Die Wallfahrenden hatten nach Vorschrift den Weg genommen und fanden
glücklich die Grenze der Provinz, in der sie so manches Merkwürdige
erfahren sollten; beim ersten Eintritt gewahrten sie sogleich der
fruchtbarsten Gegend, welche an sanften Hügeln den Feldbau, auf höhern
Bergen die Schafzucht, in weiten Talflächen die Viehzucht begünstigte.
Es war kurz vor der Ernte und alles in größter Fülle; das, was sie
jedoch gleich in Verwunderung setzte, war, daß sie weder Frauen noch
Männer, wohl aber durchaus Knaben und Jünglinge beschäftigt sahen,
auf eine glückliche Ernte sich vorzubereiten, ja auch schon auf ein
fröhliches Erntefest freundliche Anstalt zu treffen. Sie begrüßten
einen und den andern und fragten nach dem Obern, von dessen Aufenthalt
man keine Rechenschaft geben konnte. Die Adresse ihres Briefs
lautete: "An den Obern, oder die Dreie." Auch hierin konnten sich
die Knaben nicht finden; man wies die Fragenden jedoch an einen
Aufseher, der eben das Pferd zu besteigen sich bereitete; sie
eröffneten ihre Zwecke; des Felix Freimütigkeit schien ihm zu
gefallen, und so ritten sie zusammen die Straße hin.
Schon hatte Wilhelm bemerkt, daß in Schnitt und Farbe der Kleider
eine Mannigfaltigkeit obwaltete, die der ganzen kleinen Völkerschaft
ein sonderbares Ansehn gab; eben war er im Begriff, seinen Begleiter
hiernach zu fragen, als noch eine wundersamere Bemerkung sich ihm
auftat: alle Kinder, sie mochten beschäftigt sein, wie sie wollten,
ließen ihre Arbeit liegen und wendeten sich mit besondern, aber
verschiedenen Gebärden gegen die Vorbeireitenden, und es war leicht
zu folgern, daß es dem Vorgesetzten galt. Die jüngsten legten die
Arme kreuzweis über die Brust und blickten fröhlich gen Himmel, die
mittlern hielten die Arme auf den Rücken und schauten lächelnd zur
Erde, die dritten standen strack und mutig; die Arme niedergesenkt,
wendeten sie den Kopf nach der rechten Seite und stellten sich in eine
Reihe, anstatt daß jene vereinzelt blieben, wo man sie traf.
Als man darauf haltmachte und abstieg, wo eben mehrere Kinder nach
verschiedener Weise sich aufstellten und von dem Vorgesetzten
gemustert wurden, fragte Wilhelm nach der Bedeutung dieser Gebärden;
Felix fiel ein und sagte munter: "Was für eine Stellung hab' ich denn
einzunehmen?"--"Auf alle Fälle", versetzte der Aufseher, "zuerst die
Arme über die Brust und ernsthaft-froh nach oben gesehen, ohne den
Blick zu verwenden." Er gehorchte, doch rief er bald: "Dies gefällt
mir nicht sonderlich, ich sehe ja nichts da droben; dauert es lange?
Doch ja!" rief er freudig, "ein paar Habichte fliegen von Westen nach
Osten; das ist wohl ein gutes Zeichen?"-- "Wienach du's aufnimmst, je
nachdem du dich beträgst", versetzte jener; "jetzt mische dich unter
sie, wie sie sich mischen." Er gab ein Zeichen, die Kinder verließen
ihre Stellung, ergriffen ihre Beschäftigung oder spielten wie vorher.
"Mögen und können Sie mir", sagte Wilhelm darauf, "das, was mich
hier in Verwunderung setzt, erklären? Ich sehe wohl, daß diese
Gebärden, diese Stellungen Grüße sind, womit man Sie empfängt.
"--"Ganz richtig", versetzte jener, "Grüße, die mir sogleich andeuten,
auf welcher Stufe der Bildung ein jeder dieser Knaben steht."
"Dürfen Sie mir aber", versetzte Wilhelm, "die Bedeutung des
Stufengangs wohl erklären? denn daß es einer sei, läßt sich wohl
einsehen."-- "Die gebührt Höheren, als ich bin", antwortete jener;
"so viel aber kann ich versichern, daß es nicht leere Grimassen sind,
daß vielmehr den Kindern zwar nicht die höchste, aber doch eine
leitende, faßliche Bedeutung überliefert wird; zugleich aber ist
jedem geboten, für sich zu behalten und zu hegen, was man ihm als
Bescheid zu erteilen für gut findet; sie dürfen weder mit Fremden
noch unter einander selbst darüber schwatzen, und so modifiziert sich
die Lehre hundertfältig. Außerdem hat das Geheimnis sehr große
Vorteile: denn wenn man dem Menschen gleich und immer sagt, worauf
alles ankommt, so denkt er, es sei nichts dahinter. Gewissen
Geheimnissen, und wenn sie offenbar wären, muß man durch Verhüllen
und Schweigen Achtung erweisen, denn dieses wirkt auf Scham und gute
Sitten."--"Ich verstehe Sie", versetzte Wilhelm, "warum sollten wir
das, was in körperlichen Dingen so nötig ist, nicht auch geistig
anwenden? Vielleicht aber können Sie in einem andern Bezug meine
Neugierde befriedigen. Die große Mannigfaltigkeit in Schnitt und
Farbe der Kleider fällt mir auf, und doch seh' ich nicht alle Farben,
aber einige in allen ihren Abstufungen, vom Hellsten bis zum
Dunkelsten. Doch bemerke ich, daß hier keine Bezeichnung der Stufen
irgendeines Alters oder Verdienstes gemeint sein kann, indem die
kleinsten und größten Knaben untermischt so an Schnitt als Farbe
gleich sein können, aber die von gleichen Gebärden im Gewand nicht
miteinander übereinstimmen."--"Auch was dies betrifft", versetzte der
Begleitende, "darf ich mich nicht weiter auslassen; doch müßte ich
mich sehr irren, oder Sie werden über alles, wie Sie nur wünschen
mögen, aufgeklärt von uns scheiden."
Man verfolgte nunmehr die Spur des Obern, welche man gefunden zu
haben glaubte; nun aber mußte dem Fremdling notwendig auffallen, daß,
je weiter sie ins Land kamen, ein wohllautender Gesang ihnen immer
mehr entgegentönte. Was die Knaben auch begannen, bei welcher Arbeit
man sie auch fand, immer sangen sie, und zwar schienen es Lieder jedem
Geschäft besonders angemessen und in gleichen Fällen überall
dieselben. Traten mehrere Kinder zusammen, so begleiteten sie sich
wechselweise; gegen Abend fanden sich auch Tanzende, deren Schritte
durch Chöre belebt und geregelt wurden. Felix stimmte vom Pferde
herab mit ein, und zwar nicht ganz unglücklich, Wilhelm vergnügte
sich an dieser die Gegend belebenden Unterhaltung.
"Wahrscheinlich", so sprach er zu seinem Gefährten, "wendet man
viele Sorgfalt auf solchen Unterricht, denn sonst könnte diese
Geschicklichkeit nicht so weit ausgebreitet und so vollkommen
ausgebildet sein."--"Allerdings", versetzte jener, "bei uns ist der
Gesang die erste Stufe der Bildung, alles andere schließt sich daran
und wird dadurch vermittelt. Der einfachste Genuß sowie die
einfachste Lehre werden bei uns durch Gesang belebt und eingeprägt,
ja selbst was wir überliefern von Glaubens--und Sittenbekenntnis,
wird auf dem Wege des Gesanges mitgeteilt; andere Vorteile zu
selbsttätigen Zwecken verschwistern sich sogleich: denn indem wir die
Kinder üben, Töne, welche sie hervorbringen, mit Zeichen auf die
Tafel schreiben zu lernen und nach Anlaß dieser Zeichen sodann in
ihrer Kehle wiederzufinden, ferner den Text darunterzufügen, so üben
sie zugleich Hand, Ohr und Auge und gelangen schneller zum Recht--und
Schönschreiben, als man denkt, und da dieses alles zuletzt nach
reinen Maßen, nach genau bestimmten Zahlen ausgeübt und nachgebildet
werden muß, so fassen sie den hohen Wert der Meß--und Rechenkunst
viel geschwinder als auf jede andere Weise. Deshalb haben wir denn
unter allem Denkbaren die Musik zum Element unserer Erziehung gewählt,
denn von ihr laufen gleichgebahnte Wege nach allen Seiten."
Wilhelm suchte sich noch weiter zu unterrichten und verbarg seine
Verwunderung nicht, daß er gar keine Instrumentalmusik vernehme.
"Diese wird bei uns nicht vernachlässigt", versetzte jener, "aber in
einen besondern Bezirk, in das anmutigste Bergtal, eingeschlossen
geübt; und da ist denn wieder dafür gesorgt, daß die verschiedenen
Instrumente in auseinanderliegenden Ortschaften gelehrt werden.
Besonders die Mißtöne der Anfänger sind in gewisse Einsiedeleien
verwiesen, wo sie niemand zur Verzweiflung bringen: denn Ihr werdet
selbst gestehen, daß in der wohleingerichteten bürgerlichen
Gesellschaft kaum ein trauriger Leiden zu dulden sei, als das uns die
Nachbarschaft eines angehenden Flöten--oder Violinenspielers
aufdringt.
Unsere Anfänger gehen, aus eigener löblicher Gesinnung, niemand
lästig sein zu wollen, freiwillig länger oder kürzer in die Wüste und
beeifern sich, abgesondert, um das Verdienst, der bewohnten Welt
nähertreten zu dürfen, weshalb jedem von Zeit zu Zeit ein Versuch,
heranzutreten, erlaubt wird, der selten mißlingt, weil wir Scham und
Scheu bei dieser wie bei unsern übrigen Einrichtungen gar wohl hegen
und pflegen dürfen. Daß Eurem Sohn eine glückliche Stimme geworden,
freut mich innigst, für das übrige sorgt sich um desto leichter."
Nun waren sie zu einem Ort gelangt, wo Felix verweilen und sich an
der Umgebung prüfen sollte, bis man zur förmlichen Aufnahme geneigt
wäre; schon von weitem hörten sie einen freudigen Gesang; es war ein
Spiel, woran sich die Knaben in der Feierstunde diesmal ergötzten.
Ein allgemeiner Chorgesang erscholl, wozu jedes Glied eines weiten
Kreises freudig, klar und tüchtig an seinem Teile zustimmte, den
Winken des Regelnden gehorchend. Dieser überraschte jedoch öfters
die Singenden, indem er durch ein Zeichen den Chorgesang aufhob und
irgendeinen einzelnen Teilnehmenden, ihn mit dem Stäbchen berührend,
aufforderte, sogleich allein ein schickliches Lied dem verhallenden
Ton, dem vorschwebenden Sinne anzupassen. Schon zeigten die meisten
viel Gewandtheit, einige, denen das Kunststück mißlang, gaben ihr
Pfand willig hin, ohne gerade ausgelacht zu werden. Felix war Kind
genug, sich gleich unter sie zu mischen, und zog sich noch so
leidlich aus der Sache. Sodann ward ihm jener erste Gruß zugeeignet;
er legte sogleich die Hände auf die Brust, blickte aufwärts, und zwar
mit so schnackischer Miene, daß man wohl bemerken konnte, ein
geheimer Sinn dabei sei ihm noch nicht aufgegangen.
Der angenehme Ort, die gute Aufnahme, die muntern Gespielen, alles
gefiel dem Knaben so wohl, daß es ihm nicht sonderlich wehe tat,
seinen Vater abreisen zu sehen; fast blickte er dem weggeführten
Pferde schmerzlicher nach; doch ließ er sich bedeuten, da er vernahm,
daß er es im gegenwärtigen Bezirk nicht behalten könne; man versprach
ihm dagegen, er solle, wo nicht dasselbe, doch ein gleiches, munter
und wohlgezogen, unerwartet wiederfinden.
Da sich der Obere nicht erreichen ließ, sagte der Aufseher: "Ich muß
Euch nun verlassen, meine Geschäfte zu verfolgen; doch will ich Euch
zu den Dreien bringen, die unsern Heiligtümern vorstehen, Euer Brief
ist auch an sie gerichtet, und sie zusammen stellen den Obern vor."
Wilhelm hätte gewünscht, von den Heiligtümern im voraus zu vernehmen,
jener aber versetzte: "Die Dreie werden Euch, zu Erwiderung des
Vertrauens, daß Ihr uns Euren Sohn überlaßt, nach Weisheit und
Billigkeit gewiß das Nötigste eröffnen. Die sichtbaren Gegenstände
der Verehrung, die ich Heiligtümer nannte, sind in einen besondern
Bezirk eingeschlossen, werden mit nichts gemischt, durch nichts
gestört; nur zu gewissen Zeiten des Jahres läßt man die Zöglinge, den
Stufen ihrer Bildung gemäß, dort eintreten, um sie historisch und
sinnlich zu belehren, da sie denn genugsamen Eindruck mit wegnehmen,
um, bei Ausübung ihrer Pflicht, eine Zeitlang daran zu zehren."
Nun stand Wilhelm am Tor eines mit hohen Mauern umgebenen Talwaldes;
auf ein gewisses Zeichen eröffnete sich die kleine Pforte, und ein
ernster, ansehnlicher Mann empfing unsern Freund. Dieser fand sich in
einem großen, herrlichen grünenden Raum, von Bäumen und Büschen
vielerlei Art beschattet, kaum daß er stattliche Mauern und
ansehnliche Gebäude durch diese dichte und hohe Naturpflanzung
hindurch bemerken konnte; ein freundlicher Empfang von den Dreien,
die sich nach und nach herbeifanden, löste sich endlich in ein
Gespräch auf, wozu jeder das Seinige beitrug, dessen Inhalt wir jedoch
in der Kürze zusammenfassen.
"Da Ihr uns Euren Sohn vertraut", sagten sie, "sind wir schuldig,
Euch tiefer in unser Verfahren hineinblicken zu lassen. Ihr habt
manches äußerliche gesehen, welches nicht sogleich sein Verständnis
mit sich führt; was davon wünscht Ihr vor allem aufgeschlossen?"
"Anständige, doch seltsame Gebärden und Grüße hab' ich bemerkt,
deren Bedeutung ich zu erfahren wünschte; bei euch bezieht sich gewiß
das äußere auf das Innere, und umgekehrt; laßt mich diesen Bezug
erfahren."
"Wohlgeborne, gesunde Kinder", versetzten jene, "bringen viel mit;
die Natur hat jedem alles gegeben, was er für Zeit und Dauer nötig
hätte; dieses zu entwickeln, ist unsere Pflicht, öfters entwickelt
sich's besser von selbst. Aber eins bringt niemand mit auf die Welt,
und doch ist es das, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen
Seiten zu ein Mensch sei. Könnt Ihr es selbst finden, so sprecht es
aus." Wilhelm bedachte sich eine kurze Zeit und schüttelte sodann
den Kopf.
Jene, nach einem anständigen Zaudern, riefen: "Ehrfurcht!" Wilhelm
stutzte. "Ehrfurcht!" hieß es wiederholt. "Allen fehlt sie,
vielleicht Euch selbst.
Dreierlei Gebärde habt Ihr gesehen, und wir überliefern eine
dreifache Ehrfurcht, die, wenn sie zusammenfließt und ein Ganzes
bildet, erst ihre höchste Kraft und Wirkung erreicht. Das erste ist
Ehrfurcht vor dem, was über uns ist. Jene Gebärde, die Arme
kreuzweis über die Brust, einen freudigen Blick gen Himmel, das ist,
was wir unmündigen Kindern auflegen und zugleich das Zeugnis von
ihnen verlangen, daß ein Gott da droben sei, der sich in Eltern,
Lehrern, Vorgesetzten abbildet und offenbart. Das zweite: Ehrfurcht
vor dem, was unter uns ist. Die auf den Rücken gefalteten, gleichsam
gebundenen Hände, der gesenkte, lächelnde Blick sagen, daß man die
Erde wohl und heiter zu betrachten habe; sie gibt Gelegenheit zur
Nahrung; sie gewährt unsägliche Freuden; aber unverhältnismäßige
Leiden bringt sie. Wenn einer sich körperlich beschädigte,
verschuldend oder unschuldig, wenn ihn andere vorsätzlich oder
zufällig verletzten, wenn das irdische Willenlose ihm ein Leid
zufügte, das bedenk' er wohl: denn solche Gefahr begleitet ihn sein
Leben lang. Aber aus dieser Stellung befreien wir unsern Zögling
baldmöglichst, sogleich wenn wir überzeugt sind, daß die Lehre dieses
Grads genugsam auf ihn gewirkt habe; dann aber heißen wir ihn sich
ermannen, gegen Kameraden gewendet nach ihnen sich richten. Nun
steht er strack und kühn, nicht etwa selbstisch vereinzelt; nur in
Verbindung mit seinesgleichen macht er Fronte gegen die Welt. Weiter
müßten wir nichts hinzuzufügen."
"Es leuchtet mir ein!" versetzte Wilhelm; "deswegen liegt die Menge
wohl so im argen, weil sie sich nur im Element des Mißwollens und
Mißredens behagt; wer sich diesem überliefert, verhält sich gar bald
gegen Gott gleichgültig, verachtend gegen die Welt, gegen
seinesgleichen gehässig; das wahre, echte, unentbehrliche Selbstgefühl
aber zerstört sich in Dünkel und Anmaßung. Erlauben Sie mir
dessenungeachtet", fuhr Wilhelm fort, "ein einziges einzuwenden: Hat
man nicht von jeher die Furcht roher Völker vor mächtigen
Naturerscheinungen und sonst unerklärlichen, ahnungsvollen
Ereignissen für den Keim gehalten, woraus ein höheres Gefühl, eine
reinere Gesinnung sich stufenweise entwickeln sollte?" Hierauf
erwiderten jene: "Der Natur ist Furcht wohl gemäß, Ehrfurcht aber
nicht; man fürchtet ein bekanntes oder unbekanntes mächtiges Wesen,
der Starke sucht es zu bekämpfen, der Schwache zu vermeiden, beide
wünschen es loszuwerden und fühlen sich glücklich, wenn sie es auf
kurze Zeit beseitigt haben, wenn ihre Natur sich zur Freiheit und
Unabhängigkeit einigermaßen wieder herstellte. Der natürliche Mensch
wiederholt diese Operation millionenmal in seinem Leben, von der
Furcht strebt er zur Freiheit, aus der Freiheit wird er in die Furcht
getrieben und kommt um nichts weiter. Sich zu fürchten ist leicht,
aber beschwerlich; Ehrfurcht zu hegen ist schwer, aber bequem.
Ungern entschließt sich der Mensch zur Ehrfurcht, oder vielmehr
entschließt sich nie dazu; es ist ein höherer Sinn, der seiner Natur
gegeben werden muß und der sich nur bei besonders Begünstigten aus
sich selbst entwickelt, die man auch deswegen von jeher für Heilige,
für Götter gehalten. Hier liegt die Würde, hier das Geschäft aller
echten Religionen, deren es auch nur dreie gibt, nach den Objekten,
gegen welche sie ihre Andacht wenden."
Die Männer hielten inne, Wilhelm schwieg eine Weile nachdenkend; da
er in sich aber die Anmaßung nicht fühlte, den Sinn jener sonderbaren
Worte zu deuten, so bat er die Würdigen, in ihrem Vortrage
fortzufahren, worin sie ihm denn auch sogleich willfahrten. "Keine
Religion", sagten sie, "die sich auf Furcht gründet, wird unter uns
geachtet. Bei der Ehrfurcht, die der Mensch in sich walten läßt, kann
er, indem er Ehre gibt, seine Ehre behalten, er ist nicht mit sich
selbst veruneint wie in jenem Falle. Die Religion, welche auf
Ehrfurcht vor dem, was über uns ist, beruht, nennen wir die ethnische,
es ist die Religion der Völker und die erste glückliche Ablösung von
einer niedern Furcht; alle sogenannten heidnischen Religionen sind
von dieser Art, sie mögen übrigens Namen haben, wie sie wollen. Die
zweite Religion, die sich auf jene Ehrfurcht gründet, die wir vor dem
haben, was uns gleich ist, nennen wir die philosophische: denn der
Philosoph, der sich in die Mitte stellt, muß alles Höhere zu sich
herab, alles Niedere zu sich herauf ziehen, und nur in diesem
Mittelzustand verdient er den Namen des Weisen. Indem er nun das
Verhältnis zu seinesgleichen und also zur ganzen Menschheit, das
Verhältnis zu allen übrigen irdischen Umgebungen, notwendigen und
zufälligen, durchschaut, lebt er im kosmischen Sinne allein in der
Wahrheit. Nun ist aber von der dritten Religion zu sprechen,
gegründet auf die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist; wir nennen
sie die christliche, weil sich in ihr eine solche Sinnesart am
meisten offenbart; es ist ein Letztes, wozu die Menschheit gelangen
konnte und mußte. Aber was gehörte dazu, die Erde nicht allein unter
sich liegen zu lassen und sich auf einen höhern Geburtsort zu berufen,
sondern auch Niedrigkeit und Armut, Spott und Verachtung, Schmach
und Elend, Leiden und Tod als göttlich anzuerkennen, ja Sünde selbst
und Verbrechen nicht als Hindernisse, sondern als Fördernisse des
Heiligen zu verehren und liebzugewinnen. Hievon finden sich freilich
Spuren durch alle Zeiten, aber Spur ist nicht Ziel, und da dieses
einmal erreicht ist, so kann die Mehrheit nicht wieder zurück, und man
darf sagen, daß die christliche Religion, da sie einmal erschienen
ist, nicht wieder verschwinden kann, da sie sich einmal göttlich
verkörpert hat, nicht wieder aufgelöst werden mag."
"Zu welcher von diesen Religionen bekennt ihr euch denn
insbesondere?" sagte Wilhelm. "Zu allen dreien", erwiderten jene;
"denn sie zusammen bringen eigentlich die wahre Religion hervor; aus
diesen drei Ehrfurchten entspringt die oberste Ehrfurcht, die
Ehrfurcht vor sich selbst, und jene entwickeln sich abermals aus
dieser, so daß der Mensch zum Höchsten gelangt, was er zu erreichen
fähig ist, daß er sich selbst für das Beste halten darf, was Gott und
Natur hervorgebracht haben, ja, daß er auf dieser Höhe verweilen kann,
ohne durch Dünkel und Selbstheit wieder ins Gemeine gezogen zu werden."
"Ein solches Bekenntnis, auf diese Weise entwickelt, befremdet mich
nicht", versetzte Wilhelm, "es kommt mit allem überein, was man im
Leben hie und da vernimmt, nur daß euch dasjenige vereinigt, was
andere trennt." Hierauf versetzten jene: "Schon wird dieses
Bekenntnis von einem großen Teil der Welt ausgesprochen, doch
unbewußt."
"Wie denn und wo?" fragte Wilhelm. "Im Credo!" riefen jene laut;
"denn der erste Artikel ist ethnisch und gehört allen Völkern; der
zweite christlich, für die mit Leiden Kämpfenden und in Leiden
Verherrlichten; der dritte zuletzt lehrt eine begeisterte
Gemeinschaft der Heiligen, welches heißt: der im höchsten Grad Guten
und Weisen. Sollten daher die drei göttlichen Personen, unter deren
Gleichnis und Namen solche überzeugungen und Verheißungen
ausgesprochen sind, nicht billigermaßen für die höchste Einheit
gelten?"
"Ich danke", versicherte jener, "daß ihr mir dieses, als einem
Erwachsenen, dem die drei Sinnesarten nicht fremd sind, so klar und
zusammenhängend aussprechen wollen, und wenn ich nun zurückdenke, daß
ihr den Kindern diese hohe Lehre erst als sinnliches Zeichen, dann
mit einigem symbolischen Anklang überliefert und zuletzt die oberste
Deutung ihnen entwickelt, so muß ich es höchlich billigen."
"Ganz richtig", erwiderten jene; "nun aber müßt Ihr noch mehr
erfahren, damit Ihr Euch überzeugt, daß Euer Sohn in den besten Händen
sei. Doch dies Geschäft bleibe für die Morgenstunden; ruht aus und
erquickt Euch, damit Ihr uns, vergnügt und vollkommen menschlich,
morgen früh in das Innere folgen könnt."