Siebentes Kapitel

Das Zimmer war dasselbe, in welchem Korinna, am Tage zuvor, den Besuch

der Kommerzienrätin empfangen hatte. Der mit Lichtern und Weinflaschen

gut besetzte Tisch stand, zu vieren gedeckt, in der Mitte; darüber hing

eine Hängelampe. Schmidt setzte sich mit dem Rücken gegen den

Fensterpfeiler, seinem Freunde Friedeberg gegenüber, der seinerseits,

von seinem Platz aus zugleich den Blick in den Spiegel hatte. Zwischen

den blanken Messingleuchtern standen ein Paar auf einem Basar gewonnene

Porzellanvasen, aus deren halbgezahnter, halb wellenförmiger Öffnung --

_dentatus et undulatus_, sagte Schmidt -- kleine Marktsträuße von

Goldlack und Vergißmeinnicht hervorwuchsen. Quer vor den Weingläsern

lagen lange Kümmelbrote, denen der Gastgeber, wie allem Kümmlichen, eine

ganz besondere Fülle gesundheitlicher Gaben zuschrieb.

Das eigentliche Gericht fehlte noch, und Schmidt, nachdem er sich von

dem statutarisch festgesetzten Trarbacher bereits zweimal eingeschenkt,

auch beide Knusperspitzen von seinem Kümmelbrötchen abgebrochen hatte,

war ersichtlich auf dem Punkte, starke Spuren von Mißstimmung und

Ungeduld zu zeigen, als sich endlich die zum Entree führende Tür auftat,

und die Schmolke, rot von Erregung und Herdfeuer, eintrat, eine mächtige

Schüssel mit Oderkrebsen vor sich her tragend. »Gott sei Dank,« sagte

Schmidt, »ich dachte schon, alles wäre den Krebsgang gegangen,« eine

unvorsichtige Bemerkung, die die Kongestionen der Schmolke nur noch

steigerte, das Maß ihrer guten Laune aber ebensosehr sinken ließ.

Schmidt, seinen Fehler rasch erkennend, war kluger Feldherr genug, durch

einige Verbindlichkeiten die Sache wieder auszugleichen. Freilich nur

mit halbem Erfolg.

Als man wieder allein war, unterließ es Schmidt nicht, sofort den

verbindlichen Wirt zu machen. Natürlich auf seine Weise. »Sieh',

Distelkamp, dieser hier ist für dich. Er hat eine große und eine kleine

Schere, und das sind immer die besten. Es gibt Spiele der Natur, die

mehr sind als bloßes Spiel und dem Weisen als Wegweiser dienen; dahin

gehören beispielsweise die Pontac-Apfelsinen und die Borstorfer mit

einer Pocke. Denn es steht fest, je pockenreicher, desto schöner ... Was

wir hier vor uns haben, sind Oderbruchkrebse; wenn ich recht berichtet

bin, aus der Küstriner Gegend. Es scheint, daß durch die Vermählung von

Oder und Warthe besonders gute Resultate vermittelt werden. Übrigens,

Friedeberg, sind Sie nicht eigentlich da zu Haus? Ein halber Neumärker

oder Oderbrücher.« Friedeberg bestätigte. »Wußt' es; mein Gedächtnis

täuscht mich selten. Und nun sagen Sie, Freund, ist dies, nach Ihren

persönlichen Erfahrungen, mutmaßlich als streng lokale Produktion

anzusehen, oder ist es mit den Oderbruchkrebsen wie mit den Werderschen

Kirschen, deren Gewinnungsgebiet sich nächstens über die ganze Provinz

Brandenburg erstrecken wird?«

»Ich glaube doch,« sagte Friedeberg, während er durch eine geschickte,

durchaus den Virtuosen verratende Gabelwendung, einen weiß und rosa

schimmernden Krebsschwanz aus seiner Stachelschale hob, »ich glaube

doch, daß hier ein Segeln unter zuständiger Flagge stattfindet, und daß

wir auf dieser Schüssel wirkliche Oderkrebse vor uns haben, echteste

Ware, nicht bloß dem Namen nach, sondern auch _de facto_.«

»_De facto_«, wiederholte der in Friedebergs Latinität eingeweihte

Schmidt, unter behaglichem Schmunzeln.

Friedeberg aber fuhr fort: »Es werden nämlich, um Küstrin herum, immer

noch Massen gewonnen, trotzdem es nicht mehr das ist, was es war. Ich

habe selbst noch Wunderdinge davon gesehen, aber freilich nicht in

Vergleich zu dem, was die Leute von alten Zeiten her erzählten. Damals,

vor hundert Jahren, oder vielleicht auch noch länger, gab es so viele

Krebse, daß sie durchs ganze Bruch hin, wenn sich im Mai das

Überschwemmungswasser wieder verlief, von den Bäumen geschüttelt wurden,

zu vielen Hunderttausenden.«

»Dabei kann einem ja ordentlich das Herz lachen«, sagte Etienne, der ein

Feinschmecker war.

»Ja, hier an diesem Tisch; aber dort in der Gegend lachte man nicht

darüber. Die Krebse waren wie eine Plage, natürlich ganz entwertet, und

bei der dienenden Bevölkerung, die damit geatzt werden sollte, so

verhaßt und dem Magen der Leute so widerwärtig, daß es verboten war, dem

Gesinde mehr als dreimal wöchentlich Krebse vorzusetzen. Ein Schock

Krebse kostete einen Pfennig.«

»Ein Glück, daß das die Schmolke nicht hört,« warf Schmidt ein, »sonst

würd' ihr ihre Laune zum zweitenmal verdorben. Als richtige Berlinerin

ist sie nämlich für ewiges sparen, und ich glaube nicht, daß sie die

Tatsache ruhig verwinden würde, die Epoche von >ein Pfennig pro Schock<

so total versäumt zu haben.«

»Darüber darfst du nicht spotten, Schmidt«, sagte Distelkamp. »Das ist

eine Tugend, die der modernen Welt, neben vielem anderen, immer mehr

verloren geht.«

»Ja, da sollst du recht haben. Aber meine gute Schmolke hat doch auch in

diesem Punkte _les défauts de ses vertus_. So heißt es ja wohl,

Etienne?«

»Gewiß«, sagte dieser. Von der George Sand. Und fast ließe sich sagen

>_les défauts de ses vertus_< und >_comprendre c'est pardonner_< -- das

sind so recht eigentlich die Sätze, wegen deren sie gelebt hat.«

»Und dann vielleicht auch von wegen dem Alfred de Musset«, ergänzte

Schmidt, der nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen ließ, sich, aller

Klassizität unbeschadet, auch ein modernliterarisches Ansehen zu geben.

»Ja, wenn man will, auch von wegen dem Alfred de Musset. Aber das sind

Dinge, daran die Literaturgeschichte glücklicherweise vorübergeht.«

»Sage das nicht, Etienne, nicht glücklicherweise, sage leider. Die

Geschichte geht fast immer an dem vorüber, was sie vor allem festhalten

sollte. Daß der alte Fritz am Ende seiner Tage dem damaligen

Kammergerichtspräsidenten, Namen hab' ich vergessen, den Krückstock an

den Kopf warf, und was mir noch wichtiger ist, daß er durchaus bei

seinen Hunden begraben sein wollte, weil er die Menschen, diese

>mechante Rasse< so gründlich verachtete -- sieh', Freund, das ist mir

mindestens ebenso viel wert wie Hohenfriedberg oder Leuthen. Und die

berühmte Torgauer Ansprache, >Rackers, wollt ihr denn ewig leben<, geht

mir eigentlich noch über Torgau selbst.«

Distelkamp lächelte. »Das sind so Schmidtiana. Du warst immer fürs

Anekdotische, fürs Genrehafte. Mir gilt in der Geschichte nur das Große,

nicht das Kleine, das Nebensächliche.«

»Ja und nein, Distelkamp. Das Nebensächliche, so viel ist richtig, gilt

nichts, wenn es bloß nebensächlich ist, wenn nichts drin steckt. Steckt

aber was drin, dann ist es die Hauptsache, denn es gibt einem dann immer

das eigentlich Menschliche.«

»Poetisch magst du recht haben.«

»Das Poetische -- vorausgesetzt, daß man etwas anderes darunter versteht

als meine Freundin Jenny Treibel -- das Poetische hat immer recht; es

wächst weit über das Historische hinaus ...«

Es war dies ein Schmidtsches Lieblingsthema, drin der alte Romantiker,

der er eigentlich mehr als alles andere war, jedesmal so recht zur

Geltung kam; aber heute sein Steckenpferd zu reiten, verbot sich ihm

doch, denn ehe er noch zu wuchtiger Auseinandersetzung ausholen konnte,

hörte man Stimmen vom Entree her, und im nächsten Augenblicke traten

Marcell und Korinna ein, Marcell befangen und fast verstimmt, Korinna

nach wie vor in bester Laune. Sie ging zur Begrüßung auf Distelkamp zu,

der ihr Pate war und ihr immer kleine Verbindlichkeiten sagte. Dann gab

sie Friedeberg und Etienne die Hand und machte den Schluß bei ihrem

Vater, dem sie, nachdem er sich auf ihre Ordre mit der breit

vorgebundenen Serviette den Mund abgeputzt hatte, einen herzhaften Kuß

gab.

»Nun, Kinder, was bringt ihr? Rückt hier ein. Platz die Hülle und Fülle.

Rindfleisch hat abgeschrieben ... griechische Gesellschaft ... und die

beiden anderen fehlen als Anhängsel natürlich von selbst. Aber kein

anzügliches Wort mehr, ich habe ja Besserung geschworen und will's

halten. Also Korinna, du drüben neben Distelkamp, Marcell hier zwischen

Etienne und mir. Ein Besteck wird die Schmolke wohl gleich bringen ...

So; so ist's recht ... Und wie sich das gleich anders ausnimmt! Wenn so

Lücken klaffen, denk' ich immer, Banquo steigt auf. Nun, Gott sei Dank,

Marcell, von Banquo hast du nicht viel, oder wenn doch vielleicht, so

verstehst du's, deine Wunden zu verbergen. Und nun erzählt, Kinder. Was

macht Treibel? Was macht meine Freundin Jenny? Hat sie gesungen? Ich

wette das ewige Lied, =mein= Lied, die berühmte Stelle »Wo sich Herzen

finden«, und Adolar Krola hat begleitet. Wenn ich dabei nur mal in

Krolas Seele lesen könnte. Vielleicht aber steht er doch milder und

menschlicher dazu. Wer jeden Tag zu zwei Diners geladen ist und

mindestens anderthalb mitmacht ... Aber bitte, Korinna, klingle.«

»Nein, ich gehe lieber selbst, Papa. Die Schmolke läßt sich nicht gerne

klingeln; sie hat so ihre Vorstellungen von dem, was sie sich und ihrem

Verstorbenen schuldig ist. Und ob ich wiederkomme, die Herren wollen

verzeihen, weiß ich auch nicht; ich glaube kaum. Wenn man solchen

Treibelschen Tag hinter sich hat, ist es das schönste, darüber

nachzudenken, wie das alles so kam und was einem alles gesagt wurde.

Marcell kann ja statt meiner berichten. Und nur noch so viel, ein höchst

interessanter Engländer war mein Tischnachbar, und wer es von Ihnen

vielleicht nicht glauben will, daß er so sehr interessant gewesen, dem

brauche ich bloß den Namen zu nennen, er hieß nämlich Nelson. Und nun

Gott befohlen.«

Und damit verabschiedete sich Korinna.

Das Besteck für Marcell kam, und als dieser, nur um des Onkels gute

Laune nicht zu stören, um einen Kost- und Probekrebs gebeten hatte,

sagte Schmidt: »Fange nur erst an. Artischocken und Krebse kann man

immer essen, auch wenn man von einem Treibelschen Diner kommt. Ob sich

vom Hummer dasselbe sagen läßt, mag dahin gestellt bleiben. Mir

persönlich ist allerdings auch der Hummer immer gut bekommen. Ein eigen

Ding, daß man aus Fragen derart nie herauswächst, sie wechseln bloß ab

im Leben. Ist man jung, so heißt es >hübsch oder häßlich<, >brünett oder

blond< und liegt dergleichen hinter einem, so steht man vor der

vielleicht wichtigeren Frage >Hummer oder Krebse<. Wir könnten übrigens

darüber abstimmen. Andererseits, soviel muß ich zugeben, hat Abstimmung

immer was Totes, Schablonenhaftes und paßt mir außerdem nicht recht; ich

möchte nämlich Marcell gern ins Gespräch ziehen, der eigentlich da

sitzt, als sei ihm die Gerste verhagelt. Also lieber Erörterung der

Frage, Debatte. Sage, Marcell, was ziehst du vor?«

»Versteht sich, Hummer.«

»Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort. Auf den ersten Anlauf mit

ganz wenig Ausnahmen, ist jeder für Hummer, schon weil er sich auf

Kaiser Wilhelm berufen kann. Aber so schnell erledigt sich das nicht.

Natürlich, wenn solch ein Hummer aufgeschnitten vor einem liegt, und der

wundervolle rote Rogen, ein Bild des Segens und der Fruchtbarkeit, einem

zu allem anderen auch noch die Gewißheit gibt, >es wird immer Hummer

geben<, auch nach Äonen noch, gerade so wie heute ...«

Distelkamp sah seinen Freund Schmidt von der Seite her an.

»... Also einem die Gewißheit gibt, auch nach Äonen noch werden

Menschenkinder sich dieser Himmelsgabe freuen -- ja Freunde, wenn

man sich mit diesem Gefühl des Unendlichen durchdringt, so kommt das

darin liegende Humanitäre dem Hummer und unserer Stellung zu ihm

unzweifelhaft zu gute. Denn jede philanthropische Regung, weshalb man

die Philanthropie schon aus Selbstsucht kultivieren sollte, bedeutet

die Mehrung eines gesunden und zugleich verfeinerten Appetits. Alles

Gute hat seinen Lohn in sich, so viel ist unbestreitbar.«

»Aber ...«

»Aber es ist trotzdem dafür gesorgt, auch hier, daß die Bäume nicht in

den Himmel wachsen, und neben dem Großen hat das Kleine nicht bloß seine

Berechtigung, sondern auch seine Vorzüge. Gewiß, dem Krebse fehlt dies

und das, er hat sozusagen nicht das >Maß<, was, in einem Militärstaate

wie Preußen, immerhin etwas bedeutet, aber dem ohnerachtet, auch =er=

darf sagen: ich habe nicht umsonst gelebt. Und wenn er dann, er, der

Krebs, in Petersilienbutter geschwenkt, im allerappetitlichsten Reize

vor uns hintritt, so hat er Momente wirklicher Überlegenheit, vor allem

auch darin, daß sein Bestes nicht eigentlich gegessen, sondern

geschlürft, gesogen wird. Und daß gerade das, in der Welt des Genusses,

seine besonderen Meriten hat, wer wollte das bestreiten. Es ist, so zu

sagen, das natürlich Gegebene. Wir haben da in erster Reihe den

Säugling, für den saugen zugleich leben heißt. Aber auch in den höheren

Semestern ...«

»Laß es gut sein, Schmidt«, unterbrach Distelkamp. »Mir ist nur immer

merkwürdig, daß du neben Homer und sogar neben Schliemann mit solcher

Vorliebe Kochbuchliches behandelst, reine Menüfragen, als ob du zu den

Bankiers und Geldfürsten gehörtest, von denen ich bis auf weiteres

annehme, daß sie gut essen ...«

»Mir ganz unzweifelhaft.«

»Nun, sieh' Schmidt, diese Herren von der hohen Finanz, darauf möcht'

ich mich verwetten, sprechen nicht mit halb so viel Lust und Eifer von

einer Schildkrötensuppe wie du.«

»Das ist richtig, Distelkamp, und sehr natürlich. Sieh', ich habe die

Frische, die macht's; auf die Frische kommt es an, in allem. Die Frische

gibt einem die Lust, den Eifer, das Interesse, und wo die Frische nicht

ist, da ist gar nichts. Das ärmste Leben, das ein Menschenkind führen

kann, ist das des _petit crevé_. Lauter Zappeleien; nichts dahinter.

Hab' ich recht, Etienne?«

Dieser, der in allem Parisischen regelmäßig als Autorität angerufen

wurde, nickte zustimmend, und Distelkamp ließ die Streitfrage fallen

oder war geschickt genug, ihr eine neue Richtung zu geben, indem er aus

dem allgemein Kulinarischen auf einzelne berühmte kulinarische

Persönlichkeiten überlenkte, zunächst auf den Freiherrn von Rumohr, und

im raschen Anschluß an diesen auf den ihm persönlich befreundet

gewesenen Fürsten Pückler-Muskau. Besonders dieser letztere war

Distelkamps Schwärmerei. Wenn man dermaleinst das Wesen des modernen

Aristokratismus an einer historischen Figur werde nachweisen wollen, so

werde man immer den Fürsten Pückler als Musterbeispiel nehmen müssen.

Dabei sei er durchaus liebenswürdig gewesen, allerdings etwas

launenhaft, eitel und übermütig, aber immer grundgut. Es sei schade, daß

solche Figuren ausstürben. Und nach diesen einleitenden Sätzen begann er

speziell von Muskau und Branitz zu erzählen, wo er vordem oft tagelang

zu Besuch gewesen war und sich mit der märchenhaften, von »Semilassos

Weltfahrten« mit heimgebrachten Abessinierin über Nahes und Fernes

unterhalten hatte.

Schmidt hörte nichts lieberes als Erlebnisse derart, und nun gar von

Distelkamp, vor dessen Wissen und Charakter er überhaupt einen

ungeheuchelten Respekt hatte.

Marcell teilte ganz und gar diese Vorliebe für den alten Direktor und

verstand außerdem -- obwohl geborener Berliner -- gut und mit Interesse

zuzuhören; trotzdem tat er heute Fragen über Fragen, die seine volle

Zerstreutheit bewiesen. Er war eben mit anderem beschäftigt.

So kam elf heran, und mit dem Glockenschlage -- ein Satz von Schmidt

wurde mitten durchgeschnitten -- erhob man sich und trat aus dem

Eßzimmer in das Entree, darin seitens der Schmolke die Sommerüberzieher

samt Hut und Stock schon in Bereitschaft gelegt waren. Jeder griff nach

dem seinen, und nur Marcell nahm den Oheim einen Augenblick beiseite und

sagte: »Onkel, ich spräche gern noch ein Wort mit dir,« ein Ansinnen, zu

dem dieser, jovial und herzlich wie immer, seine volle Zustimmung

ausdrückte. Dann, unter Vorantritt der Schmolke, die mit der Linken den

messingenen Leuchter über den Kopf hielt, stiegen Distelkamp, Friedeberg

und Etienne zunächst treppab und traten gleich danach in die muffig

schwüle Adlerstraße hinaus. Oben aber nahm Schmidt seines Neffen Arm und

schritt mit ihm auf seine Studierstube zu.

* * * * *

»Nun, Marcell, was gibt es? Rauchen wirst du nicht, du siehst mir viel

zu bewölkt aus; aber verzeih', ich muß mir erst eine Pfeife stopfen.«

Und dabei ließ er sich, den Tabakskasten vor sich herschiebend, in eine

Sophaecke nieder. »So! Marcell. ... Und nun nimm einen Stuhl und setz'

dich und schieße los. Was gibt es?«

»Das alte Lied.«

»Korinna?«

»Ja.«

»Ja, Marcell, nimm mir's nicht übel, aber das ist ein schlechter

Liebhaber, der immer väterlichen Vorspann braucht, um von der Stelle zu

kommen. Du weißt, ich bin dafür. Ihr seid wie geschaffen für einander.

Sie übersieht dich und uns alle; das Schmidtsche strebt in ihr nicht

bloß der Vollendung zu, sondern, ich muß das sagen, trotzdem ich ihr

Vater bin, kommt auch ganz nah ans Ziel. Nicht jede Familie kann das

ertragen. Aber das Schmidtsche setzt sich aus solchen Ingredienzien

zusammen, daß die Vollendung, von der ich spreche, nie bedrücklich wird.

Und warum nicht? Weil die Selbstironie, in der wir, glaube ich, groß

sind, immer wieder ein Fragezeichen hinter der Vollendung macht. Das ist

recht eigentlich das, was ich das Schmidtsche nenne. Folgst du?«

»Gewiß, Onkel. Sprich nur weiter.«

»Nun sieh, Marcell, ihr paßt ganz vorzüglich zusammen. Sie hat die

genialere Natur, hat so den letzten Knips von der Sache weg, aber das

gibt keineswegs das Übergewicht im Leben. Fast im Gegenteil. Die

Genialen bleiben immer halbe Kinder, in Eitelkeit befangen, und

verlassen sich immer auf Intuition und _bon sens_ und Sentiment und wie

all die französischen Worte heißen mögen. Oder wir können auch auf gut

deutsch sagen, sie verlassen sich auf ihre guten Einfälle. Damit ist es

nun aber so so; manchmal wetterleuchtet es freilich eine halbe Stunde

lang oder auch noch länger, gewiß, das kommt vor; aber mit einem Mal ist

das Elektrische wie verblitzt, und nun bleibt nicht bloß der Esprit aus

wie Röhrwasser, sondern auch der gesunde Menschenverstand. Ja, der erst

recht. Und so ist es auch mit Korinna. Sie bedarf einer verständigen

Leitung, d. h. sie bedarf eines Mannes von Bildung und Charakter. Das

bist du, das hast du. Du hast also meinen Segen; alles andere mußt du

dir selber besorgen.«

»Ja, Onkel, das sagst du immer. Aber wie soll ich das anfangen? Eine

lichterlohe Leidenschaft kann ich in ihr nicht entzünden. Vielleicht ist

sie solcher Leidenschaft nicht einmal fähig; aber wenn auch, wie soll

ein Vetter seine Kusine zur Leidenschaft anstacheln? Das kommt gar nicht

vor. Die Leidenschaft ist etwas plötzliches, und wenn man von seinem

fünften Jahr an immer zusammen gespielt und sich, sagen wir, hinter den

Sauerkrauttonnen eines Budikers oder in einem Torf- und Holzkeller

unzählige Male stundenlang versteckt hat, immer gemeinschaftlich und

immer glückselig, daß Richard oder Artur, trotzdem sie dicht um einen

herum waren, einen doch nicht finden konnten, ja, Onkel, da ist von

Plötzlichkeit, dieser Vorbedingung der Leidenschaft, keine Rede mehr.«

Schmidt lachte. »Das hast du gut gesagt, Marcell, eigentlich über deine

Mittel. Aber es steigert nur meine Liebe zu dir. Das Schmidtsche steckt

doch auch in dir und ist nur unter dem steifen Wedderkoppschen etwas

vergraben. Und =das= kann ich dir sagen, wenn du diesen Ton Korinna

gegenüber festhältst, dann bist du durch, dann hast du sie sicher.«

»Ach, Onkel, glaube doch das nicht. Du verkennst Korinna. Nach der einen

Seite hin kennst du sie ganz genau, aber nach der andern Seite hin

kennst du sie gar nicht. Alles was klug und tüchtig und, vor allem, was

espritvoll an ihr ist, das siehst du mit beiden Augen, aber was

äußerlich und modern an ihr ist, das siehst du nicht. Ich kann nicht

sagen, daß sie jene niedrigstehende Gefallsucht hat, die jeden erobern

will, er sei wer er sei; von dieser Koketterie hat sie nichts. Aber sie

nimmt sich erbarmungslos =einen= aufs Korn, einen, an dessen

Spezialeroberung ihr gelegen ist, und du glaubst gar nicht, mit welcher

grausamen Konsequenz, mit welcher infernalen Virtuosität sie dies von

ihr erwählte Opfer in ihre Fäden einzuspinnen weiß.«

»Meinst du?«

»Ja, Onkel. Heute bei Treibels hatten wir wieder ein Musterbeispiel

davon. Sie saß zwischen Leopold Treibel und einem Engländer, dessen

Namen sie dir ja schon genannt hat, einen Mr. Nelson, der, wie die

meisten Engländer aus guten Häusern, einen gewissen Naivitäts-Charme

hatte, sonst aber herzlich wenig bedeutete. Nun hättest du Korinna sehen

sollen. Sie beschäftigte sich anscheinend mit niemand anderem, als

diesem Sohn Albions, und es gelang ihr auch, ihn in Staunen zu setzen.

Aber glaube nur ja nicht, daß ihr an dem flachsblonden Mr. Nelson im

geringsten gelegen gewesen wäre; gelegen war ihr bloß an Leopold

Treibel, an den sie kein einziges Wort, oder wenigstens nicht viele,

direkt richtete, und dem zu Ehren sie doch eine Art von französischem

Proverbe aufführte, kleine Komödie, dramatische Szene. Und wie ich dir

versichern kann, Onkel, mit vollständigstem Erfolg. Dieser unglückliche

Leopold hängt schon lange an ihren Lippen und saugt das süße Gift ein,

aber so wie heute habe ich ihn doch noch nicht gesehen. Er war von Kopf

bis zu Fuß die helle Bewunderung, und jede Miene schien ausdrücken zu

wollen: >Ach, wie langweilig ist Helene< (das ist, wie du dich

vielleicht erinnerst, die Frau seines Bruders), >und wie wundervoll ist

diese Korinna<«.

»Nun gut, Marcell, aber das alles kann ich so schlimm nicht finden.

Warum soll sie nicht ihren Nachbar zur Rechten unterhalten, um auf ihren

Nachbar zur Linken einen Eindruck zu machen? Das kommt alle Tage vor,

das sind so kleine Kaprizen, an denen die Frauennatur reich ist.«

»Du nennst es Kaprizen, Onkel. Ja, wenn die Dinge so lägen! Es liegt

aber anders. Alles ist Berechnung: sie will den Leopold heiraten.«

»Unsinn, Leopold ist ein Junge.«

»Nein, er ist fünfundzwanzig, gerade so alt wie Korinna selbst. Aber

wenn er auch noch ein bloßer Junge wäre, Korinna hat sich's in den Kopf

gesetzt und wird es durchführen.«

»Nicht möglich.«

»Doch, doch. Und nicht bloß möglich, sondern ganz gewiß. Sie hat es mir,

als ich sie zur Rede stellte, selber gesagt. Sie will Leopold Treibels

Frau werden, und wenn der Alte das Zeitliche segnet, was doch, wie sie

mir versicherte, höchstens noch zehn Jahre dauern könne, und wenn er in

seinem Zossener Wahlkreise gewählt würde, keine fünfe mehr, so will sie

die Villa beziehen, und wenn ich sie recht taxiere, so wird sie zu dem

grauen Kakadu noch einen Pfauhahn anschaffen.«

»Ach, Marcell, das sind Visionen.«

»Vielleicht von ihr, wer will's sagen? aber sicherlich nicht von mir.

Denn all das waren ihre eigensten Worte. Du hättest sie hören sollen,

Onkel, mit welcher Suffisance sie von »kleinen Verhältnissen« sprach,

und wie sie das dürftige Kleinleben ausmalte, für das sie nun mal nicht

geschaffen sei; sie sei nicht für Speck und Wruken und all dergleichen

... und du hättest nur hören sollen, =wie= sie das sagte, nicht bloß so

drüber hin, nein, es klang geradezu was von Bitterkeit mit durch, und

ich sah zu meinem Schmerz, wie veräußerlicht sie ist, und wie die

verdammte neue Zeit sie ganz in Banden hält.«

»Hm,« sagte Schmidt, »das gefällt mir nicht, namentlich das mit den

Wruken. Das ist bloß ein dummes Vornehmtun und ist auch kulinarisch eine

Torheit; denn alle Gerichte, die Friedrich Wilhelm I. liebte, so zum

Beispiel Weißkohl mit Hammelfleisch oder Schlei mit Dill -- ja, lieber

Marcell, was will dagegen aufkommen? Und dagegen Front zu machen ist

einfach Unverstand. Aber glaube mir, Korinna macht auch nicht Front

dagegen, dazu ist sie viel zu sehr ihres Vaters Tochter, und wenn sie

sich darin gefallen hat, dir von Modernität zu sprechen und dir

vielleicht eine Pariser Hutnadel oder eine Sommerjacke, dran alles

_chic_ und wieder _chic_ ist, zu beschreiben und so zu tun, als ob es in

der ganzen Welt nichts gäbe, was an Wert und Schönheit damit verglichen

werden könnte, so ist das alles bloß Feuerwerk, Phantasietätigkeit, _jeu

d'Esprit_, und wenn es ihr morgen paßt, dir einen Pfarramtskandidaten in

der Jasminlaube zu beschreiben, der selig in Lottchens Armen ruht, so

leistet sie das mit demselben Aplomb und mit derselben Virtuosität. Das

ist, was ich das Schmidtsche nenne. Nein, Marcell, darüber darfst du dir

keine grauen Haare wachsen lassen; das ist alles nicht ernstlich

gemeint ...«

»Es =ist= ernstlich gemeint ...«

»Und =wenn= es ernstlich gemeint ist -- was ich vorläufig noch nicht

glaube, denn Korinna ist eine sonderbare Person -- so nutzt ihr dieser

Ernst nichts, gar nichts, und es wird doch nichts draus. Darauf verlaß

dich, Marcell. Denn zum heiraten gehören zwei.«

»Gewiß, Onkel. Aber Leopold will womöglich noch mehr als Korinna ...«

»Was gar keine Bedeutung hat. Denn laß dir sagen, und damit sprech ich

ein großes Wort gelassen aus: die Kommerzienrätin will =nicht=.«

»Bist du dessen so sicher?«

»Ganz sicher.«

»Und hast auch Zeichen dafür?«

»Zeichen und Beweise, Marcell. Und zwar Zeichen und Beweise, die du in

deinem alten Onkel Wilibald Schmidt hier leibhaftig vor dir siehst ...«

»Das wäre.«

»Ja, Freund, leibhaftig vor dir siehst. Denn ich habe das Glück gehabt,

an mir selbst, und zwar als Objekt und Opfer, das Wesen meiner Freundin

Jenny studieren zu können. Jenny Bürstenbinder, das ist ihr Vatersname,

wie du vielleicht schon weißt, ist der Typus einer Bourgeoise. Sie war

talentiert dafür, von Kindesbeinen an, und in jenen Zeiten, wo sie noch

drüben in ihres Vaters Laden, wenn der Alte gerade nicht hinsah, von den

Traubenrosinen naschte, da war sie schon gerade so wie heut' und

deklamierte den >Taucher< und den >Gang nach dem Eisenhammer< und auch

allerlei kleine Lieder, und wenn es recht was Rührendes war, so war ihr

Auge schon damals immer in Tränen, und als ich eines Tages mein

berühmtes Gedicht gedichtet hatte, du weißt schon, das Unglücksding, das

sie seitdem immer singt und vielleicht auch heute wieder gesungen hat,

da warf sie sich mir an die Brust und sagte: »Wilibald, Einziger, das

kommt von Gott.« Ich sagte halb verlegen etwas von meinem Gefühl und

meiner Liebe, sie blieb aber dabei, es sei von Gott, und dabei

schluchzte sie dermaßen, daß ich, so glücklich ich einerseits in meiner

Eitelkeit war, doch auch wieder einen Schreck kriegte vor der Macht

dieser Gefühle. Ja, Marcell, das war so unsere stille Verlobung, ganz

still, aber doch immerhin eine Verlobung; wenigstens nahm ich's dafür

und strengte mich riesig an, um so rasch wie möglich mit meinem Studium

am Ende zu sein und mein Examen zu machen. Und ging auch alles

vortrefflich. Als ich nun aber kam, um die Verlobung perfekt zu machen,

da hielt sie mich hin, war abwechselnd vertraulich und dann wieder

fremd, und während sie nach wie vor das Lied sang, =mein= Lied,

liebäugelte sie mit jedem, der ins Haus kam, bis endlich Treibel

erschien und dem Zauber ihrer kastanienbraunen Locken und mehr noch

ihrer Sentimentalitäten erlag. Denn der Treibel von damals war noch

nicht der Treibel von heut, und am andern Tag kriegte ich die

Verlobungskarten. Alles in allem eine sonderbare Geschichte, daran, das

glaub ich sagen zu dürfen, andere Freundschaften gescheitert wären; aber

ich bin kein Übelnehmer und Spielverderber, und in dem Liede, drin sich,

wie du weißt, >die Herzen finden< -- beiläufig eine himmlische

Trivialität und ganz wie geschaffen für Jenny Treibel -- in dem Liede

lebt unsre Freundschaft fort bis diesen Tag, ganz so, als sei nichts

vorgefallen. Und am Ende, warum auch nicht? Ich persönlich bin drüber

weg, und Jenny Treibel hat ein Talent, alles zu vergessen, was sie

vergessen will. Es ist eine gefährliche Person und um so gefährlicher,

als sie's selbst nicht recht weiß, und sich aufrichtig einbildet, ein

gefühlvolles Herz und vor allem ein Herz für das >Höhere< zu haben. Aber

sie hat nur ein Herz für das Ponderable, für alles, was ins Gewicht

fällt und Zins trägt, und für viel weniger als eine halbe Million gibt

sie den Leopold nicht fort, die halbe Million mag herkommen, woher sie

will. Und dieser arme Leopold selbst. So viel weißt du doch, der ist

nicht der Mensch des Aufbäumens oder der Eskapade nach Gretna Green. Ich

sage dir Marcell, unter Brückner tun es Treibels nicht, und Koegel ist

ihnen noch lieber. Denn je mehr es nach Hof schmeckt, desto besser. Sie

liberalisieren und sentimentalisieren beständig, aber das alles ist

Farce; wenn es gilt Farbe zu bekennen, dann heißt es: Gold ist Trumpf

und weiter nichts.«

»Ich glaube, daß du Leopold unterschätzest.«

»Ich fürchte, daß ich ihn noch überschätze. Ich kenn' ihn noch aus der

Untersekunda her. Weiter kam er nicht; wozu auch? Guter Mensch,

Mittelgut, und als Charakter noch unter Mittel.«

»Wenn du mit Korinna sprechen könntest.«

»Nicht nötig, Marcell. Durch Dreinreden stört man nur den natürlichen

Gang der Dinge. Mag übrigens alles schwanken und unsicher sein, eines

steht fest: der Charakter meiner Freundin Jenny. Da ruhen die Wurzeln

deiner Kraft. Und wenn Korinna sich in Tollheiten überschlägt, laß sie;

den Ausgang der Sache kenn' ich. Du sollst sie haben, und du wirst sie

haben, und vielleicht eher, als du denkst.«

Frau Jenny Treibel: Roman aus der Berliner Gesellschaft · 第 12 / 24 题