Drittes Kapitel

Das Eßzimmer entsprach genau dem vorgelegenen Empfangszimmer und hatte

den Blick auf den großen, parkartigen Hintergarten mit plätscherndem

Springbrunnen, ganz in der Nähe des Hauses; eine kleine Kugel stieg auf

dem Wasserstrahl auf und ab, und auf dem Querholz einer zur Seite

stehenden Stange saß ein Kakadu und sah, mit dem bekannten Auge voll

Tiefsinn, abwechselnd auf den Strahl mit der balancierenden Kugel und

dann wieder in den Eßsaal, dessen oberes Schiebefenster, der Ventilation

halber, etwas herabgelassen war. Der Kronleuchter brannte schon, aber

die niedrig geschraubten Flämmchen waren in der Nachmittagssonne kaum

sichtbar und führten ihr schwaches Vorleben nur deshalb, weil der

Kommerzienrat, um ihn selbst sprechen zu lassen, nicht liebte, »durch

Manipulationen im Laternenansteckerstil in seiner Dinerstimmung gestört

zu werden.« Auch der bei der Gelegenheit hörbar werdende kleine Puff,

den er gern als »moderierten Salutschuß« bezeichnete, konnte seine

Gesamtstellung zu der Frage nicht ändern. Der Speisesaal selbst

war von schöner Einfachheit: gelber Stuck, in dem einige Reliefs

eingelegt waren, reizende Arbeiten von Professor Franz. Seitens der

Kommerzienrätin war, als es sich um diese Ausschmückung handelte,

Reinhold Begas in Vorschlag gebracht, aber von Treibel, als seinen

Etat überschreitend, abgelehnt worden. »Das ist für die Zeit, wo wir

Generalkonsuls sein werden ...« »eine Zeit, die nie kommt,« hatte

Jenny geantwortet. »Doch, doch Jenny; Teupitz-Zossen ist die erste

Staffel dazu.« Er wußte, wie zweifelhaft seine Frau seiner Wahlagitation

und allen sich daran knüpfenden Hoffnungen gegenüberstand, weshalb er

gern durchklingen ließ, daß er von dem Baum seiner Politik auch für die

weibliche Eitelkeit noch goldene Früchte zu heimsen gedenke.

Draußen setzte der Wasserstrahl sein Spiel fort. Drinnen im Saal aber,

in der Mitte der Tafel, die, statt der üblichen Riesenvase mit Flieder

und Goldregen, ein kleines Blumenparkett zeigte, saß der alte Treibel,

neben sich die beiden adligen Damen, ihm gegenüber seine Frau zwischen

Leutnant Vogelsang und dem ehemaligen Opernsänger Adolar Krola. Krola

war seit fünfzehn Jahren Hausfreund, worauf ihm dreierlei einen

gleichmäßigen Anspruch gab: sein gutes Äußeres, seine gute Stimme und

sein gutes Vermögen. Er hatte sich nämlich kurz vor seinem Rücktritt von

der Bühne mit einer Millionärstochter verheiratet. Allgemein zugestanden

war er ein sehr liebenswürdiger Mann, was er vor manchen seiner

ehemaligen Kollegen ebensosehr voraus hatte, wie die mehr als gesicherte

Finanzlage.

Frau Jenny präsentierte sich in vollem Glanz, und ihre Herkunft aus dem

kleinen Laden in der Adlerstraße war in ihrer Erscheinung bis auf den

letzten Rest getilgt. Alles wirkte reich und elegant; aber die Spitzen

auf dem veilchenfarbenen Brokatkleide, so viel mußte gesagt werden,

taten es nicht allein, auch nicht die kleinen Brillantohrringe, die bei

jeder Bewegung hin und her blitzten; nein, was ihr mehr als alles andere

eine gewisse Vornehmheit lieh, war die sichere Ruhe, womit sie zwischen

ihren Gästen thronte. Keine Spur von Aufregung gab sich zu erkennen, zu

der allerdings auch keine Veranlassung vorlag. Sie wußte, was in einem

reichen und auf Repräsentation gestellten Hause brauchbare Dienstleute

bedeuten, und so wurde denn alles, was sich nach dieser Seite hin nur

irgendwie bewährte, durch hohen Lohn und gute Behandlung festgehalten.

Alles ging infolge davon wie am Schnürchen, auch heute wieder, und ein

Blick Jennys regierte das Ganze, wobei das untergeschobene Luftkissen,

das ihr eine dominierende Stellung gab, ihr nicht wenig zu statten kam.

In ihrem Sicherheitsgefühl war sie zugleich die Liebenswürdigkeit

selbst. Ohne Furcht, wirtschaftlich irgend etwas ins Stocken kommen zu

sehen, konnte sie sich selbstverständlich auch den Pflichten einer

gefälligen Unterhaltung widmen, und weil sie's störend empfinden mochte

-- den ersten Begrüßungsmoment abgerechnet --, zu keinem einzigen

intimeren Gesprächsworte mit den adligen Damen gekommen zu sein, so

wandte sie sich jetzt über den Tisch hin an die Bomst und fragte voll

anscheinender oder vielleicht auch voll wirklicher Teilnahme: »Haben

Sie, mein gnädigstes Fräulein, neuerdings etwas von Prinzeß Anisettchen

gehört? Ich habe mich immer für diese junge Prinzessin lebhaft

interessiert, ja, für die ganze Linie des Hauses. Sie soll glücklich

verheiratet sein. Ich höre so gern von glücklichen Ehen, namentlich in

der Obersphäre der Gesellschaft, und ich möchte dabei bemerken dürfen,

es scheint mir eine törichte Annahme, daß auf den Höhen der Menschheit

das Eheglück ausgeschlossen sein solle.«

»Gewiß,« unterbrach hier Treibel übermütig, »ein solcher Verzicht auf

das denkbar Höchste ...«

»Lieber Treibel,« fuhr die Rätin fort, »ich richtete mich an das

Fräulein von Bomst, das, bei jedem schuldigen Respekt vor deiner

sonstigen Allgemeinkenntnis, mir in allem, was »Hof« angeht, doch um ein

Erhebliches kompetenter ist als du.«

»Zweifellos,« sagte Treibel. Und die Bomst, die dies eheliche Intermezzo

mit einem sichtlichen Behagen begleitet hatte, nahm nun ihrerseits das

Wort und erzählte von der Prinzessin, die ganz die Großmutter sei,

denselben Teint und vor allem dieselbe gute Laune habe. Das wisse, so

viel dürfe sie wohl sagen, niemand besser als sie, denn sie habe noch

des Vorzugs genossen, unter den Augen der Hochseligen, die eigentlich

ein Engel gewesen, ihr Leben bei Hofe beginnen zu dürfen, bei welcher

Gelegenheit sie so recht die Wahrheit begriffen habe, daß die

Natürlichkeit nicht nur das Beste, sondern auch das Vornehmste sei.

»Ja,« sagte Treibel, »das Beste und das Vornehmste. Da hörst du's,

Jenny, von einer Seite her, die du, Pardon, mein gnädigstes Fräulein,

eben selbst als »kompetentste Seite« bezeichnet hast.«

Auch die Ziegenhals mischte sich jetzt mit ein, und das

Gesprächsinteresse der Kommerzienrätin, die, wie jede geborene

Berlinerin, für Hof und Prinzessinnen schwärmte, schien sich mehr und

mehr ihren beiden _vis-à-vis_ zuwenden zu wollen, als plötzlich ein

leises Augenzwinkern Treibels ihr zu verstehen gab, daß auch noch

andere Personen zu Tische säßen, und daß des Landes der Brauch sei,

sich, was Gespräch angehe, mehr mit seinem Nachbar zur Linken und

Rechten, als mit seinem Gegenüber zu beschäftigen. Die Kommerzienrätin

erschrak denn auch nicht wenig, als sie wahrnahm, wie sehr Treibel mit

seinem stillen, wenn auch halb scherzhaften Vorwurf im Rechte sei. Sie

hatte Versäumtes nachholen wollen und war dadurch in eine neue,

schwerere Versäumnis hineingeraten. Ihr linker Nachbar, Krola -- nun,

das mochte gehen, der war Hausfreund und harmlos und nachsichtig von

Natur. Aber Vogelsang! Es kam ihr mit einem Male zum Bewußtsein, daß

sie während des Prinzessinnengesprächs von der rechten Seite her immer

etwas wie einen sich einbohrenden Blick empfunden hatte. Ja, das war

Vogelsang gewesen, Vogelsang, dieser furchtbare Mensch, dieser Mephisto

mit Hahnenfeder und Hinkefuß, wenn auch beides nicht recht zu sehen war.

Er war ihr widerwärtig, und doch mußte sie mit ihm sprechen; es war die

höchste Zeit.

»Ich habe, Herr Leutnant, von Ihren beabsichtigten Reisen in unsere

liebe Mark Brandenburg gehört; Sie wollen bis an die Gestade der

wendischen Spree vordringen, ja, noch darüber hinaus. Eine höchst

interessante Gegend, wie mir Treibel sagt, mit allerlei Wendengöttern,

die sich, bis diesen Tag, in dem finsteren Geiste der Bevölkerung

aussprechen sollen.«

»Nicht, daß ich wüßte, meine Gnädigste.«

»So zum Beispiel in dem Städtchen Storkow, dessen Burgemeister, wenn ich

recht unterrichtet bin, der Burgemeister Tschech war, jener politische

Rechtsfanatiker, der auf König Friedrich Wilhelm IV. schoß, ohne

Rücksicht auf die nebenstehende Königin. Es ist eine lange Zeit, aber

ich entsinne mich der Einzelheiten, als ob es gestern gewesen wäre, und

entsinne mich auch noch des eigentümlichen Liedes, das damals auf diesen

Vorfall gedichtet wurde.«

»Ja,« sagte Vogelsang, »ein erbärmlicher Gassenhauer, darin ganz der

frivole Geist spukte, der die Lyrik jener Tage beherrschte. Was sich

anders in dieser Lyrik gibt, ganz besonders auch in dem in Rede

stehenden Gedicht, ist nur Schein, Lug und Trug. >Er erschoß uns auf ein

Haar unser teures Königspaar.< Da haben Sie die ganze Perfidie. Das

sollte loyal klingen, unter Umständen vielleicht auch den Rückzug

decken, ist aber schnöder und schändlicher als alles, was jene verlogene

Zeit sonst noch hervorgebracht hat, den großen Hauptsünder auf diesem

Gebiete nicht ausgenommen. Ich meine natürlich Herwegh, Georg Herwegh.«

»Ach, da treffen Sie mich, Herr Leutnant, wenn auch ungewollt, an einer

sehr empfindlichen Stelle. Herwegh war nämlich in der Mitte der

vierziger Jahre, wo ich eingesegnet wurde, mein Lieblingsdichter. Es

entzückte mich, weil ich immer sehr protestantisch fühlte, wenn er seine

»Flüche gegen Rom« herbeischleppte, worin Sie mir vielleicht beistimmen

werden. Und ein anderes Gedicht, worin er uns aufforderte, die Kreuze

aus der Erde zu reißen, las ich beinah mit gleichem Vergnügen. Ich muß

freilich einräumen, daß es keine Lektüre für eine Konfirmandin war. Aber

meine Mutter sagte: >Lies es nur, Jenny; der König hat es auch gelesen,

und Herwegh war sogar bei ihm in Charlottenburg, und die besseren

Klassen lesen es alle.< Meine Mutter, wofür ich ihr noch im Grabe danke,

war immer für die besseren Klassen. Und das sollte jede Mutter, denn es

ist bestimmend für unseren Lebensweg. Das Niedere kann dann nicht heran

und bleibt hinter uns zurück.«

Vogelsang zog die Augenbrauen zusammen, und jeder, den die Vorstellung

von seiner Mephistophelesschaft bis dahin nur gestreift hatte, hätte bei

diesem Mienenspiel unwillkürlich nach dem Hinkefuß suchen müssen. Die

Kommerzienrätin aber fuhr fort: »Im übrigen wird mir das Zugeständnis

nicht schwer, daß die patriotischen Grundsätze, die der große Dichter

predigte, vielleicht sehr anfechtbar waren. Wiewohl auch =das= nicht

immer das Richtige ist, was auf der großen Straße liegt ...«

Vogelsang, der stolz darauf war, durchaus eine Nebenstraße zu wandeln,

nickte jetzt zustimmend.

»... Aber lassen wir die Politik, Herr Leutnant. Ich gebe Ihnen Herwegh

als politischen Dichter preis, da das Politische nur ein Tropfen fremden

Blutes in seinen Adern war. Indessen groß ist er, wo er nur Dichter ist.

Erinnern Sie sich? >Ich möchte hingehn wie das Abendrot, und wie der Tag

mit seinen letzten Gluten ...<«

»... >Mich in den Schoß des Ewigen verbluten< ... Ja, das kenn ich,

meine Gnädigste, das hab ich damals auch nachgebetet. Aber wer sich,

als es galt, durchaus nicht verbluten wollte, das war der Herr Dichter

selbst. Und so wird es immer sein. Das kommt von den hohlen, leeren

Worten und der Reimsucherei. Glauben Sie mir, Frau Rätin, das sind

überwundene Standpunkte. Der Prosa gehört die Welt.«

»Jeder nach seinem Geschmack, Herr Leutnant Vogelsang,« sagte die durch

diese Worte verletzte Jenny. »Wenn Sie Prosa vorziehen, so kann ich Sie

daran nicht hindern. Aber mir gilt die poetische Welt, und vor allem

gelten mir auch die Formen, in denen das Poetische herkömmlich seinen

Ausdruck findet. Ihm allein verlohnt es sich zu leben. Alles ist

nichtig; am nichtigsten aber ist das, wonach alle Welt so begehrlich

drängt: äußerlicher Besitz, Vermögen, Gold. >Gold ist nur Chimäre<, da

haben Sie den Ausspruch eines großen Mannes und Künstlers, der, seinen

Glücksgütern nach, ich spreche von Meyerbeer, wohl in der Lage war,

zwischen dem Ewigen und Vergänglichen unterscheiden zu können. Ich für

meine Person verbleibe dem Ideal und werde nie darauf verzichten. Am

reinsten aber hab' ich das Ideal im Liede, vor allem in dem Liede, das

gesungen wird. Denn die Musik hebt es noch in eine höhere Sphäre. Habe

ich recht, lieber Krola?«

Krola lächelte gutmütig verlegen vor sich hin, denn als Tenor und

Millionär saß er zwischen zwei Stühlen. Endlich aber nahm er seiner

Freundin Hand und sagte: »Jenny, wann hätten Sie je =nicht= recht

gehabt?«

Der Kommerzienrat hatte sich mittlerweile ganz der Majorin von

Ziegenhals zugewandt, deren »Hoftage« noch etwas weiter zurücklagen, als

die der Bomst. Ihm, Treibel, war dies natürlich gleichgültig; denn so

sehr ihm ein gewisser Glanz paßte, den das Erscheinen der Hofdamen,

trotz ihrer Außerdienststellung, seiner Gesellschaft immer noch lieh, so

stand er doch auch wieder völlig darüber, ein Standpunkt, den ihm die

beiden Damen selbst eher zum Guten als zum Schlechten anrechneten.

Namentlich die den Freuden der Tafel überaus zugeneigte Ziegenhals nahm

ihrem kommerzienrätlichen Freunde nichts übel, am wenigsten aber verdroß

es sie, wenn er, außer Adels- und Geburtsfragen, allerlei

Sittlichkeitsprobleme streifte, zu deren Lösung er sich, als geborener

Berliner, besonders berufen fühlte. Die Majorin gab ihm dann einen Tipp

mit dem Finger und flüsterte ihm etwas zu, das vierzig Jahre früher

bedenklich gewesen wäre; =jetzt= aber -- beide renommierten beständig

mit ihrem Alter -- nur Heiterkeit weckte. Meist waren es harmlose

Sentenzen aus Büchmann oder andere geflügelte Worte, denen erst der Ton,

aber dieser oft sehr entschieden, den erotischen Charakter aufdrückte.

»Sagen Sie, _cher_ Treibel,« hob die Ziegenhals an, »wie kommen Sie zu

dem Gespenst da drüben; er scheint noch ein Vorachtundvierziger; das war

damals die Epoche des sonderbaren Leutnants, aber dieser übertreibt es.

Karikatur durch und durch. Entsinnen Sie sich noch eines Bildes aus

jener Zeit, das den Don Quixote mit einer langen Lanze darstellte, dicke

Bücher rings um sich her. Das ist er, wie er leibt und lebt.«

Treibel fuhr mit dem linken Zeigefinger am Innenrand seiner Krawatte hin

und her und sagte: »Ja, wie ich zu ihm komme, meine Gnädigste. Nun,

jedenfalls mehr der Not gehorchend als dem eigenen Triebe. Seine

gesellschaftlichen Meriten sind wohl eigentlich gering und seine

menschlichen werden dasselbe Niveau haben. Aber er ist ein Politiker.«

»Das ist unmöglich. Er kann doch nur als Warnungsschatten vor den

Prinzipien stehen, die das Unglück haben, von ihm vertreten zu werden.

Überhaupt, Kommerzienrat, warum verirren Sie sich in die Politik?

Was ist die Folge? Sie verderben sich Ihren guten Charakter, Ihre

guten Sitten und Ihre gute Gesellschaft. Ich höre, daß Sie für

Teupitz-Zossen kandidieren wollen. Nun meinetwegen. Aber wozu? Lassen

Sie doch die Dinge gehen. Sie haben eine charmante Frau, gefühlvoll und

hochpoetisch, und haben eine Villa wie diese, darin wir eben ein _Ragout

fin_ einnehmen, das seinesgleichen sucht, und haben draußen im Garten

einen Springbrunnen und einen Kakadu, um den ich Sie beneiden könnte,

denn meiner, ein grüner, verliert gerade die Federn und sieht aus,

wie die schlechte Zeit. Was wollen Sie mit Politik? Was wollen Sie

mit Teupitz-Zossen? Ja mehr, um Ihnen einen Vollbeweis meiner

Vorurteilslosigkeit zu geben, was wollen Sie mit Konservatismus? Sie

sind ein Industrieller und wohnen in der Köpnickerstraße. Lassen Sie

doch diese Gegend ruhig bei Singer oder Ludwig Löwe, oder wer sonst

hier gerade das Prä hat. Jeder Lebensstellung entsprechen auch bestimmte

politische Grundsätze. Rittergutsbesitzer sind agrarisch, Professoren

sind nationale Mittelpartei und Industrielle sind fortschrittlich. Seien

Sie doch Fortschrittler. Was wollen Sie mit dem Kronenorden? Ich, wenn

ich an Ihrer Stelle wäre, lancierte mich ins Städtische hinein und ränge

nach der Bürgerkrone.«

Treibel, sonst unruhig, wenn einer lange sprach -- was er nur sich

selbst ausgiebig gestattete --, war diesmal doch aufmerksam gefolgt und

winkte zunächst einen Diener heran, um der Majorin ein zweites Glas

Chablis zu präsentieren. Sie nahm auch, er mit, und nun stieß er mit ihr

an und sagte: »Auf gute Freundschaft und noch zehn Jahre so wie heut'!

Aber das mit dem Fortschrittlertum und der Bürgerkrone -- was ist da zu

sagen, meine Gnädigste! Sie wissen, unsereins rechnet und rechnet und

kommt aus der _Regula-de-tri_ gar nicht mehr heraus, aus dem alten

Ansatze: »wenn das und das soviel bringt, wieviel bringt das und das.«

Und sehen Sie, Freundin und Gönnerin, nach demselben Ansatz hab' ich mir

auch den Fortschritt und den Konservatismus berechnet und bin dahinter

gekommen, daß mir der Konservatismus, ich will nicht sagen mehr abwirft,

das wäre freilich falsch, aber besser zu mir paßt, mir besser kleidet.

Besonders seitdem ich Kommerzienrat bin, ein Titel von fragmentischem

Charakter, der doch natürlich seiner Vervollständigung entgegensieht.«

»Ah, ich verstehe.«

»Nun sehen Sie, _l'appétit vient en mangeant_, und wer A sagt, will auch

B sagen. Außerdem aber, ich erkenne die Lebensaufgabe des Weisen vor

allen Dingen in Herstellung des sogenannten Harmonischen, und dies

Harmonische, wie die Dinge nun mal liegen, oder vielleicht kann ich auch

sagen, wie die Zeichen nun mal sprechen, schließt in meinem Spezialfalle

die fortschrittliche Bürgerkrone so gut wie aus.«

»Sagen Sie das im Ernste?«

»Ja, meine Gnädigste. Fabriken im allgemeinen neigen der Bürgerkrone zu,

Fabriken im besonderen aber -- und dahin gehört ausgesprochenermaßen die

meine -- konstatieren den Ausnahmefall. Ihr Blick fordert Beweise. Nun

denn, ich will es versuchen. Ich frage Sie, können Sie sich einen

Handelsgärtner denken, der, sagen wir auf der Lichtenberger oder

Rummelsburger Gemarkung, Kornblumen im Großen zieht, Kornblumen, dies

Symbol königlich preußischer Gesinnung und der zugleich Petroleur und

Dynamitarde ist? Sie schütteln den Kopf und bestätigen dadurch mein

>nein<. Und nun frage ich Sie weiter, was sind alle Kornblumen der Welt

gegen eine Berliner Blaufabrik? Im Berliner Blau haben Sie das

symbolisch Preußische sozusagen in höchster Potenz, und je sicherer und

unanfechtbarer das ist, desto unerläßlicher ist auch mein Verbleiben auf

dem Boden des Konservatismus. Der Ausbau des Kommerzienrätlichen

bedeutet in meinem Spezialfalle das natürlich Gegebene ... jedenfalls

mehr als die Bürgerkrone.«

Die Ziegenhals schien überwunden und lachte, während Krola, der mit

halbem Ohr zugehört hatte, beistimmend nickte.

* * * * *

So ging das Gespräch in der Mitte der Tafel, aber noch heiterer verlief

es am untern Ende derselben, wo sich die junge Frau Treibel und Korinna

gegenübersaßen, die junge Frau zwischen Marcell Wedderkopp und dem

Referendar Enghaus, Korinna zwischen Mr. Nelson und Leopold Treibel, dem

jüngeren Sohne des Hauses. An der Schmalseite des Tisches, mit dem

Rücken gegen das breite Gartenfenster, war das Gesellschaftsfräulein,

Fräulein Honig, placiert worden, deren herbe Züge sich wie ein Protest

gegen ihren Namen ausnahmen. Je mehr sie zu lächeln suchte, je

sichtbarer wurde der sie verzehrende Neid, der sich nach rechts hin

gegen die hübsche Hamburgerin, nach links hin, in fast noch

ausgesprochenerer Weise, gegen Korinna richtete, diese halbe Kollegin,

die sich trotzdem mit einer Sicherheit benahm, als ob sie die Majorin

von Ziegenhals oder doch mindestens das Fräulein von Bomst gewesen wäre.

Die junge Frau Treibel sah sehr gut aus, blond, klar, ruhig. Beide

Nachbarn machten ihr den Hof, Marcell freilich nur mit erkünsteltem

Eifer, weil er eigentlich Korinna beobachtete, die sich aus dem einen

oder andern Grunde die Eroberung des jungen Engländers vorgesetzt zu

haben schien. Bei diesem Vorgehen voll Koketterie sprach sie übrigens so

lebhaft, so laut, als ob ihr daran läge, daß jedes Wort auch von ihrer

Umgebung und ganz besonders von ihrem Vetter Marcell gehört werde.

»Sie führen einen so schönen Namen,« wandte sie sich an Mr. Nelson, »so

schön und berühmt, daß ich wohl fragen möchte, ob Ihnen nie das

Verlangen gekommen ist ...?«

»_O yes, yes_ ...«

»... Sich der Fernambuk- und Campecheholzbranche, darin Sie, soviel ich

weiß, auch tätig sind, für immer zu entschlagen? Ich fühle deutlich, daß

ich, wenn ich Nelson hieße, keine ruhige Stunde mehr haben würde, bis

ich meine _Battle at the Nile_ ebenfalls geschlagen hätte. Sie kennen

natürlich die Einzelheiten der Schlacht ...«

»_O, to be sure._«

»Nun, da wär' ich denn endlich -- denn hierlandes weiß niemand etwas

Rechtes davon -- an der richtigen Quelle. Sagen Sie, Mr. Nelson, wie war

das eigentlich mit der Idee, der Anordnung zur Schlacht? Ich habe die

Beschreibung vor einiger Zeit im Walter Scott gelesen und war seitdem

immer im Zweifel darüber, was eigentlich den Ausschlag gegeben habe, ob

mehr eine geniale Disposition oder ein heroischer Mut ...«

»_I should rather think, a heroical courage ... British oaks and british

hearts ..._«

»Ich freue mich, diese Frage durch Sie beglichen zu sehen und in einer

Weise, die meinen Sympathien entspricht. Denn ich bin für das Heroische,

weil es so selten ist. Aber ich möchte doch auch annehmen, daß das

geniale Kommando ...«

»_Certainly, Miss Corinna. No doubt ... >England expects that every man

will do his duty< ..._«

»Ja, das waren herrliche Worte, von denen ich übrigens bis heute

geglaubt hatte, daß sie bei Trafalgar gesprochen seien. Aber warum nicht

auch bei Abukir? Etwas Gutes kann immer zweimal gesagt werden. Und dann

... eigentlich ist eine Schlacht wie die andere, besonders Seeschlachten

-- ein Knall, eine Feuersäule, und alles geht in die Luft. Es muß

übrigens großartig sein und entzückend für alle die, die zusehen können;

ein wundervoller Anblick.«

»_O splendid ..._«

»Ja, Leopold,« fuhr Korinna fort, indem sie sich plötzlich an ihren

andern Tischnachbar wandte, »da sitzen Sie nun und lächeln. Und warum

lächeln Sie? Weil Sie hinter diesem Lächeln Ihre Verlegenheit verbergen

wollen. Sie haben eben nicht jene »_heroical courage_«, zu der sich

_dear_ Mr. Nelson so bedingungslos bekannt hat. Ganz im Gegenteil. Sie

haben sich aus Ihres Vaters Fabrik, die noch in gewissem Sinne, wenn

auch freilich nur geschäftlich, die Blut- und Eisentheorie vertritt --

ja, es klang mir vorhin fast, als ob Ihr Papa der Frau Majorin von

Ziegenhals etwas von diesen Dingen erzählt hätte -- Sie haben sich, sag

ich, aus dem Blutlaugenhof, in dem Sie verbleiben mußten, in den Holzhof

Ihres Bruders Otto zurückgezogen. Das war nicht gut, auch wenn es

Fernambukholz ist. Da sehen Sie meinen Vetter Marcell drüben, der

schwört jeden Tag, wenn er mit seinen Hanteln umherficht, daß es auf das

Reck und das Turnen ankomme, was ihm ein für allemal die Heldenschaft

bedeutet, und daß Vater Jahn doch schließlich noch über Nelson geht.«

Marcell drohte halb ernst-, halb scherzhaft mit dem Finger zu Korinna

hinüber und sagte: »Kusine, vergiß nicht, daß der Repräsentant einer

andern Nation dir zur Seite sitzt, und daß du die Pflicht hast,

einigermaßen für deutsche Weiblichkeit einzutreten.«

»_O, no, no_,« sagte Nelson: »Nichts Weiblichkeit; _always quick and

clever_ ..., das is was wir lieben an deutsche Frauen. Nichts

Weiblichkeit. Fräulein Korinna _is quite in the right way_.«

»Da hast du's, Marcell. Mr. Nelson, für den du so sorglich eintrittst,

damit er nicht falsche Bilder mit in sein meerumgürtetes Albion

hinübernimmt, Mr. Nelson läßt dich im Stich, und Frau Treibel, denk'

ich, läßt dich auch im Stich und Herr Enghaus auch und mein Freund

Leopold auch. Und so bin ich gutes Muts, und bleibt nur noch Fräulein

Honig ...«

Diese verneigte sich und sagte: »Ich bin gewohnt, mit der Majorität zu

gehen«, und ihre Verbittertheit lag in diesem Tone der Zustimmung.

»Ich will mir meines Vetters Mahnung aber doch gesagt sein lassen«, fuhr

Korinna fort. »Ich bin etwas übermütig, Mr. Nelson, und außerdem aus

einer plaudernden Familie ...«

»_Just what I like_, Miß Korinna. >Plauderhafte Leute, gute Leute<, so

sagen wir in England.«

»Und das sag' ich auch, Mr. Nelson. Können Sie sich einen immer

plaudernden Verbrecher denken?«

»_Oh, no; certainly not ..._«

»Und zum Zeichen, daß ich, trotz ewigen Schwatzens, doch eine weibliche

Natur und eine richtige Deutsche bin, soll Mr. Nelson von mir hören, daß

ich auch noch nebenher kochen, nähen und plätten kann, und daß ich im

Letteverein die Kunststopferei gelernt habe. Ja, Mr. Nelson, so steht es

mit mir. Ich bin ganz deutsch und ganz weiblich, und bleibt eigentlich

nur noch die Frage: kennen Sie den Letteverein und kennen Sie die

Kunststopferei?«

»_No_, Fräulein Korinna, _neither the one nor the other_.«

»Nun sehen Sie, _dear_ Mr. Nelson, der Letteverein ist ein Verein oder

ein Institut oder eine Schule für weibliche Handarbeit. Ich glaube sogar

nach englischem Muster, was noch ein besonderer Vorzug wäre.«

»_Not at all; German schools are always to be preferred._«

»Wer weiß, ich möchte das nicht so schroff hinstellen. Aber lassen wir

das, um uns mit dem weit Wichtigeren zu beschäftigen, mit der

Kunststopfereifrage. Das ist wirklich was. Bitte, wollen Sie zunächst

das Wort nachsprechen ...«

Mr. Nelson lächelte gutmütig vor sich hin.

»Nun, ich sehe, daß es Ihnen Schwierigkeiten macht. Aber diese

Schwierigkeiten sind nichts gegen die der Kunststopferei selbst. Sehen

Sie, hier ist mein Freund Leopold Treibel und trägt, wie Sie sehen,

einen untadeligen Rock mit einer doppelten Knopfreihe, und auch wirklich

zugeknöpft, ganz wie es sich für einen Gentleman und einen Berliner

Kommerzienratssohn geziemt. Und ich taxiere den Rock auf wenigstens

hundert Mark.«

»Überschätzung.«

»Wer weiß. Du vergißt, Marcell, daß es verschiedene Skalen auch auf

diesem Gebiete gibt, eine für Oberlehrer und eine für Kommerzienräte.

Doch lassen wir die Preisfrage. Jedenfalls ein feiner Rock, _prima_. Und

nun, wenn wir aufstehen, Mr. Nelson, und die Zigarren herumgereicht

werden -- ich denke, Sie rauchen doch -- werde ich Sie um Ihre Zigarre

bitten und meinem Freunde Leopold Treibel ein Loch in den Rock brennen,

hier gerade, wo sein Herz sitzt, und dann werd' ich den Rock in einer

Droschke mit nach Hause nehmen, und morgen um dieselbe Zeit wollen wir

uns hier im Garten wieder versammeln und um das Bassin herum Stühle

stellen, wie bei einer Aufführung. Und der Kakadu kann auch dabei sein.

Und dann werd' ich auftreten wie eine Künstlerin, die ich in der Tat

auch bin, und werde den Rock herumgehen lassen, und wenn Sie, _dear_ Mr.

Nelson, dann noch imstande sind, die Stelle zu finden, wo das Loch war,

so will ich Ihnen einen Kuß geben und Ihnen als Sklavin nach Liverpool

hin folgen. Aber es wird nicht dazu kommen. Soll ich sagen leider? Ich

habe zwei Medaillen als Kunststopferin gewonnen, und Sie werden die

Stelle sicherlich =nicht= finden ...«

»Oh, ich werde finden, _no doubt, I will find it_«, entgegnete Mr.

Nelson leuchtenden Auges, und weil er seiner immer wachsenden

Bewunderung, passend oder nicht, einen Ausdruck geben wollte, schloß er

mit einem in kurzen Ausrufungen gehaltenen Hymnus auf die Berlinerinnen

und der sich daran anschließenden und mehrfach wiederholten

Versicherung, daß sie _decidedly clever_ seien.

Leopold und der Referendar vereinigten sich mit ihm in diesem Lob, und

selbst Fräulein Honig lächelte, weil sie sich als Landsmännin

mitgeschmeichelt fühlen mochte. Nur im Auge der jungen Frau Treibel

sprach sich eine leise Verstimmung darüber aus, eine Berlinerin und

kleine Professorstochter in dieser Weise gefeiert zu sehen. Auch Vetter

Marcell, so sehr er zustimmte, war nicht recht zufrieden, weil er davon

ausging, daß seine Kusine ein solches Hasten und Sich-in-Szenesetzen

nicht nötig habe; sie war ihm zu schade für die Rolle, die sie spielte.

Korinna ihrerseits sah auch ganz deutlich, was in ihm vorging, und würde

sich ein Vergnügen daraus gemacht haben ihn zu necken, wenn nicht in

eben diesem Momente -- das Eis wurde schon herumgereicht -- der

Kommerzienrat an das Glas geklopft und sich, um einen Toast

auszubringen, von seinem Platz erhoben hätte: »Meine Herren und Damen,

_Ladies and Gentlemen_ ...«

»Ah, =das= gilt Ihnen«, flüsterte Korinna Mr. Nelson zu.

»... Ich bin«, fuhr Treibel fort, »an dem Hammelrücken vorübergegangen

und habe diese verhältnismäßig späte Stunde für einen meinerseits

auszubringenden Toast herankommen lassen -- eine Neuerung, die mich in

diesem Augenblicke freilich vor die Frage stellt, ob der Schmelzezustand

eines rot- und weißen Panaschee nicht noch etwas Vermeidenswerteres ist,

als der Hammelrücken im Zustande der Erstarrung ...«

»_Oh, wonderfully good ..._«

»... Wie dem aber auch sein möge, jedenfalls gibt es zurzeit nur =ein=

Mittel, ein vielleicht schon angerichtetes Übel auf ein Mindestmaß

herabzudrücken: Kürze. Genehmigen Sie denn, meine Herrschaften, in Ihrer

Gesamtheit meinen Dank für Ihr Erscheinen, und gestatten Sie mir des

ferneren und im besonderen Hinblick auf zwei liebe Gäste, die hier zu

sehen ich heute zum ersten Male die Ehre habe, meinen Toast in die

britischerseits nahezu geheiligte Formel kleiden zu dürfen: >_on our

army and navy_<, auf Heer und Flotte also, die wir das Glück haben, hier

an dieser Tafel, =einer=seits (er verbeugte sich gegen Vogelsang) durch

Beruf und Lebensstellung, =anderer=seits (Verbeugung gegen Nelson) durch

einen weltberühmten Heldennamen vertreten zu sehen. Noch einmal also:

>_our army and navy!_< Es lebe Leutnant Vogelsang, es lebe Mr. Nelson.«

Der Toast fand allseitige Zustimmung, und der in eine nervöse Unruhe

geratene Mr. Nelson wollte sofort das Wort nehmen, um zu danken. Aber

Korinna hielt ihn ab, Vogelsang sei der ältere und würde vielleicht den

Dank für ihn mitaussprechen.

»_Oh, no, no_, Fräulein Korinna, _not he ... not such an ugly old fellow

... please, look at him_«, und der zapplige Heldennamensvetter machte

wiederholte Versuche, sich von seinem Platze zu erheben und zu sprechen.

Aber Vogelsang kam ihm wirklich zuvor, und nachdem er den Bart mit der

Serviette geputzt und in nervöser Unruhe seinen Waffenrock erst auf- und

dann wieder zugeknöpft hatte, begann er mit einer an Komik streifenden

Würde: »Meine Herren. Unser liebenswürdiger Wirt hat die Armee leben

lassen und mit der Armee meinen Namen verknüpft. Ja, meine Herren, ich

=bin= Soldat ...«

»_Oh, for shame!_« brummte der über das wiederholte »meine Herren« und

das gleichzeitige Unterschlagen aller anwesenden Damen aufrichtig

empörte Mr. Nelson, »_oh, for shame_«, und ein Kichern ließ sich

allerseits hören, das auch anhielt, bis des Redners immer finsterer

werdendes Augenrollen eine wahre Kirchenstille wiederhergestellt hatte.

Dann erst fuhr dieser fort: »Ja, meine Herren, ich =bin= Soldat ... Aber

mehr als das, ich bin auch Streiter im Dienst einer Idee. Zwei große

Mächte sind es, denen ich diene: Volkstum und Königtum. Alles andere

stört, schädigt, verwirrt. Englands Aristokratie, die mir, von meinem

Prinzip ganz abgesehen, auch persönlich widerstreitet, veranschaulicht

eine solche Schädigung, eine solche Verwirrung; ich verabscheue

Zwischenstufen und überhaupt die feudale Pyramide. Das sind

Mittelalterlichkeiten. Ich erkenne mein Ideal in einem Plateau, mit

einem einzigen, aber alles überragenden _Pic_.«

Die Ziegenhals wechselte hier Blicke mit Treibel.

»... Alles sei von Volkesgnaden, bis zu der Stelle hinauf, wo die

Gottesgnadenschaft beginnt. Dabei streng geschiedene Machtbefugnisse.

Das Gewöhnliche, das Massenhafte, werde bestimmt durch die Masse, das

Ungewöhnliche, das Große, werde bestimmt durch das Große. Das ist Thron

und Krone. Meiner politischen Erkenntnis nach ruht alles Heil, alle

Besserungsmöglichkeit in der Aufrichtung einer Royaldemokratie, zu der

sich, soviel ich weiß, auch unser Kommerzienrat bekennt. Und in diesem

Gefühle, darin wir uns eins wissen, erhebe ich das Glas und bitte Sie,

mit mir auf das Wohl unseres hochverehrten Wirtes zu trinken, zugleich

unseres Gonfaloniere, der uns die Fahne trägt. Unser Kommerzienrat

Treibel, er lebe hoch.«

Alles erhob sich, um mit Vogelsang anzustoßen und ihn als Erfinder der

Royaldemokratie zu beglückwünschen. Einige konnten als aufrichtig

entzückt gelten, besonders das Wort »Gonfaloniere« schien gewirkt zu

haben, andere lachten still in sich hinein, und nur drei waren direkt

unzufrieden: Treibel, weil er sich von den Vogelsangschen Prinzipien

praktisch nicht viel versprach, die Kommerzienrätin, weil ihr das Ganze

nicht fein genug vorkam, und drittens Mr. Nelson, weil er sich aus dem

gegen die englische Aristokratie gerichteten Satze Vogelsangs einen

neuen Haß gegen eben diesen gesogen hatte. »_Stuff and nonsense. What

does he know of our aristocracy? To be sure, he does'nt belong to it --

that's all._«

»Ich weiß doch nicht«, lachte Korinna. »Hat er nicht was von einem _Peer

of the Realm_?«

Nelson vergaß über dieser Vorstellung beinahe all seinen Groll und bot

Korinna, während er eine Knackmandel von einem der Tafelaufsätze nahm,

eben ein Vielliebchen an, als die Kommerzienrätin den Stuhl schob und

dadurch das Zeichen zur Aufhebung der Tafel gab. Die Flügeltüren

öffneten sich, und in derselben Reihenfolge, wie man zu Tisch gegangen

war, schritt man wieder auf den mittlerweile gelüfteten Frontsaal zu, wo

die Herren, Treibel an der Spitze, den älteren und auch einigen jüngeren

Damen respektvoll die Hand küßten.

Nur Mr. Nelson verzichtete darauf, weil er die Kommerzienrätin »_a

little pompous_« und die beiden Hofdamen »_a little ridiculous_« fand,

und begnügte sich, an Korinna herantretend, mit einem kräftigen

»_shaking hands_«.

Frau Jenny Treibel: Roman aus der Berliner Gesellschaft · 第 8 / 24 题