Eines fiel mir, seit ich die erste indische Hafenstadt sah und solange
ich im Osten unterwegs war, täglich stärker auf: Wie viel die Asiaten
reisen! Im Westen, in Europa und Amerika, hält man das Reisen und den
„modernen Verkehr“ für eine Art westlicher Spezialität. Dabei gilt dem
Durchschnittsbürger in ganz Europa eine Eisenbahnfahrt von mehr als
sechs oder acht Stunden schon für eine bemerkenswerte Reise, und ein
Handlungskommis oder Portier, der etwa in Paris, in Genf oder Nizza oder
gar in Neapel war, steht im Ruf eines weltläufigen Mannes, der weit
herumgekommen ist. Das ist in Asien anders. In Indien, Hinterindien, dem
Archipel und einem großen Teil von China reist das Volk unendlich viel
mehr als bei uns, für einfache Leute der niederen Klassen gelten Reisen
von zwei, drei, sechs, zehn Tagen für gar nichts Besonderes. Unsereiner,
wenn er zwischen Colombo und Batavia unterwegs ist, kommt sich schon
unternehmend vor und ist erstaunt, zu sehen, daß eine Seereise von drei
Wochen, eine Eisenbahnreise von Tagen für Asiaten gar nichts bedeutet.
Der Kuli, der dir in Singapur den Koffer an Land trägt, stammt aus
Hankau. Der kleine Händler, dem du in Penang oder Kuala Lumpur eine
Badehose oder Leibbinde abkaufst, ist in Peking zu Hause. Der malayische
Kaufmann, der dir auf Sumatra Hosenträger und Stiefel verkauft, ist
Hadschi und hat die Pilgerfahrt nach Mekka gemacht, was eine Hin- und
Rückreise von je etwa zwanzig Tagen bedeutet, das Dreifache einer Fahrt
von Europa nach Amerika und zurück.
Wenn bei uns ein Bauer seine Kartoffeln oder Äpfel in der nächsten
größeren Stadt persönlich verkauft und dahin drei Stunden mit der Bahn
zu fahren hat, so ist das für ihn eine große Sache. Arme, halbwilde
Natives auf einer malayischen Insel fahren mit ihrer Ladung Rottang oder
ihrem bißchen Baumwolle vier, sechs, zehn Tage ihren Urwaldfluß hinab
bis zur nächsten Hafenstadt und brauchen doppelt so lange zurück. Von
Nordindien gehen einzelne indische Händler alle paar Jahre auf wilden,
anstrengenden und gefährlichen Zügen durch Tibet nach China oder bis zum
Baikalsee, ja bis Moskau. In Pelaiang bei Djambi (Südsumatra) hatten wir
einen chinesischen Koch, der seine Familie bei Schanghai leben hat und
sie öfters besucht! Die chinesischen Großhändler in den Straits, auf
Java usw. haben fast alle auch noch daheim in China Besitzungen, oft
auch Frauen und Kinder, und reisen häufig zwischen beiden Orten hin und
her, über Entfernungen wie zwischen Neapel und Moskau. Es gibt auch
indische und arabische Händler, welche Filialen von Colombo oder Bombay
an bis nach Peking hin haben und für die eine Seereise von drei Wochen
nur eine kleine, oft wiederholte Geschäftsfahrt ist.
Dazu alle die vielen Pilgerfahrten! Leute aus Siam und Birma pilgern
nach Ceylon, Gläubige aus Java und Sumatra nach Mekka, Fromme aus dem
untersten Südindien hinauf nach Benares. Dagegen ist die Pilgerfahrt
eines armen Bäuerleins vom Bodensee nach Lourdes eine Bagatelle.
Die letzten asiatischen Reisenden dieser Art, die ich sah, waren zwei
Mohammedaner aus Java. Sie bestiegen unser Schiff in Singapur und fuhren
als Beauftragte einer mohammedanischen Gemeinschaft bis Suez, von wo aus
sie Tripolis erreichen, zuverlässige Berichte vom Krieg einsammeln und
über die beste Art, die kriegführenden Glaubensgenossen moralisch und
finanziell zu unterstützen, nach Hause berichten sollten.