Am anderen Morgen war die Kommerzienrätin früher auf als gewöhnlich und
ließ von ihrem Zimmer aus zu Treibel hinüber sagen, daß sie das
Frühstück allein nehmen wolle. Treibel schob es auf die Verstimmung vom
Abend vorher, ging aber darin fehl, da Jenny ganz aufrichtig vorhatte,
die durch Verbleib auf ihrem Zimmer frei gewordene halbe Stunde zu einem
Briefe an Hildegard zu benutzen. Es galt eben Wichtigeres heute, als den
Kaffee mußevoll und friedlich oder vielleicht auch unter fortgesetzter
Kriegführung einzunehmen, und wirklich, kaum daß sie die kleine Tasse
geleert und auf das Tablett zurückgeschoben hatte, so vertauschte sie
auch schon den Sofaplatz mit ihrem Platz am Schreibtisch und ließ die
Feder mit rasender Schnelligkeit über verschiedene kleine Bogen
hingleiten, von denen jeder nur die Größe einer Handfläche, Gott sei
Dank aber die herkömmlichen vier Seiten hatte. Briefe, wenn ihr die
Stimmung nicht fehlte, gingen ihr immer leicht von der Hand, aber nie so
wie heute, und ehe noch die kleine Konsoluhr die neunte Stunde schlug,
schob sie schon die Bogen zusammen, klopfte sie auf der Tischplatte wie
ein Spiel Karten zurecht und überlas noch einmal mit halblauter Stimme
das Geschriebene.
»Liebe Hildegard. Seit Wochen tragen wir uns damit, unsren seit lange
gehegten Wunsch erfüllt und Dich mal wieder unter unsrem Dache zu sehen.
Bis in den Mai hinein hatten wir schlechtes Wetter, und von einem Lenz,
der mir die schönste Jahreszeit bedeutet, konnte kaum die Rede sein.
Aber seit beinah' vierzehn Tagen ist es anders, in unsrem Garten
schlagen die Nachtigallen, was Du, wie ich mich sehr wohl erinnere, so
sehr liebst, und so bitten wir Dich herzlich, Dein schönes Hamburg auf
ein paar Wochen verlassen und uns Deine Gegenwart schenken zu wollen.
Treibel vereinigt seine Wünsche mit den meinigen, und Leopold schließt
sich an. Von Deiner Schwester Helene bei dieser Gelegenheit und in
diesem Sinne zu sprechen, ist überflüssig, denn ihre herzlichen Gefühle
für Dich kennst Du so gut, wie wir sie kennen, Gefühle, die, wenn ich
recht beobachtet habe, gerade neuerdings wieder in einem beständigen
Wachsen begriffen sind. Es liegt so, daß ich, soweit das in einem Briefe
möglich, ausführlicher darüber zu Dir sprechen möchte. Mitunter, wenn
ich sie so blaß sehe, so gut ihr gerade diese Blässe kleidet, tut mir
doch das innerste Herz weh, und ich habe nicht den Mut, nach der Ursache
zu fragen. Otto ist es =nicht=, dessen bin ich sicher, denn er ist nicht
nur gut, sondern auch rücksichtsvoll, und ich empfinde dann allen
Möglichkeiten gegenüber ganz deutlich, daß es nichts anderes sein kann
als Heimweh. Ach, mir nur zu begreiflich, und ich möchte dann immer
sagen, >reise, Helene, reise heute, reise morgen, und sei versichert,
daß ich mich, wie des Wirtschaftlichen überhaupt, so auch namentlich der
Weißzeugplätterei nach besten Kräften annehmen werde, gerade so, ja mehr
noch, als wenn es für Treibel wäre, der in diesen Stücken auch so
diffizil ist, diffiziler als viele andere Berliner.< Aber ich sage das
alles nicht, weil ich ja weiß, daß Helene lieber auf jedes andere Glück
verzichtet, als auf das Glück, das in dem Bewußtsein erfüllter Pflicht
liegt. Vor allem dem Kinde gegenüber. Lizzi mit auf die Reise zu nehmen,
wo dann doch die Schulstunden unterbrochen werden müßten, ist fast
ebenso undenkbar, wie Lizzi zurückzulassen. Das süße Kind! Wie wirst Du
Dich freuen, sie wieder zu sehen, immer vorausgesetzt, daß ich mit
meiner Bitte keine Fehlbitte tue. Denn Photographien geben doch nur ein
sehr ungenügendes Bild, namentlich bei Kindern, deren ganzer Zauber in
einer durchsichtigen Hautfarbe liegt; der Teint nuanciert nicht nur den
Ausdruck, er ist der Ausdruck selbst. Denn wie Krola, dessen Du Dich
vielleicht noch erinnerst, erst neulich wieder behauptete, der
Zusammenhang zwischen Teint und Seele sei geradezu merkwürdig. Was wir
Dir bieten können, meine süße Hildegard? Wenig; eigentlich nichts. Die
Beschränktheit unsrer Räume kennst Du; Treibel hat außerdem eine neue
Passion ausgebildet und will sich wählen lassen, und zwar in einem
Landkreise, dessen sonderbaren, etwas wendisch klingenden Namen ich
Deiner Geographiekenntnis nicht zumute, trotzdem ich wohl weiß, daß auch
Eure Schulen -- wie mir Felgentreu (freilich keine Autorität auf diesem
Gebiete) erst ganz vor kurzem wieder versicherte -- den unsrigen
überlegen sind. Wir haben zur Zeit eigentlich nichts als die
Jubiläumsausstellung, in der die Firma Dreher aus Wien die Bewirtung
übernommen hat und hart angegriffen wird. Aber was griffe der Berliner
nicht an -- daß die Seidel zu klein sind, kann einer Dame wenig bedeuten
-- und ich wüßte wirklich kaum etwas, was vor der Eingebildetheit
unserer Bevölkerung sicher wäre. Nicht einmal Euer Hamburg, an das ich
nicht denken kann, ohne daß mir das Herz lacht. Ach, Eure herrliche
Buten-Alster! Und wenn dann abends die Lichter und die Sterne darin
flimmern -- ein Anblick, der den, der sich seiner freuen darf, jedesmal
dem Irdischen wie entrückt. Aber vergiß es, liebe Hildegard, sonst haben
wir wenig Aussicht, Dich hier zu sehen, was doch ein aufrichtiges
Bedauern bei allen Treibels hervorrufen würde, am meisten bei Deiner
Dich innig liebenden Freundin und Tante
Jenny Treibel.
»=Nachschrift.= Leopold reitet jetzt viel, jeden Morgen nach Treptow und
auch nach dem Eierhäuschen. Er klagt, daß er keine Begleitung dabei
habe. Hast Du noch Deine alte Passion? Ich sehe Dich noch so hinfliegen,
Du Wildfang. Wenn ich ein Mann wäre, Dich einzufangen, würde mir das
Leben bedeuten. Übrigens bin ich sicher, daß andere ebenso denken, und
wir würden längst den Beweis davon in Händen haben, wenn Du weniger
wählerisch wärst. Sei es nicht fürder und vergiß die Ansprüche, die Du
machen darfst.