Drittes Kapitel

Der Angewöhnung des werten Publikums zu schmeicheln, welches seit

geraumer Zeit Gefallen findet, sich stückweise unterhalten zu lassen,

gedachten wir erst, nachstehende Erzählung in mehreren Abteilungen

vorzulegen. Der innere Zusammenhang jedoch, nach Gesinnungen,

Empfindungen und Ereignissen betrachtet, veranlaßte einen

fortlaufenden Vortrag. Möge derselbe seinen Zweck erreichen und

zugleich am Ende deutlich werden, wie die Personen dieser abgesondert

scheinenden Begebenheit mit denjenigen, die wir schon kennen und

lieben, aufs innigste zusammengeflochten worden. Der Mann von

funfzig Jahren

Der Major war in den Gutshof hereingeritten, und Hilarie, seine

Nichte, stand schon, um ihn zu empfangen, außen auf der Treppe, die

zum Schloß hinaufführte. Kaum erkannte er sie; denn schon war sie

wieder größer und schöner geworden. Sie flog ihm entgegen, er

drückte sie an seine Brust mit dem Sinn eines Vaters, und sie eilten

hinauf zu ihrer Mutter.

Der Baronin, seiner Schwester, war er gleichfalls willkommen, und

als Hilarie schnell hinwegging, das Frühstück zu bereiten, sagte der

Major freudig: "Diesmal kann ich mich kurz fassen und sagen, daß

unser Geschäft beendigt ist. Unser Bruder, der Obermarschall, sieht

wohl ein, daß er weder mit Pächtern noch Verwaltern zurechtkommt. Er

tritt bei seinen Lebzeiten die Güter uns und unsern Kindern ab; das

Jahrgehalt, das er sich ausbedingt, ist freilich stark; aber wir

können es ihm immer geben: wir gewinnen doch noch für die Gegenwart

viel und für die Zukunft alles. Die neue Einrichtung soll bald in

Ordnung sein. Da ich zunächst meinen Abschied erwarte, so sehe ich

doch wieder ein tätiges Leben vor mir, das uns und den Unsrigen einen

entschiedenen Vorteil bringen kann. Wir sehen ruhig zu, wie unsre

Kinder emporwachsen, und es hängt von uns, von ihnen ab, ihre

Verbindung zu beschleunigen."

"Das wäre alles recht gut", sagte die Baronin, "wenn ich dir nur

nicht ein Geheimnis zu entdecken hätte, das ich selbst erst gewahr

worden bin. Hilariens Herz ist nicht mehr frei; von der Seite hat

dein Sohn wenig oder nichts zu hoffen."

"Was sagst du?" rief der Major; "ist's möglich? indessen wir uns

alle Mühe geben, uns ökonomisch vorzusehen, so spielt uns die Neigung

einen solchen Streich! Sag' mir, Liebe, sag' mir geschwind, wer ist

es, der das Herz Hilariens fesseln konnte? Oder ist es denn auch

schon so arg? Ist es nicht vielleicht ein flüchtiger Eindruck, den

man wieder auszulöschen hoffen kann?"

"Du mußt erst ein wenig sinnen und raten", versetzte die Baronin und

vermehrte dadurch seine Ungeduld. Sie war schon aufs höchste

gestiegen, als Hilarie, mit den Bedienten, welche das Frühstück

trugen, hereintretend, eine schnelle Auflösung des Rätsels unmöglich

machte.

Der Major selbst glaubte das schöne Kind mit andern Augen anzusehen

als kurz vorher. Es war ihm beinahe, als wenn er eifersüchtig auf

den Beglückten wäre, dessen Bild sich in einem so schönen Gemüt hatte

eindrücken können. Das Frühstück wollte ihm nicht schmecken, und er

bemerkte nicht, daß alles genau so eingerichtet war, wie er es am

liebsten hatte und wie er es sonst zu wünschen und zu verlangen

pflegte. über dieses Schweigen und Stocken verlor Hilarie fast selbst

ihre Munterkeit. Die Baronin fühlte sich verlegen und zog ihre

Tochter ans Klavier; aber ihr geistreiches und gefühlvolles Spiel

konnte dem Major kaum einigen Beifall ablocken. Er wünschte das

schöne Kind und das Frühstück je eher je lieber entfernt zu sehen,

und die Baronin mußte sich entschließen, aufzubrechen und ihrem

Bruder einen Spaziergang in den Garten vorzuschlagen.

Kaum waren sie allein, so wiederholte der Major dringend seine

vorige Frage; worauf seine Schwester nach einer Pause lächelnd

versetzte: "Wenn du den Glücklichen finden willst, den sie liebt, so

brauchst du nicht weit zu gehen, er ist ganz in der Nähe: dich liebt

sie."

Der Major stand betroffen, dann rief er aus: "Es wäre ein sehr

unzeitiger Scherz, wenn du mich etwas überreden wolltest, das mich im

Ernst so verlegen wie unglücklich machen würde. Denn ob ich gleich

Zeit brauche, mich von meiner Verwunderung zu erholen, so sehe ich

doch mit einem Blicke voraus, wie sehr unsere Verhältnisse durch ein

so unerwartetes Ereignis gestört werden müßten. Das einzige, was

mich tröstet, ist die überzeugung, daß Neigungen dieser Art nur

scheinbar sind, daß ein Selbstbetrug dahinter verborgen liegt, und

daß eine echte, gute Seele von dergleichen Fehlgriffen oft durch sich

selbst oder doch wenigstens mit einiger Beihülfe verständiger Personen

gleich wieder zurückkommt."

"Ich bin dieser Meinung nicht", sagte die Baronin; "denn nach allen

Symptomen ist es ein sehr ernstliches Gefühl, von welchem Hilarie

durchdrungen ist."

"Etwas so Unnatürliches hätte ich ihrem natürlichen Wesen nicht

zugetraut", versetzte der Major.

"Es ist so unnatürlich nicht", sagte die Schwester. "Aus meiner

Jugend erinnere ich mich selbst einer Leidenschaft für einen älteren

Mann, als du bist. Du hast funfzig Jahre; das ist immer noch nicht

gar zu viel für einen Deutschen, wenn vielleicht andere, lebhaftere

Nationen früher altern."

"Wodurch willst du aber deine Vermutung bekräftigen?" sagte der

Major.

"Es ist keine Vermutung, es ist Gewißheit. Das Nähere sollst du

nach und nach vernehmen."

Hilarie gesellte sich zu ihnen, und der Major fühlte sich, wider

seinen Willen, abermals verändert. Ihre Gegenwart deuchte ihn noch

lieber und werter als vorher; ihr Betragen schien ihm liebevoller,

und schon fing er an, den Worten seiner Schwester Glauben beizumessen.

Die Empfindung war für ihn höchst angenehm, ob er sich gleich solche

weder gestehen noch erlauben wollte. Freilich war Hilarie höchst

liebenswürdig, indem sich in ihrem Betragen die zarte Scheu gegen

einen Liebhaber und die freie Bequemlichkeit gegen einen Oheim auf das

innigste verband; denn sie liebte ihn wirklich und von ganzer Seele.

Der Garten war in seiner vollen Frühlingspracht, und der Major, der

so viele alte Bäume sich wieder belauben sah, konnte auch an die

Wiederkehr seines eignen Frühlings glauben. Und wer hätte sich nicht

in der Gegenwart des liebenswürdigsten Mädchens dazu verführen lassen!

So verging ihnen der Tag zusammen; alle häuslichen Epochen wurden

mit der größten Gemütlichkeit durchlebt; abends nach Tisch setzte

sich Hilarie wieder ans Klavier; der Major hörte mit andern Ohren als

heute früh; eine Melodie schlang sich in die andere, ein Lied schloß

sich ans andere, und kaum vermochte die Mitternacht die kleine

Gesellschaft zu trennen.

Als der Major auf seinem Zimmer ankam, fand er alles nach seiner

alten, gewohnten Bequemlichkeit eingerichtet; sogar einige

Kupferstiche, bei denen er gern verweilte, waren aus andern Zimmern

herübergehängt; und da er einmal aufmerksam geworden war, so sah er

sich bis auf jeden einzelnen kleinen Umstand versorgt und

geschmeichelt.

Nur wenig Stunden Schlaf bedurfte er diesmal; seine Lebensgeister

waren früh aufgeregt. Aber nun merkte er auf einmal, daß eine neue

Ordnung der Dinge manches Unbequeme nach sich ziehe. Er hatte seinem

alten Reitknecht, der zugleich die Stelle des Bedienten und

Kammerdieners vertrat, seit mehreren Jahren kein böses Wort gegeben:

denn alles ging in der strengsten Ordnung seinen gewöhnlichen Gang;

die Pferde waren versorgt und die Kleidungsstücke zu rechter Stunde

gereinigt; aber der Herr war früher aufgestanden, und nichts wollte

passen.

Sodann gesellte sich noch ein anderer Umstand hinzu, um die Ungeduld

und eine Art böser Laune des Majors zu vermehren. Sonst war ihm

alles an sich und seinem Diener recht gewesen; nun aber fand er sich,

als er vor den Spiegel trat, nicht so, wie er zu sein wünschte.

Einige graue Haare konnte er nicht leugnen, und von Runzeln schien

sich auch etwas eingefunden zu haben. Er wischte und puderte mehr

als sonst und mußte es doch zuletzt lassen, wie es sein konnte. Auch

mit der Kleidung und ihrer Sauberkeit war er nicht zufrieden. Da

sollten sich immer noch Fasern auf dem Rock und noch Staub auf den

Stiefeln finden. Der Alte wußte nicht, was er sagen sollte, und war

erstaunt, einen so veränderten Herrn vor sich zu sehen.

Ungeachtet aller dieser Hindernisse war der Major schon früh genug

im Garten. Hilarien, die er zu finden hoffte, fand er wirklich. Sie

brachte ihm einen Blumenstrauß entgegen, und er hatte nicht den Mut,

sie wie sonst zu küssen und an sein Herz zu drücken. Er befand sich

in der angenehmsten Verlegenheit von der Welt und überließ sich

seinen Gefühlen, ohne zu denken, wohin das führen könne.

Die Baronin gleichfalls säumte nicht lange zu erscheinen, und indem

sie ihrem Bruder ein Billet wies, das ihr eben ein Bote gebracht

hatte, rief sie aus: "Du rätst nicht, wen uns dieses Blatt anzumelden

kommt."--"So entdecke es nur bald!" versetzte der Major; und er

erfuhr, daß ein alter theatralischer Freund nicht weit von dem Gute

vorbeireise und für einen Augenblick einzukehren gedenke. "Ich bin

neugierig, ihn wiederzusehen", sagte der Major; "er ist kein Jüngling

mehr, und ich höre, daß er noch immer die jungen Rollen spielt."--"Er

muß um zehn Jahre älter sein als du", versetzte die Baronin.--"Ganz

gewiß", erwiderte der Major, "nach allem, was ich mich erinnere."

Es währte nicht lange, so trat ein munterer, wohlgebauter,

gefälliger Mann herzu. Man stutzte einen Augenblick, als man sich

wiedersah. Doch sehr bald erkannten sich die Freunde, und

Erinnerungen aller Art belebten das Gespräch. Hierauf ging man zu

Erzählungen, zu Fragen und zu Rechenschaft über; man machte sich

wechselweise mit den gegenwärtigen Lagen bekannt und fühlte sich bald,

als wäre man nie getrennt gewesen.

Die geheime Geschichte sagt uns, daß dieser Mann in früherer Zeit,

als ein sehr schöner und angenehmer Jüngling, einer vornehmen Dame zu

gefallen das Glück oder Unglück gehabt habe; daß er dadurch in große

Verlegenheit und Gefahr geraten, woraus ihn der Major eben im

Augenblick, als ihn das traurigste Schicksal bedrohte, glücklich

herausriß. Ewig blieb er dankbar, dem Bruder sowohl als der Schwester;

denn diese hatte durch zeitige Warnung zur Vorsicht Anlaß gegeben.

Einige Zeit vor Tische ließ man die Männer allein. Nicht ohne

Bewunderung, ja gewissermaßen mit Erstaunen hatte der Major das

äußere Behaben seines alten Freundes im ganzen und einzelnen

betrachtet. Er schien gar nicht verändert zu sein, und es war kein

Wunder, daß er noch immer als jugendlicher Liebhaber auf dem Theater

erscheinen konnte. "Du betrachtest mich aufmerksamer als billig ist",

sprach er endlich den Major an; "ich fürchte sehr, du findest den

Unterschied gegen vorige Zeit nur allzu groß."--"Keineswegs",

versetzte der Major, "vielmehr bin ich voll Verwunderung, dein

Aussehen frischer und jünger zu finden als das meine; da ich doch

weiß, daß du schon ein gemachter Mann warst, als ich, mit der Kühnheit

eines wagehalsigen Gelbschnabels, dir in gewissen Verlegenheiten

beistand."--"Es ist deine Schuld", versetzte der andere, "es ist die

Schuld aller deinesgleichen; und ob ihr schon darum nicht zu schelten

seid, so seid ihr doch zu tadeln. Man denkt immer nur ans Notwendige;

man will sein und nicht scheinen. Das ist recht gut, solange man

etwas ist. Wenn aber zuletzt das Sein mit dem Scheinen sich zu

empfehlen anfängt und der Schein noch flüchtiger als das Sein ist, so

merkt denn doch ein jeder, daß er nicht übel getan hätte, das äußere

über dem Innern nicht ganz zu vernachlässigen." --"Du hast recht",

versetzte der Major und konnte sich fast eines Seufzers nicht

enthalten "Vielleicht nicht ganz recht", sagte der bejahrte Jüngling;

"denn freilich bei meinem Handwerke wäre es ganz unverzeihlich, wenn

man das äußere nicht so lange aufstutzen wollte, als nur möglich ist.

Ihr andern aber habt Ursache, auf andere Dinge zu sehen, die

bedeutender und nachhaltiger sind."--"Doch gibt es Gelegenheiten",

sagte der Major, "wo man sich innerlich frisch fühlt und sein äußeres

auch gar zu gern wieder auffrischen möchte."

Da der Ankömmling die wahre Gemütslage des Majors nicht ahnen konnte,

so nahm er diese äußerung im Soldatensinne und ließ sich weitläufig

darüber aus: wie viel beim Militär aufs äußere ankomme und wie der

Offizier, der so manches auf seine Kleidung zu wenden habe, doch auch

einige Aufmerksamkeit auf Haut und Haare wenden könne.

"Es ist zum Beispiel unverantwortlich", fuhr er fort, "daß Eure

Schläfen schon grau sind, daß hie und da sich Runzeln zusammenziehen

und daß Euer Scheitel kahl zu werden droht. Seht mich alten Kerl

einmal an! betrachtet, wie ich mich erhalten habe! und das alles ohne

Hexerei und mit weit weniger Mühe und Sorgfalt, als man täglich

anwendet, um sich zu beschädigen oder wenigstens Langeweile zu machen."

Der Major fand bei dieser zufälligen Unterredung zu sehr seinen

Vorteil, als daß er sie so bald hätte abbrechen sollen; doch ging er

leise und selbst gegen einen alten Bekannten mit Behutsamkeit zu

Werke. "Das habe ich nun leider versäumt!" rief er aus, "und

nachzuholen ist es nicht; ich muß mich nun schon darein ergeben, und

Ihr werdet deshalb nicht schlimmer von mir denken."

"Versäumt ist nichts!" erwiderte jener, "wenn ihr andern ernsthaften

Herren nur nicht so starr und steif wäret, nicht gleich einen jeden,

der sein äußeres bedenkt, für eitel erklären und euch dadurch selbst

die Freude verkümmern möchtet, in gefälliger Gesellschaft zu sein und

selbst zu gefallen."-- "Wenn es auch keine Zauberei ist", lächelte

der Major, "wodurch ihr andern euch jung erhaltet, so ist es doch ein

Geheimnis, oder wenigstens sind es Arcana, dergleichen oft in

Zeitungen gepriesen werden, von denen ihr aber die besten

herauszuproben wißt." --"Du magst im Scherz oder im Ernst reden",

versetzte der Freund, "so hast du's getroffen. Unter den vielen

Dingen, die man von jeher versucht hat, um dem äußeren einige Nahrung

zu geben, das oft viel früher als das Innere abnimmt, gibt es wirklich

unschätzbare, einfache sowohl als zusammengesetzte Mittel, die mir

von Kunstgenossen mitgeteilt, für bares Geld oder durch Zufall

überliefert und von mir selbst ausgeprobt worden. Dabei bleib' ich

und verharre nun, ohne deshalb meine weitern Forschungen aufzugeben.

So viel kann ich dir sagen, und ich übertreibe nicht: ein

Toilettenkästchen führe ich bei mir, über allen Preis! ein Kästchen,

dessen Wirkungen ich wohl an dir erproben möchte, wenn wir nur

vierzehn Tage zusammenblieben."

Der Gedanke, etwas dieser Art sei möglich und diese Möglichkeit

werde ihm gerade in dem rechten Augenblicke so zufällig nahe gebracht,

erheiterte den Geist des Majors dergestalt, daß er wirklich schon

frischer und munterer aussah und, von der Hoffnung, Haupt und Gesicht

mit seinem Herzen in übereinstimmung zu bringen, belebt, von der

Unruhe, die Mittel dazu bald näher kennen zu lernen, in Bewegung

gesetzt, bei Tische ein ganz anderer Mensch erschien, Hilariens

anmutigen Aufmerksamkeiten getrost entgegenging und auf sie mit einer

gewissen Zuversicht blickte, die ihm heute früh noch sehr fremd

gewesen war.

Hatte nun durch mancherlei Erinnerungen, Erzählungen und glückliche

Einfälle der theatralische Freund die einmal angeregte gute Laune zu

erhalten, zu beleben und zu vermehren gewußt, so wurde der Major um

so verlegener, als jener gleich nach Tische sich zu entfernen und

seinen Weg weiter fortzusetzen drohte. Auf alle Weise suchte er den

Aufenthalt seines Freundes, wenigstens über Nacht, zu erleichtern,

indem er Vorspann und Relais auf morgen früh andringlich zusagte.

Genug, die heilsame Toilette sollte nicht aus dem Hause, bis man von

ihrem Inhalt und Gebrauch näher unterrichtet wäre.

Der Major sah sehr wohl ein, daß hier keine Zeit zu verlieren sei,

und suchte daher gleich nach Tische seinen alten Günstling allein zu

sprechen. Da er das Herz nicht hatte, ganz gerade auf die Sache

loszugehen, so lenkte er von weitem dahin, indem er, das vorige

Gespräch wieder auffassend, versicherte: er für seine Person würde

gern mehr Sorgfalt auf das äußere verwenden, wenn nur nicht gleich

die Menschen einen jeden, dem sie ein solches Bestreben anmerken, für

eitel erklärten und ihm dadurch sogleich wieder an der sittlichen

Achtung entzögen, was sie sich genötigt fühlten an der sinnlichen ihm

zuzugestehen.

"Mache mich mit solchen Redensarten nicht verdrießlich!" versetzte

der Freund; "denn das sind Ausdrücke, die sich die Gesellschaft

angewöhnt hat, ohne etwas dabei zu denken, oder, wenn man es strenger

nehmen will, wodurch sich ihre unfreundliche und mißwollende Natur

ausspricht. Wenn du es recht genau betrachtest: was ist denn das, was

man oft als Eitelkeit verrufen möchte? Jeder Mensch soll Freude an

sich selbst haben, und glücklich, wer sie hat. Hat er sie aber, wie

kann er sich verwehren, dieses angenehme Gefühl merken zu lassen?

Wie soll er mitten im Dasein verbergen, daß er eine Freude am Dasein

habe? Fände die gute Gesellschaft, denn von der ist doch hier allein

die Rede, nur alsdann diese äußerungen tadelhaft, wenn sie zu lebhaft

werden, wenn des einen Menschen Freude an sich und seinem Wesen die

andern hindert, Freude an dem ihrigen zu haben und sie zu zeigen, so

wäre nichts dabei zu erinnern, und von diesem übermaß ist auch wohl

der Tadel zuerst ausgegangen. Aber was soll eine

wunderlich-verneinende Strenge gegen etwas Unvermeidliches? Warum

will man nicht eine äußerung läßlich und erträglich finden, die man

denn doch mehr oder weniger sich von Zeit zu Zeit selbst erlaubt? ja,

ohne die eine gute Gesellschaft gar nicht existieren könnte: denn das

Gefallen an sich selbst, das Verlangen, dieses Selbstgefühl andern

mitzuteilen, macht gefällig, das Gefühl eigner Anmut macht anmutig.

Wollte Gott, alle Menschen wären eitel, wären es aber mit Bewußtsein,

mit Maß und im rechten Sinne: so würden wir in der gebildeten Welt

die glücklichsten Menschen sein. Die Weiber, sagt man, sind eitel von

Hause aus; doch es kleidet sie, und sie gefallen uns um desto mehr.

Wie kann ein junger Mann sich bilden, der nicht eitel ist? Eine

leere, hohle Natur wird sich wenigstens einen äußern Schein zu geben

wissen, und der tüchtige Mensch wird sich bald von außen nach innen zu

bilden. Was mich betrifft, so habe ich Ursache, mich auch deshalb

für den glücklichsten Menschen zu halten, weil mein Handwerk mich

berechtigt, eitel zu sein, und weil ich, je mehr ich es bin, nur

desto mehr Vergnügen den Menschen schaffe. Ich werde gelobt, wo man

andere tadelt, und habe, gerade auf diesem Wege, das Recht und das

Glück, noch in einem Alter das Publikum zu ergötzen und zu entzücken,

in welchem andere notgedrungen vom Schauplatz abtreten oder nur mit

Schmach darauf verweilen."

Der Major hörte nicht gerne den Schluß dieser Betrachtungen. Das

Wörtchen Eitelkeit, als er es vorbrachte, sollte nur zu einem

übergang dienen, um dem Freunde auf eine geschickte Weise seinen

Wunsch vorzutragen; nun fürchtete er, bei einem fortgesetzten

Gespräch das Ziel noch weiter verrückt zu sehen, und eilte daher

unmittelbar zum Zweck.

"Für mich", sagte er, "wäre ich gar nicht abgeneigt, auch zu deiner

Fahne zu schwören, da du es nicht für zu spät hältst und glaubst, daß

ich das Versäumte noch einigermaßen nachholen könne. Teile mir etwas

von deinen Tinkturen, Pomaden und Balsamen mit, und ich will einen

Versuch machen."

"Mitteilungen", sagte der andere, "sind schwerer, als man denkt.

Denn hier z. B. kommt es nicht allein darauf an, daß ich dir von

meinen Fläschchen etwas abfülle und von den besten Ingredienzien

meiner Toilette die Hälfte zurücklasse; die Anwendung ist das

Schwerste. Man kann das überlieferte sich nicht gleich zu eigen

machen; wie dieses und jenes passe, unter was für Umständen, in

welcher Folge die Dinge zu gebrauchen seien, dazu gehört übung und

Nachdenken; ja selbst diese wollen kaum fruchten, wenn man nicht eben

zu der Sache, wovon die Rede ist, ein angebotenes Talent hat."

"Du willst, wie es scheint", versetzte der Major, "nun wieder

zurücktreten. Du machst mir Schwierigkeiten, um deine freilich etwas

fabelhaften Behauptungen in Sicherheit zu bringen. Du hast nicht

Lust, mir einen Anlaß, eine Gelegenheit zu geben, deine Worte durch

die Tat zu prüfen."

"Durch diese Neckereien, mein Freund", versetzte der andere,

"würdest du mich nicht bewegen, deinem Verlangen zu willfahren, wenn

ich nicht selbst so gute Gesinnungen gegen dich hätte, wie ich es ja

zuerst dir angeboten habe. Dabei bedenke, mein Freund, der Mensch

hat gar eine eigne Lust, Proselyten zu machen, dasjenige, was er an

sich schätzt, auch außer sich in andern zu Erscheinung zu bringen,

sie genießen zu lassen, was er selbst genießt, und sich in ihnen

wiederzufinden und darzustellen. Fürwahr, wenn dies auch Egoismus

ist, so ist er der liebenswürdigste und lobenswürdigste, derjenige,

der uns zu Menschen gemacht hat und uns als Menschen erhält. Aus ihm

nehme ich denn auch, abgesehen von der Freundschaft, die ich zu dir

hege, die Lust, einen Schüler in der Verjüngungskunst aus dir zu

machen. Weil man aber von dem Meister erwarten kann, daß er keine

Pfuscher ziehen will, so bin ich verlegen, wie wir es anfangen. Ich

sagte schon: weder Spezereien noch irgendeine Anweisung ist

hinlänglich; die Anwendung kann nicht im Allgemeinen gelehrt werden.

Dir zuliebe und aus Lust, meine Lehre fortzupflanzen, bin ich zu

jeder Aufopferung bereit. Die größte für den Augenblick will ich dir

sogleich anbieten. Ich lasse dir meinen Diener hier, eine Art von

Kammerdiener und Tausendkünstler, der, wenn er gleich nicht alles zu

bereiten weiß, nicht in alle Geheimnisse eingeweiht ist, doch die

ganze Behandlung recht gut versteht und für den Anfang dir von großem

Nutzen sein wird, bis du dich in die Sache so hineinarbeitest, daß

ich dir die höheren Geheimnisse endlich auch offenbaren kann."

"Wie!" rief der Major, "du hast auch Stufen und Grade deiner

Verjüngungskunst? Du hast noch Geheimnisse für die Eingeweihten?"--

"Ganz gewiß!" versetzte jener. "Das müßte gar eine schlechte Kunst

sein, die sich auf einmal fassen ließe, deren Letztes von demjenigen

gleich geschaut werden könnte, der zuerst hereintritt."

Man zauderte nicht lange, der Kammerdiener ward an den Major

gewiesen, der ihn gut zu halten versprach. Die Baronin mußte

Schächtelchen, Büchschen und Gläser hergeben, sie wußte nicht wozu;

die Teilung ging vor sich, man war bis in die Nacht munter und

geistreich zusammen. Bei dem späteren Aufgang des Mondes fuhr der

Gast hinweg und versprach, in einiger Zeit zurückzukehren.

Der Major kam ziemlich müde auf sein Zimmer. Er war früh

aufgestanden, hatte sich den Tag nicht geschont und glaubte nunmehr

das Bett bald zu erreichen. Allein er fand statt eines Dieners

nunmehr zwei. Der alte Reitknecht zog ihn nach alter Art und Weise

eilig aus; aber nun trat der neue hervor und ließ merken, daß die

eigentliche Zeit, Verjüngungs--und Verschönerungsmittel anzubringen,

die Nacht sei, damit in einem ruhigen Schlaf die Wirkung desto

sicherer vor sich gehe. Der Major mußte sich also gefallen lassen,

daß sein Haupt gesalbt, sein Gesicht bestrichen, seine Augenbrauen

bepinselt und seine Lippen betupft wurden. Außerdem wurden noch

verschiedene Zeremonien erfordert; sogar sollte die Nachtmütze nicht

unmittelbar aufgesetzt, sondern vorher ein Netz, wo nicht gar eine

feine lederne Mütze übergezogen werden.

Der Major legte sich zu Bette mit einer Art von unangenehmer

Empfindung, die er jedoch sich deutlich zu machen keine Zeit hatte,

indem er gar bald einschlief. Sollen wir aber in seine Seele

sprechen, so fühlte er sich etwas mumienhaft, zwischen einem Kranken

und einem Einbalsamierten. Allein das süße Bild Hilariens, umgeben

von den heitersten Hoffnungen, zog ihn bald in einen erquickenden

Schlaf.

Morgens zur rechten Zeit war der Reitknecht bei der Hand. Alles,

was zum Anzuge des Herrn gehörte, lag in gewohnter Ordnung auf den

Stühlen, und eben war der Major im Begriff, aus dem Bette zu steigen,

als der neue Kammerdiener hereintrat und lebhaft gegen eine solche

übereilung protestierte. Man müsse ruhen, man müsse sich abwarten,

wenn das Vorhaben gelingen, wenn man für so manche Mühe und Sorgfalt

Freude erleben solle. Der Herr vernahm sodann, daß er in einiger

Zeit aufzustehen, ein kleines Frühstück zu genießen und alsdann in

ein Bad zu steigen habe, welches schon bereitet sei. Den Anordnungen

war nicht auszuweichen, sie mußten befolgt werden, und einige Stunden

gingen unter diesen Geschäften hin.

Der Major verkürzte die Ruhezeit nach dem Bade, dachte sich

geschwind in die Kleider zu werfen; denn er war seiner Natur nach

expedit und wünschte noch überdies, Hilarien bald zu begegnen; aber

auch hier trat ihm sein neuer Diener entgegen und machte ihm

begreiflich, daß man sich durchaus abgewöhnen müsse, fertig werden zu

wollen. Alles, was man tue, müsse man langsam und behaglich

vollbringen, besonders aber die Zeit des Anziehens habe man als

angenehme Unterhaltungsstunde mit sich selbst anzusehen.

Die Behandlungsart des Kammerdieners traf mit seinen Reden völlig

überein. Dafür glaubte sich aber auch der Major wirklich besser

angezogen denn jemals, als er vor den Spiegel trat und sich auf das

schmuckeste herausgeputzt erblickte. Ohne viel zu fragen, hatte der

Kammerdiener sogar die Uniform moderner zugestutzt, indem er die

Nacht auf diese Verwandlung wendete. Eine so schnell erscheinende

Verjüngung gab dem Major einen besonders heitern Sinn, so daß er sich

von innen und außen erfrischt fühlte und mit ungeduldigem Verlangen

den Seinigen entgegeneilte.

Er fand seine Schwester vor dem Stammbaume stehen, den sie hatte

aufhängen lassen, weil abends vorher zwischen ihnen von einigen

Seitenverwandten die Rede gewesen, welche, teils unverheiratet, teils

in fernen Landen wohnhaft, teils gar verschollen, mehr oder weniger

den beiden Geschwistern oder ihren Kindern auf reiche Erbschaften

Hoffnung machten. Sie unterhielten sich einige Zeit darüber, ohne

des Punktes zu erwähnen, daß sich bisher alle Familiensorgen und

Bemühungen bloß auf ihre Kinder bezogen. Durch Hilariens Neigung

hatte sich diese ganze Ansicht freilich verändert, und doch mochte

weder der Major noch seine Schwester in diesem Augenblick der Sache

weiter gedenken.

Die Baronin entfernte sich, der Major stand allein vor dem

lakonischen Familiengemälde. Hilarie trat an ihn heran, lehnte sich

kindlich an ihn, beschaute die Tafel und fragte: wen er alles von

diesen gekannt habe? Und wer wohl noch leben und übrig sein möchte?

Der Major begann seine Schilderung von den ältesten, deren er sich

aus seiner Kindheit nur noch dunkel erinnerte. Dann ging er weiter,

zeichnete die Charaktere verschiedener Väter, die ähnlichkeit oder

Unähnlichkeit der Kinder mit denselben, bemerkte, daß oft der

Großvater im Enkel wieder hervortrete, sprach gelegentlich von dem

Einfluß der Weiber, die, aus fremden Familien herüber heiratend, oft

den Charakter ganzer Stämme verändern. Er rühmte die Tugend manches

Vorfahren und Seitenverwandten und verschwieg ihre Fehler nicht. Mit

Stillschweigen überging er diejenigen, deren man sich hätte zu

schämen gehabt. Endlich kam er an die untersten Reihen. Da stand nun

sein Bruder, der Obermarschall, er und seine Schwester und unten

drunter sein Sohn und daneben Hilarie.

"Diese sehen einander gerade genug ins Gesicht", sagte der Major und

fügte nicht hinzu, was er im Sinne hatte. Nach einer Pause versetzte

Hilarie bescheiden, halblaut und fast mit einem Seufzer: "Und doch

wird man denjenigen niemals tadeln, der in die Höhe blickt!"

Zugleich sah sie mit ein paar Augen an ihm hinauf, aus denen ihre

ganze Neigung hervorsprach.--"Versteh' ich dich recht?" sagte der

Major, indem er sich zu ihr wendete.--"Ich kann nichts sagen",

versetzte Hilarie lächelnd, "was Sie nicht schon wissen."--"Du machst

mich zum glücklichsten Menschen unter der Sonne!" rief er aus und

fiel ihr zu Füßen. "Willst du mein sein?" --"Um Gottes willen stehen

Sie auf! Ich bin dein auf ewig."

Die Baronin trat herein. Ohne überrascht zu sein, stutzte sie.

--"Wäre es ein Unglück", sagte der Major, "Schwester! so ist die

Schuld dein; als Glück wollen wir's dir ewig verdanken."

Die Baronin hatte ihren Bruder von Jugend auf dergestalt geliebt,

daß sie ihn allen Männern vorzog, und vielleicht war selbst die

Neigung Hilariens aus dieser Vorliebe der Mutter, wo nicht

entsprungen, doch gewiß genährt worden. Alle drei vereinigten sich

nunmehr in einer Liebe, einem Behagen, und so flossen für sie die

glücklichsten Stunden dahin. Nur wurden sie denn doch zuletzt auch

wieder die Welt um sich her gewahr, und diese steht selten mit

solchen Empfindungen im Einklang.

Nun dachte man auch wieder an den Sohn. Ihm hatte man Hilarien

bestimmt, das ihm sehr wohl bekannt war. Gleich nach Beendigung des

Geschäfts mit dem Obermarschall sollte der Major seinen Sohn in der

Garnison besuchen, alles mit ihm abreden und diese Angelegenheiten zu

einem glücklichen Ende führen. Nun war aber durch ein unerwartetes

Ereignis der ganze Zustand verrückt; die Verhältnisse, die sonst sich

freundlich ineinanderschmiegten, schienen sich nunmehr anzufeinden,

und es war schwer vorauszusehen, was die Sache für eine Wendung nehmen,

was für eine Stimmung die Gemüter ergreifen würde.

Indessen mußte sich der Major entschließen, seinen Sohn aufzusuchen,

dem er sich schon angemeldet hatte. Er machte sich nicht ohne

Widerwillen, nicht ohne sonderbare Ahnung, nicht ohne Schmerz,

Hilarien auch nur auf kurze Zeit zu verlassen, nach manchem Zaudern

auf den Weg, ließ Reitknecht und Pferde zurück und fuhr mit seinem

Verjüngungsdiener, den er nun nicht mehr entbehren konnte, der Stadt,

dem Aufenthalte seines Sohnes, entgegen.

Beide begrüßten und umarmten sich nach so langer Trennung aufs

herzlichste. Sie hatten einander viel zu sagen und sprachen doch

nicht sogleich aus, was ihnen zunächst am Herzen lag. Der Sohn erging

sich in Hoffnungen eines baldigen Avancements; wogegen ihm der Vater

genaue Nachricht gab, was zwischen den ältern Familiengliedern wegen

des Vermögens überhaupt, wegen der einzelnen Güter und sonst

verhandelt und beschlossen worden.

Das Gespräch fing schon einigermaßen an zu stocken, als der Sohn

sich ein Herz faßte und zu dem Vater lächelnd sagte: "Sie behandeln

mich sehr zart, lieber Vater, und ich danke Ihnen dafür. Sie

erzählen mir von Besitztümern und Vermögen und erwähnen der Bedingung

nicht, unter der, wenigstens zum Teil, es mir eigen werden soll; Sie

halten mit dem Namen Hilariens zurück, Sie erwarten, daß ich ihn

selbst ausspreche, daß ich mein Verlangen zu erkennen gebe, mit dem

liebenswürdigen Kinde bald vereinigt zu sein."

Der Major befand sich bei diesen Worten des Sohnes in großer

Verlegenheit; da es aber teils seiner Natur, teils einer alten

Gewohnheit gemäß war, den Sinn des andern, mit dem er zu verhandeln

hatte, zu erforschen, so schwieg er und blickte den Sohn mit einem

zweideutigen Lächeln an.--"Sie erraten nicht, mein Vater, was ich zu

sagen habe", fuhr der Lieutenant fort, "und ich will es nur rasch ein

für allemal herausreden. Ich kann mich auf Ihre Güte verlassen, die,

bei so vielfacher Sorge für mich, gewiß auch an mein wahres Glück

gedacht hat. Einmal muß es gesagt sein, und so sei es gleich gesagt:

Hilarie kann mich nicht glücklich machen! Ich gedenke Hilariens als

einer liebenswürdigen Anverwandten, mit der ich zeitlebens in den

freundschaftlichsten Verhältnissen stehen möchte; aber eine andere

hat meine Leidenschaft erregt, meine Neigung gefesselt.

Unwiderstehlich ist dieser Hang; Sie werden mich nicht unglücklich

machen." Nur mit Mühe verbarg der Major die Heiterkeit, die sich

über sein Gesicht verbreiten wollte, und fragte den Sohn mit einem

milden Ernst: wer denn die Person sei, welche sich seiner so gänzlich

bemächtigen können.--"Sie müssen dieses Wesen sehen, mein Vater: denn

sie ist so unbeschreiblich als unbegreiflich. Ich fürchte nur, Sie

werden selbst von ihr hingerissen, wie jedermann, der sich ihr nähert.

Bei Gott! Ich erlebe es und sehe Sie als den Rival Ihres Sohnes."

"Wer ist sie denn?" fragte der Major. "Wenn du ihre Persönlichkeit

zu schildern nicht imstande bist, so erzähle mir wenigstens von ihren

äußern Umständen: denn diese sind doch wohl eher auszusprechen.

"--"Wohl, mein Vater!" versetzte der Sohn; "und doch würden auch

diese äußeren Umstände bei einer andern anders sein, anders auf eine

andere wirken. Sie ist eine junge Witwe, Erbin eines alten, reichen,

vor kurzem verstorbenen Mannes, unabhängig und höchst wert, es zu

sein, von vielen umgeben, von ebenso vielen geliebt, von ebenso vielen

umworben, doch, wenn ich mich nicht sehr betriege, mir von Herzen

angehörig."

Mit Behaglichkeit, weil der Vater schwieg und kein Zeichen der

Mißbilligung äußerte, fuhr der Sohn fort, das Betragen der schönen

Witwe gegen ihn zu erzählen, jene unwiderstehliche Anmut, jene zarten

Gunstbezeigungen einzeln herzurühmen, in denen der Vater freilich nur

die leichte Gefälligkeit einer allgemein gesuchten Frau erkennen

konnte, die unter vielen wohl irgendeinen vorzieht, ohne sich eben für

ihn ganz und gar zu entscheiden. Unter jeden andern Umständen hätte

er gewiß gesucht, einen Sohn, ja nur einen Freund auf den

Selbstbetrug aufmerksam zu machen, der wahrscheinlich hier obwalten

könnte; aber diesmal war ihm selbst so viel daran gelegen, wenn der

Sohn sich nicht täuschen, wenn die Witwe ihn wirklich lieben und sich

so schnell als möglich zu seinen Gunsten entscheiden möchte, daß er

entweder kein Bedenken hatte oder einen solchen Zweifel bei sich

ablehnte, vielleicht auch nur verschwieg.

"Du setzest mich in große Verlegenheit", begann der Vater nach

einiger Pause. "Die ganze übereinkunft zwischen den übriggebliebenen

Gliedern unsers Geschlechts beruht auf der Voraussetzung, daß du dich

mit Hilarien verbindest. Heiratet sie einen Fremden, so ist die

ganze, schöne, künstliche Vereinigung eines ansehnlichen Vermögens

wieder aufgehoben, und du besonders in deinem Teile nicht zum besten

bedacht. Es gäbe wohl noch ein Mittel, das aber ein wenig sonderbar

klingt und wobei du auch nicht viel gewinnen würdest: ich müßte noch

in meinen alten Tagen Hilarien heiraten, wodurch ich dir aber

schwerlich ein großes Vergnügen machen würde."

"Das größte von der Welt!" rief der Lieutenant aus; "denn wer kann

eine wahre Neigung empfinden, wer kann das Glück der Liebe genießen

oder hoffen, ohne daß er dieses höchste Glück einem jeden Freund,

einem jeden gönnte, der ihm wert ist! Sie sind nicht alt, mein Vater;

wie liebenswürdig ist nicht Hilarie! und schon der vorüberschwebende

Gedanke, ihr die Hand zu bieten, zeugt von einem jugendlichen Herzen,

von frischer Mutigkeit. Lassen Sie uns diesen Einfall, diesen

Vorschlag aus dem Stegreife ja recht gut durchsinnen und ausdenken.

Dann würde ich erst recht glücklich sein, wenn ich Sie glücklich

wüßte; dann würde ich mich erst recht freuen, daß Sie für die

Sorgfalt, mit der Sie mein Schicksal bedacht, an sich selbst so schön

und höchlich belohnt würden. Nun führe ich sie erst mutig,

zutraulich und mit recht offenem Herzen zu meiner Schönen. Sie

werden meine Empfindungen billigen, weil Sie selbst fühlen; Sie

werden dem Glück eines Sohnes nichts in den Weg legen, weil Sie Ihrem

eigenen Glück entgegengehen."

Mit diesen und andern dringenden Worten ließ der Sohn den Vater, der

manche Bedenklichkeiten einstreuen wollte, nicht Raum gewinnen,

sondern eilte mit ihm zur schönen Witwe, welche sie in einem großen,

wohleingerichteten Hause, umgeben von einer zwar nicht zahlreichen,

aber ausgesuchten Gesellschaft, in heiterer Unterhaltung antrafen.

Sie war eins von den weiblichen Wesen, denen kein Mann entgeht. Mit

unglaublicher Gewandtheit wußte sie den Major zum Helden dieses

Abends zu machen. Die übrige Gesellschaft schien ihre Familie, der

Major allein der Gast zu sein. Sie kannte seine Verhältnisse recht

gut, und doch wußte sie darnach zu fragen, als wenn sie alles erst

von ihm recht erfahren wollte; und so mußte auch jedes von der

Gesellschaft schon irgendeinen Anteil an dem Neuangekommenen zeigen.

Der eine mußte seinen Bruder, der andere seine Güter und der Dritte

sonst wieder etwas gekannt haben, so daß der Major bei einem

lebhaften Gespräch sich immer als den Mittelpunkt fühlte. Auch saß er

zunächst bei der Schönen; ihre Augen waren auf ihn, ihr Lächeln an

ihn gerichtet; genug, er fand sich so behaglich, daß er beinahe die

Ursache vergaß, warum er gekommen war. Auch erwähnte sie seines

Sohnes kaum mit einem Worte, obgleich der junge Mann lebhaft

mitsprach; er schien für sie, wie die übrigen alle, heute nur um des

Vaters willen gegenwärtig.

Frauenzimmerliche Handarbeiten, in Gesellschaft unternommen und

scheinbar gleichgültig fortgesetzt, erhalten durch Klugheit und Anmut

oft eine wichtige Bedeutung. Unbefangen und emsig fortgesetzt, geben

solche Bemühungen einer Schönen das Ansehen völliger Unaufmerksamkeit

auf die Umgebung und erregen in derselben ein stilles Mißgefühl. Dann

aber, gleichsam wie beim Erwachen, ein Wort, ein Blick versetzt die

Abwesende wieder mitten in die Gesellschaft, sie erscheint als neu

willkommen; legt sie aber gar die Arbeit in den Schoß nieder, zeigt

sie Aufmerksamkeit auf eine Erzählung, einen belehrenden Vortrag, in

welchem sich die Männer so gern ergehen, dies wird demjenigen höchst

schmeichelhaft, den sie dergestalt begünstigt.

Unsere schöne Witwe arbeitete auf diese Weise an einer so prächtigen

als geschmackvollen Brieftasche, die sich noch überdies durch ein

größeres Format auszeichnete. Dies ward nun eben von der

Gesellschaft besprochen, von dem nächsten Nachbar aufgenommen, unter

großen Lobpreisungen der Reihe nach herumgegeben, indessen die

Künstlerin sich mit dem Major von ernsten Gegenständen besprach; ein

alter Hausfreund rühmte das beinahe fertige Werk mit übertreibung,

doch als solches an den Major kam, schien sie es als seiner

Aufmerksamkeit nicht wert von ihm ablehnen zu wollen, wogegen er auf

eine verbindliche Weise die Verdienste der Arbeit anzuerkennen

verstand, inzwischen der Hausfreund darin ein penelopeisch

zauderhaftes Werk zu sehen glaubte.

Man ging in den Zimmern auf und ab und gesellte sich zufällig

zusammen. Der Lieutenant trat zu der Schönen und fragte: "Was sagen

Sie zu meinem Vater?" Lächelnd versetzte sie: "Mich deucht, daß Sie

ihn wohl zum Muster nehmen könnten. Sehn Sie nur, wie nett er

angezogen ist! Ob er sich nicht besser trägt und hält als sein lieber

Sohn!" So fuhr sie fort, den Vater auf Unkosten des Sohnes zu

beschreiben und zu loben und eine sehr gemischte Empfindung von

Zufriedenheit und Eifersucht in dem Herzen des jungen Mannes

hervorzubringen.

Nicht lange, so gesellte sich der Sohn zum Vater und erzählte ihm

alles haarklein wieder. Der Vater betrug sich nur desto freundlicher

gegen die Witwe, und sie setzte sich gegen ihn schon auf einen

lebhafteren, vertraulichem Ton. Kurz, man kann sagen, daß, als es zum

Scheiden ging, der Major so gut als die übrigen alle ihr und ihrem

Kreise schon angehörte.

Ein stark einfallender Regen hinderte die Gesellschaft, auf die

Weise nach Hause zu kehren, wie sie gekommen war. Einige Equipagen

fuhren vor, in welche man die Fußgänger verteilte; nur der Lieutenant,

unter dem Vorwande, man sitze ohnehin schon zu eng, ließ den Vater

fortfahren und blieb zurück.

Der Major, als er in sein Zimmer trat, fühlte sich wirklich in einer

Art von Taumel, von Unsicherheit seiner selbst, wie es denen geht,

die schnell aus einem Zustande in den entgegengesetzten übertreten.

Die Erde scheint sich für den zu bewegen, der aus dem Schiffe steigt,

und das Licht zittert noch im Auge dessen, der auf einmal ins Finstere

tritt. So fühlte sich der Major noch von der Gegenwart des schönen

Wesens umgeben. Er wünschte, sie noch zu sehen, zu hören, sie wieder

zu sehen, wieder zu hören; und nach einiger Besinnung verzieh er

seinem Sohne, ja er pries ihn glücklich, daß er Ansprüche machen

dürfe, so viel Vorzüge zu besitzen.

Aus diesen Empfindungen riß ihn der Sohn, der mit einer lebhaften

Entzückung zur Türe hereinstürzte, den Vater umarmte und ausrief:

"Ich bin der glücklichste Mensch von der Welt!" Nach solchen und

ähnlichen Ausrufen kam es endlich unter beiden zur Aufklärung. Der

Vater bemerkte, daß die schöne Frau im Gespräch gegen ihn des Sohnes

auch nicht mit einer Silbe erwähnt habe.--"Das ist eben ihre zarte,

schweigende, halb schweigende, halb andeutende Manier, wodurch man

seiner Wünsche gewiß wird und sich doch immer des Zweifels nicht ganz

erwehren kann. So war sie bisher gegen mich; aber Ihre Gegenwart,

mein Vater, hat Wunder getan. Ich gestehe es gern, daß ich

zurückblieb, um sie noch einen Augenblick zu sehen. Ich fand sie in

ihren erleuchteten Zimmern auf und ab gehen; denn ich weiß wohl, es

ist ihre Gewohnheit: wenn die Gesellschaft weg ist, darf kein Licht

ausgelöscht werden. Sie geht allein in ihren Zaubersälen auf und ab,

wenn die Geister entlassen sind, die sie hergebannt hat. Sie ließ

den Vorwand gelten, unter dessen Schutz ich zurückkam. Sie sprach

anmutig, doch von gleichgültigen Dingen. Wir gingen hin und wider

durch die offenen Türen die ganze Reihe der Zimmer durch. Wir waren

schon einigemale bis ans Ende gelangt, in das kleine Kabinett, das

nur von einer trüben Lampe erhellt ist. War sie schön, wenn sie sich

unter den Kronleuchtern her bewegte, so war sie es noch unendlich mehr,

beleuchtet von dem sanften Schein der Lampe. Wir waren wieder dahin

gekommen und standen beim Umkehren einen Augenblick still. Ich weiß

nicht, was mir die Verwegenheit abnötigte, ich weiß nicht, wie ich es

wagen konnte, mitten im gleichgültigsten Gespräch auf einmal ihre

Hand zu fassen, diese zarte Hand zu küssen, sie an mein Herz zu

drücken. Man zog sie nicht weg. "Himmlisches Wesen", rief ich,

"verbirg dich nicht länger vor mir. Wenn in diesem schönen Herzen

eine Neigung wohnt für den Glücklichen, der vor dir steht, so

verhülle sie nicht länger, offenbare sie, gestehe sie! es ist die

schönste, es ist die höchste Zeit. Verbanne mich oder nimm mich in

deinen Armen auf!"

Ich weiß nicht, was ich alles sagte, ich weiß nicht, wie ich mich

gebärdete. Sie entfernte sich nicht, sie widerstrebte nicht, sie

antwortete nicht. Ich wagte es, sie in meine Arme zu fassen, sie zu

fragen, ob sie die Meinige sein wolle. Ich küßte sie mit Ungestüm;

sie drängte mich weg.--"Ja, doch, ja!" oder so etwas sagte sie

halblaut und wie verworren. Ich entfernte mich und rief: "Ich sende

meinen Vater, der soll für mich reden!"--"Kein Wort mit ihm darüber!"

versetzte sie, indem sie mir einige Schritte nachfolgte. "Entfernen

Sie sich, vergessen Sie, was geschehen ist.""

Was der Major dachte, wollen wir nicht entwickeln. Er sagte jedoch

zum Sohne: "Was glaubst du nun, was zu tun sei? Sie Sache ist,

dächt' ich, aus dem Stegreife gut genug eingeleitet, daß wir nun

etwas förmlicher zu Werke gehen können, daß es vielleicht sehr

schicklich ist, wenn ich mich morgen dort melde und für dich anhalte.

"--"Um Gottes willen, mein Vater!" rief er aus, "das hieße die ganze

Sache verderben. Jenes Betragen, jener Ton will durch keine

Förmlichkeit gestört und verstimmt sein. Es ist genug, mein Vater,

daß Ihre Gegenwart diese Verbindung beschleunigt, ohne daß Sie ein

Wort aussprechen. Ja, Sie sind es, dem ich mein Glück schuldig bin!

Die Achtung meiner Geliebten für Sie hat jeden Zweifel besiegt, und

niemals würde der Sohn einen so glücklichen Augenblick gefunden haben,

wenn ihn der Vater nicht vorbereitet hätte."

Solche und ähnliche Mitteilungen unterhielten sie bis tief in die

Nacht. Sie vereinigten sich wechselseitig über ihre Plane; der Major

wollte bei der schönen Witwe nur noch der Form wegen einen

Abschiedsbesuch machen und sodann seiner Verbindung mit Hilarien

entgegengehen; der Sohn sollte die seinige befördern und

beschleunigen, wie es möglich wäre.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 2 · 第 4 / 20 题