Heftiges Pochen und Rufen an dem äußersten Tor, Wortwechsel
drohender und fordernder Stimmen, Licht--und Fackelschein im Hofe
unterbrachen den zarten Gesang. Aber gedämpft war der Lärm, ehe man
dessen Ursache erfahren hatte; doch ruhig ward es nicht, auf der
Treppe Geräusch und lebhaftes Hin--und Hersprechen heraufkommender
Männer. Die Türe sprang auf ohne Meldung, die Frauen entsetzten sich.
Flavio stürzte herein in schauderhafter Gestalt, verworrenen
Hauptes, auf dem die Haare teils borstig starrten, teils vom Regen
durchnäßt niederhingen; zerfetzten Kleides, wie eines, der durch Dorn
und Dickicht durchgestürmt, greulich beschmutzt, als durch Schlamm
und Sumpf herangewadet.
"Mein Vater!" rief er aus, "wo ist mein Vater?" Die Frauen standen
bestürzt; der alte Jäger, sein frühster Diener und liebevollster
Pfleger, mit ihm eintretend, rief ihm zu: "Der Vater ist nicht hier,
besänftigen Sie sich; hier ist Tante, hier ist Nichte, sehen Sie hin!
"--"Nicht hier, nun so laßt mich weg, ihn zu suchen; er allein soll's
hören, dann will ich sterben. Laßt mich von den Lichtern weg, von
dem Tag, er blendet mich, er vernichtet mich."
Der Hausarzt trat ein, ergriff seine Hand, vorsichtig den Puls
fühlend, mehrere Bediente standen ängstlich umher.--"Was soll ich auf
diesen Teppichen, ich verderbe sie, ich zerstöre sie; mein Unglück
träuft auf sie herunter, mein verworfenes Geschick besudelt sie."--Er
drängte sich gegen die Türe, man benutzte das Bestreben, um ihn
wegzuführen und in das entfernte Gastzimmer zu bringen, das der Vater
zu bewohnen pflegte. Mutter und Tochter standen erstarrt, sie hatten
Orest gesehen, von Furien verfolgt, nicht durch Kunst veredelt, in
greulicher, widerwärtiger Wirklichkeit, die im Kontrast mit einer
behaglichen Glanzwohnung im klarsten Kerzenschimmer nur desto
fürchterlicher schien. Erstarrt sahen die Frauen sich an, und jede
glaubte in den Augen der andern das Schreckbild zu sehen, das sich so
tief in die ihrigen eingeprägt hatte.
Mit halber Besonnenheit sendete darauf die Baronin Bedienten auf
Bedienten, sich zu erkundigen. Sie erfuhren zu einiger Beruhigung,
daß man ihn auskleide, trockne, besorge; halb gegenwärtig, halb
unbewußt lasse er alles geschehen. Wiederholtes Anfragen wurde zur
Geduld verwiesen.
Endlich vernahmen die beängstigten Frauen, man habe ihn zur Ader
gelassen und sonst alles Besänftigende möglichst angewendet; er sei
zur Ruhe gebracht, man hoffe Schlaf.
Mitternacht kam heran, die Baronin verlangte, wenn er schlafe, ihn
zu sehen; der Arzt widerstand, der Arzt gab nach; Hilarie drängte
sich mit der Mutter herein. Das Zimmer war dunkel, nur eine Kerze
dämmerte hinter dem grünen Schirm, man sah wenig, man hörte nichts;
die Mutter näherte sich dem Bette, Hilarie, sehnsuchtsvoll, ergriff
das Licht und beleuchtete den Schlafenden. So lag er abgewendet,
aber ein höchst zierliches Ohr, eine volle Wange, jetzt bläßlich,
schienen unter den schon wieder sich krausenden Locken auf das
anmutigste hervor, eine ruhende Hand und ihre ländlichen
zartkräftigen Finger zogen den unsteten Blick an. Hilarie, leise
atmend, glaubte selbst einen leisen Atem zu vernehmen, sie näherte
die Kerze, wie Psyche in Gefahr, die heilsamste Ruhe zu stören. Der
Arzt nahm die Kerze weg und leuchtete den Frauen nach ihren Zimmern.
Wie diese guten, alles Anteils würdigen Personen ihre nächtlichen
Stunden zugebracht, ist uns ein Geheimnis geblieben; den andern
Morgen aber von früh an zeigten sich beide höchst ungeduldig. Des
Anfragens war kein Ende, der Wunsch, den Leidenden zu sehen,
bescheiden, doch dringend; nur gegen Mittag erlaubte der Arzt einen
kurzen Besuch.
Die Baronin trat hinzu, Flavio reichte die Hand hin--"Verzeihung,
liebste Tante, einige Geduld, vielleicht nicht lange"--Hilarie trat
hervor, auch ihr gab er die Rechte-- "Gegrüßt liebe Schwester"--das
fuhr ihr durchs Herz, er ließ nicht los, sie sahen einander an, das
herrlichste Paar, kontrastierend im schönsten Sinne. Des Jünglings
schwarze, funkelnde Augen stimmten zu den düstern, verwirrten Locken;
dagegen stand sie scheinbar himmlisch in Ruhe, doch zu dem
erschütternden Begebnis gesellte sich nun die ahnungsvolle Gegenwart.
Die Benennung "Schwester"--ihr Allerinnerstes war aufgeregt. Die
Baronin sprach: "Wie geht es, lieber Neffe?"--"Ganz leidlich, aber
man behandelt mich übel."--"Wieso?"--"Da haben sie mir Blut gelassen,
das ist grausam; sie haben es weggeschafft, das ist frech; es gehört
ja nicht mein, es gehört alles, alles ihre." Mit diesen Worten schien
sich seine Gestalt zu verwandeln, doch mit heißen Tränen verbarg er
sein Antlitz ins Kissen.
Hilariens Miene zeigte der Mutter einen furchtbaren Ausdruck, es war,
als wenn das liebe Kind die Pforten der Hölle vor sich eröffnet sähe,
zum erstenmal ein Ungeheures erblickte und für ewig. Rasch,
leidenschaftlich eilte sie durch den Saal, warf sich im letzten
Kabinett auf den Sofa, die Mutter folgte und fragte, was sie leider
schon begriff. Hilarie, wundersam aufblickend, rief: "Das Blut, das
Blut, es gehört alles ihre, alles ihre, und sie ist es nicht wert.
Der Unglückselige! der Arme!" Mit diesen Worten erleichterte der
bitterste Tränenstrom das bedrängte Herz.
Wer unternähme es wohl, die aus dem Vorhergehenden sich
entwickelnden Zustände zu enthüllen, an den Tag zu bringen das innere,
aus dieser ersten Zusammenkunft den Frauen erwachsende Unheil? Auch
dem Leidenden war sie höchst schädlich, so behauptete wenigstens der
Arzt, der zwar oft genug zu berichten und zu trösten kam, aber sich
doch verpflichtet fühlte, alles weitere Annähern zu verbieten. Dabei
fand er auch eine willige Nachgiebigkeit, die Tochter wagte nicht zu
verlangen, was die Mutter nicht zugegeben hätte, und so gehorchte man
dem Gebot des verständigen Mannes. Dagegen brachte er aber die
beruhigende Nachricht, Flavio habe Schreibzeug verlangt, auch einiges
aufgezeichnet, es aber sogleich neben sich im Bette versteckt. Nun
gesellte sich Neugierde zu der übrigen Unruhe und Ungeduld, es waren
peinliche Stunden. Nach einiger Zeit brachte er jedoch ein Blättchen
von schöner, freier Hand, obgleich mit Hast geschrieben, es enthielt
folgende Zeilen:
"Ein Wunder ist der arme Mensch geboren,
In Wundern ist der irre Mensch verloren,
Nach welcher dunklen, schwer entdeckten Schwelle
Durchtappen pfadlos ungewisse Schritte?
Dann in lebendigem Himmelsglanz und Mitte
Gewahr', empfind' ich Nacht und Tod und Hölle."
Hier konnte die edle Dichtkunst abermals ihre heilenden Kräfte
erweisen. Innig verschmolzen mit Musik, heilt sie alle Seelenleiden
aus dem Grunde, indem sie solche gewaltig anregt, hervorruft und in
auflösenden Schmerzen verflüchtigt. Der Arzt hatte sich überzeugt,
daß der Jüngling bald wieder herzustellen sei; körperlich gesund,
werde er schnell sich wieder froh fühlen, wenn die auf seinem Geist
lastende Leidenschaft zu heben oder zu lindern wäre. Hilarie sann
auf Erwiderung; sie saß am Flügel und versuchte die Zeilen des
Leidenden mit Melodie zu begleiten. Es gelang ihr nicht, in ihrer
Seele klang nichts zu so tiefen Schmerzen; doch bei diesem Versuch
schmeichelten Rhythmus und Reim sich dergestalt an ihre Gesinnungen
an, daß sie jenem Gedicht mit lindernder Heiterkeit entgegnete, indem
sie sich Zeit nahm, folgende Strophe auszubilden und abzurunden:
"Bist noch so tief in Schmerz und Qual verloren,
So bleibst du doch zum Jugendglück geboren;
Ermanne dich zu rasch gesundem Schritte,
Komm in der Freundschaft Himmelsglanz und Helle,
Empfinde dich in treuer Guten Mitte,
Da sprieße dir des Lebens heitre Quelle."
Der ärztliche Hausfreund übernahm die Botschaft, sie gelang, schon
erwiderte der Jüngling gemäßigt; Hilarie fuhr mildernd fort, und so
schien man nach und nach wieder einen heitern Tag, einen freien Boden
zu gewinnen, und vielleicht ist es uns vergönnt, den ganzen Verlauf
dieser holden Kur gelegentlich mitzuteilen. Genug, einige Zeit
verstrich in solcher Beschäftigung höchst angenehm; ein ruhiges
Wiedersehen bereitete sich vor, das der Arzt nicht länger als nötig
zu verspäten gedachte.
Indessen hatte die Baronin mit Ordnen und Zurechtlegen alter Papiere
sich beschäftigt, und diese dem gegenwärtigen Zustande ganz
angemessene Unterhaltung wirkte gar wundersam auf den erregten Geist.
Sie sah manche Jahre ihres Lebens zurück, schwere drohende Leiden
waren vorübergegangen, deren Betrachtung den Mut für den Moment
kräftigte; besonders rührte sie die Erinnerung an ein schönes
Verhältnis zu Makarien, und zwar in bedenklichen Zuständen. Die
Herrlichkeit jener einzigen Frau ward ihr wieder vor die Seele
gebracht und sogleich der Entschluß gefaßt, sich auch diesmal an sie
zu wenden: denn zu wem sonst hätte sie ihre gegenwärtigen Gefühle
richten, wem sonst Furcht und Hoffnung offen bekennen sollen?
Bei dem Aufräumen fand sie aber auch unter andern des Bruders
Miniaturporträt und mußte über die ähnlichkeit mit dem Sohne lächelnd
seufzen. Hilarie überraschte sie in diesem Augenblick, bemächtigte
sich des Bildes, und auch sie ward von jener ähnlichkeit wundersam
betroffen.
So verging einige Zeit; endlich mit Vergünstigung des Arztes und in
seinem Geleite trat Flavio angemeldet zum Frühstück herein. Die
Frauen hatten sich vor dieser ersten Erscheinung gefürchtet. Wie
aber gar oft in bedeutenden, ja schrecklichen Momenten etwas Heiteres,
ja Lächerliches sich zu ereignen pflegt, so glückte es auch hier.
Der Sohn kam völlig in des Vaters Kleidern; denn da von seinem Anzug
nichts zu brauchen war, so hatte man sich der Feld--und Hausgarderobe
des Majors bedient, die er, zu bequemem Jagd--und Familienleben, bei
der Schwester in Verwahrung ließ. Die Baronin lächelte und nahm sich
zusammen; Hilarie war, sie wußte nicht wie, betroffen genug, sie
wendete das Gesicht weg, und dem jungen Manne wollte in diesem
Augenblick weder ein herzliches Wort von den Lippen noch eine Phrase
glücken. Um nun sämtlicher Gesellschaft aus der Verlegenheit zu
helfen, begann der Arzt eine Vergleichung beider Gestalten. Der
Vater sei etwas größer, hieß es, und deshalb der Rock etwas zu lang;
dieser sei etwas breiter, deshalb der Rock über die Schultern zu eng.
Beide Mißverständnisse gaben dieser Maskerade ein komisches Ansehen.
Durch diese Einzelheiten jedoch kam man über das Bedenkliche des
Augenblicks hinaus. Für Hilarien freilich blieb die ähnlichkeit des
jugendlichen Vaterbildes mit der frischen Lebensgegenwart des Sohnes
unheimlich, ja bedrängend.
Nun aber wünschten wir wohl den nächsten Zeitverlauf von einer
zarten Frauenhand umständlich geschildert zu sehen, da wir nach
eigener Art und Weise uns nur mit dem Allgemeinsten befassen dürfen.
Hier muß denn nun von dem Einfluß der Dichtkunst abermals die Rede
sein.
Ein gewisses Talent konnte man unserm Flavio nicht absprechen, es
bedurfte jedoch nur zu sehr eines leidenschaftlich-sinnlichen
Anlasses, wenn etwas Vorzügliches gelingen sollte; deswegen denn auch
fast alle Gedichte, jener unwiderstehlichen Frau gewidmet, höchst
eindringend und lobenswert erschienen und nun, einer gegenwärtigen,
höchst liebenswürdigen Schönen mit enthusiastischem Ausdruck
vorgelesen, nicht geringe Wirkung hervorbringen mußten.
Ein Frauenzimmer, das eine andere leidenschaftlich geliebt sieht,
bequemt sich gern zu der Rolle einer Vertrauten; sie hegt ein
heimlich, kaum bewußtes Gefühl, daß es nicht unangenehm sein müßte,
sich an die Stelle der Angebeteten leise gehoben zu sehen. Auch ging
die Unterhaltung immer mehr und mehr ins Bedeutende. Wechselgedichte,
wie sie der Liebende gern verfaßt, weil er sich von seiner Schönen,
wenn auch nur bescheiden, halb und halb kann erwidern lassen, was er
wünscht und was er aus ihrem schönen Munde zu hören kaum erwarten
dürfte. Dergleichen wurden mit Hilarien auch wechselsweise gelesen,
und zwar, da es nur aus der einen Handschrift geschah, in welche man
beiderseits, um zu rechter Zeit einzufallen, hineinschauen und zu
diesem Zweck jedes das Bändchen anfassen mußte, so fand sich, daß man,
nahe sitzend, nach und nach Person an Person, Hand an Hand immer
näher rückte und die Gelenke sich ganz natürlich zuletzt im verborgnen
berührten.
Aber bei diesen schönen Verhältnissen, unter solchen daraus
entspringenden allerliebsten Annehmlichkeiten fühlte Flavio eine
schmerzliche Sorge, die er schlecht verbarg und, immerfort nach der
Ankunft seines Vaters sich sehnend, zu bemerken gab, daß er diesem das
Wichtigste zu vertrauen habe. Dieses Geheimnis indes wäre, bei
einigem Nachdenken, nicht schwer zu erraten gewesen. Jene reizende
Frau mochte in einem bewegten, von dem zudringlichen Jüngling
hervorgerufnen Momente den Unglücklichen entschieden abgewiesen und
die bisher hartnäckig behauptete Hoffnung aufgehoben und zerstört
haben. Eine Szene, wie dies zugegangen, wagten wir nicht zu
schildern, aus Furcht, hier möchte uns die jugendliche Glut ermangeln.
Genug, er war so wenig bei sich selbst, daß er sich eiligst aus der
Garnison ohne Urlaub entfernte und, um seinen Vater aufzusuchen,
durch Nacht, Sturm und Regen nach dem Landgut seiner Tante
verzweifelnd zu gelangen trachtete, wie wir ihn auch vor kurzem haben
ankommen sehen. Die Folgen eines solchen Schrittes fielen ihm nun
bei Rückkehr nüchterner Gedanken lebhaft auf, und er wußte, da der
Vater immer länger ausblieb und er die einzige mögliche Vermittlung
entbehren sollte, sich weder zu fassen noch zu retten.
Wie erstaunt und betroffen war er deshalb, als ihm ein Brief seines
Obristen eingehändigt wurde, dessen bekanntes Siegel er mit Zaudern
und Bangigkeit auflöste, der aber nach den freundlichsten Worten
damit endigte, daß der ihm erteilte Urlaub noch um einen Monat sollte
verlängert werden.
So unerklärlich nun auch diese Gunst schien, so ward er doch dadurch
von einer Last befreit, die sein Gemüt fast ängstlicher als die
verschmähte Liebe selbst zu drücken begann. Er fühlte nun ganz das
Glück, bei seinen liebenswürdigen Verwandten so wohl aufgehoben zu
sein; er durfte sich der Gegenwart Hilariens erfreuen und war nach
kurzem in allen seinen angenehm-geselligen Eigenschaften
wiederhergestellt, die ihn der schönen Witwe selbst sowohl als ihrer
Umgebung auf eine Zeitlang notwendig gemacht hatten und nur durch eine
peremtorische Forderung ihrer Hand für immer verfinstert worden.
In solcher Stimmung konnte man die Ankunft des Vaters gar wohl
erwarten, auch wurden sie durch eintretende Naturereignisse zu einer
tätigen Lebensweise aufgeregt. Das anhaltende Regenwetter, das sie
bisher in dem Schloß zusammenhielt, hatte überall, in großen
Wassermassen niedergehend, Fluß um Fluß angeschwellt; es waren Dämme
gebrochen, und die Gegend unter dem Schlosse lag als ein blanker See,
aus welchem die Dorfschaften, Meierhöfe, größere und kleinere
Besitztümer, zwar auf Hügeln gelegen, doch immer nur inselartig
hervorschauten.
Auf solche zwar seltene, aber denkbare Fälle war man eingerichtet;
die Hausfrau befahl, und die Diener führten aus. Nach der ersten
allgemeinsten Beihülfe ward Brot gebacken, Stiere wurden geschlachtet,
Fischerkähne fuhren hin und her, Hülfe und Vorsorge nach allen Enden
hin verbreitend. Alles fügte sich schön und gut, das freundlich
Gegebene ward freudig und dankbar aufgenommen, nur an einem Orte
wollte man den austeilenden Gemeindevorstehern nicht trauen; Flavio
übernahm das Geschäft und fuhr mit einem wohlbeladenen Kahn eilig und
glücklich zur Stelle. Das einfache Geschäft, einfach behandelt,
gelang zum besten; auch entledigte sich, weiterfahrend, unser
Jüngling eines Auftrags, den ihm Hilarie beim Scheiden gegeben.
Gerade in den Zeitpunkt dieser Unglückstage war die Niederkunft einer
Frau gefallen, für die sich das schöne Kind besonders interessierte.
Flavio fand die Wöchnerin und brachte allgemeinen und diesen
besondern Dank mit nach Hause. Dabei konnte es nun an mancherlei
Erzählungen nicht fehlen. War auch niemand umgekommen, so hatte man
von wunderbaren Rettungen, von seltsamen, scherzhaften, ja
lächerlichen Ereignissen viel zu sprechen; manche notgedrungene
Zustände wurden interessant beschrieben. Genug, Hilarie empfand auf
einmal ein unwiderstehliches Verlangen, gleichfalls eine Fahrt zu
unternehmen, die Wöchnerin zu begrüßen, zu beschenken und einige
heitere Stunden zu verleben.
Nach einigem Widerstand der guten Mutter siegte endlich der freudige
Wille Hilariens, dieses Abenteuer zu bestehen, und wir wollen gern
bekennen, in dem Laufe, wie diese Begebenheit uns bekannt geworden,
einigermaßen besorgt gewesen zu sein, es möge hier einige Gefahr
obschweben, ein Stranden, ein Umschlagen des Kahns, Lebensgefahr der
Schönen, kühne Rettung von seiten des Jünglings, um das lose
geknüpfte Band noch fester zu ziehen. Aber von allem diesem war
nicht die Rede, die Fahrt lief glücklich ab, die Wöchnerin ward
besucht und beschenkt; die Gesellschaft des Arztes blieb nicht ohne
gute Wirkung, und wenn hier und da ein kleiner Anstoß sich hervortat,
wenn der Anschein eines gefährlichen Moments die Fortrudernden zu
beunruhigen schien, so endete solches nur mit neckendem Scherz, daß
eins dem andern eine ängstliche Miene, eine größere Verlegenheit,
eine furchtsam Gebärde wollte abgemerkt haben. Indessen war das
wechselseitige Vertrauen bedeutend gewachsen; die Gewohnheit, sich zu
sehen und unter allen Umständen zusammen zu sein, hatte sich
verstärkt, und die gefährliche Stellung, wo Verwandtschaft und Neigung
zum wechselseitigen Annähern und Festhalten sich berechtigt glauben,
ward immer bedenklicher.
Anmutig sollten sie jedoch auf solchen Liebeswegen immer weiter und
weiter verlockt werden. Der Himmel klärte sich auf, eine gewaltige
Kälte, der Jahreszeit gemäß, trat ein, die Wasser gefroren, ehe sie
verlaufen konnten. Da veränderte sich das Schauspiel der Welt vor
allen Augen auf einmal; was durch Fluten erst getrennt war, hing
nunmehr durch befestigten Boden zusammen, und alsbald tat sich als
erwünschte Vermittlerin die schöne Kunst hervor, welche, die ersten
raschen Wintertage zu verherrlichen und neues Leben in das Erstarrte
zu bringen, im hohen Norden erfunden worden. Die Rüstkammer öffnete
sich, jedermann suchte nach seinen gezeichneten Stahlschuhen,
begierig, die reine, glatte Fläche, selbst mit einiger Gefahr, als
der erste zu beschreiten. Unter den Hausgenossen fanden sich viele zu
höchster Leichtigkeit Geübte; denn dieses Vergnügen ward ihnen fast
jedes Jahr auf benachbarten Seen und verbindenden Kanälen, diesmal
aber in der fernhin erweiterten Fläche.
Flavio fühlte sich nun erst durch und durch gesund, und Hilarie,
seit ihren frühsten Jahren von dem Oheim angeleitet, bewies sich so
lieblich als kräftig auf dem neu erschaffenen Boden; man bewegte sich
lustig und lustiger, bald zusammen, bald einzeln, bald getrennt, bald
vereint. Scheiden und Meiden, was sonst so schwer aufs Herz fällt,
ward hier zum kleinen, scherzhaften Frevel, man floh sich, um sich
einander augenblicks wieder zu finden.
Aber innerhalb dieser Lust und Freudigkeit bewegte sich auch eine
Welt des Bedürfnisses; immer waren bisher noch einige Ortschaften nur
halb versorgt geblieben, eilig flogen nunmehr auf tüchtig bespannten
Schlitten die nötigsten Waren hin und wider, und was der Gegend noch
mehr zugute kam, war, daß man aus manchen der vorübergehenden
Hauptstraße allzu fernen Orten nunmehr schnell die Erzeugnisse des
Feldbaues und der Landwirtschaft in die nächsten Magazine der kleinen
Städte und Flecken bringen und von dorther aller Art Waren
zurückführen konnte. Nun war auf einmal eine bedrängte, den
bittersten Mangel empfindende Gegend wieder befreit, wieder versorgt,
durch eine glatte, dem Geschickten, dem Kühnen geöffnete Fläche
verbunden.
Auch das junge Paar unterließ nicht, bei vorwaltendem Vergnügen
mancher Pflichten einer liebevollen Anhänglichkeit zu gedenken. Man
besuchte jene Wöchnerin, begabte sie mit allem Notwendigen; auch
andere wurden heimgesucht: Alte, für deren Gesundheit man besorgt
gewesen; Geistliche, mit denen man erbauliche Unterhaltung sittlich zu
pflegen gewohnt war und sie jetzt in dieser Prüfung noch
achtenswerter fand; kleinere Gutsbesitzer, die kühn genug vor Zeiten
sich in gefährliche Niederungen angebaut, diesmal aber, durch
wohlangelegte Dämme geschützt, unbeschädigt geblieben--und nach
grenzenloser Angst sich ihres Daseins doppelt erfreuten. Jeder Hof,
jedes Haus, jede Familie, jeder einzelne hatte seine Geschichte, er
war sich und auch wohl andern eine bedeutende Person geworden,
deswegen fiel auch einer dem andern Erzählenden leicht in die Rede.
Eilig war jeder im Sprechen und Handeln, Kommen und Gehen, denn es
blieb immer die Gefahr, ein plötzliches Tauwetter möchte den ganzen
schönen Kreis glücklichen Wechselwirkens zerstören, die Wirte bedrohen
und die Gäste vom Hause abschneiden.
War man den Tag in so rascher Bewegung und dem lebhaftesten
Interesse beschäftigt, so verlieh der Abend auf ganz andere Weise die
angenehmsten Stunden; denn das hat die Eislust vor allen andern
körperlichen Bewegungen voraus, daß die Anstrengung nicht erhitzt und
die Dauer nicht ermüdet. Sämtliche Glieder scheinen gelenker zu
werden und jedes Verwenden der Kraft neue Kräfte zu erzeugen, so daß
zuletzt eine selig bewegte Ruhe über uns kommt, in der wir uns zu
wiegen immerfort gelockt sind.
Heute nun konnte sich unser junges Paar von dem glatten Boden nicht
loslösen, jeder Lauf gegen das erleuchtete Schloß, wo sich schon
viele Gesellschaft versammelte, ward plötzlich umgewendet und eine
Rückkehr ins Weite beliebt; man mochte sich nicht voneinander
entfernen, aus Furcht, sich zu verlieren, man faßte sich bei der Hand,
um der Gegenwart ganz gewiß zu sein. Am allersüßesten aber schien
die Bewegung, wenn über den Schultern die Arme verschränkt ruhten und
die zierlichen Finger unbewußt in beiderseitigen Locken spielten.
Der volle Mond stieg zu dem glühenden Sternenhimmel herauf und
vollendete das Magische der Umgebung. Sie sahen sich wieder deutlich
und suchten wechselseitig in den beschatteten Augen Erwiderung wie
sonst, aber sie schien anders zu sein. Aus ihren Abgründen schien ein
Licht hervorzublicken und anzudeuten, was der Mund weislich
verschwieg, sie fühlten sich beide in einem festlich behaglichen
Zustande.
Alle hochstämmigen Weiden und Erlen an den Gräben, alles niedrige
Gebüsch auf Höhen und Hügeln war deutlich geworden; die Sterne
flammten, die Kälte war gewachsen, sie fühlten nichts davon und
fuhren dem lang daherglitzernden Widerschein des Mondes, unmittelbar
dem himmlischen Gestirn selbst entgegen. Da blickten sie auf und
sahen im Geflimmer des Widerscheins die Gestalt eines Mannes hin und
her schweben, der seinen Schatten zu verfolgen schien und selbst
dunkel, vom Lichtglanz umgeben, auf sie zuschritt; unwillkürlich
wendeten sie sich ab, jemanden zu begegnen wäre widerwärtig gewesen.
Sie vermieden die immerfort sich herbewegende Gestalt, die Gestalt
schien sie nicht bemerkt zu haben und verfolgte ihren geraden Weg
nach dem Schlosse. Doch verließ sie auf einmal diese Richtung und
umkreiste mehrmals das fast beängstigte Paar. Mit einiger
Besonnenheit suchten sie für sich die Schattenseite zu gewinnen, im
vollen Mondglanz fuhr jener auf sie zu, er stand nah vor ihnen, es
war unmöglich, den Vater zu verkennen.
Hilarie, den Schritt anhaltend, verlor in überraschung das
Gleichgewicht und stürzte zu Boden, Flavio lag zu gleicher Zeit auf
einem Knie und faßte ihr Haupt in seinen Schoß auf, sie verbarg ihr
Angesicht, sie wußte nicht, wie ihr geworden war.--"Ich hole einen
Schlitten, dort unten fährt noch einer vorüber, ich hoffe, sie hat
sich nicht beschädigt; hier, bei diesen hohen drei Erlen find' ich
euch wieder!" so sprach der Vater und war schon weit hinweg. Hilarie
raffte sich an dem Jüngling empor.-- "Laß uns fliehen", rief sie,
"das ertrag' ich nicht."--Sie bewegte sich nach der Gegenseite des
Schlosses heftig, daß Flavio sie nur mit einiger Anstrengung
erreichte, er gab ihr die freundlichsten Worte.
Auszumalen ist nicht die innere Gestalt der drei nunmehr nächtlich
auf der glatten Fläche im Mondschein Verirrten, Verwirrten. Genug,
sie gelangten spät nach dem Schlosse, das junge Paar einzeln, sich
nicht zu berühren, sich nicht zu nähern wagend, der Vater mit dem
leeren Schlitten, den er vergebens ins Weite und Breite hilfreich
herumgeführt hatte. Musik und Tanz waren schon im Gange, Hilarie,
unter dem Vorwand schmerzlicher Folgen eines schlimmen Falles,
verbarg sich in ihr Zimmer, Flavio überließ Vortanz und Anordnung sehr
gern einigen jungen Gesellen, die sich deren bei seinem Außenbleiben
schon bemächtigt hatten. Der Major kam nicht zum Vorschein und fand
es wunderlich, obgleich nicht unerwartet, sein Zimmer wie bewohnt
anzutreffen, die eignen Kleider, Wäsche und Gerätschaften, nur nicht
so ordentlich, wie er's gewohnt war, umherliegend. Die Hausfrau
versah mit anständigem Zwang ihre Pflichten, und wie froh war sie,
als alle Gäste, schicklich untergebracht, ihr endlich Raum ließen,
mit dem Bruder sich zu erklären. Es war bald getan, doch brauchte es
Zeit, sich von der überraschung zu erholen, das Unerwartete zu
begreifen, die Zweifel zu heben, die Sorge zu beschwichtigen; an
Lösung des Knotens, an Befreiung des Geistes war nicht sogleich zu
denken.
Unsere Leser überzeugen sich wohl, daß von diesem Punkte an wir beim
Vortrag unserer Geschichte nicht mehr darstellend, sondern erzählend
und betrachtend verfahren müssen, wenn wir in die Gemütszustände, auf
welche jetzt alles ankommt, eindringen und sie uns vergegenwärtigen
wollen.
Wir berichten also zuerst, daß der Major, seitdem wir ihn aus den
Augen verloren, seine Zeit fortwährend jenem Familiengeschäft
gewidmet, dabei aber, so schön und einfach es auch vorlag, doch in
manchem Einzelnen auf unerwartete Hindernisse traf. Wie es denn
überhaupt so leicht nicht ist, einen alten verworrenen Zustand zu
entwickeln und die vielen verschränkten Fäden auf einen Knaul zu
winden. Da er nun deshalb den Ort öfters verändern mußte, um bei
verschiedenen Stellen und Personen die Angelegenheit zu betreiben, so
gelangten die Briefe der Schwester nur langsam und unordentlich zu ihm.
Die Verirrung des Sohnes und dessen Krankheit erfuhr er zuerst;
dann hörte er von einem Urlaub, den er nicht begriff. Daß Hilariens
Neigung im Umwenden begriffen sei, blieb ihm verborgen, denn wie
hätte die Schwester ihn davon unterrichten mögen!
Auf die Nachricht der überschwemmung beschleunigte er seine Reise,
kam jedoch erst nach eingefallenem Frost in die Nähe der Eisfelder,
schaffte sich Schrittschuhe, sendete Knechte und Pferde durch einen
Umweg nach dem Schlosse, und sich mit raschem Lauf dorthin bewegend,
gelangte er, die erleuchteten Fenster schon von ferne schauend, in
einer tagklaren Nacht zum unerfreulichsten Anschauen und war mit sich
selbst in die unangenehmste Verwirrung geraten.
Der übergang von innerer Wahrheit zum äußern Wirklichen ist im
Kontrast immer schmerzlich; und sollte Lieben und Bleiben nicht eben
die Rechte haben wie Scheiden und Meiden? Und doch, wenn sich eins
vom andern losreißt, entsteht in der Seele eine ungeheure Kluft, in
der schon manches Herz zugrunde ging. Ja der Wahn hat, solange er
dauert, eine unüberwindliche Wahrheit, und nur männliche, tüchtige
Geister werden durch Erkennen eines Irrtums erhöht und gestärkt.
Eine solche Entdeckung hebt sie über sich selbst, sie stehen über
sich erhoben und blicken, indem der alte Weg versperrt ist, schnell
umher nach einem neuen, um ihn alsofort frisch und mutig anzutreten.
Unzählig sind die Verlegenheiten, in welche sich der Mensch in
solchen Augenblicken versetzt sieht; unzählig die Mittel, welche eine
erfinderische Natur innerhalb ihrer eignen Kräfte zu entdecken,
sodann aber auch, wenn diese nicht auslangen, außerhalb ihres Bereichs
freundlich anzudeuten weiß.
Zu gutem Glück jedoch war der Major durch ein halbes Bewußtsein,
ohne sein Wollen und Trachten, schon auf einen solchen Fall im
tiefsten vorbereitet. Seitdem er den kosmetischen Kammerdiener
verabschiedet, sich seinem natürlichen Lebensgange wieder überlassen,
auf den Schein Ansprüche zu machen aufgehört hatte, empfand er sich
am eigentlichen körperlichen Behagen einigermaßen verkürzt. Er
empfand das Unangenehme eines überganges vom ersten Liebhaber zum
zärtlichen Vater; und doch wollte diese Rolle immer mehr und mehr
sich ihm aufdringen. Die Sorgfalt für das Schicksal Hilariens und der
Seinigen trat immer zuerst in seinen Gedanken hervor, bis das Gefühl
von Liebe, von Hang, von Verlangen annähernder Gegenwart sich erst
später entfaltete. Und wenn er sich Hilarien in seinen Armen dachte,
so war es ihr Glück, was er beherzigte, das er ihr zu schaffen
wünschte, mehr als die Wonne, sie zu besitzen. Ja er mußte sich,
wenn er ihres Andenkens rein genießen wollte, zuerst ihre himmlisch
ausgesprochene Neigung, er mußte jenen Augenblick denken, wo sie sich
ihm so unverhofft gewidmet hatte.
Nun aber, da er in klarster Nacht ein vereintes junges Paar vor sich
gesehen, die Liebenswürdigste zusammenstürzend, in dem Schoße des
Jünglings, beide seiner verheißenen hülfreichen Wiederkunft nicht
achtend, ihn an dem genau bezeichneten Orte nicht erwartend,
verschwunden in die Nacht, und er sich selbst im düstersten Zustande
überlassen: wer fühlte das mit und verzweifelte nicht in seine Seele?
Die an Vereinigung gewöhnte, auf nähere Vereinigung hoffende Familie
hielt sich bestürzt auseinander; Hilarie blieb hartnäckig auf ihrem
Zimmer, der Major nahm sich zusammen, von seinem Sohne den früheren
Hergang zu erfahren. Das Unheil war durch einen weiblichen Frevel
der schönen Witwe verursacht. Um ihren bisher leidenschaftlichen
Verehrer Flavio einer andern Liebenswürdigen, welche Absicht auf ihn
verriet, nicht zu überlassen, wendet sie mehr scheinbare Gunst, als
billig ist, an ihn. Er, dadurch aufgeregt und ermutigt, sucht seine
Zwecke heftig bis ins Ungehörige zu verfolgen, worüber denn erst
Widerwärtigkeit und Zwist, darauf ein entschiedener Bruch dem ganzen
Verhältnis unwiederbringlich ein Ende macht.
Väterlicher Milde bleibt nichts übrig, als die Fehler der Kinder,
wenn sie traurige Folgen haben, zu bedauern und, wo möglich,
herzustellen; gehen sie läßlicher, als zu hoffen war, vorüber, sie zu
verzeihen und zu vergessen. Nach wenigem Bedenken und Bereden ging
Flavio sodann, um an der Stelle seines Vaters manches zu besorgen, auf
die übernommenen Güter und sollte dort bis zum Ablauf seines Urlaubs
verweilen, dann sich wieder ans Regiment anschließen, welches
indessen in eine andere Garnison verlegt worden.
Eine Beschäftigung mehrerer Tage war es für den Major, Briefe und
Pakete zu eröffnen, welche sich während seines längeren Ausbleibens
bei der Schwester gehäuft hatten. Unter andern fand er ein Schreiben
jenes kosmetischen Freundes, des wohlkonservierten Schauspielers.
Dieser, durch den verabschiedeten Kammerdiener benachrichtigt von dem
Zustande des Majors und von dem Vorsatze, sich zu verheiraten, trug
mit der besten Laune die Bedenklichkeiten vor, die man bei einem
solchen Unternehmen vor Augen haben sollte; er behandelte die
Angelegenheit auf seine Weise und gab zu bedenken, daß für einen Mann
in gewissen Jahren das sicherste kosmetische Mittel sei, sich des
schönen Geschlechts zu enthalten und einer löblichen, bequemen
Freiheit zu genießen. Nun zeigte der Major lächelnd das Blatt seiner
Schwester, zwar scherzend, aber doch ernstlich genug auf die
Wichtigkeit des Inhaltes hindeutend. Auch war ihm indessen ein
Gedicht eingefallen, dessen rhythmische Ausführung uns nicht gleich
beigeht, dessen Inhalt jedoch durch zierliche Gleichnisse und anmutige
Wendung sich auszeichnete:
"Der späte Mond, der zur Nacht noch anständig leuchtet, verblaßt vor
der aufgehenden Sonne; der Liebeswahn des Alters verschwindet in
Gegenwart leidenschaftlicher Jugend; die Fichte, die im Winter frisch
und kräftig erscheint, sieht im Frühling verbräunt und mißfärbig aus,
neben hell aufgrünender Birke."
Wir wollen jedoch weder Philosophie noch Poesie als die
entscheidenden Helferinnen zu einer endlichen Entschließung hier
vorzüglich preisen; denn wie ein kleines Ereignis die wichtigsten
Folgen haben kann, so entscheidet es auch oft, wo schwankende
Gesinnungen obwalten, die Waage dieser oder jener Seite zuneigend.
Dem Major war vor kurzem ein Vorderzahn ausgefallen, und er fürchtete,
den zweiten zu verlieren. An eine künstlich scheinbare
Wiederherstellung war bei seinen Gesinnungen nicht zu denken, und mit
diesem Mangel um eine junge Geliebte zu werben, fing an, ihm ganz
erniedrigend zu scheinen, besonders jetzt, da er sich mit ihr unter
einem Dach befand. Früher oder später hätte vielleicht ein solches
Ereignis wenig gewirkt, gerade in diesem Augenblicke aber trat ein
solcher Moment ein, der einem jeden an eine gesunde Vollständigkeit
gewöhnten Menschen höchst widerwärtig begegnen muß. Es ist ihm, als
wenn der Schlußstein seines organischen Wesens entfremdet wäre und das
übrige Gewölbe nun auch nach und nach zusammenzustürzen drohte.
Wie dem auch sei, der Major unterhielt sich mit seiner Schwester gar
bald einsichtig und verständig über die so verwirrt scheinende
Angelegenheit; sie mußten beide bekennen, daß sie eigentlich nur
durch einen Umweg ans Ziel gelangt seien, ganz nahe daran, von dem
sie sich zufällig, durch äußern Anlaß durch Irrtum eines unerfahrnen
Kindes verleitet, unbedachtsam entfernt; sie fanden nichts natürlicher,
als auf diesem Wege zu verharren, eine Verbindung beider Kinder
einzuleiten und ihnen sodann jede elterliche Sorgfalt, wozu sie sich
die Mittel zu verschaffen gewußt, treu und unablässig zu widmen.
Völlig in übereinstimmung mit dem Bruder, ging die Baronin zu Hilarien
ins Zimmer. Diese saß am Flügel, zu eigner Begleitung singend und
die eintretende Begrüßende mit heiterem Blick und Beugung zum Anhören
gleichsam einladend. Es war ein angenehmes, beruhigendes Lied, das
eine Stimmung der Sängerin aussprach, die nicht besser wäre zu
wünschen gewesen. Nachdem sie geendigt hatte, stand sie auf, und ehe
die ältere Bedächtige ihren Vortrag beginnen konnte, fing sie zu
sprechen an: "Beste Mutter! es war schön, daß wir über die wichtigste
Angelegenheit so lange geschwiegen; ich danke Ihnen, daß Sie bis
jetzt diese Saite nicht berührten, nun aber ist es wohl Zeit, sich zu
erklären, wenn es Ihnen gefällig ist. Wie denken Sie sich die Sache?"
Die Baronin, höchst erfreut über die Ruhe und Milde, zu der sie ihre
Tochter gestimmt fand, begann sogleich ein verständiges Darlegen der
frühern Zeit, der Persönlichkeit ihres Bruders und seiner Verdienste;
sie gab den Eindruck zu, den der einzige Mann von Wert, der einem
jungen Mädchen so nahe bekannt geworden, auf ein freies Herz notwendig
machen müsse, und wie sich daraus, statt kindlicher Ehrfurcht und
Vertrauen, gar wohl eine Neigung, die als Liebe, als Leidenschaft
sich zeige, entwickeln könne. Hilarie hörte aufmerksam zu und gab
durch bejahende Mienen und Zeichen ihre völlige Einstimmung zu
erkennen; die Mutter ging auf den Sohn über, und jene ließ ihre
langen Augenwimpern fallen; und wenn die Rednerin nicht so rühmliche
Argumente für den Jüngeren fand, als sie für den Vater anzuführen
gewußt hatte, so hielt sie sich hauptsächlich an die ähnlichkeit
beider, an den Vorzug, den diesem die Jugend gebe, der zugleich, als
vollkommen gattlicher Lebensgefährte gewählt, die völlige
Verwirklichung des väterlichen Daseins von der Zeit wie billig
verspreche. Auch hierin schien Hilarie gleichstimmig zu denken,
obschon ein etwas ernsterer Blick und ein manchmal niederschauendes
Auge eine gewisse in diesem Fall höchst natürliche innere Bewegung
verrieten. Auf die äußeren glücklichen, gewissermaßen gebietenden
Umstände lenkte sich hierauf der Vortrag. Der abgeschlossene
Vergleich, der schöne Gewinn für die Gegenwart, die nach manchen
Seiten hin sich erweiternden Aussichten, alles ward völlig der
Wahrheit gemäß vor Augen gestellt, da es zuletzt auch an Winken nicht
fehlen konnte, wie Hilarie selbst erinnerlich sein müsse, daß sie
früher dem mit ihr heranwachsenden Vetter, und wenn auch nur wie im
Scherze, sei verlobt gewesen. Aus alle dem Vorgesagten zog nun die
Mutter den sich selbst ergebenden Schluß, daß nun mit ihrer und des
Oheims Einwilligung die Verbindung der jungen Leute ungesäumt
stattfinden könne.
Hilarie, ruhig blickend und sprechend, erwiderte darauf, sie könne
diese Folgerung nicht sogleich gelten lassen, und führte gar schön
und anmutig dagegen an, was ein zartes Gemüt gewiß mit ihr gleich
empfinden wird, und das wir mit Worten auszuführen nicht unternehmen.
Vernünftige Menschen, wenn sie etwas Verständiges ausgesonnen, wie
diese oder jene Verlegenheit zu beseitigen wäre, dieser oder jener
Zweck zu erreichen sein möchte, und dafür sich alle denklichen
Argumente verdeutlicht und geordnet, fühlen sich höchst unangenehm
betroffen, wenn diejenigen, die zu eignem Glück mitwirken sollten,
völlig andern Sinnes gefunden werden und aus Gründen, die tief im
Herzen ruhen, sich demjenigen widersetzen, was so löblich als nötig
ist. Man wechselte Reden, ohne sich zu überzeugen; das Verständige
wollte nicht in das Gefühl eindringen, das Gefühlte wollte sich dem
Nützlichen, dem Notwendigen nicht fügen; das Gespräch erhitzte sich,
die Schärfe des Verstandes traf das schon verwundete Herz, das nun
nicht mehr mäßig, sondern leidenschaftlich seinen Zustand an den Tag
gab, so daß zuletzt die Mutter selbst vor der Hoheit und Würde des
jungen Mädchens erstaunt zurücktrat, als sie mit Energie und Wahrheit
das Unschickliche, ja Verbrecherische einer solchen Verbindung
hervorhob.
In welcher Verwirrung die Baronin zu dem Bruder zurückkehrte, läßt
sich denken, vielleicht auch, wenngleich nicht vollkommen,
nachempfinden, wie der Major, der, von dieser entschiedenen Weigerung
im Innersten geschmeichelt, zwar hoffnungslos, aber getröstet vor der
Schwester stand, sich von jener Beschämung entwunden und so dieses
Ereignis, das ihm zur zartesten Ehrensache geworden war, in seinem
Innern ausgeglichen fühlte. Er verbarg diesen Zustand augenblicklich
seiner Schwester und versteckte seine schmerzliche Zufriedenheit
hinter eine in diesem Falle ganz natürliche äußerung: man müsse
nichts übereilen, sondern dem guten Kinde Zeit lassen, den eröffneten
Weg, der sich nunmehr gewissermaßen selbst verstünde, freiwillig
einzuschlagen.
Nun aber können wir kaum unsern Lesern zumuten, aus diesen
ergreifenden inneren Zuständen in das äußere überzugehen, worauf doch
jetzt so viel ankam. Indes die Baronin ihrer Tochter alle Freiheit
ließ, mit Musik und Gesang, mit Zeichnen und Sticken ihre Tage
angenehm zu verbringen, auch mit Lesen und Vorlesen sich und die
Mutter zu unterhalten, so beschäftigte sich der Major bei
eintretendem Frühjahr, die Familienangelegenheiten in Ordnung zu
bringen; der Sohn, der sich in der Folge als einen reichen Besitzer
und, wie er gar nicht zweifeln konnte, als glücklichen Gatten
Hilariens erblickte, fühlte nun erst ein militärisches Bestreben nach
Ruhm und Rang, wenn der androhende Krieg hereinbrechen sollte. Und so
glaubte man in augenblicklicher Beruhigung als gewiß vorauszusehen,
daß dieses Rätsel, welches nur noch an eine Grille geknüpft schien,
sich bald aufhellen und auseinanderlegen würde.
Leider aber war in dieser anscheinenden Ruhe keine Beruhigung zu
finden. Die Baronin wartete tagtäglich, aber vergebens, auf die
Sinnesänderung ihrer Tochter, die zwar mit Bescheidenheit und selten,
aber doch, bei entscheidendem Anlaß, mit Sicherheit zu erkennen gab,
sie bleibe so fest bei ihrer überzeugung, als nur einer sein kann, dem
etwas innerlich wahr geworden, es möge nun mit der ihn umgebenden
Welt in Einklang stehen oder nicht. Der Major empfand sich
zwiespältig; er würde sich immer verletzt fühlen, wenn Hilarie sich
wirklich für den Sohn entschiede; entschiede sie sich aber für ihn
selbst, so war er ebenso überzeugt, daß er ihre Hand ausschlagen
müsse.
Bedauern wir den guten Mann, dem diese Sorgen, diese Qualen wie ein
beweglicher Nebel unablässig vorschwebten, bald als Hintergrund, auf
welchem sich die Wirklichkeiten und Beschäftigungen des dringenden
Tages hervorhoben, bald herantretend und alles Gegenwärtige bedeckend.
Ein solches Wanken und Schweben bewegte sich vor den Augen seines
Geistes; und wenn ihn der fordernde Tag zu rascher, wirksamer
Tätigkeit aufbot, so war es bei nächtlichem Erwachen, wo alles
Widerwärtige, gestaltet und immer umgestaltet, im unerfreulichsten
Kreis sich in seinem Innern umwälzte. Dies ewig wiederkehrende
Unabweisbare brachte ihn in einen Zustand, den wir fast Verzweiflung
nennen dürften, weil Handeln und Schaffen, die sich sonst als
Heilmittel für solche Lagen am sichersten bewährten, hier kaum
lindernd, geschweige denn befriedigend wirken wollten.
In solcher Lage erhielt unser Freund von unbekannter Hand ein
Schreiben mit Einladung in das Posthaus des nahe gelegenen Städtchens,
wo ein eilig Durchreisender ihn dringend zu sprechen wünschte. Er,
bei seinen vielfachen Geschäfts--und Weltverhältnissen an dergleichen
gewöhnt, säumte um so weniger, als ihm die freie, flüchtige Hand
einigermaßen erinnerlich schien. Ruhig und gefaßt nach seiner Art
begab er sich an den bezeichneten Ort, als in der bekannten, fast
bäuerischen Oberstube die schöne Witwe ihm entgegentrat, schöner und
anmutiger, als er sie verlassen hatte. War es, daß unsere
Einbildungskraft nicht fähig ist, das Vorzüglichste festzuhalten und
völlig wieder zu vergegenwärtigen, oder hatte wirklich ein bewegterer
Zustand ihr mehreren Reiz gegeben, genug, es bedurfte doppelter
Fassung, sein Erstaunen, seine Verwirrung unter dem Schein
allgemeinster Höflichkeit zu verbergen; er grüßte sie verbindlich mit
verlegener Kälte.
"Nicht so, mein Bester!" rief sie aus, "keineswegs hab' ich Sie dazu
zwischen diese geweihten Wände, in diese höchst unedle Umgebung
berufen; ein so schlechter Hausrat fordert nicht auf, sich höfisch zu
unterhalten. Ich befreie meine Brust von einer schweren Last, indem
ich sage, bekenne: in Ihrem Hause hab' ich viel Unheil angerichtet.
"--Der Major trat stutzend zurück.--"Ich weiß alles", fuhr sie fort,
"wir brauchen uns nicht zu erklären; Sie und Hilarien, Hilarien und
Flavio, Ihre gute Schwester, Sie alle bedaure ich." Die Sprache
schien ihr zu stocken, die herrlichsten Augenwimpern konnten
hervorquellende Tränen nicht zurückhalten, ihre Wange rötete sich,
sie war schöner als jemals. In äußerster Verwirrung stand der edle
Mann vor ihr, ihn durchdrang eine unbekannte Rührung. "Setzen wir
uns", sagte, die Augen trocknend, das allerliebste Wesen. "Verzeihen
Sie mir, bedauern Sie mich, Sie sehen, wie ich bestraft bin." Sie
hielt ihr gesticktes Tuch abermals vor die Augen und verbarg, wie
bitterlich sie weinte.
"Klären Sie mich auf, meine Gnädige", sprach er mit Hast.-- "Nichts
von gnädig!" entgegnete sie himmlisch lächelnd, "nennen Sie mich Ihre
Freundin, Sie haben keine treuere. Und also, mein Freund, ich weiß
alles, ich kenne die Lage der ganzen Familie genau, aller Gesinnungen
und Leiden bin ich vertraut."-- "Was konnte Sie bis auf diesen Grad
unterrichten?"--"Selbstbekenntnisse. Diese Hand wird Ihnen nicht
fremd sein." Sie wies ihm einige entfaltete Briefe hin.-- "Die Hand
meiner Schwester, Briefe, mehrere, der nachlässigen Schrift nach
vertraute! Haben Sie je mit ihr in Verhältnis gestanden?"
"Unmittelbar nicht, mittelbar seit einiger Zeit; hier die Aufschrift:
"An ***.""--"Ein neues Rätsel: An Makarien, die schweigsamste aller
Frauen."--"Deshalb aber auch die Vertraute, der Beichtiger aller
bedrängten Seelen, aller derer, die sich selbst verloren haben, sich
wiederzufinden wünschten und nicht wissen wo."--"Gott sei Dank!" rief
er aus, "daß sich eine solche Vermittlung gefunden hat, mir wollt' es
nicht ziemen, sie anzuflehen, ich segne meine Schwester, daß sie es
tat; denn auch mir sind Beispiele bekannt, daß jene Treffliche, im
Vorhalten eines sittlich-magischen Spiegels, durch die äußere
verworrene Gestalt irgendeinem Unglücklichen sein rein schönes Innere
gewiesen und ihn auf einmal erst mit sich selbst befriedigt und zu
einem neuen Leben aufgefordert hat."
"Diese Wohltat erzeigte sie auch mir", versetzte die Schöne; und in
diesem Augenblick fühlte unser Freund, wenn es ihm auch nicht klar
wurde, dennoch entschieden, daß aus dieser sonst in ihrer Eigenheit
abgeschlossenen merkwürdigen Person sich ein sittlich-schönes,
teilnehmendes und teilgebendes Wesen hervortat.--"Ich war nicht
unglücklich, aber unruhig", fuhr sie fort, "ich gehörte mir selbst
nicht recht mehr an, und das heißt denn doch am Ende nicht glücklich
sein. Ich gefiel mir selbst nicht mehr, ich mochte mich vor dem
Spiegel zurechtrücken, wie ich wollte, es schien mir immer, als wenn
ich mich zu einem Maskenball herausputzte; aber seitdem sie mir ihren
Spiegel vorhielt, seit ich gewahr wurde, wie man sich von innen
selbst schmücken könne, komm' ich mir wieder recht schön vor." Sie
sagte das zwischen Lächeln und Weinen und war, man mußte es zugeben,
mehr als liebenswürdig. Sie erschien achtungswert und wert einer
ewigen treuen Anhänglichkeit.
"Und nun, mein Freund, fassen wir uns kurz: hier sind die Briefe!
sie zu lesen und wieder zu lesen, sich zu bedenken, sich zu bereiten,
bedürften Sie allenfalls einer Stunde, mehr, wenn Sie wollen; alsdann
werden mit wenigen Worten unsere Zustände sich entscheiden lassen."
Sie verließ ihn, um in dem Garten auf und ab zu gehen; er entfaltete
nun einen Briefwechsel der Baronin mit Makarien, dessen Inhalt wir
summarisch andeuten. Jene beklagt sich über die schöne Witwe. Wie
eine Frau die andere ansieht und scharf beurteilt, geht hervor.
Eigentlich ist nur vom äußern und von äußerungen die Rede, nach dem
Innern wird nicht gefragt.
Hierauf von seiten Makariens eine mildere Beurteilung. Schilderung
eines solchen Wesens von innen heraus. Das äußere erscheint als
Folge von Zufälligkeiten, kaum zu tadeln, vielleicht zu entschuldigen.
Nun berichtet die Baronin von der Raserei und Tollheit des Sohns,
der wachsenden Neigung des jungen Paars, von der Ankunft des Vaters,
der entschiedenen Weigerung Hilariens. überall finden sich
Erwiderungen Makariens von reiner Billigkeit, die aus der gründlichen
überzeugung stammt, daß hieraus eine sittliche Besserung entstehen
müsse. Sie übersendet zuletzt den ganzen Briefwechsel der schönen
Frau, deren himmelschönes Innere nun hervortritt und das äußere zu
verherrlichen beginnt. Das Ganze schließt mit einer dankbaren
Erwiderung an Makarien.