Sechzehntes Kapitel

Und Marcell schrieb wirklich, und am andern Morgen lagen zwei an

Korinna adressierte Briefe auf dem Frühstückstisch, einer in kleinem

Format mit einem Landschaftsbildchen in der linken Ecke, Teich und

Trauerweide, worin Leopold, zum ach, wie vielsten Male, von seinem

»unerschütterlichen Entschlusse« sprach, der andere, ohne malerische

Zutat, von Marcell. Dieser lautete:

»Liebe Korinna! Der Papa hat gestern mit mir gesprochen und mich zu

meiner innigsten Freude wissen lassen, daß, verzeih', es sind seine

eigenen Worte, >Vernunft wieder an zu sprechen fange<. >Und<, so setzte

er hinzu, >die rechte Vernunft käme aus dem Herzen<. Darf ich es

glauben? Ist ein Wandel eingetreten, die Bekehrung, auf die ich gehofft?

Der Papa wenigstens hat mich dessen versichert. Er war auch der Meinung,

daß Du bereit sein würdest, dies gegen mich auszusprechen, aber ich habe

feierlichst dagegen protestiert, denn mir liegt gar nicht daran,

Unrechts- oder Schuldgeständnisse zu hören; -- =das=, was ich jetzt

weiß, wenn auch noch nicht aus Deinem Munde, genügt mir völlig, macht

mich unendlich glücklich und löscht alle Bitterkeit aus meiner Seele.

Manch' einer würde mir in diesem Gefühl nicht folgen können, aber ich

habe da, wo mein Herz spricht, nicht das Bedürfnis, zu einem Engel zu

sprechen, im Gegenteil, mich bedrücken Vollkommenheiten, vielleicht weil

ich nicht an sie glaube; Mängel, die ich menschlich begreife, sind mir

sympathisch, auch dann noch, wenn ich unter ihnen leide. Was Du mir

damals sagtest, als ich Dich an dem Mr. Nelson-Abend von Treibels nach

Hause begleitete, das weiß ich freilich noch alles, aber es lebt nur in

meinem Ohr, nicht in meinem Herzen. In meinem Herzen steht nur das eine,

das immer darin stand, von Anfang an, von Jugend auf.

»Ich hoffe Dich heute noch zu sehen. Wie immer Dein Marcell.«

Korinna reichte den Brief ihrem Vater. Der las nun auch und blies dabei

doppelte Dampfwolken; als er aber fertig war, stand er auf und gab

seinem Liebling einen Kuß auf die Stirn: »Du bist ein Glückskind. Sieh',

das ist das, was man das Höhere nennt, das wirklich Ideale, nicht das

von meiner Freundin Jenny. Glaube mir, das Klassische, was sie jetzt

verspotten, das ist das, was die Seele frei macht, das Kleinliche nicht

kennt und das Christliche vorahnt und vergeben und vergessen lehrt, weil

wir alle des Ruhmes mangeln. Ja, Korinna, das Klassische, das hat

Sprüche wie Bibelsprüche. Mitunter beinah' noch etwas d'rüber. Da haben

wir zum Beispiel den Spruch: >Werde, der du bist<, ein Wort, das nur ein

Grieche sprechen konnte. Freilich, dieser Werdeprozeß, der hier

gefordert wird, muß sich verlohnen, aber wenn mich meine väterliche

Befangenheit nicht täuscht, bei =dir= verlohnt es sich. Diese Treibelei

war ein Irrtum, ein >Schritt vom Wege<, wie jetzt, wie du wissen wirst,

auch ein Lustspiel heißt, noch dazu von einem Kammergerichtsrat. Das

Kammergericht, Gott sei Dank, war immer literarisch. Das Literarische

macht frei. ... Jetzt hast du das Richtige wiedergefunden und dich

selbst dazu ... >Werde, der du bist<, sagt der große Pindar, und deshalb

muß auch Marcell, um der zu werden, der er ist, in die Welt hinaus, an

die großen Stätten, und besonders an die ganz alten. Die ganz alten, das

ist immer wie das heilige Grab; dahin gehen die Kreuzzüge der

Wissenschaft, und seid ihr erst von Mykenä wieder zurück -- ich sage

>ihr<, denn du wirst ihn begleiten, die Schliemann ist auch immer dabei

-- so müßte keine Gerechtigkeit sein, wenn ihr nicht übers Jahr

Privatdozent wär't oder Extraordinarius.«

Korinna dankte ihm, daß er sie gleich mit ernenne, vorläufig indes sei

sie mehr für Haus- und Kinderstube. Dann verabschiedete sie sich und

ging in die Küche, setzte sich auf einen Schemel und ließ die Schmolke

den Brief lesen. »Nun, was sagen Sie, liebe Schmolke?«

»Ja, Korinna, was soll ich sagen? Ich sage bloß, was Schmolke immer

sagte: manchen gibt es der liebe Gott im Schlaf. Du hast ganz

unverantwortlich un beinahe schauderöse gehandelt un kriegst ihn nu

doch. Du bist ein Glückskind.«

»Das hat mir Papa auch gesagt.«

»Na, denn muß es wahr sein, Korinna. Denn was ein Professor sagt, is

immer wahr. Aber nu keine Flausen mehr und keine Witzchen, davon haben

wir nu genug gehabt mit dem armen Leopold, der mir doch eigentlich leid

tun kann, denn er hat sich ja nich selber gemacht, und der Mensch is am

Ende wie er is. Nein, Korinna, nu wollen wir ernsthaft werden. Und wenn

meinst du denn, daß es los geht oder in die Zeitung kommt? Morgen?«

»Nein, liebe Schmolke, so schnell geht es nicht. Ich muß ihn doch erst

seh'n, und ihm einen Kuß geben ...«

»Versteht sich, versteht sich. Eher geht es nich ...«

»Und dann muß ich doch auch dem armen Leopold erst abschreiben. Er hat

mir ja erst heute wieder versichert, daß er für mich leben und sterben

will ...«

»Ach Jott, der arme Mensch.«

»Am Ende ist er auch ganz froh ...«

»Möglich is es.«

* * * * *

Noch am selben Abend, wie sein Brief es angezeigt, kam Marcell und

begrüßte zunächst den in seine Zeitungslektüre vertieften Onkel, der ihm

denn auch -- vielleicht weil er die Verlobungsfrage für erledigt hielt

-- etwas zerstreut und das Zeitungsblatt in der Hand mit den Worten

entgegentrat: »Und nun sage, Marcell, was sagst du dazu? _Summus

Episcopus_ ... Der Kaiser, unser alter Wilhelm, entkleidet sich davon,

und will es nicht mehr, und Kögel wird es. Oder vielleicht Stöcker ...«

»Ach, lieber Onkel, erstlich glaub' ich es nicht. Und dann, ich werde ja

doch schwerlich im Dom getraut werden ...«

»Hast recht. Ich habe den Fehler aller Nichtpolitiker, über einer

Sensationsnachricht, die natürlich hinterher immer falsch ist, alles

wichtigere zu vergessen. Korinna sitzt drüben in ihrem Zimmer und wartet

auf dich, und ich denke mir, es wird wohl das beste sein, ihr macht es

untereinander ab; ich bin auch mit der Zeitung noch nicht ganz fertig,

und ein Dritter geniert bloß, auch wenn es der Vater ist.«

Korinna, als Marcell eintrat, kam ihm herzlich und freundlich entgegen,

etwas verlegen, aber doch zugleich sichtlich gewillt, die Sache nach

ihrer Art zu behandeln, also so wenig tragisch wie möglich. Von drüben

her fiel der Abendschein ins Fenster, und als sie sich gesetzt hatten,

nahm sie seine Hand und sagte: »Du bist so gut, und ich hoffe, daß ich

dessen immer eingedenk sein werde. Was ich wollte, war nur Torheit.«

»Wolltest du's denn wirklich?«

Sie nickte.

»Und liebtest ihn ganz ernsthaft?«

»Nein. Aber ich wollte ihn ganz ernsthaft heiraten. Und mehr noch,

Marcell, ich glaube auch nicht, daß ich sehr unglücklich geworden wäre,

das liegt nicht in mir, freilich auch wohl nicht sehr glücklich. Aber

wer ist glücklich? Kennst du wen? Ich nicht. Ich hätte Malstunden

genommen und vielleicht auch Reitunterricht, und hätte mich an der

Riviera mit ein paar englischen Familien angefreundet, natürlich solche

mit einer Pleasure-Yacht, und wäre mit ihnen nach Corsica oder nach

Sizilien gefahren, immer der Blutrache nach. Denn ein Bedürfnis nach

Aufregung würd' ich doch wohl zeitlebens gehabt haben; Leopold ist etwas

schläfrig. Ja, so hätt' ich gelebt.«

»Du bleibst immer dieselbe und malst dich schlimmer als du bist.«

»Kaum; aber freilich auch nicht besser. Und deshalb glaubst du mir wohl

auch, wenn ich dir jetzt versichre, daß ich froh bin, aus dem allen

heraus zu sein. Ich habe von früh an den Sinn für Äußerlichkeiten gehabt

und hab' ihn vielleicht noch, aber seine Befriedigung kann doch zu teuer

erkauft werden, das hab' ich jetzt einsehen gelernt.«

Marcell wollte noch einmal unterbrechen, aber sie litt es nicht.

»Nein, Marcell, ich muß noch ein paar Worte sagen. Sieh' das mit dem

Leopold, das wäre vielleicht gegangen, warum am Ende nicht? Einen

schwachen, guten, unbedeutenden Menschen zur Seite zu haben, kann sogar

angenehm sein, kann einen Vorzug bedeuten. Aber diese Mama, diese

furchtbare Frau! Gewiß, Besitz und Geld haben einen Zauber, wär' es

nicht so, so wäre mir meine Verirrung erspart geblieben; aber wenn Geld

alles ist, und Herz und Sinn verengt und zum Überfluß Hand in Hand geht

mit Sentimentalität und Tränen -- dann empört sich's hier, und =das=

hinzunehmen, wäre mir hart angekommen, wenn ich's auch vielleicht

ertragen hätte. Denn ich gehe davon aus, der Mensch in einem guten Bett

und in guter Pflege kann eigentlich viel ertragen.«

* * * * *

Den zweiten Tag danach stand es in den Zeitungen, und zugleich mit den

öffentlichen Anzeigen trafen Karten ein. Auch bei Kommerzienrats.

Treibel, der, nach vorgängigem Einblick in das Kuvert, ein starkes

Gefühl von der Wichtigkeit dieser Nachricht und ihrem Einfluß auf die

Wiederherstellung häuslichen Friedens und passabler Laune hatte, säumte

nicht, in das Damenzimmer hinüberzugehen, wo Jenny mit Hildegard

frühstückte. Schon beim Eintreten hielt er den Brief in die Höhe und

sagte: »Was kriege ich, wenn ich euch den Inhalt dieses Briefes

mitteile?«

»Fordere,« sagte Jenny, in der vielleicht eine Hoffnung dämmerte.

»Einen Kuß.«

»Keine Albernheiten, Treibel.«

»Nun, wenn es von dir nicht sein kann, dann wenigstens von Hildegard.«

»Zugestanden,« sagte diese. »Aber nun lies.«

Und Treibel las: »Die am heutigen Tage stattgehabte Verlobung meiner

Tochter ...« ja, meine Damen, =welcher= Tochter? Es gibt viele Töchter.

Noch einmal also, ratet. Ich verdoppele den von mir gestellten Preis ...

also »meiner Tochter Korinna mit dem Dr. Marcell Wedderkopp, Oberlehrer

und Leutnant der Reserve im brandenburgischen Füsilierregiment

Nr. 35, habe ich die Ehre, hiermit ganz ergebenst anzuzeigen. Dr.

Wilibald Schmidt, Professor und Oberlehrer am Gymnasium zum Heiligen

Geist.«

Jenny, durch Hildegards Gegenwart behindert, begnügte sich, ihrem Gatten

einen triumphierenden Blick zuzuwerfen. Hildegard selbst aber, die

sofort wieder auf Suche nach einem Formfehler war, sagte nur: »Ist das

alles? Soviel ich weiß, pflegt es Sache der Verlobten zu sein, auch

ihrerseits noch ein Wort zu sagen. Aber die Schmidt-Wedderkopps haben am

Ende darauf verzichtet.«

»Doch nicht, teure Hildegard. Auf dem zweiten Blatt, das ich

unterschlagen habe, haben auch die Brautleute gesprochen. Ich überlasse

dir das Schriftstück als Andenken an deinen Berliner Aufenthalt und als

Beweis für den allmählichen Fortschritt hiesiger Kulturformen. Natürlich

stehen wir noch eine gute Strecke zurück, aber es macht sich allmählich.

Und nun bitt' ich um meinen Kuß.«

Hildegard gab ihm zwei und so stürmisch, daß ihre Bedeutung klar war.

Dieser Tag bedeutete zwei Verlobungen.

* * * * *

Der letzte Sonnabend im Juli war als Marcells und Korinnas Hochzeitstag

angesetzt worden; »nur keine langen Verlobungen,« betonte Wilibald

Schmidt, und die Brautleute hatten begreiflicherweise gegen ein

beschleunigtes Verfahren nichts einzuwenden. Einzig und allein die

Schmolke, die's mit der Verlobung so eilig gehabt hatte, wollte von

solcher Beschleunigung nicht viel wissen und meinte, bis dahin sei ja

bloß noch drei Wochen, also nur gerade noch Zeit genug, »um dreimal von

der Kanzel zu fallen,« und das ginge nicht, das sei zu kurz, darüber

redeten die Leute; schließlich aber gab sie sich zufrieden oder tröstete

sich wenigstens mit dem Satze: geredet wird doch.

Am siebenundzwanzigsten war kleiner Polterabend in der Schmidtschen

Wohnung, den Tag darauf Hochzeit im Englischen Hause. Prediger Thomas

traute. Drei Uhr fuhren die Wagen vor der Nikolaikirche vor, sechs

Brautjungfern, unter denen die beiden Kuhschen Kälber und die zwei

Felgentreus waren. Letztere, wie schon hier verraten werden mag,

verlobten sich in einer Tanzpause mit den zwei Referendaren vom

Quartett, denselben jungen Herren, die die Halenseepartie mitgemacht

hatten. Der natürlich auch geladene Jodler wurde von den Kuhs heftig in

Angriff genommen, widerstand aber, weil er, als Eckhaussohn, an solche

Sturmangriffe gewöhnt war. Die Kuhschen Töchter selbst fanden sich

ziemlich leicht in diesen Echec -- »er war der erste nicht, er wird der

letzte nicht sein,« sagte Schmidt -- und nur die Mutter zeigte bis

zuletzt eine starke Verstimmung.

Sonst war es eine durchaus heitere Hochzeit, was zum Teil damit

zusammenhing, daß man von Anfang an alles auf die leichte Schulter

genommen hatte. Man wollte vergeben und vergessen, hüben und drüben, und

so kam es denn auch, daß, um die Hauptsache vorweg zu nehmen, alle

Treibels nicht nur geladen, sondern mit alleiniger Ausnahme von Leopold,

der an demselben Nachmittage nach dem Eierhäuschen ritt, auch

vollständig erschienen waren. Allerdings hatte die Kommerzienrätin

anfänglich stark geschwankt, ja, sogar von Taktlosigkeit und Affront

gesprochen, aber ihr zweiter Gedanke war doch der gewesen, den ganzen

Vorfall als eine Kinderei zu nehmen und dadurch das schon hier und da

laut gewordene Gerede der Menschen auf die leichteste Weise tot zu

machen. Bei diesem zweiten Gedanken blieb es dann auch; die Rätin,

freundlich-lächelnd wie immer, trat _in pontificalibus_ auf und

bildete ganz unbestritten das Glanz- und Repräsentationsstück der

Hochzeitstafel. Selbst die Honig und die Wulsten waren auf Korinnas

dringenden Wunsch eingeladen worden; erstere kam auch, die Wulsten

dagegen entschuldigte sich brieflich, »weil sie Lizzi, das süße Kind,

doch nicht allein lassen könne.« Dicht unter der Stelle »das süße Kind«

war ein Fleck, und Marcell sagte zu Korinna: »Eine Träne, und ich

glaube, eine echte.« Von den Professoren waren, außer den schon

genannten Kuhs, nur Distelkamps und Rindfleisch zugegen, da sich die

mit jüngerem Nachwuchs Gesegneten sämtlich in Kösen, Ahlbeck und

Stolpemünde befanden. Trotz dieser Personaleinbuße war an Toasten kein

Mangel; der Distelkampsche war der beste, der Felgentreusche der logisch

ungeheuerlichste, weshalb ihm ein hervorragender, vom Ausbringer

allerdings unbeabsichtigter Lacherfolg zuteil wurde.

Mit dem Herumreichen des Konfekts war begonnen, und Schmidt ging eben

von Platz zu Platz, um den älteren und auch einigen jüngeren Damen

allerlei Liebenswürdiges zu sagen, als der schon vielfach erschienene

Telegraphenbote noch einmal in den Saal und gleich danach an den alten

Schmidt herantrat. Dieser, von dem Verlangen erfüllt, den Überbringer so

vieler Herzenswünsche schließlich wie den Goetheschen Sänger königlich

zu belohnen, füllte ein neben ihm stehendes Becherglas mit Champagner

und kredenzte es dem Boten, der es, unter vorgängiger Verbeugung

gegen das Brautpaar, mit einem gewissen _avec_ leerte. Großer Beifall.

Dann öffnete Schmidt das Telegramm, überflog es und sagte: »Vom

stammverwandten Volk der Briten.«

»Lesen, lesen.«

»... _To Dr. Marcell Wedderkopp._«

»Lauter.«

»_England expects that every man will do his duty_ ... Unterzeichnet

_John Nelson_.«

Im Kreise der sachlich und sprachlich Eingeweihten brach ein Jubel aus,

und Treibel sagte zu Schmidt: »Ich denke mir, Marcell ist Bürge dafür.«

Korinna selbst war ungemein erfreut und erheitert über das Telegramm,

aber es gebrach ihr bereits an Zeit, ihrer glücklichen Stimmung Ausdruck

zu geben, denn es war acht Uhr, und um neuneinhalb Uhr ging der Zug, der

sie zunächst bis München und von da nach Verona oder, wie Schmidt mit

Vorliebe sich ausdrückte, »bis an das Grab der Julia« führen sollte.

Schmidt nannte das übrigens alles nur Kleinkram und »Vorschmack«, sprach

überhaupt ziemlich hochmütig und orakelte, zum Ärger Kuhs, von Messenien

und dem Taygetos, darin sich gewiß noch ein paar Grabkammern finden

würden, wenn nicht von Aristomenes selbst, so doch von seinem Vater. Und

als er endlich schwieg und Distelkamp ein vergnügtes Lächeln über seinen

mal wieder sein Steckenpferd tummelnden Freund Schmidt zeigte, nahm man

wahr, daß Marcell und Korinna den Saal inzwischen verlassen hatten.

* * * * *

Die Gäste blieben noch. Aber gegen zehn Uhr hatten sich die Reihen doch

stark gelichtet; Jenny, die Honig, Helene waren aufgebrochen, und mit

Helene natürlich auch Otto, trotzdem er gern noch eine Stunde zugegeben

hätte. Nur der alte Kommerzienrat hatte sich emanzipiert und saß neben

seinem Bruder Schmidt, eine Anekdote nach der andern aus dem

»Schatzkästlein deutscher Nation« hervorholend, lauter blutrote

Karfunkelsteine, von deren »reinem Glanze« zu sprechen, Vermessenheit

gewesen wäre. Treibel, trotzdem Goldammer fehlte, sah sich dabei von

verschiedenen Seiten her unterstützt, am ausgiebigsten von Adolar Krola,

dem denn auch Fachmänner wahrscheinlich den Preis zuerkannt haben

würden.

Längst brannten die Lichter, Zigarrenwölkchen kräuselten sich in großen

und kleinen Ringen, und junge Paare zogen sich mehr und mehr in ein paar

Saalecken zurück, in denen, ziemlich unmotiviert, vier, fünf

Lorbeerbäume zusammenstanden und eine gegen Profanblicke schützende

Hecke bildeten. Hier wurden auch die Kuhschen gesehen, die noch einmal,

vielleicht auf Rat der Mutter, einen energischen Vorstoß auf den Jodler

unternahmen, aber auch diesmal umsonst. Zu gleicher Zeit klimperte man

bereits auf dem Flügel, und es war sichtlich der Zeitpunkt nahe, wo die

Jugend ihr gutes Recht beim Tanze behaupten würde.

Diesen gefahrdrohenden Moment ergriff der schon vielfach mit

»Du« und »Bruder« operierende Schmidt mit einer gewissen

Feldherrngeschicklichkeit und sagte, während er Krola eine neue

Zigarrenkiste zuschob: »Hören Sie, Sänger und Bruder, _carpe diem_.

Wir Lateiner legen den Akzent auf die letzte Silbe. Nutze den Tag. Über

ein Kleines und irgend ein Klavierpauker wird die Gesamtsituation

beherrschen und uns unsere Überflüssigkeit fühlen lassen. Also noch

einmal, was du tun willst, tue bald. Der Augenblick ist da; Krola, du

mußt mir einen Gefallen tun und Jennys Lied singen. Du hast es

hundertmal begleitet und wirst es wohl auch singen können. Ich glaube,

Wagnersche Schwierigkeiten sind nicht drin. Und unser Treibel wird es

nicht übel nehmen, daß wir das Herzenslied seiner Eheliebsten in

gewissem Sinne profanieren. Denn jedes Schaustellen eines Heiligsten

ist das, was ich Profanierung nenne. Hab' ich recht, Treibel, oder

täusch' ich mich in dir? Ich =kann= mich in dir nicht täuschen. In einem

Manne wie du kann man sich nicht täuschen, du hast ein klares und offnes

Gesicht. Und nun komm, Krola. »Mehr Licht« -- das war damals ein großes

Wort unseres Olympiers; aber wir bedürfen seiner nicht mehr, wenigstens

hier nicht, hier sind Lichter die Hülle und Fülle. Komm. Ich möchte

diesen Tag als ein Ehrenmann beschließen und in Freundschaft mit aller

Welt und nicht zum wenigsten mit dir, mit Adolar Krola.«

Dieser, der an hundert Tafeln wetterfest geworden und im Vergleich zu

Schmidt noch ganz leidlich imstande war, schritt, ohne langes Sträuben,

auf den Flügel zu, während ihm Schmidt und Treibel Arm in Arm folgten,

und ehe der Rest der Gesellschaft noch eine Ahnung haben konnte, daß der

Vortrag eines Liedes geplant war, legte Krola die Zigarre beiseite und

hob an:

Glück, von allen Deinen Losen,

Eines nur erwähl' ich mir,

Was soll Gold? Ich liebe Rosen

Und der Blumen schlichte Zier.

Und ich höre Waldesrauschen

Und ich seh' ein flatternd Band --

Aug' in Auge Blicke tauschen,

Und ein Kuß auf Deine Hand.

Geben, nehmen, nehmen, geben,

Und Dein Haar umspielt der Wind,

Ach, nur das, nur das ist Leben,

Wo =sich Herz zum Herzen find't=.

Alles war heller Jubel, denn Krolas Stimme war immer noch voll Kraft und

Klang, wenigstens verglichen mit dem, was man sonst in diesem Kreise

hörte. Schmidt weinte vor sich hin. Aber mit einem Male war er wieder

da. »Bruder,« sagte er, »das hat mir wohl getan. Bravissimo. Treibel,

unsere Jenny hat doch recht. Es ist was damit, es ist was drin; ich weiß

nicht genau was, aber das ist es eben -- es ist ein wirkliches Lied.

Alle echte Lyrik hat was geheimnisvolles. Ich hätte doch am Ende dabei

bleiben sollen ...«

Treibel und Krola sahen sich an und nickten dann zustimmend.

»... Und die arme Korinna! Jetzt ist sie bei Trebbin, erste Etappe zu

Julias Grab ... Julia Capulet, wie das klingt. Es soll übrigens eine

ägyptische Sargkiste sein, was eigentlich noch interessanter ist ... Und

dann alles in allem, ich weiß nicht, ob es recht ist, die Nacht so

durchzufahren; früher war das nicht Brauch, früher war man natürlicher,

ich möchte sagen sittlicher. Schade, daß meine Freundin Jenny fort ist,

die sollte darüber entscheiden. Für mich persönlich steht es fest, Natur

ist Sittlichkeit und überhaupt die Hauptsache. Geld ist Unsinn,

Wissenschaft ist Unsinn, alles ist Unsinn. Professor auch. Wer es

bestreitet, ist ein _pecus_. Nicht wahr, Kuh ... Kommen Sie, meine

Herren, komm, Krola ... Wir wollen nach Hause gehen.«

Frau Jenny Treibel: Roman aus der Berliner Gesellschaft · 第 23 / 24 题