Die Gräber von Palembang

An jedem schönen Vormittag verließ ich die Stadt gleich nach dem

Frühstück und blieb zwei, drei Stunden im Freien draußen, um reine Luft

zu atmen, Grün zu sehen und gelegentlich einen Schmetterling zu fangen.

Alle diese Städte, auch das große Singapur, liegen ganz von Dörfern,

Weilern, Höfen und primitivster Ländlichkeit umgeben und lösen sich

still und ohne Umriß in die fruchtbare grüne Wildnis auf. Eben erst

warst du noch in einer dröhnenden Straße mit Geschäftshäusern,

Lastwagen, ausrufenden Händlern und zigarettenrauchenden Lausbuben, du

bist in einen stilleren Seitenweg eingebogen, wo helle freundliche

Bungalows vereinzelt weitab von der Straße in Gärten stehen, und

unversehens fühlst du dich, wunderlich erwachend, vollkommen auf dem

Lande, wirst von weidenden Ziegen oder Kühen beschnobert oder hörst im

wilden Gehölz die Sprünge der Affen rauschen.

In Palembang führte mein Spazierweg meistens am Fischmarkt vorbei,

vorüber am grausigen Anblick lebend umherliegender Fische jeder Art und

in Massen aufgehäufter abgehauener Fischköpfe, und an den Häusern und

Magazinen der Großhändler hin bis zu einer alten Moschee, immer parallel

mit dem Flusse, und von da rechtwinklig landeinwärts, und schon hier

begann die typische Mischung von Dorfleben und Buschwildnis. Schönes

kleines Rindvieh weidet überall, kreuzt sorglos die Fahrstraße und ist

sehr zutraulich. Auf der Straße geht zu manchen Stunden ein starker

Verkehr, Fußgänger und Lastträger, sehr viele Zweiräder, Ponywagen und

auch schon Automobile. Zehn Meter davon, im dichten Busch, ist man in

vollkommener Urwildnis, von Eichhörnchen und Vögeln in Menge umschwärmt,

von Affen beknurrt und gelegentlich durch ungeheure, zum Teile giftige

Tausendfüßler und Skorpione erschreckt. Wer sich auskennt, kann hier

auch häufig Tigerspuren finden.

Nirgends aber kann man hundert Meter gehen, ohne auf Gräber zu stoßen.

Überwachsen und vergessen liegen überall die Malayen- und Arabergräber,

den unseren ganz ähnlich, die neueren mit welken Grasbüscheln

geschmückt, die von den Mohammedanern am Freitag dort niedergelegt

werden. Manchmal ist eine kleine Begräbnisstätte von einer Mauer

umgeben, deren Portal mit edlem Bogen und fein profilierten Pfeilern,

von hohen Gräsern umwachsen und von riesigen Bäumen überhangen, schattig

und vereinsamt in seiner romantischen Verwahrlosung steht, so schön und

nobel wie nur irgendein feiner stiller Ruinenwinkel in Italien.

Dazwischen kommt immer wieder, riesig und mit großen goldenen Buchstaben

an den Pfeilern leuchtend, ein Chinesengrab, eine ummauerte

Halbkreisterrasse am Abhang von fünf, zehn, zwanzig Metern Durchmesser,

je nach Bedeutung und Reichtum des Beerdigten, in der schön

emporgeschweiften Mauer blau und golden die Inschriften, das Ganze

kostbar, feierlich und schön wie alles Chinesenwerk, ein wenig kühl und

leer vielleicht, und überall rechts und links darum her und in den

Lüften darüber aufgeschossen dicke Busch- und Baumwirre.

Manche von den mohammedanischen Grabanlagen werden früheren Sultanen

zugeschrieben, dort sind einige der Mauerportale so schön und in sich

abgewogen wie die allerbeste Renaissance. Man ist erstaunt, das auf

Sumatra zu finden, aber man erstaunt noch mehr, wenn man hört, daß eine

verschwommene alte Palembanger Sage behauptet, hier liege Alexander der

Große begraben. Bis hierher sei er gekommen und hier sei er gestorben.

Mir fiel dabei das Gespräch ein, das ein Freund von mir in Italien am

Trasimener See mit einem Fischer hatte. Der Fischer erzählte

Ungeheuerliches von der blutigen Schlacht, die hier vor langen Zeiten

der große General Hannibal geschlagen habe, und als mein Freund weiter

fragte, gegen wen denn Hannibal damals gefochten habe, wurde der Mann

unsicher, meinte dann aber ziemlich bestimmt, es werde wohl Garibaldi

gewesen sein.

Bei den Gräbern vor Palembang habe ich schöne wunderliche Stunden

hingebracht, allein in dem krausen grünen Busch, von den großen

Schillerfaltern umflogen, auf die vielen Rufe der Waldtiere und die

wilden, phantastischen Gesänge großer Insekten horchend. Ich saß

ausruhend und von der Hitze erschöpft auf den niederen Mauern der

Chinesengräber, die so groß und fest und reich gebaut sind und doch vom

wilden Leben und Wachstum dieses Bodens alle bald überholt, bezwungen

und zugedeckt werden. Ich wurde von schwarzen und weißen Ziegen und von

kleinen, sanften, rotbraunen Kühen besucht und betrachtet, oder von Rast

haltenden Affen still beäugt, oder von umherschwärmenden Malayenkindern

mit Scheu und Neugierde umringt. Ich kannte nur wenige von den Bäumen

und Tieren, die ich um mich sah, mit Namen, ich konnte die chinesischen

Inschriften nicht lesen und konnte mit den Kindern nur zehn Worte reden,

aber ich habe mich nirgendwo in der Fremde so unfremd und so von der

Selbstverständlichkeit und vom klaren Fluß alles Lebens umschlossen

gefühlt wie hier.

Aus Indien · 第 18 / 45 题