Zweites Kapitel

An der Hand des ältesten trat nun unser Freund durch ein

ansehnliches Portal in eine runde oder vielmehr achteckige Halle, die

mit Gemälden so reichlich ausgeziert war, daß sie den Ankömmling in

Erstaunen setzte. Er begriff leicht, daß alles, was er erblickte,

einen bedeutenden Sinn haben müßte, ob er sich gleich denselben nicht

so geschwind entziffern konnte. Er war eben im Begriff, seinen

Begleiter deshalb zu befragen, als dieser ihn einlud, seitwärts in

eine Galerie zu treten, die, an der einen Seite offen, einen

geräumigen, blumenreichen Garten umgab. Die Wand zog jedoch mehr als

dieser heitre, natürliche Schmuck die Augen an sich: denn sie war

durchaus gemalt, und der Ankömmling konnte nicht lange daran hergehen,

ohne zu bemerken, daß die heiligen Bücher der Israeliten den Stoff

zu diesen Bildern geliefert hatten.

"Es ist hier", sagte der älteste, "wo wir diejenige Religion

überliefern, die ich Euch der Kürze wegen die ethnische genannt habe.

Der Gehalt derselben findet sich in der Weltgeschichte, so wie die

Hülle derselben in den Begebenheiten. An der Wiederkehr der

Schicksale ganzer Völker wird sie eigentlich begriffen."

"Ihr habt", sagte Wilhelm, "wie ich sehe, dem israelitischen Volke

die Ehre erzeigt und seine Geschichte zum Grunde dieser Darstellung

gelegt, oder vielmehr ihr habt sie zum Hauptgegenstande derselben

gemacht."--"Wie Ihr seht", versetzte der Alte; "denn Ihr werdet

bemerken, daß in den Sockeln und Friesen nicht sowohl synchronistische

als symphronistische Handlungen und Begebenheiten aufgeführt sind,

indem unter allen Völkern gleichbedeutende und Gleiches deutende

Nachrichten vorkommen. So erblickt Ihr hier, wenn in dem Hauptfelde

Abraham von seinen Göttern in der Gestalt schöner Jünglinge besucht

wird, den Apoll unter den Hirten Admets oben in der Friese; woraus wir

lernen können, daß, wenn die Götter den Menschen erscheinen, sie

gewöhnlich unerkannt unter ihnen wandeln."

Die Betrachtenden schritten weiter. Wilhelm fand meistens bekannte

Gegenstände, jedoch lebhafter und bedeutender vorgetragen, als er sie

sonst zu sehen gewohnt war. über weniges bat er sich einige Erklärung

aus; wobei er sich nicht enthalten konnte, nochmals zu fragen, warum

man die israelitische Geschichte vor allen andern gewählt. Hierauf

antwortete der älteste: "Unter allen heidnischen Religionen, denn

eine solche ist die israelitische gleichfalls, hat diese große

Vorzüge, wovon ich nur einiger erwähnen will. Vor dem ethnischen

Richterstuhle, vor dem Richterstuhl des Gottes der Völker, wird nicht

gefragt, ob es die beste, die vortrefflichste Nation sei, sondern nur,

ob sie daure, ob sie sich erhalten habe. Das israelitische Volk hat

niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher,

Propheten tausendmal vorgeworfen haben; es besitzt wenig Tugenden und

die meisten Fehler anderer Völker: aber an Selbständigkeit,

Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das nicht mehr gilt, an Zäheit

sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es

ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch alle Zeiten zu

verherrlichen. Wir haben es daher als Musterbild aufgestellt, als

Hauptbild, dem die andern nur zum Rahmen dienen."

"Es ziemt sich nicht, mit Euch zu rechten", versetzte Wilhelm, "da

Ihr mich zu belehren imstande seid. Eröffnet mir daher noch die

übrigen Vorteile dieses Volks, oder vielmehr seiner Geschichte,

seiner Religion."--"Ein Hauptvorteil", versetzte jener, "ist die

treffliche Sammlung ihrer heiligen Bücher. Sie stehen so glücklich

beisammen, daß aus den fremdesten Elementen ein täuschendes Ganze

entgegentritt. Sie sind vollständig genug, um zu befriedigen,

fragmentarisch genug, um anzureizen; hinlänglich barbarisch, um

aufzufordern, hinlänglich zart, um zu besänftigen; und wie manche

andere entgegengesetzte Eigenschaften sind an diesen Büchern, an

diesem Buche zu rühmen!"

Die Folge der Hauptbilder sowohl als die Beziehung der kleinern, die

sie oben und unten begleiteten, gab dem Gast so viel zu denken, daß

er kaum auf die bedeutenden Bemerkungen hörte, wodurch der Begleiter

mehr seine Aufmerksamkeit abzulenken als an die Gegenstände zu

fesseln schien. Indessen sagte jener bei Gelegenheit: "Noch einen

Vorteil der israelitischen Religion muß ich hier erwähnen: daß sie

ihren Gott in keine Gestalt verkörpert und uns also die Freiheit läßt,

ihm eine würdige Menschengestalt zu geben, auch im Gegensatz die

schlechte Abgötterei durch Tier--und Untiergestalten zu bezeichnen."

Unser Freund hatte sich nunmehr auf einer kurzen Wanderung durch

diese Hallen die Weltgeschichte wieder vergegenwärtigt; es war ihm

einiges neu in Absicht auf die Begebenheit. So waren ihm durch

Zusammenstellung der Bilder, durch die Reflexionen seines Begleiters

manche neue Ansichten entsprungen, und er freute sich, daß Felix

durch eine so würdige sinnliche Darstellung sich jene großen,

bedeutenden, musterhaften Ereignisse für sein ganzes Leben als

wirklich, und als wenn sie neben ihm lebendig gewesen wären, zueignen

sollte. Er betrachtete diese Bilder zuletzt nur aus den Augen des

Kindes, und in diesem Sinne war er vollkommen damit zufrieden; und so

waren die Wandelnden zu den traurigen, verworrenen Zeiten und endlich

zu dem Untergang der Stadt und des Tempels, zum Morde, zur Verbannung,

zur Sklaverei ganzer Massen dieser beharrlichen Nation gelangt.

Ihre nachherigen Schicksale waren auf eine kluge Weise allegorisch

vorgestellt, da eine historische, eine reale Darstellung derselben

außer den Grenzen der edlen Kunst liegt.

Hier war die bisher durchwanderte Galerie auf einmal abgeschlossen,

und Wilhelm war verwundert, sich schon am Ende zu sehen. "Ich finde",

sagte er zu seinem Führer, "in diesem Geschichtsgang eine Lücke.

Ihr habt den Tempel Jerusalems zerstört und das Volk zerstreut, ohne

den göttlichen Mann aufzuführen, der kurz vorher daselbst noch lehrte,

dem sie noch kurz vorher kein Gehör geben wollten."

"Dies zu tun, wie Ihr es verlangt, wäre ein Fehler gewesen. Das

Leben dieses göttlichen Mannes, den Ihr bezeichnet, steht mit der

Weltgeschichte seiner Zeit in keiner Verbindung. Es war ein

Privatleben, seine Lehre eine Lehre für die Einzelnen. Was

Völkermassen und ihren Gliedern öffentlich begegnet, gehört der

Weltgeschichte, der Weltreligion, welche wir für die erste halten.

Was dem Einzelnen innerlich begegnet, gehört zur zweiten Religion,

zur Religion der Weisen: eine solche war die, welche Christus lehrte

und übte, solange er auf der Erde umherging. Deswegen ist hier das

äußere abgeschlossen, und ich eröffne Euch nun das Innere."

Eine Pforte tat sich auf, und sie traten in eine ähnliche Galerie,

wo Wilhelm sogleich die Bilder der zweiten heiligen Schriften

erkannte. Sie schienen von einer andern Hand zu sein als die ersten:

alles war sanfter, Gestalten, Bewegungen, Umgebung, Licht und Färbung.

"Ihr seht", sagte der Begleiter, nachdem sie an einem Teil der

Bilder vorübergegangen waren, "hier weder Taten noch Begebenheiten,

sondern Wunder und Gleichnisse. Es ist eine neue Welt, ein neues

äußere, anders als das vorige, und ein Inneres, das dort ganz fehlt.

Durch Wunder und Gleichnisse wird eine neue Welt aufgetan. Jene

machen das Gemeine außerordentlich, diese das Außerordentliche gemein.

"-- "Ihr werdet die Gefälligkeit haben", versetzte Wilhelm, "mir

diese wenigen Worte umständlicher auszulegen: denn ich fühle mich

nicht geschickt, es selbst zu tun."--"Sie haben einen natürlichen

Sinn", versetzte jener, "obgleich einen tiefen. Beispiele werden ihn

am geschwindesten aufschließen. Es ist nichts gemeiner und

gewöhnlicher als Essen und Trinken; außerordentlich dagegen, einen

Trank zu veredeln, eine Speise zu vervielfältigen, daß sie für eine

Unzahl hinreiche. Es ist nichts gewöhnlicher als Krankheit und

körperliche Gebrechen; aber diese durch geistige oder geistigen

ähnlichen Mittel aufheben, lindern ist außerordentlich, und eben

daher entsteht das Wunderbare des Wunders, daß das Gewöhnliche und das

Außerordentliche, das Mögliche und das Unmögliche eins werden. Bei

dem Gleichnisse, bei der Parabel ist das Umgekehrte: hier ist der

Sinn, die Einsicht, der Begriff das Hohe, das Außerordentliche, das

Unerreichbare. Wenn dieser sich in einem gemeinen, gewöhnlichen,

faßlichen Bilde verkörpert, so daß er uns als lebendig, gegenwärtig,

wirklich entgegentritt, daß wir ihn uns zueignen, ergreifen,

festhalten, mit ihm wie mit unsersgleichen umgehen können, das ist

denn auch eine zweite Art von Wunder und wird billig zu jenen ersten

gesellt, ja vielleicht ihnen noch vorgezogen. Hier ist die lebendige

Lehre ausgesprochen, die Lehre, die keinen Streit erregt; es ist keine

Meinung über das, was Recht oder Unrecht ist; es ist das Rechte oder

Unrechte unwidersprechlich selbst."

Dieser Teil der Galerie war kürzer, oder vielmehr es war nur der

vierte Teil der Umgebung des innern Hofes. Wenn man jedoch an dem

ersten nur vorbeiging, so verweilte man hier gern; man ging gern hier

auf und ab. Die Gegenstände waren nicht so auffallend, nicht so

mannigfaltig; aber desto einladender, den tiefen, stillen Sinn

derselben zu erforschen. Auch kehrten die beiden Wandelnden am Ende

des Ganges um, indem Wilhelm eine Bedenklichkeit äußerte, daß man

hier eigentlich nur bis zum Abendmahle, bis zum Scheiden des Meisters

von seinen Jüngern gelangt sei. Er fragte nach dem übrigen Teil der

Geschichte.

"Wir sondern", versetzte der älteste, "bei jedem Unterricht, bei

aller überlieferung sehr gerne, was nur möglich zu sondern ist; denn

dadurch allein kann der Begriff des Bedeutenden bei der Jugend

entspringen. Das Leben mengt und mischt ohnehin alles durcheinander,

und so haben wir auch hier das Leben jenes vortrefflichen Mannes ganz

von dem Ende desselben abgesondert. Im Leben erscheint er als ein

wahrer Philosoph--stoßet Euch nicht an diesen Ausdruck--, als ein

Weiser im höchsten Sinne. Er steht auf seinem Punkte fest; er

wandelt seine Straße unverrückt, und indem er das Niedere zu sich

heraufzieht, indem er die Unwissenden, die Armen, die Kranken seiner

Weisheit, seines Reichtums, seiner Kraft teilhaftig werden läßt und

sich deshalb ihnen gleichzustellen scheint, so verleugnet er nicht

von der andern Seite seinen göttlichen Ursprung; er wagt, sich Gott

gleichzustellen, ja sich für Gott zu erklären. Auf diese Weise setzt

er von Jugend auf seine Umgebung in Erstaunen, gewinnt einen Teil

derselben für sich, regt den andern gegen sich auf und zeigt allen,

denen es um eine gewisse Höhe im Lehren und Leben zu tun ist, was sie

von der Welt zu erwarten haben. Und so ist sein Wandel für den edlen

Teil der Menschheit noch belehrender und fruchtbarer als sein Tod:

denn zu jenen Prüfungen ist jeder, zu diesem sind nur wenige berufen;

und damit wir alles übergehen, was aus dieser Betrachtung folgt, so

betrachtet die rührende Szene des Abendmahls. Hier läßt der Weise,

wie immer, die Seinigen ganz eigentlich verwaist zurück, und indem er

für die Guten besorgt ist, füttert er zugleich mit ihnen einen

Verräter, der ihn und die Bessern zugrunde richten wird."

Mit diesen Worten eröffnete der älteste eine Pforte, und Wilhelm

stutzte, als er sich wieder in der ersten Halle des Eingangs fand.

Sie hatten, wie er wohl merkte, indessen den ganzen Umkreis des Hofes

zurückgelegt. "Ich hoffte", sagte Wilhelm. "Ihr würdet mich ans

Ende führen, und bringt mich wieder zum Anfang."-- "Für diesmal kann

ich Euch weiter nichts zeigen", sagte der älteste; "mehr lassen wir

unsere Zöglinge nicht sehen, mehr erklären wir ihnen nicht, als was

Ihr bis jetzt durchlaufen habt; das äußere allgemein Weltliche einem

jeden von Jugend auf, das innere besonders Geistige und Herzliche nur

denen, die mit einiger Besonnenheit heranwachsen, und das übrige, was

des Jahrs nur einmal eröffnet wird, kann nur denen mitgeteilt werden,

die wir entlassen. Jene letzte Religion, die aus der Ehrfurcht vor

dem, was unter uns ist, entspringt, jene Verehrung des Widerwärtigen,

Verhaßten, Fliehenswerten geben wir einem jeden nur ausstattungsweise

in die Welt mit, damit er wisse, wo er dergleichen zu finden hat,

wenn ein solches Bedürfnis sich in ihm regen sollte. Ich lade Euch

ein, nach Verlauf eines Jahres wiederzukehren, unser allgemeines Fest

zu besuchen und zu sehen, wie weit Euer Sohn vorwärts gekommen;

alsdann sollt auch Ihr in das Heiligtum des Schmerzes eingeweiht

werden."

"Erlaubt mir eine Frage", versetzte Wilhelm. "Habt ihr denn auch,

so wie ihr das Leben dieses göttlichen Mannes als Lehr--und

Musterbild aufstellt, sein Leiden, seinen Tod gleichfalls als ein

Vorbild erhabener Duldungen herausgehoben?"--"Auf alle Fälle", sagte

der älteste. "Hieraus machen wir kein Geheimnis; aber wir ziehen

einen Schleier über diese Leiden, eben weil wir sie so hoch verehren.

Wir halten es für eine verdammungswürdige Frechheit, jenes

Martergerüst und den daran leidenden Heiligen dem Anblick der Sonne

auszusetzen, die ihr Angesicht verbarg, als eine ruchlose Welt ihr

dies Schauspiel aufdrang, mit diesen tiefen Geheimnissen, in welchen

die göttliche Tiefe des Leidens verborgen liegt, zu spielen, zu

tändeln, zu verzieren und nicht eher zu ruhen, bis das Würdigste

gemein und abgeschmackt erscheint. So viel sei für diesmal genug, um

Euch über Euren Knaben zu beruhigen und völlig zu überzeugen, daß Ihr

ihn auf irgendeine Art, mehr oder weniger, aber doch nach

wünschenswerter Weise gebildet und auf alle Fälle nicht verworren,

schwankend und unstät wiederfinden sollt."

Wilhelm zauderte, indem er sich die Bilder der Vorhalle besah und

ihren Sinn gedeutet wünschte. "Auch dieses", sagte der älteste,

"bleiben wir Euch bis übers Jahr schuldig. Bei dem Unterricht, den

wir in der Zwischenzeit den Kindern geben, lassen wir keine Fremden

zu; aber alsdann kommt und vernehmt, was unsere besten Redner über

diese Gegenstände öffentlich zu sagen für dienlich halten."

Bald nach dieser Unterredung hörte man an der kleine Pforte pochen.

Der gestrige Aufseher meldete sich, er hatte Wilhelms Pferd

vorgeführt, und so beurlaubte sich der Freund von der Dreie, welche

zum Abschied ihn dem Aufseher folgendermaßen empfahl: "Dieser wird nun

zu den Vertrauten gezählt, und dir ist bekannt, was du ihm auf seine

Fragen zu erwidern hast: denn er wünscht gewiß noch über manches, was

er bei uns sah und hörte, belehrt zu werden; Maß und Ziel ist dir

nicht verborgen."

Wilhelm hatte freilich noch einige Fragen auf dem Herzen, die er

auch sogleich anbrachte. Wo sie durchritten, stellten sich die

Kinder wie gestern; aber heute sah er, obgleich selten, einen und den

andern Knaben, der den vorbereitenden Aufseher nicht grüßte, von

seiner Arbeit nicht aufsah und ihn unbemerkt vorüberließ. Wilhelm

fragte nun nach der Ursache und was diese Ausnahme zu bedeuten habe.

Jener erwiderte darauf: "Sie ist freilich sehr bedeutungsvoll: denn

es ist die höchste Strafe, die wir den Zöglingen auflegen, sie sind

unwürdig erklärt, Ehrfurcht zu beweisen, und genötigt, sich als roh

und ungebildet darzustellen; sie tun aber das mögliche, um sich aus

dieser Lage zu retten, und finden sich aufs geschwindeste in jede

Pflicht. Sollte jedoch ein junges Wesen verstockt zu seiner Rückkehr

keine Anstalt machen, so wird es mit einem kurzen, aber bündigen

Bericht den Eltern wieder zurückgesandt. Wer sich den Gesetzen nicht

fügen lernt, muß die Gegend verlassen, wo sie gelten."

Ein anderer Anblick reizte, heute wie gestern, des Wanderers

Neugierde; es war Mannigfaltigkeit an Farbe und Schnitt der

Zöglingskleidung; hier schien kein Stufengang obzuwalten, denn solche,

die verschieden grüßten, waren überein gekleidet, gleich Grüßende

waren anders angezogen. Wilhelm fragte nach der Ursache dieses

scheinbaren Widerspruchs. "Er löst sich", versetzte jener, "darin

auf, daß es ein Mittel ist, die Gemüter der Knaben eigens zu

erforschen. Wir lassen, bei sonstiger Strenge und Ordnung, in diesem

Falle eine gewisse Willkür gelten. Innerhalb des Kreises unserer

Vorräte an Tüchern und Verbrämungen dürfen die Zöglinge nach

beliebiger Farbe greifen, so auch innerhalb einer mäßigen

Beschränkung Form und Schnitt wählen; dies beobachten wir genau, denn

an der Farbe läßt sich die Sinnesweise, an dem Schnitt die

Lebensweise des Menschen erkennen. Doch macht eine besondere

Eigenheit der menschlichen Natur eine genauere Beurteilung

gewissermaßen schwierig; es ist der Nachahmungsgeist, die Neigung,

sich anzuschließen. Sehr selten, daß ein Zögling auf etwas fällt,

was noch nicht dagewesen, meistens wählen sie etwas Bekanntes, was

sie gerade vor sich sehen. Doch auch diese Betrachtung bleibt uns

nicht unfruchtbar, durch solche äußerlichkeiten treten sie zu dieser

oder jener Partei, sie schließen sich da oder dort an, und so zeichnen

sich allgemeinere Gesinnungen aus, wir erfahren, wo jeder sich

hinneigt, welchem Beispiel er sich gleichstellt.

Nun hat man Fälle gesehen, wo die Gemüter sich ins Allgemeine

neigten, wo eine Mode sich über alle verbreiten, jede Absonderung

sich zur Einheit verlieren wollte. Einer solchen Wendung suchen wir

auf gelinde Weise Einhalt zu tun, wir lassen die Vorräte ausgehen;

dieses und jenes Zeug, eine und die andere Verzierung ist nicht mehr

zu haben; wir schieben etwas Neues, etwas Reizendes herein, durch

helle Farben und kurzen, knappen Schnitt locken wir die Muntern,

durch ernste Schattierungen, bequeme, faltenreiche Tracht die

Besonnenen und stellen so nach und nach ein Gleichgewicht her.

Denn der Uniform sind wir durchaus abgeneigt, sie verdeckt den

Charakter und entzieht die Eigenheiten der Kinder, mehr als jede

andere Verstellung, dem Blicke der Vorgesetzten."

Unter solchen und andern Gesprächen gelangte Wilhelm an die Grenze

der Provinz, und zwar an den Punkt, wo sie der Wanderer, nach des

alten Freundes Andeutung, verlassen sollte, um seinem eigentlichen

Zweck entgegenzusehen.

Beim Lebewohl bemerkte zunächst der Aufseher: Wilhelm möge nun

erwarten, bis das große Fest allen Teilnehmern auf mancherlei Weise

angekündigt werde. Hierzu würden die sämtlichen Eltern eingeladen

und tüchtige Zöglinge ins freie, zufällige Leben entlassen. Alsdann

solle er, hieß es, auch die übrigen Landschaften nach Belieben

betreten, wo, nach eigenen Grundsätzen, der einzelne Unterricht in

vollständiger Umgebung erteilt und ausgeübt wird.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 2 · 第 3 / 20 题