Suchen wir nun unsern seit einiger Zeit sich selbst überlassenen
Freund wieder auf, so finden wir ihn, wie er von seiten des flachen
Landes her in die pädagogische Provinz hineintritt. Er kommt über
Auen und Wiesen, umgeht auf trocknem Anger manchen kleinen See,
erblickt mehr bebuschte als waldige Hügel, überall freie Umsicht über
einen wenig bewegten Boden. Auf solchen Pfaden blieb ihm nicht lange
zweifelhaft, er befinde sich in der pferdenährenden Region, auch
gewahrte er hie und da kleinere und größere Herden dieses edlen Tiers,
verschiedenen Geschlechts und Alters. Auf einmal aber bedeckt sich
der Horizont mit einer furchtbaren Staubwolke, die, eiligst näher und
näher anschwellend, alle Breite des Raums völlig überdeckt, endlich
aber, durch frischen Seitenwind enthüllt, ihren innern Tumult zu
offenbaren genötigt ist.
In vollem Galopp stürzt eine große Masse solcher edlen Tiere heran,
sie werden durch reitende Hüter gelenkt und zusammengehalten. An dem
Wanderer sprengt das ungeheure Gewimmel vorbei, ein schöner Knabe
unter den begleitenden Hütern blickt ihn verwundert an, pariert,
springt ab und umarmt den Vater.
Nun geht es an ein Fragen und Erzählen; der Sohn berichtet, daß er
in der ersten Prüfungszeit viel ausgestanden, sein Pferd vermißt und
auf äckern und Wiesen sich zu Fuß herumgetrieben; da er sich denn
auch an dem stillen, mühseligen Landleben, wie er voraus protestiert,
nicht sonderlich erwiesen; das Erntefest habe ihm zwar ganz wohl, das
Bestellen hintendrein, Pflügen, Graben und Abwarten keineswegs
gefallen, mit den notwendigen und nutzbaren Haustieren habe er sich
zwar, doch immer lässig und unzufrieden beschäftigt, bis er denn zur
lebhafteren Reiterei endlich befördert worden. Das Geschäft, die
Stuten und Fohlen zu hüten, sei mitunter zwar langweilig genug,
indessen wenn man ein muntres Tierchen vor sich sehe, das einen
vielleicht in drei, vier Jahren lustig davontrüge, so sei es doch ein
ganz anderes Wesen, als sich mit Kälbern und Ferkeln abzugeben, deren
Lebenszweck dahinaus gehe, wohl gefüttert und angefettet
fortgeschafft zu werden.
Mit dem Wachstum des Knaben, der sich wirklich zum Jüngling
heranstreckte, seiner gesunden Haltung, einem gewissen frei-heitern,
um nicht zu sagen geistreichen Gespräche konnte der Vater wohl
zufrieden sein. Beide folgten reitend nunmehr eilig der eilenden
Herde, bei einsam gelegenen weitläufigen Gehöften vorüber, zu dem Ort
oder Flecken, wo das große Marktfest gehalten ward. Dort wühlt ein
unglaubliches Getümmel durcheinander, und man wüßte nicht zu
unterscheiden, ob Ware oder Käufer mehr Staub erregten. Aus allen
Landen treffen hier Kauflustige zusammen, um Geschöpfe edler Abkunft,
sorgfältiger Zucht sich zuzueignen. Alle Sprachen der Welt glaubt
man zu hören. Dazwischen tönt auch der lebhafte Schall wirksamster
Blasinstrumente, und alles deutet auf Bewegung, Kraft und Leben.
Unser Wanderer trifft nun den vorigen, schon bekannten Aufseher
wieder an, gesellt zu andern tüchtigen Männern, welche still und
gleichsam unbemerkt Zucht und Ordnung zu erhalten wissen. Wilhelm,
der hier abermals ein Beispiel ausschließlicher Beschäftigung und, wie
ihm bei aller Breite scheint, beschränkter Lebensleitung zu bemerken
glaubt, wünscht zu erfahren, worin man die Zöglinge sonst noch zu
üben pflege, um zu verhindern, daß bei so wilder, gewissermaßen roher
Beschäftigung, Tiere nährend und erziehend, der Jüngling nicht selbst
zum Tiere verwildere. Und so war ihm denn sehr lieb zu vernehmen,
daß gerade mit dieser gewaltsam und rauh scheinenden Bestimmung die
zarteste von der Welt verknüpft sei: Sprachübung und Sprachbildung.
In dem Augenblick vermißte der Vater den Sohn an seiner Seite, er
sah ihn zwischen den Lücken der Menge durch mit einem jungen
Tabulettkrämer über Kleinigkeiten eifrig handeln und feilschen. In
kurzer Zeit sah er ihn gar nicht mehr. Als nun der Aufseher nach der
Ursache einer gewissen Verlegenheit und Zerstreuung fragte und dagegen
vernahm, daß es den Sohn gelte: "Lassen Sie es nur", sagte er zur
Beruhigung des Vaters, "er ist unverloren; damit Sie aber sehen, wie
wir die Unsrigen zusammenhalten", stieß er mit Gewalt in ein
Pfeifchen, das an seinem Busen hing, in dem Augenblick antwortete es
dutzendweise von allen Seiten. Der Mann fuhr fort: "jetzt lass' ich
es dabei bewenden, es ist nur ein Zeichen, daß der Aufseher in der
Nähe ist und ungefähr wissen will, wie viel ihn hören. Auf ein
zweites Zeichen sind sie still, aber bereiten sich, auf das dritte
antworten sie und stürzen herbei. übrigens sind diese Zeichen auf gar
mannigfaltige Weise vervielfältigt und von besonderem Nutzen."
Auf einmal hatte sich um sie her ein freierer Raum gebildet, man
konnte freier sprechen, indem man gegen die benachbarten Höhen
spazierte. "Zu jenen Sprachübungen", fuhr der Aufsehende fort,
"wurden wir dadurch bestimmt, daß aus allen Weltgegenden Jünglinge
sich hier befinden. Um nun zu verhüten, daß sich nicht, wie in der
Fremde zu geschehen pflegt, die Landsleute vereinigen und, von den
übrigen Nationen abgesondert, Parteien bilden, so suchen wir durch
freie Sprachmitteilung sie einander zu nähern.
Am notwendigsten aber wird eine allgemeine Sprachübung, weil bei
diesem Festmarkte jeder Fremde in seinen eigenen Tönen und Ausdrücken
genugsame Unterhaltung, beim Feilschen und Markten aber alle
Bequemlichkeit gerne finden mag. Damit jedoch keine babylonische
Verwirrung, keine Verderbnis entstehe, so wird das Jahr über
monatweise nur eine Sprache im allgemeinen gesprochen, nach dem
Grundsatz, daß man nichts lerne außerhalb des Elements, welches
bezwungen werden soll.
Wir sehen unsere Schüler", sagte der Aufseher, "sämtlich als
Schwimmer an, welche mit Verwunderung im Elemente, das sie zu
verschlingen droht, sich leichter fühlen, von ihm gehoben und
getragen sind; und so ist es mit allem, dessen sich der Mensch
unterfängt.
Zeigt jedoch einer der Unsrigen zu dieser oder jener Sprache
besondere Neigung, so ist auch mitten in diesem tumultvoll
scheinenden Leben, das zugleich sehr viel ruhige, müßig-einsame, ja
langweilige Stunden bietet, für treuen und gründlichen Unterricht
gesorgt. Ihr würdet unsere reitenden Grammatiker, unter welchen
sogar einige Pedanten sind, aus diesen bärtigen und unbärtigen
Centauren wohl schwerlich herausfinden. Euer Felix hat sich zum
Italienischen bestimmt, und da, wie Ihr schon wißt, melodischer Gesang
bei unsern Anstalten durch alles durchgreift, so solltet Ihr ihn in
der Langweile des Hüterlebens gar manches Lied zierlich und
gefühlvoll vortragen hören. Lebenstätigkeit und Tüchtigkeit ist mit
auslangendem Unterricht weit verträglicher, als man denkt."
Da eine jede Region ihr eigenes Fest feiert, so führte man den Gast
zum Bezirk der Instrumentalmusik. Dieser, an die Ebene grenzend,
zeigte schon freundlich und zierlich abwechselnde Täler, kleine
schlanke Wälder, sanfte Bäche, an deren Seite hie und da ein bemooster
Fels hervortrat. Zerstreute, umbuschte Wohnungen erblickte man auf
den Hügeln, in sanften Gründen drängten sich die Häuser näher
aneinander. Jene anmutig vereinzelten Hütten lagen so weit
auseinander, daß weder Töne noch Mißtöne sich wechselseitig erreichen
konnten.
Sie näherten sich sodann einem weiten, rings umbauten und
umschatteten Raume, wo Mann an Mann gedrängt mit großer
Aufmerksamkeit und Erwartung gespannt schienen. Eben als der Gast
herantrat, ward eine mächtige Symphonie aller Instrumente aufgeführt,
deren vollständige Kraft und Zartheit er bewundern mußte. Dem
geräumig erbauten Orchester gegenüber stand ein kleineres, welches zu
besonderer Betrachtung Anlaß gab; auf demselben befanden sich jüngere
und ältere Schüler, jeder hielt sein Instrument bereit, ohne zu
spielen; es waren diejenigen, die noch nicht vermochten oder nicht
wagten, mit ins Ganze zu greifen. Mit Anteil bemerkte man, wie sie
gleichsam auf dem Sprunge standen, und hörte rühmen: ein solches Fest
gehe selten vorüber, ohne daß ein oder das andere Talent sich
plötzlich entwickele.
Da nun auch Gesang zwischen den Instrumenten sich hervortat, konnte
kein Zweifel übrigbleiben, daß auch dieser begünstigt werde. Auf
eine Frage sodann, was noch sonst für eine Bildung sich hier
freundlich anschließe, vernahm der Wanderer: die Dichtkunst sei es,
und zwar von der lyrischen Seite. Hier komme alles darauf an, daß
beide Künste, jede für sich und aus sich selbst, dann aber gegen--und
miteinander entwickelt werde. Die Schüler lernen eine wie die andre
in ihrer Bedingtheit kennen; sodann wird gelehrt, wie sie sich
wechselsweise bedingen und sich sodann wieder wechselseitig befreien.
Der poetischen Rhythmik stellt der Tonkünstler Takteinteilung und
Taktbewegung entgegen. Hier zeigt sich aber bald die Herrschaft der
Musik über die Poesie; denn wenn diese, wie billig und notwendig,
ihre Quantitäten immer so rein als möglich im Sinne hat, so sind für
den Musiker wenig Silben entschieden lang oder kurz; nach Belieben
zerstört dieser das gewissenhafteste Verfahren des Rhythmikers, ja
verwandelt sogar Prosa in Gesang, wo dann die wunderbarsten
Möglichkeiten hervortreten, und der Poet würde sich gar bald
vernichtet fühlen, wüßte er nicht von seiner Seite durch lyrische
Zartheit und Kühnheit dem Musiker Ehrfurcht einzuflößen und neue
Gefühle, bald in sanftester Folge, bald durch die raschesten
übergänge, hervorzurufen.
Die Sänger, die man hier findet, sind meist selbst Poeten. Auch der
Tanz wird in seinen Grundzügen gelehrt, damit sich alle diese
Fertigkeiten über sämtliche Regionen regelmäßig verbreiten können.
Als man den Gast über die nächste Grenze führte, sah er auf einmal
eine ganz andere Bauart. Nicht mehr zerstreut waren die Häuser,
nicht mehr hüttenartig; sie zeigten sich vielmehr regelmäßig, bequem
und zierlich von innen; man ward hier einer unbeengten, wohlgebauten,
der Gegend angemessenen Stadt gewahr. Hier sind bildende Kunst und
die ihr verwandten Handwerke zu Hause, und eine ganz eigene Stille
herrscht über diesen Räumen.
Der bildende Künstler denkt sich zwar immer in Bezug auf alles, was
unter den Menschen lebt und webt, aber sein Geschäft ist einsam, und
durch den sonderbarsten Widerspruch verlangt vielleicht kein anderes
so entschieden lebendige Umgebung. Hier nun bildet jeder im stillen,
was bald für immer die Augen der Menschen beschäftigen soll; eine
Feiertagsruhe waltet über dem ganzen Ort, und hätte man nicht hie und
da das Picken der Steinhauer oder abgemessene Schläge der Zimmerleute
vernommen, die soeben emsig beschäftigt waren, ein herrliches Gebäude
zu vollenden, so wäre die Luft von keinem Ton bewegt gewesen.
Unserm Wanderer fiel der Ernst auf, die wunderbare Strenge, mit
welcher sowohl Anfänger als Fortschreitende behandelt wurden; es
schien, als wenn keiner aus eigner Macht und Gewalt etwas leistete,
sondern als wenn ein geheimer Geist sie alle durch und durch belebte,
nach einem einzigen großen Ziele hinleitend. Nirgends erblickte man
Entwurf und Skizze, jeder Strich war mit Bedacht gezogen, und als
sich der Wanderer von dem Führer eine Erklärung des ganzen Verfahrens
erbat, äußerte dieser: die Einbildungskraft sei ohnehin ein vages,
unstätes Vermögen, während das ganze Verdienst des bildenden Künstlers
darin bestehe, daß er sie immer mehr bestimmen, festhalten, ja
endlich bis zur Gegenwart erhöhen lerne.
Man erinnerte an die Notwendigkeit sicherer Grundsätze in andern
Künsten. "Würde der Musiker einem Schüler vergönnen, wild auf den
Saiten herumzugreifen oder sich gar Intervalle nach eigner Lust und
Belieben zu erfinden? Hier wird auffallend, daß nichts der Willkür
des Lernenden zu überlassen sei; das Element, worin er wirken soll,
ist entschieden gegeben, das Werkzeug, das er zu handhaben hat, ist
ihm eingehändigt, sogar die Art und Weise, wie er sich dessen
bedienen soll, ich meine den Fingerwechsel, findet er vorgeschrieben,
damit ein Glied dem andern aus dem Wege gehe und seinem Nachfolger den
rechten Weg bereite; durch welches gesetzliche Zusammenwirken denn
zuletzt allein das Unmögliche möglich wird.
Was uns aber zu strengen Forderungen, zu entschiedenen Gesetzen am
meisten berechtigt, ist: daß gerade das Genie, das angeborne Talent
sie am ersten begreift, ihnen den willigsten Gehorsam leistet. Nur
das Halbvermögen wünschte gern seine beschränkte Besonderheit an die
Stelle des unbedingten Ganzen zu setzen und seine falschen Griffe,
unter Vorwand einer unbezwinglichen Originalität und
Selbstständigkeit zu beschönigen. Das lassen wir aber nicht gelten,
sondern hüten unsere Schüler vor allen Mißtritten, wodurch ein großer
Teil des Lebens, ja manchmal das ganze Leben verwirrt und zerpflückt
wird.
Mit dem Genie haben wir am liebsten zu tun, denn dieses wird eben
von dem guten Geiste beseelt, bald zu erkennen, was ihm nutz ist. Es
begreift, daß Kunst eben darum Kunst heiße, weil sie nicht Natur ist.
Es bequemt sich zum Respekt, sogar vor dem, was man konventionell
nennen könnte: denn was ist dieses anders, als daß die vorzüglichsten
Menschen übereinkamen, das Notwendige, das Unerläßliche für das Beste
zu halten; und gereicht es nicht überall zum Glück?
Zur großen Erleichterung für die Lehrer sind auch hier, wie überall
bei uns, die drei Ehrfurchten und ihre Zeichen mit einiger Abänderung,
der Natur des obwaltenden Geschäfts gemäß, eingeführt und eingeprägt."
Den ferner umhergeleiteten Wanderer mußte nunmehr in Verwunderung
setzen, daß die Stadt sich immer zu erweitern, Straße aus Straße sich
zu entwickeln schien, mannigfaltige Ansichten gewährend. Das äußere
der Gebäude sprach ihre Bestimmung unzweideutig aus, sie waren würdig
und stattlich, weniger prächtig als schön. Den edlern und ernsteren
in Mitte der Stadt schlossen sich die heitern gefällig an, bis zuletzt
zierliche Vorstädte anmutigen Stils gegen das Feld sich hinzogen und
endlich als Gartenwohnungen zerstreuten.
Der Wanderer konnte nicht unterlassen, hier zu bemerken, daß die
Wohnungen der Musiker in der vorigen Region keineswegs an Schönheit
und Raum den gegenwärtigen zu vergleichen seien, welche Maler,
Bildhauer und Baumeister bewohnen. Man erwiderte ihm, dies liege in
der Natur der Sache. Der Musikus müsse immer in sich selbst gekehrt
sein, sein Innerstes ausbilden, um es nach außen zu wenden. "Dem
Sinne des Auges hat er nicht zu schmeicheln. Das Auge bevorteilt gar
leicht das Ohr und lockt den Geist von innen nach außen. Umgekehrt
muß der bildende Künstler in der Außenwelt leben und sein Inneres
gleichsam unbewußt an und in dem Auswendigen manifestieren. Bildende
Künstler müssen wohnen wie Könige und Götter, wie wollten sie denn
sonst für Könige und Götter bauen und verzieren? Sie müssen sich
zuletzt dergestalt über das Gemeine erheben, daß die ganze
Volksgemeinde in und an ihren Werken sich veredelt fühle."
Sodann ließ unser Freund sich ein anderes Paradoxon erklären: warum
gerade in diesen festlichen, andere Regionen so belebenden,
tumultuarisch erregten Tagen hier die größte Stille herrsche und das
Arbeiten nicht auch ausgesetzt werde?
"Ein bildender Künstler", hieß es, "bedarf keines Festes, ihm ist
das ganze Jahr ein Fest. Wenn er etwas Treffliches geleistet hat, es
steht nach wie vor seinem Aug' entgegen, dem Auge der ganzen Welt.
Da bedarf es keiner Wiederholung, keiner neuen Anstrengung, keines
frischen Gelingens, woran sich der Musiker immerfort abplagt, dem
daher das splendideste Fest innerhalb des vollzähligsten Kreises zu
gönnen ist."
"Man sollte aber doch", versetzte Wilhelm, "in diesen Tagen eine
Ausstellung belieben, wo die dreijährigen Fortschritte der bravesten
Zöglinge mit Vergnügen zu beschauen und zu beurteilen wären."
"An anderen Orten", versetzte man, "mag eine Ausstellung sich nötig
machen, bei uns ist sie es nicht. Unser ganzes Wesen und Sein ist
Ausstellung. Sehen Sie hier die Gebäude aller Art, alle von
Zöglingen aufgeführt; freilich nach hundertmal besprochenen und
durchdachten Rissen: denn der Bauende soll nicht herumtasten und
versuchen; was stehenbleiben soll, muß recht stehen und, wo nicht für
die Ewigkeit, doch für geraume Zeit genügen. Mag man doch immer
Fehler begehen, bauen darf man keine.
Mit Bildhauern verfahren wir schon läßlicher, am läßlichsten mit
Malern, sie dürfen dies und jenes versuchen, beide in ihrer Art.
Ihnen steht frei, in den innern, an den äußern Räumen der Gebäude,
auf Plätzen sich eine Stelle zu wählen, die sie verzieren wollen.
Sie machen ihren Gedanken kund, und wenn er einigermaßen zu billigen
ist, so wird die Ausführung zugestanden, und zwar auf zweierlei Weise,
entweder mit Vergünstigung, früher oder später die Arbeit wegnehmen
zu dürfen, wenn sie dem Künstler selbst mißfiele, oder mit Bedingung,
das einmal Aufgestellte unabänderlich am Orte zu lassen. Die meisten
erwählen das erste und behalten sich jene Erlaubnis vor, wobei sie
immer am besten beraten sind. Der zweite Fall tritt seltner ein, und
man bemerkt, daß alsdann die Künstler sich weniger vertrauen, mit
Gesellen und Kennern lange Konferenzen halten und dadurch wirklich
schätzenswerte dauerwürdige Arbeiten hervorzubringen wissen."
Nach allem diesem versäumte Wilhelm nicht, sich zu erkundigen, was
für ein anderer Unterricht sich sonst noch anschließe, und man
gestand ihm, daß es die Dichtkunst, und zwar die epische sei.
Doch mußte dem Freunde dies sonderbar scheinen, als man hinzufügte:
es werde den Schülern nicht vergönnt, schon ausgearbeitete Gedichte
älterer und neuerer Dichter zu lesen oder vorzutragen; ihnen wird nur
eine Reihe von Mythen, überlieferungen und Legenden lakonisch
mitgeteilt. Nun erkennt man gar bald an malerischer oder poetischer
Ausführung das eigene Produktive des einer oder der andern Kunst
gewidmeten Talents. Dichter und Bildner, beide beschäftigen sich an
einer Quelle, und jeder sucht das Wasser nach seiner Seite, zu seinem
Vorteil hinzulenken, um nach Erfordernis eigne Zwecke zu erreichen;
welches ihm viel besser gelingt, als wenn er das schon Verarbeitete
nochmals umarbeiten wollte.
Der Reisende selbst hatte Gelegenheit, zu sehen, wie das vorging.
Mehrere Maler waren in einem Zimmer beschäftigt, ein munterer junger
Freund erzählte sehr ausführlich eine ganz einfache Geschichte, so
daß er fast ebenso viele Worte als jene Pinselstriche anwendete,
seinen Vortrag ebenfalls aufs rundeste zu vollenden.
Man versicherte, daß beim Zusammenarbeiten die Freunde sich gar
anmutig unterhielten und daß sich auf diesem Wege öfters
Improvisatoren entwickelten, welche großen Enthusiasmus für die
zwiefache Darstellung zu erregen wüßten.
Der Freund wendete nun seine Erkundigungen zur bildenden Kunst
zurück. "Ihr habt", so sprach er, "keine Ausstellung, also auch wohl
keine Preisaufgabe?"-- "Eigentlich nicht", versetzte jener, "hier
aber ganz in der Nähe können wir Euch sehen lassen, was wir für
nützlicher halten."
Sie traten in einen großen, von oben glücklich erleuchteten Saal;
ein weiter Kreis beschäftigter Künstler zeigte sich zuerst, aus
dessen Mitte sich eine kolossale Gruppe günstig aufgestellt erhob.
Männliche und weibliche Kraftgestalten in gewaltsamen Stellungen
erinnerten an jenes herrliche Gefecht zwischen Heldenjünglingen und
Amazonen, wo Haß und Feindseligkeit zuletzt sich in
wechselseitig-traulichen Beistand auflöst. Dieses merkwürdig
verschlungene Kunstwerk war von jedem Punkte ringsum gleich günstig
anzusehen. In einem weiten Umfang saßen und standen bildende Künstler,
jeder nach seiner Weise beschäftigt: der Maler an seiner Staffelei,
der Zeichner am Reißbrett; einige modellierten rund, einige flach
erhoben; ja sogar Baumeister entwarfen den Untersatz, worauf künftig
ein solches Kunstwerk gestellt werden sollte. Jeder Teilnehmende
verfuhr nach seiner Weise bei der Nachbildung, Maler und Zeichner
entwickelten die Gruppe zur Fläche, sorgfältig jedoch, sie nicht zu
zerstören, sondern so viel wie möglich beizubehalten. Ebenso wurden
die flacherhobenen Arbeiten behandelt. Nur ein einziger hatte die
ganze Gruppe in kleinerem Maßstabe wiederholt, und er schien das
Modell wirklich in gewissen Bewegungen und Gliederbezug übertroffen
zu haben.
Nun offenbarte sich, dies sei der Meister des Modells, der dasselbe
vor der Ausführung in Marmor hier einer nicht beurteilenden, sondern
praktischen Prüfung unterwarf und so alles, was jeder seiner
Mitarbeiter nach eigner Weise und Denkart daran gesehen, beibehalten
oder verändert, genau beobachtend bei nochmaligem Durchdenken zu
eignem Vorteil anzuwenden wußte; dergestalt, daß zuletzt, wenn das
hohe Werk in Marmor gearbeitet dastehen wird, obgleich nur von einem
unternommen, angelegt und ausgeführt, doch allen anzugehören scheinen
möge.
Die größte Stille beherrschte auch diesen Raum, aber der Vorsteher
erhob seine Stimme und rief: "Wer wäre denn hier, der uns in
Gegenwart dieses stationären Werkes mit trefflichen Worten die
Einbildungskraft dergestalt erregte, daß alles, was wir hier fixiert
sehen, wieder flüssig würde, ohne seinen Charakter zu verlieren, damit
wir uns überzeugen, daß, was der Künstler hier festgehalten, sei auch
das Würdigste?"
Namentlich aufgefordert von allen, verließ ein schöner Jüngling
seine Arbeit und begann heraustretend einen ruhigen Vortrag, worin er
das gegenwärtige Kunstwerk nur zu beschreiben schien, bald aber warf
er sich in die eigentliche Region der Dichtkunst, tauchte sich in die
Mitte der Handlung und beherrschte dies Element zur Bewunderung; nach
und nach steigerte sich seine Darstellung durch herrliche Deklamation
auf einen solchen Grad, daß wirklich die starre Gruppe sich um ihre
Achse zu bewegen und die Zahl der Figuren daran verdoppelt und
verdreifacht schien. Wilhelm stand entzückt und rief zuletzt: "Wer
will sich hier noch enthalten, zum eigentlichen Gesang und zum
rhythmischen Lied überzugehen!"
"Dies möcht' ich verbitten", versetzte der Aufseher; "denn wenn
unser trefflicher Bildhauer aufrichtig sein will, so wird er bekennen,
daß ihm unser Dichter eben darum beschwerlich gefallen, weil beide
Künstler am weitesten auseinander stehen; dagegen wollt' ich wetten,
ein und der andere Maler hat sich gewisse lebendige Züge daraus
angeeignet.
Ein sanftes, gemütliches Lied jedoch möcht' ich unserm Freunde zu
hören geben, eines, das ihr so ernst-lieblich vortragt; es bewegt
sich über das Ganze der Kunst und ist mir selbst, wenn ich es höre,
stets erbaulich."
Nach einer Pause, in der sie einander zuwinkten und sich durch
Zeichen beredeten, erscholl von allen Seiten nachfolgender Herz und
Geist erhebende, würdige Gesang:
"Zu erfinden, zu beschließen,
Bleibe, Künstler, oft allein;
Deines Wirkens zu genießen,
Eile freudig zum Verein!
Hier im Ganzen schau', erfahre
Deinen eignen Lebenslauf,
Und die Taten mancher Jahre
Gehn dir in dem Nachbar auf.
Der Gedanke, das Entwerfen,
Die Gestalten, ihr Bezug,
Eines wird das andre schärfen,
Und am Ende sei's genug!
Wohl erfunden, klug ersonnen,
Schön gebildet, zart vollbracht--
So von jeher hat gewonnen
Künstler kunstreich seine Macht.
Wie Natur im Vielgebilde
Einen Gott nur offenbart,
So im weiten Kunstgefilde
Webt ein Sinn der ew'gen Art;
Dieses ist der Sinn der Wahrheit,
Der sich nur mit Schönem schmückt
Und getrost der höchsten Klarheit
Hellsten Tags entgegenblickt.
Wie beherzt in Reim und Prose
Redner, Dichter sich ergehn,
Soll des Lebens heitre Rose
Frisch auf Malertafel stehn,
Mit Geschwistern reich umgeben,
Mit des Herbstes Frucht umlegt,
Daß sie von geheimem Leben
Offenbaren Sinn erregt.
Tausendfach und schön entfließe
Form aus Formen deiner Hand,
Und im Menschenbild genieße,
Daß ein Gott sich hergewandt.
Welch ein Werkzeug ihr gebrauchet
Stellet euch als Brüder dar;
Und gesangweis flammt und rauchet
Opfersäule vom Altar."
Alles dieses mochte Wilhelm gar wohl gelten lassen, ob es ihm gleich
sehr paradox und, hätte er es nicht mit Augen gesehen, gar unmöglich
scheinen mußte. Da man es ihm nun aber offen und frei, in schöner
Folge vorwies und bekannt machte, so bedurfte es kaum einer Frage, um
das Weitere zu erfahren; doch enthielt er sich nicht, den Führenden
zuletzt folgendermaßen anzureden: "Ich sehe, hier ist gar klüglich
für alles gesorgt, was im Leben wünschenswert sein mag; entdeckt mir
aber auch: welche Region kann eine gleiche Sorgfalt für dramatische
Poesie aufweisen, und wo könnte ich mich darüber belehren? Ich sah
mich unter allen euren Gebäuden um und finde keines, das zu einem
solchen Zweck bestimmt sein könnte."
"Verhehlen dürfen wir nicht auf diese Anfrage, daß in unserer ganzen
Provinz dergleichen nicht anzutreffen sei: denn das Drama setzt eine
müßige Menge, vielleicht gar einen Pöbel voraus, dergleichen sich bei
uns nicht findet; denn solches Gelichter wird, wenn es nicht selbst
sich unwillig entfernt, über die Grenze gebracht. Seid jedoch gewiß,
daß bei unserer allgemein wirkenden Anstalt auch ein so wichtiger
Punkt wohl überlegt worden; keine Region aber wollte sich finden,
überall trat ein bedeutendes Bedenken ein. Wer unter unsern
Zöglingen sollte sich leicht entschließen, mit erlogener Heiterkeit
oder geheucheltem Schmerz ein unwahres, dem Augenblick nicht
angehöriges Gefühl in der Maße zu erregen, um dadurch ein immer
mißliches Gefallen abwechselnd hervorzubringen? Solche Gaukeleien
fanden wir durchaus gefährlich und konnten sie mit unserm ernsten
Zweck nicht vereinen."
"Man sagt aber doch", versetzte Wilhelm, "diese weit um sich
greifende Kunst befördere die übrigen sämtlich."
"Keineswegs", erwiderte man, "sie bedient sich der übrigen, aber
verdirbt sie. Ich verdenke dem Schauspieler nicht, wenn er sich zu
dem Maler gesellt; der Maler jedoch ist in solcher Gesellschaft
verloren.
Gewissenlos wird der Schauspieler, was ihm Kunst und Leben darbietet,
zu seinen flüchtigen Zwecken verbrauchen und mit nicht geringem
Gewinn; der Maler hingegen, der vom Theater auch wieder seinen
Vorteil ziehen möchte, wird sich immer im Nachteil finden und der
Musikus im gleichen Falle sein. Die sämtlichen Künste kommen mir vor
wie Geschwister, deren die meisten zu guter Wirtschaft geneigt wären,
eins aber, leicht gesinnt, Hab und Gut der ganzen Familie sich
zuzueignen und zu verzehren Lust hätte. Das Theater ist in diesem
Falle, es hat einen zweideutigen Ursprung, den es nie ganz, weder als
Kunst noch Handwerk, noch als Liebhaberei verleugnen kann."
Wilhelm sah mit einem tiefen Seufzer vor sich nieder, denn alles auf
einmal vergegenwärtigte sich ihm, was er auf und an den Brettern
genossen und gelitten hatte; er segnete die frommen Männer, welche
ihren Zöglingen solche Pein zu ersparen gewußt und aus überzeugung
und Grundsatz jene Gefahren aus ihrem Kreise gebannt.
Sein Begleiter jedoch ließ ihn nicht lange in diesen Betrachtungen,
sondern fuhr fort: "Da es unser höchster und heiligster Grundsatz ist,
keine Anlage, kein Talent zu mißleiten, so dürfen wir uns nicht
verbergen, daß unter so großer Anzahl sich eine mimische Naturgabe
auch wohl entschieden hervortue; diese zeigt sich aber in
unwiderstehlicher Lust des Nachäffens fremder Charaktere, Gestalten,
Bewegung, Sprache. Dies fördern wir zwar nicht, beobachten aber den
Zögling genau, und bleibt er seiner Natur durchaus getreu, so haben
wir uns mit großen Theatern aller Nationen in Verbindung gesetzt und
senden einen bewährt Fähigen sogleich dorthin, damit er, wie die Ente
auf dem Teiche, so auf den Brettern seinem künftigen Lebensgewackel
und -geschnatter eiligst entgegengeleitet werde."
Wilhelm hörte dies mit Geduld, doch nur mit halber überzeugung,
vielleicht mit einigem Verdruß: denn so wunderlich ist der Mensch
gesinnt, daß er von dem Unwert irgendeines geliebten Gegenstandes
zwar überzeugt sein, sich von ihm abwenden, sogar ihn verwünschen
kann, aber ihn doch nicht von andern auf gleiche Weise behandelt
wissen will; und vielleicht regt sich der Geist des Widerspruchs, der
in allen Menschen wohnt, nie lebendiger und wirksamer als in solchem
Falle.
Mag doch der Redakteur dieser Bogen hier selbst gestehen: daß er mit
einigem Unwillen diese wunderliche Stelle durchgehen läßt. Hat er
nicht auch in vielfachem Sinn mehr Leben und Kräfte als billig dem
Theater zugewendet? und könnte man ihn wohl überzeugen, daß dies ein
unverzeihlicher Irrtum, eine fruchtlose Bemühung gewesen?
Doch wir finden keine Zeit, solchen Erinnerungen und Nachgefühlen
unwillig uns hinzugeben, denn unser Freund sieht sich angenehm
überrascht, da ihm abermals einer von den Dreien, und zwar ein
besonders zusagender, vor die Augen tritt. Entgegenkommende Sanftmut,
den reinsten Seelenfrieden verkündend, teilte sich höchst erquicklich
mit. Vertrauend konnte der Wanderer sich nähern und fühlte sein
Vertrauen erwidert.
Hier vernahm er nun, daß der Obere sich gegenwärtig bei den
Heiligtümern befinde, dort unterweise, lehre, segne, indessen die
Dreie sich verteilt, um sämtliche Regionen heimzusuchen und überall,
nach genommener tiefster Kenntnis und Verabredung mit den
untergeordneten Aufsehern, das Eingeführte weiterzuleiten, das
Neubestimmte zu gründen und dadurch ihre hohe Pflicht treulich zu
erfüllen.
Eben dieser treffliche Mann gab ihm nun eine allgemeinere übersicht
ihrer innern Zustände und äußern Verbindungen sowie Kenntnis von der
Wechselwirkung aller verschiedenen Regionen; nicht weniger ward klar,
wie aus einer in die andere, nach längerer oder kürzerer Zeit, ein
Zögling versetzt werden könne. Genug, mit dem bisher vernommenen
stimmte alles völlig überein. Zugleich machte die Schilderung seines
Sohnes ihm viel Vergnügen, und der Plan, wie man ihn weiterführen
wollte, mußte seinen ganzen Beifall gewinnen.