Um dieselbe Stunde, wo man sich bei Treibels vom Diner erhob, begann
Professor Schmidts »Abend«. Dieser Abend, auch wohl Kränzchen genannt,
versammelte, wenn man vollzählig war, um einen runden Tisch und eine mit
einem roten Schleier versehene Moderateurlampe sieben Gymnasiallehrer,
von denen die meisten den Professortitel führten. Außer unserm Freunde
Schmidt waren es noch folgende: Friedrich Distelkamp, emeritierter
Gymnasialdirektor, Senior des Kreises; nach ihm die Professoren
Rindfleisch und Hannibal Kuh, zu welchen beiden sich noch Oberlehrer
Immanuel Schultze gesellte, sämtlich vom Großen Kurfürsten-Gymnasium.
Den Schluß machte Dr. Charles Etienne, Freund und Studiengenosse
Marcells, zurzeit französischer Lehrer an einem vornehmen
Mädchenpensionat, und endlich Zeichenlehrer Friedeberg, dem, vor ein
paar Jahren erst -- niemand wußte recht, warum und woher -- der die
Mehrheit des Kreises auszeichnende Professortitel angeflogen war,
übrigens ohne sein Ansehen zu heben. Er wurde vielmehr, nach wie vor,
für nicht ganz voll angesehen, und eine Zeitlang war aufs ernsthafteste
die Rede davon gewesen, ihn, wie sein Hauptgegner Immanuel Schultze
vorgeschlagen, aus ihrem Kreise »herauszugraulen«, was unser Wilibald
Schmidt indessen mit der Bemerkung bekämpft hatte, daß Friedeberg,
trotz seiner wissenschaftlichen Nichtzugehörigkeit, eine nicht zu
unterschätzende Bedeutung für ihren »Abend« habe. »Seht, lieben
Freunde,« so etwa waren seine Worte gewesen, »wenn wir unter uns sind,
so folgen wir unseren Auseinandersetzungen eigentlich immer nur aus
Rücksicht und Artigkeit und leben dabei mehr oder weniger der
Überzeugung, alles, was seitens des anderen gesagt wurde, =viel= besser
oder -- wenn wir bescheiden sind -- wenigstens ebensogut sagen zu
können. Und das lähmt immer. Ich für mein Teil wenigstens bekenne offen,
daß ich, wenn ich mit meinem Vortrage gerade an der Reihe war, das
Gefühl eines gewissen Unbehagens, ja zuzeiten einer geradezu
hochgradigen Beklemmung nie ganz los geworden bin. Und in einem so
bedrängten Augenblicke seh' ich dann unsern immer zu spät kommenden
Friedeberg eintreten, verlegen lächelnd natürlich, und empfinde sofort,
wie meiner Seele die Flügel wieder wachsen; ich spreche freier,
intuitiver, klarer, denn ich habe wieder ein Publikum, wenn auch nur
ein ganz kleines. =Ein= andächtiger Zuhörer, anscheinend so wenig, ist
doch schon immer was und mitunter sogar sehr viel.« Auf diese warme
Verteidigung Wilibald Schmidts hin war Friedeberg dem Kreise verblieben.
Schmidt durfte sich überhaupt als die Seele des Kränzchens betrachten,
dessen Namensgebung: »Die sieben Weisen Griechenlands« ebenfalls auf
ihn zurückzuführen war. Immanuel Schultze, meist in der Opposition
und außerdem ein Gottfried Keller-Schwärmer, hatte seinerseits »Das
Fähnlein der sieben Aufrechten« vorgeschlagen, war aber damit nicht
durchgedrungen, weil, wie Schmidt betonte, diese Bezeichnung einer
Entlehnung gleichgekommen wäre. »Die sieben Weisen« klängen freilich
ebenfalls entlehnt, aber das sei bloß Ohr- und Sinnestäuschung; das
»a«, worauf es recht eigentlich ankomme, verändere nicht nur mit einem
Schlage die ganze Situation, sondern erziele sogar den denkbar höchsten
Standpunkt, den der Selbstironie.
Wie sich von selbst versteht, zerfiel die Gesellschaft, wie
jede Vereinigung derart, in fast ebenso viele Parteien, wie sie
Mitglieder zählte, und nur dem Umstande, daß die drei vom Großen
Kurfürsten-Gymnasium, außer der Zusammengehörigkeit, die diese
gemeinschaftliche Stellung gab, auch noch verwandt und verschwägert
waren (Kuh war Schwager, Immanuel Schultze Schwiegersohn von
Rindfleisch), nur diesem Umstande war es zuzuschreiben, daß die vier
anderen, und zwar aus einer Art Selbsterhaltungstrieb, ebenfalls eine
Gruppe bildeten und bei Beschlußfassungen meist zusammengingen.
Hinsichtlich Schmidts und Distelkamps konnte dies nicht weiter
überraschen, da sie von alter Zeit her Freunde waren, zwischen Etienne
und Friedeberg aber klaffte für gewöhnlich ein tiefer Abgrund, der sich
ebenso sehr in ihrer voneinander abweichenden Erscheinung, wie in ihren
verschiedenen Lebensgewohnheiten aussprach. Etienne, sehr elegant,
versäumte nie, während der großen Ferien mit Nachurlaub nach Paris zu
gehen, während sich Friedeberg, angeblich um seiner Malstudien willen,
auf die Woltersdorfer Schleuse (die landschaftlich unerreicht dastände)
zurückzog. Natürlich war dies alles nur Vorgabe. Der wirkliche Grund war
der, daß Friedeberg, bei ziemlich beschränkter Finanzlage, nach dem
erreichbar nächstliegenden griff und überhaupt Berlin nur verließ, um
von seiner Frau -- mit der er seit Jahren immer dicht vor der Scheidung
stand -- auf einige Wochen loszukommen. In einem sowohl die Handlungen
wie die Worte seiner Mitglieder kritischer prüfenden Kreise hätte diese
Finte notwendig verdrießen müssen, indessen Offenheit und Ehrlichkeit im
Verkehr mit- und untereinander war keineswegs ein hervorstechender Zug
der sieben »Weisen«, eher das Gegenteil. So versicherte beispielsweise
jeder, »ohne den >Abend< eigentlich nicht leben zu können«, was in
Wahrheit nicht ausschloß, daß immer nur =die= kamen, die nichts Besseres
vorhatten. Theater und Skat gingen weit vor und sorgten dafür, daß
Unvollständigkeit der Versammlung die Regel war und nicht mehr auffiel.
Heute aber schien es sich schlimmer als gewöhnlich gestalten zu wollen.
Die Schmidtsche Wanduhr, noch ein Erbstück vom Großvater her, schlug
bereits halb, halb neun, und noch war niemand da außer Etienne, der, wie
Marcell, zu den Intimen des Hauses zählend, kaum als Gast und Besuch
gerechnet wurde.
»Was sagst du, Etienne,« wandte sich jetzt Schmidt an diesen, »was sagst
du zu dieser Saumseligkeit? Wo bleibt Distelkamp? Wenn auch auf =den=
kein Verlaß mehr ist (>die Douglas waren immer treu<), so geht der
>Abend< aus den Fugen, und ich werde Pessimist und nehme für den Rest
meiner Tage Schopenhauer und Eduard von Hartmann untern Arm.«
Während er noch so sprach, ging draußen die Klingel, und einen
Augenblick später trat Distelkamp ein.
»Entschuldige, Schmidt, ich habe mich verspätet. Die Details erspar' ich
dir und unserem Freunde Etienne. Auseinandersetzungen, weshalb man zu
spät kommt, selbst wenn sie wahr, sind nicht viel besser als
Krankengeschichten. Also lassen wir's. Inzwischen bin ich überrascht,
trotz meiner Verspätung immer noch der eigentlich erste zu sein. Denn
Etienne gehört ja so gut wie zur Familie. Die Großen Kurfürstlichen
aber! Wo sind sie? Nach Kuh und unserm Freunde Immanuel frag' ich nicht
erst, die sind bloß ihres Schwagers und Schwiegervaters Klientel.
Rindfleisch selbst aber -- wo steckt er?«
»Rindfleisch hat abgeschrieben; er sei heut' in der >Griechischen<.«
»Ach, das ist Torheit. Was will er in der Griechischen? Die sieben
Weisen gehen vor. Er findet hier wirklich mehr.«
»Ja, das sagst du so, Distelkamp. Aber es liegt doch wohl anders.
Rindfleisch hat nämlich ein schlechtes Gewissen, ich könnte vielleicht
sagen: mal wieder ein schlechtes Gewissen.«
»Dann gehört er erst recht hierher; hier kann er beichten. Aber um was
handelt es sich denn eigentlich? was ist es?«
»Er hat da mal wieder einen Schwupper gemacht, irgendwas verwechselt,
ich glaube Phrynichos den Tragiker mit Phrynichos dem Lustspieldichter.
War es nicht so, Etienne? (dieser nickte) und die Sekundaner haben nun
mit lirum larum einen Vers auf ihn gemacht ...«
»Und?«
»Und da gilt es denn, die Scharte so gut es geht, wieder auszuwetzen,
wozu die >Griechische< mit dem Lustre, das sie gibt, das immerhin beste
Mittel ist.«
Distelkamp, der sich mittlerweile seinen Meerschaum angezündet und in
die Sofaecke gesetzt hatte, lächelte bei der ganzen Geschichte behaglich
vor sich hin und sagte dann: »Alles Schnack. Glaubst du's? Ich nicht.
Und wenn es zuträfe, so bedeutet es nicht viel, eigentlich gar nichts.
Solche Schnitzer kommen immer vor, passieren jedem. Ich will dir mal was
erzählen, Schmidt, was, als ich noch jung war und in Quarta
brandenburgische Geschichte vortragen mußte -- was damals, sag' ich,
einen großen Eindruck auf mich machte.«
»Nun, laß hören. Was war's?«
»Ja, was war's. Offen gestanden, meine Wissenschaft, zum wenigsten,
was unser gutes Kurbrandenburg anging, war nicht weit her, ist es auch
jetzt noch nicht, und als ich so zu Hause saß und mich notdürftig
vorbereitete, da las ich -- denn wir waren gerade beim ersten
König -- allerhand Biographisches und darunter auch was vom alten
General Barfus, der, wie die meisten damaligen, das Pulver nicht
erfunden hatte, sonst aber ein kreuzbraver Mann war. Und dieser Barfus
präsidierte, während der Belagerung von Bonn, einem Kriegsgericht, drin
über einen jungen Offizier abgeurteilt werden sollte.«
»So, so. Nun, was war es denn?«
»Der Abzuurteilende hatte sich, das mindeste zu sagen, etwas unheldisch
benommen, und alle waren für schuldig und totschießen. Nur der alte
Barfus wollte nichts davon wissen und sagte: »Drücken wir ein Auge zu,
meine Herren. Ich habe dreißig Renkontres mitgemacht, und ich muß Ihnen
sagen, ein Tag ist nicht wie der andere, und der Mensch ist ungleich und
das Herz auch und der Mut erst recht. Ich habe mich manches Mal auch
feige gefühlt. Solange es geht, muß man Milde walten lassen, denn jeder
kann sie brauchen.«
»Höre, Distelkamp,« sagte Schmidt, »das ist eine gute Geschichte, dafür
dank' ich dir, und so alt ich bin, =die= will ich mir doch hinter die
Ohren schreiben. Denn weiß es Gott, ich habe mich auch schon blamiert,
und wiewohl es die Jungens nicht bemerkt haben, wenigstens ist mir
nichts aufgefallen, so hab' ich es doch selber bemerkt und mich
hinterher riesig geärgert und geschämt. Nicht wahr, Etienne, so was ist
immer fatal; oder kommt es im Französischen nicht vor, wenigstens dann
nicht, wenn man alle Juli nach Paris reist und einen neuen Band
Maupassant mit heimbringt? Das ist ja wohl jetzt das Feinste? Verzeih'
die kleine Malice. Rindfleisch ist überdies ein kreuzbraver Kerl, _nomen
et omen_, und eigentlich der beste, besser als Kuh und namentlich besser
als unser Freund Immanuel Schultze. Der hat's hinter den Ohren und ist
ein Schlieker. Er grient immer und gibt sich das Ansehen, als ob er dem
Bilde zu Sais irgendwie und -wo unter den Schleier geguckt hätte, wovon
er weit ab ist. Denn er löst nicht mal das Rätsel von seiner eigenen
Frau, an der manches verschleierter oder auch nicht verschleierter sein
soll, als ihm, dem Ehesponsen, lieb sein kann.«
»Schmidt, du hast heute wieder mal deinen medisanten Tag. Eben hab' ich
den armen Rindfleisch aus deinen Fängen gerettet, ja, du hast sogar
Besserung versprochen, und schon stürzest du dich wieder auf den
unglücklichen Schwiegersohn. Im übrigen, wenn ich an Immanuel etwas
tadeln sollte, so läge es nach einer ganz andern Seite hin.«
»Und das wäre?«
»Daß er keine Autorität hat. Wenn er sie zu Hause nicht hat, nun,
traurig genug. Indessen das geht uns nichts an. Aber daß er sie, nach
allem was ich höre, auch in der Klasse nicht hat, =das= ist schlimm.
Sieh', Schmidt, das ist die Kränkung und der Schmerz meiner letzten
Lebensjahre, daß ich den kategorischen Imperativ immer mehr hinschwinden
sehe. Wenn ich da an den alten Weber denke! Von dem heißt es, wenn er in
die Klasse trat, so hörte man den Sand durch das Stundenglas fallen, und
kein Primaner wußte mehr, daß es überhaupt möglich sei zu flüstern oder
gar vorzusagen. Und außer seinem eigenen Sprechen, ich meine Webers, war
nichts hörbar als das Knistern, wenn die Horaz-Seiten umgeblättert
wurden. Ja Schmidt, =das= waren Zeiten, da verlohnte sich's ein, Lehrer
und ein Direktor zu sein. Jetzt treten die Jungens in der Konditorei an
einen heran und sagen: »Wenn Sie gelesen haben, Herr Direktor, dann
bitt' ich ...«
Schmidt lachte. »Ja, Distelkamp, so sind sie jetzt, das ist die neue
Zeit, das ist wahr. Aber ich kann mich nicht darüber ägrieren. Wie waren
denn, bei Lichte besehen, die großen Würdenträger mit ihrem Doppelkinn
und ihren Pontacnasen? Schlemmer waren es, die den Burgunder viel besser
kannten als den Homer. Da wird immer von alten einfachen Zeiten geredet;
dummes Zeug! sie müssen ganz gehörig gepichelt haben, das sieht man noch
an ihren Bildern in der Aula. Nun ja, Selbstbewußtsein und eine
steifleinene Grandezza, das alles hatten sie, das soll ihnen zugestanden
sein. Aber wie sah es sonst aus?«
»Besser als heute.«
»Kann ich nicht finden, Distelkamp. Als ich noch unsere Schulbibliothek
unter Aufsicht hatte, Gott sei Dank, daß ich nichts mehr damit zu tun
habe, da hab' ich öfter in die Schulprogramme hineingeguckt und in die
Dissertationen und »Aktusse«, wie sie vordem in Schwang waren. Nun, ich
weiß wohl, jede Zeit denkt, sie sei was besonderes, und die, die kommen,
mögen meinetwegen auch über uns lachen; aber sieh', Distelkamp, vom
gegenwärtigen Standpunkt unseres Wissens, oder sag' ich auch bloß
unseres Geschmacks aus, darf doch am Ende gesagt werden, es war etwas
Furchtbares mit dieser Perückengelehrsamkeit, und die stupende
Wichtigkeit, mit der sie sich gab, kann uns nur noch erheitern. Ich weiß
nicht, unter wem es war, ich glaube unter Rodegast, da kam es in Mode --
vielleicht weil er persönlich einen Garten vorm Rosenthaler hatte -- die
Stoffe für die öffentlichen Reden und ähnliches aus der Gartenkunde zu
nehmen, und sieh', da hab' ich Dissertationen gelesen über das
Hortikulturliche des Paradieses, über die Beschaffenheit des Gartens zu
Gethsemaneh und über die mutmaßlichen Anlagen im Garten des Joseph von
Arimathia. Garten und immer wieder Garten. Nun, was sagst du dazu?«
»Ja, Schmidt, mit dir ist schlecht fechten. Du hast immer das Auge für
das Komische gehabt. Das greifst du nun heraus, spießest es auf deine
Nadel und zeigst es der Welt. Aber was daneben lag und viel richtiger
war, das lässest du liegen. Du hast schon sehr richtig hervorgehoben,
daß man über unsere Lächerlichkeiten auch lachen wird. Und wer bürgt uns
dafür, daß wir nicht jeden Tag in Untersuchungen eintreten, die noch
viel toller sind als die hortikulturlichen Untersuchungen über das
Paradies. Lieber Schmidt, das Entscheidende bleibt doch immer der
Charakter, nicht der eitle, wohl aber der gute ehrliche Glaube an uns
selbst. _Bona fide_ müssen wir vorgehen. Aber mit unserer ewigen Kritik,
eventuell auch Selbstkritik, geraten wir in eine _mala fides_ hinein und
mißtrauen uns selbst und dem, was wir zu sagen haben. Und ohne Glauben
an uns und unsere Sache, keine rechte Lust und Freudigkeit und auch kein
Segen, am wenigsten Autorität. Und das ist es, was ich beklage. Denn wie
kein Heerwesen ohne Disziplin, so kein Schulwesen ohne Autorität. Es ist
damit wie mit dem Glauben. Es ist nicht nötig, daß das Richtige geglaubt
wird, aber daß überhaupt geglaubt wird, darauf kommt es an. In jedem
Glauben stecken geheimnisvolle Kräfte und ebenso in der Autorität.«
Schmidt lächelte. »Distelkamp, ich kann da nicht mit. Ich kann's in der
Theorie gelten lassen, aber in der Praxis ist es bedeutungslos geworden.
Gewiß kommt es auf das Ansehen vor den Schülern an. Wir gehen nur darin
auseinander, aus welcher Wurzel das Ansehen kommen soll. Du willst alles
auf den Charakter zurückführen und denkst, wenn du es auch nicht
aussprichst: >Und wenn Ihr Euch nur selbst vertraut, vertrauen Euch auch
die anderen Seelen.< Aber, teurer Freund, das ist just das, was ich
bestreite. Mit dem bloßen Glauben an sich oder gar, wenn du den Ausdruck
gestattest, mit der geschwollenen Wichtigtuerei, mit der Pomposität ist
es heutzutage nicht mehr getan. An die Stelle dieser veralteten Macht
ist die reelle Macht des wirklichen Wissens und Könnens getreten, und du
brauchst nur Umschau zu halten, so wirst du jeden Tag sehen, daß
Professor Hammerstein, der bei Spichern mit gestürmt und eine gewisse
Premierleutnantshaltung von daher beibehalten hat, daß Hammerstein, sag'
ich, seine Klasse =nicht= regiert, während unser Agathon Knurzel, der
aussieht, wie Mr. Punch und einen Doppelpuckel, aber freilich auch einen
Doppelgrips hat, die Klasse mit seinem kleinen Raubvogelgesicht in der
Furcht des Herrn hält. Und nun besonders unsere Berliner Jungens, die
gleich weg haben, wie schwer einer wiegt. Wenn einer von den Alten aus
dem Grabe käme, mit Stolz und Hoheit angetan, und eine hortikulturelle
Beschreibung des Paradieses forderte, wie würde der fahren mit all
seiner Würde? Drei Tage später wär' er im Kladderadatsch, und die
Jungens selber hätten das Gedicht gemacht.«
»Und doch bleibt es dabei, Schmidt, mit den Traditionen der alten Schule
steht und fällt die höhere Wissenschaft.«
»Ich glaub' es nicht. Aber wenn es wäre, wenn die höhere Weltanschauung,
d. h. das, was wir so nennen, wenn das alles fallen müßte, nun, so laß
es fallen. Schon Attinghausen, der doch selber alt war, sagte: >Das Alte
stürzt, es ändert sich die Zeit.< Und wir stehen sehr stark vor solchem
Umwandlungsprozeß, oder richtiger, wir sind schon drin. Muß ich dich
daran erinnern, es gab eine Zeit, wo das Kirchliche Sache der
Kirchenleute war. Ist es noch so? Nein. Hat die Welt verloren? Nein. Es
ist vorbei mit den alten Formen, und auch unsere Wissenschaftlichkeit
wird davon keine Ausnahme machen. Sieh' hier ...« und er schleppte von
einem kleinen Nebentisch ein großes Prachtwerk herbei ... »sieh' hier
=das=. Heute mir zugeschickt, und ich werd' es behalten, so teuer es
ist. Heinrich Schliemanns Ausgrabungen zu Mykenä. Ja, Distelkamp, wie
stehst du dazu?«
»Zweifelhaft genug.«
»Kann ich mir denken. Weil du von den alten Anschauungen nicht los
willst. Du kannst dir nicht vorstellen, daß jemand, der Tüten geklebt
und Rosinen verkauft hat, den alten Priamus ausbuddelt, und kommt er nun
gar ins Agamemnonsche hinein und sucht nach dem Schädelriß, aegisthschen
Angedenkens, so gerätst du in helle Empörung. Aber ich kann mir nicht
helfen, du hast unrecht. Freilich, man muß was leisten, _hic Rhodus, hic
salta_, aber wer springen kann, der springt, gleichviel ob er's aus der
Georgia Augusta- oder aus der Klippschule hat. Im übrigen will ich
abbrechen; am wenigsten hab' ich Lust, dich mit Schliemann zu ärgern,
der von Anfang an deine Renonce war. Die Bücher liegen hier bloß wegen
Friedeberg, den ich der beigegebenen Zeichnungen halber fragen will. Ich
begreife nicht, daß er nicht kommt, oder richtiger, nicht schon da ist.
Denn daß er kommt, ist unzweifelhaft, er hätte sonst abgeschrieben,
artiger Mann, der er ist.«
»Ja, das ist er,« sagte Etienne, »das hat er noch aus dem Semitismus mit
rübergenommen.«
»Sehr wahr,« fuhr Schmidt fort, »aber wo er's her hat, ist am Ende
gleichgültig. Ich bedauere mitunter, Urgermane, der ich bin, daß wir
nicht auch irgendwelche Bezugsquelle für ein bißchen Schliff und
Politesse haben; es braucht ja nicht gerade dieselbe zu sein. Diese
schreckliche Verwandtschaft zwischen Teutoburger Wald und Grobheit ist
doch mitunter störend. Friedeberg ist ein Mann, der, wie Max Piccolomini
-- sonst nicht gerade sein Vorbild, auch nicht mal in der Liebe -- der
»Sitten Freundlichkeit« allerzeit kultiviert hat, und es bleibt
eigentlich nur zu beklagen, daß seine Schüler nicht immer das richtige
Verständnis dafür haben. Mit andern Worten, sie spielen ihm auf der
Nase ...«
»Das uralte Schicksal der Schreib- und Zeichenlehrer ...«
»Freilich. Und am Ende muß es auch so gehen und geht auch. Aber lassen
wir die heikle Frage. Laß mich lieber auf Mykenä zurückkommen und sage
mir deine Meinung über die Goldmasken. Ich bin sicher, wir haben da ganz
was besonderes, so das recht eigentlichste. Jeder Beliebige kann doch
nicht bei seiner Bestattung eine Goldmaske getragen haben, doch immer
nur die Fürsten, also mit höchster Wahrscheinlichkeit Orests und
Iphigeniens unmittelbare Vorfahren. Und wenn ich mir dann vorstelle, daß
diese Goldmasken genau nach dem Gesicht geformt wurden, gerade wie wir
jetzt eine Gips- oder Wachsmaske formen, so hüpft mir das Herz bei der
doch mindestens zulässigen Idee, daß =dies= hier« -- und er wies auf
eine aufgeschlagene Bildseite -- »daß dies hier das Gesicht des Atreus
ist oder seines Vaters oder seines Onkels ...«
»Sagen wir seines Onkels.«
»Ja, du spottest wieder, Distelkamp, trotzdem du mir doch selber den
Spott verboten hast. Und das alles bloß, weil du der ganzen Sache
mißtraust und nicht vergessen kannst, daß er, ich meine natürlich
Schliemann, in seinen Schuljahren über Strelitz und Fürstenberg nicht
raus gekommen ist. Aber lies nur, was Virchow von ihm sagt. Und Virchow
wirst du doch gelten lassen.«
In diesem Augenblicke hörte man draußen die Klingel gehen. »Ah, _lupus
in fabula_. Das ist er. Ich wußte, daß er uns nicht im Stiche lassen
würde ...«
Und kaum, daß Schmidt diese Worte gesprochen, trat Friedeberg auch schon
herein, und ein reizender schwarzer Pudel, dessen rote Zunge,
wahrscheinlich von angestrengtem Laufe, weit heraushing, sprang auf die
beiden alten Herren zu und umschmeichelte abwechselnd Schmidt und
Distelkamp. An Etienne, der ihm zu elegant war, wagte er sich nicht
heran.
»Aber alle Wetter, Friedeberg, wo kommen Sie so spät her?«
»Freilich, freilich und sehr zu meinem Bedauern. Aber der Fips hier
treibt es zu arg oder geht in seiner Liebe zu mir zu weit, wenn ein
Zuweitgehen in der Liebe überhaupt möglich ist. Ich bildete mir ein, ihn
eingeschlossen zu haben, und mache mich zu rechter Zeit auf den Weg.
Gut. Und nun denken Sie, was geschieht? Als ich hier ankomme, wer ist
da, wer wartet auf mich? Natürlich Fips. Ich bring ihn wieder zurück bis
in meine Wohnung und übergeb' ihn dem Portier, meinem guten Freunde --
man muß in Berlin eigentlich sagen, meinem Gönner. Aber, aber, was ist
das Resultat all meiner Anstrengungen und guten Worte? Kaum bin ich
wieder hier, so ist auch Fips wieder da. Was sollt' ich am Ende machen?
Ich hab' ihn wohl oder übel mit hereingebracht, und bitt' um
Entschuldigung für ihn und für mich.«
»Hat nichts auf sich«, sagte Schmidt, während er sich zugleich
freundlich mit dem Hunde beschäftigte. »Reizendes Tier und so zutunlich
und fidel. Sagen Sie, Friedeberg, wie schreibt er sich eigentlich? f
oder ph? Phips mit ph ist englisch, also vornehmer. Im übrigen ist er,
wie seine Rechtschreibung auch sein möge, für heute abend mit eingeladen
und ein durchaus willkommener Gast, vorausgesetzt, daß er nichts dagegen
hat, in der Küche sozusagen am Trompetertisch Platz zu nehmen. Für meine
gute Schmolke bürge ich. Die hat eine Vorliebe für Pudel, und wenn sie
nun gar von seiner Treue hört ...«
»So wird sie«, warf Distelkamp ein, »ihm einen Extrazipfel schwerlich
versagen.«
»Gewiß nicht. Und darin stimme ich meiner guten Schmolke von Herzen bei.
Denn die Treue, von der heutzutage jeder red't, wird in Wahrheit immer
rarer, und Fips predigt in seiner Stadtgegend, so viel ich weiß,
umsonst.«
Diese von Schmidt anscheinend leicht und wie im Scherze hingesprochenen
Worte richteten sich doch ziemlich ernsthaft an den sonst gerade von ihm
protegierten Friedeberg, dessen stadtkundig unglückliche Ehe, neben
anderem, auch mit einem entschiedenen Mangel an Treue, besonders während
seiner Mal- und Landschaftsstudien auf der Woltersdorfer Schleuse
zusammenhing. Friedeberg fühlte den Stich auch sehr wohl heraus und
wollte sich durch eine Verbindlichkeit gegen Schmidt aus der Affäre
ziehen, kam aber nicht dazu, weil in eben diesem Augenblicke die
Schmolke eintrat und unter einer Verbeugung gegen die anderen Herren
ihrem Professor ins Ohr flüsterte, »daß angerichtet sei«.
»Nun, lieben Freunde, dann bitt' ich ...« Und Distelkamp an der Hand
nehmend, schritt er, unter Passierung des Entrees, auf das
Gesellschaftszimmer zu, drin die Abendtafel gedeckt war. Ein
eigentliches Eßzimmer hatte die Wohnung nicht. Friedeberg und Etienne
folgten.