Der zweite Abend einer Flußreise auf einem kleinen chinesischen
Raddampfer den Batang Hari hinauf. Ein hübscher junger Javane,
Schneidermeister, der den halben Tag fleißig mit seiner Singerschen
Nähmaschine geklappert hatte, war mein Nachbar auf Deck. Er packte seine
Maschine ein und seine Matratze aus, nahm langsam und gründlich alle
Übungen seines mohammedanischen Abendgebetes vor und legte sich nieder.
Er zog ein arabisch gedrucktes Erbauungsbüchlein aus dem Gürtel, las
darin, sang halblaut ein paar Seiten daraus vor sich hin und schlief
ein. Noch im schlaffen Einnicken verwahrte er sorglich das kleine
Büchlein wieder im Gürtel. Hinter ihm, unter der rauchenden Laterne,
spielten drei Chinesen Karten, daneben lag eine Malayin mit vier Kindern
schlafend auf der Bastmatte. Eins von den Kindern lag im schwachen,
roten Licht, ein sehr schönes, langhaariges Mädchen von neun oder zehn
Jahren, sie trug noch keinen Ohrschmuck, aber dicke, silberne Spangen an
den Gelenken der zierlichen Hände und Füße, und an der zweiten Zehe
beider Füße je einen goldenen Ring. Sonst überall Schläfer und
Halbschläfer, in den weichen, wohlig animalischen, elastischen
Bewegungen der Naturvölker dem Boden angeschmiegt, einer auch im Sitzen
oder Hocken (auf beiden Fußsohlen) schlafend, dazwischen eine
Männergruppe leise plaudernd. Hinten am Heck rauschte das große Rad wie
in einer Mühle und draußen war dicke, schwarze Finsternis, zuweilen
durchflogen und noch schwärzer gemacht durch einen kurzlebigen
Funkenregen aus dem mit Holz geheizten Maschinenofen.
Eine Stunde blieb ich noch munter, versuchte beim mageren Lichtschein in
meinen Notizen zu lesen und mich geistig von dem Gestank zu isolieren,
der mich umgab. Der Geruch des Kokos- oder Zitronellaöls, mit dem die
Natives kochen und mit dem sie sich leider auch den Leib einreiben, ist
von einer trüben, ekelhaften Zähigkeit, und während meines ganzen
Aufenthaltes im Osten war dieser Geruch der einzige Punkt, in welchem
meine Menschlichkeit sich von der Menschlichkeit der Natives ernstlich,
ja widerwillig abwandte.
Ich ließ meine Matratze am Boden ausbreiten, putzte die Zähne mit
Sodawasser, zog die Taschenuhr auf, nahm mein tägliches Quantum Chinin
ein und verbarg Schlüssel und Geldbeutel unterm Kopfkissen. Dann stellte
ich, um nicht nachts etwa auf die Nase getreten zu werden, zwei Stühle
überm Kopfende der Matratze auf, kleidete mich gemächlich aus, schlüpfte
ins Schlafkleid und legte mich nieder. Nun gaben auch die Chinesen ihr
Kartenspiel auf und verhängten die Laterne mit einer Leinenjacke, und
wir alle ruhten beim monotonen Geräusch der Schiffsmaschine in einer
Dunkelheit, die beinahe ebenso dicht und zäh und schwer war wie der
dicke, schlimme Kokosölgeruch. Manchmal lärmten unter uns die Matrosen,
manchmal ließen sie mitten in der pechfinstern Wildnis mit Heftigkeit
die heisere Dampfpfeife spielen, und da ich nach zwei Stunden den Schlaf
noch nicht gefunden hatte, stand ich auf und ging aufs Vorderdeck, wo in
vollkommener Finsternis der Steuermann stand und mit rätselhafter
Sicherheit in die gleichmäßig schwarze, undurchdringliche Nacht
hineinsteuerte. Er mußte Nachtaugen haben wie ein Tiger, und es war
beinahe unheimlich, ihn am Steuer drehen zu sehen und zu wissen, daß wir
in der schmalen Fahrtrinne eines Urwaldstromes mit hundert launischen
Windungen unterwegs waren, während ich mit aller Anstrengung vom Ufer
keinen Schimmer noch Schatten wahrnehmen konnte. Der Kapitän schlief
zusammengekauert nebenan.
Wieder legte ich mich nieder. Es war sehr heiß und auf meiner
Schiffsseite ging kein Luftzug; immer wieder warf ich die Reisedecke ab,
unter der ich die bloßen Füße geschützt gehalten hatte, und immer wieder
nötigten mich die Bisse der Moskitos, sie von neuem zu bedecken. Und
endlich, etwa um Mitternacht, schlief ich doch noch ein, und meinte lang
geschlafen zu haben, als das oft wiederholte Geheul der Schiffspfeife
mich weckte. Es war aber erst halb zwei Uhr. Da und dort richteten
erschrockene Schläfer sich taumelnd auf, die meisten sanken alsbald
wieder zurück und blieben ruhig, andre standen auf und zogen das Tuch
von der Laterne, deren Licht ringsum einen ganzen Knäuel von Schlafenden
enthüllte. Die Pfeife schrie weiter, die Maschine stoppte, das Schiff
drehte sich; an die Reling tretend, sah ich plötzlich Land, ein Floß und
eine Rohrhütte dicht neben uns, mit einem kleinen Stoß legten wir an.
Wir hatten keine Feuerung mehr und mußten Holz einnehmen.
Die „Königstreppe“ herab kamen vom hohen Ufer zwei dunkle Männer mit
rauchenden Fackeln gestiegen, ihre Fackeln waren aus dürren Blättern
gedreht und mit Baumharz getränkt. Auf dem Floß lagen große Haufen von
Holzscheiten gestapelt, und nun begann das Holzfassen, dem ich zwei
Stunden lang zuschaute und namentlich zuhörte. Beim Fackellicht standen
die Matrosen und Holzkulis in zwei Ketten, ein Holzscheit nach dem
andern ging von Hand zu Hand, im ganzen mehrere Tausend, und Scheit für
Scheit wurde vom Ablieferer mit lautem Gesange gezählt. Mit seiner
weichen, trägen, hübschen Malayenstimme sang er in freien, wunderlich
feierlichen Melodien mit unaufhörlichen Variationen immerzu die Zahl der
gelieferten Holzscheite in die schwarze Nacht und das Strömen des
Flusses hinein: ampat – lima! lima – anam! anam – tujoh! So arbeitete er
und sang gleichmäßig und gleichtönig zwei Stunden lang, und bei jedem
neuen Hundert tat er einen melodischen Freudenschrei. Dann sang er
weiter, bald schläfrig und klagend, bald hoffnungsvoll und tröstlich,
immer dieselbe Grundmelodie mit kleinen, der Stimmung nachgehenden,
kapriziösen Beugungen und Variationen. So singen die Arbeiter und
Landleute hier alle, wenn sie abends im kleinen Einbaum unterwegs sind
und die Nacht anbricht; dann werden sie ängstlich und unendlich
trostbedürftig, dann fürchten sie das Krokodil und die Geister der
Toten, die nachts überm Fluß unterwegs sind, und dann hört man sie mit
Ergebung und mit Inbrunst, mit Schmerzen und mit Hoffnung singen,
unbewußt wie der Bambu im Nachtwind singt.
Ich lag wieder still und dämmerte ein, während die Maschine von neuem zu
arbeiten begann. Es regnete jetzt und manchmal sprühte ein Dutzend lauer
Tropfen zu mir herein; ich wollte mir noch die Decke über die Kniee
ziehen, doch war ich schon zu müde, und nun schlief ich ein.
Als ich wieder die Augen auftat, war ein bleicher, kühler Nebelmorgen,
mein Nachtkleid war durchnäßt und ich fror, schläfrig griff ich nach der
feuchten Reisedecke und zog sie an mich. Als ich dabei den Kopf drehte,
sah ich jemand über mir stehen. Ich schaute empor, da stand mit den
kleinen, braunen, ringgeschmückten Füßen neben meinem Kopf das hübsche,
langhaarige Malayenkind, hielt die Hände auf dem Rücken und betrachtete
mich aufmerksam mit schönen, ruhigen Augen und sachlichem Interesse, als
könne sie vielleicht im Schlaf erlauschen, welcherlei Tier eigentlich
der weiße Mann sei. Ich hatte dabei genau dasselbe Gefühl, wie wenn man
auf einer Bergreise im Heu erwacht und die schönen, neugierigen Augen
einer Gais oder eines Kalbes auf sich gerichtet findet. Das Mädchen
blickte mir noch eine Weile fest in die Augen; als ich mich aufrichtete,
ging sie davon und zur Mutter.
Auf Deck war schon Leben, nur wenige schliefen noch, einer davon
zusammengerollt und in sich selbst verkrochen wie ein Hund in kalter
Nacht. Die andern rollten ihre Bastmatten zusammen, zogen den Sarong um
die Hüften, banden das Kopftuch oder den Turban auf und blickten blöde
und nüchtern in den feuchten Morgen.