An der Hand des ältesten trat nun unser Freund durch ein
ansehnliches Portal in eine runde oder vielmehr achteckige Halle, die
mit Gemälden so reichlich ausgeziert war, daß sie den Ankömmling in
Erstaunen setzte. Er begriff leicht, daß alles, was er erblickte,
einen bedeutenden Sinn haben müßte, ob er sich gleich denselben nicht
so geschwind entziffern konnte. Er war eben im Begriff, seinen
Begleiter deshalb zu befragen, als dieser ihn einlud, seitwärts in
eine Galerie zu treten, die, an der einen Seite offen, einen
geräumigen, blumenreichen Garten umgab. Die Wand zog jedoch mehr als
dieser heitre, natürliche Schmuck die Augen an sich: denn sie war
durchaus gemalt, und der Ankömmling konnte nicht lange daran hergehen,
ohne zu bemerken, daß die heiligen Bücher der Israeliten den Stoff
zu diesen Bildern geliefert hatten.
"Es ist hier", sagte der älteste, "wo wir diejenige Religion
überliefern, die ich Euch der Kürze wegen die ethnische genannt habe.
Der Gehalt derselben findet sich in der Weltgeschichte, so wie die
Hülle derselben in den Begebenheiten. An der Wiederkehr der
Schicksale ganzer Völker wird sie eigentlich begriffen."
"Ihr habt", sagte Wilhelm, "wie ich sehe, dem israelitischen Volke
die Ehre erzeigt und seine Geschichte zum Grunde dieser Darstellung
gelegt, oder vielmehr ihr habt sie zum Hauptgegenstande derselben
gemacht."--"Wie Ihr seht", versetzte der Alte; "denn Ihr werdet
bemerken, daß in den Sockeln und Friesen nicht sowohl synchronistische
als symphronistische Handlungen und Begebenheiten aufgeführt sind,
indem unter allen Völkern gleichbedeutende und Gleiches deutende
Nachrichten vorkommen. So erblickt Ihr hier, wenn in dem Hauptfelde
Abraham von seinen Göttern in der Gestalt schöner Jünglinge besucht
wird, den Apoll unter den Hirten Admets oben in der Friese; woraus wir
lernen können, daß, wenn die Götter den Menschen erscheinen, sie
gewöhnlich unerkannt unter ihnen wandeln."
Die Betrachtenden schritten weiter. Wilhelm fand meistens bekannte
Gegenstände, jedoch lebhafter und bedeutender vorgetragen, als er sie
sonst zu sehen gewohnt war. über weniges bat er sich einige Erklärung
aus; wobei er sich nicht enthalten konnte, nochmals zu fragen, warum
man die israelitische Geschichte vor allen andern gewählt. Hierauf
antwortete der älteste: "Unter allen heidnischen Religionen, denn
eine solche ist die israelitische gleichfalls, hat diese große
Vorzüge, wovon ich nur einiger erwähnen will. Vor dem ethnischen
Richterstuhle, vor dem Richterstuhl des Gottes der Völker, wird nicht
gefragt, ob es die beste, die vortrefflichste Nation sei, sondern nur,
ob sie daure, ob sie sich erhalten habe. Das israelitische Volk hat
niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher,
Propheten tausendmal vorgeworfen haben; es besitzt wenig Tugenden und
die meisten Fehler anderer Völker: aber an Selbständigkeit,
Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das nicht mehr gilt, an Zäheit
sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es
ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch alle Zeiten zu
verherrlichen. Wir haben es daher als Musterbild aufgestellt, als
Hauptbild, dem die andern nur zum Rahmen dienen."
"Es ziemt sich nicht, mit Euch zu rechten", versetzte Wilhelm, "da
Ihr mich zu belehren imstande seid. Eröffnet mir daher noch die
übrigen Vorteile dieses Volks, oder vielmehr seiner Geschichte,
seiner Religion."--"Ein Hauptvorteil", versetzte jener, "ist die
treffliche Sammlung ihrer heiligen Bücher. Sie stehen so glücklich
beisammen, daß aus den fremdesten Elementen ein täuschendes Ganze
entgegentritt. Sie sind vollständig genug, um zu befriedigen,
fragmentarisch genug, um anzureizen; hinlänglich barbarisch, um
aufzufordern, hinlänglich zart, um zu besänftigen; und wie manche
andere entgegengesetzte Eigenschaften sind an diesen Büchern, an
diesem Buche zu rühmen!"
Die Folge der Hauptbilder sowohl als die Beziehung der kleinern, die
sie oben und unten begleiteten, gab dem Gast so viel zu denken, daß
er kaum auf die bedeutenden Bemerkungen hörte, wodurch der Begleiter
mehr seine Aufmerksamkeit abzulenken als an die Gegenstände zu
fesseln schien. Indessen sagte jener bei Gelegenheit: "Noch einen
Vorteil der israelitischen Religion muß ich hier erwähnen: daß sie
ihren Gott in keine Gestalt verkörpert und uns also die Freiheit läßt,
ihm eine würdige Menschengestalt zu geben, auch im Gegensatz die
schlechte Abgötterei durch Tier--und Untiergestalten zu bezeichnen."
Unser Freund hatte sich nunmehr auf einer kurzen Wanderung durch
diese Hallen die Weltgeschichte wieder vergegenwärtigt; es war ihm
einiges neu in Absicht auf die Begebenheit. So waren ihm durch
Zusammenstellung der Bilder, durch die Reflexionen seines Begleiters
manche neue Ansichten entsprungen, und er freute sich, daß Felix
durch eine so würdige sinnliche Darstellung sich jene großen,
bedeutenden, musterhaften Ereignisse für sein ganzes Leben als
wirklich, und als wenn sie neben ihm lebendig gewesen wären, zueignen
sollte. Er betrachtete diese Bilder zuletzt nur aus den Augen des
Kindes, und in diesem Sinne war er vollkommen damit zufrieden; und so
waren die Wandelnden zu den traurigen, verworrenen Zeiten und endlich
zu dem Untergang der Stadt und des Tempels, zum Morde, zur Verbannung,
zur Sklaverei ganzer Massen dieser beharrlichen Nation gelangt.
Ihre nachherigen Schicksale waren auf eine kluge Weise allegorisch
vorgestellt, da eine historische, eine reale Darstellung derselben
außer den Grenzen der edlen Kunst liegt.
Hier war die bisher durchwanderte Galerie auf einmal abgeschlossen,
und Wilhelm war verwundert, sich schon am Ende zu sehen. "Ich finde",
sagte er zu seinem Führer, "in diesem Geschichtsgang eine Lücke.
Ihr habt den Tempel Jerusalems zerstört und das Volk zerstreut, ohne
den göttlichen Mann aufzuführen, der kurz vorher daselbst noch lehrte,
dem sie noch kurz vorher kein Gehör geben wollten."
"Dies zu tun, wie Ihr es verlangt, wäre ein Fehler gewesen. Das
Leben dieses göttlichen Mannes, den Ihr bezeichnet, steht mit der
Weltgeschichte seiner Zeit in keiner Verbindung. Es war ein
Privatleben, seine Lehre eine Lehre für die Einzelnen. Was
Völkermassen und ihren Gliedern öffentlich begegnet, gehört der
Weltgeschichte, der Weltreligion, welche wir für die erste halten.
Was dem Einzelnen innerlich begegnet, gehört zur zweiten Religion,
zur Religion der Weisen: eine solche war die, welche Christus lehrte
und übte, solange er auf der Erde umherging. Deswegen ist hier das
äußere abgeschlossen, und ich eröffne Euch nun das Innere."
Eine Pforte tat sich auf, und sie traten in eine ähnliche Galerie,
wo Wilhelm sogleich die Bilder der zweiten heiligen Schriften
erkannte. Sie schienen von einer andern Hand zu sein als die ersten:
alles war sanfter, Gestalten, Bewegungen, Umgebung, Licht und Färbung.
"Ihr seht", sagte der Begleiter, nachdem sie an einem Teil der
Bilder vorübergegangen waren, "hier weder Taten noch Begebenheiten,
sondern Wunder und Gleichnisse. Es ist eine neue Welt, ein neues
äußere, anders als das vorige, und ein Inneres, das dort ganz fehlt.
Durch Wunder und Gleichnisse wird eine neue Welt aufgetan. Jene
machen das Gemeine außerordentlich, diese das Außerordentliche gemein.
"-- "Ihr werdet die Gefälligkeit haben", versetzte Wilhelm, "mir
diese wenigen Worte umständlicher auszulegen: denn ich fühle mich
nicht geschickt, es selbst zu tun."--"Sie haben einen natürlichen
Sinn", versetzte jener, "obgleich einen tiefen. Beispiele werden ihn
am geschwindesten aufschließen. Es ist nichts gemeiner und
gewöhnlicher als Essen und Trinken; außerordentlich dagegen, einen
Trank zu veredeln, eine Speise zu vervielfältigen, daß sie für eine
Unzahl hinreiche. Es ist nichts gewöhnlicher als Krankheit und
körperliche Gebrechen; aber diese durch geistige oder geistigen
ähnlichen Mittel aufheben, lindern ist außerordentlich, und eben
daher entsteht das Wunderbare des Wunders, daß das Gewöhnliche und das
Außerordentliche, das Mögliche und das Unmögliche eins werden. Bei
dem Gleichnisse, bei der Parabel ist das Umgekehrte: hier ist der
Sinn, die Einsicht, der Begriff das Hohe, das Außerordentliche, das
Unerreichbare. Wenn dieser sich in einem gemeinen, gewöhnlichen,
faßlichen Bilde verkörpert, so daß er uns als lebendig, gegenwärtig,
wirklich entgegentritt, daß wir ihn uns zueignen, ergreifen,
festhalten, mit ihm wie mit unsersgleichen umgehen können, das ist
denn auch eine zweite Art von Wunder und wird billig zu jenen ersten
gesellt, ja vielleicht ihnen noch vorgezogen. Hier ist die lebendige
Lehre ausgesprochen, die Lehre, die keinen Streit erregt; es ist keine
Meinung über das, was Recht oder Unrecht ist; es ist das Rechte oder
Unrechte unwidersprechlich selbst."
Dieser Teil der Galerie war kürzer, oder vielmehr es war nur der
vierte Teil der Umgebung des innern Hofes. Wenn man jedoch an dem
ersten nur vorbeiging, so verweilte man hier gern; man ging gern hier
auf und ab. Die Gegenstände waren nicht so auffallend, nicht so
mannigfaltig; aber desto einladender, den tiefen, stillen Sinn
derselben zu erforschen. Auch kehrten die beiden Wandelnden am Ende
des Ganges um, indem Wilhelm eine Bedenklichkeit äußerte, daß man
hier eigentlich nur bis zum Abendmahle, bis zum Scheiden des Meisters
von seinen Jüngern gelangt sei. Er fragte nach dem übrigen Teil der
Geschichte.
"Wir sondern", versetzte der älteste, "bei jedem Unterricht, bei
aller überlieferung sehr gerne, was nur möglich zu sondern ist; denn
dadurch allein kann der Begriff des Bedeutenden bei der Jugend
entspringen. Das Leben mengt und mischt ohnehin alles durcheinander,
und so haben wir auch hier das Leben jenes vortrefflichen Mannes ganz
von dem Ende desselben abgesondert. Im Leben erscheint er als ein
wahrer Philosoph--stoßet Euch nicht an diesen Ausdruck--, als ein
Weiser im höchsten Sinne. Er steht auf seinem Punkte fest; er
wandelt seine Straße unverrückt, und indem er das Niedere zu sich
heraufzieht, indem er die Unwissenden, die Armen, die Kranken seiner
Weisheit, seines Reichtums, seiner Kraft teilhaftig werden läßt und
sich deshalb ihnen gleichzustellen scheint, so verleugnet er nicht
von der andern Seite seinen göttlichen Ursprung; er wagt, sich Gott
gleichzustellen, ja sich für Gott zu erklären. Auf diese Weise setzt
er von Jugend auf seine Umgebung in Erstaunen, gewinnt einen Teil
derselben für sich, regt den andern gegen sich auf und zeigt allen,
denen es um eine gewisse Höhe im Lehren und Leben zu tun ist, was sie
von der Welt zu erwarten haben. Und so ist sein Wandel für den edlen
Teil der Menschheit noch belehrender und fruchtbarer als sein Tod:
denn zu jenen Prüfungen ist jeder, zu diesem sind nur wenige berufen;
und damit wir alles übergehen, was aus dieser Betrachtung folgt, so
betrachtet die rührende Szene des Abendmahls. Hier läßt der Weise,
wie immer, die Seinigen ganz eigentlich verwaist zurück, und indem er
für die Guten besorgt ist, füttert er zugleich mit ihnen einen
Verräter, der ihn und die Bessern zugrunde richten wird."
Mit diesen Worten eröffnete der älteste eine Pforte, und Wilhelm
stutzte, als er sich wieder in der ersten Halle des Eingangs fand.
Sie hatten, wie er wohl merkte, indessen den ganzen Umkreis des Hofes
zurückgelegt. "Ich hoffte", sagte Wilhelm. "Ihr würdet mich ans
Ende führen, und bringt mich wieder zum Anfang."-- "Für diesmal kann
ich Euch weiter nichts zeigen", sagte der älteste; "mehr lassen wir
unsere Zöglinge nicht sehen, mehr erklären wir ihnen nicht, als was
Ihr bis jetzt durchlaufen habt; das äußere allgemein Weltliche einem
jeden von Jugend auf, das innere besonders Geistige und Herzliche nur
denen, die mit einiger Besonnenheit heranwachsen, und das übrige, was
des Jahrs nur einmal eröffnet wird, kann nur denen mitgeteilt werden,
die wir entlassen. Jene letzte Religion, die aus der Ehrfurcht vor
dem, was unter uns ist, entspringt, jene Verehrung des Widerwärtigen,
Verhaßten, Fliehenswerten geben wir einem jeden nur ausstattungsweise
in die Welt mit, damit er wisse, wo er dergleichen zu finden hat,
wenn ein solches Bedürfnis sich in ihm regen sollte. Ich lade Euch
ein, nach Verlauf eines Jahres wiederzukehren, unser allgemeines Fest
zu besuchen und zu sehen, wie weit Euer Sohn vorwärts gekommen;
alsdann sollt auch Ihr in das Heiligtum des Schmerzes eingeweiht
werden."
"Erlaubt mir eine Frage", versetzte Wilhelm. "Habt ihr denn auch,
so wie ihr das Leben dieses göttlichen Mannes als Lehr--und
Musterbild aufstellt, sein Leiden, seinen Tod gleichfalls als ein
Vorbild erhabener Duldungen herausgehoben?"--"Auf alle Fälle", sagte
der älteste. "Hieraus machen wir kein Geheimnis; aber wir ziehen
einen Schleier über diese Leiden, eben weil wir sie so hoch verehren.
Wir halten es für eine verdammungswürdige Frechheit, jenes
Martergerüst und den daran leidenden Heiligen dem Anblick der Sonne
auszusetzen, die ihr Angesicht verbarg, als eine ruchlose Welt ihr
dies Schauspiel aufdrang, mit diesen tiefen Geheimnissen, in welchen
die göttliche Tiefe des Leidens verborgen liegt, zu spielen, zu
tändeln, zu verzieren und nicht eher zu ruhen, bis das Würdigste
gemein und abgeschmackt erscheint. So viel sei für diesmal genug, um
Euch über Euren Knaben zu beruhigen und völlig zu überzeugen, daß Ihr
ihn auf irgendeine Art, mehr oder weniger, aber doch nach
wünschenswerter Weise gebildet und auf alle Fälle nicht verworren,
schwankend und unstät wiederfinden sollt."
Wilhelm zauderte, indem er sich die Bilder der Vorhalle besah und
ihren Sinn gedeutet wünschte. "Auch dieses", sagte der älteste,
"bleiben wir Euch bis übers Jahr schuldig. Bei dem Unterricht, den
wir in der Zwischenzeit den Kindern geben, lassen wir keine Fremden
zu; aber alsdann kommt und vernehmt, was unsere besten Redner über
diese Gegenstände öffentlich zu sagen für dienlich halten."
Bald nach dieser Unterredung hörte man an der kleine Pforte pochen.
Der gestrige Aufseher meldete sich, er hatte Wilhelms Pferd
vorgeführt, und so beurlaubte sich der Freund von der Dreie, welche
zum Abschied ihn dem Aufseher folgendermaßen empfahl: "Dieser wird nun
zu den Vertrauten gezählt, und dir ist bekannt, was du ihm auf seine
Fragen zu erwidern hast: denn er wünscht gewiß noch über manches, was
er bei uns sah und hörte, belehrt zu werden; Maß und Ziel ist dir
nicht verborgen."
Wilhelm hatte freilich noch einige Fragen auf dem Herzen, die er
auch sogleich anbrachte. Wo sie durchritten, stellten sich die
Kinder wie gestern; aber heute sah er, obgleich selten, einen und den
andern Knaben, der den vorbereitenden Aufseher nicht grüßte, von
seiner Arbeit nicht aufsah und ihn unbemerkt vorüberließ. Wilhelm
fragte nun nach der Ursache und was diese Ausnahme zu bedeuten habe.
Jener erwiderte darauf: "Sie ist freilich sehr bedeutungsvoll: denn
es ist die höchste Strafe, die wir den Zöglingen auflegen, sie sind
unwürdig erklärt, Ehrfurcht zu beweisen, und genötigt, sich als roh
und ungebildet darzustellen; sie tun aber das mögliche, um sich aus
dieser Lage zu retten, und finden sich aufs geschwindeste in jede
Pflicht. Sollte jedoch ein junges Wesen verstockt zu seiner Rückkehr
keine Anstalt machen, so wird es mit einem kurzen, aber bündigen
Bericht den Eltern wieder zurückgesandt. Wer sich den Gesetzen nicht
fügen lernt, muß die Gegend verlassen, wo sie gelten."
Ein anderer Anblick reizte, heute wie gestern, des Wanderers
Neugierde; es war Mannigfaltigkeit an Farbe und Schnitt der
Zöglingskleidung; hier schien kein Stufengang obzuwalten, denn solche,
die verschieden grüßten, waren überein gekleidet, gleich Grüßende
waren anders angezogen. Wilhelm fragte nach der Ursache dieses
scheinbaren Widerspruchs. "Er löst sich", versetzte jener, "darin
auf, daß es ein Mittel ist, die Gemüter der Knaben eigens zu
erforschen. Wir lassen, bei sonstiger Strenge und Ordnung, in diesem
Falle eine gewisse Willkür gelten. Innerhalb des Kreises unserer
Vorräte an Tüchern und Verbrämungen dürfen die Zöglinge nach
beliebiger Farbe greifen, so auch innerhalb einer mäßigen
Beschränkung Form und Schnitt wählen; dies beobachten wir genau, denn
an der Farbe läßt sich die Sinnesweise, an dem Schnitt die
Lebensweise des Menschen erkennen. Doch macht eine besondere
Eigenheit der menschlichen Natur eine genauere Beurteilung
gewissermaßen schwierig; es ist der Nachahmungsgeist, die Neigung,
sich anzuschließen. Sehr selten, daß ein Zögling auf etwas fällt,
was noch nicht dagewesen, meistens wählen sie etwas Bekanntes, was
sie gerade vor sich sehen. Doch auch diese Betrachtung bleibt uns
nicht unfruchtbar, durch solche äußerlichkeiten treten sie zu dieser
oder jener Partei, sie schließen sich da oder dort an, und so zeichnen
sich allgemeinere Gesinnungen aus, wir erfahren, wo jeder sich
hinneigt, welchem Beispiel er sich gleichstellt.
Nun hat man Fälle gesehen, wo die Gemüter sich ins Allgemeine
neigten, wo eine Mode sich über alle verbreiten, jede Absonderung
sich zur Einheit verlieren wollte. Einer solchen Wendung suchen wir
auf gelinde Weise Einhalt zu tun, wir lassen die Vorräte ausgehen;
dieses und jenes Zeug, eine und die andere Verzierung ist nicht mehr
zu haben; wir schieben etwas Neues, etwas Reizendes herein, durch
helle Farben und kurzen, knappen Schnitt locken wir die Muntern,
durch ernste Schattierungen, bequeme, faltenreiche Tracht die
Besonnenen und stellen so nach und nach ein Gleichgewicht her.
Denn der Uniform sind wir durchaus abgeneigt, sie verdeckt den
Charakter und entzieht die Eigenheiten der Kinder, mehr als jede
andere Verstellung, dem Blicke der Vorgesetzten."
Unter solchen und andern Gesprächen gelangte Wilhelm an die Grenze
der Provinz, und zwar an den Punkt, wo sie der Wanderer, nach des
alten Freundes Andeutung, verlassen sollte, um seinem eigentlichen
Zweck entgegenzusehen.
Beim Lebewohl bemerkte zunächst der Aufseher: Wilhelm möge nun
erwarten, bis das große Fest allen Teilnehmern auf mancherlei Weise
angekündigt werde. Hierzu würden die sämtlichen Eltern eingeladen
und tüchtige Zöglinge ins freie, zufällige Leben entlassen. Alsdann
solle er, hieß es, auch die übrigen Landschaften nach Belieben
betreten, wo, nach eigenen Grundsätzen, der einzelne Unterricht in
vollständiger Umgebung erteilt und ausgeübt wird.