Erstes Kapitel

An einem der letzten Maitage, das Wetter war schon sommerlich, bog

ein zurückgeschlagener Landauer vom Spittelmarkt her in die Kur- und

dann in die Adlerstraße ein und hielt gleich danach vor einem, trotz

seiner Front von nur fünf Fenstern, ziemlich ansehnlichen, im übrigen

aber altmodischen Hause, dem ein neuer, gelbbrauner Ölfarbenanstrich

wohl etwas mehr Sauberkeit, aber keine Spur von gesteigerter Schönheit

gegeben hatte, beinahe das Gegenteil. Im Fond des Wagens saßen

zwei Damen mit einem Bologneserhündchen, das sich der hell- und

warmscheinenden Sonne zu freuen schien. Die links sitzende Dame von

etwa dreißig, augenscheinlich eine Erzieherin oder Gesellschafterin,

öffnete, von ihrem Platz aus, zunächst den Wagenschlag, und war dann

der anderen, mit Geschmack und Sorglichkeit gekleideten und trotz ihrer

hohen fünfzig noch sehr gut aussehenden Dame beim Aussteigen behilflich.

Gleich danach aber nahm die Gesellschafterin ihren Platz wieder ein,

während die ältere Dame auf eine Vortreppe zuschritt und nach Passierung

derselben in den Hausflur eintrat. Von diesem aus stieg sie, so schnell

ihre Korpulenz es zuließ, eine Holzstiege mit abgelaufenen Stufen

hinauf, unten von sehr wenig Licht, weiter oben aber von einer schweren

Luft umgeben, die man füglich als eine Doppelluft bezeichnen konnte.

Gerade der Stelle gegenüber, wo die Treppe mündete, befand sich eine

Entreetür mit Guckloch, und neben diesem ein grünes, knittriges

Blechschild, darauf »Professor Wilibald Schmidt« ziemlich undeutlich

zu lesen war. Die ein wenig asthmatische Dame fühlte zunächst das

Bedürfnis, sich auszuruhen, und musterte bei der Gelegenheit den ihr

übrigens von langer Zeit her bekannten Vorflur, der vier gelbgestrichene

Wände mit etlichen Haken und Riegeln und dazwischen einen hölzernen

Halbmond zum Bürsten und Ausklopfen der Röcke zeigte. Dazu wehte, der

ganzen Atmosphäre auch hier den Charakter gebend, von einem nach hinten

zu führenden Korridor her ein sonderbarer Küchengeruch heran, der, wenn

nicht alles täuschte, nur auf Rührkartoffeln und Karbonade gedeutet

werden konnte, beides mit Seifenwrasen untermischt. »Also kleine

Wäsche«, sagte die von dem allen wieder ganz eigentümlich berührte

stattliche Dame still vor sich hin, während sie zugleich weit

zurückliegender Tage gedachte, wo sie selbst hier, in eben dieser

Adlerstraße, gewohnt und in dem gerade gegenüber gelegenen

Materialwarenladen ihres Vaters mit im Geschäft geholfen und auf einem

über zwei Kaffeesäcke gelegten Brett kleine und große Düten geklebt

hatte, was ihr jedesmal mit »zwei Pfennig fürs Hundert« gut getan worden

war. »Eigentlich viel zuviel, Jenny,« pflegte dann der Alte zu sagen,

»aber du sollst mit Geld umgehen lernen.« Ach, waren das Zeiten gewesen!

Mittags, Schlag zwölf, wenn man zu Tisch ging, saß sie zwischen dem

Kommis Herrn Mielke und dem Lehrling Louis, die beide, so verschieden

sie sonst waren, dieselbe hochstehende Kammtolle und dieselben

erfrorenen Hände hatten. Und Louis schielte bewundernd nach ihr hinüber,

aber wurde jedesmal verlegen, wenn er sich auf seinen Blicken ertappt

sah. Denn er war zu niedrigen Standes, aus einem Obstkeller in der

Spreegasse. Ja, das alles stand jetzt wieder vor ihrer Seele, während

sie sich auf dem Flur umsah und endlich die Klingel neben der Tür zog.

Der überall verbogene Draht raschelte denn auch, aber kein Anschlag ließ

sich hören, und so faßte sie schließlich den Klingelgriff noch einmal

und zog stärker. Jetzt klang auch ein Bimmelton von der Küche her bis

auf den Flur herüber, und ein paar Augenblicke später ließ sich

erkennen, daß eine hinter dem Guckloch befindliche kleine Holzklappe

beiseite geschoben wurde. Sehr wahrscheinlich war es des Professors

Wirtschafterin, die jetzt, von ihrem Beobachtungsposten aus, nach Freund

oder Feind aussah, und als diese Beobachtung ergeben hatte, daß es »gut

Freund« sei, wurde der Türriegel ziemlich geräuschvoll zurückgeschoben,

und eine ramassierte Frau von ausgangs vierzig, mit einem ansehnlichen

Haubenbau auf ihrem vom Herdfeuer geröteten Gesicht, stand vor ihr.

»Ach, Frau Treibel ... Frau Kommerzienrätin ... Welche Ehre ...«

»Guten Tag, liebe Frau Schmolke. Was macht der Professor? Und was macht

Fräulein Korinna? Ist das Fräulein zu Hause?«

»Ja, Frau Kommerzienrätin. Eben wieder nach Hause gekommen aus der

Philharmonie. Wie wird sie sich freuen.«

Und dabei trat Frau Schmolke zur Seite, um den Weg nach dem

einfenstrigen, zwischen den zwei Vorderstuben gelegenen und mit einem

schmalen Leinwandläufer belegten Entree frei zu geben. Aber ehe die

Kommerzienrätin noch eintreten konnte, kam ihr Fräulein Korinna schon

entgegen und führte die »mütterliche Freundin«, wie sich die Rätin gern

selber nannte, nach rechts hin, in das eine Vorderzimmer.

Dies war ein hübscher, hoher Raum, die Jalousien herabgelassen, die

Fenster nach innen auf, vor deren einem eine Blumenestrade mit Goldlack

und Hyazinthen stand. Auf dem Sofatische präsentierte sich gleichzeitig

eine Glasschale mit Apfelsinen, und die Porträts der Eltern des

Professors, des Rechnungsrats Schmidt aus der Heroldskammer und seiner

Frau, geborene Schwerin, sahen auf die Glasschale hernieder -- der alte

Rechnungsrat in Frack und rotem Adlerorden, die geborene Schwerin mit

starken Backenknochen und Stubsnase, was, trotz einer ausgesprochenen

Bürgerlichkeit, immer noch mehr auf die pommersch-uckermärkischen Träger

des berühmten Namens, als auf die spätere, oder, wenn man will, auch

=viel= frühere posensche Linie hindeutete.

»Liebe Korinna, wie nett du dies alles zu machen verstehst und wie

hübsch es doch bei euch ist, so kühl und so frisch -- und die schönen

Hyazinthen. Mit den Apfelsinen verträgt es sich freilich nicht recht,

aber das tut nichts, es sieht so gut aus ... Und nun legst du mir in

deiner Sorglichkeit auch noch das Sofakissen zurecht! Aber verzeih,

ich sitze nicht gern auf dem Sofa; das ist immer so weich, und man

sinkt dabei so tief ein. Ich setze mich lieber hier in den Lehnstuhl

und sehe zu den alten lieben Gesichtern da hinauf. Ach, war das ein

Mann; gerade wie dein Vater. Aber der alte Rechnungsrat war beinah noch

verbindlicher, und einige sagten auch immer, er sei so gut wie von der

Kolonie. Was auch stimmte. Denn seine Großmutter, wie du freilich besser

weißt als ich, war ja eine Charpentier, Stralauer Straße.«

Unter diesen Worten hatte die Kommerzienrätin in einem hohen Lehnstuhl

Platz genommen und sah mit dem Lorgnon nach den »lieben Gesichtern«

hinauf, deren sie sich eben so huldvoll erinnert hatte, während Korinna

fragte, ob sie nicht etwas Mosel und Selterwasser bringen dürfe, es sei

so heiß.

»Nein, Korinna, ich komme eben vom Lunch, und Selterwasser steigt mir

immer so zu Kopf. Sonderbar, ich kann Sherry vertragen und auch Port,

wenn er lange gelagert hat, aber Mosel und Selterwasser, das benimmt

mich ... Ja, sieh Kind, dies Zimmer hier, das kenne ich nun schon

vierzig Jahre und darüber, noch aus Zeiten her, wo ich ein halbwachsen

Ding war, mit kastanienbraunen Locken, die meine Mutter, so viel sie

sonst zu tun hatte, doch immer mit rührender Sorgfalt wickelte. Denn

damals, meine liebe Korinna, war das Rotblonde noch nicht so Mode wie

jetzt, aber kastanienbraun galt schon, besonders wenn es Locken waren,

und die Leute sahen mich auch immer darauf an. Und dein Vater auch. Er

war damals ein Student und dichtete. Du wirst es kaum glauben, wie

reizend und wie rührend das alles war, denn die Kinder wollen es immer

nicht wahr haben, daß die Eltern auch einmal jung waren und gut aussahen

und ihre Talente hatten. Und ein paar Gedichte waren an mich gerichtet,

die hab ich mir aufgehoben bis diesen Tag, und wenn mir schwer ums Herz

ist, dann nehme ich das kleine Buch, das ursprünglich einen blauen

Deckel hatte (jetzt aber hab ich es in grünen Maroquin binden lassen)

und setze mich ans Fenster und sehe auf unsern Garten und weine mich

still aus, ganz still, daß es niemand sieht, am wenigsten Treibel oder

die Kinder. Ach Jugend! Meine liebe Korinna, du weißt gar nicht, welch

ein Schatz die Jugend ist, und wie die reinen Gefühle, die noch kein

rauher Hauch getrübt hat, doch unser Bestes sind und bleiben.«

»Ja,« lachte Korinna, »die Jugend ist gut. Aber >Kommerzienrätin< ist

auch gut und eigentlich noch besser. Ich bin für einen Landauer und

einen Garten um die Villa herum. Und wenn Ostern ist und Gäste kommen,

natürlich recht viele, so werden Ostereier in dem Garten versteckt, und

jedes Ei ist eine Atrappe voll Konfitüren von Hövell oder Kranzler, oder

auch ein kleines Necessaire ist drin. Und wenn dann all die Gäste die

Eier gefunden haben, dann nimmt jeder Herr seine Dame, und man geht zu

Tisch. Ich bin durchaus für Jugend, aber für Jugend mit Wohlleben und

hübschen Gesellschaften.«

»Das höre ich gern, Korinna, wenigstens gerade jetzt; denn ich bin hier,

um dich einzuladen, und zwar auf morgen schon; es hat sich so rasch

gemacht. Ein junger Mr. Nelson ist nämlich bei Otto Treibels angekommen

(das heißt aber, er wohnt nicht bei ihnen), ein Sohn von Nelson u. Co.

aus Liverpool, mit denen mein Sohn Otto seine Hauptgeschäftsverbindung

hat. Und Helene kennt ihn auch. Das ist so hamburgisch, die kennen alle

Engländer, und wenn sie sie nicht kennen, so tun sie wenigstens so. Mir

unbegreiflich. Also Mr. Nelson, der übermorgen schon wieder abreist, um

den handelt es sich; ein lieber Geschäftsfreund, den Ottos durchaus

einladen mußten. Das verbot sich aber leider, weil Helene mal wieder

Plättag hat, was nach ihrer Meinung allem anderen vorgeht, sogar im

Geschäft. Da haben wir's denn übernommen, offen gestanden nicht allzu

gern, aber doch auch nicht geradezu ungern. Otto war nämlich, während

seiner englischen Reise, wochenlang in dem Nelsonschen Hause zu Gast. Du

siehst daraus, wie's steht und wie sehr mir an deinem Kommen liegen muß;

du sprichst englisch und hast alles gelesen und hast vorigen Winter auch

Mr. Booth als Hamlet gesehen. Ich weiß noch recht gut, wie du davon

schwärmtest. Und englische Politik und Geschichte wirst du natürlich

auch wissen, dafür bist du ja deines Vaters Tochter.«

»Nicht viel weiß ich davon, nur ein bißchen. Ein bißchen lernt man ja.«

»Ja, jetzt, liebe Korinna. Du hast es gut gehabt, und alle haben es

jetzt gut. Aber zu meiner Zeit, da war es anders, und wenn mir nicht der

Himmel, dem ich dafür danke, das Herz für das Poetische gegeben hätte,

was, wenn es mal in einem lebt, nicht wieder auszurotten ist, so hätte

ich nichts gelernt und wüßte nichts. Aber, Gott sei Dank, ich habe mich

an Gedichten herangebildet, und wenn man viele davon auswendig weiß, so

weiß man doch manches. Und daß es so ist, sieh, das verdanke ich nächst

Gott, der es in meine Seele pflanzte, deinem Vater. Der hat das Blümlein

groß gezogen, das sonst drüben in dem Ladengeschäft unter all den

prosaischen Menschen -- und du glaubst gar nicht, wie prosaische

Menschen es gibt -- verkümmert wäre ... Wie geht es denn mit deinem

Vater? Es muß ein Vierteljahr sein oder länger, daß ich ihn nicht

gesehen habe, den vierzehnten Februar, an Ottos Geburtstag. Aber er ging

so früh, weil so viel gesungen wurde.«

»Ja, das liebt er nicht. Wenigstens dann nicht, wenn er damit überrascht

wird. Es ist eine Schwäche von ihm, und manche nennen es eine Unart.«

»O, nicht doch, Korinna, das darfst du nicht sagen. Dein Vater ist bloß

ein origineller Mann. Ich bin unglücklich, daß man seiner so selten

habhaft werden kann. Ich hätt ihn auch zu morgen gerne mit eingeladen,

aber ich bezweifle, daß Mr. Nelson ihn interessiert, und von den anderen

ist nun schon gar nicht zu sprechen; unser Freund Krola wird morgen wohl

wieder singen und Assessor Goldammer seine Polizeigeschichten erzählen

und sein Kunststück mit dem Hut und den zwei Talern machen.«

»O, da freu ich mich. Aber freilich, Papa tut sich nicht gerne Zwang an,

und seine Bequemlichkeit und seine Pfeife sind ihm lieber als ein junger

Engländer, der vielleicht dreimal um die Welt gefahren ist. Papa ist

gut, aber einseitig und eigensinnig.«

»Das kann ich nicht zugeben, Korinna. Dein Papa ist ein Juwel, das weiß

ich am besten.«

»Er unterschätzt alles Äußerliche, Besitz und Geld, und überhaupt alles,

was schmückt und schön macht.«

»Nein, Korinna, sage das nicht. Er sieht das Leben von der richtigen

Seite an; er weiß, daß Geld eine Last ist und daß das Glück ganz wo

anders liegt.« Sie schwieg bei diesen Worten und seufzte nur leise. Dann

aber fuhr sie fort: »Ach, meine liebe Korinna, glaube mir, kleine

Verhältnisse, das ist =das=, was allein glücklich macht.«

Korinna lächelte. »Das sagen alle die, die drüber stehen und die kleinen

Verhältnisse nicht kennen.«

»Ich kenne sie, Korinna.«

»Ja, von früher her. Aber das liegt nun zurück und ist vergessen oder

wohl gar verklärt. Eigentlich liegt es doch so: alles möchte reich sein,

und ich verdenke es keinem. Papa freilich, der schwört noch auf die

Geschichte von dem Kamel und dem Nadelöhr. Aber die junge Welt ...«

»... Ist leider anders. Nur zu wahr. Aber so gewiß das ist, so ist es

doch nicht so schlimm damit, wie du dirs denkst. Es wäre auch zu

traurig, wenn der Sinn für das Ideale verloren ginge, vor allem in der

Jugend. Und in der Jugend lebt er auch noch. Da ist zum Beispiel dein

Vetter Marcell, den du beiläufig morgen auch treffen wirst (er hat schon

zugesagt), und an dem ich wirklich nichts weiter zu tadeln wüßte, als

daß er Wedderkopp heißt. Wie kann ein so feiner Mann einen so

störrischen Namen führen! Aber wie dem auch sein möge, wenn ich ihn bei

Ottos treffe, so spreche ich immer so gern mit ihm. Und warum? Bloß weil

er die Richtung hat, die man haben soll. Selbst unser guter Krola sagte

mir erst neulich, Marcell sei eine von Grund aus ethische Natur, was er

noch höher stelle als das Moralische; worin ich ihm, nach einigen

Aufklärungen von seiner Seite, beistimmen mußte. Nein, Korinna, gib

den Sinn, der sich nach oben richtet, nicht auf, jenen Sinn, der von

dorther allein das Heil erwartet. Ich habe nur meine beiden Söhne,

Geschäftsleute, die den Weg ihres Vaters gehen, und ich muß es geschehen

lassen; aber wenn mich Gott durch eine Tochter gesegnet hätte, =die=

wäre =mein= gewesen, auch im Geist, und wenn sich ihr Herz einem armen,

aber edlen Manne, sagen wir einem Manne wie Marcell Wedderkopp,

zugeneigt hätte ...«

»... So wäre das ein Paar geworden,« lachte Korinna. »Der arme Marcell!

Da hätt er nun sein Glück machen können und muß gerade die Tochter

fehlen.«

Die Kommerzienrätin nickte.

»Überhaupt ist es schade, daß es so selten klappt und paßt«, fuhr

Korinna fort. »Aber Gott sei Dank, gnädigste Frau haben ja noch den

Leopold, jung und unverheiratet, und da Sie solche Macht über ihn haben

-- so wenigstens sagt er selbst, und sein Bruder Otto sagt es auch, und

alle Welt sagt es -- so könnt er Ihnen, da der ideale Schwiegersohn nun

mal eine Unmöglichkeit ist, wenigstens eine ideale Schwiegertochter ins

Haus führen, eine reizende junge Person, vielleicht eine Schauspielerin

...«

»Ich bin nicht für Schauspielerinnen ...«

»Oder eine Malerin, oder eine Pastors- oder eine Professorentochter ...«

Die Kommerzienrätin stutzte bei diesem letzten Worte und streifte

Korinna stark, wenn auch flüchtig. Indessen wahrnehmend, daß diese

heiter und unbefangen blieb, schwand ihre Furchtanwandlung ebenso

schnell, wie sie gekommen war. »Ja, Leopold,« sagte sie, »den hab ich

noch. Aber Leopold ist ein Kind. Und seine Verheiratung steht jedenfalls

noch in weiter Ferne. Wenn er aber käme ...« Und die Kommerzienrätin

schien sich allen Ernstes -- vielleicht weil es sich um etwas noch »in

so weiter Ferne« Liegendes handelte -- der Vision einer idealen

Schwiegertochter hingeben zu wollen, kam aber nicht dazu, weil in eben

diesem Augenblicke der aus seiner Obersekunda kommende Professor eintrat

und seine Freundin, die Rätin, mit vieler Artigkeit begrüßte.

»Stör ich?«

»In Ihrem eigenen Hause? Nein, lieber Professor; Sie können überhaupt

nie stören. Mit Ihnen kommt immer das Licht. Und wie Sie waren, so sind

Sie geblieben. Aber mit Korinna bin ich nicht zufrieden. Sie spricht so

modern und verleugnet ihren Vater, der immer nur in einer schönen

Gedankenwelt lebte ...«

»Nun ja, ja,« sagte der Professor. »Man kann es so nennen. Aber ich

denke, sie wird sich noch wieder zurückfinden. Freilich, einen Stich ins

Moderne wird sie wohl behalten. Schade. Das war anders, als wir jung

waren, da lebte man noch in Phantasie und Dichtung ...«

Er sagte das so hin, mit einem gewissen Pathos, als ob er seinen

Sekundanern eine besondere Schönheit aus dem Horaz oder aus dem Parzival

(denn er war Klassiker und Romantiker zugleich) zu demonstrieren hätte.

Sein Pathos war aber doch etwas theatralisch gehalten und mit einer

feinen Ironie gemischt, die die Kommerzienrätin auch klug genug war,

herauszuhören. Sie hielt es indessen trotzdem für angezeigt, einen guten

Glauben zu zeigen, nickte deshalb nur und sagte: »Ja, schöne Tage, die

nie wiederkehren.«

»Nein«, sagte der in seiner Rolle mit dem Ernst eines Großinquisitors

fortfahrende Wilibald. »Es ist vorbei damit; aber man muß eben weiter

leben.«

Eine halbverlegene Stille trat ein, während welcher man, von der Straße

her, einen scharfen Peitschenknips hörte.

»Das ist ein Mahnzeichen,« warf jetzt die Kommerzienrätin ein,

eigentlich froh der Unterbrechung. »Johann unten wird ungeduldig. Und

wer hätte den Mut, es mit einem solchen Machthaber zu verderben?«

»Niemand«, erwiderte Schmidt. »An der guten Laune unserer Umgebung hängt

unser Lebensglück; ein Minister bedeutet mir wenig, aber die Schmolke

...«

»Sie treffen es wie immer, lieber Freund.«

Und unter diesen Worten erhob sich die Kommerzienrätin und gab Korinna

einen Kuß auf die Stirn, während sie Wilibald die Hand reichte. »Mit

uns, lieber Professor, bleibt es beim alten, unentwegt.« Und damit

verließ sie das Zimmer, von Korinna bis auf den Flur und die Straße

begleitet.

»Unentwegt«, wiederholte Wilibald, als er allein war. »Herrliches

Modewort, und nun auch schon bis in die Villa Treibel gedrungen ...

Eigentlich ist meine Freundin Jenny noch gerade so wie vor vierzig

Jahren, wo sie die kastanienbraunen Locken schüttelte. Das Sentimentale

liebte sie schon damals, aber doch immer unter Bevorzugung von

Courmachen und Schlagsahne. Jetzt ist sie nun rundlich geworden und

beinah gebildet, oder doch, was man so gebildet zu nennen pflegt, und

Adolar Krola trägt ihr Arien aus Lohengrin und Tannhäuser vor. Denn ich

denke mir, daß das ihre Lieblingsopern sind. Ach, ihre Mutter, die gute

Frau Bürstenbinder, die das Püppchen drüben im Apfelsinenladen immer so

hübsch herauszuputzen wußte, sie hat in ihrer Weiberklugheit damals ganz

richtig gerechnet. Nun ist das Püppchen eine Kommerzienrätin und kann

sich alles gönnen, auch das Ideale, und sogar »unentwegt«. Ein

Musterstück von einer Bourgeoise.«

Und dabei trat er ans Fenster, hob die Jalousien ein wenig und sah, wie

Korinna, nachdem die Kommerzienrätin ihren Sitz wieder eingenommen

hatte, den Wagenschlag ins Schloß warf. Noch ein gegenseitiger Gruß, an

dem die Gesellschaftsdame mit sauer-süßer Miene teilnahm, und die Pferde

zogen an und trabten langsam auf die nach der Spree hin gelegene

Ausfahrt zu, weil es schwer war, in der engen Adlerstraße zu wenden.

Als Korinna wieder oben war, sagte sie: »Du hast doch nichts dagegen,

Papa. Ich bin morgen zu Treibels zu Tisch geladen. Marcell ist auch da,

und ein junger Engländer, der sogar Nelson heißt.«

»Ich was dagegen? Gott bewahre. Wie könnt ich was dagegen haben, wenn

ein Mensch sich amüsieren will! Ich nehme an, du amüsierst dich.«

»Gewiß amüsier ich mich. Es ist doch mal was anderes. Was Distelkamp

sagt und Rindfleisch und der kleine Friedeberg, das weiß ich ja schon

alles auswendig. Aber was Nelson sagen wird, denk dir, Nelson, das weiß

ich nicht.«

»Viel Gescheites wird es wohl nicht sein.«

»Das tut nichts. Ich sehne mich manchmal nach Ungescheitheiten.«

»Da hast du recht, Korinna.«

Frau Jenny Treibel: Roman aus der Berliner Gesellschaft · 第 6 / 24 题