Es ist Abend; ich liege im Hotelzimmer. Seit einigen Tagen lebe ich von
Rotwein und Opium, und mein Darm muß eine rasende Lebenskraft oder einen
verzweifelten Todesmut besitzen, daß er trotz allem noch nicht Ruhe
gibt. Zum Stehen und Gehen reicht heute abend der Mut und die Kraft
nimmer recht, auch haben wir Regenzeit, und draußen liegt eine
verregnete, tiefschwarze Nacht, obwohl es kaum erst Abend wurde. Ich muß
irgendwie von der augenblicklichen Gegenwart abstrahieren; so will ich
denn zu notieren versuchen, was ich vor zwei Stunden gesehen habe.
* * * * *
Es war etwa sechs Uhr und schon fast Nacht; der Regen floß; ich war vom
Bett aufgestanden und ausgegangen, schwach vom Liegen und Fasten und
betäubt von den Opiaten, mit denen ich gegen die Dysenterie ankämpfe.
Ohne viel Überlegung bog ich in der Finsternis in den Tempelweg ein und
stand nach einer Weile überm dunklen Wasser am Eingang des alten
Heiligtums, in welchem der schöne, lichte Buddhismus zu einer wahren
Rarität von Götzendienst gediehen ist, neben der auch der spanischste
Katholizismus noch geistig erscheint. Eine traumhaft dumpfe Musik scholl
mir entgegen; hier und da knieten dunkle Beter tiefgebückt und murmelnd;
ein süßer heftiger Blumenduft überfiel mich betäubend; durchs Tempeltor
sah ich in düster-nächtliche Räume, in denen viele einzelne dünne Kerzen
irrlichthaft und verwirrend brannten.
Ein Führer hatte sich meiner sofort bemächtigt und schob mich vorwärts;
zwei Jünglinge in weißen Kleidern mit guten, sanftäugigen
Singhalesengesichtern eilten herbei, jeder mit zwei brennenden Kerzchen
in der Hand, um mich führen zu helfen. Vorausschreitend beleuchteten sie
eifrig, im Gehen tiefgebückt, jede kleinste Stufe und jeden
Pfeilervorsprung, an den ich stoßen konnte; und benommenen Sinnes stieg
ich in das Abenteuer hinein wie in eine arabische Märchen- und
Schatzhöhle.
Eine Messingschale ward mir vorgehalten und eine Eintrittsgabe für den
Tempel gefordert, ich legte eine Rupie hinein und ging weiter, die
Kerzenträger vor mir her. Weiße süßduftende Tempelblumen wurden mir
geboten, ich nahm einige zu mir, gab dem Darbietenden Geld und legte die
Blüten in verschiedenen Nischen und vor verschiedenen Bildern als Opfer
nieder. Dem Führer folgend, während vor meinen Augen die Finsternis mit
hundert kleinen goldenen Kerzenpunkten flammend tanzte, kam ich an
kleinen steinernen Löwen und vielen Lotosblumenbildern, an geschnitzten
und bemalten Säulen und Pfeilern vorbei und eine dunkle Treppe empor und
stand vor einem großen gläsernen Schrein, der war an den Scheiben und
Stäben voll von Schmutz und innen voll von Buddhabildern, von goldenen
und messingenen, silbernen und elfenbeinernen, granitenen und hölzernen,
alabasternen und edelsteingezierten, von Bildern aus dem nördlichen und
südlichen Indien, aus Siam und aus Ceylon. In einem üppig ornamentierten
Silberschrein aber saß still und fein und unendlich apart ein schöner
alter Buddha, der war aus einem einzigen riesigen Kristall geschnitten,
und das Kerzenlicht, das ich dahinterhielt, schien farbig durch seinen
gläsernen Leib; und von allen diesen vielen Bildern des Vollendeten war
dies kristallene das einzige, das ich nicht vergesse und das den
schlackenlosen Erlösten wahrhaft ausdrückt.
Hier und überall waren Priester, Tempeldiener und Handlanger in Menge
da; Hände streckten sich mir entgegen, und feierliche messingene und
silberne Schalen wurden mir allenthalben vorgehalten. Ich gab, um es
kurz zu sagen, mehr als dreißig Trinkgelder. Doch tat ich dies, wie auch
alle Fragen an die Priester, nur in einem unzulänglichen Traumzustand
und Halbbewußtsein. Ich hatte keinerlei Achtung vor den miserablen
Priestern, ich verachtete die Bilder und Schreine, das lächerliche Gold
und Elfenbein, das Sandelholz und Silber, aber ich fühlte tief und
mitleidend mit den guten, sanften indischen Völkern, die hier in
Jahrhunderten eine herrlich reine Lehre zur Fratze gemacht und dafür
einen Riesenbau von hilfloser Gläubigkeit, von töricht herzlichen
Gebeten und Opfern, von rührend irrender Menschentorheit und
Kindlichkeit errichtet haben. Den schwachen, blinden Rest der
Buddhalehre, den sie in ihrer Einfalt verstehen konnten, den haben sie
verehrt und gepflegt, geheiligt und geschmückt, dem haben sie Opfer
gebracht und kostbare Bilder errichtet – was tun dagegen wir klugen und
geistigen Leute aus dem Westen, die wir dem Quell von Buddhas und von
jeder Erkenntnis viel näher sind? –
Weiter ward ich an Altären und Säulen vorübergeschleppt. Da und dort
glänzten Gold und Rubinen auf, mattes altes Silber in Menge, und neben
dem phantastischen Reichtum dieser Tempelschätze war die Schäbigkeit der
Diener und Priester, die Armut der Holzverschläge und Glaskästchen, die
bettelhafte Dürftigkeit der Beleuchtung ganz wunderlich anzusehen.
Priester zeigten die alten heiligen Bücher des Tempels vor, die in
Silber reich gebunden sind und deren heilige Texte in Sanskrit und Pali
sie vermutlich selber nicht mehr lesen können; und was sie selber gegen
ein Trinkgeld auf Palmblätter schrieben, war kein schöner Spruch oder
Name, sondern das Datum des Tages und der Ortsname; eine nüchterne,
schäbige Quittung.
Schließlich ward mir der Altarschrein und das Behältnis gezeigt, worin
der heilige Zahn Buddhas verwahrt wird. Wir haben das alles in Europa
auch; ich gab meinen Obolus hin und ging weiter. Der Buddhismus von
Ceylon ist hübsch, um ihn zu photographieren und Feuilletons darüber zu
schreiben; darüber hinaus ist er nichts als eine von den vielen
rührenden, qualvoll grotesken Formen, in denen hilfloses Menschenleid
seine Not und seinen Mangel an Geist und Stärke ausdrückt.
Und nun zerrten sie mich unversehens in die Nacht hinaus; in der
wolligen Dunkelheit strömte immerzu der heftige Regen, unter mir
spiegelten die Kerzen der Jünglinge sich im heiligen Schildkrötenteich.
Ach, es fehlt hier nicht an Heiligkeit und heiligen Dingen; aber jenem
Buddha, der nicht aus Stein und Kristall und Alabaster war, dem war
alles heilig, dem war alles Gott!
Man zog und schob mich, der ich in der Dunkelheit mich blind fühlte und
willenlos mitlief, in Eile über einige Treppenstufen und über nasses
Gras hinweg ins Freie, wo plötzlich als rotes Viereck in der Nacht die
erleuchtete Türöffnung eines zweiten, kleineren Tempels vor uns stand.
Ich trat ein, opferte Blumen, ward zu einer inneren Tür gedrängt und sah
plötzlich erschreckend nahe vor mir einen großen liegenden Buddha in der
Wand, achtzehn Fuß lang, aus Granit und grell mit Rot und Gelb bemalt.
Wunderlich, wie noch aus der glatten Leere all dieser Figuren ihre
herrliche Idee hervorstrahlt, die faltenlos heitere Glätte im Angesicht
des Vollendeten.
Nun waren wir fertig; ich stand wieder im Regen und sollte noch den
Führer, die Kerzenträger und den Priester des kleineren Tempels
bezahlen, aber ich hatte all mein Geld weggegeben und sah nun, auf die
Uhr blickend, mit Befremdung, daß diese ganze nächtliche Tempelreise nur
zwanzig Minuten gedauert hatte. Rasch lief ich zum Hotel zurück, hinter
mir im Regen die kleine Schar meiner Gläubiger vom Tempel. Ich erhob
Geld an der Hotelkasse und teilte es aus; es verneigte sich vor seiner
Macht der Priester, der Führer, der erste und der zweite Kerzenjüngling;
und fröstelnd stieg ich die vielen Treppen zu meinem Zimmer hinauf.