können diesen
nicht Geburt, nicht Ehre, nicht Reichtum so reich geben, wie die Liebe
es gibt. Denn die Liebe allein gibt die Scham vor dem Laster und den
Ehrgeiz alles Edlen, und ohne beide vermag eine ganze Stadt, vermag der
Einzelne nicht das Große zu wirken. Ich meine, wenn ein Jüngling irgend
etwas ganz Schlechtes getan hat oder seine Feigheit den Gegner nicht
wehren wollte, so wird die offene Scham ihn vor seinen Eltern oder
Gefährten lange nicht so wie vor dem Geliebten schmerzen. Und wenn
der Geliebte bei etwas Schlechtem ertappt wird, so empfindet er vor
niemandem so bitter die Schande wie vor dem Freunde! Die Freunde und die
Geliebten -- ja sollte es möglich sein, aus beiden eine ganze Stadt oder
ein ganzes Heer zu bilden, so könnten eine so gemeinsame Abscheu vor dem
Laster und ein so selbstloser Ehrgeiz das Staatswesen nicht besser
verwalten, und wenn sie gemeinsam in die Schlacht zögen, müßten sie,
wenn ihrer auch nur wenige wären, alle anderen, ich sage gleich, die
ganze Welt besiegen. Ein Jüngling, der die Waffen wegwirft und die
Schlachtreihe verläßt, würde wohl von allen anderen besser als von dem
Geliebten empfangen werden und eher sterben, bevor er dies täte. Oder
gar den Geliebten verlassen, ihm in der Gefahr nicht beispringen: so
feige ist niemand -- jeden hat die Liebe so mit göttlichem Mute begabt,
daß er sich dann mit dem Kühnsten messe. Und wenn der Gott, wie Homer
ungeschickt sagt, einigen Helden den Mut einhaucht, so schenkt Eros sich
selbst den Liebenden als Mut.
Und nur Liebende wollen füreinander sterben, und das tun nicht nur
Männer, sondern sogar die Frauen. Alkestis, des Pelias Tochter, hat es
vor allen Griechen bewiesen. Sie, sie allein wollte für Admet in den
Tod gehen, und doch lebten diesem noch Vater und Mutter. Ja, Alkestis
stand um ihrer Liebe willen so hoch über diesen, daß sie für immer
dartat, wie Eltern im Grunde und zuletzt dem Sohne doch fremd wären und
ihm nur den Namen gäben. Und der Alkestis Tat war auch vor den Göttern
so edel, daß liebend diese der Alkestis Seele aus dem Hades ließen, eine
Gnade, welche nur wenigen und nur denen, die Höchstes vollbracht haben,
Götter gewähren. So ehren die Götter den Eifer und Mut der Liebe.
Orpheus dagegen, den Sohn des Oiagros, ließen sie erfolglos aus dem
Hades gehen, die Götter zeigten ihm nur den Schatten des Weibes, um das
er kam, Eurydike selbst gaben sie nicht zurück, denn Orpheus war ein
Musiker und feige, und statt um der Liebe willen gleich Alkestis zu
sterben, wollte er es erzwingen, lebend unter die Schatten zu treten.
Darum sandten die Götter ihm die Strafe und ließen ihn von den Mänaden,
von Weibern, zerfleischen. Achilleus aber, den Sohn der Thetis, ehrten
sie, und ihn sandten sie hin nach den Inseln der Seligen. Aus der Mutter
Munde hatte der Held erfahren, daß er wählen müsse: >Wenn du Hektor
tötest, so mußt du jung in Troja sterben, doch wenn du ihn schonst, so
kehrst du nach der Heimat zurück und scheidest als Greis vom Leben.<
Achilleus war stark und wählte den frühen Tod und rächte Patroklos, der
ihn geliebt hatte, er starb nicht für ihn, nein, er starb dem toten
Freunde nach. Und weil Achilleus den Freund so hochhielt, darum haben
überschwenglich ihn die Götter geliebt und geehrt. Äschylos schwatzt,
wenn er behauptet, Patroklos sei der Geliebte und Achilleus der Freund
gewesen, denn Achilleus war nicht nur schöner als Patroklos, er war
schöner als alle anderen Helden und hatte, wie außerdem Homer sagt, noch
keinen Bart und war der jüngere. Es ehren die Götter ja überall den Mut
in der Liebe, aber sie staunen mehr und spenden reicher die Gnade, wenn
der Geliebte dem Freunde, als wenn der Freund dem Geliebten die Liebe
beweist. Denn der Freund ist göttlicher als der Geliebte. Der Freund
trägt den Gott in sich. Und darum haben die Götter Achilleus mehr geehrt
als Alkestis, und Achilleus und nicht Alkestis haben sie nach den
Inseln der Seligen geschickt. Ich schließe und sage, Eros ist von allen
Göttern der älteste und ehrwürdigste und der hohe Herr aller, die im
Leben und nach dem Tode zur Tugend und zum Heile kommen wollen.«
So also hatte Phaidros gesprochen. Auf ihn sind noch einige andere
gefolgt -- Aristodemos erinnerte sich ihrer Worte nicht mehr -- bis
dann Pausanias an die Reihe kam: »Indem du, Phaidros, Eros so einfach
den Preis sprachest, hast du dir die Aufgabe, wie mir scheint, nicht
richtig gestellt. Ja, wenn es nur =einen= Eros gäbe, würde ich nichts
einzuwenden haben. Nun gibt es aber nicht nur =einen= Eros, und darum
ist es wohl unerläßlich, vorauszuschicken, welchen wir preisen sollen.
Ich will also versuchen, dich zu berichtigen, das heißt: ich werde
zuerst sagen, welchen Eros wir preisen sollen, und dann erst werde ich
den Würdigen würdig preisen. Wir alle wissen, daß Aphrodite nie ohne
Eros ist. Wenn es nun nur =eine= Aphrodite gäbe, so hätten wir nur
=einen= Eros. Nun gibt es aber zwei Göttinnen der Liebe, und darum
haben wir notwendig auch zwei Eroten. Zwei Göttinnen der Liebe also:
die ältere mutterlose Tochter des Uranos, sie heißt die himmlische
Aphrodite, und dann die jüngere, des Zeus und der Dione Tochter, die
irdische Aphrodite. Und darum müssen wir den Eros, der diese begleitet
und dieser hilft, den irdischen Eros, und den, der jene begleitet und
jener hilft, den himmlischen Eros nennen. Weiter, im allgemeinen können
wir ja gar nicht anders als alle Götter preisen, aber hier müssen
wir klar zu machen versuchen, welcher Preis jedem der beiden Götter
gebühre. Es gilt ja überall: Eine Handlung ist niemals an und für sich
gut oder an und für sich schlecht. Was immer wir jetzt hier tun, ob wir
nun trinken, singen oder Reden halten, alles das könnte niemals an und
für sich, aus sich heraus gut sein, denn die Art und Weise entscheidet.
Wenn wir ehrlich und edel handeln, so ist die Handlung gut, wenn wir
niedrig handeln, schlecht. Und so ist auch Eros und jede Betätigung
der Liebe an und für sich, im allgemeinen weder ein Edles noch würdig
gepriesen zu werden, sondern nur derjenige ist es, der edel zu lieben
weiß.
Der Eros der irdischen Aphrodite ist nun wirklich irdisch und überall
und gemein und zufällig. Und alles Gemeine bekennt sich zu ihm. Der
Gemeine liebt wahllos Weiber und Knaben, und er liebt immer nur den
Leib, er liebt vor allem die geistig noch unentwickelten Knaben, da er
eben nur den Zweck will und die Art ihn nicht kümmert. So handelt er
denn auch immer ganz zufällig, heute gut und morgen schlecht, und liebt,
was ihm begegnet. Seine Göttin ist die jüngere, und an der Zeugung und
Geburt der irdischen Aphrodite hatten der Mann und das Weib, beide
Geschlechter, teil. Die hohe Liebe stammt von der himmlischen Aphrodite,
und die himmlische Aphrodite war aus dem Manne frei geschaffen und ist
die Ältere und voll Maß und gebändigt. Und darum also streben sehnend
alle Jünglinge und Männer, welche diese Liebe begeistert, zum
männlichen, zum eigenen Geschlechte hin: sie lieben die stärkere Natur
und den höheren Sinn. Aber auch hier in der Männerliebe müssen wir von
anderen scharf diejenigen scheiden, die nur von der hohen Liebe und nur
von ihr geführt werden. Sie lieben die Jünglinge erst, wenn diese
selbständig zu denken beginnen, es ist das im allgemeinen um die Zeit,
da diesen der Bart keimt. Und wer hier den Jüngling zu lieben beginnt,
wird dann auch bereit sein, sein ganzes Leben mit dem Geliebten
gemeinsam zu führen, und wird ihn nicht betrügen und auslachen und
davon zu einem andern laufen, etwas, das immer vorkommt, wenn er den
Geliebten, da dieser beinahe noch ein Kind war, genommen hat. Ich meine,
es sollte ein Gesetz geben, das da verbietet, Knaben zu lieben, damit
nicht so ins Ungewisse hinein viel Leidenschaft verschwendet werde. Man
kann nie wissen, wie ein Knabe sich an Geist und Körper entwickeln
werde. Der Edle wird sich dieses Gesetz selbst geben, die anderen
sollten wir dazu zwingen, wie wir sie ja auch, soweit es da überhaupt
möglich ist, zwingen, freie Frauen nicht zu schänden. Denn diese
Niedrigen sind es, die unsere hohe Liebe so in Verruf gebracht haben,
daß man jetzt überall hört, der Geliebte dürfe dem Freunde nicht zu
Willen sein. Man denkt da natürlich nur an sie und sieht ihre
Taktlosigkeit und ihr Unrecht, und alles Regellose und Ungesetzliche
verdient ja mit Recht Tadel.
In den anderen Städten sind die Anschauungen von der Liebe leicht zu
verstehen: alles ist da einfach und bestimmt; nur hier bei uns und in
Lakedaimon scheinen sie schwierig und verwickelt. In Elis und Böotien,
überall also, wo die Leute nicht sonderlich redegewandt sind, heißt
es kurz: dem Freunde zu Willen sein ist gut, und kein Mann und kein
Jüngling wird anders denken. Denn durch diese Bestimmtheit meiden sie
ein für allemal die Gefahr, die Geliebten erst überreden zu müssen, denn
reden -- das können sie nun einmal nicht. In Jonien dagegen und überall
bei den Barbaren gilt unsere Liebe einfach für eine Schande. Unter
Barbaren verdammt sie die Tyrannis, wie diese ja schließlich auch die
Philosophie und Körperbildung verurteilt. Denn dem Tyrannen kann es
nicht sehr förderlich sein, wenn seinen Kreaturen der Verstand wächst
und unter diesen starke Freundschaftsbünde entstehen, denn gerade solche
bildet gerne die Liebe. Unsere Tyrannen haben es am eigenen Leibe
erfahren: die Liebe des Harmodios und Aristogeiton ist stark geworden
und hat deren Herrschaft gebrochen. Noch einmal also, immer dort, wo es
für eine Schande gilt, dem Freunde zu Willen zu sein, spricht nur die
Niedrigkeit der Anschauungen, das heißt: die Herrschsucht des Tyrannen
und die Feigheit des Sklaven; wo es aber ohne Umstände für
selbstverständlich gilt wie in Elis und Böotien, dort ist die Sitte eben
noch roh.
Bei uns nun ist die Sitte edler und, wie ich schon gesagt habe, nicht
leicht verständlich. Man denke nur, es gilt für edler, offen zu lieben
als verstohlen, für edler, die Vornehmsten und Tüchtigsten, auch wenn
sie weniger schön wären als andere, zu lieben, man denke weiter, in
wunderbarer Weise gibt alles dem Liebenden recht und ermutigt ihn wie
einen, der durchaus nicht schlecht handelt; ja, wer den Geliebten
gewinnt, hat recht getan, und wer es nicht vermag, trägt den Schimpf
davon. Und damit der Freund sein Ziel erreiche und den Geliebten
gewinne, gibt unsere Sitte ihm Freiheiten, das Wunderlichste unter dem
Beifall aller zu tun, Dinge zu tun, die ihm Schande brächten, wenn sie
einem anderen Zweck dienten. Denn wollte jemand, um sich Geld zu machen
oder einen guten Posten zu erhalten oder im Staate zu Einfluß zu kommen,
alles das tun, was der Freund für den Geliebten tut, wollte er da
ebensoviel bitten und flehen, Eide schwören und vor den Türen liegen,
kurz sich niedriger als der letzte Sklave gebärden, Freund und Feind
würden sich dagegen erheben: seine Feinde würden ihn der Kriecherei und
Feigheit zeihen, seine Freunde sich seiner schämen und ihm helfen. Den
Liebenden aber begleitet überallhin die Gunst aller, und alles ist ihm
nach unserer Sitte erlaubt, ja er handelt nach ihr sogar besonders kühn.
Und was ganz ungeheuer klingt, die Götter, heißt es, verzeihen Liebenden
und nur ihnen den gebrochenen Eid. Die Liebe schwört keine Eide, hört
man die Leute sagen. So geben Götter und Menschen den Liebenden alle
Mittel frei, und das und nichts anderes sagt unsere Sitte.
Nach ihr also müßten wir alle überzeugt sein, es gelte in unser Stadt
allgemein für ein ganz außerordentlich Edles, zu lieben und geliebt zu
werden. Und doch verbieten die Väter ihren Söhnen, mit dem, der ihrer
Liebe begehren sollte, sich ins Gespräch einzulassen und halten ihnen
darum Hauslehrer, ja wenn dies vorkommt, so rügen es auch die
Altersgenossen und Gespielen, und Ältere erheben dagegen keinen
Einspruch und geben den Gespielen recht, wenn diese sie rügen: nun,
wer das wiederum sieht, der muß dann im Gegenteil glauben, unsere
Liebe sei auch hier eine große Schande. Dieser Widerspruch löst sich
meiner Ansicht nach also: wie ich schon gesagt habe: es gibt eben
nicht einfach etwas, was an und für sich gut, und ein anderes, was an
und für sich schlecht wäre, alles hängt von der Art und Weise unseres
Handelns ab. Es ist niedrig, dem Niedrigen, und edel, dem Edlen zu
Willen zu sein. Niedrig ist jener Adept der gemeinen Liebe, welcher
den Leib mehr als die Seele liebt, denn er ist ohne Treue, da er ein
so treuloses, wechselndes Ding wie den Leib liebt. Wenn der Leib, den
er begehrt hat, verblüht, dann läuft er davon und schämt sich seiner
vielen Worte und Versprechen. Nur wer die edle Gesinnung liebt, hat
sich dem Dauernden verbunden und bleibt treu. Und diesen, den Treuen
will unsere Sitte prüfen. Darum fordert sie die Geliebten auf, zu
fliehen, und die Freunde, diesen nachzustellen; in diesem Kampf will
sie den Geliebten, will sie den Freund erproben. Da gilt es ihr dann
für niedrig, sich schnell und leicht fangen zu lassen. Es soll zuerst
eine gewisse Zeit verstreichen; die Zeit stellt ja alles auf die
Probe. Da gilt es ihr weiter für niedrig, durch Geld oder politischen
Einfluß sich gewinnen zu lassen, ob nun der Geliebte unter dieser
Roheit leidet, ohne doch sich frei machen zu können, oder ob er sich
bestechen läßt und keine Verachtung dafür hat. Denn abgesehen davon,
daß unter diesen Voraussetzungen nie eine wahre Freundschaft sich
bilden kann, so vermag alles das überhaupt nicht zu halten und zu
dauern. Und so bleibt nach unserer Anschauung nur =ein= Weg dem
Geliebten übrig, seinem Freunde in edlem Sinne zu Willen zu sein, nur
=ein= Weg: denn genau so wie dem Freunde kein Dienst, den er für den
Geliebten tut, als schmeichlerisch und schandbar ausgelegt wird, wird
dann dem Geliebten nur =ein= Dienst frei und ohne Schimpf bleiben: der
Geliebte wird um der Tugend willen dienen. Und bei uns ist denn auch
die Sitte wirklich durchgedrungen: wenn dem Freunde der Geliebte in
der Absicht, weiser und besser zu werden, dient, so ist diese
Dienstbeflissenheit nichts Schlechtes, nicht Kriecherei, wie man oft
hört. Und wenn es wahrhaft edel werden soll, daß der Geliebte dem
Freunde sich hingibt, so müssen unsere Anschauung von der Liebe und
jene von der Philosophie und jeder anderen inneren Tüchtigkeit sich
decken. Wenn also unsere Freunde und unsere Geliebten sich dort
begegnen werden, wo der Freund dem Geliebten durchaus uneigennützig
zur Seite steht und der Geliebte dem Freunde, der ihn weise und edel
gemacht hat, sich willig unterordnet, wo weiter der Freund als der
Stärkere wirklich die Gesinnung und jede Tätigkeit des Geliebten
fördert, und der Geliebte als der Schwächere die Bildung und Einsicht
vom Freunde annimmt, wenn also Freund und Geliebter, jeder dem eigenen
Gesetze gehorchend, so das Gemeinsame finden, so wird es hier nicht
anders heißen können, als es ist edel, daß der Geliebte dem Freunde zu
Willen sei. Hier ist es auch keine Schmach, sich zu täuschen und
betrogen zu werden. In allen anderen Fällen trägt der Geliebte die
Schande davon, ob er nun betrogen wird oder nicht. Denn wenn der
Geliebte dem Freunde um dessen Reichtum willen sich hingibt und dann
betrogen wird, so ist das schamlos und bleibt es, wenn der Freund sich
später als arm erweisen sollte; denn er hat bewiesen, daß er sich für
Geld auch jedem andern unterordnen würde, und das ist immer gemein.
Umgekehrt aber und nach derselben Anschauung: wenn der Geliebte, um
besser zu werden, dem Freunde zu Willen ist und dann betrogen wird, da
der Freund sich als niedrig erweist, so ist dennoch diese Täuschung
ein durchaus Edles. Der Geliebte hat, soweit es von ihm abhing,
bewiesen, daß er der Tugend zuliebe und um besser zu werden zu allem
bereit sei, und ich kenne nicht, was edler wäre. So ist es also, noch
einmal, durchaus edel, um der Tugend willen sich hinzugeben.
Das also ist der Eros der himmlischen Göttin, auch er kommt vom Himmel
und ist von großem Werte für die Stadt und den einzelnen, denn er gibt
dem Freund und dem Geliebten beiden jene große Sorge um die eigene
innere Tüchtigkeit. Wer von dieser Sorge nichts weiß, der bekennt sich
zum irdischen Eros. Und das ist es, Phaidros, was ich, so gut es aus
dem Stegreif ging, zum Preise des Gottes beitragen konnte.
Nach Pausanias, erzählte Aristodemos, hätte Aristophanes sprechen
sollen. Ob es nun die Folge davon war, daß er gestern zu viel getrunken
hatte oder eine andere Ursache hatte, Aristophanes hatte Schlucken und
konnte nicht gut sprechen. So sagte er denn zu Eryximachos -- er saß
gerade vor dem Arzt Eryximachos --: »Eryximachos, du mußt mir entweder
den Schlucken nehmen oder für mich sprechen, bis ich ihn verloren habe.
Du kannst ja beides.« Eryximachos antwortete: »Ich will dir beides tun.
Ich werde jetzt für dich eintreten, und du kannst dann für mich reden.
Und wenn du, während ich rede, den Atem anhältst, wird der Schlucken
vergehen. Sonst nimm etwas Wasser und gurgle! Sollte er aber sehr heftig
sein, so reize mit etwas die Nase und bringe dich zum Niesen! Wenn du
das ein- oder zweimal tust, so muß er aufhören, und wenn er noch so
heftig wäre.« »Danke, ich werde alles tun; sprich du nur gleich!« sagte
Aristophanes.
Eryximachos begann also: »Pausanias hat zwar gut begonnen, aber nicht
richtig geschlossen, und darum muß ich seine Rede wohl noch vollenden.
Daß er zwischen zwei Arten des Eros unterschied, war richtig. Daß aber
Eros nicht nur in der Sehnsucht der Seele nach schönen Jünglingen,
sondern in jeder Begierde, in allem Sehnen herrscht und im Tier, in der
Pflanze, in der ganzen Natur lebt, das glaube ich gerade in der
Heilkunst, in meiner Kunst, erfahren zu haben. Groß und wie ein Wunder
reicht dort in alles Göttliche und Menschliche dieser Gott. Und um meine
Kunst zu ehren, beginne ich auch gleich mit der Heilkunst. Die Natur
birgt hier die beiden Arten des Eros in sich, und ich meine das so: das
gesunde und das kranke Element im Körper sind, wie wir alle wissen, zwei
verschiedene, zwei entgegengesetzte Dinge. Das eine begehrt nach dem,
nach welchem das andere nicht begehrt. Anders wirkt die Liebe im gesunden
und anders die Liebe im kranken Element. Pausanias hat oben ausgeführt,
daß es edel sei, den Edlen, und niedrig, den Niedrigen zu Willen zu sein:
nun und genau so ist es hier gut, die gesunden Elemente der Natur, und
schlecht, die kranken zu fördern, und das heißt Heilkunst, und das muß
der Arzt verstehen. Um es gleich zusammenzufassen, die Heilkunst lehrt
uns die beiden Neigungen der Natur kennen: die Neigung, Elemente
aufzunehmen und die Neigung, Elemente abzustoßen, und wer hier die
gesunde Neigung von der kranken zu unterscheiden weiß, der ist der beste
Arzt, und wer noch dazu die eine Neigung durch die andere zu ersetzen,
hier die gesunde Neigung zu erregen, dort die kranke zu vernichten weiß,
der ist der Meister. Denn die feindlichen Elemente in der Natur müssen
wir miteinander versöhnen, wir müssen in ihnen Neigung zueinander
erwecken. Die feindlichen Elemente -- das sind die großen Gegensätze in
der Natur: das Kalte ist dem Warmen, das Bittere dem Süßen, das Trockene
dem Feuchten entgegengesetzt. Und unter diesen Gegensätzen Neigung, den
Eros erwecken -- das verstand Asklepios, unser Ahnherr, und aus dieser
Erkenntnis bildete er, wie die Dichter sagen und wie ich es durchaus
glaube, unsere Kunst. Die ganze Heilkunst wird ja von diesem Gott
beherrscht, die Heilkunst und, damit ich es hier nicht vergesse, die
Lehre von der Körperbildung und der Ackerbau. Und wer nur ein wenig
nachdenkt, für den gilt dasselbe von der Musik. Herakleitos hat es schon
sagen wollen und sich nur schlecht ausgedrückt, wenn er behauptet, daß
alles Zwiespältige sich wieder eine, wie in der Form Bogen und Leier sich
einen. Es ist zunächst zwar unsinnig, von einer zwiespältigen Einheit zu
sprechen und zu sagen, daß eine Einheit aus Zwiespältigem bestehe. Aber
vielleicht wollte Herakleitos nur sagen, daß Hoch und Tief zuerst, in der
Natur also, zwiespältig seien und in der Musik sich dann einen. Denn ganz
unmittelbar gibt es keine Einheit von Hoch und Tief. Alle Einheit ist
Zusammenklang und der Zusammenklang Übereinstimmung. Solange aber noch
zwei Dinge zwiespältig sind, so können sie nicht übereinstimmen, und das
Widersprechende wieder kann unmittelbar keine Einheit bilden. Auch der
Rhythmus entsteht erst dadurch, daß die zwei Maße, Schnell und Langsam,
zuerst einander widersprechen müssen und dann übereinstimmen. Und diese
Übereinstimmung bringt hier die Musik in die Dinge, genau so wie dort die
Heilkunde sie in die Dinge gebracht hat: die Musik erregt die Neigung,
den Eros unter allem Zwiespältigen. Ich verstehe also unter Musik die
Wissenschaft von der Neigung der Gegensätze, der Gegensätze von Hoch und
Tief, Schnell und Langsam. In diesem abstrakten Verhältnis von Einheit
und Rhythmus ist der Gott nicht schwer zu erkennen, hier herrscht noch
nicht der doppelte Eros.
Wenn wir aber auf den Menschen diese Begriffe von Einheit und Rhythmus
anwenden und sie auf Dichtung und Gesang, auf das also, was unsere
Erziehung bildet, beziehen sollen, so wird die Sache schwierig und bedarf
eines tüchtigen Meisters. Und hier gilt dann der Satz des Pausanias: wir
müssen der Liebe der maßvollen Menschen und aller, die zur Einheit noch
kommen wollen, zu Willen sein, sie müssen wir hüten und züchten, denn es
ist das der reine himmlische Gott, der Gott der Muse Urania. Die irdische
Liebe, den Gott der Muse Polyhymnia, dürfen wir nur mit Vorsicht
anwenden, damit die Lust, die der Mensch aus ihr schöpft, ihm nicht alles
Maß nehme; es ist ja für uns Ärzte auch sehr wichtig, dafür zu sorgen,
daß der Mensch alle Genüsse der Kochkunst ohne Schaden genieße. Und so
müssen wir denn in der Musik, in der Heilkunst, in allem Göttlichen und
Menschlichen überall die beiden Arten des Eros beobachten: denn sie
stecken in den Dingen selbst, beide Eroten stecken in den Dingen.
Und weiter -- auch im Verhältnis der Jahreszeiten leben sie, der echte
Eros und der falsche. Wenn der echte Eros sich zwischen warm und kalt,
zwischen trocken und feucht zeigt und hier alles Zwiespältige sich eint
und weise mischt, so bringt das Jahr Segen und Gesundheit für Mensch
und Tier und Gewächs. Wenn aber der falsche, maßlose Eros über den
Jahreszeiten waltet, so vernichtet er viel und bringt Schaden; dann
entstehen große Seuchen unter den Tieren, und viele böse Krankheiten
bilden sich an den Pflanzen, und der Reif und Hagel und Brand kommen,
wenn alles sich zu gierig und maßlos liebt. Ich verstehe unter der
Wissenschaft, welche die ganze Liebe in der Natur auf den Lauf der
Sterne und den Wechsel der Jahreszeiten bezieht, die Astronomie.
Endlich aber haben wir noch die Opfer und die Kunst der Seher -- alles
also, wodurch die Götter mit den Menschen verkehren -- damit diese über
der Liebe wachen und sie heilen. Alle Gottlosigkeit kommt daher, daß der
Mensch in seinem Verhältnis zu seinen Eltern, den verstorbenen oder
lebenden, und zu seinen Göttern dem echten Eros sich nicht hingibt und
den falschen ehrt, dem falschen dient. Es ist die Pflicht der Seher, auf
Eros acht zu haben und den falschen zu heilen; denn die Kunst der Seher
ist da, damit sie Freundschaft zwischen den Göttern und den Menschen
schaffe und erkenne, ob alles Lieben der Menschen nach den Satzungen und
zur Frömmigkeit strebe.
So hat denn viel und große, ja alle Macht der ganze Eros, und indem er
alle guten Dinge klug und gerecht vollendet, hat er die größte Macht und
bringt uns das ganze Heil und macht uns fähig, untereinander und denen,
die mehr sind als wir, den Göttern Freunde zu sein. Vielleicht habe ich,
da ich den Gott pries, vieles übersehen, aber dann ist es gegen meinen
Willen geschehen. Deine Aufgabe, Aristophanes, mag es sein, die Lücken
zu füllen. Und wenn du überhaupt im Sinne hast, den Gott zu preisen, so
tue es gleich, da ja dein Schlucken vergangen ist!«
Aristophanes griff das gleich auf und erwiderte: »Ja, ja, der Schlucken
hat jetzt wirklich aufgehört. Ich konnte ihm allerdings erst mit dem
Niesen beikommen und wundere mich eigentlich, daß die Zucht unseres
Leibes, von der du sprachst, soviel Umstände wie das Niesen braucht.
Jedenfalls hat er aber ganz aufgehört, da ich dieses Mittel anwandte!«
»Aber mein Bester, gib nur acht auf dich«, sprach Eryximachos, »statt zu
reden machst du Witze und zwingst mich, deine Rede zu kontrollieren.
Denn am Ende wirst du wieder nur etwas Komisches aufbringen, obwohl du
doch ganz ernst bleiben kannst.« »Du hast recht,« lachte Aristophanes,
»vergiß, was ich gesagt habe! Aber bitte, nimm es nicht zu genau, denn
ich fürchte, was ich sagen werde, wird nicht komisch -- das wäre ja
schließlich noch ein Gewinn und käme auf die Rechnung meiner Kunst --,
ich fürchte, es wird nur lächerlich!« »O du willst mich treffen und mir
so entgehen!« erwiderte Eryximachos. »Doch nimm dich in acht und rede
so, daß du Rechenschaft von deiner Rede geben kannst! Vielleicht spreche
ich dich dann frei.«
»Und doch,« begann Aristophanes, »und doch, Eryximachos, habe ich im
Sinne, von Eros ganz anders als du und Pausanias zu reden. Mich dünkt,
die Menschen haben die große Macht dieses Gottes noch gar nicht recht
wahrgenommen; denn sie würden ihm sonst Tempel und Altäre gebaut haben
und die größten Opfer darbieten. Bis heute haben sie nichts von allem,
was hätte geschehen sollen, getan. Wie kein anderer Gott liebt doch Eros
die Menschen, Eros ist der Menschen Helfer, der Menschen Arzt und das
hohe Heil jener, die an ihm gesundet sind. Und von seiner Macht will ich
zu euch reden, und ihr mögt es die anderen dann lehren. Erfahret denn
zuerst von der menschlichen Natur und deren Leiden!
Die menschliche Natur war ja einst ganz anders. Ursprünglich gab es drei
Geschlechter, drei und nicht wie heute zwei: neben dem männlichen und
weiblichen lebte ein drittes Geschlecht, welches an den beiden ersten
gleichen Teil hatte; sein Name ist uns geblieben, das Geschlecht selbst
ist ausgestorben. Ich sage, dieses mann-weibliche Geschlecht hatte einst
die Gestalt und den Namen des männlichen und weiblichen Geschlechtes
zu einem einzigen vereinigt, und heute ist uns von ihm nur der Name
erhalten, und der Name ist ein Schimpfwort. Weiter, die ganze Gestalt
jedes Menschen war damals rund, und der Rücken und die Seiten bildeten
eine Kugel. Der Mensch hatte also vier Hände und vier Füße, zwei
Gesichter drehten sich am Halse, und zwischen beiden Gesichtern stak ein
Kopf, aber der Kopf hatte vier Ohren. Der Mensch besaß die Schamteile
doppelt, und denkt den Vergleich für euch selbst aus: auch alles andere
war demgemäß doppelt! Der Mensch ging zwar aufrecht wie heute, aber nach
vorwärts und nach rückwärts, ganz wie es ihm gefiel. Und wenn er laufen
wollte, dann machte er's wie die Gaukler, die kopfüber Räder schlagen:
er lief dann mit allen acht Gliedern, und so im Rade auf Händen und
Füßen kam er allerdings schneller vorwärts als wir heute. Noch einmal,
es gab einst drei Geschlechter, und das männliche hatte seinen Ursprung
in der Sonne, das weibliche in der Erde, das dritte, welches den beiden
ersten gemeinsam ist, hatte ihn im Mond, denn auch der Mond teilt sich
zwischen Sonne und Erde. Und gleich den Gestirnen, denen sie eingeboren
sind, waren sie rund, und auch ihre Bahn, wenn ihr wollt, lief im
Kreise. Groß und übermenschlich war ihre Stärke, ihr Sinnen war
verwegen, ja sie versuchten sich sogar an den Göttern. Was Homer von
Ephialtos und Otos erzählt, sagt man auch von diesen Menschen: sie
wagten den Weg zum Himmel hinauf und wollten sich an den Göttern
vergreifen.