Rückreise

Wieder fahre ich Tage und Nächte, Tage und Wochen auf dem blauschwarzen

Meer dahin, wohne in einem winzigen Kabinenloch und stehe zur Abendzeit

stundenlang an die Reling gelehnt, sehe die kahle, schwarze Fläche im

Abendlicht hell werden, sehe über dem grünen Späthimmel die wunderlich

verschobenen Sternbilder flammen und den gleißend blanken Halbmond

wagerecht wie ein Boot in der Schwärze schwimmen. Die Engländer liegen

in Deckstühlen und lesen alte englische Magazine und Reviews, die

Deutschen würfeln im Rauchzimmer mit Lederbechern, ich tue oft mit, und

von Zeit zu Zeit entsteht Stille und Spannung an Deck, wenn die

wunderbar gewachsene, braunschwarze, tigerhafte Frau aus Honolulu

vorübergeht, bei jedem Schritt federnd und von Lebenskraft und

animalischem Selbstgefühl gewiegt. Niemand ist in sie verliebt, niemand

fühlt sich ihr gewachsen; man sieht ihr nach wie einem schönen, doch

übermächtigen Naturereignis, einem Gewitter oder Erdbeben. Verliebt aber

sind viele von uns in das zarte, überschlanke, zwei Meter hohe Fräulein

aus England, das ein Knabengesicht hat und lächeln kann wie ein Engel.

Sie hat in China Verwandte besucht, sie fuhr über Wladiwostok hin und

fährt nun über Suez zurück, sie trägt tagsüber feine, diskrete,

praktische Reisekleider und abends große Toiletten, und sie verbringt

offenbar ihre ganze lächelnde Jugendzeit mit nichts anderem als damit,

ihre eigene Lieblichkeit durch alle Meere und Länder der Erde spazieren

zu führen.

Meine Wünsche und Gedanken sind schon alle in der Heimat, die trotzdem

in ihrer unendlichen Ferne noch halb unwirklich bleibt, während eine

Menge von Eindrücken der letzten Monate mich in junger sinnlicher

Frische umgibt. Wenn ich über sie nachdenke, so stellt sich heraus, daß

nur ganz wenige richtig „exotische“ dabei sind; die meisten sind von

rein menschlicher Art und wurden mir nicht durch das fremde Kostüm,

sondern durch ihre Verwandtschaft mit meinem eigenen und jedem

Menschenwesen wichtig und lieb.

Zu den exotischen Bildern, die mich beständig noch in voller Frische

bedrängen, gehört der Palmenstrand von Penang mit dem weißen

Sandstreifen und den gelben Fischerhütten, die leuchtend blauen

Chinesenstraßen der Städte in den Straits und den Malay States, das

hügelige Inselgewimmel des Archipels bei Riouw, die Affenzüge im Urwald,

die Krokodilflüsse von Sumatra. Der letzte solche Eindruck war oben in

Nuwara Elia. Da war alles fast heimatlich einfach, rauh und grau, keine

Tempel, keine Palmen. Aber als ich den ersten Ausgang machte, sprach

plötzlich eine schöne, weiße Blume zu mir, die rührte bis zu jenem

Schatz von frühesten und stärksten Eindrücken hinab, die wir als Kinder

aufnehmen und denen es später kein Meer und Gebirge der Welt mehr gleich

tun kann. Ich fühlte, nach einem wochenlangen Leben in neuen, fremden,

oberflächlicheren Eindrücken, mich von dieser Blume im Innersten berührt

und erinnert, und als ich suchte, fand ich bald, daß es dieselbe weiße

großkelchige Kalla war, die zu meinen Knabenzeiten im Zimmer meiner

Mutter blühte. Und im Weiterschreiten fand ich diese selbe weiße große

Blume, die als Liebling und stolze Rarität in meinem Vaterhaus im

Schwarzwald gepflegt worden war, zu Hunderten und zu Tausenden stehen

und blühen wie bei uns die Butterblumen im April. Es war schön und üppig

zu sehen, aber es gefiel mir und freute mich doch nur halb, hier auf

Ceylon als mißachtetes Unkraut wachsen zu sehen, was einst meiner Mutter

Stolz und liebe Sorge gewesen war.

Von der langen Seereise war das Schönste und Eindringlichste vielleicht

die Insel Sokotra, von Norden gesehen, mit den bleichen, toten

Sandhängen und dem wilden, jäh zerklüftet starrenden Kalkgebirge, dann

das Südende von Calabrien mit den tausendjährig vereinsamten

Steinstädten in den rauhen Felsbergen. Nicht zu vergessen das

Sinaigebirge, mit den edlen Umrissen gläsern im weichen rosigen Lichte

stehend, und den Suezkanal, den ich auf der Rückfahrt im vollen

Farbenleuchten ägyptischer Lüfte sah.

Weit stärker noch als alle diese schönen Bilder steht mir der Anblick

vieler kleiner menschlicher Dinge im Gedächtnis. Der magere, stille

chinesische Diener, der auf dünner Bastmatte am Fußboden vor der

Türschwelle seines Herrn schläft. Er wird, einer Kleinigkeit wegen,

mitten in der Nacht vom Herrn wach gebrüllt. Müde wendet er den Kopf,

einen Augenblick zittern seine Lider, dann blickt er mit den klugen,

geduldigen braunen Augen auf und erhebt sich, wach und resigniert, mit

dem ergebenen leisen Ruf: „Tuan!“

Oder der malayische Anführer der Waldarbeiter am Batang Hari, ein

Verwandter der früheren Rajahs, aus adliger Familie, mager, mit einem

schönen traurigen Gesicht. Ich sah ihn eines Abends lautlos unsre

Veranda betreten, seine Laterne löschen und sich beim Hausherrn melden,

mit einem Anstand und Adel der Gebärde, wie wir es kaum bei einem feinen

adligen Offizier daheim sehen können.

Dann die schwärzlichen Kinderscharen der Urwalddörfer, die der Ankunft

unseres Bootes mit starrender Neugierde und Spannung zusahen und beim

ersten Schritt, den wir an Land taten, entsetzt und lautlos von dannen

flohen und wie Tierchen im Wald verschwanden.

Und wie schön war es, in Chinesenstädten am Abend junge Freundespaare

spazieren gehen zu sehen. Feine schlanke Jünglinge mit schönen braunen

Augen und lichten, heiteren, geistigen Gesichtern, ganz weiß oder ganz

schwarz gekleidet, mit unendlich nobeln, schmalen, vergeistigten Händen.

Zart und fröhlich ging einer mit dem andern, seine linke Hand lose in

die rechte Hand des Freundes oder den Arm auf dessen Schulter gelegt.

Und überall im Archipel die gutmütigen, hübschen Malayen, von den

Holländern streng gehalten, höflich und ergeben, und auf Ceylon die

sanften, zarten Singhalesen. Man schilt sie und sie machen betrübte

Kindergesichter, man befiehlt ihnen und sie beginnen die Arbeit mit

geheucheltem heftigem Eifer, man wirft ihnen ein Scherzwort zu und sie

lachen breit und selig übers ganze Gesicht. Sie haben alle dieselben

schönen, flehenden Augen, und sie haben alle einen Rest von wilder

Unschuld und Rechenschaftslosigkeit im leicht bewegten Gemüt. Sie

vergessen wichtige Dinge über einer Mahlzeit, und sie verlieren sich im

Spiel so maßlos, daß sie manchmal Ernst daraus machen und einander

totschlagen, wozu sie im wirklichen Ernst und um wichtige Dinge viel zu

feige sind. In Nurelia sah ich einen Arbeiter, der vom Bauplatz

weggejagt und vom Aufseher vertrieben und immer wieder geschlagen wurde.

Er hatte irgendeine Gaunerei begangen, und er war bereit, eine Strafe zu

tragen, aber er wollte durchaus nicht fortgehen, er wollte dableiben,

nur dableiben bei seiner Arbeit und bei seinem Brot, bei seiner Ehre und

bei der Gemeinschaft mit den andern. Der junge, kräftige Mann ließ sich

ohne Widerstand stoßen und mit einem Strickende hauen, langsam wich er

der Gewalt, er heulte dazu laut und unbeherrscht wie ein verwundetes

Tier, und über sein dunkles Gesicht liefen dicke Tränen.

Schön und nachdenklich war es auch, alle diese Menschen bei ihren

religiösen Übungen zu sehen, Hindu, Mohammedaner und Buddhisten. Sie

haben alle, vom reichen städtischen Häuserbesitzer bis zum geringsten

Kuli und Paria herab, Religion. Ihre Religion ist minderwertig,

verdorben, veräußerlicht, verroht, aber sie ist mächtig und

allgegenwärtig wie Sonne und Luft, sie ist Lebensstrom und magische

Atmosphäre und sie ist das einzige, um was wir diese armen und

unterworfenen Völker ernstlich beneiden dürfen. Was wir Nordeuropäer in

unserer intellektualistischen und individualistischen Kultur nur selten,

etwa beim Anhören einer Bachmusik, empfinden dürfen, das

selbstvergessene Gefühl der Zugehörigkeit zu einer ideellen Gemeinschaft

und des Kräfteschöpfens aus unversieglich magischer Quelle, das hat der

Mohammedaner, der am fernsten Winkel der Welt abends seine Verbeugungen

und Gebete verrichtet, und hat der Buddhist in der kühlen Vorhalle

seines Tempels jeden Tag. Und wenn wir das, in einer höheren Form, nicht

wieder gewinnen, dann werden wir Europäer bald kein Recht auf den Osten

mehr haben. Die Engländer, die in ihrem Nationalitätsgefühl und in ihrer

strengen Pflege der eigenen Rasse eine Art von Ersatzreligion besitzen,

sind denn auch die einzigen Westländer, die es da draußen zu einer

wirklichen Macht und Kulturbedeutung gebracht haben.

Mein Schiff fährt und fährt. Vorgestern brannte noch die unbändige Sonne

Asiens auf unser Deck, wir saßen luftig in weißen dünnen Kleidern und

tranken eisgekühlte Sachen; jetzt sind wir schon nahe am europäischen

Winter, der uns mit Kühle und Regenschauern schon bald nach Port Said

empfing. Dann werden die heißen Küsten der östlichen Inseln und die

glühenden Mittage von Singapur in der Erinnerung noch an Glanz gewinnen;

aber dies alles wird mir nie so lieb und wertvoll werden wie das starke

Gefühl von der Einheit und nahen Verwandtschaft alles Menschenwesens,

das ich unter Indiern, Malayen, Chinesen und Japanern gewonnen habe.

Aus Indien · 第 23 / 45 题