Unter den letzten, die, den Vorgarten passierend, das kommerzienrätliche
Haus verließen, waren Marcell und Korinna. Diese plauderte nach wie vor
in übermütiger Laune, was des Vetters mühsam zurückgehaltene Verstimmung
nur noch steigerte. Zuletzt schwiegen beide.
So gingen sie schon fünf Minuten nebeneinander her, bis Korinna, die
sehr gut wußte, was in Marcells Seele vorging, das Gespräch wieder
aufnahm. »Nun, Freund, was gibt es?«
»Nichts.«
»Nichts?«
»Oder wozu soll ich es leugnen, ich bin verstimmt.«
»Worüber?«
»Über dich. Über dich, weil du kein Herz hast.«
»Ich? Erst recht hab' ich ...«
»Weil du kein Herz hast, sag' ich, keinen Sinn für Familie, nicht einmal
für deinen Vater ...«
»Und nicht einmal für meinen Vetter Marcell ...«
»Nein, den laß aus dem Spiel, von dem ist nicht die Rede. Mir gegenüber
kannst du tun, was du willst. Aber dein Vater. Da läßt du nun heute den
alten Mann einsam und allein und kümmerst dich sozusagen um gar nichts.
Ich glaube, du weißt nicht einmal, ob er zu Haus ist oder nicht.«
»Freilich ist er zu Haus. Er hat ja heut' seinen >Abend<, und wenn auch
nicht alle kommen, etliche vom hohen Olymp werden wohl da sein.«
»Und du gehst aus und überlässest alles der alten guten Schmolke?«
»Weil ich es ihr überlassen kann. Du weißt das ja so gut wie ich; es
geht alles wie am Schnürchen, und in diesem Augenblick essen sie
wahrscheinlich Oderkrebse und trinken Mosel. Nicht Treibelschen, aber
doch Professor Schmidtschen, einen edlen Trarbacher, von dem Papa
behauptet, er sei der einzige reine Wein in Berlin. Bist du nun
zufrieden?«
»Nein.«
»Dann fahre fort.«
»Ach, Korinna, du nimmst alles so leicht und denkst, wenn du's leicht
nimmst, so hast du's aus der Welt geschafft. Aber es glückt dir nicht.
Die Dinge bleiben doch schließlich, was und wie sie sind. Ich habe dich
nun bei Tisch beobachtet ...«
»Unmöglich, du hast ja der jungen Frau Treibel ganz intensiv den Hof
gemacht, und ein paarmal wurde sie sogar rot ...«
»Ich habe dich beobachtet, sag' ich, und mit einem wahren Schrecken das
Übermaß von Koketterie gesehen, mit dem du nicht müde wirst, dem armen
Jungen, dem Leopold, den Kopf zu verdrehen ...«
Sie hatten, als Marcell dies sagte, gerade die platzartige Verbreiterung
erreicht, mit der die Köpenickerstraße, nach der Inselbrücke hin,
abschließt, eine verkehrslose und beinahe menschenleere Stelle. Korinna
zog ihren Arm aus dem des Vetters und sagte, während sie nach der
anderen Seite der Straße zeigte: »Sieh', Marcell, wenn da drüben nicht
der einsame Schutzmann stände, so stellt' ich mich jetzt mit
verschränkten Armen vor dich hin und lachte dich fünf Minuten lang aus.
Was soll das heißen, ich sei nicht müde geworden, dem armen Jungen, dem
Leopold, den Kopf zu verdrehen? Wenn du nicht ganz in Huldigung gegen
Helenen aufgegangen wärst, so hättest du sehen müssen, daß ich kaum zwei
Worte mit ihm gesprochen. Ich habe mich nur mit Mr. Nelson unterhalten,
und ein paarmal hab' ich mich ganz ausführlich an dich gewandt.«
»Ach, das sagst du so, Korinna, und weißt doch, wie falsch es ist.
Sieh', du bist sehr gescheit und weißt es auch; aber du hast doch den
Fehler, den viele gescheite Leute haben, daß sie die anderen für
ungescheiter halten als sie sind. Und so denkst du, du kannst mir ein X
für ein U machen und alles so drehen und beweisen, wie du's drehen und
beweisen willst. Aber man hat doch auch so seine Augen und Ohren und ist
also, mit deinem Verlaub, hinreichend ausgerüstet, um zu hören und zu
sehen.«
»Und was ist es denn nun, was der Herr Doktor gehört und gesehen haben?«
»Der Herr Doktor haben gehört und gesehen, daß Fräulein Korinna mit
ihrem Redekatarakt über den unglücklichen Mr. Nelson hergefallen ist
...«
»Sehr schmeichelhaft ...«
»Und daß sie -- wenn ich das mit dem Redekatarakt aufgeben und ein
anderes Bild dafür einstellen will -- daß sie, sag' ich, zwei Stunden
lang die Pfauenfeder ihrer Eitelkeit auf dem Kinn oder auf der Lippe
balanciert und überhaupt in den feineren akrobatischen Künsten ein
Äußerstes geleistet hat. Und das alles vor wem? Etwa vor Mr. Nelson?
Mitnichten. Der gute Nelson, der war nur das Trapez, daran meine Kusine
herumturnte; =der=, um dessentwillen das alles geschah, der zusehen und
bewundern sollte, der hieß Leopold Treibel, und ich habe wohl bemerkt,
wie mein Kusinchen auch ganz richtig gerechnet hatte; denn ich kann mich
nicht entsinnen, einen Menschen gesehen zu haben, der, verzeih' den
Ausdruck, durch einen ganzen Abend hin so >total weg< gewesen wäre wie
dieser Leopold.«
»Meinst du?«
»Ja, das mein' ich.«
»Nun, darüber ließe sich reden ... Aber sieh' nur ...«
Und dabei blieb sie stehen und wies auf das entzückende Bild, das sich
-- sie passierten eben die Fischerbrücke -- drüben vor ihnen
ausbreitete. Dünne Nebel lagen über den Strom hin, sogen aber den
Lichterglanz nicht ganz auf, der von rechts und links her auf die breite
Wasserfläche fiel, während die Mondsichel oben im Blauen stand, keine
zwei Hand breit von dem etwas schwerfälligen Parochialkirchtum entfernt,
dessen Schattenriß am anderen Ufer in aller Klarheit aufragte. »Sieh'
nur,« wiederholte Korinna, »nie hab' ich den Singuhrturm in solcher
Schärfe gesehen. Aber ihn schön finden, wie seit kurzem Mode geworden,
das kann ich doch nicht; er hat so etwas Halbes, Unfertiges, als ob ihm
auf dem Wege nach oben die Kraft ausgegangen wäre. Da bin ich doch mehr
für die zugespitzten, langweiligen Schindeltürme, die nichts wollen als
hoch sein und in den Himmel zeigen.«
Und in demselben Augenblicke, wo Korinna dies sagte, begannen die
Glöckchen drüben ihr Spiel.
»Ach,« sagte Marcell, »sprich doch nicht so von dem Turm und ob er schön
ist oder nicht. Mir ist es gleich und dir auch; das mögen die Fachleute
miteinander ausmachen. Und du sagst das alles nur, weil du von dem
eigentlichen Gespräch los willst. Aber höre lieber zu, was die Glöckchen
drüben spielen. Ich glaube, sie spielen: >Üb' immer Treu' und
Redlichkeit<.«
»Kann sein, und ist nur schade, daß sie nicht auch die berühmte Stelle
von dem Kanadier spielen können, der noch Europens übertünchte
Höflichkeit nicht kannte. So was Gutes bleibt leider immer unkomponiert,
oder vielleicht geht es auch nicht. Aber nun sage mir, Freund, was soll
das alles heißen? Treu' und Redlichkeit. Meinst du wirklich, daß mir die
fehlen? Gegen wen versünd'ge ich mich denn durch Untreue? Gegen dich.
Hab' ich Gelöbnisse gemacht? Hab' ich dir etwas versprochen und das
Versprechen nicht gehalten?«
Marcell schwieg.
»Du schweigst, weil du nichts zu sagen hast. Ich will dir aber noch
allerlei mehr sagen, und dann magst du selber entscheiden, ob ich treu
und redlich oder doch wenigstens aufrichtig bin, was so ziemlich
dasselbe bedeutet.«
»Korinna ...«
»Nein, jetzt will =ich= sprechen, in aller Freundschaft, aber auch in
allem Ernst. Treu und redlich. Nun, ich weiß wohl, daß du treu und
redlich bist, was beiläufig nicht viel sagen will; ich für meine Person
kann dir nur wiederholen, ich bin es auch.«
»Und spielst doch beständig eine Komödie.«
»Nein, das tu' ich nicht. Und =wenn= ich es tue, so doch so, daß es
jeder merken kann. Ich habe mir, nach reiflicher Überlegung, ein
bestimmtes Ziel gesteckt, und wenn ich nicht mit dürren Worten sage
>dies ist mein Ziel<, so unterbleibt das nur, weil es ein Mädchen nicht
kleidet, mit solchen Plänen aus sich herauszutreten. Ich erfreue mich,
dank meiner Erziehung, eines guten Teils von Freiheit, einige werden
vielleicht sagen von Emanzipation, aber trotzdem bin ich durchaus kein
emanzipiertes Frauenzimmer. Im Gegenteil, ich habe gar keine Lust, das
alte Herkommen umzustoßen, alte, gute Sätze, zu denen auch der gehört:
ein Mädchen wirbt nicht, um ein Mädchen =wird= geworben.«
»Gut, gut; alles selbstverständlich ...«
»... Aber freilich, das ist unser altes Evarecht, die großen Wasser
spielen zu lassen und unsere Kräfte zu gebrauchen, bis =das= geschieht,
um dessentwillen wir da sind, mit anderen Worten, bis man um uns wirbt.
Alles gilt diesem Zweck. Du nennst das, je nachdem dir der Sinn steht,
Raketensteigenlassen oder Komödie, mitunter auch Intrige, und immer
Koketterie.«
Marcell schüttelte den Kopf. »Ach, Korinna, du darfst mir darüber keine
Vorlesung halten wollen und zu mir sprechen, als ob ich erst gestern auf
die Welt gekommen wäre. Natürlich hab' ich oft von Komödie gesprochen
und noch öfter von Koketterie. Wovon spricht man nicht alles. Und wenn
man dergleichen hinspricht, so widerspricht man sich auch wohl, und was
man eben noch getadelt hat, das lobt man im nächsten Augenblick. Um's
rund heraus zu sagen, spiele so viel Komödie, wie du willst, sei so
kokett, wie du willst, ich werde doch nicht so dumm sein, die Weiberwelt
und die Welt überhaupt ändern zu wollen, ich will sie wirklich nicht
ändern, auch dann nicht, wenn ich's könnte; nur um eines muß ich dich
angehen, du mußt, wie du dich vorhin ausdrücktest, die großen Wasser an
der rechten Stelle, das heißt also vor den rechten Leuten springen
lassen, vor solchen, wo's paßt, wo's hingehört, wo sich's lohnt. Du
gehst aber mit deinen Künsten nicht an die richtige Adresse, denn du
kannst doch nicht ernsthaft daran denken, diesen Leopold Treibel
heiraten zu wollen?«
»Warum nicht? Ist er zu jung für mich? Nein. Er stammt aus dem Januar
und ich aus dem September; er hat also noch einen Vorsprung von acht
Monaten.«
»Korinna, du weißt ja recht gut, wie's liegt, und daß er einfach für
dich nicht paßt, weil er zu unbedeutend für dich ist. Du bist eine
aparte Person, vielleicht ein bißchen zu sehr, und er ist kaum
Durchschnitt. Ein sehr guter Mensch, das muß ich zugeben, hat ein gutes,
weiches Herz, nichts von dem Kiesel, den die Geldleute sonst hier links
haben, hat auch leidlich weltmännische Manieren und kann vielleicht
einen Dürerschen Stich von einem Ruppiner Bilderbogen unterscheiden,
aber du würdest dich tot langweilen an seiner Seite. Du, deines Vaters
Tochter, und eigentlich noch klüger als der Alte, du wirst doch nicht
dein eigentliches Lebensglück wegwerfen wollen, bloß um in einer Villa
zu wohnen und einen Landauer zu haben, der dann und wann ein paar alte
Hofdamen abholt, oder um Adolar Krolas ramponierten Tenor alle vierzehn
Tage den >Erlkönig< singen zu hören. Es ist nicht möglich, Korinna; du
wirst dich doch, wegen solchen Bettels von Mammon, nicht einem
unbedeutenden Menschen an den Hals werfen wollen.«
»Nein, Marcell, das letztere gewiß nicht; ich bin nicht für
Zudringlichkeiten. Aber wenn Leopold morgen bei meinem Vater antritt --
denn ich fürchte beinah', daß er noch zu denen gehört, die sich, statt
der Hauptperson, erst der Nebenpersonen versichern -- wenn er also
morgen antritt und um diese rechte Hand deiner Kusine Korinna anhält, so
nimmt ihn Korinna und fühlt sich als _Corinne au Capitole_.«
»Das ist nicht möglich; du täuschest dich, du spielst mit der Sache. Es
ist eine Phantasterei, der du nach deiner Art nachhängst.«
»Nein, Marcell, du täuschest dich, nicht ich; es ist mein vollkommener
Ernst, so sehr, daß ich ein ganz klein wenig davor erschrecke.«
»Das ist dein Gewissen.«
»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber so viel will ich dir ohne
weiteres zugeben, =das=, wozu der liebe Gott mich so recht eigentlich
schuf, das hat nichts zu tun mit einem Treibelschen Fabrikgeschäft, oder
mit einem Holzhof und vielleicht am wenigsten mit einer Hamburger
Schwägerin. Aber ein Hang nach Wohlleben, der jetzt alle Welt
beherrscht, hat mich auch in der Gewalt, ganz so wie alle anderen, und
so lächerlich und verächtlich es in deinem Oberlehrers Ohre klingen mag,
ich halt' es mehr mit Bonwitt und Littauer als mit einer kleinen
Schneiderin, die schon um acht Uhr früh kommt und eine merkwürdige Hof-
und Hinterstubenatmosphäre mit ins Haus bringt, und zum zweiten
Frühstück ein Brötchen mit Schlackwurst und vielleicht auch einen Gilka
kriegt. Das alles widersteht mir im höchsten Maße; je weniger ich davon
sehe, desto besser. Ich find' es ungemein reizend, wenn so die kleinen
Brillanten im Ohre blitzen, etwa wie bei meiner Schwiegermama _in spe_
... >Sich einschränken<, ach, ich kenne das Lied, das immer gesungen und
immer gepredigt wird, aber wenn ich bei Papa die dicken Bücher abstäube,
drin niemand hineinsieht, auch er selber nicht, und wenn dann die
Schmolke sich abends auf mein Bett setzt und mir von ihrem verstorbenen
Manne, dem Schutzmann, erzählt, und daß er, wenn er noch lebte, jetzt
ein Revier hätte, denn Madai hätte große Stücke auf ihn gehalten, und
wenn sie dann zuletzt sagt: >Aber Korinnchen, ich habe ja noch gar nicht
mal gefragt, was wir morgen essen wollen? ... Die Teltower sind jetzt so
schlecht und eigentlich alle schon madig, und ich möchte dir
vorschlagen, Wellfleisch und Wruken, das aß Schmolke auch immer so gern<
-- ja, Marcell, in solchem Augenblicke wird mir immer ganz sonderbar zu
Mut, und Leopold Treibel erscheint mir dann mit einem Male als der
Rettungsanker meines Lebens, oder wenn du willst, wie das aufzusetzende
große Marssegel, das bestimmt ist, mich bei gutem Wind an ferne
glückliche Küsten zu führen.«
»Oder wenn es stürmt, dein Lebensglück zum Scheitern zu bringen.«
»Warten wir's ab, Marcell.«
Und bei diesen Worten bogen sie, von der Alten Leipziger Straße her, in
Raules Hof ein, von dem aus ein kleiner Durchgang in die Adlerstraße
führte.