Elftes Kapitel

Leopold, als man zur Abfahrt sich anschickte, mußte sich mit einem Platz

vorn auf dem Bock des elterlichen Landauers begnügen, was ihm, alles in

allem, immer noch lieber war als innerhalb des Wagens selbst, en vue

seiner Mutter zu sitzen, die doch vielleicht, sei's im Wald, sei's bei

der kurzen Rast in Paulsborn, etwas bemerkt haben mochte; Schmidt

benutzte wieder den Vorortszug, während Korinna bei den Felgentreus mit

einstieg. Man placierte sie, so gut es ging, zwischen das den Fond des

Wagens redlich ausfüllende Ehepaar, und weil sie nach all dem

Voraufgegangenen eine geringere Neigung zum Plaudern als sonst wohl

hatte, so kam es ihr außerordentlich zu paß, sowohl Elfriede wie Blanka

doppelt redelustig und noch ganz voll und beglückt von dem Quartett zu

finden. Der Jodler, eine sehr gute Partie, schien über die freilich nur

in Zivil erschienenen Sommerleutnants einen entschiedenen Sieg

davongetragen zu haben. Im übrigen ließen es sich die Felgentreus nicht

nehmen, in der Adlerstraße vorzufahren und ihren Gast daselbst

abzusetzen. Korinna bedankte sich herzlich und stieg, noch einmal

grüßend, erst die drei Steinstufen und gleich danach vom Flur aus die

alte Holztreppe hinauf.

Sie hatte den Drücker zum Entree nicht mitgenommen, und so blieb ihr

nichts anderes übrig, als zu klingeln, was sie nicht gerne tat. Alsbald

erschien denn auch die Schmolke, die die Abwesenheit der »Herrschaft«,

wie sie mitunter mit Betonung sagte, dazu benutzt hatte, sich ein

bißchen sonntäglich herauszuputzen. Das Auffallendste war wieder die

Haube, deren Rüschen eben aus dem Tolleisen zu kommen schienen.

»Aber liebe Schmolke,« sagte Korinna, während sie die Tür wieder ins

Schloß zog, »was ist denn los? Ist Geburtstag? Aber nein, den kenn' ich

ja. Oder seiner?«

»Nein,« sagte die Schmolke, »seiner is auch nich. Und da werd' ich auch

nicht solchen Schlips umbinden und solch Band.«

»Aber wenn kein Geburtstag ist, was ist dann?«

»Nichts, Korinna. Muß denn immer was sein, wenn man sich mal ordentlich

macht? Sieh, du hast gut reden; du sitzt jeden Tag, den Gott werden

läßt, eine halbe Stunde vorm Spiegel, und mitunter auch noch länger, und

brennst dir dein Wuschelhaar ...«

»Aber, liebe Schmolke ...«

»Ja, Korinna, du denkst, ich seh' es nicht. Aber ich sehe alles und seh'

noch vielmehr ... Und ich kann dir auch sagen, Schmolke sagte mal, er

fänd' es eigentlich hübsch, solch Wuschelhaar ...«

»Aber war denn Schmolke so?«

»Nein, Korinna, Schmolke war nich so. Schmolke war ein sehr anständiger

Mann, und wenn man so was Sonderbares und eigentlich Unrechtes sagen

darf, er war beinah' zu anständig. Aber nun gib erst deinen Hut und

deine Mantille. Gott, Kind, wie sieht denn das alles aus? Is denn solch

furchtbarer Staub? Un noch ein Glück, daß es nich gedrippelt hat, denn

is der Samt hin. Un so viel hat ein Professor auch nich, un wenn er auch

nich geradezu klagt, Seide spinnen kann er nich.«

»Nein, nein,« lachte Korinna.

»Nu höre, Korinna, da lachst du nu wieder. Das ist aber gar nicht zum

Lachen. Der Alte quält sich genug, und wenn er so die Bündel ins Haus

kriegt und die Strippe mitunter nich ausreicht, so viele sind es, denn

tut es mir mitunter ordentlich weh hier. Denn Papa is ein sehr guter

Mann, und seine Sechzig drücken ihn nu doch auch schon ein bißchen. Er

will es freilich nich wahr haben und tut immer noch so, wie wenn er

zwanzig wäre. Ja, hat sich was. Un neulich ist er von der Pferdebahn

'runtergesprungen, un ich muß auch gerade dazu kommen; na, ich dachte

doch gleich, der Schlag soll mich rühren ... Aber nu sage, Korinna, was

soll ich dir bringen? Oder hast du schon gegessen und bist froh, wenn du

nichts siehst ...«

»Nein, ich habe nichts gegessen. Oder doch so gut wie nichts; die

Zwiebacke, die man kriegt, sind immer so alt. Und dann in Paulsborn

einen kleinen süßen Likör. Das kann man doch nicht rechnen. Aber ich

habe auch keinen rechten Appetit, und der Kopf ist mir so benommen; ich

werde am Ende krank ...«

»Ach, dummes Zeug, Korinna. Das ist auch eine von deinen Nücken; wenn du

mal Ohrensausen hast oder ein bißchen heiße Stirn, dann redest du immer

gleich von Nervenfieber. Un das is eigentlich gottlos, denn man muß den

Teufel nich an die Wand malen. Es wird wohl ein bißchen feucht gewesen

sein, ein bißchen neblig und Abenddunst.«

»Ja, neblig war es gerade, wie wir neben dem Schilf standen, und der See

war eigentlich gar nicht mehr zu sehen. Davon wird es wohl sein. Aber

der Kopf ist mir wirklich benommen, und ich möchte zu Bett gehen und

mich einmummeln. Und dann mag ich auch nicht mehr sprechen, wenn Papa

nach Hause kommt. Und wer weiß wann, und ob es nicht zu spät wird.«

»Warum ist er denn nich gleich mitgekommen?«

»Er wollte nicht und hat ja auch seinen >Abend< heut. Ich glaube bei

Kuhs. Und da sitzen sie meist lange, weil sich die Kälber mit

einmischen. Aber mit Ihnen, liebe, gute Schmolke, möchte ich wohl noch

eine halbe Stunde plaudern. Sie haben ja immer so was Herzliches ...«

»Ach, rede doch nich, Korinna. Wovon soll ich denn 'was Herzliches

haben? Oder eigentlich, wovon soll ich denn 'was Herzliches nich haben.

Du warst ja noch so, als ich ins Haus kam.«

»Nun also 'was Herzliches oder nicht 'was Herzliches,« sagte Korinna,

»gefallen wird es mir schon. Und wenn ich liege, liebe Schmolke, dann

bringen Sie mir meinen Tee ans Bett, die kleine Meißner Kanne und die

andere kleine Kanne, die nehmen Sie sich; und bloß ein paar Teebrötchen,

recht dünn geschnitten und nicht zuviel Butter. Denn ich muß mich mit

meinem Magen in acht nehmen, sonst wird es gastrisch, und man liegt

sechs Wochen.«

»Is schon gut,« lachte die Schmolke und ging in die Küche, um den Kessel

noch wieder in die Glut zu setzen. Denn heißes Wasser war immer da, und

es bullerte nur noch nicht.

* * * * *

Eine Viertelstunde später trat die Schmolke wieder ein und fand ihren

Liebling schon im Bette. Korinna saß mehr auf als sie lag und empfing

die Schmolke mit der trostreichen Versicherung, »es sei ihr schon viel

besser«; was man so immer zum Lobe der Bettwärme sage, das sei doch

wahr, und sie glaube jetzt beinahe, daß sie noch mal durchkommen und

alles glücklich überstehen werde.

»Glaub' ich auch,« sagte die Schmolke, während sie das Tablett auf den

kleinen, am Kopfende stehenden Tisch setzte. »Nun, Korinna, von welchem

soll ich dir einschenken? Der hier, mit der abgebrochenen Tülle, hat

länger gezogen, und ich weiß, du hast ihn gern stark und bitterlich, so

daß er schon ein bißchen nach Tinte schmeckt ...«

»Versteht sich, ich will von dem starken. Und dann ordentlich Zucker;

aber ganz wenig Milch, Milch macht immer gastrisch.«

»Gott, Korinna, laß doch das Gastrische. Du liegst da wie ein Borsdorfer

Apfel und redst immer, als ob dir der Tod schon um die Nase säße. Nein,

Korinnchen, so schnell geht es nich. Un nu nimm dir ein Teebrötchen. Ich

habe sie so dünn geschnitten, wie's nur gehen wollte ...«

»Das ist recht. Aber da haben Sie ja eine Schinkenstulle mit

'reingebracht.«

»Für mich, Korinnchen. Ich will doch auch 'was essen.«

»Ach, liebe Schmolke, da möcht' ich mich aber doch zu Gaste laden. Die

Teebrötchen sehen ja nach gar nichts aus, und die Schinkenstulle lacht

einen ordentlich an. Und alles schon so appetitlich durchgeschnitten.

Nun merk' ich erst, daß ich eigentlich hungrig bin. Geben Sie mir ein

Schnittchen ab, wenn es Ihnen nicht sauer wird.«

»Wie du nur redest, Korinna. Wie kann es mir denn sauer werden. Ich

führe ja bloß die Wirtschaft und bin bloß eine Dienerin.«

»Ein Glück, daß Papa das nicht hört. Sie wissen doch, das kann er nicht

leiden, daß Sie so von Dienerin reden, und er nennt es eine falsche

Bescheidenheit ...«

»Ja, ja, so sagt er. Aber Schmolke, der auch ein ganz kluger Mann war,

wenn er auch nicht studiert hatte, der sagte immer, >höre, Rosalie,

Bescheidenheit ist gut, und eine falsche Bescheidenheit (denn die

Bescheidenheit ist eigentlich immer falsch) ist immer noch besser als

gar keine<.«

»Hm,« sagte Korinna, die sich etwas getroffen fühlte, »das läßt sich

hören. Überhaupt, liebe Schmolke, Ihr Schmolke muß eigentlich ein

ausgezeichneter Mann gewesen sein. Und Sie sagten ja auch vorhin schon,

er habe so etwas Anständiges gehabt und beinah' zu anständig. Sehen Sie,

so was höre ich gern, und ich möchte mir wohl etwas dabei denken können.

Worin war er denn nun eigentlich so sehr anständig ... Und dann, er war

ja doch bei der Polizei. Nun, offen gestanden, ich bin zwar froh, daß

wir eine Polizei haben, und freue mich immer über jeden Schutzmann, an

den ich herantreten und den ich nach dem Weg fragen und um Auskunft

bitten kann, und das muß wahr sein, alle sind artig und manierlich,

wenigstens hab' ich es immer so gefunden. Aber das von der Anständigkeit

und von zu anständig ...«

»Ja, liebe Korinna, das is schon richtig. Aber da sind ja

Unterschiedlichkeiten, und was sie Abteilungen nennen. Und Schmolke war

bei solcher Abteilung.«

»Natürlich. Er kann doch nicht überall gewesen sein.«

»Nein, nicht überall. Und er war gerade bei der allerschwersten, die für

den Anstand und die gute Sitte zu sorgen hat.«

»Und so was gibt es?«

»Ja, Korinna, so was gibt es und muß es auch geben. Und wenn nu -- was

ja doch vorkommt, und auch bei Frauen und Mädchen vorkommt, wie du ja

wohl gesehen und gehört haben wirst, denn Berliner Kinder sehen und

hören alles -- wenn nu solch armes und unglückliches Geschöpf (denn

manche sind wirklich bloß arm und unglücklich) etwas gegen den Anstand

und die gute Sitte tut, dann wird sie vernommen und bestraft. Und da, wo

die Vernehmung is, da gerade saß Schmolke ...«

»Merkwürdig. Aber davon haben Sie mir ja noch nie was erzählt. Und

Schmolke, sagen Sie, war mit dabei? Wirklich, sehr sonderbar. Und Sie

meinen, daß er gerade deshalb so sehr anständig und so solide war?«

»Ja, Korinna, das mein' ich.«

»Nun, wenn Sie's sagen, liebe Schmolke, so will ich es glauben. Aber ist

es nicht eigentlich zum Verwundern? Denn Ihr Schmolke war ja damals noch

jung oder so ein Mann in seinen besten Jahren. Und viele von unserem

Geschlecht, und gerade solche, sind ja doch oft bildhübsch. Und da sitzt

nun einer, wie Schmolke da gesessen, und muß immer streng und ehrbar

aussehen, bloß weil er da zufällig sitzt. Ich kann mir nicht helfen, ich

finde das schwer. Denn das ist ja gerade so wie der Versucher in der

Wüste: >Dies alles schenke ich dir<.«

Die Schmolke seufzte. »Ja, Korinna, daß ich es dir offen gestehe, ich

habe auch manchmal geweint, und mein furchtbares Reißen, hier gerad' im

Nacken, das is noch von der Zeit her. Und zwischen das zweite und dritte

Jahr, daß wir verheiratet waren, da hab' ich beinah' elf Pfund

abgenommen, und wenn wir damals schon die vielen Wiegewagen gehabt

hätten, da wär' es wohl eigentlich noch mehr gewesen, denn als ich zu's

Wiegen kam, da setzte ich schon wieder an.«

»Arme Frau,« sagte Korinna. »Ja, das müssen schwere Tage gewesen sein.

Aber wie kamen Sie denn darüber hin? Und wenn Sie wieder ansetzten, so

muß doch so was von Trost und Beruhigung gewesen sein.«

»War auch, Korinnchen. Und weil du ja nu alles weißt, will ich dir auch

erzählen, wie's kam, un wie ich meine Ruhe wieder kriegte. Denn ich kann

dir sagen, es war schlimm, und ich habe mitunter viele Wochen lang kein

Auge zugetan. Na, zuletzt schläft man doch ein bißchen; die Natur will

es un is auch zuletzt noch stärker als die Eifersucht. Aber Eifersucht

ist sehr stark, viel stärker als Liebe. Mit Liebe is es nich so schlimm.

Aber was ich sagen wollte, wie ich nu so ganz 'runter war und man bloß

noch soviel Kraft hatte, daß ich ihm doch sein Hammelfleisch und seine

Bohnen vorsetzen konnte, das heißt geschnitzelte mocht' er nich un sagte

immer, sie schmeckten nach Messer, da sah er doch wohl, daß er mal mit

mir reden müsse. Denn ich red'te nich, dazu war ich viel zu stolz. Also

er wollte reden mit mir, und als es nu soweit war und er die Gelegenheit

auch ganz gut abgepaßt hatte, nahm er einen kleinen vierbeinigen

Schemel, der sonst immer in der Küche stand, un is mir, als ob es

gestern gewesen wäre, un rückte den Schemel zu mir 'ran und sagte:

>Rosalie, nu sage mal, was hast du denn eigentlich<.«

Um Korinnas Mund verlor sich jeder Ausdruck von Spott; sie schob das

Tablett etwas beiseite, stützte sich, während sie sich aufrichtete, mit

dem rechten Arm auf den Tisch und sagte: »Nun weiter, liebe Schmolke.«

»Also, was hast du eigentlich? sagte er zu mir. Na, da stürzten mir denn

die Tränen man so pimperlings 'raus, und ich sagte: >Schmolke,

Schmolke,< und dabei sah ich ihn an, als ob ich ihn ergründen wollte. Un

ich kann wohl sagen, es war ein scharfer Blick, aber doch immer noch

freundlich. Denn ich liebte ihn. Und da sah ich, daß er ganz ruhig blieb

und sich gar nicht verfärbte. Un dann nahm er meine Hand, streichelte

sie ganz zärtlich un sagte: >Rosalie, das is alles Unsinn. Davon

verstehst du nichts, weil du nicht in der >Sitte< bist. Denn ich sage

dir, wer da so tagaus tagein in der Sitte sitzen muß, dem vergeht es,

dem stehen die Haare zu Berge über all das Elend und all den Jammer, und

wenn dann welche kommen, die nebenher auch noch ganz verhungert sind,

was auch vorkommt, und wo wir ganz genau wissen, da sitzen nu die Eltern

zu Hause un grämen sich Tag und Nacht über die Schande, weil sie das

arme Wurm, das mitunter sehr merkwürdig dazu gekommen ist, immer noch

lieb haben und helfen und retten möchten, wenn zu helfen und zu retten

noch menschenmöglich wäre -- ich sage dir, Rosalie, wenn man das jeden

Tag sehen muß, un man hat ein Herz im Leibe un hat bei's erste

Garderegiment gedient un is für Proppertät und Strammheit und

Gesundheit, na, ich sage dir, denn is es mit Verführung un all so was

vorbei, un man möchte 'rausgehn und weinen, un ein paarmal hab' ich's

auch, alter Kerl der ich bin, und von Karessieren und >Fräuleinchen<

steht nichts mehr drin, un man geht nach Hause und is froh, wenn man

sein Hammelfleisch kriegt un eine ordentliche Frau hat, die Rosalie

heißt. Bist du nu zufrieden, Rosalie?< Und dabei gab er mir einen Kuß

...«

Die Schmolke, der bei der Erzählung wieder ganz weh ums Herz geworden

war, ging an Korinnas Schrank, um sich ein Taschentuch zu holen. Und als

sie sich nun wieder zurecht gemacht hatte, so daß ihr die Worte nicht

mehr in der Kehle blieben, nahm sie Korinnas Hand und sagte: »Sieh', so

war Schmolke. Was sagst du dazu?«

»Ein sehr anständiger Mann.«

»Na ob.«

* * * * *

In diesem Augenblicke hörte man die Klingel. »Der Papa,« sagte Korinna,

und die Schmolke stand auf, um dem Herrn Professor zu öffnen. Sie war

auch bald wieder zurück und erzählte, daß sich der Papa nur gewundert

habe, Korinnchen nicht mehr zu finden; was denn passiert sei? Wegen ein

bißchen Kopfweh gehe man doch nicht gleich zu Bett. Und dann habe er

sich eine Pfeife angesteckt und die Zeitung in die Hand genommen und

habe dabei gesagt: »Gott sei Dank, liebe Schmolke, daß ich wieder da

bin; alle Gesellschaften sind Unsinn; diesen Satz vermache ich Ihnen auf

Lebenszeit.« Er habe aber ganz fidel dabei ausgesehen und sie sei

überzeugt, daß er sich eigentlich sehr gut amüsiert habe. Denn er habe

den Fehler, den so viele hätten, und die Schmidts voran: sie redeten

über alles und wüßten alles besser. »Ja, Korinnchen, in diesem Belange

bist du auch ganz Schmidtsch.«

Korinna gab der guten Alten die Hand und sagte: »Sie werden wohl recht

haben, liebe Schmolke, und es ist ganz gut, daß Sie mir's sagen. Wenn

Sie nicht gewesen wären, wer hätte mir denn überhaupt was gesagt?

Keiner. Ich bin ja wie wild aufgewachsen, und ist eigentlich zu

verwundern, daß ich nicht noch schlimmer geworden bin als ich bin. Papa

ist ein guter Professor, aber kein guter Erzieher, und dann war er immer

zu sehr von mir eingenommen und sagte: >das Schmidtsche hilft sich

selbst< oder >es wird schon zum Durchbruch kommen<.«

»Ja, so was sagt er immer. Aber mitunter ist eine Maulschelle besser.«

»Um Gotteswillen, liebe Schmolke, sagen Sie doch so was nicht. Das

ängstigt mich.«

»Ach, du bist närrisch, Korinna. Was soll dich denn ängstigen? Du bist

ja nun eine große, forsche Person und hast die Kinderschuhe längst

ausgetreten und könntest schon sechs Jahre verheiratet sein.«

»Ja,« sagte Korinna, »das könnt' ich, wenn mich wer gewollt hätte. Aber

dummerweise hat mich noch keiner gewollt. Und da habe ich denn für mich

selber sorgen müssen ...«

Die Schmolke glaubte nicht recht gehört zu haben und sagte: »Du hast für

dich selber sorgen müssen? Was meinst du damit, was soll das heißen?«

»Es soll heißen, liebe Schmolke, daß ich mich heut' abend verlobt habe.«

»Himmlischer Vater, is es möglich. Aber sei nich böse, daß ich mich so

verfiere ... Denn es is ja doch eigentlich was Gutes. Na, mit wem denn?«

»Rate.«

»Mit Marcell.«

»Nein, mit Marcell nicht.«

»Mit Marcell nich? Ja, Korinna, dann weiß ich es nich und will es auch

nich wissen. Bloß wissen muß ich es am Ende doch. Wer is es denn?«

»Leopold Treibel.«

»Herr, du meine Güte ...«

»Findest du's so schlimm? Hast du was dagegen?«

»I bewahre, wie werd' ich denn. Und würde sich auch gar nich vor mir

passen. Un denn die Treibels, die sind alle gut un sehr proppre Leute,

der alte Kommerzienrat voran, der immer so spaßig is und immer sagt: >Je

später der Abend, je schöner die Leute< un >noch fufzig Jahre so wie

heut'< und so was. Und der älteste Sohn is auch sehr gut und Leopold

auch. Ein bißchen spitzer, das is wahr, aber heiraten is ja nich bei

Renz in 'n Zirkus. Und Schmolke sagte oft: >Höre, Rosalie, das laß gut

sein, so was täuscht, da kann man sich irren; die Dünnen un die so

schwach aussehn, die sind oft gar nich so schwach<. Ja, Korinna, die

Treibels sind gut, un bloß die Mama, die Kommerzienrätin, ja höre, die

kann ich mir nich helfen, die Rätin, die hat so was, was mir nich recht

paßt, un ziert sich immer un tut so, un wenn was Weinerliches erzählt

wird von einem Pudel, der ein Kind aus dem Kanal gezogen, oder wenn der

Professor was vorpredigt un mit seiner Baßstimme so vor sich

hinbrummelt: >wie der Unsterbliche sagt< ... un dann kommt immer ein

Name, den kein Christenmensch kennt und die Kommerzienrätin woll auch

nich -- dann hat sie gleich immer ihre Träne un sind immer wie

Stehtränen, die gar nich 'runter woll'n.«

»Daß sie so weinen kann, ist aber doch eigentlich was Gutes, liebe

Schmolke.«

»Ja, bei manchem is es was Gutes und zeigt ein weiches Herz. Un ich will

auch weiter nichts sagen un lieber an meine eigne Brust schlagen, un muß

auch, denn mir sitzen sie auch man lose ... Gott, wenn ich daran denke,

wie Schmolke noch lebte, na, da war vieles anders, un Billetter für den

dritten Rang hatte Schmolke jeden Tag un mitunter auch für den zweiten.

Un da machte ich mich denn fein, Korinna, denn ich war damals noch keine

dreißig un noch ganz imstande. Gott, Kind, wenn ich daran denke! Da war

damals eine, die hieß die Erharten, die nachher einen Grafen geheiratet.

Ach, Korinnchen, da hab' ich auch manche schöne Träne vergossen. Ich

sage schöne Träne, denn es erleichtert einen. Un in >Maria Stuart< war

es am meisten. Da war denn doch eine Schnauberei, daß man gar nichts

mehr verstehn konnte, das heißt aber bloß ganz zuletzt, wie sie von all

ihre Dienerinnen und von ihrer alten Amme Abschied nimmt, alle ganz

schwarz, un sie selber immer mit's Kreuz, ganz wie 'ne Katholische. Aber

die Erharten war keine. Und wenn ich mir das alles wieder so denke un

wie ich da aus der Träne gar nich 'raus gekommen bin, da kann ich auch

gegen die Kommerzienrätin eigentlich nichts sagen.«

Korinna seufzte, halb im Scherz und halb im Ernst.

»Warum seufzst du, Korinna?«

»Ja, warum seufze ich, liebe Schmolke? Ich seufze, weil ich glaube, daß

Sie recht haben, und daß sich gegen die Rätin eigentlich nichts sagen

läßt, bloß weil sie so leicht weint oder immer einen Flimmer im Auge

hat. Gott, den hat mancher. Aber die Rätin ist freilich eine ganz eigene

Frau, und ich trau' ihr nicht, und der arme Leopold hat eigentlich eine

große Furcht vor ihr und weiß auch noch nicht, wie er da heraus will. Es

wird eben noch allerlei harte Kämpfe geben. Aber ich laß es darauf

ankommen und halt' ihn fest, und wenn meine Schwiegermutter gegen mich

ist, so schad't es am Ende nicht allzuviel. Die Schwiegermütter sind

eigentlich immer dagegen und jede denkt, ihr Püppchen ist zu schade. Na,

wir werden ja sehn; ich habe sein Wort, und das andere muß sich finden.«

»Das ist recht, Korinna, halt' ihn fest. Eigentlich hab' ich ja einen

Schreck gekriegt, und glaube mir, Marcell wäre besser gewesen, denn ihr

paßt zusammen. Aber das sag' ich so bloß zu dir. Un da du nu mal den

Treibelschen hast, na, so hast du'n, un da hilft kein Prätzelbacken, un

er muß still halten und die Alte auch. Ja, die Alte erst recht. Der

gönn' ich's.«

Korinna nickte.

»Un nu schlafe, Kind. Ausschlafen is immer gut, denn man kann nie

wissen, wie's kommt, un wie man den andern Tag seine Kräfte braucht.«

Frau Jenny Treibel: Roman aus der Berliner Gesellschaft · 第 16 / 24 题