Wer eine Zeitlang in Palembang war und auf der Rückseite des Hotel
Nieukerk nach dem schwärzlichen Kanälchen hinaus gewohnt hat, vom
Gestank und von den Moskitos verfolgt und ohne die Möglichkeit in reinem
Wasser zu baden, der verfällt schließlich einem brennenden Verlangen
nach Abreise, einerlei wohin, und beginnt die Stunden bis zum nächsten
Schiffstermin zu zählen. Seit einem Monat ohne Post, fiebernd von
Schlaflosigkeit, ermüdet vom Leben der sonderbaren Stadt, von der Hitze
und dem Mangel an Bädern erschlafft, hatte ich mir einen Platz auf dem
chinesischen Dampfer „Maras“ bestellt, der am Freitag früh ankommen und
im Laufe des Sonnabends wieder nach Singapur abgehen sollte, und nun lag
ich hoffend unterm Moskitonetz und wartete den Freitag Morgen ab. Zu
lesen hatte ich längst nichts mehr, meine große Kiste stand in Singapur,
die Nachrichten von Hause blieben Woche um Woche aus, ich konnte nichts
tun, als mich täglich in der Stadt herumtreiben, bis ich ermüdet war,
und dann viele Stunden liegen und warten, im Notizbuch blättern und
malayische Vokabeln lernen. Aber nun war ein Schiff in Aussicht, noch
einen Tag oder zwei, dann würde ich abfahren können, und bald würde, wie
tröstliche Erfahrungen uns lehren, alles Widerwärtige dieser Tage in der
Erinnerung einschrumpfen und vergehen und nur das viele Schöne, Bunte,
freudig Erlebte bleiben.
Allein der Freitag Morgen und auch der Nachmittag verging, ohne daß der
„Maras“ kam, auch während der Nacht zum Sonnabend lauschte ich
vergeblich alle die vielen Stunden lang auf das Pfeifen eines
einlaufenden Schiffes, und der ganze Sonnabend verging ebenso, und erst
am Sonntagmorgen kam die Nachricht, es sei nun da und wenn es nicht zu
viel regne, werde man vielleicht morgen abfahren.
Am Sonntag war ich von früh bis abends auf dem Flusse unterwegs. Ich
hatte mich einer Krokodiljagd angeschlossen und saß mit einem schweren
alten holländischen Militärgewehr auf den Knien, die Augen von der Hitze
und dem Sonnenreflex des Stromes brennend, im kleinen Boot auf der
Lauer. Aber an solchen Tagen hat man kein Glück; wir kamen nie zum Schuß
und mußten bei dem viel zu hohen Wasserstande froh sein, daß wir
wenigstens einige Krokodile zu sehen bekommen hatten.
Einerlei, morgen ging mein Schiff, und dann konnten mir alle Krokodile
von Sumatra –. Bei der Rückkehr nach der Stadt erfuhr ich, der „Maras“
würde vielleicht morgen früh abfahren, vielleicht auch nachmittags oder
abends, und ich packte meine Koffer mit suggestiver Gründlichkeit und
Liebe. Der „Maras“, der am Morgen nicht gefahren war, fuhr auch am
Nachmittag nicht, aber es wurde mir mitgeteilt, ich könnte abends an
Bord gehen und müsse spätestens um zehn Uhr da sein, wenn ich mitreisen
wolle.
An mir sollte es nicht fehlen, ich fuhr um neun Uhr durch die dicke
Nacht (wir haben ja in Europa gar keine Ahnung von richtiger
Nachtfinsternis!) nach dem Schiff, suchte und fand in der laternenlosen
Dunkelheit tastend über fremde Boote und schlafende Ruderkulis hinweg
für mich und mein Gepäck einen Weg zur unbeleuchteten Falltreppe und
turnte hoffnungsvoll empor. Das Schiff war stark geladen, die Innenräume
alle voll Yeloton und Baumwolle, aber es lagen noch zwanzig und mehr
Lastboote voll Rottang beim Schiff, und so wurde weiter geladen, hundert
Kulis schwärmten auf dem überfüllten dunkeln Deck, wo ich über Kisten
und Balken klettern mußte, und wenn sie einer von den wenigen Laternen
nahe kamen, glänzten ihre nackten, gelben, schweißbedeckten Körper warm
aus dem finsteren Getümmel.
Es war ein holländischer Kapitän da und ich bekam eine Kabine, aber sie
war so heiß wie ein Dampfbad und als ich die Stiefel auszog, merkte ich
alsbald die Ursache: der Fußboden war von den benachbarten Heizräumen
her so heiß, daß mir die Sohlen schmerzten. Die Luke war ein wenig
größer als das Zifferblatt einer Taschenuhr. Dagegen war ein
elektrischer Ventilator und elektrisches Licht da, die aber seit Jahren
nicht mehr funktionierten, und der Raum wurde durch eine kleine rußende
Erdölampel erleuchtet.
Von einer Stunde zur andern wurde die Abfahrt erwartet und verheißen,
ich blieb bis nach ein Uhr steif vor Müdigkeit auf einem Stuhl am
Oberdeck sitzen und schaute betäubt aus geschwollenen Augen in das
Schiff, ging dann in die Kabine und legte mich nieder, hörte den Schweiß
in schweren Tropfen von meiner herabhängenden Hand zu Boden fallen,
stand wieder auf und rauchte eine Zigarre draußen im Regen zwischen den
Kulis, irrte im dunkeln Schiff umher, fiel über Schlafende, warf einen
Käfig mit lebenden Affen um, stieß mich an Kistenecken und fand mich bei
Tagesanbruch zerstört und erschöpft an Oberdeck wieder.
Früh um sechs Uhr hatte ich noch niemals in meinem Leben Bordeaux
getrunken und starke indische Zigarren geraucht. Heute tat ich es, und
nun kann ich schon wieder fast ohne Schmerzen und Anstrengung die Augen
offen halten.
Jetzt, wo ich diese Notizen aufschreibe, fährt das Schiff. Es fährt seit
einer Stunde, seit Mittag, und ich täte gern irgend etwas anderes als
schreiben, wenn das nicht eben das einzige wäre, was mir übrig bleibt.
Die Kabine ist unmöglich, mehr als ein Stuhl steht mir an Deck nicht zur
Verfügung, und höre ich mit Schreiben auf, so kommt der Kapitän und will
mich in eine Unterhaltung ziehen. Er ist ein sympathischer Mann und hat
seine Frau mit an Bord. Sie wohnen am Oberdeck in der Kapitänskabine. Er
hat eine ungeheure Briefmarkensammlung und einen räudigen chinesischen
Hund, der leider untreu ist und sich zu mir hält, und die Frau hat fünf
junge Katzen und zehn oder elf Singvögel in Käfigen. Außerdem haben wir
vier lebendige Affen (dieselben, die ich in der Nacht umgeworfen habe)
an Bord, von denen der kleinste ganz zahm ist und sich von mir anfassen
und streicheln läßt. Leider stinken sie teuflisch.
Wir fahren langsam flußabwärts und werden abends die See erreichen und
vielleicht in etwa 32 Stunden in Singapur sein.
_Nachtrag am Abend_ ... Ich nehme alles zurück. Als ich zu schreiben
aufhörte, ward ich von niemand belästigt, vielmehr zu einem recht guten
Mittagessen aufgefordert. Nachher machte mir die Kapitänsfrau vorn am
Oberdeck ein Feldbett zurecht, wo ich zwei Stunden ruhen konnte. Da sah
alles gleich wieder besser aus. Der chinesische Hund ist, glaube ich,
nicht räudig; er hat nur, wie ja fast alle Hunde in den Tropen, den
Haarschwund, wird von hinten her kahl, was schade ist, denn er muß
früher, den Resten nach zu schätzen, ein ganz hübscher rotblonder Kerl
gewesen sein. Die Kabinenluke ist beinahe so groß wie das Zifferblatt
einer bescheidenen Wanduhr; die Taschenuhr war eine Übertreibung.
Ich habe mich tüchtig eingeseift und mit Flußwasser begossen, das erste
frische Bad seit zehn Tagen! Nun kann ich wieder ohne Mühe aus den Augen
sehen. Es ist abends fünf Uhr und schon dämmerig, wir sind in der weiten
Flußmündung angekommen, vor uns liegt hellgelb das seichte Meer, der
Pilot arbeitet am Steuer und kann uns nun bald verlassen. Gegenüber
steht mit langen hohen Bergketten schön und ganz tiefblau die Insel
Banca.
_Nachtrag nachts zehn Uhr_ ... Der Hund ist doch räudig, die Berührung
mit ihm hat mich zwei von meinen kostbaren Sublimatpastillen gekostet.
Außer ihm, den Katzen, Vögeln und Affen sind noch zwei Gürteltiere, ein
Stachelschwein und ein junger schöner Jaguar an Bord, alle lebend. Sie
sind in Käfige gesperrt, aber sie haben weit mehr Luft als ich in meiner
Kabine. Das Abendessen war sehr gesellig, die Kapitänin besitzt ein
großes, heftig wirkendes Grammophon, das wurde mir zur Ehre losgelassen,
Dollarprinzessin und Caruso. Alle Europäer in den Tropen haben
Grammophone, und so bin ich denn schon vor der Rückkehr nach Singapur
wieder von der operettenhaften Atmosphäre umgeben, die mir seit dem
Betreten des Lloydschiffes in Genua als das Charakteristikum des
Europäerlebens im Osten erscheint.