Wilhelm wurde darauf vom Gehülfen und Aufseher zu einem Bergfest
eingeladen, welches zunächst gefeiert werden sollte. Sie erstiegen
mit Schwierigkeit das Gebirg, Wilhelm glaubte sogar zu bemerken, daß
der Führer gegen Abend sich langsamer bewegte, als würde die
Finsternis ihrem Pfad nicht noch mehr Hinderung entgegensetzen. Als
aber eine tiefe Nacht sie umgab, ward ihm dies Rätsel aufgelöst:
kleine Flammen sah er aus vielen Schluchten und Tälern schwankend
hervorschimmern, sich zu Linien verlängern, sich über die
Gebirgshöhen herüberwälzen. Viel freundlicher, als wenn ein Vulkan
sich auftut und sein sprühendes Getös ganze Gegenden mit Untergang
bedroht, zeigte sich diese Erscheinung, und doch glühte sie nach und
nach mächtiger, breiter und gedrängter, funkelte wie ein Strom von
Sternen, zwar sanft und lieblich, aber doch kühn über die ganze
Gegend sich verbreitend.
Nachdem nun der Gefährte sich einige Zeit an der Verwunderung des
Gastes ergötzt, denn ihre Gesichter und Gestalten erschienen durch
das Licht aus der Ferne erhellt, so wie ihr Weg, begann er zu
sprechen: "Ihr seht hier freilich ein wunderliches Schauspiel; diese
Lichter, die bei Tag und bei Nacht im ganzen Jahre unter der Erde
leuchten und wirken und die Fördernis versteckter, kaum erreichbarer
irdischer Schätze begünstigen, diese quellen und wallen gegenwärtig
aus ihren Schlünden hervor und erheitern die offenbare Nacht. Kaum
gewahrte man je eine so erfreuliche Heerschau, wo das nützlichste,
unterirdisch zerstreute, den Augen entzogene Geschäft sich uns in
ganzer Fülle zeigt und eine große geheime Vereinigung sichtbar macht."
Unter solchen Reden und Betrachtungen waren sie an den Ort gelangt,
wo die Feuerbäche zum Flammensee um einen wohlerleuchteten Inselraum
sich ergossen. Der Wanderer stand nunmehr in dem blendenden Kreise,
wo schimmernde Lichter zu Tausenden gegen die zur schwarzen Hinterwand
gereihten Träger einen ahnungsvollen Kontrast bildeten. Sofort
erklang die heiterste Musik zu tüchtigen Gesängen. Hohle Felsmassen
zogen maschinenhaft heran und schlossen bald ein glänzendes Innere
dem Auge des erfreuten Zuschauers auf. Mimische Darstellungen, und
was nur einen solchen Moment der Menge erheitern kann, vereinigte
sich, um eine frohe Aufmerksamkeit zugleich zu spannen und zu
befriedigen.
Aber mit welcher Verwunderung ward unser Freund erfüllt, als er sich
den Hauptleuten vorgestellt sah und unter ihnen, in ernster,
stattlicher Tracht, Freund Jarno erblickte. "Nicht umsonst", rief
dieser aus, "habe ich meinen frühern Namen mit dem bedeutendem Montan
vertauscht; du findest mich hier in Berg und Kluft eingeweiht, und
glücklicher in dieser Beschränkung unter und über der Erde, als sich
denken läßt."--"Da wirst du also", versetzte der Wanderer, "als ein
Hocherfahrner nunmehr freigebiger sein mit Aufklärung und Unterricht,
als du es gegen mich warst auf jenen Berg--und Felsklippen.
"--"Keineswegs!" erwiderte Montan, "die Gebirge sind stumme Meister
und machen schweigsame Schüler."
An vielen Tafeln speiste man nach dieser Feierlichkeit. Alle Gäste,
die geladen oder ungeladen sich eingefunden, waren vom Handwerk,
deswegen denn auch an dem Tische, wo Montan und sein Freund sich
niedergesetzt, sogleich ein ortgemäßes Gespräch entstand; es war von
Gebirgen, Gängen und Lagern, von Gangarten und Metallen der Gegend
ausführlich die Rede. Sodann aber verlor das Gespräch sich gar bald
ins Allgemeine, und da war von nichts Geringerem die Rede als von
Erschaffung und Entstehung der Welt. Hier aber blieb die Unterhaltung
nicht lange friedlich, vielmehr verwickelte sich sogleich ein
lebhafter Streit.
Mehrere wollten unsere Erdgestaltung aus einer nach und nach sich
senkend abnehmenden Wasserbedeckung herleiten; sie führten die
Trümmer organischer Meeresbewohner auf den höchsten Bergen sowie auf
flachen Hügeln zu ihrem Vorteil an. Andere heftiger dagegen ließen
erst glühen und schmelzen, auch durchaus ein Feuer obwalten, das,
nachdem es auf der Oberfläche genugsam gewirkt, zuletzt ins Tiefste
zurückgezogen, sich noch immer durch die ungestüm sowohl im Meer als
auf der Erde wütenden Vulkane betätigte und durch sukzessiven Auswurf
und gleichfalls nach und nach überströmende Laven die höchsten Berge
bildete; wie sie denn überhaupt den anders Denkenden zu Gemüte führten,
daß ja ohne Feuer nichts heiß werden könne, auch ein tätiges Feuer
immer einen Herd voraussetze. So erfahrungsgemäß auch dieses
scheinen mochte, so waren manche doch nicht damit zufrieden; sie
behaupteten: mächtige, in dem Schoß der Erde schon völlig fertig
gewordene Gebilde seien mittelst unwiderstehlich elastischer Gewalten
durch die Erdrinde hindurch in die Höhe getrieben und zugleich in
diesem Tumulte manche Teile derselben weit über Nachbarschaft und
Ferne umhergestreut und zersplittert worden; sie beriefen sich auf
manche Vorkommnisse, welche ohne eine solche Voraussetzung nicht zu
erklären seien.
Eine vierte, wenn auch vielleicht nicht zahlreiche Partie lächelte
über diese vergeblichen Bemühungen und beteuerte: gar manche Zustände
dieser Erdoberfläche würden nie zu erklären sein, wofern man nicht
größere und kleinere Gebirgsstrecken aus der Atmosphäre
herunterfallen und weite, breite Landschaften durch sie überdeckt
werden lasse. Sie beriefen sich auf größere und kleinere Felsmassen,
welche zerstreut in vielen Landen umherliegend gefunden und sogar noch
in unsern Tagen als von oben herabstürzend aufgelesen werden.
Zuletzt wollten zwei oder drei stille Gäste sogar einen Zeitraum
grimmiger Kälte zu Hülfe rufen und aus den höchsten Gebirgszügen auf
weit ins Land hingesenkten Gletschern gleichsam Rutschwege für
schwere Ursteinmassen bereitet und diese auf glatter Bahn fern und
ferner hinausgeschoben im Geiste sehen. Sie sollten sich, bei
eintretender Epoche des Auftauens, niedersenken und für ewig in
fremdem Boden liegenbleiben. Auch sollte sodann durch schwimmendes
Treibeis der Transport ungeheurer Felsblöcke von Norden her möglich
werden. Diese guten Leute konnten jedoch mit ihrer etwas kühlen
Betrachtung nicht durchdringen. Man hielt es ungleich naturgemäßer,
die Erschaffung einer Welt mit kolossalem Krachen und Heben, mit
wildem Toben und feurigem Schleudern vorgehen zu lassen. Da nun
übrigens die Glut des Weines stark mit einwirkte, so hätte das
herrliche Fest beinahe mit tödlichen Händeln abgeschlossen.
Ganz verwirrt und verdüstert ward es unserm Freund zumute, welcher
noch von alters her den Geist, der über den Wassern schwebte, und die
hohe Flut, welche funfzehn Ellen über die höchsten Gebirge gestanden,
im stillen Sinne hegte und dem unter diesen seltsamen Reden die so
wohl geordnete, bewachsene, belebte Welt vor seiner Einbildungskraft
chaotisch zusammenzustürzen schien.
Den andern Morgen unterließ er nicht, den ernsten Montan hierüber zu
befragen, indem er ausrief: "Gestern konnt' ich dich nicht begreifen,
denn unter allen den wunderlichen Dingen und Reden hofft' ich endlich
deine Meinung und deine Entscheidung zu hören, an dessen Statt warst
du bald auf dieser, bald auf jener Seite und suchtest immer die
Meinung desjenigen, der da sprach, zu verstärken. Nun aber sage mir
ernstlich, was du darüber denkst, was du davon weißt." Hierauf
erwiderte Montan: "Ich weiß so viel wie sie und möchte darüber gar
nicht denken."--"Hier aber", versetzte Wilhelm, "sind so viele
widersprechende Meinungen, und man sagt ja, die Wahrheit liege in der
Mitte."--"Keineswegs!" erwiderte Montan: "in der Mitte bleibt das
Problem liegen, unerforschlich vielleicht, vielleicht auch zugänglich,
wenn man es darnach anfängt."
Nachdem nun auf diese Weise noch einiges hin und wider gesprochen
worden, fuhr Montan vertraulich fort: "Du tadelst mich, daß ich einem
jeden in seiner Meinung nachhalf, wie sich denn für alles noch immer
ein ferneres Argument auffinden läßt; ich vermehrte die Verwirrung
dadurch, das ist wahr, eigentlich aber kann ich es mit diesem
Geschlecht nicht mehr ernstlich nehmen. Ich habe mich durchaus
überzeugt, das Liebste, und das sind doch unsre überzeugungen, muß
jeder im tiefsten Ernst bei sich selbst bewahren, jeder weiß nur für
sich, was er weiß, und das muß er geheimhalten; wie er es ausspricht,
sogleich ist der Widerspruch rege, und wie er sich in Streit einläßt,
kommt er in sich selbst aus dem Gleichgewicht, und sein Bestes wird,
wo nicht vernichtet, doch gestört."
Durch einige Gegenrede Wilhelms veranlaßt, erklärte Montan sich
ferner: "Wenn man einmal weiß, worauf alles ankommt, hört man auf,
gesprächig zu sein."-- "Worauf kommt nun aber alles an?" versetzte
Wilhelm hastig.--"Das ist bald gesagt", versetzte jener. "Denken und
Tun, Tun und Denken, das ist die Summe aller Weisheit, von jeher
anerkannt, von jeher geübt, nicht eingesehen von einem jeden. Beides
muß wie Aus--und Einatmen sich im Leben ewig fort hin und wider
bewegen; wie Frage und Antwort sollte eins ohne das andere nicht
stattfinden. Wer sich zum Gesetz macht, was einem jeden Neugebornen
der Genius des Menschenverstandes heimlich ins Ohr flüstert, das Tun
am Denken, das Denken am Tun zu prüfen, der kann nicht irren, und
irrt er, so wird er sich bald auf den rechten Weg zurückfinden."
Montan geleitete seinen Freund nunmehr in dem Bergrevier methodisch
umher, überall begrüßt von einem derben "Glück auf!", welches sie
heiter zurückgaben. "Ich möchte wohl", sagte Montan, "ihnen manchmal
zurufen: "Sinn auf!", denn Sinn ist mehr als Glück; doch die Menge
hat immer Sinn genug, wenn die Obern damit begabt sind. Weil ich nun
hier, wo nicht zu befehlen, doch zu raten habe, bemüht' ich mich, die
Eigenschaft des Gebirgs kennen zu lernen. Man strebt leidenschaftlich
nach den Metallen, die es enthält. Nun habe ich mir auch das
Vorkommen derselben aufzuklären gesucht, und es ist mir gelungen.
Das Glück tut's nicht allein, sondern der Sinn, der das Glück
herbeiruft, um es zu regeln. Wie diese Gebirge hier entstanden sind,
weiß ich nicht, will's auch nicht wissen; aber ich trachte täglich,
ihnen ihre Eigentümlichkeit abzugewinnen. Auf Blei und Silber ist
man erpicht, das sie in ihrem Busen tragen; ich weiß es zu entdecken:
das Wie? behalt' ich für mich und gebe Veranlassung, das Gewünschte
zu finden. Auf mein Wort unternimmt man's versuchsweise, es gelingt,
und man sagt, ich habe Glück. Was ich verstehe, versteh' ich mir,
was mir gelingt, gelingt mir für andere, und niemand denkt, daß es
ihm auf diesem Wege gleichfalls gelingen könne. Sie haben mich in
Verdacht, daß ich eine Wünschelrute besitze, sie merken aber nicht,
daß sie mir widersprechen, wenn ich etwas Vernünftiges vorbringe, und
daß sie dadurch sich den Weg abschneiden zu dem Baum des Erkenntnisses,
wo diese prophetischen Reiser zu brechen sind."
Ermutigt an diesen Gesprächen, überzeugt, daß auch ihm durch sein
bisheriges Tun und Denken geglückt, in einem weit entlegenen Fache,
dem Hauptsinne nach, seines Freundes Forderungen sich gleichzustellen,
gab er nunmehr Rechenschaft von der Anwendung seiner Zeit, seitdem
er die Vergünstigung erlangt, die auferlegte Wanderschaft nicht nach
Tagen und Stunden, sondern dem wahren Zweck einer vollständigen
Ausbildung gemäß einzuteilen und zu benutzen.
Hier nun war zufälligerweise vieles Redens keine Not, denn ein
bedeutendes Ereignis gab unserm Freunde Gelegenheit, sein erworbenes
Talent geschickt und glücklich anzuwenden und sich der menschlichen
Gesellschaft als wahrhaft nützlich zu erweisen.
Welcher Art aber dies gewesen, dürfen wir im Augenblicke noch nicht
offenbaren, obgleich der Leser bald, noch ehe er diesen Band aus den
Händen legt, davon genugsam unterrichtet sein wird.