Der nächste Tag war ein Sonntag, und die Stimmung, in der sich das
Treibelsche Haus befand, konnte nur noch dazu beitragen, dem Tage zu
seiner herkömmlichen Ödheit ein Beträchtliches zuzulegen. Jeder mied den
andern. Die Kommerzienrätin beschäftigte sich damit, Briefe, Karten und
Photographien zu ordnen, Leopold saß auf seinem Zimmer und las Goethe
(=was= ist nicht nötig zu verraten), und Treibel selbst ging im Garten
um das Bassin herum und unterhielt sich, wie meist in solchen Fällen,
mit der Honig. Er ging dabei so weit, sie ganz ernsthaft nach Krieg und
Frieden zu fragen, allerdings mit der Vorsicht, sich eine Art
Präliminarantwort gleich selbst zu geben. In erster Reihe stehe fest,
daß es niemand wisse, »selbst der leitende Staatsmann nicht« (er hatte
sich diese Phrase bei seinen öffentlichen Reden angewöhnt), aber eben
weil es niemand wisse, sei man auf Sentiments angewiesen, und darin sei
niemand größer und zuverlässiger als die Frauen. Es sei nicht zu
leugnen, das weibliche Geschlecht habe was Pythisches, ganz abgesehen
von jenem Orakelhaften niederer Observanz, das noch so nebenherlaufe.
Die Honig, als sie schließlich zu Worte kam, faßte ihre politische
Diagnose dahin zusammen: sie sähe nach Westen hin einen klaren Himmel,
während es im Osten finster braue, ganz entschieden, und zwar oben
sowohl wie unten. »Oben wie unten,« wiederholte Treibel. »O, wie wahr.
Und das Oben bestimmt das Unten und das Unten das Oben. Ja, Fräulein
Honig, damit haben wir's getroffen.« Und Czicka, das Hündchen, das
natürlich auch nicht fehlte, blaffte dazu. So ging das Gespräch zu
gegenseitiger Zufriedenheit. Treibel aber schien doch abgeneigt, aus
diesem Weisheitsquell andauernd zu schöpfen, und zog sich nach einiger
Zeit auf sein Zimmer und seine Zigarre zurück, ganz Halensee
verwünschend, das mit seiner Kaffeeklappe diese häusliche Mißstimmung
und diese Sonntags-Extralangeweile heraufbeschworen habe. Gegen Mittag
traf ein an ihn adressiertes Telegramm ein: »Dank für Brief. Ich komme
morgen mit dem Nachmittagszug. Eure Hildegard.« Er schickte das
Telegramm, aus dem er überhaupt erst von der erfolgten Einladung erfuhr,
an seine Frau hinüber und war, trotzdem er das selbständige Vorgehen
derselben etwas sonderbar fand, doch auch wieder aufrichtig froh,
nunmehr einen Gegenstand zu haben, mit dem er sich in seiner Phantasie
beschäftigen konnte. Hildegard war sehr hübsch, und die Vorstellung,
innerhalb der nächsten Wochen ein anderes Gesicht als das der Honig auf
seinen Gartenspaziergängen um sich zu haben, tat ihm wohl. Er hatte nun
auch einen Gesprächsstoff, und während ohne diese Depesche die
Mittagsunterhaltung wahrscheinlich sehr kümmerlich verlaufen oder
vielleicht ganz ausgefallen wäre, war es jetzt wenigstens möglich, ein
paar Fragen zu stellen. Er stellte diese Fragen auch wirklich und alles
machte sich ganz leidlich; nur Leopold sprach kein Wort und war froh,
als er sich vom Tisch erheben und zu seiner Lektüre zurückkehren konnte.
Leopolds ganze Haltung gab überhaupt zu verstehen, daß er über sich
bestimmen zu lassen, fürder nicht mehr Willens sei; trotzdem war ihm
klar, daß er sich den Repräsentationspflichten des Hauses nicht
entziehen und also nicht unterlassen dürfe, Hildegard am andern
Nachmittag auf dem Bahnhofe zu empfangen. Er war pünktlich da, begrüßte
die schöne Schwägerin und absolvierte die landesübliche Fragenreihe nach
dem Befinden und den Sommerplänen der Familie, während einer der von ihm
engagierten Gepäckträger erst die Droschke, dann das Gepäck besorgte.
Dasselbe bestand nur aus einem einzigen Koffer mit Messingbeschlag,
dieser aber war von solcher Größe, daß er, als er hinaufgewuchtet war,
der dahinrollenden Droschke den Charakter eines Baues von zwei Etagen
gab.
Unterwegs wurde das Gespräch von seiten Leopolds wieder aufgenommen,
erreichte seinen Zweck aber nur unvollkommen, weil seine stark
hervortretende Befangenheit seiner Schwägerin nur Grund zur Heiterkeit
gab. Und nun hielten sie vor der Villa. Die ganze Treibelei stand am
Gitter, und als die herzlichsten Begrüßungen ausgetauscht und die
nötigsten Toilettenarrangements in fliegender Eile, das heißt ziemlich
mußevoll gemacht worden waren, erschien Hildegard auf der Veranda, wo
man inzwischen den Kaffee serviert hatte. Sie =fand= alles »himmlisch«,
was auf Empfang strenger Instruktionen von seiten der Frau Konsul Thora
Munk hindeutete, die sehr wahrscheinlich Unterdrückung alles
Hamburgischen und Achtung vor Berliner Empfindlichkeiten als erste Regel
empfohlen hatte. Keine Parallelen wurden gezogen und beispielsweise
gleich das Kaffeeservice rundweg bewundert. »Eure Berliner Muster
schlagen jetzt alles aus dem Felde, selbst Sèvres. Wie reizend diese
Grecborte.« Leopold stand in einer Entfernung und hörte zu, bis
Hildegard plötzlich abbrach und allem, was sie gesagt, nur noch
hinzusetzte: »Scheltet mich übrigens nicht, daß ich in einem fort von
Dingen spreche, für die sich ja morgen auch noch die Zeit finden würde:
Grecborte und Sèvres und Meißen und Zwiebelmuster. Aber Leopold ist
Schuld; er hat unsere Konversation in der Droschke so streng
wissenschaftlich geführt, daß ich beinahe in Verlegenheit kam; ich
wollte gern von Lizzi hören und denkt euch, er sprach nur von Anschluß
und Radialsystem, und ich genierte mich zu fragen, was es sei.«
Der alte Treibel lachte; die Kommerzienrätin aber verzog keine Miene,
während über Leopolds blasses Gesicht eine leichte Röte flog.
So verging der erste Tag, und Hildegards Unbefangenheit, die man sich zu
stören wohl hütete, schien auch noch weiter leidliche Tage bringen zu
sollen, alles um so mehr, als es die Kommerzienrätin an Aufmerksamkeiten
jeder Art nicht fehlen ließ. Ja, sie verstieg sich zu höchst wertvollen
Geschenken, was sonst ihre Sache nicht war. Ungeachtet all dieser
Anstrengungen aber und trotzdem dieselben, wenn man nicht tiefer
nachforschte, von wenigstens halben Erfolgen begleitet waren, wollte
sich ein recht eigentliches Behagen nicht einstellen, selbst bei Treibel
nicht, auf dessen rasch wiederkehrende gute Laune bei seinem glücklichen
Naturell mit einer Art Sicherheit gerechnet war. Ja, diese gute Laune,
sie blieb aus mancherlei Gründen aus, unter denen gerade jetzt auch
=der= war, daß die Zossen-Teupitzer Wahlkampagne mit einer totalen
Niederlage Vogelsangs geendigt hatte. Dabei mehrten sich die
persönlichen Angriffe gegen Treibel. Anfangs hatte man diesen, wegen
seiner großen Beliebtheit, rücksichtsvoll außer Spiel gelassen, bis die
Taktlosigkeiten seines Agenten ein weiteres Schonen unmöglich machten.
»Es ist zweifellos ein Unglück«, so hieß es in den Organen der
Gegenpartei, »so beschränkt zu sein wie Leutnant Vogelsang, aber eine
solche Beschränktheit in seinen Dienst zu nehmen, ist eine Mißachtung
gegen den gesunden Menschenverstand unseres Kreises. Die Kandidatur
Treibel scheitert einfach an diesem Affront.«
* * * * *
Es sah nicht allzu heiter aus bei den alten Treibels, was Hildegard
allmählich so sehr zu fühlen begann, daß sie halbe Tage bei den
Geschwistern zubrachte. Der Holzhof war überhaupt hübscher als die
Fabrik und Lizzi geradezu reizend mit ihren langen weißen Strümpfen.
Einmal waren sie auch rot. Wenn sie so herankam und die Tante Hildegard
mit einem Knix begrüßte, flüsterte diese der Schwester zu: »_quite
english, Helen_« und man lächelte sich dann glücklich an. Ja, es waren
Lichtblicke. Wenn Lizzi dann aber wieder fort war, war auch zwischen den
Schwestern von unbefangener Unterhaltung keine Rede mehr, weil das
Gespräch die zwei wichtigsten Punkte nicht berühren durfte: die
Verlobung Leopolds und den Wunsch aus dieser Verlobung mit guter Manier
herauszukommen.
Ja, es sah nicht heiter aus bei den Treibels, aber bei den Schmidts auch
nicht. Der alte Professor war eigentlich weder in Sorge noch in
Verstimmung, lebte vielmehr umgekehrt der Überzeugung, daß sich nun
alles bald zum Besseren wenden werde; diesen Prozeß aber sich still
vollziehen zu lassen, schien ihm ganz unerläßlich, und so verurteilte er
sich, was ihm nicht leicht wurde, zu bedingtem Schweigen. Die Schmolke
war natürlich ganz entgegengesetzter Ansicht und hielt, wie die meisten
alten Berlinerinnen, außerordentlich viel von »sich aussprechen«, je
mehr und je öfter, desto besser. Ihre nach dieser Seite hin abzielenden
Versuche verliefen aber resultatlos, und Korinna war nicht zum Sprechen
zu bewegen, wenn die Schmolke begann: »Ja, Korinna, was soll denn nun
eigentlich werden? Was denkst du dir denn eigentlich?«
Auf all' das gab es keine rechte Antwort, vielmehr stand Korinna wie am
Roulett und wartete mit verschränkten Armen, wohin die Kugel fallen
würde. Sie war nicht unglücklich, aber äußerst unruhig und unmutig, vor
allem, wenn sie der heftigen Streitszene gedachte, bei der sie doch
vielleicht zuviel gesagt hatte. Sie fühlte ganz deutlich, daß alles
anders gekommen wäre, wenn die Rätin etwas weniger Herbheit, sie selber
aber etwas mehr Entgegenkommen gezeigt hätte. Ja, da hätte sich dann
ohne sonderliche Mühe Frieden schließen und das Bekenntnis einer
gewissen Schuld, weil alles bloß Berechnung gewesen, allenfalls ablegen
lassen. Aber freilich im selben Augenblicke, wo sie, neben dem Bedauern
über die hochmütige Haltung der Rätin, vor allem und in erster Reihe
sich selber der Schuld zieh, in eben diesem Augenblicke mußte sie sich
doch auch wieder sagen, daß ein Wegfall alles dessen, was ihr vor ihrem
eigenen Gewissen in dieser Angelegenheit als fragwürdig erschien, in den
Augen der Rätin nichts gebessert haben würde. Diese schreckliche Frau,
trotzdem sie beständig so tat und sprach, war ja weitab davon, ihr wegen
ihres Spiels mit Gefühlen einen ernsthaften Vorwurf zu machen. Das war
ja Nebensache, da lag es nicht. Und wenn sie diesen lieben und guten
Menschen, wie's ja doch möglich war, aufrichtig und von Herzen geliebt
hätte, so wäre das Verbrechen genau dasselbe gewesen. »Diese Rätin, mit
ihrem überheblichen >Nein<, hat mich nicht da getroffen, wo sie mich
treffen konnte, sie weist diese Verlobung nicht zurück, weil mirs an
Herz und Liebe gebricht, nein, sie weist sie nur zurück, weil ich arm
oder wenigstens nicht dazu angetan bin, das Treibelsche Vermögen zu
verdoppeln, um nichts, nichts weiter; und wenn sie vor anderen
versichert oder vielleicht auch sich selber einredet, ich sei ihr zu
selbstbewußt und zu professorlich, so sagt sie das nur, weil's ihr
gerade paßt. Unter andern Verhältnissen würde meine Professorlichkeit
mir nicht nur nicht schaden, sondern ihr umgekehrt die Höhe der
Bewunderung bedeuten.«
So gingen Korinnas Reden und Gedanken, und um sich ihnen nach
Möglichkeit zu entziehen, tat sie, was sie seit lange nicht mehr getan,
und machte Besuche bei den alten und jungen Professorenfrauen. Am besten
gefiel ihr wieder die gute, ganz von Wirtschaftlichkeit in Anspruch
genommene Frau Rindfleisch, die jeden Tag, ihrer vielen Pensionäre
halber, in die große Markthalle ging und immer die besten Quellen und
billigsten Preise wußte, Preise, die dann später der Schmolke
mitgeteilt, in erster Reihe den Ärger derselben, zuletzt aber ihre
Bewunderung vor einer höheren wirtschaftlichen Potenz weckten. Auch bei
Frau Immanuel Schultze sprach Korinna vor und fand dieselbe, vielleicht
weil Friedebergs nahe bevorstehende Ehescheidung ein sehr dankbares
Thema bildete, auffallend nett und gesprächig, Immanuel selbst aber war
wieder so großsprecherisch und zynisch, daß sie doch fühlte, den Besuch
nicht wiederholen zu können. Und weil die Woche so viele Tage hatte, so
mußte sie sich zuletzt zu Museum und Nationalgalerie bequemen. Aber sie
hatte keine rechte Stimmung dafür. Im Cornelius-Saal interessierte sie,
vor dem einen großen Wandbilde, nur die ganz kleine Predelle, wo Mann
und Frau den Kopf aus der Bettdecke strecken, und im Ägyptischen Museum
fand sie eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ramses und Vogelsang.
Wenn sie dann nach Hause kam, fragte sie jedesmal, ob wer dagewesen sei,
was heißen sollte: »War Leopold da?« worauf die Schmolke regelmäßig
antwortete: »Nein, Korinna, keine Menschenseele.« Wirklich, Leopold
hatte nicht den Mut zu kommen und beschränkte sich darauf, jeden Abend
einen kleinen Brief zu schreiben, der dann am andern Morgen auf ihrem
Frühstückstische lag. Schmidt sah lächelnd drüber hin, und Korinna stand
dann wie von ungefähr auf, um das Briefchen in ihrem Zimmer zu lesen.
»Liebe Korinna. Der heutige Tag verlief wie alle. Die Mama scheint in
ihrer Gegnerschaft verharren zu wollen. Nun, wir wollen sehen, wer
siegt. Hildegard ist viel bei Helene, weil niemand hier ist, der sich
recht um sie kümmert. Sie kann mir leid tun, ein so junges und hübsches
Mädchen. Alles das Resultat solcher Anzettelungen. Meine Seele verlangt,
Dich zu sehen, und in der nächsten Woche werden Entschlüsse von mir
gefaßt werden, die volle Klarheit schaffen. Mama wird sich wundern. Nur
soviel, ich erschrecke vor nichts, auch vor dem Äußersten nicht. Das mit
dem vierten Gebot ist recht gut, aber es hat seine Grenzen. Wir haben
auch Pflichten gegen uns selbst und gegen die, die wir über alles
lieben, die Leben und Tod in unseren Augen bedeuten. Ich schwanke noch,
wohin, denke aber England; da haben wir Liverpool und Mr. Nelson und in
zwei Stunden sind wir an der schottischen Grenze. Schließlich ist es
gleich, wer uns äußerlich vereinigt, sind wir es doch längst in uns. Wie
mir das Herz dabei schlägt. Ewig der Deine. Leopold.«
Korinna zerriß den Brief in kleine Streifen und warf sie draußen ins
Kochloch. »Es ist am besten so; dann vergeß ich wieder, was er heute
geschrieben, und kann morgen nicht mehr vergleichen. Denn mir ist, als
schriebe er jeden Tag dasselbe. Sonderbare Verlobung. Aber soll ich ihm
einen Vorwurf machen, daß er kein Held ist? Und mit meiner Einbildung,
ihn zum Helden umschaffen zu können, ist es auch vorbei. Die Niederlagen
und Demütigungen werden nun wohl ihren Anfang nehmen. Verdient? Ich
fürchte.«
* * * * *
Anderthalb Wochen waren um, und noch hatte sich im Schmidtschen Hause
nichts verändert; der Alte schwieg nach wie vor, Marcell kam nicht und
Leopold noch weniger, und nur seine Morgenbriefe stellten sich mit
großer Pünktlichkeit ein; Korinna las sie schon längst nicht mehr,
überflog sie nur und schob sie dann lächelnd in ihre Morgenrocktasche,
wo sie zersessen und zerknittert wurden. Sie hatte zum Troste nichts als
die Schmolke, deren gesunde Gegenwart ihr wirklich wohltat, wenn sie's
auch immer noch vermied, mit ihr zu sprechen.
Aber auch das hatte seine Zeit.
Der Professor war eben nach Hause gekommen, schon um elf, denn es war
Mittwoch, wo die Klasse, für ihn wenigstens, um eine Stunde früher
schloß. Korinna sowohl wie die Schmolke hatten ihn kommen und die
Drückertür geräuschvoll ins Schloß fallen hören, nahmen aber beide keine
Veranlassung, sich weiter um ihn zu kümmern, sondern blieben in der
Küche, d'rin der helle Julisonnenschein lag und alle Fensterflügel
geöffnet waren. An einem der Fenster stand auch der Küchentisch.
Draußen, an zwei Haken, hing ein kastenartiges Blumenbrett, eine jener
merkwürdigen Schöpfungen der Holzschneidekunst, wie sie Berlin
eigentümlich sind: kleine Löcher zu Sternblumen zusammengestellt;
Anstrich dunkelgrün. In diesem Kasten standen mehrere Geranium- und
Goldlacktöpfe, zwischen denen hindurch die Sperlinge huschten und sich
in großstädtischer Dreistigkeit auf den am Fenster stehenden Küchentisch
setzten. Hier pickten sie vergnügt an allem herum, und niemand dachte
daran, sie zu stören. Korinna, den Mörser zwischen den Knien, war mit
Zimtstoßen beschäftigt, während die Schmolke grüne Kochbirnen der Länge
nach durchschnitt und beide gleiche Hälften in eine große braune
Schüssel, eine sogenannte Reibesatte, fallen ließ. Freilich zwei ganz
gleiche Hälften waren es nicht, konnten es nicht sein, weil natürlich
nur eine Hälfte den Stengel hatte, welcher Stengel denn auch
Veranlassung zu Beginn einer Unterhaltung wurde, wonach sich die
Schmolke schon seit lange sehnte.
»Sieh', Korinna,« sagte die Schmolke, »dieser hier, dieser lange, das
ist so recht ein Stengel nach dem Herzen deines Vaters ...«
Korinna nickte.
»... Den kann er anfassen wie 'ne Makkaroni und hochhalten und alles von
unten her aufessen ... Es ist doch ein merkwürdiger Mann ...«
»Ja, das ist er!«
»Ein merkwürdiger Mann und voller Schrullen, und man muß ihn erst
ausstudieren. Aber das merkwürdigste, das ist doch das mit den langen
Stengeln, un daß wir sie, wenn es Semmelpudding un Birnen gibt, nicht
schälen dürfen un daß der ganze Kriepsch mit Kerne und alles drin
bleiben muß. Er is doch ein Professor un ein sehr kluger Mann, aber das
muß ich dir sagen, Korinna, wenn ich meinem guten Schmolke, der doch nur
ein einfacher Mann war, mit so lange Stengel un ungeschält un den ganzen
Kriepsch drin gekommen wär, ja, da hätt' es was gegeben. Denn so gut er
war, wenn er dachte, >sie denkt woll, das is gut genug<, dann wurd er
falsch un machte sein Dienstgesicht un sah aus, als ob er mich
arretieren wollte ...«
»Ja, liebe Schmolke,« sagte Korinna, »das ist eben einfach die alte
Geschichte vom Geschmack und daß sich über Geschmäcker nicht streiten
läßt. Und dann ist es auch wohl die Gewohnheit und vielleicht auch von
Gesundheits wegen.«
»Von Gesundheits wegen,« lachte die Schmolke. »Na, höre, Kind, wenn
einem so die Hacheln in die Kehle kommen un man sich verschluckert un
man mitunter zu 'nem ganz fremden Menschen sagen muß: >Bitte, kloppen
Sie mir mal en bißchen, aber hier ordentlich ins Kreuz<, -- nein,
Korinna, da bin ich doch mehr für eine ausgekernte Malvasier, die
'runter geht wie Butter. Gesundheit! ... Stengel un Schale, was da von
Gesundheit is, das weiß ich nich ...«
»Doch, liebe Schmolke. Manche können Obst nicht vertragen und fühlen
sich geniert, namentlich wenn sie, wie Papa, hinterher auch noch die
Sauce löffeln. Und da gibt es nur ein Mittel dagegen: alles muß d'ran
bleiben, der Stengel und die grüne Schale. Die beiden, die haben das
Adstringens ...«
»Was?«
»Das Adstringens, das heißt das, was zusammenzieht, erst bloß die Lippen
und den Mund, aber dieser Prozeß des Zusammenziehens setzt sich dann
durch den ganzen inneren Menschen hin fort, und das ist dann das, was
alles wieder in Ordnung bringt und vor Schaden bewahrt.«
Ein Sperling hatte zugehört und wie durchdrungen von der Richtigkeit von
Korinnas Auseinandersetzungen, nahm er einen Stengel, der zufällig
abgebrochen war, in den Schnabel und flog damit auf das andere Dach
hinüber. Die beiden Frauen aber verfielen in Schweigen und nahmen erst
nach einer Viertelstunde das Gespräch wieder auf.
Das Gesamtbild war nicht mehr ganz dasselbe, denn Korinna hatte
mittlerweile den Tisch abgeräumt und einen blauen Zuckerbogen darüber
ausgebreitet, auf welchem zahlreiche alte Semmeln lagen und daneben ein
großes Reibeisen. Dies letztere nahm sie jetzt in die Hand, stemmte sich
mit der linken Schulter dagegen und begann nun ihre Reibetätigkeit mit
solcher Vehemenz, daß die geriebene Semmel über den ganzen blauen Bogen
hinstäubte. Dann und wann unterbrach sie sich und schüttete die
Bröckchen nach der Mitte hin zu einem Berg zusammen, aber gleich danach
begann sie von neuem, und es hörte sich wirklich an, als ob sie bei
dieser Arbeit allerlei mörderische Gedanken habe.
Die Schmolke sah ihr von der Seite her zu. Dann sagte sie: »Korinna, wen
zerreibst du denn eigentlich?«
»Die ganze Welt.«
»Das is viel ... un dich mit?«
»Mich zuerst.«
»Das is recht. Denn wenn du nur erst recht zerrieben un recht mürbe
bist, dann wirst du wohl wieder zu Verstande kommen.«
»Nie.«
»Man muß nie >nie< sagen, Korinna. Das war ein Hauptsatz von Schmolke.
Un das muß wahr sein, ich habe noch jedesmal gefunden, wenn einer >nie<
sagte, dann is es immer dicht vorm Umkippen. Un ich wollte, daß es mit
dir auch so wäre.«
Korinna seufzte.
»Sieh', Korinna, du weißt, daß ich immer dagegen war. Denn es is ja doch
ganz klar, daß du deinen Vetter Marcell heiraten mußt.«
»Liebe Schmolke, nur kein Wort von dem.«
»Ja, das kennt man, das ist das Unrechtsgefühl. Aber ich will nichts
weiter sagen un will nur sagen, was ich schon gesagt habe, daß ich
immer dagegen war, ich meine gegen Leopold, un daß ich einen Schreck
kriegte, als du mir's sagtest. Aber als du mir dann sagtest, daß die
Kommerzienrätin sich ärgern würde, da gönnt ich's ihr un dachte, >warum
nich? Warum soll es nich gehn? Un wenn der Leopold auch bloß ein
Wickelkind is, Korinnchen wird ihn schon aufpäppeln und ihn zu Kräften
bringen<. Ja, Korinna, so dacht' ich un hab' es dir auch gesagt. Aber
es war ein schlechter Gedanke, denn man soll seinen Mitmenschen nich
ärgern, auch wenn man ihn nich leiden kann, un was mir zuerst kam, der
Schreck über deine Verlobung, das war doch das richtige. Du mußt einen
klugen Mann haben, einen, der eigentlich klüger ist, als du -- du bist
übrigens gar nich mal so klug -- un der was Männliches hat, so wie
Schmolke, un vor dem du Respekt hast. Un vor Leopold kannst du keinen
Respekt haben. Liebst du'n denn noch immer?«
»Ach, ich denke ja gar nicht dran, liebe Schmolke.«
»Na, Korinna, denn is es Zeit, un denn mußt du nu Schicht damit machen.
Du kannst doch nich die ganze Welt auf den Kopp stellen un dein un
andrer Leute Glück, worunter auch dein Vater un deine alte Schmolke is,
verschütten un verderben wollen, bloß um der alten Kommerzienrätin mit
ihrem Puffscheitel und ihren Brillantbommeln einen Tort anzutun. Es
is eine geldstolze Frau, die den Apfelsinenladen vergessen hat un
immer bloß ötepotöte tut un den alten Professor anschmachtet un
ihn auch >Wilibald< nennt, als ob sie noch auf'n Hausboden Versteck
miteinander spielten un hinterm Torf stünden, denn damals hatte man
noch Torf auf'm Boden, un wenn man 'runter kam, sah man immer aus
wie'n Schornsteinfeger, -- ja, sieh', Korinna, das hat alles seine
Richtigkeit, un ich hätt' ihr so was gegönnt, un Ärger genug wird sie
woll auch gehabt haben. Aber wie der alte Pastor Thomas zu Schmolke un
mir in unsrer Traurede gesagt hat: >Liebet euch untereinander, denn der
Mensch soll sein Leben nich auf den Haß, sondern auf die Liebe stellen<,
(dessen Schmolke un ich auch immer eingedenk gewesen sind) -- so, meine
liebe Korinna, sag' ich es auch zu dir, man soll sein Leben nich auf den
Haß stellen. Hast du denn wirklich einen solchen Haß auf die Rätin, das
heißt einen richtigen?«
»Ach ich denke ja gar nicht daran, liebe Schmolke.«
»Ja, Korinna, da kann ich dir bloß noch mal sagen, dann is es wirklich
die höchste Zeit, daß was geschieht. Denn wenn du =ihn= nicht liebst und
=ihr= nicht haßt, denn weiß ich nich, was die ganze Geschichte überhaupt
noch soll.«
»Ich auch nicht.«
Und damit umarmte Korinna die gute Schmolke, und diese sah denn auch
gleich an einem Flimmer in Korinnas Augen, daß nun alles vorüber und daß
der Sturm gebrochen sei.
»Na, Korinna, denn wollen wirs schon kriegen, un es kann noch alles gut
werden. Aber nu gib die Form her, daß wir ihn eintun, denn eine Stunde
muß er doch wenigstens kochen. Un vor Tisch sag' ich deinem Vater kein
Wort, weil er sonst vor Freude nich essen kann ...«
»Ach, der äße doch.«
»Aber nach Tisch sag ichs ihm, wenn er auch um seinen Schlaf kommt. Und
geträumt hab' ich's auch schon un habe dir nur nichts davon sagen
wollen. Aber nun kann ich es ja. Sieben Kutschen und die beiden Kälber
von Professer Kuh waren Brautjungfern. Natürlich, Brautjungfern möchten
sie immer alle sein, denn auf die kuckt alles, beinah' mehr noch als auf
die Braut, weil die ja schon weg ist; un meistens kommen sie auch bald
'ran. Un bloß den Pastor konnt' ich nich recht erkennen. Thomas war es
nich. Aber vielleicht war es Souchon, bloß daß er ein bißchen zu
dicklich war.«