Zwölftes Kapitel

Ziemlich um dieselbe Zeit, wo der Felgentreusche Wagen in der

Adlerstraße hielt, um daselbst abzusetzen, hielt auch der Treibelsche

Wagen vor der kommerzienrätlichen Wohnung, und die Rätin samt ihrem

Sohne Leopold stiegen aus, während der alte Treibel auf seinem Platze

blieb und das junge Paar -- das wieder die Pferde geschont hatte -- die

Köpenickerstraße hinunter bis an den »Holzhof« begleitete. Von dort aus,

nach einem herzhaften Schmatz (denn er spielte gern den zärtlichen

Schwiegervater), ließ er sich zu Buggenhagens fahren, wo

Parteiversammlung war. Er wollte doch mal wieder sehen, wie's

stünde und, wenn nötig, auch zeigen, daß ihn die Korrespondenz in

der »Nationalzeitung« nicht niedergeschmettert habe.

Die Kommerzienrätin, die für gewöhnlich die politischen Gänge Treibels

belächelte, wenn nicht beargwohnte -- was auch vorkam -- heute segnete

sie Buggenhagen und war froh, ein paar Stunden allein sein zu können.

Der Gang mit Wilibald hatte so vieles wieder in ihr angeregt. Die

Gewißheit, sich verstanden zu sehen -- es war doch eigentlich das

Höhere. »Viele beneiden mich, aber was hab' ich am Ende? Stuck und

Goldleisten und die Honig mit ihrem sauersüßen Gesicht. Treibel ist

gut, besonders auch gegen mich; aber die Prosa lastet bleischwer auf

ihm, und wenn =er= es nicht empfindet, ich empfinde es ... Und dabei

Kommerzienrätin und immer wieder Kommerzienrätin. Es geht nun schon

in das zehnte Jahr, und er rückt nicht höher hinauf, trotz aller

Anstrengungen. Und wenn es so bleibt, und es wird so bleiben, so weiß

ich wirklich nicht, ob nicht das andere, das auf Kunst und Wissenschaft

deutet, doch einen feineren Klang hat. Ja, den hat es ... Und mit den

ewigen guten Verhältnissen! Ich kann doch auch nur eine Tasse Kaffee

trinken, und wenn ich mich zu Bett lege, so kommt es darauf an, daß ich

schlafe. Birkenmaser oder Nußbaum macht keinen Unterschied, aber Schlaf

oder Nichtschlaf, das macht einen, und mitunter flieht mich der Schlaf,

der des Lebens Bestes ist, weil er uns das Leben vergessen läßt ... Und

auch die Kinder wären anders. Wenn ich die Korinna ansehe, das sprüht

alles von Lust und Leben, und wenn sie bloß so macht, so steckt sie

meine beiden Jungen in die Tasche. Mit Otto ist nicht viel, und mit

Leopold ist gar nichts.«

Jenny, während sie sich in süße Selbsttäuschungen wie diese versenkte,

trat ans Fenster und sah abwechselnd auf den Vorgarten und die Straße.

Drüben, im Hause gegenüber, hoch oben in der offenen Mansarde stand, wie

ein Schattenriß in hellem Licht, eine Plätterin, die mit sicherer Hand

über das Plättbrett hinfuhr -- ja, es war ihr, als höre sie Mädchen

singen. Der Kommerzienrätin Auge mochte von dem anmutigen Bilde nicht

lassen, und etwas wie wirklicher Neid überkam sie.

Sie sah erst fort, als sie bemerkte, daß hinter ihr die Tür ging. Es war

Friedrich, der den Tee brachte. »Setzen Sie hin, Friedrich, und sagen

Sie Fräulein Honig, es wäre nicht nötig.«

»Sehr wohl, Frau Kommerzienrätin. Aber hier ist ein Brief.«

»Ein Brief?« fuhr die Rätin heraus. »Von wem?«

»Vom jungen Herrn.«

»Von Leopold?«

»Ja, Frau Kommerzienrätin ... Und es wäre Antwort ...«

»Brief ... Antwort ... Er ist nicht recht gescheit,« und die

Kommerzienrätin riß das Kuvert auf und überflog den Inhalt. »Liebe

Mama! Wenn es Dir irgend paßt, ich möchte heute noch eine kurze

Unterredung mit Dir haben. Laß mich durch Friedrich wissen, ja oder

nein. Dein Leopold.«

Jenny war derart betroffen, daß ihre sentimentalen Anwandlungen auf der

Stelle hinschwanden. Soviel stand fest, daß das alles nur etwas sehr

Fatales bedeuten konnte. Sie raffte sich aber zusammen und sagte: »Sagen

Sie Leopold, daß ich ihn erwarte.«

Das Zimmer Leopolds lag über dem ihrigen; sie hörte deutlich, daß er

rasch hin und her ging und ein paar Schubkästen, mit einer ihm sonst

nicht eigenen Lautheit, zuschob. Und gleich danach, wenn nicht alles

täuschte, vernahm sie seinen Schritt auf der Treppe.

Sie hatte recht gehört, und nun trat er ein und wollte (sie stand noch

in der Nähe des Fensters) durch die ganze Länge des Zimmers auf sie

zuschreiten, um ihr die Hand zu küssen; der Blick aber, mit dem sie ihm

begegnete, hatte etwas so Abwehrendes, daß er stehen blieb und sich

verbeugte.

»Was bedeutet das, Leopold? Es ist jetzt zehn, also nachtschlafende

Zeit, und da schreibst du mir ein Billett und willst mich sprechen. Es

ist mir neu, daß du was auf der Seele hast, was keinen Aufschub bis

morgen früh duldet. Was hast du vor? Was willst du?«

»Mich verheiraten, Mutter. Ich habe mich verlobt.«

Die Kommerzienrätin fuhr zurück, und ein Glück war es, daß das Fenster,

an dem sie stand, ihr eine Lehne gab. Auf viel Gutes hatte sie nicht

gerechnet, aber eine Verlobung über ihren Kopf weg, das war doch mehr,

als sie gefürchtet. War es eine der Felgentreus? Sie hielt beide für

dumme Dinger und die ganze Felgentreuerei für erheblich unterm Stand;

er, der Alte, war Lageraufseher in einem großen Ledergeschäft gewesen

und hatte schließlich die hübsche Wirtschaftsmamsell des Prinzipals,

eines mit seiner weiblichen Umgebung oft wechselnden Witwers,

geheiratet. So hatte die Sache begonnen und ließ in ihren Augen viel zu

wünschen übrig. Aber, verglichen mit den Munks, war es noch lange das

Schlimmste nicht, und so sagte sie denn: »Elfriede oder Blanka?«

»Keine von beiden.«

»Also ...«

»Korinna.«

Das war zuviel. Jenny kam in ein halb ohnmächtiges Schwanken, und sie

wäre, angesichts ihres Sohnes, zu Boden gefallen, wenn sie der schnell

Herzuspringende nicht aufgefangen hätte. Sie war nicht leicht zu halten

und noch weniger leicht zu tragen; aber der arme Leopold, den die ganze

Situation über sich selbst hinaus hob, bewährte sich auch physisch und

trug die Mama bis ans Sofa. Danach wollte er auf den Knopf der

elektrischen Klingel drücken, Jenny war aber, wie die meisten

ohnmächtigen Frauen, doch nicht ohnmächtig genug, um nicht genau zu

wissen, was um sie her vorging, und so faßte sie denn seine Hand, zum

Zeichen, daß das Klingeln zu unterbleiben habe.

Sie erholte sich auch rasch wieder, griff nach dem vor ihr stehenden

Flakon mit Kölnischem Wasser und sagte, nachdem sie sich die Stirn damit

betupft hatte: »Also mit Korinna.«

»Ja, Mutter.«

»Und alles nicht bloß zum Spaß. Sondern um euch wirklich zu heiraten.«

»Ja, Mutter.«

»Und hier in Berlin und in der Luisenstädtschen Kirche, darin dein

guter, braver Vater und ich getraut wurden?«

»Ja, Mutter.«

»Ja, Mutter, und immer wieder ja, Mutter. Es klingt, als ob du nach

Kommando sprächst, und als ob dir Korinna gesagt hätte, sage nur immer:

Ja, Mutter. Nun, Leopold, wenn es so ist, so können wir beide unsere

Rollen rasch auswendig lernen. Du sagst in einem fort >ja, Mutter<, und

ich sage in einem fort >nein, Leopold<. Und dann wollen wir sehen, was

länger vorhält, dein >Ja< oder mein >Nein<.«

»Ich finde, daß du es dir etwas leicht machst, Mama.«

»Nicht, daß ich wüßte. Wenn es aber so sein sollte, so bin ich bloß

deine gelehrige Schülerin. Jedenfalls ist es ein Operieren ohne

Umschweife, wenn ein Sohn vor seine Mutter hintritt und ihr kurzweg

erklärt: >Ich habe mich verlobt<. So geht das nicht in unsern Häusern.

Das mag beim Theater so sein oder vielleicht auch bei Kunst und

Wissenschaft, worin die kluge Korinna ja groß gezogen ist, und einige

sagen sogar, daß sie dem Alten die Hefte korrigiert. Aber wie dem auch

sein möge, bei Kunst und Wissenschaft mag das gehen, meinetwegen, und

wenn sie den alten Professor, ihren Vater (übrigens ein Ehrenmann), auch

ihrerseits mit einem >ich habe mich verlobt< überrascht haben sollte,

nun, so mag der sich freuen; er hat auch Grund dazu, denn die Treibels

wachsen nicht auf den Bäumen und können nicht von jedem, der vorbeigeht,

heruntergeschüttelt werden. Aber ich, ich freue mich nicht und verbiete

dir diese Verlobung. Du hast wieder gezeigt, wie ganz unreif du bist,

ja, daß ich es ausspreche, Leopold, wie knabenhaft.«

»Liebe Mama, wenn du mich etwas mehr schonen könntest ...«

»Schonen? Hast du mich geschont, als du dich auf diesen Unsinn

einließest? Du hast dich verlobt, sagst du. Wem willst du das weis

machen? Sie hat sich verlobt, und =du= bist bloß verlobt worden. Sie

spielt mit dir, und anstatt dir das zu verbitten, küssest du ihr die

Hand und lässest dich einfangen wie die Gimpel. Nun, ich hab' es nicht

hindern können, aber das Weitere, das kann ich hindern und werde es

hindern. Verlobt euch soviel ihr wollt, aber wenn ich bitten darf, im

Verschwiegenen und Verborgenen; an ein Heraustreten damit ist nicht zu

denken. Anzeigen erfolgen nicht, und wenn du deinerseits Anzeigen machen

willst, so magst du die Gratulationen in einem Hotel garni in Empfang

nehmen. In meinem Hause nicht. In meinem Hause existiert keine Verlobung

und keine Korinna. Damit ist es vorbei. Das alte Lied vom Undank erfahr'

ich nun an mir selbst und muß erkennen, daß man unklug daran tut,

Personen zu verwöhnen und gesellschaftlich zu sich heraufzuziehen. Und

mit dir steht es nicht besser. Auch du hättest mir diesen Gram ersparen

können und diesen Skandal. Daß du verführt bist, entschuldigt dich nur

halb. Und nun kennst du meinen Willen, und ich darf wohl sagen, auch

deines Vaters Willen, denn soviel Torheiten er begeht, in =den= Fragen,

wo die Ehre seines Hauses auf dem Spiele steht, ist Verlaß auf ihn. Und

nun geh', Leopold, und schlafe, wenn du schlafen kannst. Ein gut

Gewissen ist ein gutes Ruhekissen ...«

Leopold biß sich auf die Lippen und lächelte verbittert vor sich hin.

»... Und bei dem, was du vielleicht vorhast -- denn du lächelst und

stehst so trotzig da, wie ich dich noch gar nicht gesehen habe, was auch

bloß der fremde Geist und Einfluß ist -- bei dem, was du vielleicht

vorhast, Leopold, vergiß nicht, daß der Segen der Eltern den Kindern

Häuser baut. Wenn ich dir raten kann, sei klug und bringe dich nicht um

einer gefährlichen Person und einer flüchtigen Laune willen um die

Fundamente, die das Leben tragen, und ohne die es kein rechtes Glück

gibt.«

* * * * *

Leopold, der sich, zu seinem eigenen Erstaunen, all' die Zeit über

durchaus nicht niedergeschmettert gefühlt hatte, schien einen Augenblick

antworten zu wollen; ein Blick auf die Mutter aber, deren Erregung,

während sie sprach, nur immer noch gewachsen war, ließ ihn erkennen, daß

jedes Wort die Schwierigkeit der Lage bloß steigern würde; so verbeugte

er sich denn ruhig und verließ das Zimmer.

Er war kaum hinaus, als sich die Kommerzienrätin von ihrem Sofaplatz

erhob und über den Teppich hin auf- und abzugehen begann. Jedesmal, wenn

sie wieder in die Nähe des Fensters kam, blieb sie stehen und sah nach

der Mansarde und der immer noch in vollem Lichte dastehenden Plätterin

hinüber, bis ihr Blick sich wieder senkte und dem bunten Treiben der vor

ihr liegenden Straße zuwandte. Hier, in ihrem Vorgarten, den linken Arm

von innen her auf die Gitterstäbe gestützt, stand ihr Hausmädchen, eine

hübsche Blondine, die mit Rücksicht auf Leopolds »_mores_« beinahe nicht

engagiert worden wäre, und sprach lebhaft und unter Lachen mit einem

draußen auf dem Trottoir stehenden »Cousin«, zog sich aber zurück, als

der eben von Buggenhagen kommende Kommerzienrat in einer Droschke

vorfuhr und auf seine Villa zuschritt. Treibel, einen Blick auf

die Fensterreihe werfend, sah sofort, daß nur noch in seiner Frau

Zimmer Licht war, was ihn mitbestimmte, gleich bei ihr einzutreten,

um noch über den Abend und seine mannigfachen Erlebnisse berichten

zu können. Die flaue Stimmung, der er anfänglich infolge der

Nationalzeitungskorrespondenz bei Buggenhagens begegnet war, war unter

dem Einfluß seiner Liebenswürdigkeit rasch gewichen, und das um so mehr,

als er den auch hier wenig gelittenen Vogelsang schmunzelnd preisgegeben

hatte.

Von diesem Siege zu erzählen, trieb es ihn, trotzdem er wußte, wie Jenny

zu diesen Dingen stand; als er aber eintrat und die Aufregung gewahr

wurde, darin sich seine Frau ganz ersichtlich befand, erstarb ihm das

joviale »guten Abend, Jenny« auf der Zunge, und ihr die Hand reichend,

sagte er nur: »Was ist vorgefallen, Jenny? Du siehst ja aus wie das

Leiden ... nein, keine Blasphemie ... Du siehst ja aus, als wäre dir die

Gerste verhagelt.«

»Ich glaube, Treibel,« sagte sie, während sie ihr Auf und Ab im

Zimmer fortsetzte, »du könntest dich mit deinen Vergleichen etwas

höher hinaufschrauben; >verhagelte Gerste< hat einen überaus

ländlichen, um nicht zu sagen bäuerlichen Beigeschmack. Ich sehe,

das Teupitz-Zossensche trägt bereits seine Früchte ...«

»Liebe Jenny, die Schuld liegt, glaube ich, weniger an mir als an dem

Sprach- und Bilderschatze deutscher Nation. Alle Wendungen, die wir als

Ausdruck für Verstimmungen und Betrübnisse haben, haben einen

ausgesprochenen Unterschichtscharakter, und ich finde da zunächst nur

noch den Lohgerber, dem die Felle weggeschwommen.«

Er stockte, denn es traf ihn ein so böser Blick, daß er es doch für

angezeigt hielt, auf das Suchen nach weiteren Vergleichen zu verzichten.

Auch nahm Jenny selbst das Wort und sagte: »Deine Rücksichten gegen mich

halten sich immer auf derselben Höhe. Du siehst, daß ich eine Alteration

gehabt habe, und die Form, in die du deine Teilnahme kleidest, ist die

geschmackloser Vergleiche. Was meiner Erregung zugrunde liegt, scheint

deine Neugier nicht sonderlich zu wecken.«

»Doch, doch, Jenny ... du darfst das nicht übel nehmen; du kennst mich

und weißt, wie das alles gemeint ist. Alteration! Das ist ein Wort,

das ich nicht gern höre. Gewiß wieder was mit Anna, Kündigung oder

Liebesgeschichte. Wenn ich nicht irre, stand sie ...«

»Nein, Treibel, das ist es nicht, Anna mag tun, was sie will und

meinetwegen ihr Leben als Spreewälderin beschließen. Ihr Vater, der alte

Schulmeister, kann dann an seinem Enkel erziehen, was er an seiner

Tochter versäumt hat. Wenn mich Liebesgeschichten alterieren sollen,

müssen sie von anderer Seite kommen ...«

»Also doch Liebesgeschichten. Nun sage wer?«

»Leopold.«

»Alle Wetter ...« Und man konnte nicht heraushören, ob Treibel bei

dieser Namensnennung mehr in Schreck oder Freude geraten war. »Leopold?

Ist es möglich?«

»Es ist mehr als möglich, es ist gewiß; denn vor einer Viertelstunde war

er selber hier, um mich diese Liebesgeschichte wissen zu lassen ...«

»Merkwürdiger Junge ...«

»Er hat sich mit Korinna verlobt.«

Es war ganz unverkennbar, daß die Kommerzienrätin eine große Wirkung von

dieser Mitteilung erwartete, welche Wirkung aber durchaus ausblieb.

Treibels erstes Gefühl war das einer heiter angeflogenen Enttäuschung.

Er hatte was von kleiner Soubrette, vielleicht auch von »Jungfrau aus

dem Volk« erwartet und stand nun vor einer Ankündigung, die, nach seinen

unbefangeneren Anschauungen, alles andere als Schreck und Entsetzen

hervorrufen konnte. »Korinna,« sagte er. »Und schlankweg verlobt und

ohne Mama zu fragen. Teufelsjunge. Man unterschätzt doch immer die

Menschen und am meisten seine eigenen Kinder.«

»Treibel, was soll das? Dies ist keine Stunde, wo sich's für dich

schickt, in einer noch nach Buggenhagen schmeckenden Stimmung ernste

Fragen zu behandeln. Du kommst nach Haus und findest mich in einer

großen Erregung, und im Augenblicke, wo ich dir den Grund dieser

Erregung mitteile, findest du's angemessen, allerlei sonderbare Scherze

zu machen. Du mußt doch fühlen, daß das einer Lächerlichmachung meiner

Person und meiner Gefühle ziemlich gleich kommt, und wenn ich deine

ganze Haltung recht verstehe, so bist du weit ab davon, in dieser

sogenannten Verlobung einen Skandal zu sehen. Und darüber möchte ich

Gewißheit haben, eh' wir weiter sprechen. Ist es ein Skandal oder

nicht?«

»Nein.«

»Und du wirst Leopold nicht darüber zur Rede stellen?«

»Nein.«

»Und bist nicht empört über diese Person?«

»Nicht im geringsten.«

Ȇber diese Person, die deiner und meiner Freundlichkeit sich absolut

unwert macht, und nun ihre Bettlade -- denn um viel was anderes wird es

sich nicht handeln -- in das Treibelsche Haus tragen will.«

Treibel lachte. »Sieh', Jenny, diese Redewendung ist dir gelungen, und

wenn ich mir mit meiner Phantasie, die mein Unglück ist, die hübsche

Korinna vorstelle, wie sie sozusagen zwischen die Längsbretter

eingeschirrt, ihre Bettlade hierher ins Treibelsche Haus trägt, so

könnte ich eine Viertelstunde lang lachen. Aber ich will doch lieber

nicht lachen und dir, da du so sehr fürs Ernste bist, nun auch ein

ernsthaftes Wort sagen. Alles, was du da so hinschmetterst, ist erstens

unsinnig und zweitens empörend. Und was es außerdem noch alles ist,

blind, vergeßlich, überheblich, davon will ich gar nicht reden ...«

Jenny war ganz blaß geworden und zitterte, weil sie wohl wußte, worauf

das »blind und vergeßlich« abzielte. Treibel aber, der ein guter und

auch ganz kluger Kerl war, und sich aufrichtig gegen all' den Hochmut

aufrichtete, fuhr jetzt fort: »Du sprichst da von Undank und Skandal und

Blamage, und fehlt eigentlich bloß noch das Wort »Unehre«, dann hast du

den Gipfel der Herrlichkeit erklommen. Undank. Willst du der klugen,

immer heitren, immer unterhaltlichen Person, die wenigstens sieben

Felgentreus in die Tasche steckt -- nächststehender Anverwandten ganz zu

geschweigen -- willst du der die Datteln und Apfelsinen nachrechnen, die

sie von unserer Majolikaschüssel, mit einer Venus und einem Cupido

darauf, beiläufig eine lächerliche Pinselei, mit ihrer zierlichen Hand

heruntergenommen hat? Und waren wir nicht bei dem guten alten Professor

unsererseits auch zu Gast, bei Wilibald, der doch sonst dein Herzblatt

ist, und haben wir uns seinen Brauneberger, der ebensogut war wie

meiner, oder doch nicht viel schlechter, nicht schmecken lassen? Und

warst du nicht ganz ausgelassen und hast du nicht an dem Klimperkasten,

der da in der Putzstube steht, deine alten Lieder 'runtergesungen? Nein,

Jenny, komme mir nicht mit solchen Geschichten. Da kann ich auch mal

ärgerlich werden ...«

Jenny nahm seine Hand und wollte ihn hindern weiter zu sprechen.

»Nein, Jenny, noch nicht, noch bin ich nicht fertig. Ich bin nun mal im

Zuge. Skandal sagst du und Blamage. Nun, ich sage dir, nimm dich in

acht, daß aus der bloß eingebildeten Blamage nicht eine wirkliche wird

und daß -- ich sage das, weil du solche Bilder liebst -- der Pfeil nicht

auf den Schützen zurückfliegt. Du bist auf dem besten Wege, mich und

dich in eine unsterbliche Lächerlichkeit hineinzubugsieren. Wer sind wir

denn? Wir sind weder die Montmorencys noch die Lusignans -- von denen,

nebenher bemerkt, die schöne Melusine herstammen soll, was dich

vielleicht interessiert -- wir sind auch nicht die Bismarcks oder die

Arnims oder sonst was Märkisches von Adel, wir sind die Treibels,

Blutlaugensalz und Eisenvitriol, und du bist eine geborene Bürstenbinder

aus der Adlerstraße, Bürstenbinder ist ganz gut, aber der erste

Bürstenbinder kann unmöglich höher gestanden haben als der erste

Schmidt. Und so bitt' ich dich denn, Jenny, keine Übertreibungen. Und

wenn es sein kann, laß den ganzen Kriegsplan fallen und nimm Korinna mit

so viel Fassung hin, wie du Helene hingenommen hast. Es ist ja nicht

nötig, daß sich Schwiegermutter und Schwiegertochter furchtbar lieben,

sie heiraten sich ja nicht; es kommt auf =die= an, die den Mut haben,

sich dieser ernsten und schwierigen Aufgabe allerpersönlichst

unterziehen zu wollen ...«

Jenny war während dieser zweiten Hälfte von Treibels Philippika

merkwürdig ruhig geworden, was in einer guten Kenntnis des Charakters

ihres Mannes seinen Grund hatte. Sie wußte, daß er in einem überhohen

Grade das Bedürfnis und die Gewohnheit des Sichaussprechens hatte, und

daß sich mit ihm erst wieder reden ließ, wenn gewisse Gefühle von seiner

Seele heruntergeredet waren. Es war ihr schließlich ganz recht, daß

dieser Akt innerlicher Selbstbefreiung so rasch und so gründlich

begonnen hatte; was jetzt gesagt worden war, brauchte morgen nicht mehr

gesagt zu werden, war abgetan und gestattete den Ausblick auf

friedlichere Verhandlungen. Treibel war sehr der Mann der Betrachtung

aller Dinge von zwei Seiten her, und so war Jenny denn völlig überzeugt

davon, daß er über Nacht dahin gelangen würde, die ganze Leopoldsche

Verlobung auch mal von der Kehrseite her anzusehen. Sie nahm deshalb

seine Hand und sagte: »Treibel, laß uns das Gespräch morgen früh

fortsetzen. Ich glaube, daß du, bei ruhigerem Blute, die Berechtigung

meiner Anschauungen nicht verkennen wirst. Jedenfalls rechne nicht

darauf, mich anderen Sinnes zu machen. Ich wollte dir, als dem Manne,

der zu handeln hat, selbstverständlich auch in dieser Angelegenheit

nicht vorgreifen; lehnst du jedoch jedes Handeln ab, so handle ich.

Selbst auf die Gefahr deiner Nichtzustimmung.«

»Tu', was du willst.«

Und damit warf Treibel die Tür ins Schloß und ging in sein Zimmer

hinüber. Als er sich in den Fauteuil warf, brummte er vor sich hin:

»Wenn sie am Ende doch recht hätte!«

Und konnte es anders sein? Der gute Treibel, er war doch auch

seinerseits das Produkt dreier, im Fabrikbetrieb immer reicher

gewordenen Generationen, und aller guten Geistes- und Herzensanlagen

unerachtet und trotz seines politischen Gastspiels auf der Bühne

Teupitz-Zossen -- der Bourgeois steckte ihm wie seiner sentimentalen

Frau tief im Geblüt.

Frau Jenny Treibel: Roman aus der Berliner Gesellschaft · 第 17 / 24 题