Wassermärchen

Mit einer geliebten Frau möchte ich den Weg noch einmal machen, den ich

gestern von Palembang aus in der kleinen, schmalen Prauw gefahren bin.

Wir fuhren in dem schwankenden Bötchen, das keine Handbreite Tiefgang

hat und darum das kleinste Rinnsal noch befahren kann, eines der

schmalen, braunen Seitenflüßchen hinauf, gegen Abend noch mit der Flut.

Da war zwischen den Pfahlhütten das gewohnte unschuldig bewegte Leben,

Netzfischerei jeder Art, worin die Malayen wie im Vogelfangen und im

Rudern wahre Meister sind, nacktes, schreiendes Kindergewimmel, kleine,

schwimmende Händler mit Sodawasser und Syrup, leise rufende Verkäufer

von Koranen und winzigen mohammedanischen Andachtsbüchlein, badende

Buben. Streitende sieht man hier selten, Betrunkene nie, und der

Reisende aus dem Westen schämt sich, daß dies ihm auffällt.

Wir fuhren gemächlich weiter, der Bach ward schmal und seicht, die

Hütten hörten auf, Sumpf und Busch umgab uns grün und schweigend, Bäume

standen da und dort am Ufer und im Wasser selbst. Sie wurden unmerklich

zahlreicher, streckten tausendfältige Wurzelstelzen nach uns aus, und

über uns hing dichter und dichter ein grünes Netz und Gewölbe von Laub

und Geäst. Bald war kein Baum mehr einzeln zu erkennen, jeder hing mit

Wurzeln und Luftwurzeln, mit Ästen, Zweigen und Schlingpflanzen in die

anderen verstrickt und verwoben, alle von hundert Farren, Lianen und

andren Schmarotzerpflanzen gemeinsam umarmt und verbunden.

In dieser stillen Wildnis flog zuweilen farbenblitzend ein Eisvogel auf,

die hier in Menge nisten, oder grau huschend eine kleine Schnepfe oder

schwarz und weiß wie eine Elster der fette, amselartige Singvogel des

Urwaldes, sonst war kein Laut und kein Leben da als das innige Wachsen,

Atmen und Ineinanderdrängen des dicken Baumgewölbes. Der Bach, oft kaum

noch breiter als unser Boot, beschrieb in jeder Minute einen neuen,

launenhaften Bogen, jedes Gefühl für die Maße und Entfernungen ging

vollständig unter, wir fuhren betroffen und still durch eine wirre,

grüne Ewigkeit dahin, vom Baumgewirre dicht überwölbt, von

großblättrigen Wasserpflanzen umdrängt, und jeder saß stumm und staunte,

und keiner dachte daran, ob und wann und wie dieser Zauber wieder könnte

gebrochen werden. Ich weiß nicht mehr, ob er eine halbe Stunde, oder

eine Stunde, oder zwei Stunden gedauert hat.

Er wurde unversehens gebrochen durch ein wildes, vielstimmiges Gebrüll

über unseren Köpfen und durch heftiges Wipfelschwanken, und alsbald

glotzte eine Familie von großen, grauen Affen uns an, beleidigt und

gestört durch unser Eindringen. Wir hielten an und blieben regungslos,

und die Tiere begannen wieder zu spielen und sich zu jagen, und eine

zweite Familie kam dazu, und wieder eine, bis über uns das Dickicht von

großen, langschwänzigen, grauen Affen wimmelte. Zuweilen schauten sie

wieder erbost und mißtrauisch herunter, schnoben zornig und knurrten wie

Kettenhunde, und als wohl über hundert von den Tieren da über uns saßen

und wieder zu schnauben und aus nächster Nähe die Zähne zu fletschen

anfingen, da gab unser Palembanger Freund uns lautlos ein warnendes

Zeichen mit dem Finger. Wir hielten uns behutsam still und hüteten uns,

auch nur an einen Ast zu streifen, denn in Busch und Sumpf eine Stunde

von Palembang von einem Affenvolk erwürgt zu werden, hätte jedem von uns

ein vielleicht nicht schändliches, doch aber ein unfeines und

unrühmliches Ende geschienen.

Vorsichtig tauchte unser Malaye sein kurzes, leichtes Ruder ein, und

still und geduckt fuhren wir sorgsam zurück, unter den Affen und unter

den vielen Bäumen durch, an den Hütten und Häusern vorüber, und als wir

den großen Strom wieder erreicht hatten, war die Sonne schon

untergegangen und aus der rasch einbrechenden Nacht glänzte die

zauberhafte Stadt zu beiden Seiten des gewaltigen Wassers mit tausend

kleinen, schwachen Lichtern her.

Aus Indien · 第 17 / 45 题