Viertes Kapitel

Der schönen Witwe machte unser Major einen Morgenbesuch, um Abschied

zu nehmen und, wenn es möglich wäre, die Absicht seines Sohnes mit

Schicklichkeit zu fördern. Er fand sie in zierlichster

Morgenkleidung in Gesellschaft einer ältern Dame, die durch ein höchst

gesittetes, freundliches Wesen ihn alsobald einnahm. Die Anmut der

Jüngern, der Anstand der älteren setzten das Paar in das

wünschenswerteste Gleichgewicht, auch schien ihr wechselseitiges

Betragen durchaus dafür zu sprechen, daß sie einander angehörten.

Die Jüngere schien eine fleißig gearbeitete, uns von gestern schon

bekannte Brieftasche soeben vollendet zu haben; denn nach den

gewöhnlichen Empfangsbegrüßungen und verbindlichen Worten eines

willkommenen Erscheinens wendete sie sich zur Freundin und reichte das

künstliche Werk hin, gleichsam ein unterbrochenes Gespräch wieder

anknüpfend: "Sie sehen also, daß ich doch fertig geworden bin, wenn

es gleich wegen Zögerns und manchen Säumens den Anschein nicht hatte."

"Sie kommen eben recht, Herr Major", sagte die ältere, "unsern

Streit zu entscheiden oder wenigstens sich für eine oder die andere

Partei zu erklären; ich behaupte, man fängt eine solche

weitschichtige Arbeit nicht an, ohne einer Person zu gedenken, der

man sie bestimmt hat, man vollendet sie nicht ohne einen solchen

Gedanken. Beschauen Sie selbst das Kunstwerk, denn so nenn' ich es

billig, ob dergleichen so ganz ohne Zweck unternommen werden könne."

Unser Major mußte der Arbeit freilich allen Beifall zusprechen.

Teils geflochten, teils gestickt, erregte sie zugleich mit der

Bewunderung das Verlangen, zu erfahren, wie sie gemacht sei. Die

bunte Seide waltete vor, doch war auch das Gold nicht verschmäht,

genug, man wußte nicht, ob man Pracht oder Geschmack mehr bewundern

sollte.

"Es ist doch noch einiges daran zu tun", versetzte die Schöne, indem

sie die Schleife des umgeschlagenen Bandes wieder aufzog und sich mit

dem Innern beschäftigte. "Ich will nicht streiten", fuhr sie fort,

"aber erzählen will ich, wie mir bei solchem Geschäft zumute ist.

Als junge Mädchen werden wir gewöhnt, mit den Fingern zu tifteln und

mit den Gedanken umherzuschweifen; beides bleibt uns, indem wir nach

und nach die schwersten und zierlichsten Arbeiten verfertigen lernen,

und ich leugne nicht, daß ich an jede Arbeit dieser Art immer

Gedanken angeknüpft habe, an Personen, an Zustände, an Freud und Leid.

Und so ward mir das Angefangene wert und das Vollendete, ich darf

wohl sagen, kostbar. Als ein solches nun durft' ich das Geringste

für etwas halten, die leichteste Arbeit gewann einen Wert, und die

schwierigste doch auch nur dadurch, daß die Erinnerung dabei reicher

und vollständiger war. Freunden und Liebenden, ehrwürdigen und hohen

Personen glaubt' ich daher dergleichen immer anbieten zu können; sie

erkannten es auch und wußten, daß ich ihnen etwas von meinem

Eigensten überreichte, das, vielfach und unaussprechlich, doch

zuletzt zu einer angenehmen Gabe vereinigt, immer wie ein freundlicher

Gruß wohlgefällig aufgenommen ward."

Auf ein so liebenswürdiges Bekenntnis war freilich kaum eine

Erwiderung möglich; doch wußte die Freundin dagegen etwas in

wohlklingende Worte zu fügen. Der Major aber, von jeher gewohnt, die

anmutige Weisheit römischer Schriftsteller und Dichter zu schätzen und

ihre leuchtenden Ausdrücke dem Gedächtnis einzuprägen, erinnerte sich

einiger hierher gar wohl passender Verse, hütete sich aber, um nicht

als Pedant zu erscheinen, sie auszusprechen oder auch ihrer nur zu

erwähnen; versuchte jedoch, um nicht stumm und geistlos zu erscheinen,

aus dem Stegreif eine prosaische Paraphrase, die aber nicht recht

gelingen wollte, wodurch das Gespräch beinahe ins Stocken geraten

wäre.

Die ältere Dame griff deshalb nach einem bei dem Eintritt des

Freundes niedergelegten Buche; es war eine Sammlung von Poesien,

welche soeben die Aufmerksamkeit der Freundinnen beschäftigte; dies

gab Gelegenheit, von Dichtkunst überhaupt zu sprechen, doch blieb die

Unterhaltung nicht lange im Allgemeinen, denn gar bald bekannten die

Frauenzimmer zutraulich, daß sie von dem poetischen Talent des Majors

unterrichtet seien. Ihnen hatte der Sohn, der selbst auf den

Ehrentitel eines Dichters seine Absichten nicht verbarg, von den

Gedichten seines Vaters gesprochen, auch einiges rezitiert; im Grunde,

um sich mit einer poetischen Herkunft zu schmeicheln und, wie es die

Jugend gewohnt ist, sich für einen vorschreitenden, die Fähigkeiten

des Vaters steigernden Jüngling bescheidentlich geben zu können. Der

Major aber, der sich zurückzuziehen suchte, da er bloß als Literator

und Liebhaber gelten wollte, suchte, da ihm kein Ausweg gelassen war,

wenigstens auszuweichen, indem er die Dichtart, in der er sich

allenfalls geübt habe, für subaltern und fast für unrecht wollte

angesehen wissen; er konnte nicht leugnen, daß er in demjenigen, was

man beschreibend und in einem gewissen Sinne belehrend nennt, einige

Versuche gemacht habe.

Die Damen, besonders die jüngere, nahmen sich dieser Dichtart an;

sie sagte: "Wenn man vernünftig und ruhig leben will, welches denn

doch zuletzt eines jeden Menschen Wunsch und Absicht bleibt, was soll

uns da das aufgeregte Wesen, das uns willkürlich anreizt, ohne etwas

zu geben, das uns beunruhigt, um uns denn doch zuletzt uns wieder

selbst zu überlassen; unendlich viel angenehmer ist mir, da ich doch

einmal der Dichtung nicht gern entbehren mag, jene, die mich in

heitere Gegenden versetzt, wo ich mich wiederzuerkennen glaube, mir

den Grundwert des Einfach-Ländlichen zu Gemüte führt, mich durch

buschige Haine zum Wald, unvermerkt auf eine Höhe zum Anblick eines

Landsees hinführt, da denn auch wohl gegenüber erst angebaute Hügel,

sodann waldgekrönte Höhen emporsteigen und die blauen Berge zum

Schluß ein befriedigendes Gemälde bilden. Bringt man mir das alles in

klaren Rhythmen und Reimen, so bin ich auf meinem Sofa dankbar, daß

der Dichter ein Bild in meiner Imagination entwickelt hat, an dem ich

mich ruhiger erfreuen kann, als wenn ich es, nach ermüdender

Wanderschaft, vielleicht unter andern, ungünstigen Umständen vor Augen

sehe."

Der Major, der das vorwaltende Gespräch eigentlich nur als Mittel

ansah, seine Zwecke zu befördern, suchte sich wieder nach der

lyrischen Dichtkunst hinzuwenden, worin sein Sohn wirklich Löbliches

geleistet hatte. Man widersprach ihm nicht geradezu, aber man suchte

ihn von dem Wege wegzuscherzen, den er eingeschlagen hatte, besonders

da er auf leidenschaftliche Gedichte hinzudeuten schien, womit der

Sohn der unvergleichlichen Dame die entschiedene Neigung seines

Herzens nicht ohne Kraft und Geschick vorzutragen gesucht hatte.

"Lieder der Liebenden", sagte die schöne Frau, "mag ich weder

vorgelesen noch vorgesungen; glücklich Liebende beneidet man, eh' man

sich's versieht, und die Unglücklichen machen uns immer Langeweile."

Hierauf nahm die ältere Dame, zu ihrer holden Freundin gewendet, das

Wort auf und sagte: "Warum machen wir solche Umschweife, verlieren

die Zeit in Umständlichkeiten gegen einen Mann, den wir verehren und

lieben? Sollen wir ihm nicht vertrauen, daß wir sein anmutiges

Gedicht, worin er die wackere Leidenschaft zur Jagd in allen ihren

Einzelheiten vorträgt, schon teilweise zu kennen das Vergnügen haben,

und nunmehr ihn bitten, auch das Ganze nicht vorzuenthalten? Ihr

Sohn", fuhr sie fort, "hat uns einige Stellen mit Lebhaftigkeit aus

dem Gedächtnis vorgetragen und uns neugierig gemacht, den Zusammenhang

zu sehen." Als nun der Vater abermals auf die Talente des Sohnes

zurückkehren und diese hervorheben wollte, ließen es die Damen nicht

gelten, indem sie es für eine offenbare Ausflucht ansprachen, um die

Erfüllung ihrer Wünsche indirekt abzulehnen. Er kam nicht los, bis er

unbewunden versprochen hatte, das Gedicht zu senden, sodann aber nahm

das Gespräch eine Wendung, die ihn hinderte, zugunsten des Sohnes

weiter etwas vorzubringen, besonders da ihm dieser alle

Zudringlichkeit abgeraten hatte.

Da es nun Zeit schien, sich zu beurlauben, und der Freund auch

deshalb einige Bewegung machte, sprach die Schöne mit einer Art von

Verlegenheit, wodurch sie nur noch schöner ward, indem sie die frisch

geknüpfte Schleife der Brieftasche sorgfältig zurechtzupfte: "Dichter

und Liebhaber sind längst schon leider im Ruf, daß ihren Versprechen

und Zusagen nicht viel zu trauen sei; verzeihen Sie daher, wenn ich

das Wort eines Ehrenmannes in Zweifel zu ziehen wage und deshalb ein

Pfand, einen Treupfennig nicht verlange, sondern gebe. Nehmen Sie

diese Brieftasche, sie hat etwas ähnliches von Ihrem Jagdgedicht, viel

Erinnerungen sind daran geknüpft, manche Zeit verging unter der

Arbeit, endlich ist sie fertig; bedienen Sie sich derselben als eines

Boten, uns Ihre liebliche Arbeit zu überbringen."

Bei solch unerwartetem Anerbieten fühlte sich der Major wirklich

betroffen; die zierliche Pracht dieser Gabe hatte so gar kein

Verhältnis zu dem, was ihn gewöhnlich umgab, zu dem übrigen, dessen

er sich bediente, daß er sie sich, obgleich dargereicht, kaum zueignen

konnte; doch nahm er sich zusammen, und wie seinem Erinnern ein

überliefertes Gute niemals versagte, so trat eine klassische Stelle

alsbald ihm ins Gedächtnis. Nur wäre es pedantisch gewesen, sie

anzuführen, doch regte sie einen heitern Gedanken bei ihm auf, daß er

aus dem Stegreife mit artiger Paraphrase einen freundlichen Dank und

ein zierliches Kompliment entgegenzubringen im Falle war; und so

schloß sich denn diese Szene auf eine befriedigende Weise für die

sämtlichen Unterredenden.

Also fand er sich zuletzt nicht ohne Verlegenheit in ein angenehmes

Verhältnis verflochten; er hatte zu senden, zu schreiben zugesagt,

sich verpflichtet, und wenn ihm die Veranlassung einigermaßen

unangenehm fiel, so mußte er es doch für ein Glück schätzen, auf eine

heitere Weise mit dem Frauenzimmer in Verhältnis zu bleiben, das bei

ihren großen Vorzügen ihm so nahe angehören sollte. Er schied also

nicht ohne eine gewisse innere Zufriedenheit; denn wie sollte der

Dichter eine solche Aufmunterung nicht empfinden, dessen

treufleißiger Arbeit, die so lange unbeachtet geruht, nun ganz

unerwartet eine liebenswürdige Aufmerksamkeit zuteil wird.

Gleich nach seiner Rückkehr ins Quartier setzte der Major sich

nieder, zu schreiben, seiner guten Schwester alles zu berichten, und

da war nichts natürlicher, als daß in seiner Darstellung eine gewisse

Exaltation sich hervortat, wie er sie selbst empfand, die aber durch

das Einreden seines von Zeit zu Zeit störenden Sohns noch mehr

gesteigert wurde.

Auf die Baronin machte dieser Brief einen sehr gemischten Eindruck;

denn wenn auch der Umstand, wodurch die Verbindung des Bruders mit

Hilarien befördert und beschleunigt werden konnte, geeignet war, sie

ganz zufriedenzustellen, so wollte ihr doch die schöne Witwe nicht

gefallen, ohne daß sie sich deswegen Rechenschaft zu geben gedacht

hätte. Wir machen bei dieser Gelegenheit folgende Bemerkung.

Den Enthusiasmus für irgendeine Frau muß man einer andern niemals

anvertrauen; sie kennen sich untereinander zu gut, um sich einer

solchen ausschließlichen Verehrung würdig zu halten. Die Männer

kommen ihnen vor wie Käufer im Laden, wo der Handelsmann mit seinen

Waren, die er kennt, im Vorteil steht, auch sie in dem besten Lichte

vorzuzeigen die Gelegenheit wahrnehmen kann; dahingegen der Käufer

immer mit einer Art Unschuld hereintritt, er bedarf der Ware, will

und wünscht sie und versteht gar selten, sie mit Kenneraugen zu

betrachten. Jener weiß recht gut, was er gibt, dieser nicht immer,

was er empfängt. Aber es ist einmal im menschlichen Leben und Umgang

nicht zu ändern, ja so löblich als notwendig, denn alles Begehren und

Freien, alles Kaufen und Tauschen beruht darauf.

In Gefolge solches Empfindens mehr als Betrachtens konnte die

Baronesse weder mit der Leidenschaft des Sohns noch mit der günstigen

Schilderung des Vaters völlig zufrieden sein; sie fand sich

überrascht von der glücklichen Wendung der Sache, doch ließ eine

Ahnung wegen doppelter Ungleichheit des Alters sich nicht abweisen.

Hilarie ist ihr zu jung für den Bruder, die Witwe für den Sohn nicht

jung genug; indessen hat die Sache ihren Gang genommen, der nicht

aufzuhalten scheint. Ein frommer Wunsch, daß alles gut gehen möge,

stieg mit einem leisen Seufzer empor. Um ihr Herz zu erleichtern,

nahm sie die Feder und schrieb an jene menschenkennende Freundin,

indem sie nach einem geschichtlichen Eingang also fortfuhr.

"Die Art dieser jungen, verführerischen Witwe ist mir nicht

unbekannt; weiblichen Umgang scheint sie abzulehnen und nur eine Frau

um sich zu leiden, die ihr keinen Eintrag tut, ihr schmeichelt und,

wenn ihre stummen Vorzüge sich nicht klar genug dartäten, sie noch mit

Worten und geschickter Behandlung der Aufmerksamkeit zu empfehlen

weiß. Zuschauer, Teilnehmer an einer solchen Repräsentation müssen

Männer sein, daher entsteht die Notwendigkeit, sie anzuziehen, sie

festzuhalten. Ich denke nichts übles von der schönen Frau, sie

scheint anständig und behutsam genug, aber eine solche lüsterne

Eitelkeit opfert den Umständen auch wohl etwas auf, und, was ich für

das Schlimmste halte: nicht alles ist reflektiert und vorsätzlich,

ein gewisses glückliches Naturell leitet und beschützt sie, und

nichts ist gefährlicher an so einer gebornen Kokette als eine aus der

Unschuld entspringende Verwegenheit."

Der Major, nunmehr auf den Gütern angelangt, widmete Tag und Stunde

der Besichtigung und Untersuchung. Er fand sich in dem Falle, zu

bemerken, daß ein richtiger, wohlgefaßter Hauptgedanke in der

Ausführung mannigfaltigen Hindernissen und dem Durchkreuzen so vieler

Zufälligkeiten unterworfen ist, in dem Grade, daß der erste Begriff

beinahe verschwindet und für Augenblicke ganz und gar unterzugehen

scheint, bis mitten in allen Verwirrungen dem Geiste die Möglichkeit

eines Gelingens sich wieder darstellt, wenn wir die Zeit als den

besten Alliierten einer unbesiegbaren Ausdauer uns die Hand bieten

sehen.

Und so wäre denn auch hier der traurige Anblick schöner,

ansehnlicher, vernachlässigter, mißbrauchter Besitzungen zu einem

trostlosen Zustande geworden, hätte man nicht durch das verständige

Bemerken einsichtiger ökonomen zugleich vorausgesehen, daß eine Reihe

von Jahren, mit Verstand und Redlichkeit benutzt, hinreichend sein

werde, das Abgestorbene zu beleben und das Stockende in Umtrieb zu

versetzen, um zuletzt durch Ordnung und Tätigkeit seinen Zweck zu

erreichen.

Der behagliche Obermarschall war angelangt, und zwar mit einem

ernsten Advokaten, doch gab dieser dem Major weniger Besorgnisse als

jener, der zu den Menschen gehörte, die keine Zwecke haben oder, wenn

sie einen vor sich sehen, die Mittel dazu ablehnen. Ein täglich--und

stündliches Behagen war ihm das unerläßliche Bedürfnis seines Lebens.

Nach langem Zaudern ward es ihm endlich Ernst, seine Gläubiger

loszuwerden, die Güterlast abzuschütteln, die Unordnung seines

Hauswesens in Regel zu setzen, eines anständigen, gesicherten

Einkommens ohne Sorge zu genießen, dagegen aber auch nicht das

geringste von den bisherigen Bräuchlichkeiten fahren zu lassen.

Im ganzen gestand er alles ein, was die Geschwister in den

ungetrübten Besitz der Güter, besonders auch des Hauptgutes, setzen

sollte, aber auf einen gewissen benachbarten Pavillon, in welchem er

alle Jahr auf seinen Geburtstag die ältesten Freunde und die neusten

Bekannten einlud, ferner auf den daran gelegenen Ziergarten, der

solchen mit dem Hauptgebäude verband, wollte er die Ansprüche nicht

völlig aufgeben. Die Meublen alle sollten in dem Lusthause bleiben,

die Kupferstiche an den Wänden sowie auch die Früchte der Spaliere ihm

versichert werden. Pfirsiche und Erdbeeren von den ausgesuchtesten

Sorten, Birnen und äpfel, groß und schmackhaft, besonders aber eine

gewisse Sorte grauer, kleiner äpfel, die er seit vielen Jahren der

Fürstin Witwe zu verehren gewohnt war, sollten ihm treulich geliefert

sein. Hieran schlossen sich noch andere Bedingungen, wenig bedeutend,

aber dem Hausherrn, Pächter, Verwaltern, Gärtnern ungemein

beschwerlich.

Der Obermarschall war übrigens von dem besten Humor; denn da er den

Gedanken nicht fahren ließ, daß alles nach seinen Wünschen, wie es

ihm sein leichtes Temperament vorgespiegelt hatte, sich endlich

einrichten würde, so sorgte er für eine gute Tafel, machte sich

einige Stunden auf einer mühelosen Jagd die nötige Bewegung, erzählte

Geschichten auf Geschichten und zeigte durchaus das heiterste Gesicht;

auch schied er auf gleiche Weise, dankte dem Major zum schönsten, daß

er so brüderlich verfahren, verlangte noch etwas Geld, ließ die

kleinen vorrätigen grauen Goldäpfel, welche dieses Jahr besonders

wohl geraten waren, sorgfältig einpacken und fuhr mit diesem Schatz,

den er als eine willkommene Verehrung der Fürstin zu überreichen

gedachte, nach ihrem Witwensitz, wo er denn auch gnädig und

freundlich empfangen ward.

Der Major an seiner Seite blieb mit ganz entgegengesetzten Gefühlen

zurück und wäre an den Verschränkungen, die er vor sich fand, fast

verzweifelt, wäre ihm nicht das Gefühl zu Hülfe gekommen, das einen

tätigen Mann freudig aufrichtet, wenn er das Verworrene zu lösen, als

entworren vor sich zu sehen hoffen darf.

Glücklicherweise war der Advokat ein rechtlicher Mann, der, weil er

sonst viel zu tun hatte, diese Angelegenheit bald beendigte. Ebenso

glücklich schlug sich ein Kammerdiener des Obermarschalls hinzu, der

gegen mäßige Bedingungen in dem Geschäft mitzuwirken versprach,

wodurch man einem gedeihlichen Abschluß entgegensehen durfte. So

angenehm aber auch dieses war, so fühlte doch der Major als ein

rechtlicher Mann im Hin--und Widerwirken bei dieser Angelegenheit, es

bedürfe gar manches Unreinen, um ins Reine zu kommen.

Bei einer Pause des Geschäfts, die ihm einige Freiheit ließ, eilte

er auf sein Gut, wo er, des Versprechens eingedenk, das er an die

schöne Witwe getan und das ihm nicht aus dem Sinne gekommen war,

seine Gedichte versuchte, die in guter Ordnung verwahrt lagen; zu

gleicher Zeit kamen ihm manche Gedenk--und Erinnerungsbücher, Auszüge

beim Lesen alter und neuer Schriftsteller enthaltend, wieder zur Hand.

Bei seiner Vorliebe für Horaz und die römischen Dichter war das

meiste daher, und es fiel ihm auf, daß die Stellen größtenteils

Bedauern vergangner Zeit, vorübergeschwundner Zustände und

Empfindungen andeuteten. Statt vieler rücken wir die einzige Stelle

hier ein:

"Heu!

Quae mens est hodie, cur eadem non puero fuit?

Vel cur bis animis incolumes non redeunt genae!"

"Wie ist heut mir doch zumute?

So vergnüglich und so klar!

Da bei frischem Knabenblute

Mir so wild, so düster war.

Doch wenn mich die Jahre zwacken,

Wie auch wohlgemut ich sei,

Denk' ich jene roten Backen,

Und ich wünsche sie herbei."

Nachdem unser Freund nun aus wohlgeordneten Papieren das Jagdgedicht

gar bald herausgefunden, erfreute er sich an der sorgfältigen

Reinschrift, wie er sie vor Jahren mit lateinischen Lettern, groß

Oktav, zierlichst verfaßt hatte. Die köstliche Brieftasche von

bedeutender Größe nahm das Werk ganz bequem auf, und nicht leicht hat

ein Autor sich so prächtig eingebunden gesehen. Einige Zeilen dazu

waren höchst notwendig; Prosaisches aber kaum zulässig. Jene Stelle

des Ovid fiel ihm wieder ein, und er glaubte jetzt durch eine

poetische Umschreibung, so wie damals durch eine prosaische, sich am

besten aus der Sache zu ziehen. Sie hieß:

"Nec factas solum vestes spectare juvabat,

Tum quoque dum fierent; tantus decor adfuit arti."

Zu Deutsch:

"Ich sah's in meisterlichen Händen

--Wie denk' ich gern der schönen Zeit!--

Sich erst entwickeln, dann vollenden

Zu nie gesehner Herrlichkeit.

Zwar ich besitz' es gegenwärtig,

Doch soll ich mir nur selbst gestehn:

Ich wollt', es wäre noch nicht fertig,

Das Machen war doch gar zu schön!"

Mit diesem übertragenen war unser Freund nur wenige Zeit zufrieden;

er tadelte, daß er das schöne flektierte Verbum: dum fierent, in ein

traurig abstraktes Substantivum verändert habe, und es verdroß ihn,

bei allem Nachdenken die Stelle doch nicht verbessern zu können. Nun

ward auf einmal seine Vorliebe zu den alten Sprachen wieder lebendig,

und der Glanz des Deutschen Parnasses, auf den er doch auch im stillen

hinaufstrebte, schien ihm sich zu verdunkeln.

Endlich aber, da er dieses heitere Kompliment, mit dem Urtexte

unverglichen, noch ganz artig fand und glauben durfte, daß ein

Frauenzimmer es ganz wohl aufnehmen würde, so entstand eine zweite

Bedenklichkeit: daß, da man in Versen nicht galant sein kann, ohne

verliebt zu scheinen, er dabei als künftiger Schwiegervater eine

wunderliche Rolle spiele. Das Schlimmste jedoch fiel ihm zuletzt ein:

jene Ovidischen Verse werden von Arachnen gesagt, einer ebenso

geschickten als hübschen und zierlichen Weberin. Wurde nun aber diese

durch die neidische Minerva in eine Spinne verwandelt, so war es

gefährlich, eine schöne Frau, mit einer Spinne, wenn auch nur von

ferne, verglichen, im Mittelpunkte eines ausgebreiteten Netzes

schweben zu sehen. Konnte man sich doch unter der geistreichen

Gesellschaft, welche unsre Dame umgab, einen Gelehrten denken,

welcher diese Nachbildung ausgewittert hätte. Wie sich nun der Freund

aus einer solchen Verlegenheit gezogen, ist uns selbst unbekannt

geblieben, und wir müssen diesen Fall unter diejenigen rechnen, über

welche die Musen auch wohl einen Schleier zu werfen sich die

Schalkheit erlauben. Genug, das Jagdgedicht selbst ward abgesendet,

von welchem wir jedoch einige Worte nachzubringen haben.

Der Leser desselben belustigt sich an der entschiedenen

Jagdliebhaberei und allem, was sie begünstigen mag; erfreulich ist

der Jahreszeitenwechsel, der sie mannigfaltig aufruft und anregt.

Die Eigenheiten sämtlicher Geschöpfe, denen man nachstellt, die man zu

erlegen gesinnt ist, die verschiedenen Charaktere der Jäger, die sich

dieser Lust, dieser Mühe hingeben, die Zufälligkeiten, wie sie

befördern oder schädigen: alles war, besonders was auf das Geflügel

Bezug hatte, mit der besten Laune dargestellt und mit großer

Eigentümlichkeit behandelt.

Von der Auerhahnbalz bis zum zweiten Schnepfenstrich und von da bis

zur Rabenhütte war nichts versäumt, alles wohl gesehen, klar

aufgenommen, leidenschaftlich verfolgt, leicht und scherzhaft, oft

ironisch dargestellt.

Jenes elegische Thema klang jedoch durch das Ganze durch; es war

mehr als ein Abschied von diesen Lebensfreuden verfaßt, wodurch es

zwar einen gefühlvollen Anstrich des heiter Durchlebten gewann und

sehr wohltätig wirkte, aber doch zuletzt, wie jene Sinnsprüche, nach

dem Genuß ein gewisses Leere empfinden ließ. War es das Umblättern

dieser Papiere oder sonst ein augenblickliches Mißbefinden, der Major

fühlte sich nicht heiter gestimmt. Daß die Jahre, die zuerst eine

schöne Gabe nach der andern bringen, sie alsdann nach und nach wieder

entziehen, schien er auf dem Scheidepunkt, wo er sich befand, auf

einmal lebhaft zu fühlen. Eine versäumte Badereise, ein ohne Genuß

verstrichener Sommer, Mangel an stetiger gewohnter Bewegung, alles

ließ ihn gewisse körperliche Unbequemlichkeiten empfinden, die er für

wirkliche übel nahm und sich ungeduldiger dabei bewies, als billig

sein mochte.

Wie aber den Frauen der Augenblick, wo ihre bisher unbestrittene

Schönheit zweifelhaft werden will, höchst peinlich ist, so wird den

Männern in gewissen Jahren, obgleich noch im völligen Vigor, das

leiseste Gefühl einer unzulänglichen Kraft äußerst unangenehm, ja

gewissermaßen ängstlich.

Ein anderer eintretender Umstand jedoch, der ihn hätte beunruhigen

sollen, verhalf ihm zu der besten Laune. Sein kosmetischer

Kammerdiener, der ihn auch bei dieser Landpartie nicht verlassen

hatte, schien einige Zeit her einen andern Weg einzuschlagen, wozu ihn

frühes Aufstehn des Majors, tägliches Ausreiten und Umhergehen

desselben sowie der Zutritt mancher Beschäftigten, auch bei der

Gegenwart des Obermarschalls mehrerer Geschäftslosen zu nötigen

schien. Mit allen Kleinigkeiten, die nur die Sorgfalt eines Mimen zu

beschäftigen das Recht hatten, ließ er den Major schon einige Zeit

verschont, aber desto strenger hielt er auf einige Hauptpunkte,

welche bisher durch ein geringeres Hokuspokus waren verschleiert

gewesen. Alles, was nicht nur den Schein der Gesundheit bezwecken,

sondern was die Gesundheit selbst aufrechterhalten sollte, ward

eingeschärft, besonders aber Maß in allem und Abwechslung nach den

Vorkommenheiten, Sorgfalt sodann für Haut und Haare, für Augenbrauen

und Zähne, für Hände und Nägel, für deren zierlichste Form und

schicklichste Länge der Wissende schon länger gesorgt hatte. Dabei

wurde Mäßigung aber--und abermals in allem, was den Menschen aus

seinem Gleichgewicht zu bringen pflegt, dringend anempfohlen, worauf

denn dieser Schönheits-Erhaltungs-Lehrer sich seinen Abschied erbat,

weil er seinem Herrn nichts mehr nütze sei. Indes konnte man denken,

daß er sich doch wohl wieder zu seinem vorigen Patron zurückwünschen

mochte, um den mannigfaltigen Vergnügungen eines theatralischen

Lebens fernerhin sich ergeben zu können.

Und wirklich tat es dem Major sehr wohl, wieder sich selbst gegeben

zu sein. Der verständige Mann braucht sich nur zu mäßigen, so ist er

auch glücklich. Er mochte sich der herkömmlichen Bewegung des

Reitens, der Jagd und was sich daran knüpft, wieder mit Freiheit

bedienen, die Gestalt Hilariens trat in solchen einsamen Momenten

wieder freudig hervor, und er fügte sich in den Zustand des

Bräutigams, vielleicht den anmutigsten, der uns in dem gesitteten

Kreise des Lebens gegönnt ist.

Schon einige Monate waren die sämtlichen Familienglieder ohne

besondere Nachricht voneinander geblieben; der Major beschäftigte

sich, in der Residenz gewisse Einwilligungen und Bestätigungen seines

Geschäfts abschließlich zu negoziieren; die Baronin und Hilarie

richteten ihre Tätigkeit auf die heiterste, reichlichste Ausstattung;

der Sohn, seiner Schönen mit Leidenschaft dienstpflichtig, schien

hierüber alles zu vergessen. Der Winter war angekommen und umgab

alle ländlichen Wohnungen mit unerfreulichen Sturmregen und

frühzeitigen Finsternissen.

Wer heute durch eine düstre Novembernacht sich in der Gegend des

adeligen Schlosses verirrt hätte und bei dem schwachen Lichte eines

bedeckten Mondes äcker, Wiesen, Baumgruppen, Hügel und Gebüsche

düster vor sich liegen sähe, auf einmal aber bei einer schnellen

Wendung um eine Ecke die ganz erleuchtete Fensterreihe eines langen

Gebäudes vor sich erblickte, er hätte gewiß geglaubt, eine festlich

geschmückte Gesellschaft dort anzutreffen. Wie sehr verwundert müßte

er aber sein, von wenigen Bedienten erleuchtete Treppen hinaufgeführt,

nur drei Frauenzimmer, die Baronin, Hilarien und das Kammermädchen,

in hellen Zimmern zwischen klaren Wänden, neben freundlichem Hausrat,

durchaus erwärmt und behaglich, zu erblicken.

Da wir nun aber die Baronin in einem festlichen Zustande zu

überraschen glauben, so ist es notwendig, zu bemerken, daß diese

glänzende Erleuchtung hier nicht als außerordentlich anzusehen sei,

sondern zu den Eigenheiten gehöre, welche die Dame aus ihrem frühern

Leben mit herübergebracht hatte. Als Tochter einer Oberhofmeisterin,

bei Hof erzogen, war sie gewohnt, den Winter allen übrigen

Jahrszeiten vorzuziehen und den Aufwand einer stattlichen Erleuchtung

zum Element aller ihrer Genüsse zu machen. Zwar an Wachskerzen

fehlte es niemals, aber einer ihrer ältesten Diener hatte so große

Lust an Künstlichkeiten, daß nicht leicht eine neue Lampenart

entdeckt wurde, die er im Schlosse hie und da einzuführen nicht wäre

bemüht gewesen, wodurch denn zwar die Erhellung mitunter lebhaft

gewann, aber auch wohl gelegentlich hie und da eine partielle

Finsternis eintrat.

Die Baronin hatte den Zustand einer Hofdame durch Verbindung mit

einem bedeutenden Gutsbesitzer und entschiedenen Landwirt aus Neigung

und wohlbedächtig vertauscht, und ihr einsichtiger Gemahl hatte, da

ihr das Ländliche anfangs nicht zusagte, mit Einstimmung seiner

Nachbarn, ja nach den Anordnungen der Regierung, die Wege mehrere

Meilen ringsumher so gut hergestellt, daß die nachbarlichen

Verbindungen nirgends in so gutem Stande gefunden wurden; doch war

eigentlich bei dieser löblichen Anstalt die Hauptabsicht, daß die

Dame, besonders zur guten Jahrszeit, überall hinrollen konnte;

dagegen aber im Winter gern häuslich bei ihm verweilte, indem er

durch Erleuchtung die Nacht dem Tag gleich zu machen wußte. Nach dem

Tode des Gemahls gab die leidenschaftliche Sorge für ihre Tochter

genugsame Beschäftigung, der öftere Besuch des Bruders herzliche

Unterhaltung und die gewohnte Klarheit der Umgebung ein Behagen, das

einer wahren Befriedigung gleichsah.

Den heutigen Tag war jedoch diese Erleuchtung recht am Platze; denn

wir sehen in einem der Zimmer eine Art von Christbescherung

aufgestellt, in die Augen fallend und glänzend. Das kluge

Kammermädchen hatte den Kammerdiener dahin vermocht, die Erleuchtung

zu steigern, und dabei alles zusammengelegt und ausgebreitet, was zur

Ausstattung Hilariens bisher vorgearbeitet worden, eigentlich in der

listigen Absicht, mehr das Fehlende zur Sprache zu bringen als

dasjenige zu erheben, was schon geleistet war. Alles Notwendige fand

sich, und zwar aus den feinsten Stoffen und von der zierlichsten

Arbeit; auch an Willkürlichem war kein Mangel, und doch wußte

Ananette überall da noch eine Lücke anschaulich zu machen, wo man

ebensogut den schönsten Zusammenhang hätte finden können. Wenn nun

alles Weißzeug, stattlich ausgekramt, die Augen blendete, Leinwand,

Mousselin und alle die zarteren Stoffe der Art, wie sie auch Namen

haben mögen, genugsames Licht umherwarfen, so fehlte doch alles bunte

Seidene, mit dessen Ankauf man weislich zögerte, weil man bei sehr

veränderlicher Mode das Allerneueste als Gipfel und Abschluß

hinzufügen wollte.

Nach diesem heitersten Anschauen schritten sie wieder zu ihrer

gewöhnlichen, obgleich mannigfaltigen Abendunterhaltung. Die Baronin,

die recht gut erkannte, was ein junges Frauenzimmer, wohin das

Schicksal sie auch führen mochte, bei einem glücklichen äußern auch

von innen heraus anmutig und ihre Gegenwart wünschenswert macht, hatte

in diesem ländlichen Zustande so viele abwechselnde und bildende

Unterhaltungen einzuleiten gewußt, daß Hilarie bei ihrer großen

Jugend schon überall zu Hause schien, bei keinem Gespräch sich fremd

erwies und doch dabei ihren Jahren völlig gemäß sich erzeigte. Wie

dies geleistet werden konnte, zu entwickeln, würde zu weitläufig sein;

genug, dieser Abend war auch ein Musterbild des bisherigen Lebens.

Ein geistreiches Lesen, ein anmutiges Pianospiel, ein lieblicher

Gesang zog sich durch die Stunden durch, zwar wie sonst gefällig und

regelmäßig, aber doch mit mehr Bedeutung; man hatte einen Dritten im

Sinne, einen geliebten, verehrten Mann, dem man dieses und so manches

andere zum freundlichsten Empfang vorübte. Es war ein bräutliches

Gefühl, das nicht nur Hilarien mit den süßesten Empfindungen belebte;

die Mutter mit feinem Sinne nahm ihren reinen Teil daran, und selbst

Ananette, sonst nur klug und tätig, mußte sich gewissen entfernten

Hoffnungen hingeben, die ihr einen abwesenden Freund als

zurückkehrend, als gegenwärtig vorspiegelten. Auf diese Weise hatten

sich die Empfindungen aller drei in ihrer Art liebenswürdigen Frauen

mit der sie umgebenden Klarheit, mit einer wohltätigen Wärme, mit dem

behaglichsten Zustande ins gleiche gestellt.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 2 · 第 5 / 20 题