Viertes Kapitel

Die große Glastür, die zur Freitreppe führte, stand auf; dennoch war es

schwül, und so zog man es vor, den Kaffee draußen zu nehmen, die einen

auf der Veranda, die andern im Vorgarten selbst, wobei sich die

Tischnachbarn in kleinen Gruppen wieder zusammenfanden und

weiterplauderten. Nur als sich die beiden adligen Damen von der

Gesellschaft verabschiedeten, unterbrach man sich in diesem mit

Medisance reichlich gewürzten Gespräch und sah eine kleine Weile dem

Landauer nach, der, die Köpenickerstraße hinauf, erst auf die Frau von

Ziegenhalssche Wohnung, in unmittelbarer Nähe der Marschallsbrücke, dann

aber auf Charlottenburg zufuhr, wo die seit fünfunddreißig Jahren in

einem Seitenflügel des Schlosses einquartierte Bomst ihr Lebensglück und

zugleich ihren besten Stolz aus der Betrachtung zog, in erster Zeit mit

des hochseligen Königs Majestät, dann mit der Königinwitwe, und zuletzt

mit den Meiningenschen Herrschaften dieselbe Luft geatmet zu haben. Es

gab ihr all das etwas Verklärtes, was auch zu ihrer Figur paßte.

Treibel, der die Damen bis an den Wagenschlag begleitet, hatte

mittlerweile, vom Straßendamm her, die Veranda wieder erreicht, wo

Vogelsang, etwas verlassen, aber mit uneingebüßter Würde, seinen Platz

behauptete. »Nun, ein Wort unter uns, Leutnant, aber nicht hier; ich

denke, wir absentieren uns einen Augenblick und rauchen ein Blatt,

das nicht alle Tage wächst, und namentlich nicht überall.« Dabei nahm

er Vogelsang unter den Arm und führte den Gerngehorchenden in sein

neben dem Saale gelegenes Arbeitszimmer, wo der geschulte, diesen

Lieblingsmoment im Dinerleben seines Herrn von langher kennende

Diener bereits alles zurechtgestellt hatte: das Zigarrenkistchen,

den Likörkasten und die Karaffe mit Eiswasser. Die gute Schulung des

Dieners beschränkte sich aber nicht auf diese Vorarrangements, vielmehr

stand er im selben Augenblick, wo beide Herren ihre Plätze genommen

hatten, auch schon mit dem Tablett vor ihnen und präsentierte den

Kaffee.

»Das ist recht, Friedrich, auch der Aufbau hier, alles zu meiner

Zufriedenheit; aber gib doch lieber die andere Kiste her, die flache.

Und dann sage meinem Sohn Otto, ich ließe ihn bitten ... Ihnen doch

recht, Vogelsang? Oder, wenn du Otto nicht triffst, so bitte den

Polizeiassessor, ja, lieber =den=, er weiß doch besser Bescheid.

Sonderbar, alles, was in der Molkenmarktluft groß geworden, ist dem Rest

der Menschheit um ein Beträchtliches überlegen. Und dieser Goldammer hat

nun gar noch den Vorteil, ein richtiger Pastorssohn zu sein, was all

seinen Geschichten einen eigentümlich pikanten Beigeschmack gibt.« Und

dabei klappte Treibel den Kasten auf und sagte: »Kognak oder Allasch?

Oder das eine tun und das andere nicht lassen?«

Vogelsang lächelte, schob den Zigarrenknipser ziemlich demonstrativ

beiseite und biß die Spitze mit seinen Raffzähnen ab. Dann griff er nach

einem Streichhölzchen. Im übrigen schien er abwarten zu wollen, womit

Treibel beginnen würde. Der ließ denn auch nicht lange warten: »_Eh

bien_, Vogelsang, wie gefielen Ihnen die beiden alten Damen? Etwas

Feines, nicht wahr? Besonders die Bomst. Meine Frau würde sagen:

ätherisch. Nun, durchsichtig genug ist sie. Aber offen gestanden, die

Ziegenhals ist mir lieber, drall und prall, kapitales Weib, und muß

ihrer Zeit ein geradezu formidables Festungsviereck gewesen sein. Nasses

Temperament, und wenn ich recht gehört habe, so pendelt ihre

Vergangenheit zwischen verschiedenen kleinen Höfen hin und her. Lady

Milford, aber weniger sentimental. Alles natürlich alte Geschichten,

alles beglichen, man könnte beinahe sagen, schade. Den Sommer über ist

sie jetzt regelmäßig bei den Kraczinskis, in der Zossener Gegend; weiß

der Teufel, wo seit kurzem all die polnischen Namen herkommen. Aber

schließlich ist es gleichgültig. Was meinen Sie, wenn ich die

Ziegenhals, in Anbetracht dieser Kraczinskischen Bekanntschaft, unsern

Zwecken dienstbar zu machen suchte?«

»Kann zu nichts führen.«

»Warum nicht? Sie vertritt einen richtigen Standpunkt.«

»Ich würde mindestens sagen müssen, einen =nicht= richtigen.«

»Wieso?«

»Sie vertritt einen durchaus beschränkten Standpunkt, und wenn ich das

Wort wähle, so bin ich noch ritterlich. Übrigens wird mit diesem

>ritterlich< ein wachsender und geradezu horrender Mißbrauch getrieben;

ich glaube nämlich nicht, daß unsere Ritter sehr ritterlich, das heißt

ritterlich im Sinne von artig und verbindlich, gewesen sind. Alles bloß

historische Fälschungen. Und was diese Ziegenhals angeht, die wir uns,

wie Sie sagen, dienstbar machen sollen, so vertritt sie natürlich den

Standpunkt des Feudalismus, den der Pyramide. Daß sie zum Hofe steht,

ist gut, und ist das, was sie mit uns verbindet; aber das ist nicht

genug. Personen wie diese Majorin und selbstverständlich auch ihr

adliger Anhang, gleichviel ob er polnischen oder deutschen Ursprungs

ist, -- alle leben mehr oder weniger in einem Wust von Einbildungen,

will sagen von mittelalterlichen Standesvorurteilen, und das schließt

ein Zusammengehen aus, trotzdem wir die Königsfahne mit ihnen gemeinsam

haben. Aber diese Gemeinsamkeit frommt nicht, schadet uns nur. Wenn wir

rufen: >Es lebe der König<, so geschieht es, vollkommen selbstsuchtslos,

um einem großen Prinzip die Herrschaft zu sichern; für mich bürge ich,

und ich hoffe, daß ich es auch für =Sie= kann ...«

»Gewiß, Vogelsang, gewiß.«

»Aber diese Ziegenhals -- von der ich beiläufig fürchte, daß Sie nur zu

sehr recht haben, mit der von Ihnen angedeuteten, wenn auch, Gott sei

Dank, weit zurückliegenden Auflehnung gegen Moral und gute Sitte --

diese Ziegenhals und ihresgleichen, wenn die rufen: >Es lebe der König<,

so heißt das immer nur, es lebe der, der für uns sorgt, unser Nährvater;

sie kennen nichts als ihren Vorteil. Es ist ihnen versagt, in einer Idee

aufzugehen und sich auf Personen stützen, die nur sich kennen, das heißt

unsre Sache verloren geben. Unsre Sache besteht nicht bloß darin, den

fortschrittlichen Drachen zu bekämpfen, sie besteht auch in der

Bekämpfung des Vampyradels, der immer bloß saugt und saugt. Weg mit der

ganzen Interessenpolitik. In dem Zeichen absoluter Selbstlosigkeit

müssen wir siegen, und dazu brauchen wir das Volk, nicht das Quitzowtum,

das seit dem gleichnamigen Stücke wieder oben auf ist und das Heft in

die Hände nehmen möchte. Nein, Kommerzienrat, nichts von

Pseudo-Konservatismus, kein Königtum auf falscher Grundlage; das

Königtum, wenn wir es konservieren wollen, muß auf etwas Soliderem

ruhen, als auf einer Ziegenhals oder einer Bomst.«

»Nun, hören Sie, Vogelsang, die Ziegenhals wenigstens ...« Und Treibel

schien ernstlich gewillt, diesen Faden, der ihm paßte, weiter zu

spinnen. Aber ehe er dazu kommen konnte, trat der Polizeiassessor vom

Salon her ein, die kleine Meißner Tasse noch in der Hand, und nahm

zwischen Treibel und Vogelsang Platz. Gleich nach ihm erschien auch

Otto, vielleicht von Friedrich benachrichtigt, vielleicht auch aus

eigenem Antriebe, weil er von langer Zeit her die der Erotik

zugewendeten Wege kannte, die Goldammer, bei Likör und Zigarren,

regelmäßig und meist sehr rasch, so daß jede Versäumnis sich strafte, zu

wandeln pflegte.

Der alte Treibel wußte dies selbstverständlich noch viel besser, hielt

aber ein auch seinerseits beschleunigtes Verfahren doch für angezeigt,

und hob deshalb ohne weiteres an: »Und nun sagen Sie, Goldammer, was

gibt es? Wie steht es mit dem Lützowplatz? Wird die Panke zugeschüttet,

oder, was so ziemlich dasselbe sagen will, wird die Friedrichstraße

sittlich gereinigt? Offen gestanden, ich fürchte, daß unsre pikanteste

Verkehrsader nicht allzuviel dabei gewinnen wird; sie wird um ein

geringes moralischer und um ein beträchtliches langweiliger werden. Da

das Ohr meiner Frau bis hierher nicht trägt, so läßt sich dergleichen

allenfalls aufs Tapet bringen; im übrigen soll Ihnen meine gesamte

Fragerei keine Grenzen ziehen. Je freier, je besser. Ich habe lange

genug gelebt, um zu wissen, daß alles, was aus einem Polizeimunde kommt,

immer Stoff ist, immer frische Brise, freilich mitunter auch Scirocco,

ja geradezu Samum. Sagen wir Samum. Also was schwimmt oben auf?«

»Eine neue Soubrette.«

»Kapital. Sehen Sie, Goldammer, jede Kunstrichtung ist gut, weil jede

das Ideal im Auge hat. Und das Ideal ist die Hauptsache, so viel weiß

ich nachgerade von meiner Frau. Aber das Idealste bleibt doch immer eine

Soubrette. Name?«

»Grabillon. Zierliche Figur, etwas großer Mund, Leberfleck.«

»Um Gottes willen, Goldammer, das klingt ja wie ein Steckbrief. Übrigens

Leberfleck ist reizend; großer Mund Geschmackssache. Und Protegé von

wem?«

Goldammer schwieg.

»Ah, ich verstehe. Obersphäre. Je höher hinauf, je näher dem Ideal.

Übrigens da wir mal bei Obersphäre sind, wie steht es denn mit der

Grußgeschichte? Hat er wirklich nicht gegrüßt? Und ist es wahr, daß er,

natürlich der Nichtgrüßer, einen Urlaub hat antreten müssen? Es wäre

eigentlich das beste, weil es so nebenher einer Absage gegen den ganzen

Katholizismus gleichkäme, sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe.«

Goldammer, heimlicher Fortschrittler, aber offener Antikatholik, zuckte

die Achseln und sagte: »So gut steht es leider nicht und kann auch

nicht. Die Macht der Gegenströmung ist zu stark. Der, der den Gruß

verweigerte, wenn Sie wollen der Wilhelm Tell der Situation, hat zu gute

Rückendeckung. Wo? Nun, das bleibt in der Schwebe; gewisse Dinge darf

man nicht bei Namen nennen, und ehe wir nicht der bekannten Hydra den

Kopf zertreten oder, was dasselbe sagen will, dem altenfritzischen

»_Ecrasez l'Infâme_« zum Siege verholfen haben ...«

In diesem Augenblick hörte man nebenan singen, eine bekannte

Komposition, und Treibel, der eben eine neue Zigarre nehmen wollte, warf

sie wieder in das Kistchen zurück und sagte: »Meine Ruh' ist hin ... Und

mit der ihrigen, meine Herren, steht es nicht viel besser. Ich glaube,

wir müssen wieder bei den Damen erscheinen, um an der Ära Adolar Krola

teilzunehmen. Denn =die= beginnt jetzt.«

Damit erhoben sich alle vier und kehrten unter Vortritt Treibels in den

Saal zurück, wo wirklich Krola am Flügel saß und seine drei Hauptstücke,

mit denen er rasch hintereinander aufzuräumen pflegte, vollkommen

virtuos, aber mit einer gewissen, absichtlichen Klapprigkeit, zum besten

gab. Es waren: »Der Erlkönig«, »Herr Heinrich saß am Vogelherd« und »Die

Glocken von Speier«. Diese letztere Nummer, mit dem geheimnisvoll

einfallenden Glockenbimbam, machte jedesmal den größten Eindruck und

bestimmte selbst Treibel zu momentan ruhigem Zuhören. Er sagte dann auch

wohl mit einer gewissen höheren Miene: »Von Löwe, _ex ungue Leonem_; das

heißt von Karl Löwe, Ludwig komponiert nicht.«

Viele von denen, die den Kaffee im Garten oder auf der Veranda genommen

hatten, waren, gleich als Krola begann, ebenfalls in den Saal getreten,

um zuzuhören, andere dagegen, die die drei Balladen schon von zwanzig

Treibelschen Diners her kannten, hatten es doch vorgezogen, im Freien zu

bleiben und ihre Gartenpromenade fortzusetzen, unter ihnen auch Mr.

Nelson, der, als ein richtiger Vollblutengländer, musikalisch auf

schwächsten Füßen stand und rund heraus erklärte, das liebste sei ihm

ein Nigger, mit einer Pauke zwischen den Beinen: »_I can't see, what it

means; music is nonsense._« So ging er denn mit Korinna auf und ab,

Leopold an der anderen Seite, während Marcell mit der jungen Frau

Treibel in einiger Entfernung folgte, beide sich über Nelson und Leopold

halb ärgernd, halb erheiternd, die, wie schon bei Tische, von Korinna

nicht los konnten.

Es war ein prächtiger Abend draußen, von der Schwüle, die drinnen

herrschte, keine Spur, und schräg über den hohen Pappeln, die den

Hintergarten von den Fabrikgebäuden abschnitten, stand die Mondsichel;

der Kakadu saß ernst und verstimmt auf seiner Stange, weil es versäumt

worden war, ihn zu rechter Zeit in seinen Käfig zurückzunehmen, und nur

der Wasserstrahl stieg so lustig in die Höhe wie zuvor.

»Setzen wir uns,« sagte Korinna, »wir promenieren schon, ich weiß nicht

wie lange«, und dabei ließ sie sich ohne weiteres auf den Rand der

Fontäne nieder. »_Take a seat, Mr. Nelson._ Sehen Sie nur den Kakadu,

wie bös er aussieht. Er ist ärgerlich, daß sich keiner um ihn kümmert.«

»_To be sure_, und sieht aus wie Leutnant Sangevogel. _Does'nt he?_«

»Wir nennen ihn für gewöhnlich Vogelsang. Aber ich habe nichts dagegen,

ihn umzutaufen. Helfen wird es freilich nicht viel.«

»_No, no, there's no help for him_; Vogelsang, ah, ein häßlicher Vogel,

kein Singvogel, _no finch, no trussel_.«

»Nein, er ist bloß ein Kakadu, ganz wie Sie sagen.«

Aber kaum, daß dies Wort gesprochen war, so folgte nicht nur ein lautes

Kreischen von der Stange her, wie wenn der Kakadu gegen den Vergleich

protestieren wolle, sondern auch Korinna schrie laut auf, freilich nur

um im selben Augenblicke wieder in ein helles Lachen auszubrechen, in

das gleich danach auch Leopold und Mr. Nelson einstimmten. Ein plötzlich

sich aufmachender Windstoß hatte nämlich dem Wasserstrahl eine Richtung

genau nach der Stelle hin gegeben, wo sie saßen, und bei der Gelegenheit

allesamt, den Vogel auf seiner Stange miteingeschlossen, mit einer Flut

von Spritzwasser überschüttet. Das gab nun ein Klopfen und Abschütteln,

an dem auch der Kakadu teilnahm, freilich ohne seinerseits seine Laune

dabei zu verbessern.

Drinnen hatte Krola mittlerweile sein Programm beendet und stand auf, um

andern Kräften den Platz einzuräumen. Es sei nichts mißlicher, als ein

solches Kunstmonopol; außerdem dürfe man nicht vergessen, der Jugend

gehöre die Welt. Dabei verbeugte er sich huldigend gegen einige junge

Damen, in deren Familien er ebenso verkehrte wie bei den Treibels. Die

Kommerzienrätin ihrerseits aber übertrug diese ganz allgemein gehaltene

Huldigung gegen die Jugend in ein bestimmteres Deutsch und forderte die

beiden Fräulein Felgentreus auf, doch einige der reizenden Sachen zu

singen, die sie neulich, als Ministerialdirektor Stoeckenius in ihrem

Hause gewesen, so schön vorgetragen hätten; Freund Krola werde gewiß die

Güte haben, die Damen am Klavier zu begleiten. Krola, sehr erfreut,

einer gesanglichen Mehrforderung, die sonst die Regel war, entgangen zu

sein, drückte sofort seine Zustimmung aus und setzte sich an seinen eben

erst aufgegebenen Platz, ohne ein Ja oder Nein der beiden Felgentreus

abzuwarten. Aus seinem ganzen Wesen sprach eine Mischung von Wohlwollen

und Ironie. Die Tage seiner eignen Berühmtheit lagen weit zurück, aber

je weiter sie zurücklagen, desto höher waren seine Kunstansprüche

geworden, so daß es ihm, bei dem totalen Unerfülltbleiben derselben,

vollkommen gleichgültig erschien, =was= zum Vortrage kam und =wer= das

Wagnis wagte. Von Genuß konnte keine Rede für ihn sein, nur von

Amüsement, und weil er einen angeborenen Sinn für das Heitere hatte,

durfte man sagen, sein Vergnügen stand jedesmal dann auf der Höhe, wenn

seine Freundin Jenny Treibel, wie sie das liebte, durch Vortrag einiger

Lieder den Schluß der musikalischen Soiree machte. Das war aber noch

weit im Felde, vorläufig waren noch die beiden Felgentreus da, von denen

denn auch die ältere Schwester, oder, wie es zu Krolas jedesmaligem

Gaudium hieß, »die weitaus talentvollere«, mit »Bächlein laß dein

Rauschen sein« ohne weiteres einsetzte. Daran reihte sich: »Ich schnitt

es gern in alle Rinden ein«, was, als allgemeines Lieblingsstück, zu der

Kommerzienrätin großem, wenn auch nicht geäußertem Verdruß, von einigen

indiskreten Stimmen im Garten begleitet wurde. Dann folgte die

Schlußnummer, ein Duett aus »Figaros Hochzeit«. Alles war hingerissen,

und Treibel sagte zu Vogelsang: »er könne sich nicht erinnern, seit den

Tagen der Milanollos, etwas so Liebliches von Schwestern gesehen und

gehört zu haben«, woran er die weitere, allerdings unüberlegte Frage

knüpfte: ob Vogelsang seinerseits sich noch der Milanollos erinnern

könne? »Nein,« sagte dieser barsch und peremtorisch. -- »Nun, dann bitt'

ich um Entschuldigung.«

Eine Pause trat ein, und einige Wagen, darunter auch der Felgentreusche,

waren schon angefahren; trotzdem zögerte man noch mit dem Aufbruch, weil

das Fest immer noch seines Abschlusses entbehrte. Die Kommerzienrätin

nämlich hatte noch nicht gesungen, ja, war unerhörterweise noch nicht

einmal zum Vortrag eines ihrer Lieder aufgefordert worden, -- ein

Zustand der Dinge, der so rasch wie möglich geändert werden mußte. Dies

erkannte niemand klarer, als Adolar Krola, der, den Polizeiassessor

beiseite nehmend, ihm eindringlichst vorstellte, daß durchaus etwas

geschehen und das hinsichtlich Jennys Versäumte sofort nachgeholt werden

müsse. »Wird Jenny =nicht= aufgefordert, so seh' ich die Treibelschen

Diners, oder wenigstens unsere Teilnahme daran, für alle Zukunft in

Frage gestellt, was doch schließlich einen Verlust bedeuten würde ...«

»Dem wir unter allen Umständen vorzubeugen haben, verlassen Sie sich auf

mich.« Und die beiden Felgentreus an der Hand nehmend, schritt

Goldammer, rasch entschlossen, auf die Kommerzienrätin zu, um, wie er

sich ausdrückte, als erwählter Sprecher des Hauses, um ein Lied zu

bitten. Die Kommerzienrätin, der das Abgekartete der ganzen Sache nicht

entgehen konnte, kam in ein Schwanken zwischen Ärger und Wunsch; aber

die Beredtsamkeit des Antragstellers siegte doch schließlich; Krola nahm

wieder seinen Platz ein, und einige Augenblicke später erklang Jennys

dünne, durchaus im Gegensatz zu ihrer sonstigen Fülle stehende Stimme

durch den Saal hin, und man vernahm die in diesem Kreise wohlbekannten

Liedesworte:

Glück, von Deinen tausend Losen,

Eines nur erwähl' ich mir,

Was soll Gold? Ich liebe Rosen

Und der Blumen schlichte Zier.

Und ich höre Waldesrauschen

Und ich seh' ein flatternd Band --

Aug' in Auge Blicke tauschen,

Und ein Kuß auf Deine Hand.

Geben nehmen, nehmen geben,

Und Dein Haar umspielt der Wind,

Ach, nur das, nur das ist Leben,

wo =sich Herz zum Herzen find't=.

Es braucht nicht gesagt zu werden, daß ein rauschender Beifall folgte,

woran sich, von des alten Felgentreu Seite, die Bemerkung schloß, »die

damaligen Lieder (er vermied eine bestimmte Zeitangabe) wären doch

schöner gewesen, namentlich inniger«, eine Bemerkung, die von dem direkt

zur Meinungsäußerung aufgeforderten Krola schmunzelnd bestätigt wurde.

Mr. Nelson seinerseits hatte von der Veranda dem Vortrage zugehört und

sagte jetzt zu Korinna: »_Wonderfully good. Oh, these Germans, they know

everything ... even such an old lady._«

Korinna legte ihm den Finger auf den Mund.

Kurze Zeit danach war alles fort, Haus und Park leer, und man hörte nur

noch, wie drinnen im Speisesaal geschäftige Hände den Ausziehtisch

zusammenschoben und wie draußen im Garten der Strahl des Springbrunnens

plätschernd ins Bassin fiel.

Frau Jenny Treibel: Roman aus der Berliner Gesellschaft · 第 9 / 24 题