Pedrotallagalla

Um in der Stille einen schönen und würdigen Abschied von Indien zu

feiern stieg ich an einem der letzten Tage vor der Abreise allein in

einer kühlen Regenmorgenfrische auf den höchsten Berggipfel von Ceylon,

den Pedrotallagalla. In englischen Fuß ausgedrückt, klingt seine Höhe

sehr respektabel, in Wirklichkeit sind es wenig über zweieinhalbtausend

Meter und die Besteigung ist ein Spaziergang.

Das kühle grüne Hochtal von Nurelia lag silbrig in einem leichten

Morgenregen, typisch englisch-indisch mit seinen Wellblechdächern und

seinen verschwenderisch großen Tennis- und Golfgründen, die Singhalesen

lausten sich vor ihren Hütten oder saßen fröstelnd in wollene Kopftücher

gewickelt, die schwarzwaldähnliche Landschaft lag leblos und verhüllt.

Außer wenigen Vögeln sah ich lange Zeit kein Leben als in einer

Gartenhecke ein feistes, giftig grünes Chamäleon, dessen boshafte

Bewegungen beim Insektenfang ich lange beobachtete.

Der Pfad begann in einer kleinen Schlucht emporzusteigen, die paar

Dächer verschwanden, ein starker Bach brauste unter mir hin. Eng und

steil stieg der Weg eine gute Stunde lang gleichmäßig bergauf, durch

dürres Buschdickicht und lästige Mückenschwärme, nur selten ward an

Wegbiegungen die Aussicht frei und zeigte immer dasselbe hübsche, etwas

langweilige Tal mit dem See und den Hoteldächern. Der Regen hörte

allmählich auf, der kühle Wind schlief ein, und hin und wieder kam für

Minuten die Sonne heraus.

Ich hatte den Vorberg erstiegen, der Weg führte eben weiter über

elastisches Moor und mehrere schöne Bergbäche. Hier stehen die

Alpenrosen üppiger als daheim, in dreimal mannshohen starken Bäumen, und

ein silbriges, pelzig weiß blühendes Kraut erinnerte sehr an Edelweiß;

ich fand viele von unsern heimatlichen Waldblumen, aber alle seltsam

vergrößert und gesteigert und alle von alpinem Charakter. Die Bäume aber

kümmern sich hier um keine Baumgrenze und wachsen kräftig und laubreich

bis in die letzten Höhen hinauf.

Ich näherte mich der letzten Bergstufe, der Weg begann rasch wieder zu

steigen, bald war ich wieder von Wald umgeben, von einem sonderbar

toten, verzauberten Wald, wo schlangenhaft gewundene Stämme und Äste

mich blind mit langen, dicken, weißlichen Moosbärten anstarrten; ein

nasser, bitterer Laub- und Nebelgeruch hing dazwischen.

Das war alles ganz schön, aber es war nicht eigentlich das, was ich mir

heimlich ausgedacht hatte, und ich fürchtete schon, es möchte zu manchen

indischen Enttäuschungen heute noch eine neue kommen. Indessen nahm der

Wald ein Ende, ich trat warm und etwas atemlos auf ein graues

ossianisches Heideland hinaus und sah den kahlen Gipfel mit einer

kleinen Steinpyramide nahe vor mir. Ein harter, kalter Wind drang auf

mich ein, ich nahm den Mantel um und stieg langsam die letzten hundert

Schritte hinan.

Was ich da oben sah, war vielleicht nichts typisch Indisches, aber es

war der größte und reinste Eindruck, den ich von ganz Ceylon mitnahm.

Soeben hatte der Wind das ganze weite Tal von Nurelia klargefegt, ich

sah tiefblau und riesig das ganze Hochgebirge von Ceylon in mächtigen

Wällen aufgebaut, inmitten die schöne Pyramide des uralt-heiligen

Adams-Pik. Daneben in unendlicher Ferne und Tiefe lag blau und glatt das

Meer, dazwischen tausend Berge, weite Täler, schmale Schluchten, Ströme

und Wasserfälle, mit unzählbaren Falten die ganze gebirgige Insel, auf

der die alten Sagen das Paradies gefunden haben. Tief unter mir zogen

und donnerten mächtige Wolkenzüge über einzelne Täler hin, hinter mir

rauchte quirlender Wolkennebel aus schwarzblauen Tiefen, über alles weg

blies rauh der kalte sausende Bergwind. Und Nähe und Weite stand in der

feuchten Luft verklärt und tief gesättigt in föhnigem Farbenschmelz, als

wäre dieses Land wirklich das Paradies, und als stiege eben jetzt von

seinem blauen, umwölkten Berge groß und stark der erste Mensch in die

Täler nieder.

Diese große Urlandschaft sprach stärker zu mir als alles, was ich sonst

von Indien gesehen habe. Die Palmen und die Paradiesvögel, die

Reisfelder und die Tempel der reichen Küstenstädte, die von

Fruchtbarkeit dampfenden Täler der tropischen Niederungen, das alles,

und selbst der Urwald, war schön und zauberhaft, aber es war mir immer

fremd und merkwürdig, niemals ganz nah und ganz zu eigen. Erst hier oben

in der kalten Luft und dem Wolkengebräu der rauhen Höhe wurde mir völlig

klar, wie ganz unser Wesen und unsre nördliche Kultur in rauheren und

ärmeren Ländern wurzeln. Wir kommen voll Sehnsucht nach dem Süden und

Osten, von dunkler, dankbarer Heimatsahnung getrieben, und wir finden

hier das Paradies, die Fülle und reiche Üppigkeit aller natürlichen

Gaben, wir finden die schlichten, einfachen, kindlichen Menschen des

Paradieses. Aber wir selbst sind anders, wir sind hier fremd und ohne

Bürgerrecht, wir haben längst das Paradies verloren, und das neue, das

wir haben und bauen wollen, ist nicht am Äquator und an den warmen

Meeren des Ostens zu finden, das liegt in uns und in unsrer eignen

nordländischen Zukunft.

Aus Indien · 第 22 / 45 题