Neuntes Kapitel

Wilhelm wurde darauf vom Gehülfen und Aufseher zu einem Bergfest

eingeladen, welches zunächst gefeiert werden sollte. Sie erstiegen

mit Schwierigkeit das Gebirg, Wilhelm glaubte sogar zu bemerken, daß

der Führer gegen Abend sich langsamer bewegte, als würde die

Finsternis ihrem Pfad nicht noch mehr Hinderung entgegensetzen. Als

aber eine tiefe Nacht sie umgab, ward ihm dies Rätsel aufgelöst:

kleine Flammen sah er aus vielen Schluchten und Tälern schwankend

hervorschimmern, sich zu Linien verlängern, sich über die

Gebirgshöhen herüberwälzen. Viel freundlicher, als wenn ein Vulkan

sich auftut und sein sprühendes Getös ganze Gegenden mit Untergang

bedroht, zeigte sich diese Erscheinung, und doch glühte sie nach und

nach mächtiger, breiter und gedrängter, funkelte wie ein Strom von

Sternen, zwar sanft und lieblich, aber doch kühn über die ganze

Gegend sich verbreitend.

Nachdem nun der Gefährte sich einige Zeit an der Verwunderung des

Gastes ergötzt, denn ihre Gesichter und Gestalten erschienen durch

das Licht aus der Ferne erhellt, so wie ihr Weg, begann er zu

sprechen: "Ihr seht hier freilich ein wunderliches Schauspiel; diese

Lichter, die bei Tag und bei Nacht im ganzen Jahre unter der Erde

leuchten und wirken und die Fördernis versteckter, kaum erreichbarer

irdischer Schätze begünstigen, diese quellen und wallen gegenwärtig

aus ihren Schlünden hervor und erheitern die offenbare Nacht. Kaum

gewahrte man je eine so erfreuliche Heerschau, wo das nützlichste,

unterirdisch zerstreute, den Augen entzogene Geschäft sich uns in

ganzer Fülle zeigt und eine große geheime Vereinigung sichtbar macht."

Unter solchen Reden und Betrachtungen waren sie an den Ort gelangt,

wo die Feuerbäche zum Flammensee um einen wohlerleuchteten Inselraum

sich ergossen. Der Wanderer stand nunmehr in dem blendenden Kreise,

wo schimmernde Lichter zu Tausenden gegen die zur schwarzen Hinterwand

gereihten Träger einen ahnungsvollen Kontrast bildeten. Sofort

erklang die heiterste Musik zu tüchtigen Gesängen. Hohle Felsmassen

zogen maschinenhaft heran und schlossen bald ein glänzendes Innere

dem Auge des erfreuten Zuschauers auf. Mimische Darstellungen, und

was nur einen solchen Moment der Menge erheitern kann, vereinigte

sich, um eine frohe Aufmerksamkeit zugleich zu spannen und zu

befriedigen.

Aber mit welcher Verwunderung ward unser Freund erfüllt, als er sich

den Hauptleuten vorgestellt sah und unter ihnen, in ernster,

stattlicher Tracht, Freund Jarno erblickte. "Nicht umsonst", rief

dieser aus, "habe ich meinen frühern Namen mit dem bedeutendem Montan

vertauscht; du findest mich hier in Berg und Kluft eingeweiht, und

glücklicher in dieser Beschränkung unter und über der Erde, als sich

denken läßt."--"Da wirst du also", versetzte der Wanderer, "als ein

Hocherfahrner nunmehr freigebiger sein mit Aufklärung und Unterricht,

als du es gegen mich warst auf jenen Berg--und Felsklippen.

"--"Keineswegs!" erwiderte Montan, "die Gebirge sind stumme Meister

und machen schweigsame Schüler."

An vielen Tafeln speiste man nach dieser Feierlichkeit. Alle Gäste,

die geladen oder ungeladen sich eingefunden, waren vom Handwerk,

deswegen denn auch an dem Tische, wo Montan und sein Freund sich

niedergesetzt, sogleich ein ortgemäßes Gespräch entstand; es war von

Gebirgen, Gängen und Lagern, von Gangarten und Metallen der Gegend

ausführlich die Rede. Sodann aber verlor das Gespräch sich gar bald

ins Allgemeine, und da war von nichts Geringerem die Rede als von

Erschaffung und Entstehung der Welt. Hier aber blieb die Unterhaltung

nicht lange friedlich, vielmehr verwickelte sich sogleich ein

lebhafter Streit.

Mehrere wollten unsere Erdgestaltung aus einer nach und nach sich

senkend abnehmenden Wasserbedeckung herleiten; sie führten die

Trümmer organischer Meeresbewohner auf den höchsten Bergen sowie auf

flachen Hügeln zu ihrem Vorteil an. Andere heftiger dagegen ließen

erst glühen und schmelzen, auch durchaus ein Feuer obwalten, das,

nachdem es auf der Oberfläche genugsam gewirkt, zuletzt ins Tiefste

zurückgezogen, sich noch immer durch die ungestüm sowohl im Meer als

auf der Erde wütenden Vulkane betätigte und durch sukzessiven Auswurf

und gleichfalls nach und nach überströmende Laven die höchsten Berge

bildete; wie sie denn überhaupt den anders Denkenden zu Gemüte führten,

daß ja ohne Feuer nichts heiß werden könne, auch ein tätiges Feuer

immer einen Herd voraussetze. So erfahrungsgemäß auch dieses

scheinen mochte, so waren manche doch nicht damit zufrieden; sie

behaupteten: mächtige, in dem Schoß der Erde schon völlig fertig

gewordene Gebilde seien mittelst unwiderstehlich elastischer Gewalten

durch die Erdrinde hindurch in die Höhe getrieben und zugleich in

diesem Tumulte manche Teile derselben weit über Nachbarschaft und

Ferne umhergestreut und zersplittert worden; sie beriefen sich auf

manche Vorkommnisse, welche ohne eine solche Voraussetzung nicht zu

erklären seien.

Eine vierte, wenn auch vielleicht nicht zahlreiche Partie lächelte

über diese vergeblichen Bemühungen und beteuerte: gar manche Zustände

dieser Erdoberfläche würden nie zu erklären sein, wofern man nicht

größere und kleinere Gebirgsstrecken aus der Atmosphäre

herunterfallen und weite, breite Landschaften durch sie überdeckt

werden lasse. Sie beriefen sich auf größere und kleinere Felsmassen,

welche zerstreut in vielen Landen umherliegend gefunden und sogar noch

in unsern Tagen als von oben herabstürzend aufgelesen werden.

Zuletzt wollten zwei oder drei stille Gäste sogar einen Zeitraum

grimmiger Kälte zu Hülfe rufen und aus den höchsten Gebirgszügen auf

weit ins Land hingesenkten Gletschern gleichsam Rutschwege für

schwere Ursteinmassen bereitet und diese auf glatter Bahn fern und

ferner hinausgeschoben im Geiste sehen. Sie sollten sich, bei

eintretender Epoche des Auftauens, niedersenken und für ewig in

fremdem Boden liegenbleiben. Auch sollte sodann durch schwimmendes

Treibeis der Transport ungeheurer Felsblöcke von Norden her möglich

werden. Diese guten Leute konnten jedoch mit ihrer etwas kühlen

Betrachtung nicht durchdringen. Man hielt es ungleich naturgemäßer,

die Erschaffung einer Welt mit kolossalem Krachen und Heben, mit

wildem Toben und feurigem Schleudern vorgehen zu lassen. Da nun

übrigens die Glut des Weines stark mit einwirkte, so hätte das

herrliche Fest beinahe mit tödlichen Händeln abgeschlossen.

Ganz verwirrt und verdüstert ward es unserm Freund zumute, welcher

noch von alters her den Geist, der über den Wassern schwebte, und die

hohe Flut, welche funfzehn Ellen über die höchsten Gebirge gestanden,

im stillen Sinne hegte und dem unter diesen seltsamen Reden die so

wohl geordnete, bewachsene, belebte Welt vor seiner Einbildungskraft

chaotisch zusammenzustürzen schien.

Den andern Morgen unterließ er nicht, den ernsten Montan hierüber zu

befragen, indem er ausrief: "Gestern konnt' ich dich nicht begreifen,

denn unter allen den wunderlichen Dingen und Reden hofft' ich endlich

deine Meinung und deine Entscheidung zu hören, an dessen Statt warst

du bald auf dieser, bald auf jener Seite und suchtest immer die

Meinung desjenigen, der da sprach, zu verstärken. Nun aber sage mir

ernstlich, was du darüber denkst, was du davon weißt." Hierauf

erwiderte Montan: "Ich weiß so viel wie sie und möchte darüber gar

nicht denken."--"Hier aber", versetzte Wilhelm, "sind so viele

widersprechende Meinungen, und man sagt ja, die Wahrheit liege in der

Mitte."--"Keineswegs!" erwiderte Montan: "in der Mitte bleibt das

Problem liegen, unerforschlich vielleicht, vielleicht auch zugänglich,

wenn man es darnach anfängt."

Nachdem nun auf diese Weise noch einiges hin und wider gesprochen

worden, fuhr Montan vertraulich fort: "Du tadelst mich, daß ich einem

jeden in seiner Meinung nachhalf, wie sich denn für alles noch immer

ein ferneres Argument auffinden läßt; ich vermehrte die Verwirrung

dadurch, das ist wahr, eigentlich aber kann ich es mit diesem

Geschlecht nicht mehr ernstlich nehmen. Ich habe mich durchaus

überzeugt, das Liebste, und das sind doch unsre überzeugungen, muß

jeder im tiefsten Ernst bei sich selbst bewahren, jeder weiß nur für

sich, was er weiß, und das muß er geheimhalten; wie er es ausspricht,

sogleich ist der Widerspruch rege, und wie er sich in Streit einläßt,

kommt er in sich selbst aus dem Gleichgewicht, und sein Bestes wird,

wo nicht vernichtet, doch gestört."

Durch einige Gegenrede Wilhelms veranlaßt, erklärte Montan sich

ferner: "Wenn man einmal weiß, worauf alles ankommt, hört man auf,

gesprächig zu sein."-- "Worauf kommt nun aber alles an?" versetzte

Wilhelm hastig.--"Das ist bald gesagt", versetzte jener. "Denken und

Tun, Tun und Denken, das ist die Summe aller Weisheit, von jeher

anerkannt, von jeher geübt, nicht eingesehen von einem jeden. Beides

muß wie Aus--und Einatmen sich im Leben ewig fort hin und wider

bewegen; wie Frage und Antwort sollte eins ohne das andere nicht

stattfinden. Wer sich zum Gesetz macht, was einem jeden Neugebornen

der Genius des Menschenverstandes heimlich ins Ohr flüstert, das Tun

am Denken, das Denken am Tun zu prüfen, der kann nicht irren, und

irrt er, so wird er sich bald auf den rechten Weg zurückfinden."

Montan geleitete seinen Freund nunmehr in dem Bergrevier methodisch

umher, überall begrüßt von einem derben "Glück auf!", welches sie

heiter zurückgaben. "Ich möchte wohl", sagte Montan, "ihnen manchmal

zurufen: "Sinn auf!", denn Sinn ist mehr als Glück; doch die Menge

hat immer Sinn genug, wenn die Obern damit begabt sind. Weil ich nun

hier, wo nicht zu befehlen, doch zu raten habe, bemüht' ich mich, die

Eigenschaft des Gebirgs kennen zu lernen. Man strebt leidenschaftlich

nach den Metallen, die es enthält. Nun habe ich mir auch das

Vorkommen derselben aufzuklären gesucht, und es ist mir gelungen.

Das Glück tut's nicht allein, sondern der Sinn, der das Glück

herbeiruft, um es zu regeln. Wie diese Gebirge hier entstanden sind,

weiß ich nicht, will's auch nicht wissen; aber ich trachte täglich,

ihnen ihre Eigentümlichkeit abzugewinnen. Auf Blei und Silber ist

man erpicht, das sie in ihrem Busen tragen; ich weiß es zu entdecken:

das Wie? behalt' ich für mich und gebe Veranlassung, das Gewünschte

zu finden. Auf mein Wort unternimmt man's versuchsweise, es gelingt,

und man sagt, ich habe Glück. Was ich verstehe, versteh' ich mir,

was mir gelingt, gelingt mir für andere, und niemand denkt, daß es

ihm auf diesem Wege gleichfalls gelingen könne. Sie haben mich in

Verdacht, daß ich eine Wünschelrute besitze, sie merken aber nicht,

daß sie mir widersprechen, wenn ich etwas Vernünftiges vorbringe, und

daß sie dadurch sich den Weg abschneiden zu dem Baum des Erkenntnisses,

wo diese prophetischen Reiser zu brechen sind."

Ermutigt an diesen Gesprächen, überzeugt, daß auch ihm durch sein

bisheriges Tun und Denken geglückt, in einem weit entlegenen Fache,

dem Hauptsinne nach, seines Freundes Forderungen sich gleichzustellen,

gab er nunmehr Rechenschaft von der Anwendung seiner Zeit, seitdem

er die Vergünstigung erlangt, die auferlegte Wanderschaft nicht nach

Tagen und Stunden, sondern dem wahren Zweck einer vollständigen

Ausbildung gemäß einzuteilen und zu benutzen.

Hier nun war zufälligerweise vieles Redens keine Not, denn ein

bedeutendes Ereignis gab unserm Freunde Gelegenheit, sein erworbenes

Talent geschickt und glücklich anzuwenden und sich der menschlichen

Gesellschaft als wahrhaft nützlich zu erweisen.

Welcher Art aber dies gewesen, dürfen wir im Augenblicke noch nicht

offenbaren, obgleich der Leser bald, noch ehe er diesen Band aus den

Händen legt, davon genugsam unterrichtet sein wird.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 2 · 第 12 / 20 题