Das Zimmer war dasselbe, in welchem Korinna, am Tage zuvor, den Besuch
der Kommerzienrätin empfangen hatte. Der mit Lichtern und Weinflaschen
gut besetzte Tisch stand, zu vieren gedeckt, in der Mitte; darüber hing
eine Hängelampe. Schmidt setzte sich mit dem Rücken gegen den
Fensterpfeiler, seinem Freunde Friedeberg gegenüber, der seinerseits,
von seinem Platz aus zugleich den Blick in den Spiegel hatte. Zwischen
den blanken Messingleuchtern standen ein Paar auf einem Basar gewonnene
Porzellanvasen, aus deren halbgezahnter, halb wellenförmiger Öffnung --
_dentatus et undulatus_, sagte Schmidt -- kleine Marktsträuße von
Goldlack und Vergißmeinnicht hervorwuchsen. Quer vor den Weingläsern
lagen lange Kümmelbrote, denen der Gastgeber, wie allem Kümmlichen, eine
ganz besondere Fülle gesundheitlicher Gaben zuschrieb.
Das eigentliche Gericht fehlte noch, und Schmidt, nachdem er sich von
dem statutarisch festgesetzten Trarbacher bereits zweimal eingeschenkt,
auch beide Knusperspitzen von seinem Kümmelbrötchen abgebrochen hatte,
war ersichtlich auf dem Punkte, starke Spuren von Mißstimmung und
Ungeduld zu zeigen, als sich endlich die zum Entree führende Tür auftat,
und die Schmolke, rot von Erregung und Herdfeuer, eintrat, eine mächtige
Schüssel mit Oderkrebsen vor sich her tragend. »Gott sei Dank,« sagte
Schmidt, »ich dachte schon, alles wäre den Krebsgang gegangen,« eine
unvorsichtige Bemerkung, die die Kongestionen der Schmolke nur noch
steigerte, das Maß ihrer guten Laune aber ebensosehr sinken ließ.
Schmidt, seinen Fehler rasch erkennend, war kluger Feldherr genug, durch
einige Verbindlichkeiten die Sache wieder auszugleichen. Freilich nur
mit halbem Erfolg.
Als man wieder allein war, unterließ es Schmidt nicht, sofort den
verbindlichen Wirt zu machen. Natürlich auf seine Weise. »Sieh',
Distelkamp, dieser hier ist für dich. Er hat eine große und eine kleine
Schere, und das sind immer die besten. Es gibt Spiele der Natur, die
mehr sind als bloßes Spiel und dem Weisen als Wegweiser dienen; dahin
gehören beispielsweise die Pontac-Apfelsinen und die Borstorfer mit
einer Pocke. Denn es steht fest, je pockenreicher, desto schöner ... Was
wir hier vor uns haben, sind Oderbruchkrebse; wenn ich recht berichtet
bin, aus der Küstriner Gegend. Es scheint, daß durch die Vermählung von
Oder und Warthe besonders gute Resultate vermittelt werden. Übrigens,
Friedeberg, sind Sie nicht eigentlich da zu Haus? Ein halber Neumärker
oder Oderbrücher.« Friedeberg bestätigte. »Wußt' es; mein Gedächtnis
täuscht mich selten. Und nun sagen Sie, Freund, ist dies, nach Ihren
persönlichen Erfahrungen, mutmaßlich als streng lokale Produktion
anzusehen, oder ist es mit den Oderbruchkrebsen wie mit den Werderschen
Kirschen, deren Gewinnungsgebiet sich nächstens über die ganze Provinz
Brandenburg erstrecken wird?«
»Ich glaube doch,« sagte Friedeberg, während er durch eine geschickte,
durchaus den Virtuosen verratende Gabelwendung, einen weiß und rosa
schimmernden Krebsschwanz aus seiner Stachelschale hob, »ich glaube
doch, daß hier ein Segeln unter zuständiger Flagge stattfindet, und daß
wir auf dieser Schüssel wirkliche Oderkrebse vor uns haben, echteste
Ware, nicht bloß dem Namen nach, sondern auch _de facto_.«
»_De facto_«, wiederholte der in Friedebergs Latinität eingeweihte
Schmidt, unter behaglichem Schmunzeln.
Friedeberg aber fuhr fort: »Es werden nämlich, um Küstrin herum, immer
noch Massen gewonnen, trotzdem es nicht mehr das ist, was es war. Ich
habe selbst noch Wunderdinge davon gesehen, aber freilich nicht in
Vergleich zu dem, was die Leute von alten Zeiten her erzählten. Damals,
vor hundert Jahren, oder vielleicht auch noch länger, gab es so viele
Krebse, daß sie durchs ganze Bruch hin, wenn sich im Mai das
Überschwemmungswasser wieder verlief, von den Bäumen geschüttelt wurden,
zu vielen Hunderttausenden.«
»Dabei kann einem ja ordentlich das Herz lachen«, sagte Etienne, der ein
Feinschmecker war.
»Ja, hier an diesem Tisch; aber dort in der Gegend lachte man nicht
darüber. Die Krebse waren wie eine Plage, natürlich ganz entwertet, und
bei der dienenden Bevölkerung, die damit geatzt werden sollte, so
verhaßt und dem Magen der Leute so widerwärtig, daß es verboten war, dem
Gesinde mehr als dreimal wöchentlich Krebse vorzusetzen. Ein Schock
Krebse kostete einen Pfennig.«
»Ein Glück, daß das die Schmolke nicht hört,« warf Schmidt ein, »sonst
würd' ihr ihre Laune zum zweitenmal verdorben. Als richtige Berlinerin
ist sie nämlich für ewiges sparen, und ich glaube nicht, daß sie die
Tatsache ruhig verwinden würde, die Epoche von >ein Pfennig pro Schock<
so total versäumt zu haben.«
»Darüber darfst du nicht spotten, Schmidt«, sagte Distelkamp. »Das ist
eine Tugend, die der modernen Welt, neben vielem anderen, immer mehr
verloren geht.«
»Ja, da sollst du recht haben. Aber meine gute Schmolke hat doch auch in
diesem Punkte _les défauts de ses vertus_. So heißt es ja wohl,
Etienne?«
»Gewiß«, sagte dieser. Von der George Sand. Und fast ließe sich sagen
>_les défauts de ses vertus_< und >_comprendre c'est pardonner_< -- das
sind so recht eigentlich die Sätze, wegen deren sie gelebt hat.«
»Und dann vielleicht auch von wegen dem Alfred de Musset«, ergänzte
Schmidt, der nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen ließ, sich, aller
Klassizität unbeschadet, auch ein modernliterarisches Ansehen zu geben.
»Ja, wenn man will, auch von wegen dem Alfred de Musset. Aber das sind
Dinge, daran die Literaturgeschichte glücklicherweise vorübergeht.«
»Sage das nicht, Etienne, nicht glücklicherweise, sage leider. Die
Geschichte geht fast immer an dem vorüber, was sie vor allem festhalten
sollte. Daß der alte Fritz am Ende seiner Tage dem damaligen
Kammergerichtspräsidenten, Namen hab' ich vergessen, den Krückstock an
den Kopf warf, und was mir noch wichtiger ist, daß er durchaus bei
seinen Hunden begraben sein wollte, weil er die Menschen, diese
>mechante Rasse< so gründlich verachtete -- sieh', Freund, das ist mir
mindestens ebenso viel wert wie Hohenfriedberg oder Leuthen. Und die
berühmte Torgauer Ansprache, >Rackers, wollt ihr denn ewig leben<, geht
mir eigentlich noch über Torgau selbst.«
Distelkamp lächelte. »Das sind so Schmidtiana. Du warst immer fürs
Anekdotische, fürs Genrehafte. Mir gilt in der Geschichte nur das Große,
nicht das Kleine, das Nebensächliche.«
»Ja und nein, Distelkamp. Das Nebensächliche, so viel ist richtig, gilt
nichts, wenn es bloß nebensächlich ist, wenn nichts drin steckt. Steckt
aber was drin, dann ist es die Hauptsache, denn es gibt einem dann immer
das eigentlich Menschliche.«
»Poetisch magst du recht haben.«
»Das Poetische -- vorausgesetzt, daß man etwas anderes darunter versteht
als meine Freundin Jenny Treibel -- das Poetische hat immer recht; es
wächst weit über das Historische hinaus ...«
Es war dies ein Schmidtsches Lieblingsthema, drin der alte Romantiker,
der er eigentlich mehr als alles andere war, jedesmal so recht zur
Geltung kam; aber heute sein Steckenpferd zu reiten, verbot sich ihm
doch, denn ehe er noch zu wuchtiger Auseinandersetzung ausholen konnte,
hörte man Stimmen vom Entree her, und im nächsten Augenblicke traten
Marcell und Korinna ein, Marcell befangen und fast verstimmt, Korinna
nach wie vor in bester Laune. Sie ging zur Begrüßung auf Distelkamp zu,
der ihr Pate war und ihr immer kleine Verbindlichkeiten sagte. Dann gab
sie Friedeberg und Etienne die Hand und machte den Schluß bei ihrem
Vater, dem sie, nachdem er sich auf ihre Ordre mit der breit
vorgebundenen Serviette den Mund abgeputzt hatte, einen herzhaften Kuß
gab.
»Nun, Kinder, was bringt ihr? Rückt hier ein. Platz die Hülle und Fülle.
Rindfleisch hat abgeschrieben ... griechische Gesellschaft ... und die
beiden anderen fehlen als Anhängsel natürlich von selbst. Aber kein
anzügliches Wort mehr, ich habe ja Besserung geschworen und will's
halten. Also Korinna, du drüben neben Distelkamp, Marcell hier zwischen
Etienne und mir. Ein Besteck wird die Schmolke wohl gleich bringen ...
So; so ist's recht ... Und wie sich das gleich anders ausnimmt! Wenn so
Lücken klaffen, denk' ich immer, Banquo steigt auf. Nun, Gott sei Dank,
Marcell, von Banquo hast du nicht viel, oder wenn doch vielleicht, so
verstehst du's, deine Wunden zu verbergen. Und nun erzählt, Kinder. Was
macht Treibel? Was macht meine Freundin Jenny? Hat sie gesungen? Ich
wette das ewige Lied, =mein= Lied, die berühmte Stelle »Wo sich Herzen
finden«, und Adolar Krola hat begleitet. Wenn ich dabei nur mal in
Krolas Seele lesen könnte. Vielleicht aber steht er doch milder und
menschlicher dazu. Wer jeden Tag zu zwei Diners geladen ist und
mindestens anderthalb mitmacht ... Aber bitte, Korinna, klingle.«
»Nein, ich gehe lieber selbst, Papa. Die Schmolke läßt sich nicht gerne
klingeln; sie hat so ihre Vorstellungen von dem, was sie sich und ihrem
Verstorbenen schuldig ist. Und ob ich wiederkomme, die Herren wollen
verzeihen, weiß ich auch nicht; ich glaube kaum. Wenn man solchen
Treibelschen Tag hinter sich hat, ist es das schönste, darüber
nachzudenken, wie das alles so kam und was einem alles gesagt wurde.
Marcell kann ja statt meiner berichten. Und nur noch so viel, ein höchst
interessanter Engländer war mein Tischnachbar, und wer es von Ihnen
vielleicht nicht glauben will, daß er so sehr interessant gewesen, dem
brauche ich bloß den Namen zu nennen, er hieß nämlich Nelson. Und nun
Gott befohlen.«
Und damit verabschiedete sich Korinna.
Das Besteck für Marcell kam, und als dieser, nur um des Onkels gute
Laune nicht zu stören, um einen Kost- und Probekrebs gebeten hatte,
sagte Schmidt: »Fange nur erst an. Artischocken und Krebse kann man
immer essen, auch wenn man von einem Treibelschen Diner kommt. Ob sich
vom Hummer dasselbe sagen läßt, mag dahin gestellt bleiben. Mir
persönlich ist allerdings auch der Hummer immer gut bekommen. Ein eigen
Ding, daß man aus Fragen derart nie herauswächst, sie wechseln bloß ab
im Leben. Ist man jung, so heißt es >hübsch oder häßlich<, >brünett oder
blond< und liegt dergleichen hinter einem, so steht man vor der
vielleicht wichtigeren Frage >Hummer oder Krebse<. Wir könnten übrigens
darüber abstimmen. Andererseits, soviel muß ich zugeben, hat Abstimmung
immer was Totes, Schablonenhaftes und paßt mir außerdem nicht recht; ich
möchte nämlich Marcell gern ins Gespräch ziehen, der eigentlich da
sitzt, als sei ihm die Gerste verhagelt. Also lieber Erörterung der
Frage, Debatte. Sage, Marcell, was ziehst du vor?«
»Versteht sich, Hummer.«
»Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort. Auf den ersten Anlauf mit
ganz wenig Ausnahmen, ist jeder für Hummer, schon weil er sich auf
Kaiser Wilhelm berufen kann. Aber so schnell erledigt sich das nicht.
Natürlich, wenn solch ein Hummer aufgeschnitten vor einem liegt, und der
wundervolle rote Rogen, ein Bild des Segens und der Fruchtbarkeit, einem
zu allem anderen auch noch die Gewißheit gibt, >es wird immer Hummer
geben<, auch nach Äonen noch, gerade so wie heute ...«
Distelkamp sah seinen Freund Schmidt von der Seite her an.
»... Also einem die Gewißheit gibt, auch nach Äonen noch werden
Menschenkinder sich dieser Himmelsgabe freuen -- ja Freunde, wenn
man sich mit diesem Gefühl des Unendlichen durchdringt, so kommt das
darin liegende Humanitäre dem Hummer und unserer Stellung zu ihm
unzweifelhaft zu gute. Denn jede philanthropische Regung, weshalb man
die Philanthropie schon aus Selbstsucht kultivieren sollte, bedeutet
die Mehrung eines gesunden und zugleich verfeinerten Appetits. Alles
Gute hat seinen Lohn in sich, so viel ist unbestreitbar.«
»Aber ...«
»Aber es ist trotzdem dafür gesorgt, auch hier, daß die Bäume nicht in
den Himmel wachsen, und neben dem Großen hat das Kleine nicht bloß seine
Berechtigung, sondern auch seine Vorzüge. Gewiß, dem Krebse fehlt dies
und das, er hat sozusagen nicht das >Maß<, was, in einem Militärstaate
wie Preußen, immerhin etwas bedeutet, aber dem ohnerachtet, auch =er=
darf sagen: ich habe nicht umsonst gelebt. Und wenn er dann, er, der
Krebs, in Petersilienbutter geschwenkt, im allerappetitlichsten Reize
vor uns hintritt, so hat er Momente wirklicher Überlegenheit, vor allem
auch darin, daß sein Bestes nicht eigentlich gegessen, sondern
geschlürft, gesogen wird. Und daß gerade das, in der Welt des Genusses,
seine besonderen Meriten hat, wer wollte das bestreiten. Es ist, so zu
sagen, das natürlich Gegebene. Wir haben da in erster Reihe den
Säugling, für den saugen zugleich leben heißt. Aber auch in den höheren
Semestern ...«
»Laß es gut sein, Schmidt«, unterbrach Distelkamp. »Mir ist nur immer
merkwürdig, daß du neben Homer und sogar neben Schliemann mit solcher
Vorliebe Kochbuchliches behandelst, reine Menüfragen, als ob du zu den
Bankiers und Geldfürsten gehörtest, von denen ich bis auf weiteres
annehme, daß sie gut essen ...«
»Mir ganz unzweifelhaft.«
»Nun, sieh' Schmidt, diese Herren von der hohen Finanz, darauf möcht'
ich mich verwetten, sprechen nicht mit halb so viel Lust und Eifer von
einer Schildkrötensuppe wie du.«
»Das ist richtig, Distelkamp, und sehr natürlich. Sieh', ich habe die
Frische, die macht's; auf die Frische kommt es an, in allem. Die Frische
gibt einem die Lust, den Eifer, das Interesse, und wo die Frische nicht
ist, da ist gar nichts. Das ärmste Leben, das ein Menschenkind führen
kann, ist das des _petit crevé_. Lauter Zappeleien; nichts dahinter.
Hab' ich recht, Etienne?«
Dieser, der in allem Parisischen regelmäßig als Autorität angerufen
wurde, nickte zustimmend, und Distelkamp ließ die Streitfrage fallen
oder war geschickt genug, ihr eine neue Richtung zu geben, indem er aus
dem allgemein Kulinarischen auf einzelne berühmte kulinarische
Persönlichkeiten überlenkte, zunächst auf den Freiherrn von Rumohr, und
im raschen Anschluß an diesen auf den ihm persönlich befreundet
gewesenen Fürsten Pückler-Muskau. Besonders dieser letztere war
Distelkamps Schwärmerei. Wenn man dermaleinst das Wesen des modernen
Aristokratismus an einer historischen Figur werde nachweisen wollen, so
werde man immer den Fürsten Pückler als Musterbeispiel nehmen müssen.
Dabei sei er durchaus liebenswürdig gewesen, allerdings etwas
launenhaft, eitel und übermütig, aber immer grundgut. Es sei schade, daß
solche Figuren ausstürben. Und nach diesen einleitenden Sätzen begann er
speziell von Muskau und Branitz zu erzählen, wo er vordem oft tagelang
zu Besuch gewesen war und sich mit der märchenhaften, von »Semilassos
Weltfahrten« mit heimgebrachten Abessinierin über Nahes und Fernes
unterhalten hatte.
Schmidt hörte nichts lieberes als Erlebnisse derart, und nun gar von
Distelkamp, vor dessen Wissen und Charakter er überhaupt einen
ungeheuchelten Respekt hatte.
Marcell teilte ganz und gar diese Vorliebe für den alten Direktor und
verstand außerdem -- obwohl geborener Berliner -- gut und mit Interesse
zuzuhören; trotzdem tat er heute Fragen über Fragen, die seine volle
Zerstreutheit bewiesen. Er war eben mit anderem beschäftigt.
So kam elf heran, und mit dem Glockenschlage -- ein Satz von Schmidt
wurde mitten durchgeschnitten -- erhob man sich und trat aus dem
Eßzimmer in das Entree, darin seitens der Schmolke die Sommerüberzieher
samt Hut und Stock schon in Bereitschaft gelegt waren. Jeder griff nach
dem seinen, und nur Marcell nahm den Oheim einen Augenblick beiseite und
sagte: »Onkel, ich spräche gern noch ein Wort mit dir,« ein Ansinnen, zu
dem dieser, jovial und herzlich wie immer, seine volle Zustimmung
ausdrückte. Dann, unter Vorantritt der Schmolke, die mit der Linken den
messingenen Leuchter über den Kopf hielt, stiegen Distelkamp, Friedeberg
und Etienne zunächst treppab und traten gleich danach in die muffig
schwüle Adlerstraße hinaus. Oben aber nahm Schmidt seines Neffen Arm und
schritt mit ihm auf seine Studierstube zu.
* * * * *
»Nun, Marcell, was gibt es? Rauchen wirst du nicht, du siehst mir viel
zu bewölkt aus; aber verzeih', ich muß mir erst eine Pfeife stopfen.«
Und dabei ließ er sich, den Tabakskasten vor sich herschiebend, in eine
Sophaecke nieder. »So! Marcell. ... Und nun nimm einen Stuhl und setz'
dich und schieße los. Was gibt es?«
»Das alte Lied.«
»Korinna?«
»Ja.«
»Ja, Marcell, nimm mir's nicht übel, aber das ist ein schlechter
Liebhaber, der immer väterlichen Vorspann braucht, um von der Stelle zu
kommen. Du weißt, ich bin dafür. Ihr seid wie geschaffen für einander.
Sie übersieht dich und uns alle; das Schmidtsche strebt in ihr nicht
bloß der Vollendung zu, sondern, ich muß das sagen, trotzdem ich ihr
Vater bin, kommt auch ganz nah ans Ziel. Nicht jede Familie kann das
ertragen. Aber das Schmidtsche setzt sich aus solchen Ingredienzien
zusammen, daß die Vollendung, von der ich spreche, nie bedrücklich wird.
Und warum nicht? Weil die Selbstironie, in der wir, glaube ich, groß
sind, immer wieder ein Fragezeichen hinter der Vollendung macht. Das ist
recht eigentlich das, was ich das Schmidtsche nenne. Folgst du?«
»Gewiß, Onkel. Sprich nur weiter.«
»Nun sieh, Marcell, ihr paßt ganz vorzüglich zusammen. Sie hat die
genialere Natur, hat so den letzten Knips von der Sache weg, aber das
gibt keineswegs das Übergewicht im Leben. Fast im Gegenteil. Die
Genialen bleiben immer halbe Kinder, in Eitelkeit befangen, und
verlassen sich immer auf Intuition und _bon sens_ und Sentiment und wie
all die französischen Worte heißen mögen. Oder wir können auch auf gut
deutsch sagen, sie verlassen sich auf ihre guten Einfälle. Damit ist es
nun aber so so; manchmal wetterleuchtet es freilich eine halbe Stunde
lang oder auch noch länger, gewiß, das kommt vor; aber mit einem Mal ist
das Elektrische wie verblitzt, und nun bleibt nicht bloß der Esprit aus
wie Röhrwasser, sondern auch der gesunde Menschenverstand. Ja, der erst
recht. Und so ist es auch mit Korinna. Sie bedarf einer verständigen
Leitung, d. h. sie bedarf eines Mannes von Bildung und Charakter. Das
bist du, das hast du. Du hast also meinen Segen; alles andere mußt du
dir selber besorgen.«
»Ja, Onkel, das sagst du immer. Aber wie soll ich das anfangen? Eine
lichterlohe Leidenschaft kann ich in ihr nicht entzünden. Vielleicht ist
sie solcher Leidenschaft nicht einmal fähig; aber wenn auch, wie soll
ein Vetter seine Kusine zur Leidenschaft anstacheln? Das kommt gar nicht
vor. Die Leidenschaft ist etwas plötzliches, und wenn man von seinem
fünften Jahr an immer zusammen gespielt und sich, sagen wir, hinter den
Sauerkrauttonnen eines Budikers oder in einem Torf- und Holzkeller
unzählige Male stundenlang versteckt hat, immer gemeinschaftlich und
immer glückselig, daß Richard oder Artur, trotzdem sie dicht um einen
herum waren, einen doch nicht finden konnten, ja, Onkel, da ist von
Plötzlichkeit, dieser Vorbedingung der Leidenschaft, keine Rede mehr.«
Schmidt lachte. »Das hast du gut gesagt, Marcell, eigentlich über deine
Mittel. Aber es steigert nur meine Liebe zu dir. Das Schmidtsche steckt
doch auch in dir und ist nur unter dem steifen Wedderkoppschen etwas
vergraben. Und =das= kann ich dir sagen, wenn du diesen Ton Korinna
gegenüber festhältst, dann bist du durch, dann hast du sie sicher.«
»Ach, Onkel, glaube doch das nicht. Du verkennst Korinna. Nach der einen
Seite hin kennst du sie ganz genau, aber nach der andern Seite hin
kennst du sie gar nicht. Alles was klug und tüchtig und, vor allem, was
espritvoll an ihr ist, das siehst du mit beiden Augen, aber was
äußerlich und modern an ihr ist, das siehst du nicht. Ich kann nicht
sagen, daß sie jene niedrigstehende Gefallsucht hat, die jeden erobern
will, er sei wer er sei; von dieser Koketterie hat sie nichts. Aber sie
nimmt sich erbarmungslos =einen= aufs Korn, einen, an dessen
Spezialeroberung ihr gelegen ist, und du glaubst gar nicht, mit welcher
grausamen Konsequenz, mit welcher infernalen Virtuosität sie dies von
ihr erwählte Opfer in ihre Fäden einzuspinnen weiß.«
»Meinst du?«
»Ja, Onkel. Heute bei Treibels hatten wir wieder ein Musterbeispiel
davon. Sie saß zwischen Leopold Treibel und einem Engländer, dessen
Namen sie dir ja schon genannt hat, einen Mr. Nelson, der, wie die
meisten Engländer aus guten Häusern, einen gewissen Naivitäts-Charme
hatte, sonst aber herzlich wenig bedeutete. Nun hättest du Korinna sehen
sollen. Sie beschäftigte sich anscheinend mit niemand anderem, als
diesem Sohn Albions, und es gelang ihr auch, ihn in Staunen zu setzen.
Aber glaube nur ja nicht, daß ihr an dem flachsblonden Mr. Nelson im
geringsten gelegen gewesen wäre; gelegen war ihr bloß an Leopold
Treibel, an den sie kein einziges Wort, oder wenigstens nicht viele,
direkt richtete, und dem zu Ehren sie doch eine Art von französischem
Proverbe aufführte, kleine Komödie, dramatische Szene. Und wie ich dir
versichern kann, Onkel, mit vollständigstem Erfolg. Dieser unglückliche
Leopold hängt schon lange an ihren Lippen und saugt das süße Gift ein,
aber so wie heute habe ich ihn doch noch nicht gesehen. Er war von Kopf
bis zu Fuß die helle Bewunderung, und jede Miene schien ausdrücken zu
wollen: >Ach, wie langweilig ist Helene< (das ist, wie du dich
vielleicht erinnerst, die Frau seines Bruders), >und wie wundervoll ist
diese Korinna<«.
»Nun gut, Marcell, aber das alles kann ich so schlimm nicht finden.
Warum soll sie nicht ihren Nachbar zur Rechten unterhalten, um auf ihren
Nachbar zur Linken einen Eindruck zu machen? Das kommt alle Tage vor,
das sind so kleine Kaprizen, an denen die Frauennatur reich ist.«
»Du nennst es Kaprizen, Onkel. Ja, wenn die Dinge so lägen! Es liegt
aber anders. Alles ist Berechnung: sie will den Leopold heiraten.«
»Unsinn, Leopold ist ein Junge.«
»Nein, er ist fünfundzwanzig, gerade so alt wie Korinna selbst. Aber
wenn er auch noch ein bloßer Junge wäre, Korinna hat sich's in den Kopf
gesetzt und wird es durchführen.«
»Nicht möglich.«
»Doch, doch. Und nicht bloß möglich, sondern ganz gewiß. Sie hat es mir,
als ich sie zur Rede stellte, selber gesagt. Sie will Leopold Treibels
Frau werden, und wenn der Alte das Zeitliche segnet, was doch, wie sie
mir versicherte, höchstens noch zehn Jahre dauern könne, und wenn er in
seinem Zossener Wahlkreise gewählt würde, keine fünfe mehr, so will sie
die Villa beziehen, und wenn ich sie recht taxiere, so wird sie zu dem
grauen Kakadu noch einen Pfauhahn anschaffen.«
»Ach, Marcell, das sind Visionen.«
»Vielleicht von ihr, wer will's sagen? aber sicherlich nicht von mir.
Denn all das waren ihre eigensten Worte. Du hättest sie hören sollen,
Onkel, mit welcher Suffisance sie von »kleinen Verhältnissen« sprach,
und wie sie das dürftige Kleinleben ausmalte, für das sie nun mal nicht
geschaffen sei; sie sei nicht für Speck und Wruken und all dergleichen
... und du hättest nur hören sollen, =wie= sie das sagte, nicht bloß so
drüber hin, nein, es klang geradezu was von Bitterkeit mit durch, und
ich sah zu meinem Schmerz, wie veräußerlicht sie ist, und wie die
verdammte neue Zeit sie ganz in Banden hält.«
»Hm,« sagte Schmidt, »das gefällt mir nicht, namentlich das mit den
Wruken. Das ist bloß ein dummes Vornehmtun und ist auch kulinarisch eine
Torheit; denn alle Gerichte, die Friedrich Wilhelm I. liebte, so zum
Beispiel Weißkohl mit Hammelfleisch oder Schlei mit Dill -- ja, lieber
Marcell, was will dagegen aufkommen? Und dagegen Front zu machen ist
einfach Unverstand. Aber glaube mir, Korinna macht auch nicht Front
dagegen, dazu ist sie viel zu sehr ihres Vaters Tochter, und wenn sie
sich darin gefallen hat, dir von Modernität zu sprechen und dir
vielleicht eine Pariser Hutnadel oder eine Sommerjacke, dran alles
_chic_ und wieder _chic_ ist, zu beschreiben und so zu tun, als ob es in
der ganzen Welt nichts gäbe, was an Wert und Schönheit damit verglichen
werden könnte, so ist das alles bloß Feuerwerk, Phantasietätigkeit, _jeu
d'Esprit_, und wenn es ihr morgen paßt, dir einen Pfarramtskandidaten in
der Jasminlaube zu beschreiben, der selig in Lottchens Armen ruht, so
leistet sie das mit demselben Aplomb und mit derselben Virtuosität. Das
ist, was ich das Schmidtsche nenne. Nein, Marcell, darüber darfst du dir
keine grauen Haare wachsen lassen; das ist alles nicht ernstlich
gemeint ...«
»Es =ist= ernstlich gemeint ...«
»Und =wenn= es ernstlich gemeint ist -- was ich vorläufig noch nicht
glaube, denn Korinna ist eine sonderbare Person -- so nutzt ihr dieser
Ernst nichts, gar nichts, und es wird doch nichts draus. Darauf verlaß
dich, Marcell. Denn zum heiraten gehören zwei.«
»Gewiß, Onkel. Aber Leopold will womöglich noch mehr als Korinna ...«
»Was gar keine Bedeutung hat. Denn laß dir sagen, und damit sprech ich
ein großes Wort gelassen aus: die Kommerzienrätin will =nicht=.«
»Bist du dessen so sicher?«
»Ganz sicher.«
»Und hast auch Zeichen dafür?«
»Zeichen und Beweise, Marcell. Und zwar Zeichen und Beweise, die du in
deinem alten Onkel Wilibald Schmidt hier leibhaftig vor dir siehst ...«
»Das wäre.«
»Ja, Freund, leibhaftig vor dir siehst. Denn ich habe das Glück gehabt,
an mir selbst, und zwar als Objekt und Opfer, das Wesen meiner Freundin
Jenny studieren zu können. Jenny Bürstenbinder, das ist ihr Vatersname,
wie du vielleicht schon weißt, ist der Typus einer Bourgeoise. Sie war
talentiert dafür, von Kindesbeinen an, und in jenen Zeiten, wo sie noch
drüben in ihres Vaters Laden, wenn der Alte gerade nicht hinsah, von den
Traubenrosinen naschte, da war sie schon gerade so wie heut' und
deklamierte den >Taucher< und den >Gang nach dem Eisenhammer< und auch
allerlei kleine Lieder, und wenn es recht was Rührendes war, so war ihr
Auge schon damals immer in Tränen, und als ich eines Tages mein
berühmtes Gedicht gedichtet hatte, du weißt schon, das Unglücksding, das
sie seitdem immer singt und vielleicht auch heute wieder gesungen hat,
da warf sie sich mir an die Brust und sagte: »Wilibald, Einziger, das
kommt von Gott.« Ich sagte halb verlegen etwas von meinem Gefühl und
meiner Liebe, sie blieb aber dabei, es sei von Gott, und dabei
schluchzte sie dermaßen, daß ich, so glücklich ich einerseits in meiner
Eitelkeit war, doch auch wieder einen Schreck kriegte vor der Macht
dieser Gefühle. Ja, Marcell, das war so unsere stille Verlobung, ganz
still, aber doch immerhin eine Verlobung; wenigstens nahm ich's dafür
und strengte mich riesig an, um so rasch wie möglich mit meinem Studium
am Ende zu sein und mein Examen zu machen. Und ging auch alles
vortrefflich. Als ich nun aber kam, um die Verlobung perfekt zu machen,
da hielt sie mich hin, war abwechselnd vertraulich und dann wieder
fremd, und während sie nach wie vor das Lied sang, =mein= Lied,
liebäugelte sie mit jedem, der ins Haus kam, bis endlich Treibel
erschien und dem Zauber ihrer kastanienbraunen Locken und mehr noch
ihrer Sentimentalitäten erlag. Denn der Treibel von damals war noch
nicht der Treibel von heut, und am andern Tag kriegte ich die
Verlobungskarten. Alles in allem eine sonderbare Geschichte, daran, das
glaub ich sagen zu dürfen, andere Freundschaften gescheitert wären; aber
ich bin kein Übelnehmer und Spielverderber, und in dem Liede, drin sich,
wie du weißt, >die Herzen finden< -- beiläufig eine himmlische
Trivialität und ganz wie geschaffen für Jenny Treibel -- in dem Liede
lebt unsre Freundschaft fort bis diesen Tag, ganz so, als sei nichts
vorgefallen. Und am Ende, warum auch nicht? Ich persönlich bin drüber
weg, und Jenny Treibel hat ein Talent, alles zu vergessen, was sie
vergessen will. Es ist eine gefährliche Person und um so gefährlicher,
als sie's selbst nicht recht weiß, und sich aufrichtig einbildet, ein
gefühlvolles Herz und vor allem ein Herz für das >Höhere< zu haben. Aber
sie hat nur ein Herz für das Ponderable, für alles, was ins Gewicht
fällt und Zins trägt, und für viel weniger als eine halbe Million gibt
sie den Leopold nicht fort, die halbe Million mag herkommen, woher sie
will. Und dieser arme Leopold selbst. So viel weißt du doch, der ist
nicht der Mensch des Aufbäumens oder der Eskapade nach Gretna Green. Ich
sage dir Marcell, unter Brückner tun es Treibels nicht, und Koegel ist
ihnen noch lieber. Denn je mehr es nach Hof schmeckt, desto besser. Sie
liberalisieren und sentimentalisieren beständig, aber das alles ist
Farce; wenn es gilt Farbe zu bekennen, dann heißt es: Gold ist Trumpf
und weiter nichts.«
»Ich glaube, daß du Leopold unterschätzest.«
»Ich fürchte, daß ich ihn noch überschätze. Ich kenn' ihn noch aus der
Untersekunda her. Weiter kam er nicht; wozu auch? Guter Mensch,
Mittelgut, und als Charakter noch unter Mittel.«
»Wenn du mit Korinna sprechen könntest.«
»Nicht nötig, Marcell. Durch Dreinreden stört man nur den natürlichen
Gang der Dinge. Mag übrigens alles schwanken und unsicher sein, eines
steht fest: der Charakter meiner Freundin Jenny. Da ruhen die Wurzeln
deiner Kraft. Und wenn Korinna sich in Tollheiten überschlägt, laß sie;
den Ausgang der Sache kenn' ich. Du sollst sie haben, und du wirst sie
haben, und vielleicht eher, als du denkst.«