Der Pudding erschien Punkt zwei, und Schmidt hatte sich denselben munden
lassen. In seiner behaglichen Stimmung entging es ihm durchaus, daß
Korinna für alles, was er sagte, nur ein stummes Lächeln hatte; denn er
war ein liebenswürdiger Egoist, wie die meisten seines Zeichens, und
kümmerte sich nicht sonderlich um die Stimmung seiner Umgebung, so lange
nichts passierte, was dazu angetan war, ihm die Laune direkt zu stören.
»Und nun laß abdecken, Korinna; ich will, eh' ich mich ein bißchen
ausstrecke, noch einen Brief an Marcell schreiben oder doch wenigstens
ein paar Zeilen. Er hat nämlich die Stelle. Distelkamp, der immer noch
alte Beziehungen unterhält, hat michs heute Vormittag wissen lassen.«
Und während der Alte das sagte, sah er zu Korinna hinüber, weil er
wahrnehmen wollte, wie diese wichtige Nachricht auf seiner Tochter Gemüt
wirke. Er sah aber nichts, vielleicht weil nichts zu sehen war,
vielleicht auch weil er kein scharfer Beobachter war, selbst dann nicht,
wenn ers ausnahmsweise mal sein wollte.
Korinna, während der Alte sich erhob, stand ebenfalls auf und ging
hinaus, um draußen die nötigen Ordres zum Abräumen an die Schmolke zu
geben. Als diese bald danach eintrat, setzte sie mit jenem absichtlichen
und ganz unnötigen Lärmen, durch den alte Dienerinnen ihre dominierende
Hausstellung auszudrücken lieben, die herumstehenden Teller und Bestecke
zusammen, derart, daß die Messer- und Gabelspitzen nach allen Seiten hin
herausstarrten, und drückte diesen Stachelturm im selben Augenblicke, wo
sie sich zum Hinausgehen anschickte, fest an sich.
»Pieken Sie sich nicht, liebe Schmolke,« sagte Schmidt, der sich gern
einmal eine kleine Vertraulichkeit erlaubte.
»Nein, Herr Professor, von pieken is keine Rede nich mehr, schon lange
nich. Un mit der Verlobung is es auch vorbei.«
»Vorbei. Wirklich? Hat sie was gesagt?«
»Ja, wie sie die Semmel zu den Pudding rieb, ist es mit eins
'rausgekommen. Es stieß ihr schon lange das Herz ab, und sie wollte bloß
nichts sagen. Aber nu is es ihr zu langweilig geworden, das mit
Leopolden. Immer bloß kleine Billetter mit'n Vergißmeinnicht draußen
un'n Veilchen drin; da sieht sie nu doch wohl, daß er keine rechte
Kourage hat, un daß seine Furcht vor der Mama noch größer is, als seine
Liebe zu ihr.«
»Nun, das freut mich. Und ich hab' es auch nicht anders erwartet. Und
Sie wohl auch nicht, liebe Schmolke. Der Marcell ist doch ein andres
Kraut. Und was heißt gute Partie? Marcell ist Archäologe.«
»Versteht sich,« sagte die Schmolke, die sich dem Professor gegenüber
grundsätzlich nie zur Unvertrautheit mit Fremdwörtern bekannte.
»Marcell, sag' ich, ist Archäologe. Vorläufig rückt er an Hedrichs
Stelle. Gut angeschrieben ist er schon lange, seit Jahr und Tag. Und
dann geht er mit Urlaub und Stipendium nach Mykenä ...«
Die Schmolke drückte auch jetzt wieder ihr volles Verständnis und
zugleich ihre Zustimmung aus.
»Und vielleicht,« fuhr Schmidt fort, »auch nach Tiryns oder wo
Schliemann gerade steckt. Und wenn er von da zurück ist und mir einen
Zeus für diese meine Stube mitgebracht hat ...« und er wies dabei
unwillkürlich nach dem Ofen oben, als dem einzigen für Zeus noch
leeren Fleck ... »wenn er von da zurück ist, sag' ich, so ist ihm eine
Professur gewiß. Die Alten können nicht ewig leben. Und sehen Sie,
liebe Schmolke, das ist das, was ich eine gute Partie nenne.«
»Versteht sich, Herr Professor. Wovor sind denn auch die Examens un all
das? Un Schmolke, wenn er auch kein Studierter war, sagte auch immer
...«
»Und nun will ich an Marcell schreiben und mich dann ein
Viertelstündchen hinlegen. Und um halb vier den Kaffee. Aber
nicht später.«
* * * * *
Um halb vier kam der Kaffee. Der Brief an Marcell, ein Rohrpostbrief, zu
dem sich Schmidt nach einigem Zögern entschlossen hatte, war seit
wenigstens einer halben Stunde fort, und wenn alles gut ging und Marcell
zu Hause war, so las er vielleicht in diesem Augenblicke schon die drei
lapidaren Zeilen, aus denen er seinen Sieg entnehmen konnte.
Gymnasial-Oberlehrer! Bis heute war er nur deutscher Literaturlehrer an
einer höheren Mädchenschule gewesen und hatte manchmal grimmig in sich
hineingelacht, wenn er über den _Codex argenteus_, bei welchem Worte die
jungen Dinger immer kicherten, oder über den Heliand und Beowulf hatte
sprechen müssen. Auch hinsichtlich Korinnas waren ein paar dunkle
Wendungen in den Brief eingeflochten worden, und alles in allem ließ
sich annehmen, daß Marcell binnen kürzester Frist erscheinen würde,
seinen Dank auszusprechen.
Und wirklich, fünf Uhr war noch nicht heran, als die Klingel ging und
Marcell eintrat. Er dankte dem Onkel herzlich für seine Protektion, und
als dieser das alles mit der Bemerkung ablehnte, daß, wenn von solchen
Dingen überhaupt die Rede sein könne, jeder Dankesanspruch auf
Distelkamp falle, sagte Marcell: »Nun, dann also Distelkamp. Aber daß du
mir's gleich geschrieben, dafür werd' ich mich doch auch bei dir
bedanken dürfen. Und noch dazu mit Rohrpost!«
»Ja, Marcell, das mit Rohrpost, das hat vielleicht Anspruch; denn eh'
wir Alten uns zu was neuem bequemen, das dreißig Pfennig kostet, da kann
mitunter viel Wasser die Spree 'runterfließen. Aber was sagst du zu
Korinna?«
»Lieber Onkel, du hast da so eine dunkle Wendung gebraucht, ... ich habe
sie nicht recht verstanden. Du schriebst: >Kenneth von Leoparden sei auf
dem Rückzug<. Ist Leopold gemeint? Und muß es Korinna jetzt als Strafe
hinnehmen, daß sich Leopold, den sie so sicher zu haben glaubte, von ihr
abwendet?«
»Es wäre so schlimm nicht, wenn es so läge. Denn in diesem Falle wäre
die Demütigung, von der man doch wohl sprechen muß, noch um einen Grad
größer. Und so sehr ich Korinna liebe, so muß ich doch zugeben, daß ihr
ein Denkzettel wohl not täte.«
Marcell wollte zum Guten reden ...
»Nein, verteidige sie nicht, sie hätte so was verdient. Aber die Götter
haben es doch milder mit ihr vor und diktieren ihr statt der ganzen
Niederlage, die sich in Leopolds selbstgewolltem Rückzuge aussprechen
würde, nur die halbe Niederlage zu, nur die, daß die Mutter nicht will
und daß meine gute Jenny, trotz Lyrik und obligater Träne, sich ihrem
Jungen gegenüber doch mächtiger erweist als Korinna.«
»Vielleicht nur, weil Korinna sich noch rechtzeitig besann und nicht
alle Minen springen lassen wollte.«
»Vielleicht ist es so. Aber wie es auch liegen mag, Marcell, wir müssen
uns nun darüber schlüssig machen, wie du zu dieser ganzen Tragikomödie
dich stellen willst, so oder so. Ist dir Korinna, die du vorhin so
großmütig verteidigen wolltest, verleidet oder nicht? Findest du, daß
sie wirklich eine gefährliche Person ist, voll Oberflächlichkeit und
Eitelkeit, oder meinst du, daß alles nicht so schlimm und ernsthaft war,
eigentlich nur bloße Marotte, die verziehen werden kann? Darauf kommt es
an.«
»Ja, lieber Onkel, ich weiß wohl, wie ich dazu stehe. Aber ich bekenne
dir offen, ich hörte gern erst deine Meinung. Du hast es immer gut mit
mir gemeint und wirst Korinna nicht mehr loben, als sie verdient. Auch
schon aus Selbstsucht nicht, weil du sie gern im Hause behieltest. Und
ein bißchen Egoist bist du ja wohl. Verzeih', ich meine nur so dann und
wann und in einzelnen Stücken ...«
»Sage dreist in allen. Ich weiß das auch und getröste mich damit, daß es
in der Welt öfters vorkommt. Aber das sind Abschweifungen. Von Korinna
soll ich sprechen und will auch. Ja, Marcell, was ist da zu sagen? Ich
glaube, sie war ganz ernsthaft dabei, hat dir's ja auch damals ganz
frank und frei erklärt, und du hast es auch geglaubt, mehr noch als ich.
Das war die Sachlage, so stand es vor ein paar Wochen. Aber jetzt darauf
möcht' ich mich verwetten, jetzt ist sie gänzlich umgewandelt, und wenn
die Treibels ihren Leopold zwischen lauter Juwelen und Goldbarren setzen
wollten, ich glaube, sie nähm' ihn nicht mehr. Sie hat eigentlich ein
gesundes und ehrliches und aufrichtiges Herz, auch einen feinen
Ehrenpunkt, und nach einer kurzen Abirrung ist ihr mit einem Male klar
geworden, was es eigentlich heißt, wenn man mit zwei Familienporträts
und einer väterlichen Bibliothek in eine reiche Familie hineinheiraten
will. Sie hat den Fehler gemacht, sich einzubilden, >das ginge so<,
weil man ihrer Eitelkeit beständig Zuckerbrot gab und so tat, als
bewerbe man sich um sie. Aber bewerben und bewerben ist ein Unterschied.
Gesellschaftlich, das geht eine Weile; nur nicht fürs Leben. In
eine Herzogsfamilie kann man allenfalls hineinkommen, in eine
Bourgeoisfamilie nicht. Und wenn =er=, der Bourgeois, es auch wirklich
übers Herz brächte -- seine Bourgeoise gewiß nicht, am wenigsten wenn
sie Jenny Treibel, _née_ Bürstenbinder heißt. Rund heraus, Korinnas
Stolz ist endlich wach gerufen, laß mich hinzusetzen: Gott sei Dank, und
gleichviel nun, ob sies noch hätte durchsetzen können oder nicht, sie
mag es und will es nicht mehr, sie hat es satt. Was vordem halb
Berechnung, halb Übermut war, das sieht sie jetzt in einem andern Licht
und ist ihr Gesinnungssache geworden. Da hast du meine Weisheit. Und nun
laß mich noch einmal fragen, wie gedenkst du dich zu stellen? Hast du
Lust und Kraft, ihr die Torheit zu verzeihen?«
»Ja, lieber Onkel, das hab' ich. Natürlich, soviel ist richtig, es wäre
mir ein gut Teil lieber, die Geschichte hätte =nicht= gespielt; aber da
sie nun einmal gespielt hat, nehm' ich mir das Gute daraus. Korinna hat
nun wohl für immer mit der Modernität und dem krankhaften Gewichtlegen
aufs Äußerliche gebrochen, und hat statt dessen die von ihr verspotteten
Lebensformen wieder anerkennen gelernt, in denen sie groß geworden ist.«
Der Alte nickte.
»Mancher,« fuhr Marcell fort, »würde sich anders dazu stellen, das ist
mir völlig klar; die Menschen sind eben verschieden, das sieht man alle
Tage. Da hab' ich beispielsweise, ganz vor kurzem erst, eine kleine
reizende Geschichte von Heyse gelesen, in der ein junger Gelehrter, ja,
wenn mir recht ist, sogar ein archäologisch Angekränkelter, also eine
Art Spezialkollege von mir, eine junge Baronesse liebt und auch herzlich
und aufrichtig wieder geliebt wird; er weiß es nur noch nicht recht, ist
ihrer noch nicht ganz sicher. Und in diesem Unsicherheitszustande hört
er in der zufälligen Verborgenheit einer Taxushecke, wie die mit einer
Freundin im Park lustwandelnde Baronesse eben dieser ihrer Freundin
allerhand Konfessions macht, von ihrem Glück und ihrer Liebe plaudert
und sichs nur leider nicht versagt, ein paar scherzhaft übermütige
Bemerkungen über ihre Liebe mit einzuflechten. Und dies hören und sein
Ränzel schnüren und sofort das Weite suchen, ist für den Liebhaber und
Archäologen eins. Mir ganz unverständlich. Ich, lieber Onkel, hätt' es
anders gemacht, ich hätte nur die Liebe herausgehört und nicht den
Scherz und nicht den Spott, und wäre, statt abzureisen, meiner geliebten
Baronesse wahnsinnig glücklich zu Füßen gestürzt, von nichts sprechend
als von meinem unendlichen Glück. Da hast du meine Situation, lieber
Onkel. Natürlich kann mans auch anders machen; ich bin für mein Teil
indessen herzlich froh, daß ich nicht zu den Feierlichen gehöre. Respekt
vor dem Ehrenpunkt, gewiß; aber zuviel davon ist vielleicht überall vom
Übel und in der Liebe nun schon ganz gewiß.«
»Bravo, Marcell. Hab' es übrigens nicht anders erwartet und seh' auch
darin wieder, daß du meiner leiblichen Schwester Sohn bist. Sieh, das
ist das Schmidtsche in dir, daß du so sprechen kannst; keine
Kleinigkeit, keine Eitelkeit, immer aufs Rechte, und immer aufs Ganze.
Komm her, Junge, gib mir einen Kuß. Einer ist eigentlich zu wenig, denn
wenn ich bedenke, daß du mein Neffe und Kollege, und nun bald auch mein
Schwiegersohn bist, denn Korinna wird doch wohl nicht Nein sagen, dann
sind auch zwei Backenküsse kaum noch genug. Und die Genugtuung sollst du
haben, Marcell, Korinna muß an dich schreiben, und sozusagen beichten
und Vergebung der Sünden bei dir anrufen.«
»Um Gotteswillen, Onkel, mache nur nicht so was. Zunächst wird sie's
nicht tun, und wenn sie's tun wollte, so würd' ich doch das nicht mit
ansehn können. Die Juden, so hat mir Friedeberg erst ganz vor kurzem
erzählt, haben ein Gesetz oder einen Spruch, wonach es als ganz
besonders strafwürdig gilt, >einen Mitmenschen zu beschämen<, und ich
finde, das ist ein kolossal feines Gesetz und beinah' schon christlich.
Und wenn man niemanden beschämen soll, nicht einmal seine Feinde, ja,
lieber Onkel, wie käm' ich dann dazu, meine liebe Kusine Korinna
beschämen zu wollen, die vielleicht schon nicht weiß, wo sie vor
Verlegenheit hinsehen soll. Denn wenn die Nicht-Verlegenen einmal
verlegen werden, dann werden sie's auch ordentlich und ist einer in
solch' peinlicher Lage wie Korinna, da hat man die Pflicht, ihm goldne
Brücken zu bau'n. Ich werde schreiben, lieber Onkel.«
»Bist ein guter Kerl, Marcell; komm her, noch einen. Aber sei nicht zu
gut, das können die Weiber nicht vertragen, nicht einmal die Schmolke.«