Sozieteit

Es war ein großer Kampong oder ein kleines junges Städtchen an einem der

schönen breiten Ströme von Südsumatra. Vor drei, vier Jahren war hier

noch Krieg, jetzt liegen nur noch etwa hundert holländische Soldaten im

Städtchen und machen hie und da einen dekorativen Streifzug, um etwaigen

rebellischen Einwohnern zu zeigen, daß man da ist und aufpaßt. Was man

von Eingeborenen zu sehen bekommt, ist ein kindlich harmloses Gemisch

von Urmalayen und Javanen, schattiert und gebrochen durch zwanzig wenig

zuträgliche Einflüsse und Kreuzungen. Man sieht javanische Tagelöhner

das Gras mit Schwertern abmähen, alle Viertelstunde eine Handvoll, und

das Tragen eines Wasserkruges über die Gasse ist eine Mannesarbeit für

einen Vormittag. Gearbeitet wird meist von den Frauen, und dann von den

Chinesen, die auch hier sich am kleinsten aufblühenden Örtchen alsbald

einfinden und die genügsamste Pionierarbeit tun; sie halten Kaufläden,

sie treiben Schiffahrt, sie kaufen Gummi und verkaufen Reis, Fische und

deutsches Bier. Gearbeitet wird auch von den paar Europäern; es gibt

eine Eisenholzunternehmung, deren Leiter ein überaus landeskundiger

Schweizer ist, die übrigen Weißen sind ohne Ausnahme holländische

Beamte.

Ich besuchte den Residenten und den Kontrolleur, und bekam mit vieler

Höflichkeit ein großes Papier zugestellt, von dessen Notwendigkeit ich

zuvor gar nichts gewußt hatte und das eine Aufenthaltsbewilligung für

Niederländisch-Indien darstellte.

Ich hatte mich viel im Kampf mit Moskitos, Dornen und Sumpfgras im Busch

herumgetrieben, als ich nach dem Städtchen zurückkehrte. Alsbald ward

ich eingeladen, mich in der „Sozieteit“ einzufinden, und ging also

abends in den Klub, des Kontrolleurs wegen, der ein feiner und

zartsinniger Mensch war, wie sie seit Multatuli je und je da draußen

vorkommen.

Die Basarstraße, die Hauptdorfgasse, war schon dunkel. Die Malayen

lehnten am Zaun und hatten ihre Kinder auf den Armen, die Chinesen

werkelten geräuschlos im erleuchteten Hintergrund ihrer Kaufläden.

Mitten inne lag ein heftig erleuchtetes Bretterhaus, das war der Klub,

und beim Eintreten fand ich zwei Drittel der hiesigen Europäer

versammelt. Viere standen um das Billard, drei ältere Herren und eine

Dame saßen auf Schaukelstühlen vor den Fenstern nach der Flußseite,

wandten der Sozieteit den Rücken zu und genossen schweigend in ruhigen

Atemzügen die schwach gekühlte Luft der Abendstunde. Der Rest der

Gesellschaft saß in der Mitte des Raumes um einen großen runden Tisch

und spielte Karten. Zu ihnen setzte ich mich und wurde mit Munterkeit

begrüßt, und nachdem man mit Enttäuschung vernommen, daß ich nicht

Karten spielen könne, lud man mich zu einem Würfelspiele ein. Es ging um

eine Runde Schnaps und jeder ließ sich seine Getränke kommen, Whisky,

Bitter und Bols, Gin und Scherry, Wermut und Anis in den

abenteuerlichsten Mischungen. Das Würfelspiel war so kompliziert und

witzig, wie man es auf Schiffen und Leuchttürmen anzutreffen pflegt, wo

die Leute Zeit haben.

Nun saßen wir, etwa zehn Männer und zwei Damen, im grellen Licht zweier

Glühlampen von halb sieben bis gegen halb zehn Uhr und würfelten

fleißig, immer wieder um eine Runde. Einmal blickte ich empor und im

Raume herum und sah um die Lampen einen mächtig großen Schmetterling

flattern, größer als meine flache Hand, mit gelb und grüner Zeichnung

auf schwarzem Grunde. Ich beschloß, ihn später zu fangen und

mitzunehmen, um doch etwas von diesem Abend zu haben, und nun tröstete

und erheiterte es mich, hie und da aus dem Kreis der Raucher und

Würfelspieler heraus einen Blick nach dem herrlichen Falter zu werfen,

der in diese rauchende und trinkende Sozieteit so wenig paßte wie diese

guten Holländer in den Urwald passen.

Die letzte Runde verlor ein armer Leutnant, der höchstens zweihundert

Gulden im Monat kriegt. Er wurde mächtig ausgelacht, wie überhaupt alle

diese langen Stunden hindurch Gelächter und laute Freudigkeit nie

aufgehört hatten, und ich erhob mich zum Abschiednehmen. Wir schüttelten

einander die Hände und man bedauerte sehr, daß ich schon weggehe, eben

jetzt wo es fidel zu werden anfange.

Der Riesenschmetterling war mehrmals gegen das Licht geflogen und hatte

sich verbrannt. Ich suchte eine Weile nach ihm und fand ihn, scheinbar

wenig verletzt, tot auf dem Fußboden liegen. Als ich ihn aufhob, war

sein Leib schon halb verschwunden und wimmelte von jenen winzigen grauen

Zwergameisen, die man hier draußen im Zucker, in den Schuhen und

Strümpfen, in der Zigarrentasche und im Bett findet und über deren wilde

Beutegier man geduldig die Achseln zucken lernt wie über die Grausamkeit

der Chinesen, die Verlogenheit der Japaner, das Stehlen der Malayen und

andre große und kleine Übel des Ostens.

Aus Indien · 第 13 / 45 题