Die Treibelsche Villa lag auf einem großen Grundstücke, das, in
bedeutender Tiefe, von der Köpenickerstraße bis an die Spree reichte.
Früher hatten hier in unmittelbarer Nähe des Flusses nur Fabrikgebäude
gestanden, in denen alljährlich ungezählte Zentner von Blutlaugensalz
und später, als sich die Fabrik erweiterte, kaum geringere Quantitäten
von Berliner Blau hergestellt worden waren. Als aber nach dem siebziger
Kriege die Milliarden ins Land kamen und die Gründeranschauungen selbst
die nüchternsten Köpfe zu beherrschen anfingen, fand auch Kommerzienrat
Treibel sein bis dahin in der Alten Jakobstraße gelegenes Wohnhaus,
trotzdem es von Gontard, ja nach einigen sogar von Knobelsdorff
herrühren sollte, nicht mehr zeit- und standesgemäß, und baute sich auf
seinem Fabrikgrundstück eine modische Villa mit kleinem Vorder- und
parkartigem Hintergarten. Diese Villa war ein Hochparterrebau mit
aufgesetztem ersten Stock, welcher letztere jedoch, um seiner niedrigen
Fenster willen, eher den Eindruck eines Mezzanin als einer Beletage
machte. Hier wohnte Treibel seit sechzehn Jahren und begriff nicht, daß
er es, einem noch dazu bloß gemutmaßten friderizianischen Baumeister
zuliebe, so lange Zeit hindurch in der unvornehmen und aller frischen
Luft entbehrenden Alten Jakobstraße ausgehalten habe; Gefühle, die von
seiner Frau Jenny mindestens geteilt wurden. Die Nähe der Fabrik, wenn
der Wind ungünstig stand, hatte freilich auch allerlei Mißliches im
Geleite; Nordwind aber, der den Qualm herantrieb, war notorisch selten,
und man brauchte ja die Gesellschaften nicht gerade bei Nordwind zu
geben. Außerdem ließ Treibel die Fabrikschornsteine mit jedem Jahre
höher hinaufführen und beseitigte damit den anfänglichen Übelstand immer
mehr.
* * * * *
Das Diner war zu sechs Uhr festgesetzt; aber bereits eine Stunde vorher
sah man Hustersche Wagen mit runden und viereckigen Körben vor dem
Gittereingange halten. Die Kommerzienrätin, schon in voller Toilette,
beobachtete von dem Fenster ihres Boudoirs aus all diese Vorbereitungen
und nahm auch heute wieder, und zwar nicht ohne eine gewisse
Berechtigung, Anstoß daran. »Daß Treibel es auch versäumen mußte, für
einen Nebeneingang Sorge zu tragen. Wenn er damals nur ein vier Fuß
breites Terrain von dem Nachbargrundstück zukaufte, so hätten wir einen
Eingang für derart Leute gehabt. Jetzt marschiert jeder Küchenjunge
durch den Vorgarten, gerade auf unser Haus zu, wie wenn er mitgeladen
wäre. Das sieht lächerlich aus und auch anspruchsvoll, als ob die ganze
Köpenickerstraße wissen solle: Treibels geben heut ein Diner. Außerdem
ist es unklug, dem Neid der Menschen und dem sozialdemokratischen Gefühl
so ganz nutzlos neue Nahrung zu geben.«
Sie sagte sich das ganz ernsthaft, gehörte jedoch zu den Glücklichen,
die sich nur weniges andauernd zu Herzen nehmen, und so kehrte sie denn
vom Fenster zu ihrem Toilettentisch zurück, um noch einiges zu ordnen
und den Spiegel zu befragen, ob sie sich neben ihrer Hamburger
Schwiegertochter auch werde behaupten können. Helene war freilich nur
halb so alt, ja kaum das; aber die Kommerzienrätin wußte recht gut, daß
Jahre nichts bedeuten und daß Konversation und Augenausdruck und
namentlich die »Welt der Formen«, im einen und im andern Sinne, ja im
»andern« Sinne noch mehr, den Ausschlag zu geben pflegen. Und hierin war
die schon stark an der Grenze des Embonpoint angelangte Kommerzienrätin
ihrer Schwiegertochter unbedingt überlegen.
In dem mit dem Boudoir korrespondierenden, an der andern Seite des
Frontsaales gelegenen Zimmer saß Kommerzienrat Treibel und las das
»Berliner Tageblatt«. Es war gerade eine Nummer, der der »Ulk« beilag.
Er weidete sich an dem Schlußbild und las dann einige von Nunnes
philosophischen Betrachtungen. »Ausgezeichnet ... Sehr gut ... Aber ich
werde das Blatt doch beiseite schieben oder mindestens das »Deutsche
Tageblatt« darüber legen müssen. Ich glaube, Vogelsang gibt mich sonst
auf. Und ich kann ihn, wie die Dinge mal liegen, nicht mehr entbehren,
so wenig, daß ich ihn zu heute habe einladen müssen. Überhaupt eine
sonderbare Gesellschaft! Erst dieser Mr. Nelson, den sich Helene, weil
ihre Mädchen mal wieder am Plättbrett stehen, gefälligst abgewälzt hat,
und zu diesem Nelson dieser Vogelsang, dieser Leutnant a. D. und _agent
provocateur_ in Wahlsachen. Er versteht sein Metier, so sagt man mir
allgemein, und ich muß es glauben. Jedenfalls scheint mir das sicher:
hat er mich erst in Teupitz-Zossen und an den Ufern der wendischen
Spree durchgebracht, so bringt er mich auch =hier= durch. Und das ist
die Hauptsache. Denn schließlich läuft doch alles darauf hinaus, daß ich
in Berlin selbst, wenn die Zeit dazu gekommen ist, den Singer oder
irgendeinen andern von der Kulör beiseite schiebe. Nach der
Beredtsamkeitsprobe neulich bei Buggenhagen ist ein Sieg sehr wohl
möglich, und so muß ich ihn mir warm halten. Er hat einen Sprechanismus,
um den ich ihn beneiden könnte, trotzdem ich doch auch nicht in einem
Trappistenkloster geboren und groß gezogen bin. Aber neben Vogelsang?
Null. Und kann auch nicht anders sein; denn bei Lichte besehen, hat der
ganze Kerl nur drei Lieder auf seinem Kasten und dreht eins nach dem
andern von der Walze herunter, und wenn er damit fertig ist, fängt er
wieder an. So steht es mit ihm, und darin steckt seine Macht, _gutta
cavat lapidem_; der alte Wilibald Schmidt würde sich freuen, wenn er
mich so zitieren hörte, vorausgesetzt, daß es richtig ist. Oder
vielleicht auch umgekehrt; wenn drei Fehler drin sind, amüsiert er sich
noch mehr; Gelehrte sind nun mal so ... Vogelsang, das muß ich ihm
lassen, hat freilich noch eines, was wichtiger ist als das ewige
Wiederholen, er hat den Glauben an sich und ist überhaupt ein richtiger
Fanatiker. Ob es wohl mit allem Fanatismus ebenso steht? Mir sehr
wahrscheinlich. Ein leidlich gescheites Individuum kann eigentlich gar
nicht fanatisch sein. Wer an einen Weg und eine Sache glaubt, ist
allemal ein Poveretto, und ist seine Glaubenssache zugleich er selbst,
so ist er gemeingefährlich und eigentlich reif für Dalldorf. Und von
solcher Beschaffenheit ist just der Mann, dem zu Ehren ich, wenn ich von
Mr. Nelson absehe, heute mein Diner gebe und mir zwei adlige Fräuleins
eingeladen habe, blaues Blut, das hier in der Köpenickerstraße so gut
wie gar nicht vorkommt und deshalb aus Berlin W. von mir verschrieben
werden mußte, ja zur Hälfte sogar aus Charlottenburg. O Vogelsang!
Eigentlich ist mir der Kerl ein Greuel. Aber was tut man nicht alles als
Bürger und Patriot!«
Und dabei sah Treibel auf das zwischen den Knopflöchern ausgespannte
Kettchen mit drei Orden _en miniature_, unter denen ein rumänischer der
vollgültigste war, und seufzte, während er zugleich auch lachte.
»Rumänien, früher Moldau und Wallachei. Es ist mir wirklich zu wenig.«
* * * * *
Das erste Kupee, das vorfuhr, war das seines ältesten Sohnes Otto, der
sich selbständig etabliert und ganz am Ausgange der Köpenickerstraße,
zwischen dem zur Pionierkaserne gehörigen Pontonhaus und dem
Schlesischen Tor, einen Holzhof errichtet hatte, freilich von der
höheren Observanz, denn es waren Farbehölzer, Fernambuk- und
Campecheholz, mit denen er handelte. Seit etwa acht Jahren war er auch
verheiratet. Im selben Augenblicke, wo der Wagen hielt, zeigte er sich
seiner jungen Frau beim Aussteigen behilflich, bot ihr verbindlich den
Arm und schritt, nach Passierung des Vorgartens, auf die Freitreppe zu,
die zunächst zu einem verandaartigen Vorbau der väterlichen Villa
hinaufführte. Der alte Kommerzienrat stand schon in der Glastür und
empfing die Kinder mit der ihm eigenen Jovialität. Gleich darauf
erschien auch die Kommerzienrätin aus dem seitwärts angrenzenden und nur
durch eine Portiere von dem großen Empfangssaal geschiedenen Zimmer und
reichte der Schwiegertochter die Backe, während ihr Sohn Otto ihr die
Hand küßte. »Gut, daß du kommst, Helene,« sagte sie mit einer
glücklichen Mischung von Behaglichkeit und Ironie, worin sie, wenn sie
wollte, Meisterin war. »Ich fürchtete schon, du würdest dich auch
vielleicht behindert sehen.«
»Ach, Mama, verzeih ... Es war nicht bloß des Plättags halber; unsere
Köchin hat zum ersten Juni gekündigt, und wenn sie kein Interesse mehr
haben, so sind sie so unzuverlässig; und auf Elisabeth ist nun schon gar
kein Verlaß mehr. Sie ist ungeschickt bis zur Unschicklichkeit und hält
die Schüsseln immer so dicht über den Schultern, besonders der Herren,
als ob sie sich ausruhen wollte ...«
Die Kommerzienrätin lächelte halb versöhnt, denn sie hörte gern
dergleichen.
»... Und aufschieben,« fuhr Helene fort, »verbot sich auch. Mr. Nelson,
wie du weißt, reist schon morgen abend wieder. Übrigens ein charmanter
junger Mann, der euch gefallen wird. Etwas kurz und einsilbig,
vielleicht weil er nicht recht weiß, ob er sich deutsch oder englisch
ausdrücken soll; aber was er sagt, ist immer gut und hat ganz die
Gesetztheit und Wohlerzogenheit, die die meisten Engländer haben. Und
dabei immer wie aus dem Ei gepellt. Ich habe nie solche Manschetten
gesehen, und es bedrückt mich geradezu, wenn ich dann sehe, womit sich
mein armer Otto behelfen muß, bloß weil man die richtigen Kräfte beim
besten Willen nicht haben kann. Und so sauber wie die Manschetten, so
sauber ist alles an ihm, ich meine an Mr. Nelson, auch sein Kopf und
sein Haar. Wahrscheinlich, daß er es mit _Honey-water_ bürstet, oder
vielleicht ist es auch bloß mit Hilfe von _Shampooing_.«
Der so rühmlich Gekennzeichnete war der nächste, der am Gartengitter
erschien und schon im Herankommen die Kommerzienrätin einigermaßen
in Erstaunen setzte. Diese hatte, nach der Schilderung ihrer
Schwiegertochter, einen Ausbund von Eleganz erwartet; statt dessen
kam ein Menschenkind daher, an dem, mit Ausnahme der von der jungen
Frau Treibel gerühmten Manschettenspezialität, eigentlich alles die
Kritik herausforderte. Den ungebürsteten Zylinder im Nacken und
reisemäßig in einem gelb- und braunquadrierten Anzuge steckend, stieg
er, von links nach rechts sich wiegend, die Freitreppe herauf und
grüßte mit der bekannten heimatlichen Mischung von Selbstbewußtsein
und Verlegenheit. Otto ging ihm entgegen, um ihn seinen Eltern
vorzustellen.
»Mr. Nelson _from Liverpool_, -- derselbe, lieber Papa, mit dem ich ...«
»Ah, Mr. Nelson. Sehr erfreut. Mein Sohn spricht noch oft von seinen
glücklichen Tagen in Liverpool und von dem Ausfluge, den er damals mit
Ihnen nach Dublin und, wenn ich nicht irre, auch nach Glasgow machte.
Das geht jetzt ins neunte Jahr; Sie müssen damals noch sehr jung gewesen
sein.«
»O nicht sehr jung, Mr. Treibel, ... _about sixteen_ ...«
»Nun, ich dächte doch, sechzehn ...«
»O, sechzehn, nicht sehr jung, ... nicht für uns.«
Diese Versicherungen klangen um so komischer, als Mr. Nelson, auch jetzt
noch, wie ein Junge wirkte. Zu weiteren Betrachtungen darüber war aber
keine Zeit, weil eben jetzt eine Droschke zweiter Klasse vorfuhr, der
ein langer, hagerer Mann in Uniform entstieg. Er schien
Auseinandersetzungen mit dem Kutscher zu haben, während deren er
übrigens eine beneidenswert sichere Haltung beobachtete, und nun rückte
er sich zurecht und warf die Gittertür ins Schloß. Er war in Helm und
Degen; aber ehe man noch der »Schilderhäuser« auf seiner Achselklappe
gewahr werden konnte, stand es für jeden mit militärischem Blick nur
einigermaßen Ausgerüsteten fest, daß er seit wenigstens dreißig Jahren
außer Dienst sein müsse. Denn die Grandezza, mit der er daher kam, war
mehr die Steifheit eines alten, irgendeiner ganz seltenen Sekte
zugehörigen Torf- oder Salzinspektors, als die gute Haltung eines
Offiziers. Alles gab sich mehr oder weniger automatenhaft, und der in
zwei gewirbelten Spitzen auslaufende schwarze Schnurrbart wirkte nicht
nur gefärbt, was er natürlich war, sondern zugleich auch wie angeklebt.
Desgleichen der Henriquatre. Dabei lag sein Untergesicht im Schatten
zweier vorspringender Backenknochen. Mit der Ruhe, die sein ganzes Wesen
auszeichnete, stieg er jetzt die Freitreppe hinauf und schritt auf die
Kommerzienrätin zu. »Sie haben befohlen, meine Gnädigste ...«
»Hocherfreut, Herr Leutnant ...« Inzwischen war auch der alte Treibel
herangetreten und sagte: »Lieber Vogelsang, erlauben Sie mir, daß ich
Sie mit den Herrschaften bekannt mache; meinen Sohn Otto kennen Sie,
aber nicht seine Frau, meine liebe Schwiegertochter, -- Hamburgerin, wie
Sie leicht erkennen werden ... Und hier,« und dabei schritt er auf Mr.
Nelson zu, der sich mit dem inzwischen ebenfalls erschienenen Leopold
Treibel gemütlich und ohne jede Rücksicht auf den Rest der Gesellschaft
unterhielt, »und hier ein junger lieber Freund unseres Hauses, Mr.
Nelson _from Liverpool_.«
Vogelsang zuckte bei dem Wort »Nelson« zusammen und schien einen
Augenblick zu glauben -- denn er konnte die Furcht des Gefopptwerdens
nie ganz los werden, -- daß man sich einen Witz mit ihm erlaube. Die
ruhigen Mienen aller aber belehrten ihn bald eines Besseren, weshalb er
sich artig verbeugte und zu dem jungen Engländer sagte: »Nelson. Ein
großer Name. Sehr erfreut, Mr. Nelson.«
Dieser lachte dem alt und aufgesteift vor ihm stehenden Leutnant
ziemlich ungeniert ins Gesicht, denn solche komische Person war ihm noch
gar nicht vorgekommen. Daß er in seiner Art ebenso komisch wirkte,
dieser Grad der Erkenntnis lag ihm fern. Vogelsang biß sich auf die
Lippen und befestigte sich, unter dem Eindruck dieser Begegnung, in der
lang gehegten Vorstellung von der Impertinenz englischer Nation. Im
übrigen war jetzt der Zeitpunkt da, wo das Eintreffen immer neuer
Ankömmlinge von jeder andern Betrachtung abzog und die Sonderbarkeiten
eines Engländers rasch vergessen ließ.
Einige der befreundeten Fabrikbesitzer aus der Köpenickerstraße lösten
in ihren Chaisen mit niedergeschlagenem Verdeck die, wie es schien, noch
immer sich besinnende Vogelsangsche Droschke rasch und beinah gewaltsam
ab; dann kam Korinna samt ihrem Vetter Marcell Wedderkopp (beide zu Fuß)
und schließlich fuhr Johann, der Kommerzienrat Treibelsche Kutscher,
vor, und dem mit blauem Atlas ausgeschlagenen Landauer -- derselbe,
darin gestern die Kommerzienrätin ihren Besuch bei Korinna gemacht hatte
-- entstiegen zwei alte Damen, die von Johann mit ganz besonderem und
beinahe überraschlichem Respekt behandelt wurden. Er erklärte sich dies
aber einfach daraus, daß Treibel, gleich bei Beginn dieser ihm wichtigen
und jetzt etwa um dritthalb Jahre zurückliegenden Bekanntschaft, zu
seinem Kutscher gesagt hatte: »Johann, ein für allemal, diesen Damen
gegenüber immer Hut in der Hand. Das andere, du verstehst mich, ist
=meine= Sache.« Dadurch waren die guten Manieren Johanns außer Frage
gestellt. Beiden alten Damen ging Treibel jetzt bis in die Mitte des
Vorgartens entgegen, und nach lebhaften Bekomplimentierungen, an denen
auch die Kommerzienrätin teilnahm, stieg man wieder die Gartentreppe
hinauf und trat, von der Veranda her, in den großen Empfangssalon ein,
der bis dahin, weil das schöne Wetter zum Verweilen im Freien einlud,
nur von wenigen betreten worden war. Fast alle kannten sich von früheren
Treibelschen Diners her; nur Vogelsang und Nelson waren Fremde, was den
partiellen Vorstellungsakt erneuerte. »Darf ich Sie,« wandte sich
Treibel an die zuletzt erschienenen alten Damen, »mit zwei Herren
bekannt machen, die mir heute zum ersten Male die Ehre ihres Besuches
geben: Leutnant Vogelsang, Präsident unseres Wahlkomitees, und Mr.
Nelson _from Liverpool_.« Man verneigte sich gegenseitig. Dann nahm
Treibel Vogelsangs Arm und flüsterte diesem, ihn einigermaßen zu
orientieren, zu: »Zwei Damen vom Hofe, die korpulente: Frau Majorin von
Ziegenhals, die =nicht=korpulente (worin Sie mir zustimmen werden):
Fräulein Edwine von Bomst.«
»Merkwürdig«, sagte Vogelsang. »Ich würde, die Wahrheit zu gestehen ...«
»Eine Vertauschung der Namen für angezeigt gehalten haben. Da treffen
Sie's, Vogelsang. Und es freut mich, daß Sie ein Auge für solche Dinge
haben. Da bezeugt sich das alte Leutnantsblut. Ja, diese Ziegenhals;
einen Meter Brustweite wird sie wohl haben, und es lassen sich allerhand
Betrachtungen darüber anstellen, werden auch wohl seinerzeit angestellt
worden sein. Im übrigen, es sind das so die scherzhaften Widerspiele,
die das Leben erheitern. Klopstock war Dichter, und ein anderer, den ich
noch persönlich gekannt habe, hieß Griepenkerl ... Es trifft sich, daß
uns beide Damen ersprießliche Dienste leisten können.«
»Wie das? Wieso?«
»Die Ziegenhals ist eine rechte Kusine von dem Zossener Landesältesten,
und ein Bruder der Bomst hat sich mit einer Pastorstochter aus der
Storkower Gegend ehelich vermählt. Halbe Mesallianze, die wir ignorieren
müssen, weil wir Vorteil daraus ziehen. Man muß, wie Bismarck, immer
ein Dutzend Eisen im Feuer haben ... Ah, Gott sei Dank. Johann hat
den Rock gewechselt und gibt das Zeichen. Allerhöchste Zeit ... Eine
Viertelstunde warten, geht: aber zehn Minuten darüber ist zu viel ...
Ohne mich ängstlich zu belauschen ich höre, wie der Hirsch nach Wasser
schreit. Bitte, Vogelsang, führen Sie meine Frau ... Liebe Korinna,
bemächtigen Sie sich Nelsons ... _Victory and Westminster-Abbey_ das
Entern ist diesmal an Ihnen. Und nun, meine Damen ... darf ich um Ihren
Arm bitten, Frau Majorin? ... und um den Ihren, mein gnädigstes
Fräulein?«
Und die Ziegenhals am rechten, die Bomst am linken Arm, ging er auf die
Flügeltür zu, die sich, während dieser seiner letzten Worte, mit einer
gewissen langsamen Feierlichkeit geöffnet hatte.